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Full text of "Vierteljahresschrift Für Dermatologie Und Syphilis 20.1888"

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Netie folge des Archivs für Dermatologie and Syphilis. 

Begründet von H. Anspitz und 'fr. J. Pick. 


Vierteljahressehrift 

für 

Dermatologie und Syphilis. 

Unter Mitwirkung von 

Prof. M CALL ANDERSON, Dr. ARNING, Dr. BEHREND, Dr. BESNIER, Dr. BERGH, Dr. BIDEN- 
KAP, Dr. BOECK, Prof. DOUTRELEPONT, Prot DUHRING, Dr. FINGER, Dr. FREUND, Pioi 
GEBER, Dr. GRÜNFELD, Dr. GSCHIRHAKL, Dr. ▼. HEBRA, Dr. HOCHSINGER, Dr. HOROV1TZ, 
Prof. JARISCH, Dr. KOHN, Prof. KÖBNER, Dr. KOPP, Dr. KRÖYVCZYNSKI, Prof. LANG, Prof. 
LASCHK1E WITSCH, Dr. LASSAR, Prof. LELOIR, Dr. LESSER, Prof. L1PP, Dr. LJUNGGREN, 
Dr. LUSTGARTEN, Dr. MANDELBAUM, Dr. MICHELSON, Dr. MRACEK, Prof. NEOMANN, 
Dr. OBERLÄNDER, J. K. PROKSCH, Prof. REDER, Dr. RIEHL, Prof. RINDFLEISCH, Dr. SCHIFF, 
Dr. SCHUSTER, Prof. SCHWIMMER, Prof.TARNOWSKY, Dr. TOUTON, Dr. VAJDA, Dr. VEIEL, 
Dr. v. WATRASZEWSKI, Prof. WOLFF, Dr. v. ZE1SSL 

und in Gemeinschaft mit 

Prof. Caspary, Prof. Kaposi, Prof. Lewin, Prof. Neisser, 

Königsberg Wien Berlin Bresla* 

herausgegeben von 

Prof. F. J. Piok in Prag. 


Fünfzehnter 1888 . Jahrgang. 

(Der Reihenfolge XX. Jahrgang .) 


Mit 6 Tafeln und 6 Abbildungen im Texte. 


Wien, 1888. 

Wilhelm Braumüller 

b. Ir. Hof- und Universit&tsbuchhftndler. 


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Inhalt. 

Original-Ab Handlungen. 

Pag. 


Leucopathia unguinm. Von Dr. Robert B. Morison in Baltimore. 

(Hiezu Tafel I). 3 

Aus der Poliklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten des Dr. 

E. Besser zu Leipzig. Zwei Fälle von extragenitaler Localisation 

des Primäraffectes. Von Dr. M. Kreiling. 9 

Beitrag zur Kenntniss der Myositis syphilitica. Von Prof. I. Neu mann 

in Wien. (Hiezu Tafel II). 19 

Zur Lehre von den Anomalien der Haarfärbung. Von Dr. H. Falken¬ 
heim, Privatdocent in Königsberg. 33 

Ueber Veränderungen der Vaginalschleimhaut von an chronischer 
Gonorrhöe leidenden Prostituirten. Von Dr. Oberländer, königl. 

Polizeiarzt in Dresden. (HieZu Tafel III) . 39 

Aus der Universitätsklinik für Syphilis und Hautkrankheiten des 
Herrn Prof. Doutrelepont in Bonn. Ueber die subcutane An¬ 
wendung des Calomel und des Oleum cinereum bei Syphilis. Von 

Dr. Max Bender, I. Assistenzarzt. 55 

Aus der k. k. deutschen dermatologischen Universitätsklinik des Prof. 

F. J. Pick in Prag. Ueber Lupuscarcinom. Von Dr. Josef Richter, 

Assistenten der Klinik . 69 


Anhang. Zur Vorbereitung einer Sammelforschung über Syphilis und 
ihre Behandlung. Von Prof. Dr. Heinrich Köbner in Berlin ... 77 

Ueber Lichen ruber. Nach einem Vortrage, gehalten auf der dermato¬ 
logischen Section zu Wiesbaden. Von Prof. J. Caspary in Königs¬ 


berg. (Hiezu Tafel IV) . 159 

Ueber einige neuropathische Dermatosen. Von Prof. R. Campana in 

Genua . 163 

Ueber therapeutische Ersatzmittel des Chrysarobins vom chemischen 

Standpunkte. Von Prof. Dr. C. Liebermann in Berlin . 193 

Aus der Poliklinik für Hautkrankheiten des Dr. G. Behrend in Berlin. 
Ueber Anthrarobin, ein Ersatzmittel des Chrysarobin und der Pyro- 
gallussäure bei der Behandlung der Hautkrankheiten. Von Dr. 
Gustav Behrend, Docent an der Universität in Berlin. SOI 


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UNiVERSUY OF IOWA 














IV 


Inhalt. 


Auä der venerischen Abtheilung des Doc. Dr. A. Fleischer im Kiew’- 
schen Militärspital. Ueber chirurgische Behandluug der suppu- 
rirenden venerischen Bubonen. Von Dr. Karl Szadek, Specialarzt 

für Hautkrankheiten und Syphilis in Kiew . 209 

Ueber den jetzigen Stand der Syphilis- und Smegmabacillen-Frage. 

Von Dr. med. Julian Markuse . 343 

Ueber einen Fall von Urticaria pigmentosa. Mitgetheilt von Dr. med. 
Anton Elsenberg. Primararzt der Abtheilung für Syphilis und 
Hautkrankheiten im Israelitenhospital zu Warschau . 337 


Arbeiten aus der Universitätsklinik für Dermatologie und Syphilis 


des Prof. Neisser zu Breslau. XLIII. Die Verwendung des Oleum 
cinereum benzoatum (Neisser) zur Syphilisbehandlung. Von Dr. 
Harttung, Assistent der Klinik. 369 

Ueber einen Fall von Eczema madidans complicirt mit septischer 
Infection. Mitgetheilt von Dr. med. A. Elsenberg, Primarius der 
Abtheilung für Hautkrankheiten und Syphilis am Israelitenbospital 

zu Warschau. 385 

Xanthoma multiplex, entwickelt aus Naevis vasculoso-piginentosis. 

Nebst einem Anhang über Xanthoma multiplex planum, tuberosum 
et mollusciforme pendulum. Von Prof. H. Köbner in Berlin. 
(Hiezu Tafel V) ... ; .. 893 

Ueber einige deutsche Syphilographen des siebzehnten Jahrhunderts. 

Ein historischer Beitrag von J. K. Proksch in Wien . 495 

Aus der Klinik für Syphilis und Hautkrankheiten des Prof. Dr. Wolff 
in Strassburg i ; E. Die pathologische Anatomie der Psoriasis. 

(I. Theil.) Von Emil Ries, Assistent der Klinik . 521 

Arbeiten aus der Universitätsklinik für Dermatologie und Syphilis zu 
Breslau. XLV. Ueber das Epithelioma (sive Molluscum) contagiosum. 

Von Prof. A. Neisser. (Hiezu Tafel VI). 553 

Zur Casuistik des Bromexanthems. Von Dr. Karl Szadek, Special¬ 
arzt für Syphilis und Hautkrankheiten in Kiew . 599 


Von der Abtheilung des k. k. Marinestabsarztes Dr. Moriz Linhart 
im Marine-Spital zu Pola. Ueber die therapeutische Verwendung 
des Quecksilbersalicylats. Von Dr. Arthur Plumert, k. k. Fie- 
gattenarzt, em. Assistent der k. k. deutschen dermatologischen 

Klinik in Prag. 663 

Aus der Klinik für Syphilis und Hautkrankheiten des Prof. Dr. Wolff 
in Strassburg i E. Die pathologische Anatomie der Psoriasis. 

(I. Theil.) Von Emil Ries, Assistent der Klinik. (Fortsetzung)... 685 
Arbeiten aus der Universitätsklinik für Dermatologie und Syphilis zu 
Breslau. XLVII. Zur Desinfection der menschlichen Haut mit be¬ 
sonderer Berücksichtigung der Hände. Von Dr. Paul Landsberg 719 


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Inhalt. 


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Pag. 

Aus <ler dermatologischen Klinik des Prof. Kaposi in Wien. Zur 
Frage über die Aetiologie des Scleroderma. Von Dr. Sig-mund 
Erben, Secundararzt des k. k. allgemeinen Krankenhauses in Wien 757 
Arbeiten aus der Universitätsklinik für Dermatologie und Syphilis des 
Prof. Neisser in Breslm. XLVIII. Einspritzungen v5n Salicyl- 
und Thymol-Quecksilber zur Syphilisbehandlung. Von Dr. J. Jadas- 

sohn und Dr. E. Zeising, Assistenten der Klinik. 

Aus der Klinik für Syphilis und Hautkrankheiten des Prof. Dr. Wolf f 
in Strassburg i E. Die pathologische Anatomie der Psoriasis. 

(IT. Theil.) Von Emil Ries, Assistent der Klinik. 

Aus der Klinik für Syphilis und Hautkrankheiten des Herrn Geh. 

Rath Prof. Doutrelepont in Bonn. Ueber Lupus der Schleim¬ 
häute. Von Dr. Max Bender, eh Anal. I. Assistenzarzt in Düssel¬ 
dorf . 


781 


873 


891 

üiber Nebenwirkungen bei Injectionen unlöslicher Quecksilberverbin 

duDgen. Von Dr. Edmund Lesser, Privaldocent in Leipzig . 909 

Arbeiten aus der Universitätsklinik für Dermatologie und Syphilis des 
Prof. Neisser zu Breslau. XLIX. Beiträge zur Kenntniss der • 
Naevi. Von Dr. J. Jadassohn, Assistent der Klinik. 917 


Bericht Uber die Leistungen auf dem 6ebiete der Dermatologie und Syphilis. 

Pag. 

Die Dermatologie und Syphilis auf den medicinischen Congressen des 

Jahres 1887 . 87 

Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete der Vaccinationslehre 

130, 465, 854, 1000 

Hautkrankheiten.245, 415, 613, 823, 955 

Venerische Krankheiten.289, 431, 624, 833, 971 

Bichanzeigen und Beeprechungen .151, 337, 485 

Varia . 155, 339, 492, 659, 1020 

Register für den Jahrgang 1888. 

Autoren-Begister . .. 1023 

Sach-Register. 1028 


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UNiVERSiTY OF IOWA 

















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UMIVERSITY OF IOWA 



Originalabhandlungen 


Viert elj&hre&sohrift f. Dermatol, u. Syph. 1888. 


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UMIVERSITY OF IOWA 





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leucopathia unguium. 

Von 

Dr. Robert B. Morison iu Baltimore. 
(Hiezu Tafel I.) 


Unter diesem Titel will ich eine bis jetzt, soweit sich dies 
nach eifriger Durchsuchung älterer und neuerer Literatur sagen 
lässt, noch nicht beschriebene Veränderung der Nägel mittheilen. 

Von den weissen Flecken, die man so häufig an den Nä¬ 
geln findet, nimmt man an, dass sie von Verletzungen der Matrix 
herrühren. Viele Leute zeigen sie in grösserem oder geringerem 
Grade und sehen sie eher für eine Zierde als für einen Defect an. Sie 
werden jetzt von Laien meist „gift-spots“ genannt, während ältere 
Autoren sie als Flores unguium bezeichnen. Wilson sagt, zu seiner 
Zeit wären sie allgemein unter dem Namen „Mendacia“ bekannt 
gewesen, da sie die Anzahl der von ihren Trägern gesprochenen 
Lügen angeben sollten. 

Bei genauer Untersuchung zeigt es sich, dass diese Flecke 
in der Nagelsubstanz ohne Einfluss auf deren Glätte, Wuchs und 
Cousistenz liegen. Sie beginnen in der Lunula oder dem sogenannten 
Halbmond, unter der Epidermisdecke der oberen Flächen und sie 
werden durch das Wachsthum des Nagels vorwärts geschoben, 
bis sie am andern, dem freien Rande abgeschnitten werden. Dieser 
Process dauert vier bis sechs Monate. Dies ist, wie man schliessen 
kann, die Zeit, die der Nagel braucht, um von der Stelle, wo 
er die Epidermisdecke verlässt bis zum freien Rande, wo er abge¬ 
schnitten wird, zu wachsen. 

Nägel wachsen wie die Haare bei verschiedenen Personen 
mit verschiedener Geschwindigkeit. Die gewöhnlichen „gift-spots“ 

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M o r i s o n. 


oder Maculae siud imregelmässig in ihrem Auftreten, nicht über¬ 
einstimmend in Sitz und Gestalt, und verschmelzen oft beim 
Vorrücken. Der Zusammenhang zwischen ihnen und dem hier zu 
beschreibenden ungewöhnlichen Zustande an den Nägeln wird 
leicht einzusehen sein, bis wir zu ihror mikroskopischen Unter¬ 
suchung kommen. 

Eine junge Dame aus dieser Stadt, 20 Jahre alt, stand in 
meiner Behandlung wegen einer Acne des Gesichts. Während sie 
mich wegen dieses Zustandes in langen Intervallen behufs Consul- 
tation besuchte, forderte sie mich eines Tages auf, ihre Fingernägel 
anzuselien, für die sie auch etwas zu thun wünschte. Diese zeigten 
sich folgendermassen. Auf jedem Nagel sah man, wie von Rand 
zu Rand laufende Wege, sechs bis acht rein weisso, opake, gerade 
Streifen in gleichem Abstande — etwa y, 6 Zoll — von einander. Der 
übrige Theil der Nägel war in jeder Hinsicht normal, sie waren 
glatt, glänzend und schön gebaut — sie waren bis zu dem Er¬ 
scheinen der Linien eine weitere Zierde einer recht hübschen 
Hand. Die junge Dame war zwar blass, doch sonst in jeder 
Beziehung gesund, sie hatte bisher noch keinerlei acute Krank¬ 
heit durchgemacht. 

Die Streifen oder Linien waren seit einigen Monaten regel¬ 
mässig aufgetreteu, sie begannen immer unter der Haut in der 
Lunula und blieben ohne Aeuderuug in Sitz und Farbe, bis sie 
am freien Rande abgeschnitten wurden. Sie waren so auffallend, 
dass Bekannte der Dame darüber Bemerkungen machten; im 
ganzen Zimmer waren sie deutlich zu sehen. Der Fall interessirte 
mich sowohl wegen der regelmässig wiedererscheinenden, recht 
lästigen weissen Streifen, als wegen der wahrscheinlichen Verwandt¬ 
schaft mit den so häufigen „gift-spots“. 

Sie schienen mir eine Bestätigung der Regel, dass was oft 
als Zierde und Schönheit gilt, durch ungewöhnliche und abnorme 
Zunahme, ein Gebrechen wird. Die Dame war wirklich besorgt, 
sie los zu werden. 

Nachforschungen nach der Ursache waren resultatlos. ich 
erfuhr nur die merkwürdige Thatsache, dass die Streifen während 
des vorigen Sommers fast ganz verschwunden waren, um nach dessen 
Ende wiederzukehren. Die Dame spielte weder Piano, noch that 


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Lencopathia unguium. 


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sie irgend etwas, das die Nägel hätte verletzen können durch 
Beissen, Reiben oder Schlagen in irgend einer Beziehung. 

Die Fussnägel waren nicht afficirt, das Haar nicht im 
Geringsten weiss, sondern durchwegs blond. 

Eine Nachforschung hei allen sonst beuützten Autoren war 
resultatlos, keiner schenkte den vorliegenden Verhältnissen Beach¬ 
tung, selbst die gewöhnlichen „gift-spots“ hatten sie übersehen, 
keiner beschrieb sie histologisch. Vogel und Andere beschreiben 
das äusserliche Auftreten eines anämischen Streifens am Nagel 
uach Typhus oder anderen acuten Krankheiten, doch war in diesen 
Fällen die Glätte des Nagels nicht mehr in gleichem Masse vor¬ 
handen und dieser eine Streif verlor sich nach drei Wochen. Um 
meine Neugierde zu befriedigen, liess meine Patientin die Nägel 
der kleinen Finger wachsen, bis durch vorsichtiges Abschueiden 
Stücke von beinahe Zoll Länge von jedem erhalten wurden. 
Die Linien oder Streifen waren bis auf den gefärbten Hintergrund 
des Nagelbettes an dem abgeschnitteneu Stück ebenso deutlich, 
wie an dem übrigen. 

Die abgeschnittenen Stücke nahm ich in das John Hopkins 
Laboratory, wo ich sie unter Prof. Welk’s freundlicher Anleitung 
untersuchte. 

Bevor ich sie beschreibe, will ich bemerken, dass die 
gewöhnliche Methode der mikroskopischen Untersuchung der Nägel 
darin besteht, sie durch Behandlung mit starken Reagentieu weich 
und biegsam zu machen, so dass man feine Schnitte von ihnen 
anfertigen kann. Eine derartige Präparation macht aber die Unter¬ 
suchung einer Krankheit unmöglich, die ein Zellgewebe betrifft, 
indem sie Gestalt und Beschaffenheit der Zellen ändert, und hätte 
in unserem Falle jegliche genügende Erklärung verhindert. Meine 
Absicht war, Schnitte von den Nägeln anzufertigen, ganz Avie sic 
waren, ohne ihre Gestalt, Farbe und Consistenz zu ändern. 

Zu diesem Ende verschaffte ich mir einen schweren Zimmer- 
mannsmeissel und schärfte und spitzte ihn zu einer Rasirmesser 
ähnlichen Schneide zu. Das Nagelstückchen wurde zwischen den 
Armen einer Zange eingeklemmt und dann durch einen Pflock 
am Tisch fixirt. Auf diesem Wege wurden genügend feine Schnitte 
angefertigt, um nach jeder Hinsicht Untersuchungen anstellen zu 


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Morison. 


können, sie wurden schief oder quer durch die weissen Linieu 
gemacht, vom vorderen Ende des Nagels bis ans Hinterende. 

Unter dem Mikroskop erschienen die Linien im durch¬ 
fallenden oder refleetirten Licht, wie die untenstehende Abbildung 



zeigt, dunkel, wie pigmeutirt, im directen Licht aber waren sie 
weiss, während der übrige Theil des Schnittes dunkel war, ganz 
ähnlich wie ein graues Haar bei der Untersuchung in verschie¬ 
denem Licht; sie fanden sich in der mittleren Lage des Nagels, 
ohne sich auf die obere oder untere Fläche zu erstrecken. Starke 
Essigsäure, Salpetersäure und Aetzkali machten die weissen Linien 
in dem Grade verschwinden, als sie in der Nagelsubstanz fort- 


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Leucopathia imguium. 


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schritten. Canadabalsam liess sie ebenso verschwinden, wie er es 
bei den C'analieulis in Zahuschliffeu thut, indem er die Räume 
ausfüllt. 

Ich zog daraus den Schluss, dass die weissen Streifen von 
Lufträumen in der Nagelsubstanz herkommen, ähnlich denen, wie 
wir sie so häufig an grauen Haaren sehen. Die Schwellung der 
umgebenden Zellen durch die Säuren und Alkalien passte zu 
dieser Annahme ebenso gut, als die Ausfüllung der Räume durch 
den Ralsarn. 

Mehrere gewöhnliche weisse Flecke uahm ich von den Nägeln 
verschiedener Personen und untersuchte sie nach derselben Methode, 
sie alle gaben dieselben Resultate. 

So denke ich nicht fehlzugehen, wenn ich meine, dass wir 
nun das Wesen dieser Streifen und Linien kennen, es bleibt nun 
noch übrig weiterzugehen und die Ursache ihrer Entstehung 
zu finden. 


Erklärung der Abbildungen auf Tafel I. 

a Rechte Hand. Natürliche Grösse. 
b Mittelfinger der rechten Hand. Vergrüssert. 
c Kleiner Finger der linken Hand. Vergrüssert. 


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Aus der Poliklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten 
des Dr. E. Lesser zu Leipzig. 


Zwei Fälle von extragenitaler Localisation 
des Primäraffectes. 

Von 

Dr. H. Kreiling. 


Obwohl Beobachtungen extragenitaler syphilitischer Sklerosen 
in neuerer Zeit durchaus nicht mehr zu den Seltenheiten gehören, 
uud gerade in den letzten Jahren Veröffentlichungen syphilitischer 
Primäraffecte, namentlich am Auge, ziemlich zahlreich gewesen 
sind, halte ich es dennoch für angebracht, zwei einschlägige Fälle 
syphilitischer Initialmanifestationen, den einen am Auge, den 
anderen au der Nase, mitzutheilen. welche Herr Privatdocent 
Dr. Lesser in seiner Poliklinik zu Leipzig beobachtet uud zu 
veröffentlichen mir gütigst gestattet hat. 

Die syphilitischen Primäraffecte am Auge sind, wie schou 
oben augedeutet, keineswegs so selten, wie man bisher geglaubt 
hat. Eine Aeusserung Fournier’s, die Baudry (siehe Literatur- 
augabe) eitirt, über die oxtragenitaleu Schanker im Allgemeinen, 
passt im Besonderen sehr gut auf die Augeuschanker. Fournier 
sagt: „11 y a vingt ans ä peine les chancres-oxtragenitaux passaient 
pour excessivement rares, pour une veritable curiosite. Aujourd’hui ils 
abondent et surabondent dans les Services de Saint Louis. Pourquoi? 
La verite et eile est tout ä la gloire des medecius, c'est qu’on 
les a mieux etudies, que l’on a appris ä les mieux connattre, et que 


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Kreiling. 


hon nombre de chancres, qui passaieut inapcrfus auparavaut 
n’echappent plus aujourd’hui ä l'ooil de l’observateur.“ 

Der syphilitische Iuitialaffeet au Lippe und Finger nimmt 
ja unter den extragenitalou Sklerosen aus leicht begreiflichen 
Gründen die grösste Frequenz ein, nächst dem kommt aber relativ 
am häufigsten der Augenschanker zur Beobachtung. Sehr lehrreich 
ist in dieser Hinsicht eine Statistik von Lavergnc und Perrin 
(siehe Literaturangabe) über 27 Fälle extragenitaler Schanker, 
die innerhalb eines einzigen Jahres in Fouruiers Klinik behandelt 
wurden. Von diesen 27 sitzen 10 an der Lippe, die nächst höchste 
Zahl kommt aber dem Auge zu, es waren nämlich daselbst f* 
localisirt. 

Was nun die specielle Localisation am Auge anbetrifft, so 
etablirt sich der Primäraffect am häufigsten au den Augenlidern 
und von diesen wieder bei weitem häufiger am unteren. Khebst 
dem wird der innere Augenwinkel am meisten von der syphili¬ 
tischen Initialsklerose betroffen, während ich keinen am äusseren 
Augenwinkel localisirteu Schanker in der Literatur aufgezeichnet 
finden konnte. Vielleicht liegt der Grund darin, dass der innere 
Winkel viel leichter kleinen Verletzungen ausgesetzt ist — kommt 
man doch bekanntlich beim Reiben mit dem Finger namentlich 
mit dem Canthus internus in innigere Berührung — und ferner 
darin, das etwa ins Auge gelangtes syphilitisches Secret mit der 
Thränenflüssigkeit sehr leicht dahin fortgespült werden und sich 
dort festsetzen kann. 

Auch auf der Conjunctiva palpebrarum localisirt sich der 
Primäraffect noch relativ häufig, während ein Schanker der 
Conjunctiva bulbi zu den Seltenheiten gehört. Von einem Initial- 
affect auf der Cornea berichtet nur Jullieu (siehe Literatur¬ 
angabe). 

In dem folgenden Falle sass der syphilitische Primäraffect 
am rechten Cantbus internus. 

Am ö. Mai 1887 erschien Wilhelm H., 19 Jahre alt, Arbeiter aus 
Leipzig, in der Poliklinik. Patient will niemals an den Augen gelitten haben, 
bis er Ende März 1887 bemerkte, dass sich sein rechtes Auge etwas 
entzündete, der innere Winkel etwas anschwoll und sich dann und wann 
etwas eitrige Flüssigkeit entleerte. Ende April ging er in die hiesige Augen¬ 
klinik, und dort glaubte man zuerst, es mit einer Dacryocystitis zu thun 


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Extraffonital * 1 Localisation des PriTnflraflVctr-s, 


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zu haben. bis die eintretende Lymphdrüsenschwellung auf die richtige 
Diagnose führte. 

Status praesens. Am rechten inneren Augenwinkel sieht man 
eine etwa zehupfennigstückgrosse, lunde Infiltration von knorpelharter 
lonsistenz, über welcher die Haut bläulich-roth verfärbt ist. In der Mitte 
entsprechend dem Augenwinkel zeigt sich eine nicht sehr tiefe, spaltförmige 
Ulceration, die nur spärliches Seoret absondert und ein graurothes, feucht¬ 
glänzendes Aussehen hat. Die Caruncula lacrymalis ist stark geschwollen, 
die Conjunctiva palpebrarum und bulbi in der Gegend des inneren Lidwinkels 
massig injicirt. Es besteht weder Sehstörung noch Lichtscheu, überhaupt 
keine Schmerzhaftigkeit. Auf der Parotis, sowie hinter und unter dem Kiefer, 
winkel, sind rechts die Lymphdrüsen zu Wallnussgrösse angeschwollen. Die 
Jugular-, Cervical- und Submentaldrüsen sind geschwollen, besonders auf 
der rechten Seite, wenn auch nicht so stark, wie die eben erwähnten Lymph¬ 
drüsen. Die Inguinaldrüsen sind fast gar nicht geschwollen. Die Besichtigung 
der Genitalien, sowie der Mund- und Rachenschleimhaut ergibt eine voll¬ 
ständige Integrität der betreffenden Theile; dagegen sieht man ein über 
den ganzen Rumpf und die Extremitäten ausgebreitetes, raaculo papu- 
löses Syphilid. Die Diagnose konnte nicht zweifelhaft sein, es handelte 
sich um secundäre Lues, die Induration am rechten Canthus internus war 
der syphilitische Primäraffect. — Es wird deshalb eine Inunctionscur, mit 
3 Gr. Unguent. einer, täglich, eingeleitet. 14. Mai. Die Drüsenschwellung 
ist etwas zurückgegangen, das Exanthem abgeblasst. 20. Mai. Die Roseola 
ist völlig verschwunden, die Sklerose erheblich weicher geworden, Drüsen- 
schwellung etwa auf die Hälfte zurückgegangen. 

il. Juni. Patient hat 36 Einreibungen gemacht. An der Stelle der 
Sklerose ist immer noch eine etwa kirschkerngrosse, harte Infiltration fühlbar. 
Die Haut über derselben noch etwas geröthet. Conjunctiva noch etwas stärker 
injicirt wie links. Ueber und unter dem Kieferwinkel lassen sich immer 
noch etwa haselnussgrosse Lymphdrüsen naclweisen. Patient wird vorläufig 
aus der Behandlung entlassen. 

1. October. Recidiv, nässende Papeln am Anus und Scrotum. An 
der Stelle des Primäraffectes eine klei ne Narbe, die umgebende Haut etw’as 
geröthet, die Infiltration ist aber vollständig geschwunden. Die Drüsen, 
besonders rechts am Kiefer und Hals, noch massig geschwollen. 

Die Art der Infection blieb unaufgeklärt. Im October oderNovember 1886 
gibt Patient an, mit einem Mädchen, das später erkrankte, coitirt zu haben. 
Seit dieser Zeit will er aber niemals wieder mit einem Mädchen in Berührung 
gekommen sein. 

Wenn auch im Allgemeinen die an den Augenlidern und 
der Conjunctiva sitzenden Initialaffecte sich nicht wesentlich von 
den an anderen Stellen des äusseren Integuments wie der Schleim- 


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Kreiling. 


haut auftretenden unterscheiden, so zeigen 9 ich doch einige 
Besonderheiten. 

Zuerst wäre hier die ungemein harte Induration und nicht 
selten grosse Ausdehnung, namentlich aber auch die lange Persistenz 
der Infiltration zu erwähnen. Zeissl (siehe Literaturangabe) macht 
bereits auf diesen Punkt aufmerksam, indem er schreibt: „Die Krank¬ 
heitsherde, welche durch die Syphilis an den Augenlidern hervor¬ 
gerufen werden, entwickeln sich viel monströser und rapider, als 
an den übrigen Schleimhaut- oder Hautpartien.“ Ebenso hebt 
.Tullien ganz besonders „la persistauce du neoplasme“ hervor. 

Ich kann diese Beobachtung ZeissFs und Jullien’s nur 
bestätigen. Sowohl in dem Fall, den ich selbst gesehen, als auch 
in den in der Literatur verzeichueten war die Infiltration eine 
ganz bedeutende und lang andauernde, ln einem Fall von 
Fournier war sogar noch nach anderthalb Jahren eine Induration 
an der Stelle des Primäraffectes deutlich zu fühlen. 

Ein zweiter Punkt, der noch zu erwähnen wäre, ist die 
auffallend starke und lange Zeit anhaltende Lymphdrüsenschwellung, 
wie sie allerdings auch bei anderen Primäraffecten im Bereich des 
Gesichtes beobachtet wird. Es kommt vor, dass die Lymphdrüsen 
zu wallnuss- bis apfelgrossen, mit der Haut verlötheten, etwas 
schmerzhaften Tumoren anschwellen und längere Zeit in einer 
gewissen Grösse verharren. In dem oben angeführten Fall war 
die Schwellung ebenfalls eine ganz exorbitante, und als der Patient 
nach circa acht Wochen entlassen wurde, konnte man immer noch, 
allein durch Ansehen, die unter dem Kieferwiukel fortbestehende 
D rüsenan schwellung coustati ren. 

Es ist schwer verständlich, warum diese Drüsen so erheblich 
grössere Dimensionen, als die inguinalen annehmen. Eine 
genügende Erklärung dafür zu finden war mir nicht möglich. 

Wichtig ist es noch auzuführen, dass es meist zu einer beinahe 
vollständigen Restitutio ad integrum kommt — nur in einem Falle 
von Galezowski (siehe Literatur au gäbe) blieb ein breites Symble¬ 
pharon zurück — und dass namentlich ernsthaftere und schwerere 
Augenentzündungen nicht eiutreten. Es besteht zwar meist ziem¬ 
liche Schwellung des Lides, ferner Conjunctivitis und Chemosis, 
oder, wenn die Thräncnpunkte mit in den Procoss einbegriffen 
sind, massiges Thränenträufeln, aber schwerere Complicationen, 


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Extragenitale Localisation des Primftraffecteg. 


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wie Keratitis lind Iritis, stellen sich meist nicht ein. Nur 
Jullien berichtet von einem Fall, bei dem Keratitis und Iritis 
eintrat, bei dem es aber schliesslich auch zur vollständigen 
Heilung kam. 

Während der syphilitische Primäraffect am Auge, wie wir 
gesehen haben, relativ häufig vorkommt, gehört die syphilitische 
Initialmanifestation an der Nase unbedingt zu den seltensten 
Erscheinungen. Die Sklerose ist dann entweder an der Nasenspitze 
und dem Nasenflügel oder an der Nasenscheidewand localisirt. 
Auch ganz im Innern der Nase sind schon Primäraffecte 
beobachtet worden. 

In dem nachfolgenden Fall handelte es sich um eine Sclerosis 
alae nasi. Derselbe ist namentlich auch deswegen von Interesse, 
weil bei ihm mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit eine eigentümliche 
Art der Infection constatirt wurde. 

Am 1. December 1883 erschien Marie S.. 35 Jahre alt, Cigarren¬ 
arbeiterin, in der Poliklinik. Patientin ist Anfangs October unter heftigem 
Frost und nachfolgender Hitze an „Gesichtsrose“, die über Nase und beide 
Backen sich verbreitete, erkrankt. Nach vierzehn Tagen heilte das Erysipel ab, 
es blieb aber eine geringe Anschwellung der rechten Nasenhälfte und der 
anstossenden Partie der Wange zurück, die dann allmälig mehr und mehr 
znnahm. Vor circa acht Tagen bemerkte sie unter Kopfschmerzen und dem 
Gefühl allgemeinen Unwohlseins das Auftreten eines Ausschlages am Körper. 
Zn gleicher Zeit bekam sie auf dem behaarten Kopf einzelne Borken und 
bemerkte auch ein auffallend starkes Ausfallen der Haare. 

Status praesens. Die untere Partie des rechten Nasenflügels ist 
bis etwas über die Mittellinie nach links hin geschwollen, geröthet, mit leicht 
bräunlichem Ton, glänzend, theilweise von erweiterten Gefässen durchzogen. 
Der der Nase zunächst gelegene Theil der rechten Wange ist ebenfalls 
odematös geschwollen, von bräunlich - rother Farbe und geht allmälig in 
normale Haut über. Die geschwollene Partie der Nase fühlt sich hart, fast 
wie Knorpel an, zeigt aber nirgends auf der Oberfläche irgend welche 
l’lceration. Die Schleimhaut im Innern der Nase ist intact, nur zeigt 
sie sich etwas uneben und von grauer Farbe. Die Lymphdrüsen über und 
unter dem Kieferwinkel sind rechts sehr stark, links weniger geschwollen, aber 
von sehr geringer Empfindlichkeit. Ebenso ist der geschwollene Theil der 
Nase auf Druck sehr wenig empfindlich. U«ber den ganzen Körper ist eine 
Roseola verbreitet, am Nacken einige Papeln. An den grossen Labien 
befinden sich einige kleine nässende Papeln. Die Inguinaldrüsen sind fast 
gar nicht geschwollen. 

Dass es sich in diesem Falle um Syphilis handelte, konnte nicht 


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Kreiling. 


zweifelhaft sein. Es musste nur noch feslgestellt werden, an welcher Stelle 
der Primäraffect sich befand. An den Genitalien war nirgends eine Sklerose 
nachzuweisen. Obwohl darauf nicht sehr viel zu geben ist, da wegen der 
versteckten Lage vieler Theile der weiblichen Genitalien der Initialaffect 
oft genug nicht aufgefunden wird, so bewies schon die ganz unbedeutende 
Schwellung der Inguinaldrüsen, dass die Geschlechtstheile nicht die Eingangs¬ 
pforte des Contagiums gewesen waren. Dagegen wiesen das Aussehen des 
rechten Nasenflügels und die starke sub- und supramaxillare indolente 
Lymphdrtisenschwellung darauf hin, dass die Affection an der Nase für die 
syphilitische Primärsklerose zu halten sei. Es fragte sich nur noch, wie die 
Infection an dieser Stelle erfolgt war. 

Die Anamnese ergibt Folgendes: Patientin lebt im Concubinat mit 
einem Mann, der, wie weiter unten mitgetbeilt wird, nicht syphilitisch war, 
sondern sich erst bei ihr ansteckte. Näheres Nachfragen ergibt nun, 
dass sie sich die Kose von einer Frau hatte „büssen“ lassen. Die Procedur 
wurde in der Art ausgeführt, dass die Nase mit dem vorher mit Speichel 
befeuchteten Daumen mehrmals bestrichen wurde. Es darf hiermit wohl als 
wahrscheinlich angenommen werden, dass das Syphiliscontagium durch das 
Streichen der Nase übertragen wurde, die betreffende Frau, die das 
„Besprechen“, ausführte, hat vermutlich syphilitische Mundaffectionen 
gehabt, leider war es nicht möglich, hierüber sichere Auskunft zu erlangen. 

Weiterer Krankheitsverlauf. 1. März 1K84. Patientin hat im Ganzen nur 
17 Einreibungen mit Unguent. einer, ä 3 Gr. gemacht. Die Form der Nase 
ist vollständig zur Norm zurückgekehrt. Der rechte Nasenflügel fühlt sich 
aber noch etwas härter an, auch sieht man auf dem Nasenrücken und 
rechten Nasenflügel eine Anzahl erweiterter Gelasse verlaufen. Auf den 
grossen Labien befinden sich an correspondirenden Stellen zwei grosse 
nässende Papeln. Patientin ist im zweiten Monat schwanger. Es wird in 
Folge dessen von Neuem mit einer Schmiercur begonnen. Nach drei 
Monaten Abort. — Im nächsten Jahre erfolgte noch ein Abort im fünften Monat. 

Obwohl das Folgende nicht direct in den Rahmen meines 
Themas gehört, so möchte ich doch nicht unterlassen, auch die 
Krankengeschichten der Angehörigen der Marie S. hier kurz 
auzuführen, da dieselben manches Interesse darbieteu. 

Hierbei muss ich näher auf die complicirteu Familien Ver¬ 
hältnisse der Marie S. eingeben. Dieselbe ist die Tochter einer 
Witwe S. Letztere verheiratete sich wieder und zwar mit einem 
Cigarrenarbeiter Franz G. (Krankengeschichte I); aus dieser Ehe 
stammen zwei Töchter, Fanny und Margarethe G. (Kranken¬ 
geschichten II und IV). Nach dem Tode der Witwe S. nahm 
sich Franz G. seine eigene Stieftochter, die Marie S., zur Concubine, 


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Exfrag^nitale Loealisation d< j K Primäraffectes. 


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wurde also gewissem] assen sein eigener Schwiegervater. Diesem 
Concubinat entstammen wieder vier Kinder, darunter eines mit 
Namen Hermann S. (Krankengeschichte III). 

Ich werde nun die einzelnen Krankengeschichten folgen lassen. 

I. 12. April 1884. Franz G., 48 Jahre alt, Cigarrenarbeiter, hat vor 
zwei Monaten am Penis eine kleine, eiternde Wände gehabt, die dann 
wieder znheilte, vor zwei Wochen aber wieder anfing zu eitern. Man fühlt 
jetzt rechts an dem äusseren Präputialblatt eine bohncngiosse, typische 
Induration, in der Mitte mit einer kleinen Borke bedeckt. Patient gibt an, 
seit dem Tode seiner Frau, der Witwe S., mit seiner Stieftochter, Marie S., 
geschlechtlichen Verkehr gehabt zu haben, so auch vor zwei Monaten. 

Da die Inguinaldrüsen nur sehr wenig geschwollen, sind, so wird die 
Sklerose excidirt. 

21. April. An Stelle der Excision zeigt sich ein kleiner Eiterherd, 
sonst, ist aber die Wunde gut geheilt. Cubitaldrüsen sind massig geschwollen 
Exanthem am Körper nicht nachzuweisen. 

Bald darauf stellte sich ein universelles papulöses Exanthem ein. — 
Patient machte mehrere Quecksilbercuren durch. 

II. 1. März 1884. — Fanny G., 17 Jahre alt, hat vor sechs Wochen 
zuerst die Erkrankung der Genitalien bemerkt, seit vier Wochen hat sie viel 
an Kopf- und Halsschmerzen, Schmerzen beim Husten und tiefen Athmen 
und an Ziehen in allen Gliedern zu leiden gehabt. 

Grosse und kleine Labien fast vollständig mit Papeln bedeckt, das 
linke grosse Labium etwas ödematös. Es bestellt allgemeine Lymphdrüsen- 
schwellung. Die Gaumenbögen und Tonsillen zeigen eine circumscripte 
Röthung. — Schmiercur. 

24. April. Patientin hat nur 20 Einreibungen gemacht. Pharyngitis 
speeifica und Plaques auf den Lippen. Seit kurzer Zeit kann Patientin den 
rechten Arm nicht ordentlich strecken. In der That ist weder activ noch 
passiv die Streckung über einen allerdings schon ziemlich stumpfen Winkel 
möglich. Bei lorcirtem Versuch empfindet Patientin Schmerz neben dem 
Olecranon in der Gegend des Radialgelenkes. Bei der Streckung spannen 
lieh «lie radialwärts gelegenen Muskeln des Vorderarms straff an. Es handelt 
sich um eine Contractur des Biceps, syphilitischen Ursprungs. Es wird von 
Neuem mit einer Schmiercur begonnen, gleichzeitig Kalium jodatum verordnet. 

13. Mai. Die Contractur ist vollständig verschwunden. Die Gaumen¬ 
bögen und Tonsillen sind aber noch stark geröthet, theilweise mit grau- 
weissem Belag bedeckt. 

16. August. Seit kurzer Zeit kann Patientin den linken Arm nicht 
ordentlich strecken. Die Streckung ist auch wirklich nicht bis zur geraden 
Linie möglich. 


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Kreiling. 


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Nach Gebrauch von Jodkalium verschwand auch die Contractur des 
linken Biceps sehr bald. 

HI. 24. März 1884. — Hermann S., 14 Jahre alt, Cigarrenarbeiter, 
will erst vor vier Wochen den Beginn einer Genitalerkrankung bemerkt 
haben. Bald darauf stellten sich Kopf- und Halsschmerzen, nächtliches 
Schwitzen und ein Ausschlag auf dem Kopfe ein. 

Auf der Eichel findet man am inneren Präputialblatt mehrere runde 
Erosionen mit grauem erhabenen Wall. Es besteht allgemeine Lymphdrüsen- 
schwellung. Die Tonsillen stellenweise grau belegt und vergrössert. Rechts 
auf Ober- und Unterlippe eine Bläschengruppe. Die Submaxillardrüsen sind 
nicht besonders stark geschwollen. 

Patient erhält täglich drei Pillen Hydrarg. tannic. 0'05 Gr. 

Die Art der Infection ergab sich daraus, dass Patient längere Zeit 
mit seiner Stiefschwester, der Fanny G., zusammengeschlafen hat. Die aus 
acht Köpfen bestehende Familie besitzt nämlich überhaupt nur vier Betten. 
Jetzt schläft er mit seiner zweiten Stiefschwester, der Margarethe G., 
zusammen. 

IV. 15. Juni 1885. — Margarethe G. f 21 Jahre alt, hat vor etwa 
einem Jahre Ulcera mollia und im Anschluss daran virulente Bubonen, die 
erst nach dreiviertel Jahren heilten, gehabt. 

In beiden Inguinalgegenden sieht man die zurückgebliebenen Narben. 
Das rechte grosse Labium ist stark geschwollen, fühlt sich knorpelhart an, 
links ist weniger Schwellung vorhanden. Es besteht eine Psoriasis palmaris 
syphilitica. 

Patientin erhält täglich vier Pillen Hydrarg. tannic. ä 0-05 Gr. 

Diese Krankengeschichten sind ein neuer Beitrag zu den 
Fällen von „Familien-Syphilis“, wie sie unter ungünstigen 
hygienischen und moralischen Verhältnissen so häufig Vorkommen. 

Zum Schluss will ich die einschlägige Literatur über 
syphilitische Primäraffecte au Auge und Nase mittheilen. 

L Ueber Sclerosis oculi. 

*) W. Mackenzie. Praktische Abhandlungen über die Krankheiten 
des Auges. Aus dem Englischen. Weimar 1832, pag. 147. — 2 ) Critschett. 
Med. Times, September 1837. — J ) Desmarres. Traite theorique et 
pratique des maladies des yeux, Paris 1847, pag. 156. — 4 ) Ri cord. 
Chancre indure du grand angle de Poeil. Annales d’oculistique. Tome XXIV, 
pag. 233. — s ) Stellwag von Carion. Die öphthalm. vom naturwissen¬ 
schaftlichen Standpunkt. 1858, II. Band, 2. Abtheilung, pag. 954. —- 
*) Vose Solomon. The British ined. Journ. 1863. pag. 263. — 7 ) Gale- 
zowski. Chancre primitif infectant de la conjonctive. Journ. d’ophthalm. 
Mai et Juni 1872. — *) Sturgis. Two cases of syphilis etc. Amer. Journ. 
of rned. Sciences. Jan. 1873. — 9 ) Gräfe Samisch’s Handbuch der Augen- 


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Extragenitalc Localisation fies Primäraffectes. 


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heilkunde. 1875, Band IV, pag. 417. — ,0 ) Claude Savy. Contribution ä 
lYtude des druptions de la conjonctive etc. These de Paris 1876. — 
"I Dietlen. Casuistische Beiträge für Syphilidologie des Auges. Dissertation, 
Erlangen 1876. — '-) Zeissl. Die syphilitischen Erkrankungen der Augen¬ 
lider. Allgemeine Wiener medicinische Zeitung 1877, Nr. 34 — 37. — 
’’) Lubinskv. Ulc. prim. syph. Klin., Monatsblätter für Augenheilkunde, 
April 1878, pag. 166. — “) Thiry. Virchow-Hirsch’s Jahresbericht für 1878, 
Band II. pag. 535. — ,r ’) de Wecker, Traitd thdorique et pratique des 
mahid. des yeux. Paris 1867, Tomei, pag. 623. — *•) Hamande. Chancre 
infectant de la paupidre. Arch. med. Beige, XV, 1879. — ,7 ) Boucheron. 
Observation de chancre infectant. L’union mddicale 1879, Nr. 6.— '*) Bull. 
Amer. Journ. of med. Sciences, October 1879, pag. 405. — '*) A. Hulot. 
Annales de dermal. 1879/80, pag. 34. — :0 ) Delapersonne. Du chancre 
palpebrae. Archiv, d’ophthalm. 1880, Band I, pag. 499. — 7 ‘) Szokalsky. 
Hirschberg’s Centralblatt 1880, pag. 380. — :I ) Richon. Gazette des 

höpitaux 1881. — '•*) Moty. Gazette des hüpitaux 1881, Nr. 128. — 
; 'J Snell. Med. Times and Gaz. 1882, pag. 764. — :s ) Streatfield. Brit. 

med. Journ., September 1882, pag. 634. — 5 ‘) Wiethe. Beiträge zur 

Casuistik syph. Lidaffecte. Allgemeine Wiener medicinische Zeitung 1882, 
Nr. 23. — 17 ) .Mittasch. Die syphilitischen Erkrankungen der Augenlider. 
Dissertation, Würzburg 1883. — :s ) L. Connor. fitude clinique sur la 

syph. de l’oeil et de ses annexes. Annal. de dermat. 1883, pag. 361. — 
:t ) F. Lavergne et L. Perrin. Contrib. ä l’dtude des chancr. extra-gen. 
Annal. de dermat. 1884, No. 6 et 7. — 1(l ) Baudry. Contrib. ä l’dtude du 
chancre des paup. Paris 1885. — 3I ) Dornig. Beitrag zur Kenntniss 

>\ politischer Initialaffecte an den Augenlidern. Wiener medicinische 

Wochenschrift 1885, Nr. 11. — ä: ) S. Baum. Casuistische Beiträge zur 
Kenntniss extragen. Initialscl. Vierteljnhressch. für Derm. 1885, pag. 97. — 
”i Bang. Vorlesungen über Syphilis. 1885, pag. 421 —26. — äl ) Jullien. 
Maladies vändriennes. Paris 1886. pag 585.— ,s ) Morel-Lavalide. Syphi¬ 
litischer Initialaffect an den Augenbrauen. Annales de dermat. 1886, pag. 85. 


II. Ueber Sclerosis uasi. 

') Ricord. Ldcjons sur le chancre. Paris 1858, pag. 253. — 
■ l E. Nettleship. Chancre within the nostril followed by constit. syph. 
Brit. med. Journ. 1875, pag. 363. — *) Roh d. Syph. commun. by a bit. Archives 
of Derm. 1878, pag. 216. — *) A. Hulot. Quelques observat. de chancres 
e\tra-gdn. Annal de derm. X., 1879/80, pag. 35, sequ. — *) Spencer 
Watson. Med. Times and Gaz. 1881, Vol. I, pag. 428. — *) Poncet. Un 
chancre de sifege insolite. Annal de derm. 1881, pag. 115. — 7 ) E. Rasori. 
Deutsche AIedicinal-Zeitung 1885, I, pag. 137. — *) Lang. Vorlesungen 
über Syphilis 1885, pag. 256.— *) Jullien. Maladies vdn. 1886, pag. 584. 


Vierloljataresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1888. 


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Beitrag zur Kenntniss der Myositis 
syphilitica. 

Von 

Prof. I. Nenmann in Wien. 

(Hiezu Tafel II.) 


Die Frage ist bisher noch ganz unenträthselt geblieben, wodurch 
jene intensiven Schmerzen im Rectum bedingt sind, welche ge¬ 
wöhnlich in Form von Muskelcontractionen selbst dann noch aufzu¬ 
treten und anzudauern pflegen, wenn auch die in Folge von Syphilis 
erkrankte Rectalschleimhaut und die dieselbe begrenzenden Par¬ 
tien schon vollständig geheilt, somit kein klinisches Kennzeichen 
mehr vorhanden ist, welches diese Schmerzen zu erklären ver¬ 
möchte. 

Dass sich bei Syphilis an der vom Sphincter ani externus 
strahlenförmig gearteten Afterschleimhaut bei der Action dieses 
Muskels Fissuren bilden, weil die Schleimhaut durch Zellinfiltration 
ihres lockeren, submucösen Zellgewebes ihre Dehnbarkeit eingebüsst 
hat, dass ferner diese Fissuren oft tief gehen und tief auf das 
Rectum übergreifen, wird vielleicht schon aus anatomischen Gründen 
seine genügende Erklärung finden. 

Die Fortdauer der den Kranken in hohem Grade quälenden 
Schmerzen jedoch, selbst da, wo bereits die Fissuren überhäutet, 
oder wo sie gar nicht vorhanden sind, musste nothwendig dazu 
führen, auch andere die Schleimhaut begrenzende Gewebe, nament¬ 
lich die Musculatur zu prüfen, um etwa hier vorhandene histo¬ 
logische Veränderungen constatiren zu können. 

t* 


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N e u m & n n. 


Es ist bekannt, dass zahlreiche willkürliche Muskeln in Folge 
von Syphilis erkranken können. Am besten für die klinische Be¬ 
obachtung eignen sich der Biceps brachii und Biceps femoris, da 
an diesen grosse Schmerzhaftigkeit bei Druck, bei activer und 
passiver Bewegung, allmälige Muskelverkürzung, wodurch Arm 
oder Bein in ihrer Function erheblich beeinträchtigt werden, 
selbst schon im Frühstadium der Syphilis beobachtet werden. 

Aus der Eigentümlichkeit der Schmerzempfindungen, die 
vorwiegend in spastischen Contracturen (Tenesmus) bestehen, war 
es daher geboten, namentlich den Sphincter ani externus zu unter¬ 
suchen. 

Dazu wurde ich umsomehr gedrängt, als es zur Genüge be¬ 
kannt ist, dass auch bei gummöser Entartung des Eectum un¬ 
willkürliche Stuhlentleerungen dann erfolgen, wenn die Spbinc- 
teren ihre Contractionsfähigkeit verloren, und schliesslich durch 
Bindegewebe substituirt sind und ihre Functionsfähigkeit einge- 
büsst haben. 

Vielleicht erscheint es nicht überflüssig, hier die Literatur 
der syphilitischen Myositis in kurzen Zügen anzuführen: 

Cornil (Le^ns Sur la syphilis, Paris 1854) spricht schon von 
Contracturen und Schmerzhaftigkeit der durch Lues erkrankten 
Muskeln, besonders des Biceps brachii. 

Sydney Jones (Myositis syphilitica. Transact. of the pathol. Society, 
Volum VIII, pag. 346). 

Lanceraux (Trait. hist, et pratique de la Syphil.). 

Berkeley Hill, Bumstead, Bäumler, Zeissl, H. Hutchin¬ 
son (Reynold, System of Med.), Berg (Arch. f. Dermat.), Wagner 
(Avch. f. Heilkunde, Vn Band, S. 525), St. Arromand (De tumeurs 
gommeuses du tissu cellulaire et de muscles. Thfese de Paris 1858), 
Th6venet (Etudes et considerations prat. sur les tumeurs gommeuses de 
muscles et lenr6 annexes. Thfcse de Paris 1858), N^laton (Gazette des 
höp. 1858), Bobin (Bullet, de la socidte anat. 1858), August Mazzu- 
chello (Sur la syphil. musc. 1858), W. Boeck (Erfahrungen über Syphilis). 

J. Guyot (L'union 1873). 

E. Lang (Vorlesungen über Path. u. Therap. der Syph. 1876) hat in 
Folge von Contractur des M.temporalis und Masseter Kieferklemme, und vor ihm 
Boy er und Bouilly Contractur des Masseter gefunden. Aber auch Atrophie 
der Muskeln des Triceps, der Flexoren (F. E. Austie, Transact. of the Soc. 
1873) oder ganzer Muskelgruppen (Rodet, L'union 1859) kommen vor, viel- 


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ltfyositiß syphilitica. 21 

leicht von syphilitischer Affection der Nerven abhängig, wie dies Dejerin 
(Arch. de phys. norm, et path. 1876) anatomisch nachgewiesen hat. 

Ch. Mauriac hat in einer Reihe von Aufsätzen die syphilitischen 
Muskelerkrankungen eingehend erörtert. 1 ) 

Notta (Archiv de medecine 1856). 

Ua uriac leitet sogar die rheumatischen Schmerzen, welche im Ver¬ 
laufe der recenten Syphilis auftreten, auf einen leichteren Grad der Muskel¬ 
entzündung zurück. Immerhin mögen diese Schmerzen auch von den sie 
begrenzenden Geweben, Sehnen, Fascien, Periost abhängen. Der anatomische 
Nachweis ist allerdings hiefür nicht geliefert, wiewohl die Möglichkeit 
a priori nicht ausgeschlossen ist. 

Ob die Myositis ossificans progressiva nicht auch oft von Syphilis 
abhängt, ist eine noch offene Frage. In einer eingehenden Arbeit über 
Gummata, deren Sitz und Härte, hat G. Lewin auch die Muskeln erwähnt 
und citirt, dass in Montpellier in einer Collection von Dubreuil das 
Skelet eines Arabers aufbewahrt ist, bei dem eine grosse Zahl von Muskeln 
an ihren Insertionsstellen in Folge von Syphilis ossificirt ist. 

Muskelgummen in Folge von Syphilis hereditaria tarda beschreibt 
Fournier bei einem Falle (La syph. liereditaire tardive, Paris 1886). 

Nach Jullien sind in der Literatur unter 221 tertiär syphilitischen 
Fällen zweimal Muskelgummen, in 111 secundären viermal Muskelsyphilis 
zu finden. 

Eine Reihe constant auftretender Symptome charakterisirt die syphi¬ 
litische Affection der Muskeln. So: spontane Schmerzen, die vorwiegend in der 
Nacht an Intensität zunehmen; allmälige Abnahme und schliesslich gänzliche 
Behinderung der Beweglichkeit, allmälige Besserung bis zur vollständigen 
Heilung durch ein entsprechendes antisyphilitisches Verfahren, wenn die 
TextureTkrankung nicht zu weit vorgeschritten ist. 

Ganz zutreffend schildert Ricord die syphilitische Muskelerkrankung 
indem er sagt: „Die syphilitischen Muskel- und Sehnenverkürzungen bilden 
eine der merkwürdigsten Erscheinungen der constitutionellen Syphilis. Bei 
einzelnen Kranken treten bisweilen hochgradige Schmerzen auf und es tritt 
allmälig Hemmung oder Steifheit besonders bei Streckbewegungen hinzu. 
Der Muskel verliert die Fähigkeit sich zu dehnen und verkürzt sich, so dass 
die Extremität schliesslich in forcirter Beugung verbleiben muss. 

Wendet sich ein Kranker, sagt Ricord weiter, an den Arzt mit der 
Angabe, dass eine Muskelverkürzung sieb allmälig mit nur geringen 

*) Siehe: Leyons sur les myopathies syphilit. Annales de Dermat. et 
syph.: „Quell’ occupd presqxe 'toujourc*excessivament les ftt'ahisseura ’de 
l’avant bras sur les bras et (,n : pärticillier lee mus^les •biee^s et, ou’eke be 
traduit par une flexion forcöe et trfes difficile ä vaincre du seconde segment 
du membre supdrieur sur le prämier. ' ‘ 


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Keumann. 


Schmerzen entwickelt habe, so soll man zunächst an eine syphilitische 
Erkrankung desselben denken. 

Ri cord wurde zu einem der ersten Sänger in Paris gerufen. Seit fünf 
bis sechs Monaten agirte der Künstler bei allen seinen Rollen nur mit der 
linken Hand, weil sich eine Beugung des rechten Vorderarmes ausgehildet 
hatte, ohne dass der Kranke eine Veranlassung anzugehen vermochte. 

Ricord diagnosticirte eine syphilitische Verkürzung und eine genaue 
Nachforschung ergab, dass der Kranke vor Jahren an Syphilis gelitten. 

Der Kranke nahm auf Ricord’s Rath Jodkali. Der Künstler hatte 
kaum vierzehn Tage dieses genommen, als ihn Ricord eines Abends in 
der Oper bereits mit beiden Armen gesticuliren sah. 

H. Zeissl demonstrirte der Gesellschaft der Aerzte in Wien eine Kranke, 
bei welcher in Folge von Syphilis eine Contractur des Biceps femoris 
aufgetreten war, wodurch der Unterschenkel in einen nahezu rechten Winkel 
zum Oberschenkel angezogen war, so dass sich die Kranke nur mit 
Krücken forthewegen konnte. Nach mehrmonatlicher Behandlung mit Jod¬ 
kali konnte die Kranke ungehindert und ohne Krücken gehen. 

Die syphilitische Myositis erscheint an den quergestreiften 
Muskeln in zwei Formen: in einer nicht begrenzten, diffusen 
Form (Rokitansky), welche die häufigere und recentere, 
und in einer gummösen. Die diffuse tritt mehr acut auf, ist 
räumlich ausgedehnter und von weit mehr Functiunsstörungen 
begleitet. Die gummöse Myositis ist mehr begrenzt. Das Muskel¬ 
gumma bleibt lange unverändert, erreicht oft durch peripheres 
Wachsthum und durch Confluenz mehrerer, ursprünglich getrennter 
Knoten einen grösseren Umfang. 

Es kann jeder Muskel des Skelettes in Folge von Syphilis 
erkranken, doch sind diesfalls namentlich folgende zu nennen: 

M. biceps hrachii (unter elf Fällen achtmal), M. hiceps femoris, 
M. pectoralis major, M. masseter, M. buccinator, die M. gemelli, 
M. rectus abdominis, M. semimembranosus, M. trapezius, M. glu- 
taeus, M. sterno-cleido-mastoideus, M. longissimus dorsi, M. tibialis 
posticus, M. quadriceps, M. sartorius, M. extensor carpi radialis 
und M. extensor digitorum communis') schon drei Monate nach 
der Infection. 

.In.d.QV .äJterfqtztfq Zeit war in meiner Klinik ein Kranker 

ni Öehaüdlimg, : .xler •; sechs -jJahrr zuvor Lues acquirirt hatte 

*) Siehe-WK mvd.f Blätter 1887. 


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Myositis syphilitica. 


23 


und seither Gummen in der Zunge, Tophi in den Tibien und 
gummöse Hautgeschwüre überstanden hatte, Schmerzhaftigkeit bei 
Druck in dem Musculus temporalis, die spontan namentlich 
nach dem Kauakte, aber auch bei Druck über dem Jochbogen 
auftrateu. Dass in diesem Falle auch die Sehne mit erkrankt 
war, bewies der Umstand, dass bei Druck in die Gegend des 
Processus coronoideus maxillae inferioris von der Mundhöhle aus 
heftige Schmerzen auftraten. Auf Einpinselungen mit Jodglycerin 
und interner Darreichung von Jodkalium schwanden sie in drei 
Tagen, wie mir mein Assistent Dr. Ehr mann, der den Fall 
beobachtete, referirt hat. 

Der Kranke, der früher vor Schmerzen nicht schlafen konnte, 
schlief nun die ganze Nacht. Vier Tage später klagte der Kranke 
über Schmerzen im Nacken und Hinterhaupte, die ihn namentlich 
des Nachts nicht schlafen liessen. Bei der Untersuchung zeigte 
sich der M. cucullaris am Nacken linkerseits etwa von der Höhe 
des fünften Halswirbels bis an die Ansatzstelle am Hinterhaupte 
schmerzhaft und im Vergleiche mit der rechten Seite mehr ge¬ 
spannt, es zeigte sich auch eine leichte Drehung des Kopfes nach 
rechts. Auch diese Erscheinung schwand auf Einpinselung mit 
Jodglycerin und Darreichung von Jodkali. Aber schon zwei Tage 
später wiederholte sich dieselbe Erscheinung linkerseits und zeigte 
denselben Verlauf. Seither befand sich der Kranke wohl. 

Anatomie. 

Die im Beginne und im Verlaufe mancher acuter und 
chronischer Infectionskrankheiten auftretenden spontanen Muskel¬ 
schmerzen, gleichwie jene, welche einzelne jener Krankheiten, 
namentlich die Febris recurrens begleiten, sind von noch ganz 
unbekannten histologischen Veränderungen abhängig. 

Ebenso sind noch die Muskelveränderungen bei Metallvergiftun¬ 
gen, speciell bei Bleivergiftung, unerforscht geblieben. Im Jahre 1860 
beschrieb Zenker die wachsartige Degeneration bei Typhus abdomi¬ 
nalis, E. Wagner') beobachtete eine Polymyositis, bei welcher der 
Muskel nur bündelweise erkrankt war und normale Bündel mit ent¬ 
zündeten abwechselten. Die entzündliche Zellinfiltration war theils auf 
das Bindegewebe der Muskeln beschränkt, theils setzte sich dieselbe 

’) Deutsches Archiv für klin. Medicin. 


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24 


N e ii m a n n. 


auf das die secundären Bündel zusammenhaltende Bindegewebe fort. 
Die Gefässe grossen und kleinsten Kalibers waren vollkommeu 
normal, nur hie und da schienen die Kerue der Adventitia 
vermehrt. 

Virchow 1 ) erwähnt einer callösen Degeneration der 
Muskelfasern mit consecutiver Atrophie der Muskel Substanz, Ro- 
kitansky führt bereits eine Myositis syphilitica an. 2 ) Er be¬ 
tont bei Myositis im Allgemeinen Iujection der Gefässe und 
Röthe, später beim Erscheinen des Exsudates zeigt sich die Ent¬ 
färbung, der Process endet mit dem Zerfalle der Fibrillen zu 
einem feinkörnigen Detritus und Fettkörnchen, wobei Verlust der 
Quer- und Längsstreifuug auftritt. Schliesslich findet gallertartige 
Bindegewebswucherung im Perimysium statt. R. hebt bereits 
hervor, dass der entzündete Muskel in Folge der Theilnahme des 
umgebenden Bindegewebes der Fascien an der Entzündung fixirt 
und retrahirt ist. Das Glied ist mehr oder weniger fixirt. 
und wenn die Beuger befallen sind, in einer gebeugten Lage 
gehalten. Nach Tschainsky und Spina bestehen die ana¬ 
tomischen Veränderungen bei der Myositis im Allgemeinen darin, 
dass die Muskelkörpercheu und ihre Kerne proliferiren, so dass 
man letztere auch mitten in der contractilen Substanz findet, 
wo solche früher nicht vorhaudeu waren; dabei geht die Quer¬ 
streifung des Muskels verloren. 

E. Ziegler 3 ) beschreibt eine Myositis fibrosa syphilitica und sagt: 
Syphilitische Entzündungen der Muskelfasern führen zu schwieliger 
Verdickung des Muskelbindegewebes mit Atrophie der Muskelfasern. 
Jedoch entzündet sich die Muskelfaser selbst selten primär. Es 
ist mehr das interstitielle Bindegewebe erkrankt. Die Fibrillen 
quellen in Folge der Entzündung gallertartig auf, es geht die 
Querstreifung verloren. Schliesslich zerfallen sowohl Kern als 
auch Muskelfasern und das Sarkolemm oder es kommt zu fettiger 
Entartung der Muskelfaser. 

Nach den Untersuchungen Virchow's geht die entzündliche 
Neubildung bei Syphilis vom interstitiellen Bindegewebe aus. Das 
Infiltrat greift entweder diffus zwischen den Muskel freien und 

') Archiv für path. Anat., IV. Bd. 

Lehrb. der path. Anat., II. Bd., pag. lt\. 

‘j Lehrb. der alltr. n. spee. path. Anat.. Jena 1886. 


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Myositis syphilitica. 


25 


Muskelbündeln weiter oder bleibt auf einer umschriebenen Stelle 
angehäuft — Gumma —, dann findet man bei der mikrosko¬ 
pischen Untersuchung einen Herd von Granulationszellen, die 
von der Mitte aus durch fettige Degeneration und molecu- 
lären Zerfall zu Grunde gehen, worauf man eine feinkörnige, 
fettreiche, anscheinend structurlose Masse findet. Im weiteren 
Verlaufe folgt Schwund und nach Mauriac sogar Verkalkung 
und Verknöcherung. Eitrige Schmelzung und Perforation der 
Muskelabscesse nach Aussen kommen gar nicht selten zur Beob¬ 
achtung. ich selbst habe einen derartigen Fall in meiner Klinik 
beobachtet. 

Die Ergebnisse meiner Untersuchungen') sind folgende: Es siud 
vorwiegend die Blutgefässe (Fig. a und c) im Perimysium, welche 
entsprechend der Anordnung des letzteren um die primären Muskel¬ 
bündel sowohl als auch in ihrer A r erästelung zwischen den Muskel¬ 
fasern selbst, gleichwie in dem feinsten Capillarnetz an der 
Wandung von Granulationszellen dicht umgeben sind, nament¬ 
lich sind es die grossen Gefässe im Perimysium, die blutreich, 
erweitert und wie ihr geschlängelter Verlauf zeigt, auch ver¬ 
längert sind. Weiters findet Proliferation des Perimysiums 
selbst statt. 

Interessant gestaltet sich das Verhältuiss der Kerne (Fig. b) 
im Sarkolemm. Diese sind bekanntlich physiologisch nur vereinzelt 
in der Muskelfaser angeordnet, u. zw. mit ihrer Längsachse längs 
der Muskelfaser gerichtet, dicht unter dem Sarkolemm. Bei der 
iu Bede stehenden Affection sind die Kerne dicht gedrängt, reihen- 
förmig, in Gruppen von fünf bis zwölf aneinander gelagert, wo¬ 
durch die Muskelfibrilleu selbst in ihrer Substanz verschmächtigt 
sind. Die contractilo Substanz ist jedoch in ihrer Structur nicht 
wesentlich verändert, was daraus zu erkennen ist, dass auf Längs¬ 
schnitten die Querstroifung, auf Querschnitten die Cohnheimischen 
Felder deutlich sichtbar sind. 

Diese Kernvermehrung im entzündeten Muskel ist demnach 
ganz in Uebereinstimmung mit den Resultaten der Untersuchungen 
anderer Autoren (Spina und Tschainsky). Dieselbe kann nach 

') Med. Blätter 1886. 


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26 


N e u m a ii n. 


Recklingshausen selbst bei leichten Muskelentzündungen per- 
sistiren. ’) 

Im weiteren Verlaufe füllt sich das interstitielle Bindegewebe 
immer mehr mit Granulationszellen, die Muskelfasern verschmäch- 
tigen sich, und wenn der Process abgelaufen ist, erscheint nun 
die Muskelsubstanz durch Bindegewebe ersetzt. 

Auch Erb, Hay, Heidelberg und Kraske haben eine 
solche Keruvermebrung durch Nerventrennung oder künstliche 
Blutleere gelähmter Muskeln von Kaninchen und Meerschweinchen 
beobachtet. Die Sarkolemmhülle der Muskelfaser (Waldeyer’s 
Muskelzellenschlauch) war hier mit Zellen vollgepfropft, daneben 
bestand Verschmälerung und Verkürzung der Muskelfasern und 
endlich Vermehrung des Bindegewebes. 

Auch beim Menschen hat man Verschmälerung der Fasern, 
beruhend auf einfacher Vermehrung der Muskelkerne, auf einer 
Verminderung der quergestreiften Substanz, namentlich eine Zu¬ 
nahme des dazu gehörigen Protoplasma, selbst die Bildung von 
Muskelzellen innerhalb des Sarkolemms beobachtet. 

Hier haben wir es nur mit der acuten Myositis syphilitica 
zu thun, bei welcher eine so tief gehende Veränderung oder 
Substituirung der Muskelsubstanz durch Bindegewebe nicht vor¬ 
kommt. 

In Folgendem will ich jene Fälle aus meiner Beobachtung 
anführen, die klinisch und anatomisch zur Illustration der in Rede 
stehenden Frage dienen mögen. Meine Untersuchungen wurden 
sämmtlich am Sphincter ani externus gemacht, welcher einerseits 
in seinen Functionen beeinträchtigt war, anderseits positive 
histologische Veränderungen aufwies. 

£. A., 24 Jahre alt, ledig, Erzieherin, kam im Mai 1886 in meine 
Klinik. Die Krankheitsdauer betrag vier Monate. 

Stat. praes. (3. Mai 1886): Gravida im 8. Lunarmonate. An der 
Innenfläche der grossen Labien hanfkorn- bis linsengrosse, erodirte, speckig 
belegte, an der äusseren Fläche derselben und der Genitocruralfalte über¬ 
häutete und wuchernde Papeln. 

Ara After eine seichte Rhagade. Die Lymphdrüsen in beiden Leisten 
bohnengross. 

Am Stamme unregelmässig begrenzte, mit centralem Knötchen 

') Billroth und Lücke, „Deutsche Chirurgie“, 2. und 3. Lieferung. 


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Myositis syphilitica. 


27 


versehene, linsengrosse Flecke. Psoriasis plantaris. Tonsillen vergrössert and 
zerklüftet. An der Nasenschleimhaat zerfallende Papeln. 

Am 17. Mai normale Geburt eines reifen, lebenden Kindes. Nach 
dein Gebrauche von 30 Einreibungen wurde die Kranke am 28. Juni 1886 
entlassen. 

Am 31. August 1886 wurde dieselbe neuerdings aufgenommen: 
Drüsen in beiden Leisten spindelförmig, am Unter- und Oberschenkel 
hanfkorn- bis linsengrosse über das Hautniveau elevirte, hellrothe Flecke 
and braune Pigmentirungen. In der Begio sacralis und glutaea kreuzer¬ 
grosse, imCentrum abblassende Flecke, aus denen stccknadelkopfgrosse, braun- 
rothe Knötchen hervortreten. Psoriasis palmaris. Am Bücken symmetrisch 
angeordnete schuppende Knötchen, dazwischen bis halbkreuzergrosse 
Pigmentflecke, von denen einzelne von gesättigter braunrother Farbe als 
Beste von Knötchen sichtbar sind. 

Aehnliche Efflorescenzen an den oberen Extremitäten und an der 
Kinnfurche. 30 Einreibungen. 

Am dunkelpigmentirten Nacken deutliche Leukopathia. Am 4. Oc- 
tober geheilt entlassen. 

Am 8. December 1886 abermals aufgenommen, bot Patientin neben 
einer Yaginitis papulosa noch erodirte, wenig elevirte Papeln im Vestibu- 
lum. geschwellte von Bhagaden durchsetzte, schmerzhafte Afterfalten und 
Beste der gruppirten Efflorescenzen am Stamme und an den Extremitäten, 
gleichwie allgemeine Drüsenschwellung dar. Patientin klagt über 
heftige Schmerzen in der Aftergegend bei Berührung, bei Be¬ 
wegungen, welche besonders aber beim Stuhlabsetzen unerträglich 
werden und typisch auftreten. Da weder Klysmata, noch erweichende Ueber- 
schläge eine Besserung berbeiführten, liess ich durch meinen Assistenten 
Dr. Ehrmann am 12. December 1886 die Sphincterotomie in der Narkose 
vornehmen und unterzog einen Theil des excidirten Muskels der mikrosko¬ 
pischen Untersuchung. Jodoformgazeverband. Die Illustration auf Tafel II 
zeigt die histologischen Veränderungen. 

Patientin fühlt sich schon nach einigen Tagen wesentlich erleichtert, 
und kommen die Schmerzen nur bei und nach der Defäcation und auch 
dann nur in geringerer Intensität wieder. Sie konnte vier Wochen nach der 
Operation geheilt entlassen werden. 

2. E. B., 28 Jahre, ledig, Privatbcamter, erkrankte im Jahre 1881 an 
Ulcus molle. Im Jahre 1882 acquirirte Patient Sklerose im Sulcus coronarius 
mit nachfolgender allgemeiner Scleradenitis und maculo-papulösera Exan¬ 
them, welche Symptome unter einer Inunctionscur und grauem Pflaster 
(24 Einreibungen) schwanden. 

Im Jahre 1884 kam Patient abermals mit weichem Geschwür, Pso¬ 
riasis mucos. ovis. und Scleradenitis in meine Klinik und später am 25. Oc- 
tober 1886. 


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Naumann. 


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Stat. praes. Condylomata acuminata in sulco coronario. Links von 
der Analöffnung eine halbkreuzergrosse Elevation, welche im Centrum die 
Mündung einer 4 Ctm. in die Tiefe führenden Fistel enthält. Bei combinirter 
Untersuchung fühlt man das Knöpfchen der eingeführten Sonde unmittelbar 
unter der Mastdarmschleimhaut. Patient klagt über mässige, jedoch zeit¬ 
weilig (bei Defäcation, forcirten Bewegungen) exacerbirende Schmerzen im 
Mastdarme, Psoriasis mucos. ovis., Scleradenitis univers. 

29. October ausgiebige Spaltung und Sphincterotomie, mikroskopische 
Untersuchung eines excidirten Muskelstückchens. Jodoformgazeverband. 

9. November: Lapistouchirung, die subjectiven Beschwerden, sowie 
Secretion minimal. 

47. November: Fistel geheilt, Infiltration der Umgebung sehr gering, 
der Stuhlgang erfolgt bereits ohne Schmerz. 

20. November 1886: S. D. 

3. L. Am 30. März 1886 bemerkte die Kranke Schwellung der In* 
guinallymphdrüsen. Bei der Untersuchung fand sich am linksseitigen Labium 
ein fast haselnussgrosser, im Centrum leicht exulcerirter Knoten. Drei 
Wochen später erkrankte sie an maculösem Syphilide, gegen welehes 
15* Inunctionen und Decoct. Zittman. verabreicht wurden. Am 23. Mai 
wuide dieselbe an Dr. Körbl in Bad Hall gewiesen, woselbst sie bis Ende 
Juli mit Einreibungen und Haller Jodwasser behandelt wurde. Schon in 
Hall traten während und nach der Defäcation hochgradige Schmerzen im 
After auf. Bei der Rückkunft der Kranken nach Wien steigerten sich die¬ 
selben in solch heftigem Grade, dass die Kranke weder Tag noch Nacht 
Ruhe hatte. Bei der Untersuchung zeigte die Schleimhaut des Afters, so¬ 
wohl nach vor- als auch nach rückwärts zwei seichte Rhagaden, die zu 
beiden Seiten von infiltrirten Schleimhautleisten begrenzt waren. Der Druck 
auf die umgebende Haut- und Schleimhautpartie war schmerzhaft. Der 
Schmerz dauerte trotz Bepinselung der Rhagaden mit Lapis, trotz Einfüh¬ 
rung von Jodoformbaccillen, trotz einer Inunctionscur, bei welcher Pa¬ 
tientin vier Wochen das Bett hüten musste, immerwährend fort bis No¬ 
vember. Und selbst, als die Rhagaden schon längst überhäutet waren, 
dauerten die Schmerzen noch an. 

Am 1. Juli v. J. stellte sich Patientin wieder, doch im geheilten Zu¬ 
stande vor. 

4. Folgenden Fall beobachtete ioh in Dr.Löw’s Sanatorium. Die Syphilis 
war bereits seit Jahresfrist abgelaufen und es befand sich am After eine 
tiefe Fissur, welche hochgradige Schmerzen bei und nach der Defäcation 
verursachte. Erst nach 50 Einreibungen sind die Schmerzen geschwunden, 
die selbst bei überhäuteter Fissur noch andauerten. 

K. A., 16 Jahre, aufgenommen am 21. October 1886 mit approxi¬ 
mativer Krankheitsdauer von vier bis fünf Monaten. 


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Myoeitiß syphilitica 


29 


Stat. praes. am 22. October 1886: 

Am Bande beider grosser Labien linsengrosse, plateauförmig erhabene, 
an der Oberfläche leicht erodirte, nässende Infiltrate. Leistendrüsen wall¬ 
nussgross geschwellt, drüsig uneben. Um die Aftermündung ein Kranz lin- 
Bengrosser bis halbkreuzergrosser, im Centrum zerfallender Papeln. Ara 
Thorax symmetrisch angeordnete, blassrothe, confluirende Flecke. Ebensolche 
hie und da in der Glutäalgegend. Tonsillen und die beiden Arcus palati 
von einem continuirlichen weissgrauen Belage bedeckt. Ara Zungenrande 
einige Excoriationen. 

22. October: Patient, bekam 38 Einreibungen; auf die Afterfalten 
Sabaraque'sche Pasta aufgepinselt. 

24. November, zu welcher Zeit Patient, um V/ t Kilogramm Körper¬ 
gewicht zugenommen hatte, waren die Symptome der Syphilis bis auf 
mässige Drüsenanschwellungen und Pigmentirungen der Haut geschwunden, 
besonders auch die infiltrirten Afterfalten. Weder beim Gehen, noch beim 
Stublabsetzen oder Druck mit dem Finger verspürte Patient. Schmerz in 
der Aftergegend. 

Am 25. November wurde dieselbe geheilt entlassen. 

6. B. J., 23 Jahre, ledig, aufgenommen am 21. September 1886. Sechs¬ 
monatliche Krankheitsdauer. 

Stat. praes. am 24. October 1886: 

In der hinteren Commissur ein scharf umschriebenes Geschwür 
mit steilem, knorpelhartem Rande. Die Perinealfalten infiltrirt, in der die¬ 
selben begrenzenden Umgebung einige mässig dilatirte Hautvenen. Die Pe¬ 
rinealfalten sehr schmerzhaft auch bei Berührung der entfernteren Partien. 
Defäcation mit grossen Schmerzen verbunden. Scleradenitis minoris gradus, 
Exanthema maculosum in cute trunci. 

25. October: Patientin bekommt örtlich Narcotica, Morphinsupposi- 
torien, Cocaininjectionen, kalte Umschläge. Leichte febrile Erscheinungen. 
Die Schmerzen dauern mit geringen Remissionen, besonders bei Berührung, 
Defäcation und bei Bewegungen des Körpers stärker werdend, an. Patientin 
bekommt Einreibungen mit Lanolinquecksilber. 

26. November 1886: Die Schmerzen sind seit einigen Tagen erheblich 
geringer. 

27. November: Schmerzhaftigkeit in dem hinteren Umfange der 
Aftergegend ganz geschwunden, im vorderen noch in geringerem Grade 
vorhanden. Stuhl regelmässig, Appetit gut. 

29. November: Abermals heftige Schmerzen in der Analgegend. Tem¬ 
peratur über die Norm erhöht, 39’1, Kopfschmerz, Appetitlosigkeit. 

7. Decemb. 1886: Schmerzhaftigkeit vollkommen geschwunden. Euphosie. 

8. December: Schmerzen wieder sehr stark auftretend, halten jedoch 
nur vier Stunden an und vergehen auf Stuhlzäpfchen und kalte Ueber- 
schläge. 


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Neuma n n. 


9. December: Schmerzen völlig geschwunden. 

Therapie: 27 Einreibungen, Jodkali seit 25. October und graues 
Pflaster. 

S. D. 20. December 1886. 

Bei der sub 1 aufgeführten Kranken wurde wegen hoch¬ 
gradiger Schmerzen bei der Defäcation, welche in krampfhafter 
Weise auch länger andauerten, die Sphincterotomie gemacht. 

Die mikroskopische Untersuchung eines excidirten Muskel¬ 
stückes zeigte sowohl im Längs-, als auch im Querschnitte dicht¬ 
gedrängte Kernwucherungen im Sarkolemma. 

Auch die Muskel kerne selbst erscheinen vermehrt in Gruppen 
von zehn bis fünfzehn dicht beisammenstehend. 

Die Blutgefässe geschlängelt, erweitert, von Blutkörperchen 
strotzend. Zellwucherungen an den Venen, ebenso an den Drüsen¬ 
gängen. 

Nach fünfwöchentlicher antisyphilitischer Behandlung konnte 
die Kranke entlassen werden. 

Der Fall sub 2 zeigte in Folge des infiltrirten lockeren 
Bindegewebes eine äussere After-Fistel. Es wurde die Fistel ge¬ 
spalten, ein Theil des infiltrirten Gewebes entfernt, und die Unter¬ 
suchung der Muskelfasern des Sphincter externus boten in glei¬ 
cher Weise in den Muskelfibrillen dicht gedrängte Zellwuche¬ 
rungen dar. 

Die Bündel in der Peripherie und in der Nähe der Gefässe 
infiltrirt. 

Bei Fall sub 5 wurde gleichfalls wegen schmerzhafter Rha¬ 
gaden die Sphincterotomie gemacht, und zeigte der untersuchte 
Muskel in all seinen Schnitten hochgradige Infiltration. 

In den drei übrigen Fällen wurde keine anatomische Unter¬ 
suchung vorgenommen, weil keine Sphincterotomie gemacht wurde. 
Es waren die Schmerzen bei diesen durch Wochen und Monate 
andauernd und konnten erst durch intensive allgemeine antisyphi¬ 
litische Behandlung zum Schwinden gebracht werden. 

Resumä. 

Es geht aus dieser Untersuchung hervor, dass nunmehr den 
bereits früher angeführten Muskeln auch der Sphincter ani exter- 


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Myositis syphilitica. 


31 


nus anzureihen ist, welcher in Folge von Syphilis erkrankte. In 
der [Reihenfolge dürfte dieser Muskel noch vor den Biceps brachii 
gesetzt werden. Die Affection dieses Muskels erscheint schon im 
recenten Stadium der Syphilis hier viel früher als die der ande¬ 
ren Muskeln. Sie ist von weit grösserer Wichtigkeit, weil hiebei 
die Schmerzen andauernder, intensiver und von beträchtlichen Func¬ 
tionsstörungen begleitet sind. 

Die klinischen Erscheinungen bestehen in hochgradigen 
Schmerzen, Tenesmus während und nach der Defäcation, die noch 
kurze Zeit nach der Defäcation fortdauero, die in intensiven Fällen 
aber auch Stunden und Tage lang mit grosser Heftigkeit andauern 
können. Diese Schmerzen steigern sich bei Druck von aussen und 
sind bei etwa vorhandenen Fissuren intensiver als bei den ande¬ 
ren in Folge von Syphilis afficirten Muskeln. 

Die syphilitische Affection dieses Muskels scheint auch häu¬ 
figer zu sein, als die der übrigen. Während in einem Zeiträume 
von fünf Jahren die Affection der übrigen Muskeln in meiner 
Klinik nur bei vier Kranken beobachtet wurde, ist sie in der viel 
kürzeren Zeit von anderthalb Jahren, seitdem ich derselben meine 
Aufmerksamkeit zuwandte, sechsmal vorgekommen. Hiebei sind die 
Fälle von gummöser Entartung des Rectum nicht einbezogen. 
Auffallend bleibt es immerhin, dass diese Affection des Sphincter 
vorwiegend bei Weibern vorkommt, was nur damit zu erklären 
ist, dass bei letzteren auch Papeln und Rhagaden an den After¬ 
falten häufiger Vorkommen als bei Männern. Es mag dies im Zu¬ 
sammenhang stehen mit der bei Weibern die Syphilis begleiten¬ 
den Hypersecretion der Vaginalschleimhaut, in Folge deren das 
abfliessende Secret oder Eiter auf die Schleimhaut des Afters ge¬ 
langt, dieselbe reizt und auf diese Weise mit ein Moment zur 
Entwicklung der Entzündung darbietet. 

Uebrigens erkrankt der Muskel nicht etwa in seiner ganzen 
Ausdehnung, ich fand vielmehr zwischen kranken auch unverän¬ 
derte Muskelbündel. Es mag der Grad und die Ausdehnung der 
Muskelentzündung auf die Intensität der Schmerzen einen wesent¬ 
lichen Einfluss ausüben. 

Es ergibt sich aus diesen Untersuchungen noch die weitere 
Folge, dass man nunmehr, wenn selbst alle anderen klinischen 
Erscheinungen der Syphilis geschwunden sind, und nur die durch 


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T 


32 Neumann. Myositis syphilitica. 

die Contraction des Sphincter ani verursachten Schmerzen zurück¬ 
geblieben sind, bei recenten Syphilisformen ausser den örtlichen, 
die Resorption befördernden Mitteln auch noch eine allgemeine 
Behandlung einzuleiten haben wird, und wenn die Schmerzen nicht 
schwinden, so wird die Sphincterotomie die Kranken sicher von 
den Schmerzen befreien. 

Nachdem der Sphincter ani externus beim Manne in den 
Musculus bulbocavernosus, beim Weibe in den Constrictor cunni 
übergeht, wird noch zu untersuchen sein, ob hiedurch bei erste- 
rem nicht die Austreibung der letzten Urintropfen, beim Weibe die 
Function des Muskels bezüglich der Verengerung des Scheiden- 
einganges nicht beeinträchtigt wird. 

Endlich hat die anatomische Untersuchung gelehrt, dass so¬ 
wohl die Gefässe im Perimysium, als die Kerno im Sarkolemma 
den wesentlichsten Antheil an der Entzündung bilden. 

Im tertiären Stadium treten die Lähmungsorscheinungen 
mehr in den Vordergrund mit consecutiven Veränderungen in den 
Muskeln, weil hier die Muskelsubstanz des periproctalen Binde¬ 
gewebes unter Narbenbildung zu Grunde geht, wodurch Stricturen 
oder mangelhafter Schluss des Sphincter entstehen wird. 

Wir sehen weiters aus der Untersuchung, dass unter be¬ 
günstigenden Momenten die Syphilis sich in jedem Gewebe des 
Organismus zu localisiren vermag. 


Erklärung der Abbildung auf Tafel II. 

Durchschnitt eines Muskelstückes des infiltrirten Sphincter ani ex- 

ternus. 

a Arterie; 

6 Muskelfasern mit Kern Vermehrung; 
c geschlängelte Vene mit Wucherung; 
d Gay'sehe Drüsen der Analhaut; 
e Wuchern deß interstitiellen Bindegewebes. 


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Zur Lehre von den Anomalien der 
Haarfärbung. 

Von 

Dr. H. Falken heim, 

Frivatdoeent in Königsberg. 


Die Farbe des einzelnen Haares wird bekanntlich durch die 
auf diffuser Pigmentdurchtränkung beruhende Eigenfarbe der 
Haarsubsta*nz, das in Körnchen in ihr abgelagerte Pigment und 
den Luftgehalt bedingt. Daueben kommt wegen ihres Einflusses 
auf die Reflexion des Lichtes auch der Gestalt des Haares und 
der Beschaffenheit seiner Oberfläche eine gewisse Bedeutung zu. 
Deu Hauptanthoil hat das Pigment, ein Körper so widerstands¬ 
fähig und im entwickelten Haare so wenig einer Beeinflussung 
durch den Stoffwechsel unterworfen, dass die Färbung des fertig 
gebildeten Haares, sofern sie von dem Pigment abhängt, als eine 
durch innere Ursachen nicht veränderliche anzusehen ist. Dem 
gegenüber sind die anderen die Farbe des Einzelhaares bestim¬ 
menden Momente variabler und ihnen sind jene schnellen Farben¬ 
veränderungen des Gesammthaares zur Last zu legen, welche 
wegen der Schnelligkeit ihres Eintretens nicht durch Nachwachsen 
anders gefärbten Haares erklärt, sondern auf eine Farbeu- 
verändemng der fertig gebildeten Einzelhaare zurückgeführt werden 
müssen. Für das Vorkommen eines derartigen Farbenwechsels, 
insbesondere von plötzlichem Ergrauen, liegt eine ganze Reihe von 
Mittheilungen vor, nicht nur historische Anekdoten von mehr 
minder mangelhafter Beweiskraft und ihnen gleichwerthige, zum 

Vif*rteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1888. 3 


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F a 1 lc p n h p im. 


Tlieil, wie die drastischen Beispiele BehrendV) lehren, 
völlig bedeutungslose Erzählungen, sondern auch wissenschaftlich 
genügend sichergestellte Beobachtungen. Es sei hier nur an die 
Veröffentlichungen von Brown-Sequard,*) Landois, 3 ) Rein¬ 
hard, 4 ) Räuber 3 ) u. a.*) erinnert. Wenn Kaposi,') gewiss 
einer der berufensten Beurtheiler, nichtsdestoweniger die Möglich¬ 
keit eiues derartigen, von ihm bisher nicht selbst gesehenen Vor¬ 
kommnisses in Zweifel zieht, so hebt dieser Umstand zwar nicht 
die Beweiskraft der vorliegenden Angaben auf, fordert aber zu 
einer um so genaueren Untersuchung spätorer Fälle und zur An¬ 
stellung von Controlexperimenten dringeud heraus. 

Die Farben Veränderungen des Gesammthaares, welche sich 
in Folge abweichenden Pigmentgehalts der nachgeschobenen Haar¬ 
abschnitte entwickeln, kommen entsprechend dem etwa 1 Mm. pro 
Tag betragenden Längenwachsthum der Haare all malig zu 
Stande. Bei Erwachsenen handelt es sich dabei fast ausschliess¬ 
lich um ein Hellerwerden der Haarfarbe, bedingt durch verminderte 
Anbildung von Pigment. Physiologisch ist dieses der Fall bei 
der Canities senilis, pathologisch bei der Canities praematura und 
dem Ergrauen der Haare beschränkter Gebiete im Anschluss an 
Localerkrankungeu des Nervensystems. 8 ) Diese Verminderung der 
Pigmentanbildung ist der allgemeinen Annahme nach dauernd. 
„Derjenige Haarsack, der einmal ein graues Haarstiick gebildet 

') Behrend: Haarkrankheiten in Eulen burg’s Real-Encyclopädie 
d. ges. Heilk. II. Auf!., Bd. 8, S. 557. 

•) Brown-Sequard: Experiences d^montrant que les poils peuvent 
passer rapidement du noir au blanc chez l’homme. Arch. de physiol. norm, 
et path. II, 1809, 8. 442. 

*) Landois: Das plötzliche Ergrauen der Haupthaare. Virchow’s 
Arch., Bd. 35, 8. 575. 

*) Reinhard: Ein Fall von periodischem Wechsel der Haarfarbe. 
Virchow’s Arch., Bd. 95, 337. 

r ’) Räuber: Ein Fall von periodisch wiederkehrender Haarveränderung 
bei einem Epileptiker. Virchow’s Arch., Bd. 97, S. 50. 

') Vergl. Michelson: Anomalien des Haarwachsthums und der Haar¬ 
färbung. v. Zieinssen’s Handb. d. spec. Path. u. Ther., Bd. 14, S. 154. 

7 ) Kaposi: Pathologie und Therapie der Hautkrankheiten 3. Aufl., 
S. 670. 

8 ) Vergl. Michelson 1. c.: S. 156. 


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Anomalien der Haarf&rbung. 


35 


hat, producii t in der Regel beim Fortwachsen dieses selben Haares 
oder bei einem Ersatz desselben durch ein neues in Folge des 
typischen Haarwechsels — gleichfalls ein graues Haar. Aus¬ 
nahmsweise geschieht es, dass ein Stück gefärbtes Haar 
producirt wird, nachdem Monate lang das Haar farblos 
gebildet wurde; und ein solcher Wechsel der Er¬ 
nährungsverhältnisse kann an einem und demselben 
Haare wiederholt eintreten.“') Das von der Regel ab¬ 
weichende Verhalten wurde nun in einem Falle von Canities 
praematura so häufig constatirt, dass eine kurze Mittheilung darüber 
nicht überflüssig erscheint. 

Pat., Kaufmann, 33 Jahre alt stammt aus angeblich gesunder 
Familie, will selbst bis auf eine gewisse „Nervosität“ immer 
gesund gewesen sein, hat nie an heftigeren Kopfschmerzen gelitten. 
Seine Beschäftigung ist bisher weder körperlich sehr anstrengend 
noch aufregend gewesen. Vor etwa zehn Jahren fing sein Haupthaar 
an zu ergrauen. Stärkeres Ausfallen der Haare ist nie beobachtet 
worden. Die Klagen des etwas anämischen Pat. beziehen sich auf 
allgemeine nervöse Beschwerden. Rechte Pupille weiter wie die linke. 
Die Untersuchung der inneren Organe ergibt nichts Abnormes. Wäh¬ 
rend das Barthaar schwarzbraun ist, erscheint das circa 5 Ctm. lang 
getragene Haupthaar stark grau melirt. Mit zahlreichen weissen 
Haaren wechseln dunkel gefärbte. Der Haarwuchs ist dicht, die einzel¬ 
nen Haare sitzen fest in der normal beschaffenen Kopfhaut. Beim 
Kämmen werden täglich nur wenige Haare entfernt, theils weisse, 
theils schwarze, aber, wie der aus besonderen Gründen daraufhin be¬ 
fragt« Pat. erklärte, auch in den einzelnen Längsabschnitten ver¬ 
schieden gefärbte. Bereits am nächsten Tage brachte Pat. mehrere 
derartige Haare mit. Es war in wechselnder Ausdehnung der untere 
Theil dunkelbraun, der obere weiss. Die mikroskopische Untersuchung 
ergab, dass die Farbendiffereuz auf einem verschiedenen Gehalt 
an Pigment beruhte, welches sowohl körnig wie diffus in den 
hellen Partien in viel geringerer Menge, als in den dunkeln vor¬ 
handen war, ja mitunter fast völlig fehlte. Der Luftgehalt war 
im Wesentlichen gleich. Gelegentlich erschien der Dickendurch- 


Pincus: Ueber Canities senilis und praematura. Vircbow’s Arch., 
Bd. 45, S. 181. 


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F a 1 k e n h e 1 m. 


raesser des Haares in dem weniger gefärbten Theile etwas grösser, 
doch fand sich auch das umgekehrte Verhalten, so dass ein con- 
stanter Unterschied nicht nachweisbar war. Dieser Befund ist 
wiederholt erhoben worden. Es waren regelmässig solche Haare 
in mehreren Exemplaren unter den wenigen vorhanden, welche 
heim Kämmen des Haupthaares resp. beim scharfen Hindurch- 
fahreu mit der Hand gelockert wurden. Gelegentlich wurden auch 
Haare gefunden, die, unten und oben weiss, nur in der Mitte einen 
braunen Ring von wechselnder Breite (in einem Falle z. B. von 
circa 15 Ctm.) zeigten. Es hörte also in diesem Falle die An¬ 
bildung von pigmentführender Haarsubstanz nicht, wie es die 
Regel ist, defiuitiv auf, sondern sistirte bei einer grösseren An¬ 
zahl von Haaren nur für eine gewisse Zeit, um dann aufs Neue 
zu beginnen. Bei einzelnen, den geringelten, erlosch sie allerdings 
sehr bald wieder. 

Inwieweit es gerechtfertigt ist wegen dieser reichlichen 
Auffindung von derartig doppelt gefärbten Haaren dem Falle 
eine gewisse Sonderstellung einzuräumen, darüber enthalte ich 
mich, da mir keine weiteren Erfahrungen aus Controlunter¬ 
suchungen zu Gebote stehen, des Urtheils; vielleicht aber würde 
es sich bei weiterer Nachforschung ergeben, dass die Canities 
praematura, welche gemeinhin mit der senilen in Analogie gesetzt 
wird, sich dadurch von dieser in gewissem Sinne unterscheidet, 
dass bei ihr häufiger ein solches Erlahmen und Wiederaufflackern 
der Pigmentbildung zu constatiren ist. 

Dass übrigens ein beträchtlicher Theil des Haupthaares 
streckenw T eise farblos gebildet wird, ist ausnehmend selten. Es 
liegt dafür anscheinend nur die wegen des mangelnden mikro¬ 
skopischen Befundes unvollständige Mittheiluug von Riehelot, *) 
ein siebzehnjähriges Mädchen betreffend, vor, bei welchem in der 
Zeit, als es au Chlorose litt, ein Theil der Haare farblos, nach der 
Heilung aber wieder braun wuchs, so dass Pat. viele Haare hatte, 
die eine Strecke von 2 Zoll weiss waren. 

Derartige Fälle, in welchen in Folge von Ernährungs¬ 
störungen vorwiegend nur die Pigmententwickelung Einbusse er¬ 
fährt, während die Einzelhaare unter fortgeheuder Anbildung von 


‘J Kiclielot, Ref. Prag. Vierteljahresschr. 1845, Bd. 3, Analekten S. 79. 


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Anomalien der Haarfärbung. 


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mehr minder farbloser Haarsubstauz noch weiter wachsen, dürften 
den Uebergang zu jenen Fällen darstellen, in welchen, wie nach 
consumirenden Allgemeineikrankungen, die formative Thätigkeit 
insgesammt so beträchtlich Schaden nimmt, dass zunächst die 
alten Haare ausfallen und erst nach einiger Zeit durch neue an¬ 
fänglich wenig, später mehr pigmentirte ersetzt werden. Der 
Nachwuchs bekommt dabei, wie die bei Micholson 1 ) erwähnten 
Beobachtungen lehren, nicht immer die frühere Haarfarbe. Die 
Pigmentproduction kann weniger reichlich bleiben, kann aber auch 
so übermässig gesteigert sein, dass eine dunklere Färbung resultirt. 

') Michelson 1. c. S. 157. Vergl. auch Eble: Die Lehre von den 
Haaren. Bd. 2, S. 262, Fall von Villerme. 


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Ueber Veränderungen der Vaginalschleimhaut von 
an chronischer Gonorrhöe leidenden Prostituirten. 


Von 

Dr. Oberländer, 

König]. Polizeiarzt in Dresden. 

(Hiezu Tafel III.) 


Es ist ein zum grossen Theil noch unaufgeklärtes Vor- 
kommniss, wie die vielen Tripperansteckungen nach Cohabitationen 
mit Prostituirten zu Stande kommen. Dieselben stehen scheinbar 
in einem grossen Missverhältniss zu der Möglichkeit, frische oder 
ältere Blennorrhöen bei diesen Personen nachzuweisen. Es ist ja nur 
eine geringe Aneahl von Aerzten, denen die betreffenden amtlichen 
Untersuchungen anvertraut werden können und in der Hauptsache 
muss das Hauptaugenmerk derselben ja auch auf etwa vorhandene 
Symptome von Syphilis sich richten. In einzelnen Städten wird 
überhaupt gesetzlich nur das letztere verlangt und was von dem 
zu den amtlichen Untersuchungen angestellten Arzte gesetzlich 
nicht verlangt wird, dazu ist er ja auch dann weder berechtigt, 
noch weniger verpflichtet; ein Standpunkt, welchen jeder Beamte 
— er mag sein, wer er wolle — einzuhalten hat. Erstreckt sich 
die gesetzliche Vorschrift betreffs der amtlichen Untersuchungen 
darauf, jede ansteckende, speciell jede geschlechtlich ansteckende 
Erkrankung zu controliren, so befand sich der Untersuchende 
bezüglich der Tripperansteckungen in einer übleu Lage. Vor dem' 
Bekanntwerdeu der Gonococcen und deren Verbreitung wurde der 
Sitz der Ansteckung in die verschiedensten Bezirke der Vaginal¬ 
schleimhaut verlegt; so sollte das untrügliche Zeichen vorhandener 
Gonorrhöe einmal Urethralausfluss, ein anderesmal Eiter aus den 


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Oberländer. 


Abscessen der Bartholinischen Drüsen sein, ein Dritter verlegte 
den Sitz in die Schleimhaut des collum uteri u. s. w. Wie es sich 
später durch die Untersuchungen von Neisser und Bumm, die 
ich als bekannt voraussetze, herausgestellt hat, batte dabei Niemand 
Unrecht. Die genannten Herren fanden die Gonococcen als unzweifel¬ 
hafte Träger des infectiösen Virus an allen den genannten Stellen.') 

Mit der Auffindung der Gonococcen ist nun freilich der 
Wissenschaft ein Dienst erwiesen worden, dem Arzte, welcher 
die amtlichen Untersuchungen zu führen hat, konnte bis zu 
einem gewissen Grade thatsächlich kein grösseres Danaerge¬ 
schenk geboten werden. Es lag von vornherein auf der Hand, 
dass die untersuchenden Aerzte unmöglich sich darauf ein¬ 
lassen konnten, die betreffenden Genitalschläuche nach etwa 
darin vorhandenen Gonococcenuestern zu durchstöbern, man konnte 
sich also nur darauf beschränken, auf der Hand liegende und mit 
blossem Auge untrüglich als solche erkennbare gonorrhoische 
Ansteckungen dem Hospitale als iufectiös zur Heilung zu über¬ 
geben. Das waren und blieben aber recht wenig und die Heilung 
der wenigen Fälle war überall recht problematisch. Die Pro¬ 
stitution gilt natürlich mit vollem Rechte als der personificirte 
Träger des gonorrhoischen Giftes, dies beweisen neben den un¬ 
zählbaren Tripperansteckungen, welche sie austheilt, die wenigstens 
von mir in Dresden zahlreich beobachteten gonorrhoischen Er¬ 
krankungen der inneren Geschlechtsorgane, die den älteren Col- 
legeu einfach unter dem Namen Colica scortorum bekannt sind. 
Eine grosse Anzahl der vorkommenden Ansteckuugeu wird dem¬ 
gemäss durch von den inueren Geschlechtsorganen vorfliessende in- 
fectiöse Secrete bei der Cohabitiruug bewirkt werden können. 
Ich glaube mich nach meiner Erfahrung nicht zu täuschen und 
andere klarsehende Collegeu, welche eine gleiche Erfahrung haben, 
werden mir beiptlichten, wenn ich behaupte, dass jede Prostituirte, 
nicht blos die, welche ihren Namen mit Recht verdient, gouor- 
rhoisch inficirt wird, früher oder später, stark oder schwach, und 
•es bleibt, je nach der Trägerin der Infection, auf längere oder auf 
kürzere Zeit. Mau muss daher die Folgozustände der gonor- 

') In der Zeit zwischen der Abfassung und dem Erscheinen dieser 
Arbeit haben sich die Verhältnisse über die Bedeutung der Gonococcen sehr 
zu rngunsten der letzteren verschoben. 


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Veränderung d. Vaginalschleitnh. von an chron. Oonorrliöe leidend. Prostituirten. 41 


rhoischen Infection in allen möglichen Phasen bei ihnen beobachten 
können. Umsomehr wird dies der Fall sein müssen, als der 
Krankheitsprocess nur in sehr seltenen Fällen ärztliche Behandlung 
fiudet und der Abusus sexualis, in welchem das Gewerbe der 
Trägerinnen besteht, unter allen Umständen den Heilungsprocess 
nicht begünstigen, im Gegentheil zur Verbreitung desselben bei¬ 
tragen und vorhandene Erkrankungen der Schleimhaut hartnäckiger 
in Form und Ausbreitung machen wird. 

Bei meinen Studien über die pathologischen Vorgänge auf 
und in der männlichen Harnröbreuscbleimhaut bei chronischer 
Gonorrhöe musste ich in meiner Stellung als hiesiger Polizeiarzt 
bei der Untersuchung von Prostituirten in der Lage sein, ver¬ 
gleichende Beobachtungen anzustellen, inwieweit sich ähnliche 
Vorgänge auf der Vaginalschleimhaut der von mir Untersuchten 
zeigten, denn es war von vornherein sehr wahrscheinlich, dass die 
bei jenen einmal vorhandenen gonorrhoischen Schleimhautaffectioneu 
aus den schon erwähnten Gründen sich zu ganz besonders aus¬ 
gebildeten Formen würden entwickeln können. Namentlich musste 
dies auch der Fall sein, wenn sich der Iufectiousherd am Introitus 
vaginae befand, weil dies derjenige Theil der Genitalien ist, 
welcher bei dem betreffenden Gewerbe am meisten unter den 
Excessen zu leiden hat und an dem sich auch sonst bei weitem am 
häufigsten die übrigen in Frage kommenden Erkrankungen zeigen. 

Bei dem äusserst schleppenden Verlauf, den die chronisch 
gonorrhoischen Vorgänge auf der Schleiraheit der männlichen 
Harnröhrenschleimhaut zeigen, war es zu vermuthen, dass sich 
dasselbe auch bei den in Rede stehenden Erkraukungsformen am 
Introitus vaginae zeigen würde. Da die Prostituirten in der 
Regel selten lange Zeit an einem Orte verweilen, sondern nament¬ 
lich in jüngeren Jahren häufig und gern ihr Domicil wechseln, 
so war es in diesem Falle für mich als ein ganz besonderer 
Glücksumstand anzusehen, dass hier in Dresden, durch eigen- 
thümliche örtliche und behördliche Verhältnisse bedingt, ein 
anderer, gewissermassen patriarchalischer Gebrauch herrscht. 
Denn eine grosse Anzahl der Prostituirten bleibt hier zehn, ja fünfzehn 
Jahre in steter polizeiärztlicher Controle, oder wenigstens kommt 
ein grosser Theil entsprechend dem Sprichworte „on revient tou- 
jours sur ses Premiers jours d’amour“ nach kürzeren oder längeren 


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Oberland v r. 


auswärtigen Studien wieder hieher zurück, um zu bleiben. Diesem 
Umstande verdanke ich denn auch die Möglichkeit, dass ich 
meine Beobachtungen mit grosser Genauigkeit eine genügend 
lange Zeit fortsetzen konnte und dass ich über den Verlauf der 
unten näher beschriebenen Veränderungen genaueste Auskunft zu 
geben in der Lage bin. In der Beschreibung der betreffenden 
Schleimhautveränderungen habe ich stets Bezug genommen auf 
die von mir im vorigen Jahre hier erschienene Arbeit: „Ueber 
die Pathologie und Therapie des chronischen Trippers.“ 
Als ein Anhang zu ersterer bitte ich auch das im Nachfolgenden 
Geschilderte zu betrachten, ebenso wie zum vollen Verständniss 
desselben die wenigstens oberflächliche Kenntniss des betreffenden 
Inhaltes vorausgesezt werden muss. Bei der grossen Wichtigkeit 
und schrankenlosen Verbreitung der gonorrhoischen Erkrankungen 
dürfte auch für den Gynäkologen die Kenntniss der geschilderten 
Vorkommnisse nicht ohne Wichtigkeit sein. Sicher genug Grund 
zur Rechtfertigung, die Aufmerksamkeit der Leser auf einige Zeit 
zu beanspruchen. 

Die chronische Bleuuorrhöe der männlichen Harnröhre erzeugt 
in der Hauptsache zwei Hauptarten von Entzündungen. 

Die eine besteht in einer Infiltration der ganzen 
Schleimhaut, welche von einer entzündlichen Hyper¬ 
trophie der Littre’schen Drüsen auszugehen scheint. Die 
normal nicht sichtbaren Mündungen derselben werden durch die 
Entzündung im Drüsenkörper und dessen Umgebung 
sichtbar und haben unter Umständen eine hämorrhagische Fär¬ 
bung zum Zeichen der in ihnen und ihrer Umgebung stattfin¬ 
denden Entzündungsvorgänge. Dieser ursprüngliche Charakter der 
Affection verliert sich in den stärker ausgebildeten Formen und 
es beginnt dann von diesen kleineu circumscripten Herden aus 
eine kleinkörnige Infiltration der gesummten Mucosa sich zu 
entwickeln. In hochgradigen solchen Fällen ist die Schleimhaut 
alsdann in eine uugleichmässig erhabene, an der Ober¬ 
fläche grauulirt erscheinende Masse verwandelt, die je nach 
dem Blutgehalt der Schleimhaut eine blassrosa bis roth- 
gelbe Färbung hat. An anderen Stellen macht sie deutlich 
einen glasigen Eindruck. Geht die Infiltration tiefer, so hat sich 
dieser Eindruck verloren und sie ist ausserordentlich unnachgiebig, 


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Verämlerang, d. Vaginalsclileimh. von an chrou. Gonorrhöe leidend. Prostituirten. 43 


in hohen Ausbildungsgraden vollkommen unelastisch, reisst oder 
vielmehr platzt beim Entriren mit dem Tubus entsprechend der 
ganzen Tiefe der Infiltration auseinander, die Risse bluten stark. 
— Zweifellos sind also in diesen Partien die elastischen Elemente 
der Mucosa entsprechend verloren gegangen. In späteren Stadien 
findet alsdann unregelmässig eine maschenförmige Vernarbung 
in diesen Theilen statt. 

Auf der Vaginalschleimhaut von Prostituirten habe ich ent¬ 
sprechende Vorgänge an den Karunkeln der Urethra gefunden. 
Es kann nicht Wunder nehmen, dass gerade die Harnröhre zum 
Sitze dieser Vorgänge ebenfalls beim Weibe ausersehen ist, denn 
die acute gonorrhoische Infection hat mit Vorliebe auch dort ihren 
Sitz. Die fragliche Affection beginnt daselbst entsprechend den 
Vorgängen auf der männlichen Harnröhrenschleimhaut mit leichten 
glasigen Anschwellungen der Karunkeln, welche einem Ectropium 
ähnlich sehen und wohl auch dem Unkundigen einen leichten 
Prolaps der oberen Scheidenschleimhaut bei flüchtigem Hinsehen 
Vortäuschen könnten. 

Die glasigen Schwellungen finden jedoch zumeist gleichmässig 
um das ganze Orificium extern, herum, wenn auch an der unteren 
Hälfte derselben räumlich am meisten ausgedehnt, statt. Schon in 
diesem Stadium zeigen sich die Innenflächen der Lippen desOrificiums 
sehr oft flach geschwürig; diese Stellen heilen unter entsprechender 
Behandlung zumeist leicht zu, um in unregelmässigen Pausen 
wieder aufzubrechen. Auf dieser Entwicklungsstufe kann die Er¬ 
krankung stehen bleiben und sich Jahre lang unverändert erhalten. 
Die glasig geschwollenen Lippen des Orificiums bekommen 
namentlich in den ersten Quartalen leicht diese Erosionen wieder, 
ohne dass sie sich etwa besonders in ihrem Charakter verändern 
sollten. In den sich weiter entwickelnden Fällen wachsen diese 
hypertrophischen gonorrhoischen Karunkeln weiter, so dass sie 
eine Grösse von mindestens einer grossen Kirsche, aber auch 
noch darüber erreichen können. Alsdann sind sie eine unregel¬ 
mässig höckrige Masse, wie eine unregelmässig gestaltete Himbeere 
oder ein blumenkohlartiger Auswuchs von blassrosa Färbung, die 
unter Umständen bei Anämischen einen grauen glasigen Ton hat, 
der an chronisch hydropische Zustände in Schleimhäuten erinnert. 
Ihre Consistenz ist unnachgiebig prallelastisch. — Die Ausbreitung 


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0 b e r 1 A n d <* r. 


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dieser Geschwulst findet. zumeist in der Richtung nach der Vagina 
zu statt, so dass das Orificium circa an der Grenze des oberen 
Viertels derselben zu liegen kommt. Die Lippen klaffen zumeist 
etwas auseinander und sind ebenfalls sehr oft uleerirt oder doch 
wenigstens hochroth geiärbt. hier und da mit deutlichen kleinen 
Granulationen besetzt. Seltener finden siel) inmitten der Ge¬ 
schwulst hypertrophische Schleimdrüsen und wenn sie vorhanden 
sind, selten allein, sondern immer mehrere zusammen. 

In dieser hochgradig hypertrophischen Foim ist das ge¬ 
schilderte Krankheitsbild in seinem Vorkommen nicht häutig. 
Unter den circa 600—80<> Prostituirten. welche mir im Verlaufe 
von vierzehn Tagen zur Untersuchung zugewiesen werden, habe ich 
mindestens einen derartig schön ausgebildeteu Fall, ge¬ 
ringer aus ge bildete in grosser Anzahl. 

Noch öfter als au den Karuukeln der Harnröhre findet sich 
eine solche hypertrophische Entzündung au den Carunculae 
myrtiformes bei Prostituirten. Entsprechend den unregel¬ 
mässigen Formen derselben sind sie alsdann analog unregelmässig 
geformt, welcher Eindruck noch dadurch erhöht wird, dass blos 
ihr einer oder anderer Zipfel sich in solchem chronisch entzündeten 
Zustande befindet. So sieht man unter Umständen au einem 
centimeterlangeu, federkiclstarkou Stiele vielleicht eine erbscu- 
grosse rundliche Geschwulst. In der Hauptsache siud sie jedoch 
gleichmässig hypertrophisch und in Farbe der umgebenden 
Schleimhaut ähnlich. Drüsen finden sich nicht an ihnen gezeichnet, 
hingegen siud die Flächen, mit denen sie an der Vaginalwand 
anliegeu, häufig hochroth entzündet und dort auch namentlich in 
den Aniangsstadien sehr häufig uleerirt und zwar tiefer, als die 
Lippen des Oritieiums es in der vorhergeschilderten Weise zu 
sein pflegen. Die Entstehung der Entzündung au den 
Karuukeln erklärt sich sehr einfach durch Fortpflanzung des 
gonorrhoischen Eutzüuduugsprocesses von den Barth oliui’schen 
Drüsen aus, welche im acuten Stadium regelmässig mit befallen 
zu sein pflegen. 

ln welchem Zeiträume nach der infectiou sich diese Eut- 
züudungsprocessc bis zu der geschilderten Grösse ausbilden 
können, lässt sich, den analogen Processen auf der Harnröhren¬ 
schleimhaut entsprechend, nicht bestimmt angeben. Ein Jahr 


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Veränderung, d. Vaginalsehlennh. von an ehren, fiononhoe leidend. Prostituirten. 45 


post iDfectionem dürfte es mindestens dauern, sicher aber auch 
noch längere Zeit, ehe sich überhaupt bemerkenswerthe Er¬ 
scheinungen von hypertropbisirender Schwellung an den Karunkeln 
zeigen können. Die hochgradigen Vergrösserungen von Karunkeln 
dürften mindestens Monate zur Entwickelung erfordern. In den 
meisten Fällen ist das Verhältniss so, dass sich die Processe in 
einem gewissen Zeiträume, ein bis sechs Monate, bis zu einer 
bestimmten Grösse ausbilden und dann lange Zeit unverändert 
fortbestehen. Ich habe in einzelnen Fällen fast zehn Jahre wenig 
Veränderung an den grossen Karunkelgeschwiilsten beobachten 
können. — Vernarbungsstadien wie regelmässig bei den 
identischen Affectionen der Harnröhrensehleimhaut habe ich bis 
jetzt keine Gelegenheit gehabt zu constatiren. 

Man muss nun annehmen, da sich ähnliche Vorgänge an 
gonorrhoisch affieirten, aber nicht der Prostitution huldigenden 
Frauenspersonen bis jetzt nicht constatiren Hessen, dass die ge¬ 
schilderten Processe durch den Missbrauch der Genitalien in den 
in Frage kommenden Fällen und der gonorrhoischen Infection 
zusamraeugenommen bedingt werden. Thatsäcblich sind es ja auch 
diejenigen Partien der Genitalien, welche bei der Ausübung des 
betreffenden Gewerbes am meisten strapazirt, werden, auch sind 
es gegenüber der übrigen Vaginalschleimhaut die anatomisch we¬ 
niger resistent construirteu Gebilde, die zudem noch der gonor¬ 
rhoischen Infection al primo ausgesetzt sind. Also Gründe genug 
zu fortdauerndem chronischen Reizzustand sind ja vorhanden. 

In den Fällen, wo ich Seeret von den ulcerirenden Flächen 
entnahm, konnte ich stets Gonococcen darin constatiren. 

Es wäre äusserst merkwürdig, wenn sich der gonorrhoische 
Eutzüuduugsprocess bei seiner grossen Hartnäckigkeit, einmal an 
den Karunkeln der Harnröhre sesshaft, ebenso sehr oft in der 
Blase beobachtet, nicht auch als chronisches Vorkommniss 
auf der weiblichen Haruröhreuschleimhaut linden sollte. l)ie ein¬ 
schlägige Literatur gibt darüber keinen Aufschluss. Als Nicht- 
gynäkologe bin ich seltener in der Lage, weibliche Harnröhren 
zu untersuchen, in den Fällen aber, welche mir von Collegen zur 
Urethroskopirung zugewiesen wurden, ist es mir stets gelungen, 
chronisch entzündliche Processe auf der Harnröhrenschleimhaut 
nachzuweisen. Dieselben waren durchgängig gonorrhoischer Natur. 


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0 p r 1 ft n tl p r. 


d. h. es fanden sich noch andere Anzeichen gonorrhoischer In- 
fection. In welche der von mir in der „Pathologie des chro¬ 
nischen Trippers“ geschilderten Species dieselben einzureihen 
gewesen wären, muss ich hier unerörtert lassen. Alle waren einer 
Besserling, eventuell Heilung durch von mir ausgeführte 
Dilatationen zugänglich. 1 ) Es dürfte eine thatsächlich vorhandene 
Lücke ausgefüllt werden, wenn die Kenntniss dieser zweifels¬ 
ohne nicht so seltenen Erkrankungen in sachgemässer 
Weise durch elektro - endoskopische Studien festgestellt 
würde. Ich habe im letzten Jahre vier wohl constatirte Fälle 
solcher chronischer strieturireuder Entzündungen der weiblichen 
Urethra auf Grund gonorrhoischer Infection beobachtet. Alle waren 
schon über Jahresfi ist leidend und hatten in der Behandlung meh¬ 
rerer namhafter Gynäkologen gestanden, ohne dass eine Besserung 
ihres Zustandes herbeigeführt worden wäre'. 

Die Aehnlichkoit, resp. Identität des im Vorstehenden 
geschilderten Kraukheits vo rganges der Karunkeln mit der 
Urethritis glaudularis hypertrophiea granul ans*) lässt 
sich folgendem]assen begründen. Aetiologisch würde die gonor¬ 
rhoische Infection unbedingt beiden gemeinsam sein. Deu 
Termin nach der Infection, in welcher dieselbe, sich zuerst zeigen 
kann, die langsame Art der Entwickelung haben sie ebenfalls 
gleich. Ebenso ist der ganze pathologische Charakter der 
hypertrophischen Neubildung an den Karunkeln und die granu- 
lirte Zone in der betreffenden Entzündungsform überaus ähnlich. 
Bei beiden handelt es sich um eine besondere Art granu¬ 
lärer Wucherung ganz besonderer und sonst nicht beobach¬ 
toter Art, welche beide auf gonorrhoisch inficirtem Boden ent¬ 
standen sind. Die total verschiedene Grössen-Ausbildung erklärt 
sich durch die Verschiedenheit der räumlichen Verhältnisse. 
Bei den Karunkeln ist der Neubildung durch keinerlei 
einengoudo Umgebung »Schranken auferlegt, und sie 
entwickelt sich denn auch zu der beschriebenen respectableu 
Grösse, deu Contouren ihrer Unterlage entsprechend. In dem 
runden Rohre der Harnröhrenschleimhaut sind der Aus- 

*) Cfr. die betreffenden Stellen in meiner „Therapie des chroni¬ 
schen T rippers.“ 

2 ) Cfr. 1. c. p. 519—521 (Jahrgang 1887 dieser Vierteljahresschrift). 


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Veränderung, d. Vaginalschleimh. von an chron. Gonorrhöe leidend. Prostituirten. 47 


breitung der granulären Neubildung an sieh schon bestimm- 
tere Grenzen gesetzt, die durch das häufige Passiren des 
Urinstrahles, durch die Erectionen und Cohabitationen, endlich 
durch die ausserordentliche Locomobilität des Organs noch enger 
und bestimmter werden. In der geringeren Grössenausbildung 
dürfte demnach kein Hinderniss dafür zu suchen sein, diese beiden 
Processe nicht für identisch zu halten. Für die Vernarbung in 
einer bestimmten Zeit, d. h. sobald die Wucherung eine gewisse 
Grösse erlangt hätte, liegt bei den Karunkeln keinerlei 
Grund vor. Anders liegen die Verhältnisse in der Harn¬ 
röhre. Die hypertrophische granuläre Wucherung stellt ein wenig 
resistenzfähiges Gebilde dar, in demselben existiren keine elasti¬ 
schen Elemente. Im Gegentheile dürften dieselben, wenn nicht zu 
Grunde gegangen, so doch durch die Neubildung weit auseinander 
gedrängt und functionsunfähig geworden sein. Sie werden daher 
den unausbleiblich und fortwährend mit dem Orgaue verknüpften 
Läsionen keinerlei Widerstand entgegensetzen können und so der 
Vernarbung einen günstigen Boden schäften. Dass sich Vorgänge: 
wie kleine Blutungen durch starke Ausdehnung bei den Functionen 
u. s. w. sehr reichlich innerhalb der fraglichen Entzündungszone 
abspielen müssen, wird unwiderleglich durch die fortwährend zu 
constatirende hämorrhagische Tingirung der hypertrophischen Lit- 
tre’schen Drüsen') bewiesen. 

* 

Eine ausserordentliche Uebereinstimmung im Aussehen 
zeigen die Anfänge der Affection. ‘Ich schilderte schon, wie 
zumeist die Lippen des Orificium ext. mit geringer Hypertrophie 
der Karunkeln durch harte, glasige Anschwellung, welche monate¬ 
lang persistirtg, Ectropium - ähnelnde Zustände erzeugen kann. 
Diesen sind die glasigen Schwellungen am Orificium ex- 
ternum der männlichen Harnröhre bei Urethritis glandu¬ 
laris proliferans 2 ) sehr ähnlich. — Wie man also sieht, 
haben diese beiden fraglichen Krankheitsprocesse viel Ueberein- 
stimmendes. 

Es musste mir bei der Neuheit und Originalität meiner 
pathologischen Schilderungen in der „Pathologie und Therapie 

') Cfr. 1 . c. p. 494. 

: ) Cfr. 1. c. p. 512. 


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Oberländer. 


des chronischen Trippers“, für welche exactes Beweismaterial 
so sehr schwer zu beschaffen war, vor allem Anderen auch daran 
gelegen sein, analoge und leicht zugänglich zu machende Vor¬ 
gänge beim weiblichen Geschlechte zu finden. Ich glaube es für 
diese Species gethan zu haben. Noch eclatanter wird es bei 
der zweiten noch zu schildernden Entzündungsform hervortreten. 

Die zweite Hauptart von chronisch-gonorrhoischen Ver¬ 
änderungen der männlichen Harnröhrenschleimhaut besteht in fol- 
liculärer und perifolliculärer Entzündung der Schleim¬ 
drüsen in einer grossen Ausdehnung. Trotzdem dieselbe 
thatsächlich aus einzelnen grösseren oder kleineren umschriebenen 
Herden besteht, präsentirt sie zumeist eine einförmige, glatte 
Oberfläche. Dieselbe ist, da die Schleimproduetion in den folliculär 
entzündeten Drüsen aufgehört hat, ganz trocken und mit einer 
leicht aufhaftenden Epithelproliferation bedeckt, welche 
durch den darüber hinweglaufenden Urin immer sehr feucht er¬ 
halten wird und eine schmierige gelbbräunliche Masse bildet. 

Nach unter Umständen jahrelanger Andauer kann sich diese 
Entzündung resorbiren, jedoch geht dabei ein grösserer oder 
kleinerer Tlieil der betreffenden Schleimhaut mit zu Grunde. Eine 
Ulcerirung findet an solchen »Stellen nicht statt.’) An der 
Leiche lasseu sich sehr oft derartige Narben, die am Lebenden 
lyethroskopisch schwerer nachzuweisen sind, constatiren. 

Aehnliclie Vorgänge finden sich auch häufig auf der 
Vagin alschleimhaut, resp. in dem Introitus vaginae und noch 
eine kurze Strecke hinter demselben bei Prostituirten, welche au 
chronischer Gouorrhöe lcideu. Wie ich schon vorn erwähnte, kann 
es gar nicht Wunder nehmen, wenn sich vor Allem auch gerade 
dort diese Aftectioneu befinden, da bei dem laug fortgesetzten 
Abusus sexualis zweifelsohne diese Partie stets am meisten stra- 
pazirt wird. Die Anfaugsstadieu dieser Aflection sind weniger stark 
ausgeprägt als die späteren, wo es sich bereits um eine tlieil - 
weise Vernarbung, resp. um ein theilweises Zugrundegegaugenseiu 
der »Schleimhaut handelt. 

Die scheinbar frühesten Anfänge präsentireu sich als glatte 
Flecken, welche deutlich geringeren Glanz haben als ihre Um- 

’) Weiteres cf. 1. c. pag. 529 — 534. 


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Veränderung, d. Vaginalschleimh. von an cliron. Gonorrhöe leidend. Prostituirten. 49 


gebuug, sie finden sich auf der Innenfläche der Nymphen 
vor, hinter und zwischen den Carunculae myrtiformes. 
Sie können etwas über das Niveau der umgebenden Schleimhaut 
erhaben oder demselben gleich sein und werden zumeist durch ihre 
glatte Oberfläche und durch das darauf haftende, in krümeligen 
Massen sich ballende graulich-weisse Epithel erkannt. Letzteres 
lässt sich mit dem Tampon wegwischen. Die dann ganz gereinigte 
Oberfläche der erkrankten Stelle hat nach dem Alter und der 
Mächtigkeit der darin sitzenden Entzündung verschiedene Beschaf¬ 
fenheit. Die im Anfang mattglänzende glatte Beschaffenheit kann 
sich allmälig verlieren und einer Vertiefung an dieser Stelle Platz 
machen. Darüber vergehen zumeist Jahre und die Umwandlung 
vollzieht sich nur ganz allmälig, so dass man zumeist dieselbe 
erst gewahr wird, wenn sie sich vollkommen narbig ausgebildet 
hat. In der ganzen Zwischenzeit findet man den geschilderten 
Epithelbelag in gleicher Weise. Bezüglich seiner Quantität scheint 
er von der Stärke der Entzündung abhängig zu sein. 

Die weniger tief gehende Entzündung, welche rein in 
der Mucosa zu sitzen scheint, endet nach einer unbestimmt lan¬ 
gen, immer Jahre währenden Dauer mit einer Narbenbildung, 
welche die ganze erkrankt gewesene Stelle einnimmt. Doch macht 
dieselbe im Allgemeinen einen mehr glatten Eindruck und sie 
kann an einzelnen Stellen stecknadelkopfgrosse grübchenförmige 
Vertiefungen zeigen, vermuthlich die narbigen Ueberreste der zu 
Grunde gegangenen Follikel. 

Ist die Entzündung tief ergehend gewesen und hat sie 
noch das submucöse Gewebe in einer bestimmten Ausdehnung 
mit ergriffen gehabt, so ist es möglich, dass das Anfangsstadium 
der trockenen Entzündung einen etwas erhabenen Eindruck machen 
kann, sonst scheint es den weniger ausgebildeten Formen aber 
ähnlich zu sein, sicher wird es oft ebenfalls übersehen werden können. 
Auch hier bin ich eigentlich auch erst durch den Befund der nar¬ 
bigen Partie gewissermassen aufmerksam geworden. Dieselbe ist deut¬ 
lich mehr oder weniger unregelmässig vertieft und kann 
einen glatten narbig glänzenden Grund zeigen oder durch 
deutlich strahlige Narbenzüge unterbrochen werden. Die¬ 
selben scheinen manchmal von einem bestimmten Punkte auszu¬ 
gehen. Jedenfalls ist in noch viel ausgeprägterem Masse als in 

Vierte]jahre8ßchrift f. Dermatol, u. Syph. 1888. 4 


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50 


Oberländer. 


den geringgradigen Füllen daselbst Schleimhaut und das sub- 
lnuküso Gewebe total zu Grunde gegangen. Bis zur voll¬ 
kommenen Vernarbung brauchen solche Defecte zweifelsohne noch 
längere Zeit als die flachen Narben. . 

Der geschilderte Epithelbelag scheint, wie schon erwähnt, 
noch mächtiger au diesen Stellen zu sein und bedeckt hie und 
da in dichter Schicht die vertieften Partien, auch noch 
nach dem Abwaschen derselben. In der Färbung unter¬ 
scheiden sich diese Flecken im Allgemeinen nicht wesentlich von 
der Umgebung, sie sind eher etwas blässer. Ihre Figuration ist 
in der Kogel oval, sie liegen entweder in der Richtung der be¬ 
treffenden Schloimhautfalto oder sie richten sich nicht nach der¬ 
selben und überbröcken eine oder mehrere solche. Ihre Länge 
beträgt */„ bis höchstens 2 Centimetor bei ovaler Gestalt ent¬ 
sprechender Breite. 

Namentlich in den weniger starken Fällen, wo die Vernar¬ 
bung beginnt und schon vollendet ist, findet sich so ausser¬ 
ordentlich häufig, dass man es fast regelmässig nennen 
könnte, in und um die narbigen Partien eine schwarze 
Pigmentablagerung. Dieselbe steht in ihrer Menge zu¬ 
meist in gleichem Verhältnis zur Grösse des nekroti¬ 
schen Fleckes in der Schleimhaut und scheint sich zu 
gleicher Zeit mit der narbigen Schrumpfung zu bilden. 
In einzelnen Fällen, wo es möglich war, diese pigmentirten Defecte 
in der Schleimhaut Jahre lang zu verfolgen, konnte ich deutlich 
eonstatireu, wie sich dieselben allmälig im Niveau fast wieder 
ausglichen. Namentlich schien mir dies bei denjenigen, welche mit 
weniger ausgeprägten Narbenzügen in ihrem Gruude bedeckt 
waren, der Fall zu sein. An den anderen schien dies weniger 
schnell zu gehen oder nicht stattzufiuden. Alsdann blieben allein 
nur noch die pigmentirten und von einzelnen Narben umgebenen 
Pigmentflecke zurück, welche im Laufe der Zeit auch noch un¬ 
scheinbarer werden konnten. 

Ob diese Pigmentablageruugen analog den Processen bei der 
männlichen Harnröhrenschleimhaut mit hämorrhagischen Vor¬ 
gängen in den Drüsenkörporn Zusammenhängen können, muss ich 
unentschieden lassen. Gelegenheit genug wäre ja bei dem Abusus 
sexualis füglich gegeben. Oft findet man bei älteren Prostituirteu 


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Veränderung, d. Yaginalschleiinh. von an ehren. Gonorrhöe leidend. Pruslituirteu. 


51 


an diesen Theilen auch blosse regellose Pigmentanhäufungeu 
ohne ausgeprägte narbige Beschaffenheit der umgebenden Schleim¬ 
haut, namentlich ist dies an der Innenfläche der Nymphen 
der Fall. 

Diese zweite geschilderte Hauptart der trockenen 
gonorrhoischen Entzündung ist in gleicher Weise wie dio 
erste hypertrophische Entzündung der Karunkeln, wie schon er¬ 
wähnt, von einer ausserordentlich chronischen Beschaffen¬ 
heit und mindestens gleich häufig wie dieselbe. Ich glaube 
annehmen zu können, dass sie höchstens ein Jahr nach statt¬ 
gehabter Infection beginnen kann, sich Jahre lang lang¬ 
sam ausbildet und nach drei- bis vierjahrelangem Bestehen 
anfange, deutlich narbig hervorzutreten. Bis die Vernarbung und 
volle Pigmentirnng der Stellen sich ausgebildet, können unter 
Umständen sogar fünf bis zehn Jahre vergehen. 

Da, wie es scheint, an nicht prostituirten Frauenspersonen auch 
diese zweite eben geschilderte Art sicher nicht sehr häufig beob¬ 
achtet wird, so wird man auch dabei wieder annehmen müssen, 
dass es sich um eine durch Abusus sexualis und Gonorrhöe be¬ 
dingte Affection handelt. Unter allen Umständen haben wir es 
aber dabei mit gonorrhoischen und nicht etwa traumatischen 
Affeetionen zu thun, oder wären dieselben blos etwa durch den 
Abusus sexualis entstanden, so müssten sie zweifelsohne bei einer 
viel grösseren Anzahl von Prostituirten zu finden sein. Ich 
habe aber bereits erwähnt, dass namentlich die hochgradig aus¬ 
gebildeten Fälle beider Species keineswegs so häufig sind, dass man 
so etwas annehmen könnte. Zudem leiden sehr häufig eben diese 
Personen auch an internen gonorrhoischen Affeetionen und theilen 
nachweislich oft den Besuchern gonorrhoische Infectionen aus. Der 
Krankheitsverlauf ist ein so distincter und von anderen ver¬ 
wandten Vorgängen in jeder Beziehung verschiedener, dass eine 
speeifische Ursache demselben zu Grunde liegen muss. 

Die Aehnlichkeit, resp. Uebereinstimmung mit der Ure¬ 
thritis follicularis sicca 1 ) beim Manne ist wohl kaum zu 
bezweifeln. Die gleiche Beschaffenheit der Oberfläche bei 
beiden lässt auf denselben Vorgang innerhalb der Drüsen- 

*) cf. 1. c. pag. 529. 

4* 

? 


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52 


Oberläntl pt. 


körper sckliesseu. Die Vernarbungen mit Nekrotisiruug 
der einzelnen Schleimhaut-, eventuell auch noch submuköser 
Partien haben beide gemeinsam, die Aetiologie gleichfalls. Endlich 
gleichen sie ebenfalls in der Vernarbung einander. 

Auf der Schleimhaut des Uterus finden sich bekanntlich 
ausserordentlich häufig chronisch-gonorrhoische Processe, welche 
mit dem Zugruudegeben, resp. der Verödung grösserer Partien 
von Schleimdrüsen eudeu. Auch findet sich alsdann an Stelle der 
Cylinderepithelien eino mehrfache Lage fest zusammenhängender, 
theilweise verhornter Plattenepithelien. Genau dieselben nar¬ 
bigen Vorgänge werden ebenfalls sehr häufig nach chroni¬ 
schen Entzündungen gonorrhoischer Natur auf der männ¬ 
lichen Harnröhrenschleimhaut gefunden.') a ) 

Ich hoffe mit dem Inhalte des Vorstehenden einen weiteren 
deutlichen Beweis geführt zu haben, dass die von mir angegebene 
Eintheilung der chronisch-gonorrhoischen Entzündungen nicht auf 
Hypothesen, sondern wissenschaftlich begründeten Thatsachen be¬ 
ruht. Inwieweit sich meine Beobachtungen für die gynäkologische 
Praxis dienstbar machen lassen, kann ich nicht beurtheilen; jeden¬ 
falls sind sie genauer Prüfung und Weiterbeobachtung würdig. 


Erklärung der Abbildungen auf Tafel 111. 

A. Hypertrophisirende Entzündung der Harnröhren und myr- 
thenförmigen Karunkeln (natürliche Grösse). 

Dieselbe besteht bei geringgradigen, sehr häufigen Fällen in glasiger 
ectropiumähnlicher Schwellung des Orificium nrethrae; in hochgradigen sel¬ 
teneren Fällen kann die Entzündung im Verlaufe mehrerer Monate die 
abgebildete Grösse und Form erreichen ; die anscheinend aus einzelnen rund¬ 
lichen Partien bestehende Geschwulst besteht thatsächlich aus einer homo¬ 
genen wuchernden Masse, welche an ihrer Oberfläche ähnliche einzelne Ab¬ 
theilungen zeigt. Auf der Abbildung erscheinen dieselben zu scharf begrenzt, 
während in der Wirklichkeit eine viel weniger tiefe Furchung sich vor¬ 
findet. Das Gewebe ist prallelastisch und je nach dem Grade der Blutföllung 

*) Sammlung klinischer Vorträge von Rieh. v. Volk mann, Nr. 279. 
— Die gonorrhoische Infection beim Weibe, von F. Schwarz, pag. 21. 

■) cf. den pathologisch-anatomischen Anhang von Prof. Dr. Neelsen. 


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Veränderung, d. Vaginalßchleimh. vou an ehren. Gonorrhöe leidend. Prostituirten. 53 


oder der Entzündung einzelner üistricte von gelbgrauer bis grauröthlicher 
Färbung. Das Orificium urethrae zeigt zumeist noch glasig geschwollene 
Lippen und ist oft geschwürig. Aehnliche, aber selten hochgradig ausge¬ 
bildete Zustände finden sich an einzelnen myrthenförmigen Karunkeln und 
auch am Basalsaum derselben ausgeprägt. Das Nähere cf. den Text. 

B. Trockene folliculäre Entzündung mit Ausgang in Atrophie 
der Mucosa (natürliche Grösse). 

Auf der Schleimhaut des Scheideneinganges, mit Vorliebe in der 
Fossa navicularis, an der Basis der Karunkeln und auch an der Innenfläche 
der Nymphen finden sich erbsen- bis bohnengrosse, rundliche, ovale oder 
unregelmässig begrenzte Flecken, auf welchen eine Quantität trockenen 
schmierigen Epithels lagert. Im Vernarbungsstadium sind diese Stellen je 
nach der Mächtigkeit der stattgefundenen Entzündung mehr oder weniger 
vertieft und von Narbensträngen durchzogen. Sehr oft zeigen sie auch 
starke Pigmentablagerungen. Ueber die vitalen Processe cf. den Text. Die 
Harnröhrenkarnnkel zeigen geringgradige hypertrophisirende Entzündung cf. A. 


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Aus der Universitätsklinik für Syphilis und Hautkrankheiten 
des Herrn Prof. Doutrelepont in Bonn. 


Ueber die subcutane Anwendung des Calomel und 
des Oleum cinereum bei Syphilis, 

Von 

Dr. Max Bender, 

I. Assistenzarzt. 


Es sind bereits über zwanzig Jahre her, dass Scareuzio 1 ) 
die subcutane Calomelinjection als vollwertigen Ersatz für die 
Inunctionscur in der Behandlung der Syphilis empfohlen hat. Erst 
der allerneuesten Zeit scheint es Vorbehalten geblieben zu sein, 
dieser therapeutischen Massnahme die gebührende Stellung und 
Verallgemeinerung zu verschaffen: wenigstens stammt die Hälfte 
aller diesbezüglichen Publicationen aus dem letzten Jahre. Woran 
es wohl gelegen haben mag, dass die Sache von vorneherein nicht 
recht in Fluss kommen wollte — v. Sigmund’s Erfahrungen 2 ) 
erschienen erst zwölf Jahre nach Scarenzio’s Arbeit — ist schwer 
zu entscheiden, da die Begründung S carenzio's, warum er von der 
längst eingebürgerten Schmiercur absehe, gewiss jedem unbefan¬ 
genen Beurtheiler einleuchtend sein musste; anderseits freilich 
konnte es unmöglich sehr empfehlend sein für das neue Verfahren, 
dass um dieselbe Zeit über die verschiedensten Quecksilberpräpa- 

’) Scarenzio: Annali universali di inedicina 186i. 

5 ) Wiener raed. Wochenschr. 1876 Nr. 37. v. Sigmund räumt unter 
den zu Injcctionscuren verwendeten Mitteln dem Calomel den Vorzug ein und 
empfiehlt, zur Vermeidung von Abscessen kleinere Gaben wie Scarenzio 
und Genossen zu injiciren. 


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56 


Bonder. 


rate in Bezug auf Wirksamkeit und Schmerzhaftigkeit von den 
Autoren geradezu die widersprechendsten Ansichten laut wurden. 
So musste der Praktiker ruhig weiter schmieren lassen: war — 
um Eines für viele anzuführeu — die Bemerkung des Herrn Re¬ 
ferenten über Kölliker’s Aufsatz 1 ) doch gewiss nicht aufmun¬ 
ternd, um von der neuen Applicationsweise des Mercur Gebrauch 
zu machen, denn „von Calomelinjectionen erscheint eine grössere 
Menge nöthig, als dies bei Sublimat der Fall ist, und darin ist 
wohl auch ein Nachtheil der Methode gelegen.“ 

K Öllik er selbst allerdings gibt an, dass durchschnittlich 
sechs Injectionen genügten (von einer in Glycerin suspendirten 
zehnpercentigen Mischung wurde jedesmal 0 05 injicirt), dass die 
nicht häufigen Abscesse leicht heilten, und dass nur selten und 
dann geringgradige Salivation beobachtet wurde. — Aber erst 
durch Smirnoff*) wurde die Aufmerksamkeit auf subcutane Calo¬ 
melinjectionen neuerdings gelenkt. Smirnoff empfiehlt als zweck- 
massigste Methode, um die so leicht auftretende Abscessbildung 
möglichst zu verhüten, 10 Cgrm. Calomel in Glycerin suspendirt 
(im Verhältniss von 1 : 10) in beide Gesässgegenden zu injiciren 
und nach etwa zwei bis drei Wochen die zweite Injection zu 
machen. Smirnoff gibt jedoch selbst als Nachtheile seiner Be¬ 
handlungsweise an, dass regelmässig um die Härte in den ersten 
Tagen Schmerzen und zuweilen Abscessbildung auftreten, freilich 
seien die Vortheile bedeutend grösser, denn die Cur sei kräftig, 
die Methode einfach, die jedesmal ein verleibte Quecksilbermenge 
genau bekannt, der Darmtractus werde nicht taugirt und last not 
least die Methode eigne sich wegen ihrer Billigkeit für Hospital- 
und Armenpraxis. 

Durch diese Vorzüge sah sich Watraszewski 3 ) veranlasst, 
eine Anzahl Kranker der erwähnten Curmethode zu unterziehen. 
Auch er benützte ausschliesslich die Glutäalgegenden zum Injec- 

*) Centralblatt f. Chirurgie 1877 Nr. 7, ref. in d. Vierteljahrcsschr. 
f. Dermat. u. Syphilis 1877, p. 427. 

s j Smirnoff: „Die Behandlung der Syphilis mittelst subcutaner 
Calomelinjectionen.“ (Habilitationsschrift, Helsingfors 1883, ref. in d. Viertel- 
jahresschr. f. Dermatol, u. Syphilis 1884 p. 206. 

*) Watraszewski: „Zur Behandlung der Syphilis mit Calomelin¬ 
jectionen.“ Vierteljahrcsschr. f. Dermat. und Syphilis 1884, p. 393 ff. 


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.Subcutanc Anwendung des Caloniel und des Oleum cineieiim bei Syphilis. 57 


tionsterrain, dagegen als Präparat eine Calomelsuspension (in 
Gummilösung) nach Scarenzio’s Vorschrift. Wegen mehrfach 
aufgetreteuen Speichelflusses applicirte er schliesslich nie mehr, 
als eine einzige Iujection von (MO Calomel in Zwischenräumen 
von sieben bis zehn und fünfzehn Tagen, je nachdem sich Zeichen 
einer beginnenden Stomatitis geltend machten. So brauchte er nur 
in vier Fällen — im Ganzen waren es siebzig Patienten — einge¬ 
tretener Stomatitis wegen die einzelnen Injectionen mehr ausein¬ 
ander zu rücken. Dabei genügten in der Kegel drei Injectionen, um 
sämmtliche manifesten Erscheinungen des secundären Stadiums rück¬ 
gängig zu machen. Abscesse sah er unter 257 Einspritzungen im 
Ganzen nur viermal entstehen, und sämmtlich in der ersten Woche, 
wo Watraszewski die Methode zu üben anfing. Nach diesem 
Autor sollen die Injectionen tief ins Unterhautzellgewebe gemacht 
werden. Die örtliche Empfindlichkeit sei daun bei weitem nicht 
so heftig, wie nach Sublimatinjectionen. 

Nach solchen Lobeserhebungen schien für die Calomelinjec- 
tionen eine weitere allgemeine Anweudungsweise nicht mehr ferne, 
und dies wurde um so wahrscheinlicher, als gerade damals auch 
Scarenzio durch seinen Assistenten Saffiantini 1 ) wieder die 
Aufmerksamkeit auf -die von ihm zuerst empfohlenen Calomelin- 
jectionen lenkte. Saffiantini schliesst sich im Allgemeinen den 
von Smirnoff aufgestellten Sätzen an und verlangt auch wie 
dieser, im Gegensätze zu Watraszewski, die Canüle müsse so 
lang sein, dass man wirklich in das Muskelfleisch unter die Fascie 
gelange. 

Ein nennenswerth ausgedehnterer Gebrauch des Calomel 
wurde in Deutschland wenigstens erst erreicht, seit Neisser*) 
seine einflussreiche Stimme hiefür geltend machte. Neisser em¬ 
pfahl damals, je 1 Cc. einer zehnpercentigen Suspension von Calo¬ 
mel in kochsalzhaltigem Wasser, mit oder ohneMucil. Gi. arab. Die 

') Saffiantini: „Behandlung der constitutioneilen Syphilis nach 
dem Vorgänge von Smirnoff“, ref. in d. Viertcljahresschr. f. Dermat. und 
Syphilis 1885, p. 634. 

: ) Cfr. Tageblatt der 58. Versammlung Deutscher Naturforscher und 
Aerzte in Strassburg 1885. Section für Dermatologie und Syphilidologie, 
Pag- 13, ff. 


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58 


P v n (1 ü r 


Injectionen sollten entweder wöchentlich je einmal oder alle zwei 
Wochen je zwei auf einmal gemacht werden, im Ganzen vier bis 
sechs Injectionen. Auch er empfiehlt die Glutäalregionen und räth, 
tief in die Gewebe zu injiciren, aber möglichst mit Schonung der 
Muskeln. Auch soi Massiren nach der Injection nicht vortheilbaft. 
Er folgert aus seinen Beobachtungen „die Calomelinjectionen sind 
neben der Inunctionseur die wirksamste und energischeste Me¬ 
thode der Syphilisbehaudlung“. — Auch die Nachtheile hebt 
Neisser besonders hervor und hat als solche entschieden stärkere 
Schmerzhaftigkeit im Vergleich mit anderen Injectionen, mit bis¬ 
weilen umfangreichen Infiltraten kennen gelernt. Abscesse seien bei 
vorsichtiger Technik selten; im Ganzen entstanden bei 717 Injec¬ 
tionen 31 Abscedirungen. Diese sowohl, wie die Infiltrate sind stets 
auf die Injectionsflüssigkeit selbst zurückzuführen. Von Mercuria- 
lismus wurde nur Stomatitis, und diese selbst vorzüglich bei 
poliklinisch behandelten Patienten beobachtet. Dabei empfiehlt 
Neisser den reichlichen Kochsalzgouuss, einmal weil dadurch 
Schmerzhaftigkeit, Iufiltrations- wie Abscessbildung, sowie ander¬ 
seits deren Resorption günstig beeinflusst würden. 

In der sich anschliessendeu Discussion wurden Neisser’s 
Behauptungen fast einstimmig anerkannt.. Besonders waren es 
Doutrelepont, Lipp, Besser und Kopp, die sich günstig für 
die Calomelbehandlung aussprachen. Unna empfahl Quecksilber¬ 
pflastermull. 

Gelegentlich des V. Cougresses für innere Medicin in Wies¬ 
baden im Jahre 1886 äusserte sich auch Neisser dahin, dass er 
nach immer wiederholter Prüfung den Einreibungscuren die Calo¬ 
melinjectionen völlig gleichwerthig erachte. 

Bei der Discussion empfahl Doutrelepont die Schmiercur 
als Hauptmethode, wünschte aber auch, dass den Calomelinjec¬ 
tionen besondere Aufmerksamkeit goschenkt würde, denn bei ihnen 
würde quasi oine Sublimatfabrik subcutau angelegt, von der aus 
das Sublimat ganz allmälig resorbirt werde, ähnlich wie dies bei 
der Schmiercur der Fall sei. Edlefsen sprach sogar die Vermu- 
thung aus, dass man mit Neisser’schen Calomelinjectionen grös¬ 
sere Sicherheit gegen Recidive als selbst bei energischen Scbmier- 
curen erreichen werde. 


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Subcutane Anwendung des Calomel und dos Oleum cinereum bei Syphilis. 59 


Bald darauf begründete Watraszewski 1 ), weshalb er in 
der jüngsten Zeit weniger Calomel benützte, sondern andere Queck¬ 
silberverbindungen zu Injectioneu verwandte. Er glaubte nämlich 
uicht sowohl tiefe, schmerzhafto Infiltrate an der Eintrittsstelle 
der Injectiou, sondern auch empfindliche Beeinträchtigung des All¬ 
gemeinbefindens beobachtet zu haben. Uebrigeus sind diese er¬ 
wähnten Nachtheile in keiner späteren Mittheilung als besonders 
nennenswerth hervorgehoben. Es konnte hierdurch erfreulicherweise 
umsoweniger die Weiter Verbreitung des subcutanen Calomelge- 
brauehes verhütet werden, als etwa um dieselbe Zeit die ausführ¬ 
lichere Schilderung der in Neissor’s Klinik gewonnenen Erfah¬ 
rungen erschien. 2 ) Nach einem kurzen historischen Rückblicke aut 
die Entwickelung der subcutanen Quecksilbereinverleibung theilen 
die Autoren mit, dass sie nach mannigfachem Ausprobiren es für 
das zweckmässigste hielten, von einer nach der Formel 
Rp. Calomelan. vap. parat. 5-0 
Natr. chlorat. T25 
Aq. destill. 50-0 

bereiteten Injectionsflüssigkeit jedem Kranken in zwei Sitzungen 
mit einer acht- bis vierzehntägigen Pause zwei Spritzen zu appli- 
ciren. Sie erhoben dabei, nach Smirnoff’s Vorschrift, eine Haut¬ 
falte 3 Cm. hinter dem Trochanter und injicirten in das subcutane 
Bindegewebe. Bei diesergestalt ausgeführten 768 Injectionen ä 01 
beobachteten sie achtundvierzig Abscesse, d. h. 6‘2 Percent. Dabei 
fiel auf, dass das weibliche Geschlecht mehr zu Abscessen neigt, 
wie das männliche (1 : 39). Mit Recht heben die Verfasser hervor, 
dass die Angaben über Schmerzhaftigkeit sehr unzuverlässig seien. 
Die aufgetretene Stomatitis war nur ein einziges Mal besonders 
hochgradig (im Gauzen wurde sie füufzohniual gesehen) und betraf 
diese eine Patientin, die aus äusseren Gründen die ihr ange- 
rathene Mundpflege nicht durchführen konnte. Auch hier war ein 

') Watraszewski: „Zur Behandlung der Syphilis mittelst subcu- 
taner Injectionen von Calomel und Quecksilberoxydverbindungen.“ Gazeta 
lekarska 1886, Nr. 21, referirt in der Vicrtcljahresschr. f. Dermal, und Sy¬ 
philis. 18s6, p. 687. 

*) Kopp und Chotzen: „Ueber die subcutane Anwendung des Ca¬ 
lomel bei der Syphilisbehandlung“. Vierteljahresschril't f. Dermat. und Sy¬ 
philis 1886, p. 747 ff. 


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Binder. 


Ueberwiegeu der weiblichen Kranken zu beobachten (drei Männer, 
dreizehn Frauen). Dabei ist aber der therapeutische Erfolg bei 
den Calomelinjectiouen nie ausgeblieben. Gestützt auf die ange¬ 
führten Thatsacheu, sowie durch den von anderer Seite 1 ) damals 
erbrachten Nachweis, dass bereits 16-24 Stunden nach der In- 
jection von 0 2 Calomel das Hg im Harne nachweisbar war, resp. 
noch nach dreizehn Monaten Hg im Harne gefunden wurde, empfehlen 
die Autoren die Ausübung der Calomelinjectionen als eine der 
Schmiercur gleichwertige, jedoch bequemere, zuverlässigere und 
billigere Cur. 

Auch Steiner 2 ) • berichtet über gleich günstige Erfolge, zu 
denen die unangenehmen Nebenwirkungen in keinem Verhältnisse 
stehen: nur wenige Infiltrate, nur wenige Abscesse, leichte Sto¬ 
matitis und auch diese nur selten. Dabei wird im Allgemeinen 
rasches Zurückgehen der manifesten Symptome beobachtet. 

Einen weiteren Fortschritt in der Technik der Calomelinjec¬ 
tionen bezeichnet BalzerV) Arbeit. Balzer verwendet Calomel 
0'05 auf 1/0 Vaselinöl und vermeidet damit jegliche Schmerz- und 
Entzündungserscheinung. Auch Neisser hatte inzwischen, nach 
einem Zusatze des Referenten über Balzer’s Aufatz, nur noch 
Oelsuspension, und zwar Olivenöl, angewandt und gleich günstige 
Resultate erzielt. 

Stonckowenkow 4 ) berichtet nur, dass Calomelinjectionen 
die luetischen Symptome sehr bald zum Schwinden bringen, wäh¬ 
rend Lantz 5 ) die ältere Neisser’sche Emulsion mit Gummi arab. 
und Kochsalz wieder gebraucht hatte. Auf 100 Injectionen kamen 
zwei Abscesse. Unter 82 Kranken kamen Salivation und Stoma¬ 
titis bei 10 zur Beobachtung, aber in allen Fällen verschwanden 

*) Landsberg: „Ueber Ausscheidung von Hg aus dem Organismus mit 
besonderer Berücksichtigung des Calomel.“ Inaug.-Diss. Breslau 1886. 

z ) „Zur Behandlung der Syphilis.“ Württ. medic. Correspondenzblatt 
1886 Nr. 10, ref. in den Monatsheften f. prakt. Dermat. 1886, p. 368. 

J ) „Traitement de la syphilis par les injections sous-cutandes de calo¬ 
mel.“ Gaz. de höpitaux 136, 1886, ref. in der Vierteljahresschr. f. Dermat. 
und Syphilis 1887, p. 403. 

*) „Behandlung der Syphilis nach Scarenzio’s Methode.“ Ref. in 
der Vierteljahresschrift f. Dermat. und Syphilis, 1887, p. 403. 

*) „Zur Behandlung der Syphilis mit subcutanen Calomelinjectionen.“ 
Ref. ibidem. 


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Snboatane Anwendung des Calomel und d**s OliMun cinereum lx*i Syphilis. 


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die Krankheitserscheinungen sehr rasch. Aber wegen der heftigen 
Schmerzen, des häufigeu Auftretens von Stomatitis und Salivation, 
der zuweilen beobachteten Abscesse „können die Calomelinjectio¬ 
nen schwerlich die anderen hypodermatischen Curmethoden gänz¬ 
lich verdrängen“. 

Also wieder ein Autor, der nicht glaubte einstimmen zu 
können in die Lobpreisung des Calomel als Zukunftsmittel in der 
Behandlung der Syphilis. Aber gar bald erschienen zwei Publi- 
cationen gleichzeitig, die erneut und mit grosser Ueberzeugungs- 
kraft die glänzenden Resultate bei der angeführten Behandlungs¬ 
weise vortrugen. 

Krecke 1 ) hatte bei 32 Individuen alle fünf bis sechs Tage 
je eine, nur in zwei Fällen alle zwölf Tage je zwei Injectionen aus¬ 
schliesslich in die Glutäalgegeud vorgenommen. Von 171 Injec¬ 
tionen abscedirten 21. Dabei bleibt als empfindlicher Mangel der 
Methode die bisweilen recht hochgradige Schmerzhaftigkeit an 
den Injectionsstellen zu beklagen. Jedoch, so sagt der zweite 
Autor, Ko pp 2 ), diese localen Folgeerscheinungen lassen sich ver¬ 
meiden, wenn statt des Kochsalzes Calomelölsuspensionen ange¬ 
wandt werden. — Da Ko pp diese Oelsuspension erst bei zwanzig 
Patienten angewandt hatte, so war es gewiss sehr willkommen, dass 
bald darauf Harttun g 3 ) die mit dieser neuerdings beliebten Mo- 
dification an Neisser’s Klinik gewonnenen Resultate publicirte. 
Diesmal wurden die meisten Injectionen direct in die Musculatur 
gemacht. Abscesse fehlten dabei vollständig, denn die thatsächlich 
beobachteten sechs Abscedirungen hält Verf. mit Recht für be¬ 
langlos, da sie mit einem Assistenten Wechsel zusammenfielen. 
Auch waren die local auftretenden Reactionserscheinungen bedeu¬ 
tend geringer, als nach der Salzwasserinjectiou. Harttung glaubt, 
da die den bisherigen Calomelinjectionen noch anhaftenden Män¬ 
gel bei dem Calomelöl fast ganz beseitigt seien, diese Methode 
sei gewiss dazu berufen, allgemeine Verbreitung zu finden. — 

') „Zur Behandlung der Syphilis mit suhcutanen Calomelinjectionen.“ 
Münch, med. Wochenschr. 1887, Nr. 6. 

*) „Ueber die Behandlung der Syphilis mit suhcutanen Calomelinjec¬ 
tionen.“ Ibid. 

*) „Ueber die Neisser’scben Calomelöl-Injectionen“. Deutsche medic. 
Wochenschr. 1887, Nr. 16, p. 630. 


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02 


II (» n d v r. 


Weniger befriedigt äussert sich Besnier 1 ), der beim Gebrauche 
von Calomelvaselinöl (0-1 : 1-2) stets an den Injectionsstellen 
Knoten beobachtet hat, die sogar in 20 Percent der Fälle auf¬ 
brachen. Dass die von Besnier gezogene Schlussfolgerung über 
die unbedeutende therapeutische Wirksamkeit der Calomelinjec- 
tionen, wegen deren er diese Methode den praktischen Aerzten 
nicht empfehlen zu können glaubt, sowohl theoretisch, als prak¬ 
tisch ungerechtfertigt ist, hebt Epstein gelegentlich des Referates 
über Besnier's Arbeit mit Recht hervor. 

In der That scheint das Unrichtige in Besnier’s Conse- 
quenzen von anderer Seite erkannt worden zu sein; wenigstens 
sind die Versuche mit Calomel nicht ins Stocken gerathen. 

So berichtet Kühn 2 ) von 200 Calomelinjectiouen, die er an 
42 Personen ausgeführt hat. Abscessocoustatirte er vierzehnmal, d. h. 
in 7 Percent der Fälle. Bei 10 Personen wurde er durch anderweitige 
Complicationen, starke Salivatiou, allgemeines Unbehagen unter 
Fieberbewegungen gezwungen, die Calomelinjectionen auszusetzen. 
Nichtsdestoweniger will der Verfasser schon jetzt, wo er nur 
Salzwassersuspension verwandte, „auf eine so vorzügliche Injections- 
methode nicht verzichten“. Ueber seine Versuche mit der Oel- 
suspension ist bis jetzt nichts bekannt geworden. Dagegen fasst 
Reinhard 3 ) die Vor- und Nachtheile der Calomelinjectionen 
dahin zusammen: „Die Calomelöl-Tnjectionsmethodo ist eine der 
Schmiercur vollkommen gleichwertige, sie ist billiger, sie ist 
unter Umständen zuverlässiger und reinlicher als diese; mit ihren 
nie ausbleibenden Erfolgen übertrifft sie sogar diese dadurch, 
dass sie schneller zum Verschwinden der Symptome führt.“ — 
„Abscesse können ganz vermieden werden. Die Stomatitis hat 
stets einen gutartigen Verlauf. Die freilich manchmal heftig auf¬ 
tretenden Schmerzen an der Injectionsstelle lassen sjch durch 
Anwendung reinen Olivenöls im Allgemeinen verringern.“ 

') „Traitement de la Syphilis par les injcctions hypodcnnique.s.“ Soc. 
med. des höp. 25. März 1887. Gaz. des hup. 1887, p. 308. 

*) „Zur intramuskulären Injection von Calomel und Hydrarg. oxydat. 
flav. bei Syphilis.“ Deusche med. Wochenschrift 1887, Nr. 30. 

*) Aus der medicinischen Klinik in Hall „Beitrag zur Behandlung der 
Lues mit Nei sser’schen Calomelinjectionen“. Deutsche med. Wochenschrift 
1887, Nr. 41. 


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Snbcutanc Anwendung des C’alomel und dos Oleum cinoroum l»ei Syphilis. 63 


Diesen brillanten Erfolgen gegenüber scheint es fast über¬ 
flüssig, unsere Erfahrungen mitzutheileu. Aber, wie wir gesehen, 
ist eine allseitige Anerkennung der vorzüglichen Eigenschaften des 
Calomelöls noch nicht erfolgt und es ist gewiss interessant, unsere 
Beobachtungen zu vergleichen mit den bei einem anderen, neuer¬ 
dings auch zur subcutanen Injection empfohlenen Mittel, dem 
Oleum cinereum (Lang). 

Betreffs des letzteren Medicamentes darf vielleicht noch 
erwähnt werden, dass es bekanntlich von Lang 1 ) in die Syphilis¬ 
therapie eingeführt wurde. Schon in seinen Vorlesungen empfahl 
Lang das Mittel sowohl zur regionären, als auch zur Allgemein¬ 
behandlung. In dem oben angeführten Aufsatze behauptet nun 
Lang, dass die Injectionen von keinen Beschwerden, weder 
Schmerz, noch Vereiterung gefolgt seien. Da ein Cctm. des zwanzig- 
percentigen grauen Oeles — das Metall kann übrigens durch einen 
beliebigen Zusatz von Oel vermindert werden — etwa 0-23 Queck¬ 
silber enthält, also soviel als 31 Spritzen einer einpercentigen 
Sublimatlösung, so brauchten die Injectionen nur ein- bis zweimal 
in der Woche vorgeuommen zu werden. 

Wenn auch unsere bei Anwendung dieses Mittels gewonnenen 
Resultate von keiner allzugrossen Versuchsreihe herstammen, im 
Ganzen leiteten wir boi zwölf Patienten die Allgemeinbehandlung mit 
Oleum cinereum ein, so wollen wir doch wenigstens in Kürze die 
gemachten Erfahrungen hier mittheilen. Stomatitis haben wir 
etwa ebenso oft beobachtet, wie bei Anwendung des Calomelöls; 
auch die Behandlungsdauer war so ziemlich die gleiche. Dagegen 
schien es, als ob die mit grauem Oel Behandelten länger nach 
der Injection von schmerzhaften Empfindungen an der Einstich¬ 
stelle geplagt worden seien, als dies bei der Calomelsuspension 
der Fall war: Es soll darauf jedoch kein allzu grosses Gewicht 
gelegt werden, einmal weil wir ja in dieser Hinsicht noch nicht 
über allzureiche Erfahrung verfügen, sodann weil Doutrelepont 
gewiss mit Recht mehrfach betont hat, dass diesen subjectiven 
Aeusserungen nicht allzuviel Werth beizulegen sei, denn hier 
hänge sehr viel von der Individualität des Arztes sowohl, als auch 
des Patienten ab. Objectiv konnten wir dagegen bei fast allen 
Kranken mehr weniger beträchtliche Infiltrationen nachweisen. 

*) „Zur Syphilistherapie.“ Wr. med. Wochenschr. 1886, Nr. 34 u. 3ö. 


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B «■ n i\ o t. 


Dabei war es von keiuem Belange, ob wir nur ein bis zwei Theil- 
striche einer Pravaz’schen Spritze injicirten, oder den Inhalt der 
ganzen Spritze auf einmal dem Organismus ein verleibten. Eben¬ 
sowenig war dadurch das Zustandekommen der Stomatitis beein¬ 
flusst; als Beispiel sei hier eine Patientin erwähnt, die nach der 
Injection von nur einer halben Spritze solch schreckliche Stomatitis 
bekam verbunden mit einer echten Stomacace, dass das Allgemein¬ 
befinden in äusserst unangenehmer, hochgradiger Weise alterirt 
wurde. Die hei den sechs männlichen Patienten angewandten 
sechzig Injectioneu vertheilteu sich in der Weise, dass wir fünfzig¬ 
mal je drei Theilstriche und zehnmal die ganze Spritze auf einmal 
entleerten. Unter der ersten Gruppe war ein Kranker, der zweiund¬ 
zwanzig Injectioneu bedurfte, bis zum völligen Schwund der 
Symptome, der zweite bekam fünfzehn und der letzte nur dreizehn In- 
jectionen. Da diese Einspritzungen jede Woche zweimal vorgenommen 
wurden, so berechnet sich daraus eine sechs- bis siebenwöchentliche 
Behandlungsdauer. Die drei mit dem Inhalte ganzer Spritzen Tractirten 
bekamen vier, respective drei Injectioneu: jede Woche einmal gespritzt 
und nach der letzten Injection wurden sie mit der Weisung, der 
Mundpflege noch weiterhin besondere Aufmerksamkeiten zu schenken, 
entlassen. 

Bei den Weibern injicirten wir überhaupt nie die ganze 
Spritze auf einmal, sondern siebenmal je zwei Theilstriche, drei- 
undzwanzigmal je drei und fünfundzwanzigmal die halbe Spritze. 

Die bis zum völligen Schwund der manifesten Symptome 
nöthige Zeit lässt sich leicht ersehen, wenn ich anführe, dass 
zwei, respective drei Theilstriche jeden dritten Tag und fünf 
Theilstriche allwöchentlich zweimal injicirt wurden. 

Das Mittel dürfte, zur Allgemeiubehandlung benutzt, weniger 
in der Weise zu gebrauchen sein, dass wir jeden zweiten Tag 
einen bis zwei Theilstriche einer Pravaz’schen Spritze injicirten, 
denn bei einem so häufigen Erscheinen vor dem Arzte empfiehlt 
sich wohl wegen der ganz schmerzlosen Application eher die An¬ 
wendung eines der leichter löslichen Quecksilberpräparate, sondern 
von Oleum cinereum sollte immer eine ganze Spritze etwa jeden 
achten bis vierzehnten Tag auf einmal injicirt werden. Bei län¬ 
gerer Beobachtungsdauer und ausgedehnterer Anwendung lässt 
sich eine Abscedirung gewiss vermeiden — auch wir erlebten bei 


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Suhcutano Anwendung des CaU.rael uml des Olenm cinerenm bei Syphilis. 


unseren 115 Injectionen nur einen einzigen Abscess, dessen Ent¬ 
stehen auf die wohl allgemein anerkannte Prädisposition des 
weiblichen Geschlechts zurückzuführen sein wird — und die bis 
jetzt von uns etwas häufiger beobachtete Infiltration ist vielleicht 
durch eine geringfügige Modification der Einstichmethode auch 
zu umgehen, so dass wir dann in dem grauen Oel neben dem 
l'alomelöl ein ebenso prompt wirkendes, als leicht und angenehm 
zu applicirendes Medicament besässen, dessen allgemeine Anwen¬ 
dung gewiss nur eine Frage der Zeit wäre. 

Unsere brillanten Erfolge mit der Calomelsuspension lässt 
die beigegebene Uebersichtstabelle ersehen, zu deren Erklärung 
wir noch einige Bemerkungen hinzufügen möchten. Unsere neuer¬ 
dings mit Calomelbehandlung angestellten Versuche datiren zurück 
ins Jahr 1885; damals gebrauchten wir, nach Neisser’s Vor¬ 
schrift, Calomelkochsalz und injicirten „nach Aufhebung einer 
Hautfalte 3 Ctm. hinter dem Trochanter“ jede Woche eine ganze 
Spritze möglichst tief ins Unterhautzellgewebe. Als in der neuesten 
Zeit von Breslau aus empfohlen wurde, tief in die Musculatur 
zu injiciren, haben auch wir diese Methode vorgezogen, da unter 
diesen Umständen noch weniger Schmerzhaftigkeit zu entstehen 
scheint. Schon damals war uns überall die prompte Wirkung 
dieser Injectionen aufgefallen, die umso beachtenswerther, als wir 
bei allen Patienten, die in der Tabelle aufgeführt, nur die Allge- 
meinbehaudlung eingeleitet hatten, die nie durch irgend welche 
locale Massregeln (Auflegen von Hg-Pflaster, Bepinselung mit 
Sublimat) unterstützt wurde. Dabei war nur sehr misslich, dass 
wir trotz grösster Reinlichkeit und Antisepsis in 28 Percent der 
Fälle Abscesse und gar in 43 Percent mehr weniger beträchtliche 
Infiltrate zu verzeichnen hatten. Dabei klagten, mit Ausnahme 
von zwei, sämmtliche Patienten über ziemlich langandauernde 
Schmerzen, die, gewöhnlich 24 Stunden nach der Injectiou be¬ 
ginnend, am dritten oder vierten Tage ihren Höhepunkt erreichten. 

Wieviel besser sich die Verhältnisse beim Gebrauche des 
Calomelöls gestaltet haben, ergibt die kleine Tabelle zur Evidenz. 
Es darf vielleicht darauf aufmerksam gemacht werden, dass wir 
die klinisch und poliklinisch Behandelten gesondert aufgeführt 
haben, da wir die bei nur drei klinischen Patienten aufgetretene 
Stomatitis einzig und allein auf Nachlässigkeit der Kranken zu- 

Vierteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1887 g 


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Bender. 


rückführen, währeud einer von don sich nur ambulant zeigenden 
Männern auf diesbezügliches Befragen direct zugab, er hätte über¬ 
haupt nicht gegurgelt, während der andere — mit hochgradigster 
Stomatitis Behaftete — behauptete, nur während einiger Tage, 
wo im Geschäfte allzuviel zu thun gewesen sei, die Kalicbloricum- 
Flasche etwas weniger gebraucht zu haben. Abscesse sahen wir 
weder in Klinik, noch in Poliklinik. Dagegen war das einmal 
beobachtete Infiltrat so mächtig und schmerzhaft, dass der Patient 
erklärte, unter keinen Umständen noch eine Injection an sich 
vornehmen zu lassen. Es ist gewiss auffallend, dass unter den 
114 Calomelinjectionen diese eine in so unangenehmer Weise sich 
auszeichnete; einigermassen Erklärung hiefür bietet mir der Um¬ 
stand, dass der Patient, obgleich wir ihm, wie bei allen übrigen 
Kranken, anriethen, sich nach der Injection einige Stunden ruhig 
zu verhalten, nicht nur direct umherlief, sondern während des 
ganzen Tages — es war ein Sonntag — sich wahrscheinlich mehr 
Bewegung als wünschenswerth machte. Abgesehen von diesem 
einen Falle haben wir aber nie Klagen über die Injectionen von 
den Patienten vernommen: höchstens dass der eine oder andere 
nach der ersten Injection über ein Gefühl des Druckes und der 
Spannung sich beschwerte, was jedoch längstens am zweiten oder 
dritten Tage wieder verschwunden war. 

Dass wir Angesichts solcher Erfolge Trzcinski 1 ) nicht bei¬ 
pflichten können, wenn er die Injectionen von Hg. oxyd. flav. 
für viel praktischer hält als die Calomelinjectionen, da sie keine 
Abscesse und keine starken Schmerzen hervorriefen, darf nicht 
Wunder nehmen. Wir sehen im Calomel nicht nur „eine schätz¬ 
bare Bereicherung des antisyphilitischen Arzneischatzes“, sondern 
halten die intramusculäre Injection des Oalomelöl für die in ihrer 
Wirksamkeit zuverlässigste und in ihrer Anwendungsweise ratio¬ 
nellste und praktischeste Einverleibung des Quecksilbers in den 
syphilitisch durchseuchten Organismus. 

Meinem hochverehrten Chef, Herrn Geh. Eath Professor 

Doutrelepont, sage ich auch an dieser Stelle für die Ueber- 

lassung des Materiales meinen besten Dank. 

-- • 

J ) „Zur Behandlung der Syphilis mit tiefen subcutanen Injectionen 

von Hydrarg. oxydat. flav.“ Yierteljahresschrift f. Dermatol, und Syphilis 
1887, pag. 944. 


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Uebersichts - Tabelle. 


Subculane Anwendung des Calomel und des Oleum cinereum bei Syphilis. 67 



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Aus der k. k. deutschen dermatologischen Universitätsklinik 
des Prof. F. J. Pick in Prag. 


Feber Lupuscarcinom. 

Von 

Dr. Josef Richter, 

, Assistenten der Klinik. 


Im Jahrgänge 1886 dieser Vierteljahresschrift hat Dr. Win¬ 
ternitz aus unserer Klinik einen Fall von sogenanntem Lupus¬ 
carcinom mitgetheilt. 

Nachdem dieser Krankheitsfall bei seiner neuerlichen Auf¬ 
nahme auf die Klinik Befunde dargeboten hat, welche ihm ein 
erhöhtes klinisches Interesse verleihen und in anatomischer Be¬ 
ziehung zur Klärung mancher fraglichen Punkte über die Ent¬ 
wicklungsart von Carcinom in floridem Lupusgewebe beitragen 
können, hat mich Herr Prof. Pick mit der Aufgabe betraut, 
den Gegenstand im Zusammenhänge mit der ersten Mittheilung 
des Falles nach den eben genannten Richtungen hin zu bearbeiten 
und zu veröffentlichen. 

Indem ich bezüglich der näheren Details auf das Original 
(Seite 767) verweise, will ich, um den Zusammenhang herzu¬ 
stellen, der den vorliegenden Aufsatz mit der oben citirten Arbeit 
verknüpft, in gedrängter Kürze die wesentlichen Punkte der auch 
dort schon vorfindlichen Krankheitsgeschichte recapituliren, wobei 
aber Zeit- und Altersangaben vom Ende des Jahres 1887 ge¬ 
rechnet zu denken sind. 

Der siebenundvierzigjährige Borgmann Josef K. steht seit 
dem Jahre 1881 gegenwärtig schon zum vierten Male in Be- 


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Richter. 


handlung an der Klinik des Herrn Prof. Pick wegen eines 
ungemein in- und extensiven Lupus mit eigenthümlichen localen 
Verschiedenheiten der klinischen Erscheinungsform als Lupus vul¬ 
garis, serpiginosus und verrucosus und wegen der im Bereiche 
des Hautorgans auf Grund des lupösen Processes multipel, wenn 
auch zeitlich getrennt, sich entwickelnden carcinomatösen Neu¬ 
bildungen. 

Vom ätiologischen Gesichtspunkte gehört der Fall in jene 
Kategorie des Lupus, wo hereditäre tuberculöse Belastung und 
locale tuberculöse Processe (Knochen- und Lymphdrüseneite¬ 
rungen in der Jugend, etwas Schrumpfung in der linken Lun¬ 
genspitze) sich nachweisen lassen, uud wo der Beginn des Lupus 
auf ein Trauma als nächste Gelegenheitsursache zurückgeführt 
werden kann. Raudnitz hat in seiner statistisch-ätiologischen 
Arbeit über die an der Klinik des Prof. Pick bis dahin beob¬ 
achteten Lupusfalle (diose Vierteljahresschrift 1882, Seite 31) 
diesen Fall im Sinne der tuberculösen Natur des Lupusprocesses 
angezogen. 

Ausser den später histologisch zu schildernden lupösen Ver¬ 
änderungen an anderer Stelle ergab die mikroskopische Unter¬ 
suchung eines von der Streckseite des rechten Ellbogengelenkes 
excidirten Hautstückchens den Befund eines infiltrirten Lupus 
mit den charakteristischen histologischen und bacte- 
riologischen Merkmalen. 

Nach fast zwölfjährigem Bestände des Lupus, während welcher Zeit 
sich die Erkrankung über einen grossen Theil der Körperoberfläche ausge¬ 
breitet hatte, kam es nun innerhalb der lupös veränderten Haut zuerst im 
Bereiche der linken Wange zur Entstehung eines Epithelialcarcinoms aus 
erodirten papillären Wucherungen, Diese Geschwulst wurde von Herrn Prof. 
Gussenbauer exstirpirt, worauf bis heute, nachdem fast zwei Jahre seit 
der Operation vergangen sind, keine Recidive eingetreten ist. 

Am 8. November 1887 wurde nun der Kranke neuerdings auf die 
dermatologische Klinik aufgenommen wegen eines Carcinoms in der rechten 
Wangengegend. In anamnestischer Beziehung wurde damals Folgendes 
von mir erhoben: Fünf Wochen vor seinem Spitalseintritte bemerkte der 
Kranke, der seinen Krankheitszustand ziemlich genau zu beobachten pflegt, 
in der Gegend des rechten Kieferwinkels, da wo sich gegenwärtig die Ge¬ 
schwulst befindet, eine schmerzhafte mit Krusten bedeckte Stelle. Nach 
Entfernung der Kruste kam darunter ein geröthetcr, stark blutender Grund 


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Lupuscarcinom. 


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von feinwarziger Beschaffenheit zum Vorschein, aus welchem nun die Ge¬ 
schwulst rasch heranwuchs. Der damals abgefasste Krankheitsbefund weicht, 
was die Verhältnisse des Lupus anbelangt, nur in wenigen Punkten von 
dem ein Jahr früher von Dr. Winternitz mitgetheilten Status ab. Das 
somatische Allgemeinbefinden und der Ernährungszustand des Kranken war 
leidlich gut, jedenfalls nicht schlechter als in früheren Jahren. Am linken Kie¬ 
ferrande, über dem Kieferwinkel beginnend, sass eine 4 Ctm. lange, sehr derbe 
strahlige Narbe, die gegen die Unterlage leicht beweglich erschien. In der 
Mitte des rechten Kieferrandes, denselben um etwa 1 Ctm. nach obenhin Über¬ 
ragend, sass eine Geschwulst mit breiter, kreisförmiger, 3 Ctm. im Durchmesser 
haltender Basis auf. Dieselbe war gegen die umgebende, theils lupös infil- 
trirte, theils narbig veränderte, geröthete Haut scharf abgesetzt mittelst 
ihrer */. Ctm. hohen, steil ansteigenden wallartigen Ränder. Ihre Oberfläche 
war mit eingetrocknetem Blute und Eiterborken bedeckt, unter diesen zer¬ 
klüftet, grob papillär, von hellrother Farbe, das Geschwulstgewebe von 
weich - elastischer Consistenz. Bei Druck entleerten sich daraus weisse 
comeduncnartige Pfrüpfe. Die Geschwulst liess sich nach allen Richtungen 
nur wenig verschieben, stand aber weder mit dem Knochen noch mit der 
Mundschleimhaut in Zusammenhang, und sonderte auch unter dem anti- 
septischen Verbände reichliches, übelriechendes Secrct ab. Die regionären 
Lymphdrüsen waren nicht vergrössert. Während der vier Wochen betragenden 
Dauer des Aufenthaltes auf der Klinik wuchs die Geschwulst rasch in 
die Höhe und bis auf o Ctm. in die Breite. Auf der chirurgischen Klinik 
wurde der Tumor von Herrn Prof. Gussenbauer am 20. December 1887 
exstirpirt. Gegenwärtig befindet sich der dadurch gesetzte Substanzverlust 
in gesunder und kräftiger Granulationsbildung. 

In klinischer Beziehung verhielten sich die beiden zeitlich 
und räumlich ausser Zusammenhang mit einander stehenden Ge¬ 
schwülste ausserordentlich ähnlich. Es betrifft diese Ueberein- 
Stimmung folgende Punkte: 1. Beide stellten sich dar als gegen 
die umgebende Haut scharf abgegrenzte Neubildungen, als etwas 
Fremdartiges, Selbstständiges. 2. Beide entwickelten sich aus ex- 
ulcerirtem, papillär gewuchertem Lupusboden an homologen Haut¬ 
stellen des Gesichts. 3. Beide zeigten rasches Wachsthum und zwar 
gegen die für Carcinome geltende Regel nicht durch Eruption 
neuer Geschwulstknötchen in der Umgebung, sondern durch In¬ 
filtration und Substitution der Nachbarschaft durch Aftermasse, 
also destructiven Charakter. 4. In beiden Fällen kam es neben 
den Proliferationsvorgängen relativ rasch zu Rückbildungsprocessen 
im Geschwulstgewebe. 5. In beiden Fällen blieb die regionäre 
Drüseninfection aus und 6. fehlte die Krebscachexie. Verschieden- 


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Richte r. 


heiten betrafen nur die äussere Erscheinungsform beider Ge¬ 
schwülste, der erste Tumor nahm schliesslich eine exquisit fungöse. 
ja fast polypöse Form an, was heim zweiten nicht zum Ausdruck 
gelangte. 

Trotz der in Punkt 5 und 6 und theilweise auch in Punkt 2 
enthaltenen Abweichungen vom Charakter der Krebse blieb auch 
für die klinische Betrachtung kein Zweifel über die Natur der 
Geschwülste als Epithelialcarcinome. Sichergestellt wurde diese 
Diagnose durch das Resultat der anatomischen Untersuchung. 

Schon am frischen Durchschnitte konnte man wahrnehmeu, wie 
von dem Rande der kugelpigmentartig dem Hautniveau aufsitzen- 
den Geschwulst sich die Basis derselben allmälig mulden- oder 
schüsselförmig in die Tiefe der Haut einsenkte, so dass die grösste 
Höhe, vom Grunde bis zur Oberfläche gemessen, etwas über 
1 Ctm. betrug. 

Bei der mikroskopischen Untersuchung au gefärbten Schnitten 
fand man an dem die Geschwulst umgebenden Streifen lupöser 
Haut eine dünne Hornschicht, die vielfach, durch Bluterguss 
wahrscheinlich, abgehoben erschien ein gut ausgeprägtes Stratum 
granulosum und ein Rete, das nur insofern vom Normalen abwich, 
als zwischen deu polyedrischen Riftzellen desselben von Strecke 
zu Strecke kleine vacuoleuäkulicke Hohlräume und in deu Zell- 
iuterstitieu unregelmässige, intensiv gefärbte Zerfallsprodukte von 
Kernen in grösserer Zahl gefunden wurden, wie dies bei Entzüu- 
duugsprocessen häufig zu beobachten ist. 

Die Pars papillaris corii trug niedrige Papillen und enthielt 
in ihrem gleichmässig vertheilten, fein- und dichtfaserigeu Ge¬ 
webe spindelige und runde Zellen in mässiger Menge, uud war 
von einem grobmaschigen Netzwerke, weiter aber meist blutleerer, 
mehr weniger senkrecht gegen die Oberfläche gerichteter, meist vor- 
capillarer Gefasse durchzogen. Zerstreut in diesem Gewebe waren, 
deu kleinen Gelassen anliegend oder dieselben circular umgreifend, 
rundliche Herde oiues Grauulatiousgewebes eingelagert, das zahl¬ 
reiche sogenannte Mastzellen onthielt. Die tieforou Schichten an 
der Grenze zwischen P. papillaris und reticularis waren ausge¬ 
zeichnet durch das Vorkommen sehr reichlicher, weiter, venöser 
Getässe. 

Di* 1 reticuliire Schicht bestand aus straffen, geradgestrcckten, 


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Lupuscareinom. 


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undeutlich faserigen Bündeln mit bald mehr, bald weniger 
reichlichen, spindeligen Kernen. In dieser Schicht und auch 
noch in die Papillarschicht hinaufragend waren isolirte, oder zu 
grösseren Haufen und Zügen zusammenfliessende Lupusknötchen 
eingeschlossen, die mitunter mehrere Rieseuzellen enthielten. In 
den tiefsten Schichten der Pars reticularis erschienen die entzünd¬ 
lichen Veränderungen am stärksten ausgeprägt. Die Schlingen der 
Knäueldrüsen waren auseinandergedräugt durch schwieliges oder 
entzündlich infiltrirtes Bindegewebe, viele Schlingen vollständig 
verödet, oder der ganze Knäuel durch eine äusserst, dichte Zell¬ 
infiltration fast bis zur Unkenntlichkeit destruirt. Nahe dem 
Rande der Geschwulst wuchsen die Papillen rasch in die Länge, 
trugen seitlich aufgesetzte secundäre Papillen, gabelten sich an 
der Spitze, ihr Gewebe war von streifenförmig die Gefässe beglei¬ 
tenden Rundzelleninfiltrateu durchzogen. Entsprechend den inter¬ 
papillären Eiusenkuugen drangen zapfenförmige Fortsätze des Rete 
in die Tiefe. 

An der Grenze der Geschwulst vereinigten sich die ent¬ 
zündlichen Infiltrate zu einer breiten Demarcationszone, uud 
die Epithel Wucherung änderte plötzlich ihren Charakter. Nach¬ 
weislich zusammenhängend und mit dem Deckepithel, das aller¬ 
dings keine scharfe Sonderung in Rete und Hornschicht mehr 
erkennen liess, wuchsen an den Enden kolbenförmig verdickte und 
auch in ihrem Verlaufe vielfach mit kugeligen Auftreibungen ver¬ 
sehene Epithelstränge tief ins Cutisgewebe hineiu. Dieselben be¬ 
standen aus grossen, blassen, polymorphen, durchwegs mit grossem 
kugeligen Kerne versehenen Zellen. Innerhalb der erwähnten 
Auftreibungen waren grosse verhornte Perlkugeln eingeschlossen. 
Am Grunde der Goschwulst bildeten diese Epithelstränge ein 
rankenartig verzweigtes Netzwerk. Das Stroma wurde durch ein 
entzündlich infiltrirtes Bindegewebe gebildet, welches gegen die 
Oberfläche hin deudritisch verzweigte Papillen bildete. 

In Uebereiustimmung mit der makroskopisch sichtbaren Cou- 
tourirung der Geschwulst hielt sich die untere Grenze derselben im 
Anfänge noch ziemlich weit entfernt von der Drüsonschicht, später 
liess sie sich verfolgen bis zu einer grossen, Fettläppchen und quer¬ 
gestreifte Muskelfasern eiuschliessendcn Schicht. Besonders in den 
centralen Theilen der Geschwulst lagen innerhalb der Epithelstränge 


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74 


Richter. 


mächtige, geschichtete, verhornte Epithelmassen; doch galt dies 
im Allgemeinen mehr für die tieferen Lagen, die oberflächlichen 
bestandeu, innerhalb der makroskopisch sichtbaren Excrescenzen, 
aus kurzeu, cylindrischen oder kolbigen, nach aussen zu einer zu¬ 
sammenhängenden Schicht zusammenfliessenden Epitbeisträngen, 
welche, unregelmässig augeordnet, gut tingirte Kerne und ein 
granulirtes Protoplasma enthielten. Meist waren diese Excres¬ 
cenzen oberflächlich noch mit einem dünnen Lager von Horn¬ 
zellen überkleidet. 

In der tiefsten Schicht lagen au mehreren Stellen grosse 
kugelige verhornte Epithelperlen, die nur von einem schmalen 
Saum lebendiger, protoplasmahaltiger Epitholzellen umgeben waren, 
und eingeschlossen lageu in einem um die Perlkugeln herum 
sehr dicht von Kundzellen infiltrirton straffen, schwielenartigen 
Bindegewebe. Daneben sah man dann schmale Züge von Epithel¬ 
zellen, mitunter in Lymphspalten eingeschlossen, im Bindegewebe 
weiterkriechen. Eine Betheiligung von Bindegewebselementen an 
dem Aufbau der Krebsnester war nicht nachweisbar. Lupus¬ 
knötchen wurden am Grunde der Geschwulst aber nur in sehr 
spärlicher Zahl gefunden. 

Der dargelegte Befund berechtigt zu folgenden Conclusionen: 

Die Geschwulst war eine atypische epitheliale Neubildung, 
welche alle Gewebe unaufhaltsam durchwuchs, also destruirend 
auftrat. Aus den anatomischen Merkmalen allein einen Schluss 
auf den malignen Charakter der Neubildung (im engeren Sinne 
des Wortes) ziehen zu wollen, wäre aber aus dem Grunde nicht 
gauz richtig, weil in Folge der fortwährend sich vollziehenden 
Zerfalls- und Wucherungsprocosse die anatomischen Grenzen der 
einzelnen Schichten der äusseren Decke in hohem Grade ver¬ 
schoben waren. Man kann also nicht obueweiters sagen, die Ge¬ 
schwulst habe während der relativ kurzeu Zeit ihres Bestandes 
alle Schichten der Haut und das suhcutane Gewebe durchwachsen 
und sei bis gegen die Fascie vorgedruugen, weil diese Schichtung 
zur Zeit dos Entstehens nicht mehr vorhanden, vielleicht die eine 
oder andere Schicht schon im höchsten Grade reducirt war. 

Erwägt man ferner, dass lebhafte Wachsthumserscheinungen 
nur in den oberflächlichen Lagen der Geschwulst beobachtet 
wurden, während in den tieferen Lagen ausgesprochene Kückbil- 


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Lupuscarcinora. 


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dungsprocesse vorlageD. so scheint auch dieser Befuud für eine 
geringe Tendenz der Geschwulst zum Wachsthum gegen die 
Tiefe hin zu sprechen. 

Diese Betrachtungen leiten auf die Frage der Entstehung 
des Lupuscarciuoms im Allgemeinen hin. Ohne auf das Meritorische 
dieser Frage im Detail einzugeheu, will ich mich nur auf wenige 
wesentliche Punkte beschränken. Für die Aetiologie des Lupus- 
carcinoms sind dieselben Factoren ausschlaggebend, wie für die 
Epithelialcarcinome im Allgemeinen, nämlich erstens ein Alter 
von meist über vierzig Jahren, zweitens eine Störung des nutri¬ 
tiven Verhältnisses zwischen Bindegewebe und Epithel im Sinne 
des Ueberwiegens der epithelialen Elemente. Nun gibt es nicht 
leicht einen Process wie den Lupus, wo Zerfalls- und Rück¬ 
bildungsvorgänge im Bindegewebe mit Wucherungserscbeinungen 
des Deckepithels so Hand in Hand gehen, wo ferner, wie schon 
hervorgehoben wurde, bei der starken Lockorung und Erweichung des 
Gutisgewebes durch den lupösen Process oin so bedeutender Wegfall 
von Wachsthumswiderständen für das gewucherte Epithel gegeben 
ist, dass es endlich zu einem atypischen Uoberwiegen des 
Epithels gegenüber dem Bindegewebe kommen muss und dass es 
nur eines geringen, seiner Art nach allerdings unbekannten An- 
stosses bedarf, um eine atypische Wucherung des Epithels zu 
veranlassen. Für die Bedeutung dieser Verhältnisse spricht auch 
der Umstand, dass mau diese Geschwulstform fast nur dort ge¬ 
sehen hat, wo aus anatomischen Gründen ein sehr succulentes 
Gewebe vorhanden ist, wie dies im Bereiche der verschiedenen 
Theile des Gesichtes der Fall ist. 

Man kann also von einem Lupuscarcinom nur dann 
sprechen, wenn dasselbe auf dem Boden eines floriden 
Lupus zur Entwickelung gelangt: denn das aus einer 
Narbe nach geheiltem Lupus entstandene Carcinom hat 
mit Lupus nichts zu schaffen. 




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Zur Vorbereitung einer Sammelforschung 
über Syphilis und ihre Behandlung. 1 * 

Von 

Prof. Dr. Heinrich Köbner io Berlin. 


Nachdem mein Antrag auf Anbahnung eines, überall von 
denselben Gesichtspunkten geleiteten Beobachtungsmodus Syphi¬ 
litischer und auf Berathung des von mir zu diesem Zwecke, be¬ 
ziehungsweise zur Anbahnung einer Sammelforschung dieser Section 
vorgelegten Beobachtungsschemas durch eine Commission in der 
letzten Sectionssitzung der vorjährigen Naturforscherversammlung 
genehmigt worden war, habe ich im letzten vorjährigen Hefte der 
„Vierteljahresschrift f. Dermat. u. Syph.“ unter der Ueberschrift: 
„Zur statistischen, bezw. zur Sammelforschuug über die Pathologie 
und Therapie der Syphilis“ meiner Geueraltabelle und eiuer die¬ 
selbe ergänzenden, nur die Descendenz Syphilitischer betreffenden 
Specialtabelle nur wenige Worte der Begründung vorausgeschickt. 
Da es mir unmöglich ist, den diesjährigen Sitzungen beizuwohnen 
und den Bericht der Commission mündlich zu eröffnen, möchte 
ich zur Motivirung heute noch Nachfolgendes anführen. 

Ein Ueberblick über die zahlreichen statistischen Publieationen, 
und die darauf begründeten Schlüsse über Syphilis und ihre Be¬ 
handlungsmethode aus den verschiedensten Anstalten lehrt, dass 
erstens eine grosse, von der Hospital- und poliklinischen Statistik 
unzertrennliche Fehlerquelle in der viel zu kurzen und frag- 

’) Eingesandt und vorgelesen in der Section für Dermatologie und 
Syphilis der Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Wies¬ 
baden 1887. 


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K ö h n r r. 


mentarisehen Dauer der Beobachtungen liegt, zweitens 
aber das publicirte Material auch qualitativ höchst ungenügend 
brauchbar ist. Man beobachtet und publicirt bisher nur die in 
einem bestimmten Zeitabschnitt zur Behandlung gelangten syphi¬ 
litischen Symptome (d. h. Formen und Perioden der Syphilis) 
und ihre Beeinflussung, beziehungsweise Recidive nach einer oder 
der anderen Medication, trägt aber der Qualität der so höchst 
verschiedenen syphilitischen Individuen keine Rechnung, 
obwohl die von der Individualität dieser Kranken abhängigen 
Factoren auch für den natürlichen, von gar keiner Therapie 
beeinflussten Verlauf ihrer Syphilis anerkanntermassen höchst 
wichtig siud. Durch diese einseitige und oberflächliche Beob¬ 
achtungsweise gehen zunächst für viele, noch offene Fragen der 
Pathologie und namentlich der Therapie der Syphilis selbst, 
sowie ihrer Beziehungen zu allen anderen Krankheiten jährlich 
Tausende von Fällen verloren. Ferner aber fehlt für einen 
denkenden und forschenden Arzt von vornherein die Berechtigung, 
das vielleicht von Hause aus höchst verschiedene Krankenmaterial 
verschiedener Anstalten oder Eiuzelbeobachter zunächst bezüglich 
des Heilwerthes der verschiedenen von ihnen angewandten und 
gerühmten Methoden untereinander zu vergleichen. So mögen, um 
Beispiele anzuführen, abgesehen zunächst von der Verschiedenheit 
der Ergebnisse zwischen Männer- und Weiberabtheilungen, 
namentlich solcher, die sich hauptsächlich aus Scortis recrutiren, 
in der einen Anstalt 5 Percent, in einer zweiten 15—20 Percent 
oder mehr Tuberculose und Scrophulose unter den Kranken, in 
einer dritten ein hoher Percentsatz von Malaria, von Alkoholismus 
u. dgl., sowie umgekehrt in einer vierten Kranke mit ungewöhn¬ 
lich günstigen allgemein-hygienischen Verhältnissen vorhanden sein. 

Es leuchtet nun ein, dass durch die Annahme derselben 
Grundsätze bei der Untersuchung der Syphilitischen in erster 
Reihe unter den Specialisten selbst eine Fülle soliden 
Materials, sowie eine bisher nicht geübte Gleichmässigkeit der 
Beobaebtungsweise und demzufolge Vergleichbarkeit der Ergeb¬ 
nisse ohne Weiteres zu ermöglichen ist. 

Durch überall erfolgende methodische Eintragung der 
gröbsten individuellen Momente, z. B. des Körpergewichts und 


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Vorbereitung einer Pammelfotschung Ober Syphilis und ihre Behandlung. 7 9 


der Constitution, erheblicher anderweitiger Krankheiten, sämmt- 
1 ich er Organbefunde — auch derjenigen Organe, auf welche keine 
groben Symptome binleiton — sowie auch der früheren Infectionen 
würde ausser dem Gewinn in der angedeuteten pathologischen 
Hinsicht namentlich auch die Schwere jedes einzelnen Falles für 
die Therapie sich in objectivster Weise erkennen lassen, durch 
methodische genaue Eintragung der Arzneimengen und der 
Dauer jeder früheren und gegenwärtigen Cureine Anzahl weiterer 
therapeutisch wichtiger Fragen schon viel rascher und überzeugender 
lösen lassen. 

Bei der bekannten Thatsache des vielfachen Wechselns und 
vorzeitigen Verschwindens der Symptome aus der’Beobachtung 
jedes Einzelnen und jeder Anstalt muss aber (zur Beseitigung 
der sub 1 genannten Fehlerquelle) auch die Mitwirkung 
sowohl aller anderen, in späteren Stadien von ihnen 
aufgesuchten Kliniken und Abtheilungen, als nament¬ 
lich der Familienärzte dringend erbeten werden, um eine 
grosse Zahl langjähriger Beobachtungen Syphilitischer bezüglich 
ihrer Recidive und bezüglich ihrer Descendenz zu sammeln. 

Die Commission hat sich diesen Gesichtspunkten ange¬ 
schlossen und für die Sammelforschung die zwei, in dieser 
imserer und allen anderen klinischen Sectionen der heutigen 
Naturforscherversammlung vertheilten Tabellenformulare als Grund¬ 
lage angenommen, in deren erste alle Individuen sowohl mit 
acquirirter als mit hereditärer Syphilis, in die zweite nur die 
Uebersicht über die gesammte Familie (Nachkommen) 
syphilitischer Eltern mit Rücksicht auf deren Behand¬ 
lung einzutragen ist. Die Commission setzt voraus, dass dieselben 
Fragen, welche in den Colonnon der Tabelle I behufs Zusammen¬ 
stellung der Einzelergebnisse übersichtlicher neben einander ge¬ 
druckt sind, für die Einzel aufnahm en der Kranken bequemer 
unter einander (als einheitliche Krankengeschichte, aus welcher 
die wesentlichsten Rubra in unsere Tabelle zu übertragen sind) 
beantwortet werden. Unter den Hauptüberschriften: Nationale, 
Anamnese, Stat. praes., Therapie und Decursus auf jedem Einzel¬ 
formulare sind dieselben zu subsummiren, überdies noch unter 
.Anamnese“ eine Frage nach der Infectionsquelle (Confrontation) 


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80 


K r> b n pt. 


und für Fälle von vererbter oder hereditärer Syphilis die in Tabelle 
II enthaltene Fragengruppe mit aufzunehmen. 

Ich hatte auch ein derartiges Formulare ausgearbeitet, 
von welchem ich jedoch, da eine Einigung nicht zu Stande kam, 
keine Abdrücke anfertigen liess; eine Abschrift davon liegt hier 
bei. Auschliesseud an dasselbe haben die Collegen Pick und 
Neisser ihre bisherigen Einzelformulare abgeändert und ver¬ 
theilen Abdrücke derselben hier als Beispiele. Ein Doppelformular 
des Collegen I. Neu mann, das für hereditäre und acquirirte 
Syphilis einen getrennten anamnestischen Fragebogen enthielt, 
hat so wenig wie die vorstehenden die einstimmige Zustimmung 
der Commission gefunden. 

Die Commission überlässt die Anlegung von Formularen für 
die Einzelaufnahmen allen Anstalten und Einzelbeobachtern selbst, 
da ja unsere Tabellen zugleich als Fragebogen für die Einzel¬ 
formulare dienen, überdies aber für einzelue Anstalten Deutsch¬ 
lands sowie Oesterreichs besondere Verwaltuugsnormen besteheu, 
die einer besonderen Berücksichtigung bedürfen. Für den Bedarf 
in der Poliklinik, gleichwie in der Privatpraxis reichen übrigeus 
nach meiner persönlichen Erfahrung schon die zwei hier vorge¬ 
legten Tabellen in der jetzigen typographischen Ausführung aus. 

Doch werden die anwesenden Commissions-Collegen, w r eiche 
wenigstens schon einige Monate dieselben praktisch geprüft haben, 
sich eingehender äussoru, und wir erbitten etwaige Aenderungs- 
vorschläge auch aus dem Schosse der Sectiou, iusoferne vielleicht 
einzelne Theilnehmer derselben schon nach meinen ursprünglichen 
Tabellen gearbeitet haben. 

Zwei Hauptfragen in praktischer Beziehung betreffen die 
Ausführbarkeit und die genügende Sicherheit der objec- 
tiven Erhebungen, ln Anstalten kann beides leicht erreicht 
werden durch Theilung der Arbeit. Ich schlage vor, dass 
auf allen Abtheilungen für Syphilis — so wie ich dies z. B. in 
meiner Poliklinik durchgeführt habe — eine feststehende Un¬ 
tersuchung aller Kranken durch ophthalmologische, otiatrische 
und, wo die eigenen Kräfte und Assistenten nicht ausreichen und 
genügende Bürgschaft für sichere Resultate bieten, auch durch in¬ 
terne Collegen geschehe. Umgekehrt werden die Syphilidologen allen 


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Vorbereitung einer Sammelforsehung über Syphilis* und ihre Behandlung. 81 


anderen Anstalten, um deren Mitwirkung wir bitten, bei ihren 
Aufzeichnungen, so oft sie es begehren, zur Hand sein. Von ihnen 
allen ist bei Berücksichtigung und jedesmaliger Ausfüllung der 
die Syphilidologie besonders interessirenden Fragen ein reiches, 
bisher noch wenig erschlossenes Material zu erwarten. 

Anders stellen sich obige Fragen bezüglich des praktischen 
Arztes. Ob für seinen Bedarf und die Möglichkeit seiner, uns so 
werthvollen Mitwirkung ein kürzeres Schema auszuarbeiten, oder 
ob nur dasselbe in handlicherer Form herzustellen wäre, z. B. in 
Form einiger zusammengehefteter Blätter in Octavformat, welchen 
eine genaue Specialisirung der Fragen als Erläuterung voran¬ 
gedruckt wäre, die der Eintragende immer vor Augen hätte, 
darüber, sowie über einige andere rein praktische Fragen erbitten 
wir die Beschlüsse der Section. Solche sind ferner, da eine münd¬ 
liche Berathung der Commission nicht stattfinden konnte, sondern 
nur ein die Wissenschafts-Grundfragen umfassender und sich in 
die Lauge ziehender Briefwechsel: 1. Welche ärztlichen Kreise 
hält die Section für zweckmässig aufzufordem? 2. In welcher 
Form? Soll die Commisgion nur unter Voranschickung eines 
Motivenberichtes die hier zu beschliessendeu Schemata in allen 
gelesenen, allgemein-medicinischen Journalen Deutschlands und 
Oesterreichs publiciren und alle Aerzte zur Mitarbeit auffordern — 
oder sollen, was vielleicht wirksamer ist, direct an alle An¬ 
stalten und beziehungsweise ärztlichen Vereine jetzt sofort Zu¬ 
schriften gerichtet werden? Sollen nur Probeexemplare der 
Tabellen angeboten, resp. mitgeschickt oder dieselben insgesammt 
gratis zur Ausfüllung und Kücksendung an die Commission allen 
Interessenten offerirt werden? Soll die Rücksendung alljährlich 
verlangt und alljährlich neue Exemplare den Mitarbeitern zuge¬ 
sendet werden? 

Ueber alle diese Fragen die Entscheidung der Section er¬ 
bittend, möchte ich, indem ich von der Function als Obmann der 
Commission, welche ich wegen anderweitiger Ueberbürdung nicht 
weiter übernehmen kann, zurücktrete, vorschlagen, zur schleunigen 
Ausführung der Beschlüsse, speciell der genannten werthen Zu¬ 
schriften, statt einer vielgliederigen Commission nunmehr einem 
einzelnen, praktisch besonders gewandten jüngeren Collegen das 
Mandat zu ertheilen. Zur Bearbeitung der Eingänge könnte eine 

Yierteljalirctf*clirift f. Dermatol, u. Syph. 1888. g 


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K ö b n e r. 


kleinere Commission bestellen bleibon. Zur Beseitigung eines nicht 
unerheblichen Bedenkens, welches die praktischen Collegen zurück- 
schrecken könnte: die Verletzung der ärztlichen Discretion durch 
Nennung der Namen in den Sammelbogen, möchte ich mit dem 
Vorschläge schliessen, statt der Namen in Col. 2 nur die Anfangs¬ 
buchstaben dos Vor- und Zunamens, das Geschlecht, Tag, Jahr 
und Ort der Geburt, die Haar- und Hautfarbe des Kranken, 
sowie oben auf jedem Bogen ihren eigenen (der Einsender) 
Namen anzugeben. 


Anmerkung der Redaction. 

Wegen der grossen Wichtigkeit des Gegenstandes haben wir 
der Zuschrift des Herrn Prof. Kühner an dieser Stelle Raum gegeben. 

Die Section hat Herrn Kühner ersucht, die Stelle des Ob¬ 
mannes der Commission weiter zu behalten tmd im Vereine mit den 
Mitgliedern derselben, den Herren Doutrelepont, Bonn, Lewin, 
Berlin, Neisser, Breslau, Neumann, Wien, F. J. Pick, Prag, die 
Angelegenheit fortzuführen. 

Wir lassen nun einen Abdruck der vereinbarten Tabellen folgen, 
denen die Bedeutung von Fragebogen zukommt und bemerken, dass 
jene Herren Collegen, welche sich an der Sammelforschung bethei¬ 
ligen und von den bereit gehaltenen Formularen Gebrauch machen 
wollen, letztere jederzeit von den Mitgliedern der Commission be¬ 
ziehen können, sowie jedes Mitglied der Commission sich erbietet, 
die ausgefüllten Formularien zur weiteren Verarbeitung entgegen zu 
nehmen. 

F. J. Pick. 


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Tabelle I. 


Vorbereitung einer Sammelforschung über Syphilis und ihre Behandlung. 


83 


11. 

Erkrankungen der 
Haut 

2. 

Nicht- 

syphil. 


1. Syphilitische 

a) der Haut 

b) der llaarc u. 
Nägel 


II 0 * iGpuix G^Snozoä 

II *dsGI U9^ipiAUI{[) 


9. 

Schon 

über¬ 

standene 

constitut. 

Symptome 

feß 

P 

P 


8. 

Uebriger 

Genital¬ 

befund 

incl. Uterus, 
Hoden und 
Nebenhoden 

Behandl 


7. 

Primiiraffect. 

Zahl, Form 
und Sitz 

nebst 


iioi;ogjiii 
|| uaSiz^of lap 


5. 

Frühere 

venerische 

Infectionen 

a) locale 

b) allgemeine 

c) Zeitpunkt 
derselben 

d) behandelt 
womit? 

snnpiqja 

93IZJ3I 

4. 

Anderweitige 
frühere (wann?) 
und jetzige Organ- 
und Allgemein¬ 
krankheiten. 

Alkoholismus 


II . noimwsnoQ ‘assQjr) 


8. 

Name, 

Alter, 

Stand, 

Nr. des 
Kranken 


|| ^ U9ZT}0£ Id p Ultl^UQ 




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Bericht über die Leistungen 

auf dem 


Gebiete der Dermatologie und Syphilis. 


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I. 

Die Dermatologie und Syphilis auf den medici- 
nischen Oongressen des Jahres 1887. 


I. Verhandlungen der Section für Dermatologie und Syphilis der 
60. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Wies¬ 
baden 1887. 

Sitzung vom Dinstag don 20. September. 

Vorsitzender: Herr Touton. 

1. Herr Finger, Wien: Ueber Pathologie und Therapie der 
acuten und chronischen Urethritis. Der Vortragende bespricht in 
kurzen Zügen die in der neueren Lehre von der Blennorrhoe, ihrer 
Pathologie und Thorapie geltenden Principion. Zunächst bespricht er 
ausführlicher die Anatomie der Pars posterior der Harnröhre und 
der Blase und weist anf die wesentliche Bedeutung der Musculatur der 
Pars prostatica für die Blase hin. Die Blase verfügt über keinen 
Schliessmnskel. Der Verschluss derselben wird bei leerer Blase vom 
Sphincter prostaticus internus bewirkt. Boi voller Blase gibt dieser 
organische Muskel nach, der Urin tritt in den rückwärtigen Theil 
der Pars prostatica, die nun mit zur Aufnahme des Urins verwendet 
und als Blasenhals in die Blase einbezogen wird. Der Abschluss der 
Blase wird dann durch don Sphincter prostaticus extcrnus, der ver¬ 
möge seiner animalischen Fasern dem Willensimpulse zugänglich ist, 
bewirkt. Bei voller Blase ist dio Harnröhre kürzer als bei leerer 
Blase, wie ein einfaches Experiment lehrt. Der Vortragende bespricht 
nun die Pathologie der acuten und chronischen Urethritis. Er betont, 
dass die acute Urethritis in den normalen Fällen nicht weiter, als 
zum Bulbus reiche. Die Erkrankung der Pars membranacea und 


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88 


Die Dermatologie und Syphilis 


prostatica, die Urethritis posterior sei als eine Complication, als 
Deviation vom normalen Verlauf anzusehen. Diagnose der acuten 
Urethritis anterior, posterior, die Differentialdiagnose von der Cystitis 
werden besprochen, insbesondere die Probe der zwei Gläser. Der 
Sphincter partis membranaceae scheide die Urethra in zwei Partien. 
Eiter, der hinter demselben producirt werde, fliesse in die Blase, trübe 
den Urin in derselben, daher bei Urethritis posterior der zweite Urin 
trüb sei. Der Sphincter membranaceus schliesse aber auch die Pars 
posterior nach aussen ab und mache bei Vornahme der Injectionen mit 
der Tripperspritze ein Eindringen der Flüssigkeit in die Pars posterior 
unmöglich. Daher sei die Behandlung der Urethritis posterior mit der 
Tripperspritze unmöglich. Finger empfiehlt im acuten Stadium Bal¬ 
samica, wenn die Reizerscheinungen geschwunden sind. Di day’s Irri¬ 
gationen. 

Die Symptome der chronischen Urethritis, je nach Sitz der¬ 
selben, werden nun besprochen, in der Therapie genaue Localisation 
und örtliche Application empfohlen. Als Vehikel für örtlich zu appli- 
cirende Adstringentien empfiehlt Finger, Lanolin mittelst einer von 
Tom ma soll angegebenen Salbenspritze zu injiciren. Für alte, chro¬ 
nische, von Verdickungen begleitete Formen empfehlen sich Otis’ 
Sonden besser als die gewaltsame Dilatation. 

2. Herr Nöggerath, Wiesbaden: Ueber latente und chro¬ 
nische Gonorrhöe beim weiblichen Geschlecht. Herr Nöggerath, 
einer Aufforderung (in der Abtheilung für Dermatologie und Syphilido- 
logie), über chronische und latente Gonorrhöe beim weiblichen Geschlecht 
zu sprechen, folgend, legte einen Ueberblick des jetzigen Standes der 
Frage bei den Gynäkologen und der entstandenen Streitpunkte dar. 

Was zuerst die Frage der Häufigkeit der Affection betrifft, 
bestand er darauf, dass nicht nur in Städten ersten Ranges, sondern 
auch in kleineren Complexen, besagte Affection die häufigste Er¬ 
krankung des weiblichen Geschlechtes sei. Eine definitive Lösung der 
Frage sei vorläufig unmöglich: 

1) wegen des verschiedenen Auftretens der Erkrankung in verschie¬ 
denen Localitätcn; 

2) wegen der verschiedenen Disposition und Fähigkeit der Aerzte, 
die Erkrankung zu diagnosticiren; 

o) wegen der Unmöglichkeit, in jedem Falle Gonococcen nachzuweisen. 


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auf den medicinischen CongresS€*n dos Jahres 1837. 


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Auch die Versuche, die Häufigkeit des Vorkommens aus der 
Anzahl der mit gonococcenhaltigem Lochialsecrete oder mit Blennorrhöe- 
secrete behafteten Individuen zu berechnen, scheitert an dem Um¬ 
stande, dass chronische Gonorrhöe die häufigste Ursache der Steri¬ 
lität ist. 

Seit den letzten fünfzehn Jahren haben die Gynäkologen sich be¬ 
strebt, die Diagnose der Erkrankung auch für die Fälle zu machen, 
in welchen Gonococcen nicht nachgewiesen werden können. 

Wenn es schon schwierig ist, in Fällen von chronischer Ure¬ 
thritis beim Manne die Gegenwart der Coccen zu demonstriren, so 
wachsen diese Schwierigkeiten bei der Frau im gleichen Verhältnisse 
mit der Ausdehnung des Untersuchungsfeldes und die gerade für 
solche Fälle charakteristische Vulnerabilität der Sexualorgane. Doch 
stimmen die Resultate von Neisser und Schwarz darin überein, 
dass ersterer für den Mann, letzterer für die Frau in etwa 50°/ o der 
Fälle keine Gonococcen nachweisen konnte. 

Obschon nach Neisser keine Gefahr der Ansteckung mehr 
existirt bei constatirter Abwesenheit von Gonococcen im Secrete der 
männlichen Urethra, so können die Gynäkologen docli die Folgen 
dieser Anschauung nicht insofern praktisch schon verwerthen, dass 
sie einem Manne mit chronischer Gonorrhöe gestatten könnten zu 
heiraten: 

1) weil wenige Untersucher in jedem Falle mit absoluter Sicherheit 
die Frage der Abwesenheit der Mikroorganismen in chronischen 
Fällen entscheiden können; 

2) weil auch gonococcenfreie Secrete eitrige Blennorrhöen erzeugen 
können (S. Körner, Verhandl. d. 1. Sec. d. Gynäkol.-Congr.); 

3) weil Gonococcen im Secrete der Prostata, Samenbläschen etc. 
enthalten sein können; 

4) weil nach den Experimenten von Hiller auch durch che¬ 
mische Reize erzeugte Katarrhe der Harnröhre andere Indi¬ 
viduen zu inficircn im Stande sind. 

Zur Frage der Diagnose übergehend, und zuerst die Aetiologie 
besprechend, erklärte Dr. Nöggerath, dass er seinen pessimistischen 
Standpunkt, in der Monographie aus dem Jahre 1872 vertreten, auf¬ 
gegeben habe und dass er jetzt nur den Tripper des Mannes als un¬ 
zweifelhafte Ursache der Erkrankung der Frau anerkenne, 1) wenn 
derselbe die Ehe kurz (ein bis drei Monate) nach geheiltem Tripper 


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l)i»; Dermatologie und Syphilis 


eingegangeu, 2) wenn er latente oder chronische Gonorrhöe nach- 
weisen könnte. 

Die Diagnose der chronischen Gonorrhöe mit aenton Anfällen 
(acute und recidivirende Perimetritis) ist nicht schwierig. Es gehört 
dazu Constatirung der oben angeführten ätiologischen Thatsachen und 
die Diagnose der Salpingitis. Die Sang ersehe Eintlieilung in tuber- 
culöse, aktinomykotische, septisch-puerperale, syphilitische und go¬ 
norrhoische besteht unangefochten fest. 

Herr Nüggerath entwickelte 1 nun seine Ansicht, dass die Fälle, 
welche als puerperal-septische aufgefasst worden seien, einer Form 
von Puerporalerkrankungen zugeschrieben werden müssten, welche 
fälschlich Puerperalfieber genannt worden sei, der grösste Theil beruhe 
auf einer, im Wochenbette zum acuten Stadium exacerbirten, gonor¬ 
rhoischen Salpingitis und Peritonitis. 

Die Diagnose der chronischen Erkrankung ohne acute Schübe 
setzt sich aus folgenden Symptomen zusammen: 

1) Erkrankung einer gesunden Frau kurz nach der Heirat an' 
einem Leiden der Geschlechtsorgane, welches häufig das Wohl¬ 
befinden der Betroffenen in einem Grade alterirt (Gewichtsver¬ 
lust), welcher zu den scheinbar geringen Veränderungen der 
Sexualorgaue in keinem Verhältnisse steht. 

2) Eiteriger Ausfluss bei Abwesenheit von ausgedehnten Erosionen, 
Granulationen, fungösen Wucherungen, Sarkom, Carcinom, oder 
glasiges Secret mit schmaler hochrother Erosion am Muttermund. 

3) Katarrh der Ausführungsgänge der Vulvo-vaginal-Drüsen. 

4) Kleine spitze Condylome, in verschiodone Localitäten der Scheiden 
eingezogen. 

5) Ein Kranz kleiner Condylome dicht oborhalb der orif. ani. 

6) Die Gegenwart einer Kolpitis granulosa. 

7) Salpingo-perimctritis oder 

8) Ovariitis glandularis. 

Jedes einzelne dieser Symptome für sich herausgenommen hat 
natürlich keinen Werth, es ist nur Combination einer Gruppe oder 
aller, welche die Frage entscheiden können.“ 

3. Herr Oberländer, Dresden: a) lieber Veränderungen der 
Vaginalschleimhaut von an chronischer Gonorrhöe leidenden 
Prostituirten. Herr 0. hat nach elektroendoskopischcn Studien und 


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auf den medicinischeu Congressen des Jahres 1887. 


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pathologisch-anatomischen Befanden die chronische Gonorrhöe der 
männlichen Harnröhre in verschiedene präcis auseinander zu haltende 
Species eingetheilt. Die eine besteht in einer dichten kleinkörnigen 
Infiltration der Mucosa und angrenzenden Partien, sie geht mit einer 
hypertrophisirenden Entzündung der Littre’schen Drüsen einher. 
Die unter Umständen sehr hypertrophisch gewordene Mucosa ist 
dabei ausserordentlich spröde und leicht verletzlich geworden. 
Entsprechende Zustände finden sicli an den Carunculae myrtiformes 
und den Carunkeln der Urethra bei Prostituirten, die längere Zeit 
an Gonorrhöe gelitten haben. In Anfangsstadien bestehen nur leichte 
Schwellungen, die dann später zu hypertrophischen Zuständen der 
Carunkeln führen können, hochgradig werden diese Fälle bis zur 
Grösse einer Kirsche beobachtet. Die zweite Hauptspccies von chro¬ 
nischer Entzündung beginnt als folliculäre Schwollung von Gruppen 
Littre’scher Drüsen, die dann eine weitgehende Infiltration der 
Schleimhaut verursachen. Dabei ist die Schleimhaut stets trocken 
und mit proliferirtem Epithel bedeckt. 

Die Schleimhaut geht, nach unter Umständen jahrelangem Be¬ 
stehen, daselbst auch mit angrenzenden Partien der Schwellkörper 
zu Grunde. Das Analogon dieser Species findet man im besprochenen 
Falle in kleinen, trockenen, erhabenen Flecken von verschiedener 
Ausdehnung an der Basis der Carunculae myrtiformes und der vor¬ 
deren Partien der Vaginalfalten. Dieselben werden in den Anfangs¬ 
stadien oft übersehen und sind vernarbt als vertiefte, mattgraue 
Flecken deutlich erkennbar. Sie sind mit proliferirtem Epithel bedeckt 
und sehr oft stark pigmentirt. 

4. Herr Oberländer, Dresden: b) Die papillomatöse Ent* 
Zündung der männlichen Harnröhrenschleimhaut. Oberländer 
unterscheidet zwei Arten, eine mehr acute Form, wo die Wuche¬ 
rungen nicht lange persistiren und weich sind, ebenso nicht in so 
grosser Anzahl vorhanden sind, als bei der anderen Form. Die Fälle 
haben eine mittlere Andauer von drei bis sechs Monaten und können 
auch ohne bestehende Gonorrhöe sich bilden. Die andere exquisit 
chronische Art ist fester construirt, findet sich stets breitbasiger 
aufsitzend, zumeist auf lange Strecken und kann in hochgradigen 
Fällen vollständigen Verschluss des Harnrohrs zur Folge haben. Die 
Erkrankung kann auch bei richtiger Behandlung der oft äusserst 


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Die Dermalolügie und Syphilis 


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hartnäckigen Kecidive wegen mehrere Jahre anhalten. Sie hat nach 
Abheilung und nicht mehr Wiedererscheinen der Condylommassen 
zumeist eine stricturirende Schleimhautentzündung zur Folge, die von 
Oberländer in seinen Schriften Urethritis glandularis hyper¬ 
troph ica genannt ist. Die Entfernung der Papillome geschieht mit 
Tamponccrasement. 

Alsdann demonstrirt Ob erländer seine Methode, die chro¬ 
nische Gonorrhöe mit einem von ihm angegebenen Intraure- 
throtom und galvanokaustisch zu behandeln, cf. Nr. 202 des 
Ausstellungskatalogs. 

5. Herr Schutz demoustrirte einen neuen Apparat (Dia- 
photoskop) zu medicinischen Beleuchtungszwecken und nament¬ 
lich zur Erhellung des endoskopischen Sehfeldes. Lichtquelle 
ist eine Chromsäuretauchbatterie. Hebung und Senkung der Tröge 
geschieht durch sanfte Schraubenbewegung. Die Schraubenbewegung 
sichert Abstufung der Stromesintensität, Entbehrlichkeit des Rheo- 
stats, absorbirt selbst wenig Aufmerksamkeit während der Beob¬ 
achtung des endoskopischen Gesichtsfeldes. Der Apparat selbst ist 
ein sogenanntes Photophor, das central durchbohrt ist zum Durch¬ 
sehen, durch besondere Vorrichtungen von seiner Hitze befreit ist, 
endlich direct vor die Pupille des Auges placirt wird. Sein Licht ist 
rein weiss, nicht focal, sondern diffus, mit vielen parallelen respective 
axialen Strahlen, von einer Stärke, welche für die Erkennung des 
menschlichen Distinctionsminimums genügt. 

Kunstprodukte focaler Beleuchtung, Lichtkegelreflexe kommen 
dabei nicht zu Stande. Die Erwärmung dos Apparates wird durch 
Asbestfütterung für die Dauer einer Untersuchung fast auf Null 
reducirt. Mit dem Apparat ist das Princip eines selbstleuchtenden 
Auges gelöst, das unabhängig von der Kopfstellung des Beobachters 
die Bedingungen zum Sehen stets sich selbst schafft, dessen Seh- 
strahl und Beleuchtungs.strahl einen Weg nehmen, deshalb selbst 
lange und enge Canäle gemeinsam durchdringen. Da der Endzweck 
des Endoskopes kein lediglich diagnostischer ist, sondern auch 
während der Beobachtung eine locale Therapie zu ermöglichen hat, 
so kann jede Anordnung an Endoskopen, welche Lichtquelle oder 
Reflector mit dem Tubus verbindet, die es jedoch nicht ermöglicht, 


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auf «len medicinisehen Coiigiessen des Jahres 1887. 


93 


gleichzeitig zu beobachten und Instrumente einzuführen, als wenig 
vollkommen gelten. 

Die Trennung von Tubus und Keflector beziehungsweise Licht¬ 
quelle durch Grün fei d’s Verdienst ist und bleibt für die Entwickelung 
der Endoskopio eines dor wichtigsten Momente. 

Im Sinne Grünfel d’s einen Fortschritt hinsichtlich der Be¬ 
quemlichkeit des Verfahrens wie auch der Erzielung grösserer Hellig¬ 
keit zu bieten, mag als Tendenz des Diaphotoskopes gelten. 

6. Herr Finger demonstrirt das Leiter’sche Elektroen- 
doskop. Dasselbe ist auf dem Princip der Desormeaux’schen 
Lampe gebaut, nur dass der ganze Apparat handlicher, statt der 
Petroleum- eine elektrische Glühlampe verwendet wird. An die ge¬ 
wöhnlichen, geraden Steurer’schen Endoskope wird ein leicht zu 
handhabender Ansatz angesetzt, aus einem Halbrohr bestehend, dessen 
Griff mit dem stromgebenden Apparate verbunden ist. In diesem 
Halbrohr findet sich ein elektrisches „Mignon“-Glühlämpchen und 
hinter diesem ein Concavspiegel, der das Licht des Lämpchens 
sammelt nnd in den Tubus des Endoskopes hineinwirft. Neben der 
leichteu Handlichkeit und der Möglichkeit, das Licht von roth durch 
gelb bis weiss beliebig zu nuanciren, also sowohl bei schwacher, als 
starker Beleuchtung zu untersuchen, hat der Apparat auch den Vor¬ 
theil, dass die Lichtquelle fix ist, ihre Strahlen stets in das Endoskop, 
den Tubus wirft, der Untersuchende also viel freier ist, als bei allen 
Apparaten, die ihre Lichtquelle am Kopfe des Untersuchenden haben, 
also fixe ruhige Lage des Kopfes, bei sonstiger Verschiebung der 
Lichtquelle und Verdunklung des Gesichtsfeldes erfordern. 

7. Herr Oberländer demonstrirt seinen, den Lesern der Vier¬ 
teljahresschrift aus dessen Publicationen in dem Jahrgang 1887 
bereits bekannten modificirten Nitze - Leiter'schen elektro-endo- 
skopischen Apparat. 

Discussion über die Vorträge 1, 2, 3 und 4: 

Herr Oberländer: Der Gonococcus bildet den ersten Reiz, dann 
kapseln sich die Entzündungsherde mit Gonococcen ab und sterben ab. 
Die chronische Gonorrhöe hat ganz bestimmte und stets durch das Elektro- 
endoskop zu constatirende Veränderungen in Narbenformen, Drüsen, Ent¬ 
zündungsresten u. s. w. — Man muss also immer auf die pathologischen 
Kffecte Rücksicht nehmen, um erfolgreiche Fortschritte zu 
machen. 


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Die Dermatologie 1 und Syphilis 


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Herr Finger trägt Herrn Nöggerath, welche Resultate bezüg¬ 
lich der Anwesenheit der Gonocoecen er aus der Untersuchung des Samens 
erhalten hat. 

Herr Nöggerath erwidert, dass er seine Untersuchungen des Samens 
vor der Entdeckung des Gonococcus unternommen habe, und dass dieselben 
Azoospermie, Anwesenheit von Eiterkörperchen und deformirten Samen¬ 
körperchen ergeben haben. 

Herr Finger bekennt sich in der Conococcenfrage zu dem Stand¬ 
punkt Neisser’s und Bumm’s; positive Befunde sind beweisend, negative 
sind mit Vorsicht aufzunehmen und sehliessen jedenfalls das Vorhandensein von 
Gonorrhöe nicht aus. Ferner wirft er die Frage auf, ob alle jene Processe, 
die man der chronischen Blennorrhöe zuschiebt, nur durch diese oder nicht 
durch Mischinfectionen zu Stande kommen; Beobachtungen in acuten und 
chronischen Fällen sprächen dafür. 

Herr Lassar weist daraufhin, dass bei der notorischen Schwierigkeit, 
auf ein negatives Resultat der mikroskopischen Untersuchung diagnostische 
Schlüsse zu bauen, mehr Gewicht als sonst bräuchlich auf die Anwesenheit 
von Tripperfäden zu legen und dass von einer systematischen Berück¬ 
sichtigung dieses Anhaltspunktes eine genauere Kenntniss der thatsäclilichen 

t 

Verhältnisse zu erhoffen sei. Unter Bestätigung einer Reihe von Punkten, 
welche die Herren Nöggerath und Finger hervorgehoben, hebt er den 
principiellen, klinischen Unterschied zwischen chronischer und acuter Go¬ 
norrhöe und das Fehlen von Uebertragung der einen Form der Krankheit 
durch die andere hervor. Hier ist eine offene Frage. 

Herr Nöggerath erwidert Herrn Lassar, dass beim Manne nie 
eine chronische Gonorrhöe in die acute Form übergehe, dass aber bei der 
Frau die Thatsache von vielen Beobachtern unzweifelhaft constatirt sei. 
Nach Einführung von Pessaren, nach Reizungen irgend welcher Art treten 
nicht nur acute Trippererscheinungen, sondern auch die verschwundenen 
Gonocoecen wieder hervor. 

Herr Lassar erklärt für nöthig im Auge zu behalten, dass Männer, 
wenn sie vorher auch noch so viele Gonorrhöen durchgemacht haben, in 
der Ehe nie wieder ohne neue Infection an florider Gonorrhöe erkranken. 

Herr Oberländer weist auf die bekannte Thatsache hin, dass 
durch instrumentelle Behandlung der Stricturen, wenn kein Ausfluss besteht, 
ein solcher häufig hervorgerufen werde und dass in diesen Fällen auch ohne 
Anwesenheit von Coccen eine gonorrhoische Infection erfolge. Mikroskopische 
Secretuntersuchung sei ihm bei seiner Thätigkeit unmöglich. 

Herr Harttung berichtet Beobachtungen über Reizinjeclionen und 
bespricht den Werth negativer Befunde. Mikroskopische Untersuchungen 
sind jedenfalls weniger zeitraubend als die Urethroskopie und in jedem Falle 
vorzuuehmen. 

Herr Chotzen: Bei der gonorrhoischen Infection ist eine Misch- 


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auf den medicinischen Congreesen des Jahres 1S87. 


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infection nicht zu bezweifeln, die Bedeutung derselben aber nicht hoch anzu¬ 
schlagen, da die zur Bekämpfung der Gonococcen angewandten Iujectionen 
zur Vernichtung der übrigen Bacterien hinreichen. Das Vorfinden von Gono¬ 
coccen selbst nach Verlauf vieler Jahre seit der Infection ist wohl damit zu 
erklären, dass dieselben in die kleinsten Drüsen eingedrungen, hier durch 
Verstopfen derselben durch Schleimpfröpfe festgehalten werden, hier sich 
vermehren, bis schliesslich durch Druck vom Innern der Drüse her, oder 
durch Abstreifen des Schleimpfropfens ein Ausschwärmen der Gonococcen 
ermöglicht wird. 

Herr Bockhart hat bei Plattenculturen von Trippersecret unter 
45 Fällen fünfmal Staphylococcus albus und aureus gefunden, was er hin¬ 
sichtlich der Mischinfection für wichtig erklärt. 

Herr 0. Rosenthal, Berlin, macht auf die Nachtheile der elektro- 
endoskopischen Instrumente der Harnröhre, bei denen die Lichtquelle in den 
Apparaten ist, aufmerksam. Da das Gesichtsfeld nicht von verunreinigendem 
Blut und Eiter zu reinigen ist. da der Apparat sehr schwer hantirbar ist 
und deshalb zur Behandlung bei so kleinen Gebieten sich nicht eignet, so 
scheint ihm nur bei zweifelhaften Fällen die Endoskopie, aber nicht die mit 
den Dr. Oberl&nder’schen ähnlich gebauten Instrumenten, in denen die 
Lichtquelle in den Instrumenten liegt, zur Untersuchung der Harnröhre, 
zur Diagnose absolut geeignet, zur Therapie nur in ganz seltenen Fällen. 

Herr Oberländer hebt nochmals die leichte Hantirbarkeit und die 
übrigen Vorzüge seines Instrumentes hervor, dessen Anwendung er jedoch 
nur geübten Händen empfiehlt. 

Herr Finger erkennt die Bedeutung des Endoskopes für die Diagnose 
localer Affectionen der Urethra an, für die Behandlung will er dasselbe nur 
ausnahmsweise angewendet wissen. 

Herr Lew r in, Berlin, warnt vor übertriebenem Gebrauch des Endo¬ 
skopes, wenngleich er die Vorzüge desselben für Diagnose anerkennt. Als 
Lichtquelle genügt ein einfacher Reflector bei Sonnen- und Lampenlicht. 

Herr Caspary, Königsberg, will auch nur im Nothfalle zum Endo¬ 
skop greifen, will dann aber dasselbe auch therapeutisch verwerthen. 

Herr Lewin, Berlin, bespricht auf der Grundlage klinischer und 
endoskopischer Erfahrungen und der Ergebnisse von Sectionen die anato¬ 
mischen Veränderungen und Befunde hei chronischer Gonorrhöe; dieselben 
bestehen in: 1) Erschlaffung des submucösen Gewebes und der Musculatur, 
Atonie der Gefässe; 2) xerotischen Veränderungen der Schleimhaut, epider- 
misähnliche Veränderung des Epithels; 3) Narben, als Residuen früherer 
Erosionen etc., die theilweise so fein sind, dass sie endoskopisch über¬ 
sehen werden; 4) folliculären Drüsenentzündungen (Morgagni, Littr^) 
— Entwicklung von Cysten derselben durch Retention des Secrets, wodurch 
einer Urethritis granulosa vorgetäuscht werden kann. Ausserdem kommen 
dem Trachom der Conjunctiva ähnliche Proeesse vor. Für Behandlung 


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l)ip Dormatologie unJ Svphilia 


papillärer Wucherungen empfiehlt Lewin chirurgische Manipulationen und 
Caustirangen-, die von Oberländer empfohlenen Tampons hält er für un¬ 
zweckmässig. Sabinasalbe soll die sonst häufigen Recidive verhindern. 

Herr Oberländer, Dresden, constatirte an Leichenbefunden, dass der 
chronische Tripper herdförmige Infiltrationen bildet, wo die elastischen Ele¬ 
mente zu Grande gegangen sind; dieselben sollen durch starke Ausdehnungen 
gedehnt, eventuell zerrissen werden. 

Herr Finger bestreitet nach seinen Untersuchungen die Häufigkeit 
weiterer Stricturen und zieht im Uebrigen die Sondenbehandlung derjenigen 
mit dem Otis'sehen Dilatator vor. 

Herr Zinker widerspricht dem Vorredner und beschreibt die in 
Amerika üblichen Manipulationen bei der Heilung weiterer Stricturen. 

Herr 0. Rosenthal empfiehlt die allmälige Dilatation der Harn¬ 
röhre; ihm hat in letzterer Zeit das LeFort’sche Instrument gute Dienste 
geleistet. Um zu gleicher Zeit einen Druck auf die submucösen Partien aus¬ 
zuüben und auch die Schleimhaut selbst zu behandeln, hat Redner zwei 
Methoden combinirt: zuerst führt er die Beniqug’schen Sonden ein und 
lässt dieselben fünf bis zehn Minuten liegen; nachher folgt eine Guyon'schc 
Instillation mit der von Herrn Rosenthal modificirten Spritze. 

Herr Finger empfiehlt nochmals combinirte Sonden- und Salben¬ 
behandlung. 

Herr Touton, Wiesbaden, hat von derAnwendurg der Casper'schen 
cannelirten Sonden mit Argentum-Lanolin die besten Erfolge gesehen. Reiz¬ 
erscheinungen waren bei gründlicher Desinfection keine vorhanden. Die 
Anwesenheit von Salbenresten in der Urethra noch am nächsten Tage nach 
der Application scheint ihm gleich Finger einen wesentlichen Vorzug der 
Methode zu bilden. 

Sitzung vom Mittwoch den 21. September. 

Vorsitzender: Herr Lewiu, Berlin, später Herr Lipp, Graz. 

Nach Verlesung eines schriftlichen Berichtes von Herrn Prof. 
Köbner über die Sammelforschung bei Syphilis schlägt Herr Dou- 
trelepont vor, vorläufig nach den einstweilen gegebenen Tabellen 
zu arbeiten, weitere Verabredungen über Publicationen in Zeitschriften 
sollen Herrn Köbner überlassen bleiben. 

1. Herr Caspary, Königsberg, empfiehlt die Frage der Pathologie 
des Lichen ruber zur Besprechung auf einer späteren Versammlung. 
Die anscheinend so fest gefügte Lehre, die Hebra nach seinen und 
Wilson’s Entdeckungen hinterlassen, sei fast in jedem Punkte er¬ 
schüttert. So in der Frage nach der Häufigkeit oder gar der Exi- 


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auf den medicinisehen Congressen des Jahres 1887. 


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stenzberechtigtmg des L. r. acnminatns, damit in Zusammenhang nach 
der Gefährlichkeit des unbehandelten Leidens, nach der Unveränder¬ 
lichkeit der isolirten Einzelefflorescenzen, nach der Möglichkeit ganz 
acuten Ablaufs unter äusserlicher Therapie, nach der früher ausge¬ 
schlossenen Recidivfähigkeit, nach der Behandlung, die früher allein 
und anscheinend in voller Sicherheit dem Arsenik zufiel. Die früher 
ganz dunkle Aetiologie suchten Lasser durch Coccenbefunde und 
Köbner durch seine neurotische Theorie zu erklären.—Von eigenen 
Beobachtungen möchte Caspary einmal anführen, dass er auch die Dia¬ 
gnose, die ja meist durch Localität und Form augenfällig, in vereinzelten 
Fällen für sehr schwierig halte und die Rücksicht auf Concomitan- 
tien und Juvantien für erforderlich. Anatomisch habe er in allen von 
ihm bisher untersuchten Fällen von L. r. planus eine — auch schon 
früher vereinzelt beschriebene — Abhebung der Epidermis vom Co- 
rium gefunden, der kleinzellige Infiltration der oberen Coriumschich- 
ten vorangegangen sei. Präparate und Abbildungen werden vor¬ 
gezeigt. 

Herr Toaton, Wiesbaden, erklärt auf die Anfrage des Vortragenden, 
dass er bei nicht arteficiellen Stauungsblasen die gleiche Ablösung der un¬ 
veränderten Epidermis vom Papillarkörper und die Ausfüllung der hier¬ 
durch entstandenen Kluft mit einem feinkörnigen Gerinnsel gesehen hat. 
(cfr. Vergleichende Untersuchungen über die Entwickelung der Blasen in der 
Epidermis, Töbingen 1884, pag. 8.) 

Herr Lewin betont als differentiell diagnostisches Merkmal die Be¬ 
deutung des Juckreizes hei Lichen, der hei Syphiliden nur hei ganz schnell 
auftretenden Exanthemen sich zeige. 

Herr Lassar, Berlin, hält an der infectiösen Natur des Lichen ruber 
fest, wenn er auch nicht die von ihm früher beschriebenen Bacillen mit 
Sicherheit als das specifische Virus hinstellen will. Auf die Anschwellung 
von Lymphdrüsen hat sein Assistent, Herr Isaac, bereits vor einem Jahre 
hingewiesen. 

Herr Lipp erwähnt einen unzweifelhaften Fall von universellem 
Lichen ruber planus und acuminatus, welcher nach verhältnissmässig kur¬ 
zem Bestände zwar keine vollkommene, aber doch eine beträchtliche spon¬ 
tane Rückbildung darbot, und macht darauf aufmerksam, dass deutliche 
Drüsenschwellungen in diesem Falle, sowie in manchen anderen von Lichen 
ruber Vorkommen, was vielleicht auf eine Infectionskrankheit hinweisen 
dürfte. 

Ferner betheiligen sich an dieser Discussion die Herren Veiel, Lesser 
und Behrend. 

Vierteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1888. 7 


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Die Dermatologie und Syphilis 


2. Herr Doutrelepont, Bonn: Lupus und Hauttuberou- 

lose. So viel ich weiss, ist die eigentliche Hauttuberculose zu¬ 
sammen mit Lupus an demselben Individuum bis jetzt nicht be¬ 
obachtet. Nicht nur dieses Zusammentreffen konnte ich vor Kurzem 
constatiren, sondern ich hatte auch Gelegenheit, bei einem anderen 
Patienten die drei Formen der Hauttuberculose: „Lupus, Scrofulo- 
derma und die eigentliche Hauttuberculose“ zu beobachten. In beiden 
Fällen waren auch bereits Symptome hochgradiger Tuberculoso der 
inneren Organe vorhanden. Ich konnte nicht allein Tuberkelbacillen 
in diesen sämmtlichen Formen der Tuberculose nachweisen, sondern 
ich erzeugte auch durch Einimpfung von Scrofulodermamaterial bei 
Meerschweinchen typische Tuberculose von Lunge, Leber, Milz und 
Lymphdrüsen. Die Hauttuberculose wird meist erst secundär bei 
an hochgradiger Phthisis Leidenden beobachtet. Ihr Lieblingssitz 
— Umgebung des Mundes oder des Afters — erklärt sich dadurch, 
dass an diesen Stellen die Tuberkelbacillen, sei es durch das Sputum 
oder durch die Fäces, sehr zahlreich aus dem Körper gelangen; dort 
so oft vorhandene Erosionen geben die Pforten ab für das Eindringen 
der Bacillen in die Haut, wodurch die Knötchen entstehen, deren 
Zerfall schliesslich die Geschwüre bildet. Diese directe Einimpfung 
ist jedenfalls der gewöhnliche Uebertragungsmodus, wenn auch nicht 
geleugnet werden soll, dass auch auf metastatischem Wege — durch 
Transport der Bacillen ins Blut — die Infection erfolgen kann. 

Herr Finger weist auf die Thatsache hin, dass durch örtliche Ein¬ 
impfung von Tuberculose Formen von Hauterkrankung entstehen, die man 
als Leichenwarze, als Tuberculosis verrucosa cutis bezeichnet und weist 
ferner auf die Analogie dieser Form mit dem Lupus verrucosus in anato¬ 
mischer und klinischer Hinsicht hin. 

Herr Schütz hat dem Lupus der Nasenschleimhaut häutig Erkran¬ 
kungen des Thränennasenc anals vorangehen sehen. 

Herr Caspary fragt, ob der Herr Vortragende Riesenzellen ohne 
Bacillen zur Differentialdiagnose für genügend erachtet, was derselbe verneint. 

3. Herr Kühne, Wiesbaden: Demonstration mikroskopischer 
Präparate von Lepra und Mycosis fungoides. Zum besseren Ver- 
ständniss meiner nachher zu demonstrirenden Präparate halte ich es 
für zweckmässig, einige erläuternde Bemerkungen vorauszuschicken. 

Das Material zu den Mycosispräparaten erhielt ich von Herrn 
Professor Firkot in Lüttich. Es bestand theils aus den noch leben- 


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auf den tnediciniechen Congressen des Jahres 1887. 


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den Kranken exstirpirten Hautgeachwulststücken, tbeils ans ihrer 
Leiche entnommenen Stöcken nlcerirter Hantgeschwölste, sowie Thei- 
len von Langen, Leber, Nieren, Milz und Fibringerinnseln ans dem 
Herzen. Spaltpilze überhaupt fand ich nnr in den der Leiche ent¬ 
nommenen Theilen, die bekannten Streptococcen massenhaft in den 
ulcerirten HantgeschWülsten, viel spärlicher dagegen in den inneren 
Organen. Das Motiv meiner heutigen Demonstration wurde mir in¬ 
dessen durch den Befund eines sehr starken Bacillus in den inneren 
Organen gegeben, dessen Abwesenheit in den Hautgeschwülsten wohl 
annehmen lässt, dass seine Einwanderungsstelle mir nicht zur Unter¬ 
suchung vorlag. Dieser Fall scheint mir besonders deswegen beach¬ 
tenswert, weil er einen weiteren Boitrag zu der Thatsache der gleich¬ 
zeitigen Einwanderung verschiedener Spaltpilzarten in disponirtes 
Gewebe liefert, denn ich brauche wohl nicht hinzuzu fügen, dass ich 
weder die Streptococcen noch den von mir gefundenen Bacillus als 
cansa morbi ansehe. 

Die von mir ausgelegten Leprapräparate werden Ihnen die ver¬ 
schiedensten Uebergangsformen zwischen Quer- und Längsschnitten 
von mit Leprabacillen ausgestopften Lympbgefässen zeigen. Diese 
Formen, welche die auffallendste Aehnlichkeit mit Anhäufungen von 
Koch’schen Mäusebacillen im Gefässo zeigen, sowie die Erwägung, 
dass es nicht allein die Form ist, welche zur Feststellung der Exi¬ 
stenz der sogenannten Leprazellen genügt, sondern auch die biolo¬ 
gischen Verhältnisse berücksichtigt sein wollen, haben mich zu der 
Ueberzeugnng geführt, dass der Begriff Leprazelle fallen zu lassen 
ist, weil ein gemeinsamer Haushalt zwischen Pilzen und Zellen bis 
jetzt noch nirgends constatirt wurde. 

Herr Touton bedauert, nochmals auf dieses wohl zur Genüge be¬ 
sprochene Thema eingehen zu müssen. Er hat sich bis jetzt noch durch 
Präparate von keiner Seite von dem Gegentheil seiner früher kundgegebenen 
Anschauung überzeugen lassen können. Die Gegner sehen deshalb noch nicht 
genug bacillenhaltige Zellen, weil sie keine genügend starke Protoplasma¬ 
färbung erzielen. Er besitzt Milz präparate von Herrn Dr. Ort mann 
(Königsberg), die ja zur Demonstration des Verhältnisses von Bacillen zu 
Zellen bei weitem geeigneter sind, als solche von Nerven und auch von 
Haut, in welchen nur an solchen Stellen freie Bacillen zu sehen sind, wo 
unmittelbar daneben zerfallene Zellen liegen. 

Herr Hochsinger freut sich, auB den Präparaten Kühne’s zu er¬ 
sehen, dass Streptococcen im Gewebe von Granuloma fungoides auch von 

7* 


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Die Dermatologie und Syphilis 


ihm gefunden wurden. Ob die Streptococcen für die Mycosis fungoides that- 
sächlich pathogen sind oder nur für den eiterigen Zerfall des Gewebes ver¬ 
antwortlich zu machen sind, müssen weitere Untersuchungen zeigen. Hoch¬ 
singer verwahrt sich auf das Energischste gegen die von Köbner in 
wiederholten Publicationen gemachten Angaben, in denen er behauptet, 
Hochsinger hätte Streptococcen mit Mastzellen verwechselt und seine 
Schnitte exulcerirten Knoten entnommen. 

4. Herr E. Lesser, Leipzig, spricht im Anschluss an einen 
Fall von universellem Quecksilbererythem nach einer suhcutanen 
Calomelinjection über das Verhältniss zwischen den durch äussere 
Application und den durch interne Hg-Aufhahme entstandenen 
Ausschlägen, die er als identisch aufgefasst wissen möchte. Wahr¬ 
scheinlich kann sowohl durch centrale wie durch locale Wirkung bei 
prädisponirten Menschen ein Arzneiexanthem hervorgerufen werden, 
und zwar können boido Entstehungsweisen allein oder gelegentlich, 
z. B. bei Inunctionen mit grauer Salbe, combinirt zur Geltung kom¬ 
men. Die Frage, ob durch eine locale Wirkung hei einem prädispo¬ 
nirten Individuum den Ar/.neiexanthemen ähnliche Erscheinungen 
horvorgerufen werden, suchte Herr Besser bei einem Fall von Ery¬ 
thema nodosum nach Jodgebrauch der Entscheidung näher zu brin¬ 
gen. Einer Kranken, welche dreimal nach Aufnahme von Jodkalium, 
resp. Jodnatrium Erythema nodosum bekommen hatte, spritzte er zwei¬ 
mal eine Lösung von Jodkalium (02 : 1*0) in das Unterhautgewebe. 
An einer Stelle entwickelte sich in langsamer Weise ein etwa kirsch¬ 
grosses Infiltrat, welches länger als zwei Monate bestand, sicher also 
kein Erythemknoten war. Dieses negative Resultat beweist natürlich 
Nichts gegen die oben ausgeführte Annahme, dass auch locale Wir¬ 
kung mit den Arzneiausschlägen zu identificirende Erscheinungen her- 
vorrufen kann. 

5. Herr Touton, Wiesbaden: Demonstration eines FaUes 
von" diffuser, der Sclerodermie ähnlicher Hauterkrankung nach 
einem Trauma. Bei einem 42jährigen, im Uebrigen gesunden Schreiner¬ 
meister entwickelte sich im Anschluss an das Eindringen eines Eichen- 
holzsplittcrs (1875) zwischen rechtem Daumen und zweitem Finger 
die jetzige diffuse (Arme, Beine, Brust), mit der Sclerodermie ähn¬ 
liche Erkrankung. Abgesehen vom zweiten Finger rechts und der 
angrenzenden Dorsalfläche, zeigen die Hände jedoch mehr die Be¬ 
schaffenheit derjenigen, wie Touton dieselbe bei seinem früher publi- 


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auf den inediciuLschcti Coiigresseh des Jahres 1887. 


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cirfcen Fall von diffuser idiopathischer Hautatrophie beschrieben hat. 
Die ausführliche Publication des vorgestellten Falles, welcher vielleicht 
einiges Licht auf die dunkle Aetiologio der Sclerodermie werfen kann, 
folgt in einem Fachblatt. 

Herr Lesser, Leipzig, demonstrirt die Photographie eines ähn¬ 
lichen Falles. 

6. Herr E. Lesser, Leipzig, legt Präparate von Aplasia pilo- 
rum intermittens vor, welche von mehreren Angehörigen einer Fa¬ 
milie stammen, bei welcher mehrere Mitglieder zweier Generationen 
diese eigenthümliche Anomalie der Haare zeigten. 

7. Herr Lassa r, Berlin: TJeber Sozojodol: Gestatten Sie mir 
an dieser Stelle die geehrten Fachgenossen zur Prüfung eines mir 
vor Kurzem von Seiten der rühmlichst bekannten Firma Tromms¬ 
dorff, Erfurt, zur Verfügung gestellten Präparates aufzufordern. Das¬ 
selbe ist ein neuer chemischer Körper von der Zusammensetzung 
C g H, J SO, H (OH) oder nach der Atom-Gruppirung ausgedrückt 

OH 

/ 

C e H 0 — SO, H 

J 

stellt also eine Para-Jodphonolsulfosäure dar. Der Entdecker 
dieser Verbindung, Dr. Ostermayer, durfte von derselben von vorn¬ 
herein eine hervorragend antiseptische Energie erwarten, weil sie drei 
ganz besonders wirksame Körper, nämlich Jod, Schwefel und Carbol, 
und zwar in geeigneter Form enthält. Der Jodgehalt beträgt 42 Percent. 
Dieser der Kürze halber Sozojodol genannte Körper besteht in 
zwei Formen, als I und II bezeichnet, ist leicht löslich in Wasser 
und Alkohol, vollständig färb- und geruchlos, lässt sich mit fast allen 
bekannten Vehikeln ohne Veränderung mischen, wird im Gegensatz 
zu fast allen Jodpräparaten, namentlich dem Jodoform, durch das 
Licht in keiner Weise zersetzt — kurz das Sozojodol bringt uns alle 
diejenigen Eigenschaften entgegen, welche für dermatologische Ver¬ 
wendbarkeit gefordert werden dürften. Dazu kommt, dass das Prä¬ 
parat in jeder beliebigen Menge im Grossen hergestellt werden kann 
und sich im Preise nicht allzuhoch stellen soll. 

Durch den Assistenten meiner Klinik, Herrn Dr. Isaac, sind 
deshalb therapeutische Versuche unternommen, deren ausführliches 


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Die Dermatologie and Syphilis 


Ergebniss erst in einiger Zeit mitgetheilt werden soll. Soviel nur 
möchte ich hervorheben, dass das Sozojodol bestimmt berufen ist, 
für die Behandlung von Hautkrankheiten eine nützliche Bolle 
zu spielen. Der vornehmsten Indication, nicht zu schaden, genügt das 
Mittel vollständig. Beizungen ruft es weder in selbst zehnpercentigen 
Salben- noch Pulvermischungen hervor. In leichter Schälung, wie sie 
in der Begel zur Abstossung der krankhaften Ein- und Auflagerungen 
erwünscht ist, blättert sich die Haut blass und glatt ab und zeigt 
unter continuirlicher Bedeckung von Sozojodol-Präparaten nicht die 
geringste Irritation irgend welcher Art. Zu dieser Unschädlichkeit 
kommt die Wirksamkeit. Bei frischen und veralteten Eczemen ver¬ 
schiedenen Ursprunges, bei Herpes squamosus, Herpes tonsurans, 
impetiginösen Ausschlägen des Gesichts und varicösen Beingeschwüren 
und -Eczemen hat sich ein sichtlicher und unbestreitbarer Erfolg vor 
Augen gestellt. Besonders charakteristisch war, wie theoretisch zu 
erwarten, die Wirkung auf Dermato-Mykosen. Es kann hier nicht 
Aufgabe sein, in Einzelheiten einzugehen. Ich glaubte nur die Herren 
Collegen auf ein wissenschaftlich herbeigezogenes und aussichtsvolles 
Mittel gegen entzündliche und parasitäre Hautkrankheiten aufmerk¬ 
sam machen zu sollen. 

Die Trommsdorffsche Fabrik gibt gerne Material zu weiteren 
Versuchen ab. 

8. Herr Lassar, Berlin, demonstrirt die Faber’schen soge¬ 
nannten dermatographischen Farbstifte, welche ursprünglich zum 
Zeichnen auf Fleischtheile für anatomische Zwecke empfohlen worden 
sind. Dieselben eignen sich vortrefflich zur Umzeichnung von Haut- 
Efflorescenzen, indem dieselben kenntlich gemacht, umrahmt, gegen 
die Umgebung contrastirt werden. Vortragender hat dies Verfahren 
früher schon zu Lehrdemonstrationszwecken empfohlen und sich hier¬ 
bei wässriger Methylenblaulösung bedient. Viel bequemer und hand¬ 
licher sind die erwähnten Stifte. *) 

9. Herr Veicl, Cannstatt, macht Mittheilung über einen Fall 
von Eczema solare, das bei einer Patientin durch jeden Ausgang 
bei hochstehender Sonne hervorgerufen wurde. Dasselbe wird nach 
seiner Ansicht durch die chemischen Strahlen der Sonne hervor- 

') Bezugsquelle: A. W. Faber in Berlin und Jung, Heidelberg. 


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auf den medicinischen Congressen des Jahres 1887. 


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gebracht. Als bestes prophylactisches Mittel bewährte sich ein die 

chemischen Strahlen der Sonne möglichst ausschaltender rother Schleier. 

* 

10. Herr Disse, Tokio, demonstrirt seine Präparate von 
Thiersyphilis und seine davon gewonnenen Reinculturen. 

Sitzung vom Freitag den 23. September. 

Vorsitzende: Herren Doutrelepont und Lewin. 

1. Herr G. Behrend, Berlin: Ueber die Veränderung der 
Haare bei der Alopecia areata. Der Vortragende sieht die charakteristi¬ 
schen Veränderungen der Haare bei der obigen Erkrankung in einer Luft¬ 
infiltration der Haare, welche zur Austrocknung des Bulbus und zur 
Kahlheit führt, und sieht die Ursache der Erkrankung in einer Alte¬ 
ration der Ernährung, die von Störungen in den Gefässen ausgeht. 

2. Herr Chotzen, Breslau: Gewebsveränderungen bei sub- 
cutanen Calomelinjectionen. Das verschiedenartige Schicksal der 
subcutanen Calomelinjectionen: unbedeutendes diffuses Infiltrat bis 
hühnereigrosse, fluctuirende Geschwulst, gab Veranlassung zur stufen¬ 
weisen Untersuchung der Injectionsstellen. Als allgemeines Resultat 
ergab sich, dass das Calomeldepöt als Entzündungserreger wirkt. 
Vermittelst der Gewebsflüssigkeit werden die Calomelpartikelchen 
unter Abscheidung von regulinischem Hg, welches auf der Ober¬ 
fläche der Partikelchen als kleine Kügelchen auftritt, in Sublimat 
aufgelöst. Das Sublimat erzeugt Entzündung: Austritt von Serum und 
Eiterkörperchen. Gleichzeitig kommt es schon nach 24 Stunden zur 
Ablagerung von Fibrin, welches in breiten Balken selbst noch in 
weiter Entfernung von dem Calomeldepöt zu finden ist, gleichsam 
nach der Peripherie fortgeschwemmt wird und an den Bindegewebs- 
balken sich anzustauen scheint. Neben der serofibrinösen Entzündung 
und dem Gewebszerfall findet sich aber auch dünnflüssiger grün¬ 
gelber Eiter; aber trotz sorgfältigster bacterieller Untersuchung 
(Quetschpräparate, Stich- und Plattencultur, Färbung nach Gram 
und Löffler) haben sich vom 1. bis 26. Tage in den Entzündungs¬ 
produkten Bacterien nicht finden lassen: es kam also zur Eiterung 
ohne Bacterien. Die regulinischen Hg-kügelchen werden beständig 
kleiner, bis sie sich gänzlich in Sublimat aufgelöst haben. Selbst 
wenn das Calomeldepöt noch nicht völlig aufgelöst ist, kommt es 


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Diu Dermatologie und Syphilis 


bereits zur Reparation des Gewebes in der Peripherie des Entzün¬ 
dungsherdes, der umso kleiner bleibt, je mehr Bindegewebsbalken 
das subcutane ^Gewebe durchziehen. Eine Spontanperforation stellt 
sich umso eher ein, je oberflächlicher das Calomel deponirt ist, je 
leichter das Rete Malpighii von der Peripherie des Entzündungsherdes 
erreicht wird. 

3. Herr 0. Rosenthal, Berlin: a) Heber die Behandlung 
der Syphilis mittelst Einspritzungen von Hydrarg. oxydat. flav. 

Der Vortragende hat Hydrarg. oxydat. flav. in Oel suspendirt nach 
folgender Formel angewendet: 

Hydrarg. oxydat. flav. 0 5 
01. amygdal. s. 01. olivar. 15 0. 

In jedem Falle waren 3—5 Einspritzungen, die intramusculär 
in die Glutaoi und unter antiseptischen Cautelen gemacht wurden, 
nöthig. Abscesse wurden keine gesehen, dagegen Infiltrationen hin 
und wieder, Stomatitis bis jotzt noch nicht. Am Schlüsse seiner Aus¬ 
führungen kommt Redner zu dem Resultat, dass das Hydrarg. oxydat. 
flav. geringe Beschwerden und gute Wirksamkeit vereinigt, und dass 
die Einspritzungen mit demselben neben den Inunctionen als die 
beste und sicherste Methode der Behandlung der Syphilis betrachtet 
werden müssen. 

b) Einige allgemeine Gesichtspunkte bei der Behandlung 
der Syphilis mittelst Quecksilbereinspritzungen. Vortragender 
kommt am Schlüsse seiner Auseinandersetzungen zur Aufstellung 
folgender Sätze: 

1) Die Methode der Quecksilbereinspritzungen hat in der Behand¬ 
lung der Syphilis vollstes Bürgerrecht erlangt. 

2) Die Methode der Quecksilbereinspritzung vereinigt neben gleicher 
Wirksamkeit grössere Bequemlichkeit, Reinlichkeit, Billigkeit und 
genauere Dosirung. 

3) Die löslichen Quecksilbersalze haben im Allgemeinen den Vor¬ 
theil, weniger schmerzhaft zu sein, aber den eventuellen Nach¬ 
theil, schneller wieder ausgeschieden zu werden, die unlöslichen 
den Vorzug einer langsameren Aufnahme und so einer grösseren 
Wirksamkeit. 

4) Die Glutäalgegend verdient als Injectionstelle den Vorzug vor 
allen übrigen Stellen des Körpers. 


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auf den inedicinibcheu Coiigressen des Jahres 1887. 


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5) Die intramusculäre verdient vor der subcutanen Injection den 
Vorzug. 

6) Es empfiehlt sich, der Einspritzung unlöslicher Salze eine gelinde 
Massage folgen zu lassen. 

7) Abscesse lassen sich absolut vermeiden. 

8) Die Methode empfiehlt sich bei Männern, bei Frauen seltener, 
bei Kindern nur in Ausnahmefällen. 

An der Discussiun betheiligen sich die Herren Lewin, Berlin, und 
Ziemssen, Wiesbaden. Ersterer tritt energisch für die subcutane Behand¬ 
lung, letzterer für die Inunction in starken Dosen ein. 

Herr Finger, Wien, macht auf die ungleichmässige Vertheilung de9 
Quecksilbers im Organismus aufmerksam und führt die unsichere Wirk¬ 
samkeit des Quecksilbers darauf zurück, dass alle bisherigen Methoden eine 
gleichmässige Vertheilung des Hg nicht erzielen können. 

4. Herr Bockliart, Wiesbaden: Heber Schankerexcision. 
B. tlieilt die Resultate von Beobachtungen mit, nach welchen zwischen 
dem Erfolge der Schankerexcision und der Art des cxcidirten Schankers 
eine gewisse constanto Beziehung herrsche. B. fand, dass der Excision 
von Schankorn, die als primäre Papeln auftraten, auch wenn noch so 
früh excidirt wurde, stets allgemeine Syphilis nachfolgte. B. fand 
ferner, dass nach der Excision von syphilitischen Indurationen, die 
sich im Anschlüsse an einen sogenannten weichen Schanker ent¬ 
wickelten, also von sogenannten gemischten Schankorn, Syphilis aus¬ 
blieb, wenn nur frühzeitig genug excidirt wurde. B. tlieilt dann das 
diesen Beobachtungen zu Grunde liegende Kraukenmaterial in 
Kürze mit. 

B. bemerkt sodann, dass auf diese Verhältnisse —- Beziehung 
der Art des excidirton Schankers und den Erfolgen der Excision — 
bisher fast gar keine Rücksicht genommen wurde. Nur Auspitz 
habe im Jahre 1877 gelegentlich bemerkt, dass in denjenigen 
Schankerfällen, in denen der Sclerosirung ein weicher Schanker vor¬ 
ausgegangen sei, allemal nach der Excision die Allgemcininfcction 
ausblieb. Ferner bemerkt B., dass man bei einer genauen Durchsicht 
der bisherigen Literatur über Schankerexcision finden werde, dass 
die grösste Mehrzahl der erfolgreich excidirton luitialaffecto sogenannte 
gemischte Schanker waren, die grösste Mehrzahl der erfolglos cxcidirten 
luitialaffecto aber primäre Papeln. 

B. erklärt sich diese von ihm gefundenen Thatsachen so: Ent- 


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106 


Die Dermatologie und Syphilis 


wickelt sich eine primäre Papel als Initialaffect, dann stehe einer 
bald nach der Infection stattfindenden regionären oder allgemeinen 
Weiterverbreitnng des syphilitischen Giftes nichts im Wege. Ent¬ 
wickelt sich aber der syphilitische Initialaffect im Anschluss an ein 
vorausgegangenes eiterndes Geschwür (sogenannten weichen Schanker), 
so werde durch die Thätigkeit und das Verhalten der am Grunde 
dieses Geschwüres angesammelten weissen Blutzellen das syphilitische 
Virus vor dem raschen Eindringen in das umliegende Gewebe, bezw. 
in den Organismus eine Zeit lang gehindert. Daher die verschieden¬ 
artigen Erfolge bei der Schankerexcision. 

B. fordert schliesslich zu einer weiteren Prüfung dieser Ver¬ 
hältnisse auf. 

An der Diseussion betheiligt sich Herr Lewin. 

Herr Lewin, Berlin: Casuistische und differentialdiagnostische 
Mittheilungen über acute Leberatrophie bei Syphilitischen. Der 

Vortragende macht sehr eingehende Erörterungen, sein Thema be¬ 
treffend, diagnostischer und differentialdiaguostischer Natur, besonders 
mit Bezug auf die Phosphorvergiftung. Die Arbeit wird später ver¬ 
öffentlicht. 

Herr Alexander, Aachen, erwähnt einen im Jahre 1863 publicirtcn 
Fall, bei dem hei einer Phosphorvergiftung nach 24 Stunden von Roki¬ 
tansky Verfettung der Leberzellen nachgewiesen wurde. 

6. Herr Doutrelepont, Bonn: Syphilis und Carcinom. Die 

differentielle Diagnose zwischen Syphilis und Carcinom bietet häufig 
grosse Schwierigkeit, welche natürlich wächst, wenn beide Er¬ 
krankungen combinirt Vorkommen. Dies Zusammentreffen ist schon 
mehrfach beobachtet. Auch mir war früher hierzu öfters Gelegenheit 
gegeben. Neuerdings nun konnte ich in drei besonders eclatanten 
Fällen sowohl klinisch als auch anatomisch das Entstehen des Car- 
cinoms auf syphilitischer Basis nachweisen. 

In der Diseussion fragt Herr Ziemssen, ob nach Erfahrung des 
Vortragenden Syphilis und Carcinom neben einander bestehen könnten, 
oder das eine sich aus dein anderen entwickelt. Die Frage wird bejaht. 
Herr Lewin macht darauf aufmerksam, dass man hei Gummata die Diagnose 
ex juvantibus nicht stellen könne. 

Herr Doutrelcpont schlingst die Sitzung, indem er dem Herrn 
Einführer sowie den Schriftführern seinen Dank ausspricht, und mit 


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auf den medicißischen Congressen des Jahres 1887. 


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Bezugnahme auf das bisherige Blähen der Section auch für die 
Zukunft ein gleiches Gedeihen erhofft. Dr. Finger. 


2. Verhandlungen der Section für Dermatologie und Syphilis des 
italienischen medicinischen Congresses zu Pavia. 1887. 

Die grösste Zahl von Vorträgen der sehr zahlreich besuchten 
Section für Dermatologie und Syphilidologie gehörte dem Gebiete 
der Dermatologie an. 

So wurden über die Psoriasis allein vier Vorträge respective 
Mittheilungen gehalten. 

Zunächst besprach Herr Prof. Campana seine fortgesetzten 
histiologischen, klinischen und experimentellen Untersuchungen, 
als deren Resultate er folgert: a) das Chrysarobin sei das beste 
Heilmittel der Psoriasis; b) die Dicke des Rete malpighii über den 
Papillen der Psoriasis plaques ist vermindert; c) die Verfärbung der 
Haut bei Gebrauch des Chrysarobins hängt zum Theil mit Circulations- 
störungen, zum Theil mit der Verfärbung der Epithelien zusammen; 
^ d) die Vergrösserung der Papillen hängt zum Theil von Verdickung 
des Epithels, zum Theil von Veränderungen des Derma ab. 

Herr Prof. De Amicis macht Mittheilung über zwei Fälle von 
Dermatitis universalis exfoliativa, der Psoriasis vulgaris voraus¬ 
gegangen war. Amicis sieht nun die Dermatitis als eine Affection an, die 
mit dem Nervensystem in Zusammenhang steht, die Psoriasis aber 
als prädisponirende Veranlassung. Er hält die Psoriasis nicht für eine 
parasitäre Erkrankung, da Wiederholungen der Versuche von Lasser 
nnd Tomrnasoli zu keinem Resultate führten. 

Herr Ducrey (Assistent de Amicrs) macht Mittheilung über 
Versuche, die Psoriasis auf Thiere zu übertragen und deren 
negativen Erfolg. 

Herr De Matei hat ausführliche Studien über die Aetiologie der 
Psoriasis gemacht und kommt zum Schluss: 1. Es finde sich in den 
Psoriasiseffloresccnzen ein Mikroorganismus mit allen Eigenschaften 
eines Mikrococcus. 2. Derselbe befindet sich in grosser Menge unter 
den Schuppen. 3. Lässt sich auf animalischem Nährboden cultiviren. 
4. Wächst sehr rasch auf der Oberfläche. 5. IJebortragung desselben auf 


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Diu Duruiatolngu* und Syphilis 


Tliiero erzeugt der Psoriasis ähnliche Eflloresconzon. 0. Diese Einimpfung 
erzeugt mit Ausnahme der Haut keine anderen Krankheitserscheinungen. 

In der Discussion betont Herr Prof. Maioechi, er habe den 
Pilz von Lang stets umsonst gesucht und hält die Befunde Matei’s 
für zufällig. 

Herr Tommasoli hebt seine positiven Befunde gegenüber den 
negativen Ergebnissen in Neapel hervor und betont die möglichen 
Fehlerquellen in einer so schwierigen Frage. Auch er ist kein grosser 
Anhänger der parasitären Natur der Psoriasis und würde sie lieber 
unter jene Dermopathien einreihen, die man als Leucomaine bezeichnen 
möchte. Was die Uebertragbarkeit betrifft, so wagt er eine Hypothese 
aufzustellen, die neuere Studien zu unterstützen geneigt sind, und 
der zufolge die Wiederholung und Wiedererzeugung einer Krankheit 
ohne Intervention eines Fermentes ausschliesslich nur durch bioche¬ 
mische Substanzen bedingt sein kann, die im Organismus wohl auch 
vorhanden sein können, aber durch vermehrte Bildung oder vermin¬ 
derte Ausscheidung pathogen werden können, oder deren Bildung über¬ 
haupt pathologisch ist. 

Ueber Area celsi werden drei Mittheilungen gemacht. 

Herr Giovannini (Bologna) legte Präparate von Alopecia 
areata und Alopecia syphilitica vor, die 1. Ernährungsstörungen 
in dom dem Follikel benachbarten Gefässbozirk, 2. Verdickung und 
Infiltration der Haarbalgscheiden, 3. consecutive Atrophie des Follikel 
und Haares nachweisen; Mikroorganismen fand er nie. 

Herr Mfbelli (Siena) nahm in der Art von Joseph Durch¬ 
sohneidungen und Excisionen von Cervicalganglien bei Katzen 
vor und erhielt haarlose Plaques, die in ihrer Ausdohnung mit dom 
Bezirke des cxcidirtcn Nerven oft nicht übereinstimmten. 

Herr Peroni las eine lange Abhandlung von Behren d über 
die Pathogenie der Area vor, die die Area als vasomotorische Er¬ 
krankung, bedingt durch Nutritionsstörungen, ansieht. 

In der sehr langcu Discussiun opponirt Maioechi den Ansführungen 
Giovannini's, indem seine Untersuchungen die stete Gegenwart von Pilzen 
ergaben, die als Veranlassung der Veränderungen angesehen seien. 

Herr Piof. C. Pollizzarri bemerkt, die Katze mit ihrem zarten Haar 
eigne sich nicht zu Versuchen, wie Mibelli solche vornahm, übrigens be¬ 
wirke auch Verletzung des Centralorganes Haarausfälle, wie Borgherini 
durch Excision des Kleinhirn bewies. 


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auf den medicinischen Congressen des Jalires 1887. 


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Herr Campana möchte in diesen Fällen ein grosses Gewicht auf die 
sorgfältigste Untersuchung des Rückenmarks legen, die vorzunehmen er in 
einschlägigen Fällen auffordert. 

Es folgten nun drei Mittheilungen über Mycosis fungoides 
und Sarcomatosis cutis. 

Herr De Amicis theilt eine neue Färbemethode Gentianaviolett 3‘0, 
Anilinöl 3'0, Alcohol abs. 15-0, Wasser 80 mit, die ihn in den Stand 
setzte, in den Krankheitsherden der Mycosis fungoides constant Ooccen- 
colonien nachzuweisen und bespricht die Pathogenese und Verlauf 
dieser Erkrankung, die er 1882 als Dermo-lymphadenoma fungoides 
beschrieben. Er kehrt nun aber zur alten Alibert’schen Nomenclatur 
zurück. 

Herr Ciarocchi spricht über einen, typischen Fall von Mycosis 
fungoides und dessen Differentialdiagnose von der Sarcomatosis 
campana, spricht über Sarcomatosis cutis gestützt auf Untersuchungen 
zweier Fälle. Der Befund von sarcomatöser Erkrankung der Nerven in 
beiden Fällen, die in denselben zu beobachtenden trophischen und 
Sensibilitätsstörungen veranlassen ihn zur Annahme, dass die Sarcome 
der Haut, ebenso wio die Papillome und Fibrome, die Angiome vom 
Nerven ausgehen. 

Herr Maiocchi spricht über die Dermo-actino-mycosis des 
Menschen und mancher Thiere, die klinischen Eigenschaften der 
Veränderung, die beim Menschen zu Entzündung und Eiterung, selten 
Granulombildung, beim Rind stets zu Neubildung führt. Die Eingangs¬ 
pforte beim Menschen ist unbekannt. Er bespricht hierauf die Dia¬ 
gnose, den Nachweis schwefelgelber Klumpen und die Differential¬ 
diagnose. 

Herr Breda bespricht den anatomischen Befund eines Falles 
von Erythema nodosum laryngis bei einem 37 Jahre alten Bürger, 
der mit Erythema nodosum behaftet, suffueatorisch zu Grunde ging. 
Die histiologische Untersuchung ergab intensive und tiefgehende In¬ 
filtration. Bacteriologischo Untersuchung blieb resultatlos. 

In der Discussion weist Herr De Amicis auf die Möglichkeit 
der Verwechslung mit Mycosis fungoides hin; Herr Maiocchi findet 
die tiefgehende Infiltration auffallend, hat in einem Falle Coccen ge¬ 
funden. Herr Campana erwartet, wenn es wahr ist, dass die Rheu¬ 
matosen durch Bacterien erzeugt werden, im Erythema nodosum auch 
Mikroorganismen zu finden. 


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110 


Die Dermatologie und Syphilis 


Hierauf spricht 

Herr Cainpana über Tuberculose der Haut und Schleimhaut 
der äusseren Genitalien. Er legt klinische, bistiologische und ex¬ 
perimentelle Untersuchungen von Tuberculosis verrucosa und Tuber¬ 
culose der Genitalien vor und ist überzeugt, dass beide Formen, die 
bei Meerschweinchen überimpft stets Tuberculose erzeugten, durch 
örtliche Tuberculose-Einimpfung entstehen. 

Herr Stefanini macht Mitthoilung von Erkrankung des Sym- 
pathicus bei Pemphigus foliaceus. Er fand den Sympathicus von 
Fetttropfen durchsetzt, seine Scheide kleinzellig infiltrirt, die Nerven¬ 
zellen atrophisch. 

De Amicis, Pellizzari, Banti, Maiocchi machen in der Dis- 
cussion geltend, dass diese Veränderungen nicht dem Pemphigus zukommen, 
sondern sich bei allen chronischen, marastischen Veränderungen finden. 

Herr Maiocchi bespricht die präauricularen, multiplen, 
papiUären Teratome, kleine papilläre Auswüchse, die immer con¬ 
genital vor dem Tragus sitzen, von normaler Haut gedeckt, manchmal 
behaart, nie warzig sind, während des Lebens wenig wachsen, im 
Centrum knorpelhart sich anfühlen und von ihm als Auswüchse des 
ersten Kieferbogen, als rudimentäre Anlage von Polyotie angesehen 
werden. 

Herr Pellizzari spricht über Trichophyton tonsurans, seine 
seltene Localisation in den Handtellern, die diffuse Erkrankung des 
behaarten Kopfes, die Onychomycosis, deren Häufigkeit er, gestützt 
auf zwanzig Fälle betont, und bezweifelt schliesslich das Vorkommen 
anderer als parasitärer Sycosis. 

Herr De Amicis spricht über das pustulöse Jodexanthem, 
beweist an der Hand von Präparaten, dass dessen liistiologischer Aus¬ 
gangspunkt nicht die Drüsen, sondern der Papillarkörper bildet, was 
insbesondere bei den furunculösen Formen klar sei. Man dürfe daher 
nicht von Acne, sondern von acneiformcn Pusteln sprechen. 

Herr Breda spricht über moniliforme Haare, deren Bildung 
er bei einem Epileptiker, immer im Anschlüsse an epileptische Krämpfe, 
beobachtete, daher er auch einen causalen Zusammenhang zwischen 
dieser Haarform und der Epilepsie anzunehmen geneigt ist. 

Herr De Amicis spricht über einen Fall von Lichen ruber 
universalis, acuminatus, planus und corneus und kommt zum 


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auf den medicmiachen Congressen des Jahres 1887. 


in 


Schlosse: 1. Die Bezeichnung Lichen solle nur für den Lichen ruber 
reservirt bleiben. 2. Eine weitere Unterscheidung des acuminatus und 
corneus sei unpraktisch, erzeuge Missverständniss. 3. Der Sitz der 
Affection sei im Papillarkörper, die folliculären Erkrankungen seien 
secundär. 4. Der Lichen sei eine Krankheit nervösen Ursprungs. 5. Die 
bacteriologischen Unternehmungen führten bisher zu keinem Resultat. 
6. Die Prognose ist stets günstig. 

Herr Pellizzari zeigt einen nach Art der Gefriermikrotome 
construirten Apparat zur Erzeugung örtlicher Anästhesie. 

Herr Melle berichtet über eine neue Färbemethode der 
Bhinosclerombacillen. Die Präparate kommen auf zehn bis fünfzehn 
Minuten in eine Lösung: Gentianaviolett 2, Alkohol abs. 15, Wasser 100, 
dann für zwei bis drei Minuten in die Lugol’sche Lösung, auf ein 
bis zwei Secunden in Salpetersäure 30—40 Percent, worauf sie in 
abs. Alkohol gewaschen werden. Nach Färbung mit Safranin werden 
die Schnitte aufgehellt und eingebettet. Die Bacillen erscheinen violett 
auf rosa Grund. 

Herr Ciarocchi bespricht einen Fall von localer Asphyxie 
und symmetrischer Gangrän der Extremitäten, der darlegt, dass 
die vasomotorische Theorie Raynand’s nicht zur Erklärung genügt 
und man eher an capillare Endarteritis, in Verbindung mit peripherer 
Neuritis denken solle. 

Herr Peroni berichtet über eine Epidemie von Herpes ton* 
snrans maculosus und squamosus, die Kaposi’s Ansicht von der 
Nichtübertragbarkeit dieser Form widerlegt. 

Herr Bisso berichtet über histiologische Studien des Lupus 
erythematosus, vor und nach Behandlung mit Quecksilbersalbe. 
Er fand colossale Gefässentwicklung, die auf die Behandlung schwand. 

Auf dem Gebiete der Syphilidologie sprach 

Herr Scarenzio über einen Fall von gummöser Zerstörung 
der Hase, den er durch Rhinoplastik geheilt hatte. 

Herr Gamberini hielt einen Vortrag über Syphilis hereditaria 
uiid ist der Ansicht, die secundäre tardive Syphilis hereditaria weiche 
vom Typus der acquirirten Syphilis Erwachsener nicht ab, eine tertiäre, 
hereditäre tardive Syphilis aber existire nicht. 

Herr Casarini theilt einen Fall von Albuminuria syphilitica 


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112 


Die Dermatologie und Syphilis 


die vier Monate nach der Infection auftrat und durch Hg geheilt 
wurde, und 

Herr Tommasoli sprach über den Milztumor bei hereditärer 
Syphilis, bestreitet auf Grund eigener Erfahrungen die Ansicht P errot’s 
von der Seltenheit desselben. Tommasoli unterscheidet einen acuten 
Milztumor, der bei der recenten Infection als Ausdruck der Allgemein- 
Infection und qualitativer Aenderungen des Blutes entsteht, und den 
Milztumor in veralteten chronischen Fällen, als Ausdruck einer chro¬ 
nischen Vergiftung. Der acute Milztumor ist der Heilung zugänglicher, 
der chronische übergeht leicht in amyloide Degeneration. Die verschie¬ 
denen acuten und chronischen Vergiftungen liefern analoge Thatsachen. 

Herr Mannino berichtet über einen Fall von Syphilis here- 
ditaria tarda, die einen Tumor albus vortäuschte, doch mit Tendenz zu 
phlegmonöser Entzündung, oineThatsache, an die Fournier nicht glaubt. 

Weiters spricht 

Herr Mannino über die Abortivbehandlung bei der Syphilis 

mittelst Zerstörung des Initialaffectes mit Paquelin, nach vorangegan¬ 
gener Cocainanästhesie. 

Herr Ducrey berichtet über einen seltenen Fall von Beinfection 
bei einem Weibe, bei dem die neue Infection mit den neuen Mani¬ 
festationen sich zu den noch vorhandenen Manifestationen einer älteren 
secundären Syphilis hinzugesellte. 

Auf dem Gebiete der Vcnereologie endlich berichtet 

Herr Scarenzio über ein Uterinspeculum zur Application des 
Thermocauter mit Vorrichtung zur Abkühlung der Wände des Speculum 
und einem Gebläse zur Entfernung des das Gesichtsfeld deckenden 
Bauches. 

Herr Bardnzzi berichtet über Behandlung des Ulcus molle 
mit Salol und Jodoform und 

Herr Tommasoli spricht über die neuen Methoden der Dia¬ 
gnose und Therapie des blennorrhagischen Processes, sowie über 
die Behandlung der chronischen Urethritis mit einer neuen Salben¬ 
spritze für Injection von Lanolinsalben, deren Vorzug in der langen 
und intensiven Haftung dieser Salben an die Urethralschleimhaut 
besteht. Referent Prof. Tommasoli (Siena). 


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*auf den medicinischcn Congressen des Jahres 1887. 


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3. Verhandlungen der American Dermatdogical Association bei 
ihrer elften Jahresversammlung zu Baltimore 1887. 

Mittwoch, 31. August. Vormittagssitzung. 

Die Versammlung wurde von dem Präsidenten, Herrn H. G. 
Piffard aus New-York, eröffnet. 

Herr R. W. Taylor aus New-York sprach über die toxischen 
Erscheinungen naoh Jodoformgebrauch. Er berichtete genauer über 
24 Fälle, von denen 9 unter seiner persönlichen Beobachtung standen. 
16 von diesen Fällen waren von Allgemeinerscheinungen begleitet, 
während bei 9 Ausschlag bestand ohne irgend welche deutliche Symp¬ 
tome von Systemerkrankungen. Eine grosse Zahl von Fällen wurde 
berichtet, in denen toxische Allgemeinerscheinungen auf den Gebrauch 
von Jodoform folgten. Offenbar zeigen sich die toxischen Wirkungen 
des Jodoforms häufiger durch System erkrankungen, als durch Haut¬ 
krankheiten. 

Die Hautaffectionen können in die grosse Gruppe der Dermati- 
tiden eingereiht werden, der Genauigkeit halber kann man sie nach 
ihrer Häufigkeit wieder eintheilen in Erytheme und Eczeme. 

Das Erythem nach Jodoformgebrauch zeigt viele Merkmale ähn¬ 
licher Eruptionen. Seine Entwickelung und Ausbreitung gehen rapid 
vor sich. Es beginnt entweder an der Applicationsstelle oder es 
zeigen sich auch an anderen Theilen Erythemflecke, die sich aus¬ 
breiten, um dann mit denen der Ursprungsstelle zu confluiren. 

Die Evolution ist in einigen Tagen zu Ende und in günstigen 
Fällen geht die Eruption rasch zurück und verhält sich so ganz wie 
ein gewöhnliches Exanthem. Verschiedene Formen von Erythem 
wurden beobachtet; manchmal ist es ganz oberflächlich, in anderen 
Fällen ist es zwar oberflächlich, aber von tief rother Farbe und mag 
als „scharlachartig“ bezeichnet werden. In Ausnahmsfällen, besonders 
in solchen mit schweren Allgemeinsymptomen, zeigt das Erythem 
einige Aehnlichkeit in Farbe und Consistenz mit Erysipel. Andere Fälle 
wiederum könnte man bezeichnen als Erythema multiforme. 

Das Eczem in Folge von Jodoformgebrauch ist meist von 
schwerer Art und rapider Entwicklung und kann sowohl an der Appli¬ 
cationsstelle als an etwas entfernteren Punkten beginnen; es kann 
auch nur durch den Geruch des Medicaments entstehen. Sein Charakter 

Vierteljahreeschrift f. Dermatol, u. Syph. 1888. 8 


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Die Dermatologie und Syphilis 


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ist von allem Beginn an ausgesprochen, eine grössere Fläche ist ergriffen 
und in jeder Beziehung ähnelt es dem gewöhnlichen Eczema madidans. 

Es geht fast regelmässig nach der Entfernung des Mittels 
ebenso rasch zurück, als es aufgetreten ist. In manchen Fällen zeigt 
der Ausschlag doch eine gewisse Tendenz chronisch zu werden, dies hängt 
meist von der Behandlung ab. Eczema trat ein in neun von den 
fünfundzwanzig beobachteten Fällen. 

Der Zeitpunkt des Auftretens des Ausschlages wurde wie folgt 
beobachtet: in zwölf Fällen nach einigen Stunden oder am ersten 
Tage, in zwei am zweiten, in drei am dritten, einem am neunten, 
einem am elften, zwei am vierzehnten Tage. Dies steht im Wider¬ 
spruch mit der Statistik des Auftretens der toxischen Allgemein¬ 
symptome. In der Mehrzahl dieser Fälle beginnen die krankhaften 
Erscheinungen in der zweiten Woche. Als Kegel kann gelten, dass 
je langsamer der Ausschlag auftritt, um so schwerer die begleitenden 
Symptome sind. Die Statistik scheint zu zeigen, dass die Erschei¬ 
nungen auf der Haut beim jugendlichen und mittleren Alter am 
häufigsten sind, während die Allgemeinerscheinungen meist bei alten 
Leuten auftreten. 

Das Erythem an den Händen der Spitalswärter in Folge directon 
Gontactes mit Jodoform wurde als in Beziehung stehend zu der 
gewöhnlichen Hyperämie durch Application von Senfpflastern und 
anderen reizenden Mitteln angesehen und nicht als hereingehörig 
unter die eben beschriebenen Fälle. 

Herr J. Nevins Hyde aus Chicago hat die eczematöse Form des 
Ausschlages gesehen und auch das Erythema multiforme, in einem Falle 
sah er eine Art bullösen Ausschlag nach Jodoformgebrauch. Das war bei 
einem jungen Mann, an dem eine Operation ausgeführt worden war 
wegen Necrosis tibiae und Jodoform zur Wundbehandlung verwendet 
wurde. Die Roconvalescenz war complicirt mit dem öftern Auftreten 
von Erythem auf der Körperoberfläche. Dieses trat auf in Form von 
weiten, lebhaft glänzenden Flächen, die dann ihren Glanz verloren. 
Ueber diese Flächen waren grosse Blasen zerstreut, die eine helle 
durchsichtige Flüssigkeit enthielten und aufgesprungen, einen oberfläch¬ 
lich excoriirten Grund zeigten. Dieser Zustand wurde endlich auf die 
Jodoformbehandlung bezogen und zehn oder zwölf Tage nach dem 
Aussetzen des Jodoforms verschwand der Ausschlag und kam 
nicht wieder. 


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auf den medicinischen Congressen des Jahres 1887. 


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Herr J. C. White aus Boston hat mehrere Fälle von Aus¬ 
schlägen nach Jodoformapplication bei chirurgischen Fällen gesehen; er 
hat nie Allgemeinerscheinungen beobachtet, wenn eine Hauterkrankung 
bestand. Die Art des Ausschlages variirtc von der einfachen Hyperämie 
bis zu der vesiculären Form und ging meist hierüber nicht hinaus. 
In manchen Fällen jedoch zeigte sich eine furunkelartige Entzündung* 
vielleicht in Folge mechanischer Yerschliessung der Hautfollikel durch 
Theilchen des Pulvers. Die Eruption fand sich fast immer in der 
unmittelbaren Nähe der Applicationsstelle. 

Herr J. £. Atkinson aus Baltimore hielt hierauf einen Vortrag 
unter dem Titel: Eine klinische Studie über Erysipel bei Kindern. 
Er betrachtet das Erysipel als eine contagiöse Infectionskrankheit. 
Während der ersten Lebensmonate ist die Prognose äusserst ungün¬ 
stig, gegen das Ende des ersten Jahres zu nimmt die Sterblichkeit 
allmälig ab. 

Der ungünstige Verlauf der Krankheit in dieser Periode muss 
wahrscheinlich bezogen werden auf ihren Zusammenhang mit dem 
Puerperalfieber. Der Vortragende berichtete detaillirt über drei Fälle 
von Erysipel bei kleinen Kindern. In zwei Fällen erschien eine 
brettartige celluläre Induration als Resultat von hochgradigem Oedem 
und Infiltration. In keinem dieser Fälle kam es zu Suppuration. Er 
meint, man müsse das Erysipel ansehen als den Ausdruck der 
Einwirkung einer von mehreren specifischen Ursachen und in 
diesem Sinne solle man es ansehen als eine symptomatische 
Entzündung. 

Herr J. C. White frug, ob der Vortragende selbst von einem 
Fall weiss, in dem das Erysipel direct von einer Person auf 
eine andere übertragen wurde und ob er dem Eisenchlorid eine 
specifische therapeutische Wirkung bei dieser Krankheit zuschreibe. 

Herr Atkinson antwortete, dass er kein Beispiel von directer 
Contagiosität des Erysipels gesehen habe, dass aber eine ganze Zahl 
authentischer Fälle in der Literatur zu finden ist. Er könnte das 
Eisenchlorid kein Specificuro nennen, doch habe es nach seiner Erfah¬ 
rung einen günstigeren Einfluss auf den Krankheitsverlauf, als irgend 
ein anderes von ihm verwendetes Mittel. 

Herr J. C. White hat niemals einen Fall von Uebertragung 
des Gesichtserysipels von einem Individuum auf das andere gesehen. 

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Die Dermatologie und Syphilis 


Wenn es schon contagiös ist, muss es dies aber nur in änsserst 
seltenen Fällen sein. Er betrachtet Eisenchlorid und alle anderen 
inneren Mittel als nutzlos bei dieser Form des Erysipels. Vor fünf 
Jahren hat er. kein inneres Mittel bei Erysipel gegeben und 
hat dabei keinen Fall gesehen, in dem das Erysipel nicht nach 
fünf bis zehn Tagen verschwand. Nach seinen Erfahrungen war 
das Erysipel der Kinder immer so vollständig verschieden in seinem 
klinischen Auftreten und Verlauf, mit oder ohne Behandlung, vom 
gewöhnlichen traumatischen Erysipel, dass es eine besondere Krankheit 
zu sein scheint. 

Herr Hy de hat einen Fall gesehen, der die contagiöse Natur 
des Erysipels zu zeigen scheint. Eine junge Mutter hatte kurze Zeit 
nach dem Wochenbett ihre Ohrläppchen wegen Ohrringen durch¬ 
bohrt. Darauf folgte ein typisches Erysipel, das sich über Gesicht 
nnd Kopf verbreitete. Bald erkrankte auch der Säugling und 
zeigte ein typisches Erysipel, an dem er starb. Herr Hy de 
stimmt Herrn White bei, dass Eisenchlorid bei dieser Krankheit 
nutzlos ist. 

Herr Atkinson sagt, dass in jenen Fällen von Erysipel, die 
man septisch nennen könnte, sei es, dass die Krankheit mit gewöhn¬ 
licher Sepsis complicirt ist oder nicht, nach seiner Ansicht zweifellos 
Eisenchlorid in grossen Dosen wie eine halbe Drachme drei- bis viermal 
täglich gute Dienste leistet. 

Herr R. B. Morison aus Baltimore sprach hierauf über Leu- 
copathia unguium. Der Vortrag erscheint unter den Original arbeiten 
dieses Heftes. 

Herr Hyde berichtet über drei Fälle einer gleichmässigen 
Erkrankung an Händen und Füssen. Der Vortragende berichtet 
über drei Fälle, zwei Männer, ein Weib, einer bisher noch wenig 
gekannten Krankheit, für die Vesignö zuerst den Namen „mal per- 
forant du pied“ angegeben hat, der jedoch nicht richtig ist, da sie ja 
auch an den Händen vorkommt. Die Krankheit zeigt die verschie¬ 
densten Erscheinungsformen: Bromidrosis, Bläschen und Papeln¬ 
bildung, Ulceration, Hypertrichosis, Alopecia, Hyperidrosis, Tylosis, 
Onychauxis oder Dystrophia unguium treten theils vereint, theils 
einzeln auf. Das hauptsächlichste Merkmal ist, dass die Krankheit 
mit Ausnahme weniger, und dann gewöhnlich schwerer Fälle, auf 


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auf den üiüdiciui&clifii Cungresdeu des Jahres 1887. 


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Hände und Füssc oder ihnen zunächst liegende Theile beschränkt 
ist. Mit Berücksichtigung der Literatur unterscheidet der Vortragende 
vier Gruppen. Die erste Gruppe ist charakterisirt durch Functions¬ 
störungen in den betroffenen Organen, wie Hyperidrosis Bromidrosis, 
locale Anästhesie, Pulsschwankungen von 50 — 120 in der Minute, 
plötzliche Schmerzen etc. Bei der zweiten Gruppe finden wir Cyanose, 
Kälte, Dystrophia unguium, mehr oder weniger schmerzhafto Maculae 
au Händen und Füssen, Pigmentflecke, Alopecia oder Hypertrichosis, 
symmetrische Tylosis an Hand- und Sohlenfläche, ferner eine wahr¬ 
scheinlich durch Verhornung des Nagelbettes bei erhaltener Ma¬ 
trix hervorgerufene Verunstaltung der Nägel, hiebei manchmal 
Anästhesie, Verlust der Sehnenreflexe, „rheumatische“ Schmerzen. In 
die dritte Gruppe gehören die Fälle mit Ulceration oder anderen 
degenerativen Vorgängen, wie sie besonders von Chirurgen (Nölaton, 
Hancock) beschrieben werden, ferner jene von symmetrischer Ulce¬ 
ration und trockener Gangrän der Extremitäten (Atkinson, Simon). 
Die vierte Gruppe bilden die schweren Fälle, schwer besonders durch 
den Allgemeinzustand, abgesehen von septischen oder anderen Ein¬ 
flüssen durch die Krankheit selbst, wie sie Hutchinson und 
Charcot (pied tabötique) beobachtet haben. Der Vortragende deutet 
zum Schluss noch die nervöse Natur der Erkrankung an und weist 
auf die merkwürdige Localisation hin, die vielleicht in anatomischen 
Eigenthümlichkeiten jener Theile ihren Grund hat. 

Herr L. A. Duliring aus Philadelphia sah diese Affeetion an 
als abhängig von der zu geringen Ernährung des Nagelgewebes 
und wandte Arsenik mit befriedigendem Erfolge an. Dieses wirkt auf 
das Nervensystem und erhöht so die Ernährung des ganzen Gliedes 
und besonders der Nägel. 

Herr P. G. Unna aus Hamburg sagte, dass die Anwesenheit 
von Luft in den Homgeweben immer eine secundäre Erscheinung 
ist. Die Hornmassen müssen irgendwie verändert sein, ehe sie die 
Luft eintreten lassen. Diese weissen Flecke in den Nägeln sind analog 
den Marksubstanzen. 

Er hat Fälle, ähnlich den von Herrn Hy de beschriebenen 
gesehen und sie mit Eczema in Verbindung gebracht, besonders 
deswegen, weil er in einzelnen Fällen mit der Erkrankung der Hand 
Eczem an verschiedenen Körperstellen combinirt gesehen hatte. 


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Die Dermatologie und Syphilis 


Herr R. W. Taylor aus New-York betrachtete Herrn Hyde’s 
Fälle als Tylosis an Hand und Fuss. 

Herr Le Orand N. Dcnslow aus St. Paul sieht diese Fälle 
als Schwielenbildung an. In seinem letzten Fall, bei einem Hotel¬ 
portier, der seine Stelle nicht bekleiden konnte wegen der Empfind¬ 
lichkeit seiner Fusssohlen, entfernte er zuerst die Schwielen durch 
eine gesättigte Lösung von Salicylsäure und Collodium, und machte 
dann eine neue Sohle durch Anwendung von Belladonnapflaster auf 
Ziegenleder. So kann der Mann ganz gut seiner Beschäftigung nachgehen. 

Herr E. Wigglesworth aus Boston behandelte gerade jetzt 
einen der von Herrn Hy de beschriebenen Fälle ; er sah ihn als 
Tylosis an. Er wendete eine zwahzigpercentige Lösung von Salicylsäure 
im Emplastr. saponis an, bis die Schwielen entfernt waren. Dann 
deckte er die Theile mit Belladonna- und Mercurialpflaster zu gleichen 
Theilen auf Ziegenleder und da er diesen Zustand als abhängig 
von verminderter Ernährung ansah, wendete er Tonica an und zwar 
mit gutem Erfolge. 

Herr Hy de aus Chicago constatirte, dass er zuerst diese Fälle 
als Tylosis angesehen hatte, doch zeigten weitere Erfahrungen diese 
Ansicht als falsch. In einem Falle beobachtete er den Verlauf der 
Hautkrankheit durch drei Jahre. Wochenlang wurden dabei die Theile 
macerirt. Er sah, dass da eine constante Neubildung dieser Massen 
stattfindet und dass die Nägel fortwährend demselben Process unter¬ 
liegen. Diese Fälle sind durchaus verschieden von den gewöhnlichen 
Formen der Tylosis und Schwielenbildung. 


Nachmittags-Sitzung. 

Herr L. 1). Billkley aus New-York uuterbreitete einige kli¬ 
nische Bemerkungen über Pruritus. Pruritus kann man definiren 
als eine Functionsstörung der nervösen Elemente der Haut, deren 
Resultat ein von localen Reizungen oder Verletzungen unabhängiges 
Jucken ist. Unter 5000 Fällen von Hautkrankheiten hat er 80 Fälle 
von Pruritus beobachtet, das ist ungefähr 1’75 Percent. Dreissig von 
diesen Patienten waren weiblichen, fünfzig männlichen Geschlechtes. 
In der Majorität der Fälle war eine chronische Krankheit da, wie Gicht. 
Albuminurie und chronische Bronchitis, oder deutliche Erscheinungen 
von verminderter Vitalität. In manchen Fällen wurde eine zeitweilige 
Besserung erzielt, während in anderen die Behandlung ganz resultatlos 


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auf den mediciniechen Congressen des Jahres 1887. 


119 


war. Der Vortragende war der Meinung, dass in manchen Fällen die 
Erkrankung eine Folge von Reflexwirkung war. Von 115 Beobach¬ 
tungen die er gemacht hat, war in allen bis anf drei die Reflex¬ 
wirkung auf derselben Seite wie der Reiz. 

Herr F. B. Greenough auS Boston brachte hierauf einige 
klinische Bemerkungen Uber Pediculosis. Er war dadurch darauf 
geführt worden, diese Untersuchungen anzustellen, dass die statisti¬ 
schen Forschungen der Gesellschaft ergeben hatten, dass der Percent¬ 
satz der Fälle von Pediculosis nach Berichten aus Boston dort 
grösser war, als in irgend einer anderen Stadt. Die einzige Erklärung, 
die hiefür beigebracht werden kann, ist die, dass die Differenz mehr 
in den Beobachtern als in der Zahl der Fälle liegt. Ein Beob¬ 
achter in einer anderen Stadt kann unter Eczema capitis einen 
Fall rechnen, der in Boston als Pediculosis capitis angesehen wird. 

Herr J. C. White aus Boston sagte, dass er bei Pediculosis 
pubis und capitis immer rohes Petroleum anwende. Dieses bewirkt 
nicht den geringsten Reiz selbst auf der meist entzündeten Fläche. Er 
lässt es auf den Haaren zwei bis drei Stunden. 

Herr J. C. White trug hierauf vor: Eine Einführung in das 
Studium des Einflusses der Diät auf Entstehen und Behandlung 
von Hautkrankheiten. Verschiedene Nahrungsmittel gelten sowohl 
bei Aerzten als beim Volke als schädlich bei gewissen Hautkrank¬ 
heiten. Er betonte, dass bei manchen dieser Mittel die schädliche 
Wirkung durch nichts bewiesen sei, bis auf den Volksglauben, und 
dass man sie nicht verwerfen sollte, bevor nicht mehr gegen sie vor¬ 
liege. Unter verschiedenen, bei Hautkrankheiten als schädlich ange¬ 
sehenen Substanzen wäre Butter zn erwähnen, doch sieht der Vor¬ 
tragende reine, ungekochte Butter als ganz harmlos an, was die Haut 
betrifft. Hafermehl und Buchweizen wurden in dieselbe Kategorie 
eingereiht, doch ist dafür gar keine Begründung. Dasselbe gilt von 
Fischen und Fleisch, die beide von manchen Dermatologen als nicht 
unschädlich # angesehen wurden. 

Hierauf erwähnte Herr Hy de einige Stoffe, die nach seiner 
Erfahrung bei gewissen Hautkrankheiten nachtheilig zu sein scheinen. 
Alkohol verschlimmert den Verlauf entzündlicher Zustände der 
Haut. Bei manchen Leuten ruft Bier eine kräftige Acne der un¬ 
teren Gesichtshälfte hervor. Das Essen säuerlicher Früchte kann 


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120 


Die Dermatologie und Syphilis 


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oin acutes Eczem erregen. Erdbeeren verursachen oft Urticaria. 
Aepfel sollen acneartige Efflorescenzen um den Mund hervorrufen. 
Gewisse Nussarten, besonders die englische Wallnuss, kann Entzün¬ 
dung der mucösen Auskleidung der Mundhöhle bewirken. Schellfisch 
und Crustaceen können gelegentlich Anlass geben zur Entstehung einer 
Urticaria. Andere Speisen können zeitweilig ähnliche Folgen haben. 
Der ärgste Fall von Urticaria, den er gesehen hatte, war gefolgt 
auf einen gebratenen Truthahn. 

Herr Hyde stimmte dem Vortragenden bei in Bezug auf die 
meisten angeführten Artikel, doch wäre Hafermehl wenigstens als 
nicht so harmlos zu bezeichnen. Wo Urticaria auf den Genuss von 
Weinbeeren folgt, glaubt er das besonders darauf beziehen zu müssen, 
dass die Kerne und Schalen mitgeschluckt werden. 

Herr P. G. Unna hat Fälle von Urticaria nach Erdbeeren 
gesehen, wo die Beeren nicht verschluckt, sondern nur in den Mund 
gesteckt worden waren. 

Herr Bulkley hat mehrere Patienten, die keine Himbeeren essen 
können, ohne Urticaria zu bekommen. Manchmal haben Ananas den¬ 
selben Effect. Er hat Patienten gesehen, bei denen Milchgenuss bei 
den Mahlzeiten schädlich wirkte, zwischen den Mahlzeiten ist er ganz 
harmlos. Er hat gefunden, dass fast jeder Fall von Acne verschlimmert 
wird durch den Gonass von Suppe bei den Mahlzeiten. 

Donnerstag 1. September. 

Im geschäftlichen Theile wurden gewählt als Bureau des näch¬ 
sten Jahres: 

Präsident: J. E. Atkinson, aus Baltimore; 

Vice-Präsidcnt: Herr P. A. Morrow aus New-York; 

Secretär und Zahlmeister: Herr G. H. Tilden aus Boston. 

Der Bericht des Comitös des Congresses der amerikanischen 
Aerzte und Chirurgen wurde hierauf verlesen und angenommen. 

Herr J. E. Atkinson aus Baltimore wurde zum Vertreter 
ernannt im Executiv-Comite des Congresses und Herr G. H. Tilden 
zu seinem Stellvertreter. 

Hierauf entwickelte Herr Edw. Beim. Bronson ein System 
der Hautkrankheiten. Nach einem historischen Rückblick auf die 
verschiedenen Systeme, ihre Fehler und Vorzüge und einer Erläuterung 
der Grundpriucipien, von denen die einzelnen Autoren bei ihrer 


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auf den mediciniseheii Cuugrussoii dos Jahren 1887. 


121 


Classification ansgegangen sind, entscheidet sich der Vortragende für 
eine Eintheilnng nach anatomischen Verhältnissen, so dass er zur 
Aufstellung von fünf Classen gelangt und zwar Erkrankungen: 
1. ausgehend von den Nerven, Idioneurosen, 2. Gefässe, Angiosen, 
3. der Epidermis, Epidermidoson, 4. Erkrankungen der in der Haut 
enthaltenen Follikel, Drüsen, Haare und Nägel, Cryptosen, 5. Erkran¬ 
kungen ausgehend vom Bindegewebe, Desmosen. Die Ordnungen sind 
ebenfalls auf anatomischer oder physiologischer Grundlage entwickelt, 
bei 1. Sensorische, motorische Neuroson, bei 2. einfache Angiosen 
Ecchysen (Anomalien der Transsudation) Chromatosen des Coriums 
und Phlogosen. 3. Keratosen, Akanthosen, Chromatosen der Epidermis, 
bei 4. Steato-, Hidro-, Tricho- und Onychocryptosen. Die nächste 
Unterordnung sind die Tribus, die nach pathologischen Gesichtspunkten 
aufgestellt sind. Diese werden wieder nach dem klinischen Verhalten 
gesondert, das ja oft bei pathologisch gleichen Processen ein verschiedenes 
ist. So erhält Bronson die Familien, die wieder nach ätiologischen 
Befunden in einzelne Genera zerfallen. Zu diesen stehen dann die 
Species, die unterste Reihe, in dem Verhältniss der Bazin’sehen „affec- 
tions“ zu den „maladies“, das ist das Verhältniss der localen Affectionen 
zu den Erkrankungen. 

Herr L. A. Dui’iug aus Philadelphia sprach über: Die Dia¬ 
gnostik der Dermatitis herpetiformis. Er wurde durch die Lecture 
der verschiedenen Berichte über Fälle dieser Krankheit zu der Annahme 
geführt, dass sie nicht vollständig verstanden wird. Ihr charakteristi¬ 
sches Merkmal ist die Multiformität der krankhaften Erscheinungen, die 
im Laufe der natürlichen Entwickelung der Krankheit auftreten. Blasen, 
Vesiceln und Pusteln können zusammen oder getrennt auftreten. Gemischte 
Eruptionen sind die häufigsten, wobei die Blasen vorherrschen. In 
manchen Fällen kann aber wieder nur eine Art auftreten. Die Krankheit 
zeigt deutlich definirto Charaktere in verschiedenen Läsionen und 
distincte Frühsymptome. Auch secundäre Formen existiren. Pigmen- 
tation von dunkelgelber oder bräunlicher Farbe oder auch bunt ist 
eine’ gewöhnlich bemerkte Erscheinung bei chronischen Fällen. Bei 
keiner andern Krankheit sind so verschiedene Combinationen von 
krankhaften Erscheinungen gefunden worden, als bei Dermatitis her¬ 
petiformis. Erythema und Vesiculae, Blasen und Vesiculae, oder Blasen 
und Pusteln bestehen neben einander, dicht neben mehr oder weniger 


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Die Dermatologie uml Syphilis 


Pigmentation, Excoriation und secundären Veränderungen. Jucken ist 
gewöhnlich das am meisten belästigende Symptom und zwar besonders 
stark bei der vesiculären Form. Bei der purulenten Form können 
subjective Symptome fehlen. Die Krankheit zeigt einen sehr 
schleppenden Verlauf, indem sie mehrere Jahre andauern kann. Bei 
zwei vom Autor beobachteten Fällen bestand sie dreizehn, respective 
elf Jahre fort in gleicher Weise ohne Aussicht auf Heilung. 

Einige Fälle von Dermatitis herpetiformis sind sehr ähnlich 
Fällen von Erythema multiforme, doch sind die Erscheinungen bei 
der ersteren Krankheit weniger scharf definirbar, ebenso ist der Ver¬ 
lauf ein verschiedener, da Erythema multiforme eine acute Krankheit 
von kurzer Dauer ist. Manchmal ähnelt die Krankheit dem Herpes Iris, 
doch lässt ihr chronischer Verlauf dann den Herpes Iris ausschliessen. 
Die Erscheinungen sind auch virulenter und von cutanen Störungen 
in höherem Grade begleitet. Herpes Iris ist ja eine benigne Affection, 
die einen acuten Verlauf nimmt, mit Heilung endigt, jedoch zu Reci- 
diven neigt. Dem Pemphigus vulgaris kann die bullöse Form 
gleichen, wenn sie allein vorhanden ist, die Combination mit anderen 
Erscheinungen dürfte aber meist jegliche Verwechslung verhüten. 

Herr P. G. Unna aus Hamburg sprach über: Die Behandlung 
der Lepra. Nachdem er erwähnt hatte, dass die Lepra gewöhnlich 
für unheilbar gehalten wurde und man in Folge dessen keinerlei 
Behandlung anwendete, berichtete er, dass er in der letzten Zeit 
fünf Fälle dieser Affection mit ormuthigendem Erfolge behan¬ 
delt hatte. 

Diese Behandlung bestand in der äusserlichen Anwendung fol¬ 
gender Salbe: 

Chrysarobin 5 Theile 

Ichthyol 5 „ 

Salicylsäure 2 „ 

Vaseline 100 

Diese wird auf die Knötchen gestrichen an allen Theilen des 
Körpers, mit Ausnahme deren im Gesichte, am Nacken und den 
Händen. An den letzteren Stellen wird das Chrysarobin in obigem 
Recept durch Pyrogallussäure ersetzt werden. So eine Behandlung 
wird nun monatelang fortgesetzt. Für einige von den älteren Knoten 
ist dies nicht stark genug, für diese wendet der Vortragende Salicyl- 


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auf den medicinischen Congressen des Jahres 1887. 


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säure oder Salicylsäure und Chrysarobin an als Pflaster auf Mousselin 
gestrichen. Dies lässt man zwei bis drei Tage oder eine Woche liegen. 
Unter dieser Behandlung schwindet der Knoten. 

In den fünf nach dieser Methode behandelten Fällen, sah 
man eine rapide Abnahme der leprösen Massen auf der Haut. 
Di ese Fälle, in denen eine entschiedene Besserung des Allgemein¬ 
befindens eintrat, obwohl keinerlei innerliche Mittel verabreicht 
wurden, zeugen für die Wirksamkeit der äusserlich angewen- 
det-n Mittel. 

Herr P. A. Morrow aus New-York hatte letztlich Gelegenheit, 
eine Anzahl Leprafälle zu behandeln und er meint, dass auf gewisse 
Fälle von Lepra Chaulmoograöl dieselbe Wirkung hat, wie Quecksilber 
auf Syphilis. Bei einem Norweger, der an knotiger Lepra litt, ver¬ 
schwanden die Erscheinungen und er wurde zusehends wieder gesund 
bei Gebrauch von Chaulmoograöl. Bei einer Anzahl von Knoten im 
Gesichte wandte er Aetzkali an und sie verschwanden recht schnell. 
Bei einigen Fällen lässt die Behandlung ganz im Stich. 

Herr Piffard behandelte vor einiger Zeit einen Fall von Lepra 
bei einem jungen Mann aus Bermuda, der bei seinem Eintritt in das 
Spital nicht im Stande war, sich allein anzukleiden. Er erhielt ein 
strychninhältiges Medicament und nach sechs Wochen war er als 
Bootführer auf dem Flusse beschäftigt. Er gebrauchte auch nux 
vomica in so starken Dosen, als sie der Patient vertrug. Gewöhn¬ 
lich wendet er dies an im Verein mit Chaulmoograöl äusserlich. 

Herr H. W. StelwagOli aus Philadelphia sprach über: Den 
Gebrauch von medicamentösem Heftpflaster bei gewissen Haut¬ 
krankheiten. Die Einführung der fixen Bedeckung der Theile in die 
Therapie der Hautkrankheiten hat ausgezeichnete Resultate ergeben. 
Ausser Gelatine, Collodium u. s. w. gehören hieher Unna’s Mulle 
di*- aber bei allen ihren Vortheilen zu theuer sind. Dies führte den 
Verfasser darauf, das gewöhnliche Heftpflaster mit Medicamenten 
imprägniren zu lassen, worüber er nun berichtet. Er hat gute Resultate 
erzielt mit solchem Mercurammoniumpflaster bei chronischem Eczem, 
mit Chrysarobinheftpflaster bei Schwielenbildungen, mit Pyrogallus- 
pflaster bei Lupus und Epithelioma, doch sind diese Heftpflaster 
besonders bei chronischen, nicht so bei acuten Processen zu em¬ 
pfehlen. 


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Die Dermatulogic und Syphilis 


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Herr Unna sagte, dass bei Pflastern, die er angewendet, die 
Salbe auf einen Mousselin aufgestrichen wird, der weit biegsamer ist, 
als der des Heftpflasters. Das Klebmaterial, das er anwendete, war 
entweder Aluminiumoleat oder das beste Gummi elasticum. So wenig 
als möglich wurde hievon genommen, nicht mehr als zwei bis drei 
Gramm auf den Quadratmeter. Die Stärke des Pflasters wird nicht 
nach Percenten berechnet, sondern nach der Anzahl der Gramm des 
wirkenden Agens in einem Meter. 

Herr H. G. Piffard sprach hierauf über: Das Salz in Bezug 
auf Hauthygiene und Therapie. Bei kräftigen Individuen thut gegen 
Psoriasis und das chronische Eczem oft ein kurzes Seebad gut mit 
nachfolgendem Frottiren. Bei schwachen Patienten oder zu langer 
Dauer des Bades ist das Resultat manchmal ungünstig. Gegen Pruritus 
und Furunkeln thuen Seebäder oft gut. 

Beim acuten Ec/.em folgt auf den Gebrauch reinen Wassers 
gewöhnlich eine zeitweilige Verschlimmerung. In solchen Fällen wurde 
ein Vollbad mit einer ein- bis fünfpercentigen Salzlösung mit grossem 
Nutzen für die Patienten angewendot. Beim subacuten Eczem, Pso¬ 
riasis, Furunkeln, den sommerlichen Hitzausschlägen sowohl bei 
pustulären, als bei papulären und bei ulceröscn Syphiliden kann 
eine fünfpercentigo Salzlösung mit grossem Nutzen verwendet 
werden. Das Salzwasserbad soll so heiss angewendet werden, 
als es vertragen wird, ungefähr fünfzehn bis zwanzig Minuten lang 
und zwar gerade vor dem Schlafengehen. Natürliches Seesalz ist 
nicht so gut für das Bad als das grobkörnige weisse Salz, wegen 
des schleimigen Gefühls, das es zurücklässt. Der therapeutische Effect 
ist derselbe. 

Hierauf berichtete Herr H. W. Stelwagon aus Philadelphia 
über: Einen Fall von Purpura mit ringförmigem Exanthem. Ein 

vierundvierzigjährigor kräftiger Mann zeigt am Stamme und in gerin¬ 
gerem Grade an den oberen Partien der Arme und Schenkel eine 
grössere Anzahl Stecknadelkopf- bis erbsengrosser flacher maculae. 
Die grösseren waren ringförmig, der centrale Theil von schwach blauer 
oder schwarzer Farbe, der Rand war röthlich oder röthlich blau. Bei 
genauerer Untersuchung konnte man alle Uebcrgangsstadien von dem 
vollen bis zum ganz ringförmigen Flecke sehen. An anderen Stellen 
sah man wieder grössere, durch Confluiren entstandene Flecken mit 


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auf den Tnedkiiiischen Congressen des Jahres 1887. 


125 


unregelmässigen, gekrümmten Bändern. Die Eruption befiel in ans¬ 
gebreitetem Masse den vorderen Theil des Stammes ringsum und über 
der Regio epigastrica, auf den Oberarmen und Oberschenkeln waren 
auch einige Flecken. Von Anfang bis zu Ende waren die Erschei¬ 
nungen hämorrhagischer Natur, ohne vorausgehende oder begleitende 
Hyperämie. Die Eruption erschien zuerst in Form kleiner runder 
Flecke von röthlicher oder orangerother Farbe rings um den Nabel, 
von wo sie sich ausbreiteten. Wenn sie dann die Grösse einer Erbse 
erreichten, begann das Centrum zu verschwinden und so bekamen sie 
eine ringähnliche Form. Subjective Symptome waren keine vorhanden 
und das Allgemeinbefinden ein ganz gutes. Vier Monate nach der 
Aufnahme des obigen Befundes, also ungefähr acht bis neun Monate 
seit Beginn der Krankheit, war sie bis auf spärliche unregelmässige 
bläuliche Linien verschwunden. 


^Verhandlungen 1 ) der Section für Dermatologie und Syphilis des 
internationalen medicinischen Congresses in Washington 1887. 

Vorsitzender: Herr A. B. Robinson, New-Tork. 

Montag, den 5. September. 

Herr William Welch, Philadelphia, hielt einen Vortrag über 
„Impfung während der Incubations-Periode bei Blattern“. 

Herr Welch glaubte annehmen zu dürfen, dass ein infectiöser 
Stoff nicht bis zur Entwicklung von Symptomen im menschlichen 
Körper unactiv daliege, sondern dass unbekannte Veränderungen im 
Blute vor sich gehen, die zum Stillstand zu bringen durchaus nicht 
unmöglich sei. 

Wenn frühzeitig geimpft wird, werden die Blattern entweder ver¬ 
hindert oder doch bedeutend modificirt; wenn die Impfung bis weniger 
als sieben Tage vor der Eruption aufgeschoben wird, ist kein Erfolg 
zu erwarten. In 144 Fällen, in welchen er Patienten impfte, welcho 
der Infection ausgesetzt waren, blieben 28 ganz frei, 11 fast ganz, 
19 ausgeprägt, 20 partiell und in 66 war kein Resultat. In 54 der 
Fälle wurde die Impfung von zwei bis sieben Tagen vor der ver¬ 
mutlichen Eruption vorgenommen und 42 Percent starben. In den 

') Nach dem Bericht des New-York Med. Rec. 


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Die Dermatologie und Syphilis 


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anderen 90, welche weit früher geimpft wurden, war die Todtenrate 
blos 15 Percent. 

Herr Welch betonte noch, dass die Wirkung von thierischer 
Lymphe langsam und ungewiss sei. Die besten Resultate wurden 
erzielt mit frischer, acht Tage alter Lymphe von einem typischen 
Bläschen. 

Herr John V. Shoemaker sprach über „Alimentation und 
Medication per Reettun bei Hautkrankheiten“. 

Auf die Absorptionsfähigkeit des Rectums hinweisend, betonte 
Herr Shoemaker den Werth derselben, wo immer Krankheit oder 
Idiosynkrasie per Orern im Wege ständen. Exemata, bestehend aus 
Milch, Beef-Tea, Malzextract und Haferschleim seien vorzuziehen. 
Sobald die Ernährung herunterkommt, sollte Fütterung per Rectum 
vorgenommen werden. 

Bei Hautkrankheiten habe sie sich besonders bewährt. Sowie 
das betreffende Mittel die Magenschleimhaut reizt, sollte dasselbe per 
Rectum gegeben werden. Zumal Quecksilberpräparate kommen auf 
diese Weise zur Geltung, wenn Einreibungen, Fumigation und sub- 
cutane Injectionen vom Patienten nicht geduldet und die gewöhnlichen 
Mittel vom Magen nicht tolerirt werden. 

Der dritte Vortrag war der von Herrn Hermann Klotz von 
New-York: „Ueber das Vorkommen von Geschwüren in Folge 
spontaner Gangrän der Haut während der späteren Stadien der 
Syphilis und deren Verhältniss zur Syphilis“. 

Herr Klotz betonte, dass die ulcerativen Vorgänge bei Syphi¬ 
litischen sich in vielen Fällen von dem Zerfall der Gummata wesentlich 
unterscheiden, und dass dieser Vorgang auf syphilitischer Arteritis 
oder Endarteritis beruht, wodurch Verstopfung oder Verödung der 
Hautcapillaren entsteht, welche wiederum den Zerfall der umgebenden 
Gewebe zur Folge habe. Obgleich als Resultat der Syphilis zu be¬ 
trachten, sei dieser Krankheitsprocess doch nicht syphilitischen Cha¬ 
rakters, und bessert sich auch nicht durch spocifische Behandlung. 

Dienstag, den 6. September. 

Herr Roh£, Baltimore, Md., verlas einen Beitrag über „Haar- 
Studien“. Dieser Vortrag lässt sich nicht im Auszüge wiedergeben. 


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auf den mediciniscfcen Contessen des Jahres 1887. 


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Herr Valentine Knaggs aas London, aber „Nene Methode, 
Hautkrankheiten örtlich zu behandeln“. Er empfiehlt als Snbstitut 
für Salben den Gebrauch von Emulsionen, welche beim Trocknen 
auf der Haut eine schützende Schicht hinterlassen. Seit zwei Jahren 
habe er diese Methode bei Eczemen und anderen nicht specifischen 
Ausschlägen angewendet. 

Adhäsive Präparate, ungleich Oelen, thuen der Hautthätigkeit 
Einhalt, wie Theer, Firniss oder Collodium. Salben heben die Haut¬ 
thätigkeit nicht auf, sondern vermindern dieselbe nur. 

Besonderen Nachdruck legte der Vortragende darauf, dass 
Charpie u. dgl. nicht gebraucht werden solle. 

Herr Unna sagte, wir seien einmal wieder in der Uebergangs- 
periodo und machten unseren jährlichen Behandlungswechsel. Auch 
er könne den Emulsionen das Wort reden, aber es sei nicht neu. 

Herr H. J. Reynolds aus Chicago über „Behandlung der 
pflanzlichen parasitischen Krankheiten der Haut“. Bei Favus, 
Ringwurm und anderen parasitären Krankheiten will Vortragender 
zuerst das Medicament örtlich eingerieben und danp mittelst Elek- 
tricität dasselbe bis auf den Urbodon der Haarfollikel gelangen 
lassen. 

Herr A. Ravogli aus Cincinnati sprach über „Lupus erythe¬ 
matosus“ und demonstrirt Präparate, welche gewisse Körperchen 
zeigen, die er als Colonien des dem L. erythematosus eigenthümlichen 
pathogenen Mikrococcus ansieht. Es ist ihm jedoch noch nicht ge¬ 
lungen, Culturen desselben anzulegen. Er hat bei dieser Krankheit 
gute Erfolge durch Ichthyol erzielt. 

Unna aus Hamburg, Thin aus London und Robinson aus 
New-York halten die vorgelegten Präparate nicht für überzeugend. 
Unna hat bisher Ichthyol niemals allein, sondern nur in Verbindung 
mit Salicylsäure bei L. eryth. angewendet. Klotz aus New-York 
wendet mit Salicylsäure imprägnirtes Empl. saponis an. 

Herr Ohniann-Dniuesnil aus St. Louis berichtet über „Eineu 
Fall von Lupus erythematosus der Hände“, bekanntlich eine seltene 
Localisation, und Josef Zeisler aus Chicago über „Einen Fall von 
Impetigo herpetiformis (Hebra)“. 


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Pie Dermatolopio und Syphilii 


Donnerstag, den 8. September. 

Herr Unna aus Hamburg las eine Abhandlung „lieber 
Eczema seborrhoicum“. 

Herr Roh4 aus Baltimore stellte einen Patienten mit multiplen, 
wallnussgrossen Hautsarcomen vor. 

Herr A. R. Robinson aus New*York berichtete über einen 
Fall von „progressiver Melanose der Stimhaut“ bei einer 29jährigen 
Dame. Der Process fing vor 21 Jahren an. Der Fall ist ein Unicum 

Herr Ohmann-Dumesnil aus St. Louis sprach über „Doppel- 
Comedonen“, welche er bei 2 l j\ Percent seiner männlichen Hospital¬ 
patienten constatirt hat. 

Herr Watraszewski aus Warschau sprach „Heber Behandlung 
der Syphilis durch Injection unlöslicher Quecksilbersalze“. Er 

injicirt wöchentlich einmal eine Pravaz’sche Spritze voll folgender 
Mischung: 

Hydrarg. oxyd, flav. 1-00 
Gummi arab. 0 25 

Aqua destill. 30‘00 

Die injicirte Quantität des Quecksilbersalzes beträgt etwa vier 
Centigramm. Vier bis fünf derartige Injectionen bringen gewöhnlich die 
vorhandenen Symptome zum Verschwinden. Zur vollständigen Heilung 
sind zwölf bis zwanzig Injectionen erforderlich. 

Freitag, den 9. September. 

Herr A. R. Robinson aus New-York verlas einen Beitrag 
über „Alopecia areata mit Nachweisung tiefsitzender Mikroben“. 

Vortragender vertrat die parasitäre Theorie der Entstehung 
dieser Krankheit, gegenüber der neurotischen. Er war zu der Ansicht 
gekommen, dass die Parasiten nicht auf der Hautoberfläche oder den 
Haarfollikeln zu suchen seien, und habe dieselben in tieferen Partien 
entdeckt; Alopecia areata sei keine Hautkrankheit und könne er 
dieselbe nicht als Trophoneurose betrachten. Die Parasiten befanden 
sich in den Ly mph räumen des Corium und einige in den Papillen, 
sowie in der Tiefe des Corium. Sie sind Coccen. 

Als Mittel gab er Schwefel, Pyrogallol, Chrysarobin und Queck¬ 
silber an. 


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auf den medicinischen Congressen des Jahres 1887. 


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Bei der darauffolgenden Discnssion bemerkte Herr Unna, dass, 
gleich der Sonnenwende, einmal die neurotische, dann wieder die 
parasitäre Theorie die Oberhand hätte. Er selbst huldige beiden. 
Beide hätten ihre starken und schwachen Seiten. Um für die para¬ 
sitäre Theorie den Beweis zu führen, würden Isoliren, Cultiviren und 
Uebertragung nötfiig sein. 

Herr Knaggs erzählte einen Fall von Alop. in Folge heftiger 
Zahn-Neuralgie. 

Herrn Zeisler’s Fälle waren unbestritten neurotischen Ursprungs. 

Herr H. J. Reynolds drückte sich zu Gunsten des neurotischen 
Ursprungs aus. 

Herr Thin glaubte nicht, dass Uebertragung etc. von Nöthen, um 
den Beweis des parasitischen Ursprungs zu bekräftigen. 

Herr Robinson schloss mit der Bemerkung, dass Einimpfung 
uns irre führen könnte, im Falle ein negatives Resultat erzielt würde. 
Das Vorhandensein von Organismen in den Lymphräumen sei seiner 
Meinung nach überzeugend. 


-so«* 


Vierteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1888. 


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II. 

Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 
der Vaccinationslehre. 

(Redigirt von Dr. M. B. Freund, Docent in Breslau.) 


Die Lymphe der Pockenausschläge. 

1. Pfeiffer L. Ueber Parasiten im Bläscbeninhalt von Varicella und von 
Herpes Zoster und über die Beziehungen derselben zu ähnlichen Para¬ 
siten des Pockenprocesses. — Vorläufige Mittheilung, Monatsh. f. prakt. 
Derm., VI. Bd., 1887/13. 

2. van der Loeff. Ueber Proteiden oder Amöben bei der Variola vera. — 
Ibid. 1887/10. 

3. Voigt L. Die bisherigen Erfahrungen in Betreff der Variolavaecine- 
Hikroben. — Deutsche med. Wochenschr. 1887/24. 

4. Schulz M. Einige Versucht» in Bezug auf Kälberimpfung. Deutsche 
Vierteljahressehr. f. ö. G., 19. Bd., II. Hft. 1887. 

5. Dupuis, repetiteur ä lYoole de med. v£t<?r. ä Cureghem. Recherches 
experimentales sur la vaceine et la maladie de jeunes chiens. Bulletin 
de Pacad. royale de Med. de Belgique. —• IV. Serie. Tome 1, No. 3. 
Annde 1887. 


Pfeiffer (1) fand auch in dem frischen Inhalt der Varicellen- und 
Zoster-Bläschen, wie in dem der Vaccinen und Variolen (s. d. Zeitschr. 
1887/3, S. 807) „Parasiten, deren Entwickelungsgang mit einem amöboiden 
Stadium beginnt, weiter eine Encystirung durchläuft, und nach massenhafter 
Sporenau>scheidung (wobei zugleich Dauer formen sich bilden) wieder zu 
amöboiden Formen zurückkehrt.“ Eine Tafel Abbildungen zeigt die fort¬ 
laufenden Entwickelungsstufen dieser Parasiten in den zwei neuen Formen*, 
doch steht die genaue Differenzirung „der sicher untereinander verschiedenen 
drei Formen“ noch aus. Interessant ist noch die dreimalige erfolgreiche 
Verimpfung des Varicelleninhaltes: binnen fünf Tagen entstanden Varicellen 
am geimpften Arm in gedrängt stehender Menge, am siebenten und achten 
Tage noch zerstreut auftretend. Freund. 


Loeff (2i fand mikroskopisch in Pockenlymphe (von zwei Fällen) „als 
Tropfen hängend an einem Deckglas in der sogenannten feuchten Kammer“ 
dieselben Körperchen (Proteiden oder Amöben) in grosser Anzahl und reicher 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete der Vaccinationslehre. 


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Mannigfaltigkeit an Form, die nach den früheren Untersuchungen (s. d. 
Zeitschr. 1887/3, S. 808) auch stets im frischen anim. Impfstoff nachzuweisen 
waren. Auch beim Ausstreichen des Stoffes auf einem Deckglase und Färben 
mit Fuchsin konnten die Parasiten deutlich erkannt werden. In den Pusteln, 
denen der Stoff entstammte, war schon Eiterung eingetreten. Freund. 


Voigt (3) gibt eine Uebersicht über die bisherigen Resultate der 
bacteriologischen Untersuchung der Vaccine- und Variola-Lymphe und be¬ 
richtigt einige bezüglich seiner eigenen Veröffentlichung über diesen Gegen¬ 
stand ! ) zutage getretene Missverständnisse. Ref. hatte in seinem Bericht 
über Voigt’s Arbeit gefragt, welcher Generation die zweite (beim Kalbe vierte) 
zur Verwendung gekommene „Reincultur“ entstammte. Das war aus Voigt's 
Arbeit nicht zu ersehen. Voigt theilt nun mit, dass auch diese zweite Rein- 
cultur solche zweiter Generation gewesen und entgegnet unter Hinweis 
auf die positiven Erfolge der Garre'schen Reincultur vierter und fünfter 
Generation 2 ) auf die Bemerkungen WolffV) (Voigt könnte wohl ver¬ 
dünnte Lymphe verimpft haben): „eine derartige Zerspaltung und so unge¬ 
heure Verdünnung würde selbst der kräftigsten ImpfJymphe jegliche Wirksam¬ 
keit rauben“. Die Bedenken aber, die Referent gegen die Reinheit der Culturen 
geltend gemacht, muss er aufrecht halten und er fügt den angeführten 
Gründen noch den zu, dass doch aus der ersten „Reincultur“ Voigt’s Knöt¬ 
chen wuchsen, deren Saft auf der Platte wieder alle drei von ihm in der 
Vaccine gefundene Coccen enthielt. Und wenn wirklich auch die Garrö’schen 
Coccen andere sind, als die Voigt’schen und wenn Marotta „mit den 
Coccen, welche gelbe Colouien bilden und die Gelatine verflüssigen, den 
nämlichen Erfolg erzielt“, wenn Pfeiffer's Parasit oder „ein bisher noch 
nicht entdeckter Mikrobe oder eine Combination mehrerer Coccen oder eine 
Art von Ptomainewirkung das Wesentliche ist“ (Voigt) — so ist wohl 
Vorsicht in der Annahme vereinzelter Erfolge in der Darstellung und Ver¬ 
impfung* von Vaecinecoceen geboten. „Wir stehen eben — wie Voigt mit 
Recht hervorhebt — vor einer Reihe von Räthseln.“ Garr£ gegenüber con- 
statirt Voigt, dass die durch seine (Voigt\s) Reinculturen erhaltenen Erup¬ 
tionen nicht ein Eczem, sondern specifische Papeln gewesen. Auch Ref. 
hält wie Voigt die Gar raschen Vaccineeoccen für identisch mit den 
Voigt’schen. Dass Garrt* durch mehrmalige directe Aufzucht dieser Coccen 
(aus Cutisstückchen von der Unterfläche der Kälberpocken, auch aus Lymphe) 
und durch directe Erzeugung von echten Vaccinen (nicht nur von Knötchen) 
auf Farren durch Verimpfung seiner Coccen einen Schritt weiter gekommen 
als Voigt, hat Referent schon in seinem dritten Vaccinationsbericht hervor¬ 
gehoben. Dass diese Erfolge aller bisherigen Versuche nur vereinzelte unter 
vielen Misserfolgen sind, und dass die von Voigt und Garrö auf Kälbern 
erzielten Vaccinen auf Kindern ausblieben, schränkt ausser den oben geltend 
gemachten Bedenken und den anscheinend andersartigen Ergebnissen der 
anderen Forscher die Bedeutung der bisherigen Resultate wesentlich ein. 
Die von Voigt resumirten Arbeiten von Garrä, Marotta, Bareggi, 
Guttmann, Pfeiffer sind schon im dritten Vaccinationsbericht besprochen, 
über die M. Schulz' ist in diesem berichtet. Freund. 


*) Untersuchungen über die Wirkung der Vaccinemikrococcen. Deutsche 
med. Wochenschr. 1885/5. Ref. darüber Vierteljahresschr. f. Derm. und 
Syphilis 1886/4. 

’> Siehe des Ref. eben citirten Bericht über Voigt’s Arbeit. 

J ) Siehe den dritten Vaccinationsbericht in dieser Zeitschr. 


9* 


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Bericht ül*i*r dir unirrn ;iu!' »Bin (*<*'bi**t«* 


Die Arbeit von Schulz (4), über die wir im Abschnitt Hygiene und 
Technik der Menschen- und Thieriinpfung eingehender referiren, findet 
auch hier Berücksichtigung wegen einiger eigentümlicher Versuche, eine 
von fremden Keimen reine Lymphe künstlich zu züchten und der sich daran 
schliessenden Impfresultate. Die animale Lymphe enthält meist viele fremde 
Pilzkeime, die Kinderlymphe entwickelt auf Gelatinplatten manchmal viele 
Colonien, in anderen Fällen — und gerade sehr wirksame Lymphe — fast 
gar keine. „Schon dieser Umstand lässt nur die Annahme zu, dass der 
eigentlich wirksame Keim der Menschenlymphe auf der gewöhnlichen Fleisch¬ 
peptongelatine nur bei gewöhnlicher Temperatur nicht wächst.“ Diesen 
Umstand benutzte Schulz zur Ausscheidung von verunreinigenden Pilzkeimen 
aus der Menschenlymphe. Er entfernte die Stellen der mit humanisirter 
Lymphe reichlich beschickten Gelatineplatten, auf welchen sich Colonien 
entwickelten, täglich mit ausgeglühten Instrumenten, „so dass nach etwa 
acht Tagen nur diejenigen Theilc der Gelatine übrig blieben, auf denen 
keine Keime ausgewachsen waren. Diese wurden noch einmal mit dem 
Mikroskop durchmustert, um alle, auch die kleinsten Colonien aufzufinden 
und dann der reingebliebene Nährboden zur Impfung verwendet.“ Dasselbe 
Verfahren wurde auch mit Agar-Agar eingeschlagen. Das so erzeugte Impf¬ 
material — Gelatine, respective Agar — wurde nun auf Menschen mittelst 
Kritzelung und auch auf Thiere verimpft und es trat dabei einigeraale 
— in der grossen Minderzahl der Fälle — wirklich Blatternbildung 
ein. Die Seltenheit des Erfolges erklärt sich aus der hochgradigen Ver¬ 
dünnung, welche die Lymphe in der Gelatine erfährt. Sollte sich die 
Brauchbarkeit des Verfahrens ferner bestätigen, so wäre ein wenigstens 
von den Bacterien freies Impfmaterial zu gewinnen, die auf Gelatine 
wachsen. 

Schulz knüpft an diese Versuche und Resultate keinerlei Bemerkungen 
über das wirksame Agens in der verimpften Gelatine. Aber offenbar ist die 
Frage nach diesem Agens von grossem wissenschaftlichen wie praktischen 
Interesse. Sind es organisirte Keime, die in der Gelatine verborgen und durch 
die bisherigen Untersuchungsmethoden nicht auffindbar sind? Die specifischen 
Bacterien der Vaccine wären dann im Widerspruche zu den bisherigen An¬ 
nahmen Anaeroben. Vor Allem aber müsste man wohl annehmen, dass nur 
die ursprünglich auf die Gelatine übertragenen Keime bei der Verimpfung 
zur Wirkung gekommen; denn eine Vermehrung innerhalb der Gelatine 
würde sich wohl doch kenntlich gemacht, haben. Eine zweite Möglichkeit 
ist aber die, dass die erhaltenen Pusteln durch Ausscheidungsprodukte 
(Ptoma'ine) der übertragenen Bacterien entstanden. Die Möglichkeit solcher 
Entstehung der Impfprodukte erhält eine Stütze durch die wesentliche 
Uebereinstimmung der anatomischen Veränderungen nach Einverleibung von 
lebenden und sterilisirten Typhusbacillen-Culturen. Eine Entscheidung über 
diese Frage läge in der Untersuchung der Verimpfbarkeit der Schulz\schen 
Impfprodukte auf weitere Generationen, worüber keine Mittheilung vorliegt. 
Eine immunisirende Wirkung solcher durch Ptoma’ine entstandener Produkte 
dagegen wäre nach den neueren Untersuchungen denkbar (s. die Bemer¬ 
kungen im Abschnitt : Immunität etc.). Im Falle der Herkunft der Impf¬ 
pusteln durch Ptoma'ine wäre nun die weitere Frage: entstammen die wirk¬ 
samen Ausscheidungsprodukte den von Schulz für Verunreinigungen ge¬ 
haltenen Colonien (die wahrscheinlich mit den von Voigt und Garr£ für 
specifisch gehaltenen identisch waren), oder Bacterien, die bisher unentdeckt 
in diesen Colonien mit eingeschlossen und mit ihnen entfernt wurden? 

Freun d. 


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der Vacciiiatioiislehre. 


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Dupuis (5) gibt einen Ueberblick über die früheren Vaccinationen 
der Hunde, die zur Verhütung der Staupe gemacht wurden. Unter diesen 
Versuchen interessiren am meisten die Jenner’s und Sacco’s. Ersterer 
beschreibt die Krankheit, die nach seinen vielfachen Untersuchungen durch 
eine Entzündung der Schleimhäute der ersten Luftwege tödtlich wird, hebt 
die anscheinend grosse Empfänglichkeit des Hundes für die Vaccine, sowie 
die Gleichheit aller Symptome nach der Vaccination mit denen der Staupe 
hervor und erwähnt schliesslich der günstigen Erfolge in 43 Fällen. [Ob 
aber die Immunität der geimpften Hunde gegen das Staupe-Contagium 
durch künstliche Infectionsversuche mit dem Nascn-Rachealseeret staupe¬ 
kranker Hunde geprüft worden, ist nicht gesagt. Ref.] Sacco berichtet, von 
200 vaccinirten Hunden nur einen an der Staupe verloren zu haben. Drei 
mit Erfolg vaccinirte Thiere, denen er die stark infectiösc Materie (Nasen¬ 
schleim und Thränenflüssigkeit) kräftig und wiederholt in die Schnauze 
eingerieben, blieben gesund, ein erfolglos und ein gar nicht vaccinirter 
Hund erkrankten, aber viel leichter, als der spontan erkrankte, von dem 
der Stoff entnommen war. [Auch diese Experimente Sacco’s sind keines¬ 
wegs beweiskräftig: abgesehen von der geringen Zahl müsste erst die 
Infectiosität der verwendeten Ansteckungs-Flüssigkeiten, der Grad der 
ersteren, sowie die Sicherheit der Applicationsmethode festgestellt werden, 
umsomehr, als die zwei nicht resp. nicht mit Erfolg vaccinirten Hunde 
auch nur leicht erkrankten. Ref.] Die anderen von Dupuis citirten Experi¬ 
mentatoren kamen zu den widersprechendsten Resultaten, sowohl behufs 
der Uebertragbarkeit der Vaccine auf den Hund, wie der Schutzkraft der¬ 
selben gegen die Staupe. Dupuis unternahm darum selbst die diesbezüg¬ 
lichen Untersuchungen und fand Folgendes: Von siebzehncutan (mittelst Schnitt 
— „par quatre incisions inguinales“ — und kräftiger animaler Vaccine in Emul¬ 
sionsform) vaccinirten Hunden bekamen 13 nach der ersten Vaccination bis zum 
siebenten Tage p. vacc. charakteristische Boutons pustuleux, die vom zehnten 
Tage an einzutrocknen begannen und gegen den zwanzigsten Tag vernarbt waren; 
vier Thiere zeigten nach der ersten Vaccination nur abortive, drei von diesen 
aber erst nach der zweiten Vaccination normale Pusteln, während der vierte 
Hund zwanzig Tage nach der ersten Vaccination an der Staupe erkrankte 
und starb. Von den erstgenannten dreizehn Hunden wurden sechs nach mehreren 
Wochen bis Monaten revaccinirt und zeigten nur abortive Eruptionen, einem 
wurde die Vaccine intravenös beigebracht ohne Resultat. Bei sechs Thieren 
unterblieben die Revaccinationen, drei von diesen waren eingegangen. Bei fünf 
Hunden wurde die Lymphe primär intravenös eingebracht. Es entstand 
keine sichtbare Manifestation und bei vier von diesen blieb eine spätere 
Cutanvaccination erfolglos. Ebenso erfolglos war eine intraperitoneale und 
drei subcutane Vaccinationen mit den folgenden cutanen Revaccinationen. 
Auf Grund dieser Experimente hält Dupuis die Uebertragbarkeit der Vaccine 
auf Hunde und deren Immunisirung gegen Vaccine hier zweifellos. Die 
negativen Resultate früherer Experimentatoren erklärt er durch Verwendung 
entkräftigter Vaccine und die Stichimpfmethode. Da aber von den mit Er¬ 
folg vaccinirten Hunden fünf nach zwei bis drei Wochen die Staupe be¬ 
kamen und drei Thiere, die die Staupe durchgemacht, mit Erfolg vaccinirt 
werden konnten, so schliesst. Dupuis, dass weder die Vaccine gegen die 
Staupe noch letztere gegen die Vaccine schütze. Der bei den vaccinirten 
Hunden oft beobachtete Katarrh der Respirationsorgane ist wohl den bei 
den „fievres Eruptives de Thomme“ fast constant beobachteten Affectionen 
der Schleimhäute ätiologisch gleichzustellen. Interessant sei die auch 
durch intravenöse, intraperitoneale und subcutane Vaccination erzielte Im¬ 
munität — ein Resultat, durchaus in Uebereinstiinmung mit dem von 
Pasteur bei der Hundswuth, von Thierneix und Devigne bei der 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


Pleuro-Pneumonie, von Arloing, Cornevin und Thomas beim Milzbrand 
erzielten — etablissant que rimraunitä peut etre coramuniquöe, sans de- 
velopper les alWrations locales qui d^notent Pexistence de ces maladies. 
Die Commission der belgischen Akademie, der die eben besprochene Arbeit 
Dupuis 1 zur Beurtheilung übergeben war, hält mit Rücksicht auf die zum 
Theil früheren Versuchen competenter Forscher widersprechenden Resultate 
eine Fortsetzung dieser Experimente für wünschenswert!). Auch wäre die 
Uebertragbarkeit der Lymphe der Hundepusteln auf andere für Vaccine 
empfängliche Thiere, namentlich Rinder, zu untersuchen. Freund. 


Immunität. 

Beniner Otto. Der derzeitige Standpunkt der Schutzimpfungen. — Wies¬ 
baden bei Bergmann 1887. 

Die Beumer’sche Schrift gibt eine klare Zusammenstellung der 
bisher bekannt gewordenen Abschwächungsverfahren der Erreger der Pocken, 
der Hühnercholera, des Milzbrandes, der Septicämie der Mäuse und Kaninchen, 
des Rauschbrandes, des Schweinerothlaufs, der Lungenseuche und der Hunds- 
wuth, sowie eine Schilderung der Impfung und ihrer Resultate mit den 
mitigirten Contagien. Uns interessirt hier das einleitende Capitel über 
Immunität und die Bemerkungen über die Menschenpocken. Bezüglich der 
Abschwächung des Pockengiftes wird das Verfahren Tliile's (zehn Tage 
alt gewordene Pockenlymphe wird mit warmer Kuhmilch gemischt) erwähnt 
und Jenner’s rein empirisch gewonnenes Verfahren „nach dem ganz ähn¬ 
lichen Verhalten anderer Impfstoffe, nach der Zu- und Abnahme der Viru¬ 
lenz in den verschiedenen Thierkörpern“, als eine Abschwächung des echten 
Pockengiftes bei seinem Durchgänge durch den Körper der Kuh charakte- 
risirt. Eine Steigerung des Giftes im Körper des Menschen (von den Impt- 
gegnern behauptet) ist ausgeschlossen, da wir von den abgeschwächten 
Contagien wissen, dass alle folgenden Generationen den Abschwächungs¬ 
grad der Muttercultur bewahren. In der Skizzirung aller Immunitätstheorien 
finden auch die Beumer-Peiper’schen und Sirotinin'schen Unter¬ 
suchungen über wiederholte Inoculationen von Typhusbacillenculturen in 
die Bauchhöhle von Mäusen oder Kaninchen Erwähnung. Es hat sich heraus¬ 
gestellt, dass man die Thiere durch stetig steigende Gaben an das Typhotoxin 
gewöhnen kann, „so dass sie nun im Stande sind, unter sonstigen Verhält¬ 
nissen mit Sicherheit todtbringende Gaben zu bewältigen. Soweit nun ein 
Rückschluss aus diesen Versuchen mit Typhusculturen auf andere Infections- 
krankheiten erlaubt ist, kann man die Immunität, sowohl die durch Ueber- 
stehen der Krankheit als auch durch präventive Impfungen erworbene, auch 
erklären als ein Anpassungs- — ein Gewöhnungsvermögen des Körpers an 
Stoffe, die von Haus aus für ihn giftig sind“. In den Prämissen einer solchen 
Erklärung besteht eine Lücke. Die bisher durch Ptomaine geglückte 1m- 
munisirung kam bei Thieren zu Stande, in denen sich die Erzeuger dieser 
Ptomaine nicht vermehren. Erst wenn nachgewiesen wäre, dass Ptomain- 
einverleibung auch solche Körper immun mache, in denen sich die Bacillen 
vermehren können, gleichgiltig ob jene Einverleibung die Vermehrung oder 
trotz der Vermehrung die Krankheit (lutoxication) inhibirt, erst dann kann 
obige Theorie der Immunität acceptirt werden. Im Grunde käme auch sie — 
wie Bcamer hervorhebt — aut die Gra witzsehe Anpassungstheorie 
hinaus, nur dass das die Anpassung der empfänglichen Körperelemente 
herbeiführende Moment ein chemisches Agens wäre. Freund. 


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der Vaccinationalehre. 


135 


Hygiene und Technik der Menschen- und Thierimpfung. 

1. Schulz M. Einige Versuche in Bezug auf Kälberimpfung aus dem kgl. 
Iinpf-Institute zu Berlin. — Deutsche Vierteljahrscbr. f. öffentl. Impf¬ 
pflege. 19. Bd. 2. Hft. 1887. 

2. Wesche« Bericht über die Thätigkeit des Herz. Anhalt. Central-Impf- 
institutes im Jahre 1886. — Deutsche med. Wochenscbr. 1887/21, 22, 23. 

3. Kitter« Soll bei Erstimpflingen auf einem oder auf beiden Armen 
geimpft werden? — Ibid. 1887/20. 

4. Höing« Entgegnung an Herrn Landpbysicus Dr. F. Ritter in Olden¬ 
burg. — Ibid. 1887 '27. [Geht nicht auf den Gegenstand unter 3. ein, 
sondern verwahrt sich nur gegen die aus Ritter’s Darstellung zu ent¬ 
nehmende „ Beschuldigung, dass die Majorität der (Reichsimpf-) Commission 
(1884) bei ihren Entscheidungen nicht ausschliesslich sachlichen Erwägun¬ 
gen gefolgt, sondern auch der Antipathie gegen mich (Böing), dem soge¬ 
nannten Impfgegner. sowie einer durch frühere Vorschriften bedingten 
Zwangsvorstellung“. Auch stellt Büi n g die ihn betreffende Bezeichnung 
als Impfgegner richtig: er sei nicht Impfgegner, sondern Impfzwang¬ 
gegner. Ref.] 

5. Krüekinaun. Noch einmal zur Impftechnik. — Ibid. 1887/21. 

6. Geiagier« Berichte über das Impfwesen im Königreiche Sachsen während 
des Jahres 1886. — Corresp.-Bl. der ärztl. Bezirksvereine im Königr. 
Sachsen 43/1, 2. 3. 

7. Kieck M. Die Technik der Kälberimpfung. — Osterwieck/Hag bei 
Zickfeld t. 1887. 


Nach Schulz (1) war bisher die Verwendung animalischer Lymphe 
in Berliu nur eine vereinzelte. Die die öffentlichen Impfungen benützenden 
Bevölkerungsschichten haben keine tiefer gehende Abneigung gegen die 
Menschenlymphe und die Gewinnung derselben ist im Allgemeinen ohne 
Schwierigkeit. Auch bestand bisher kein öffentliches Institut zur Erzeugung 
des ganzen erforderlichen Bedarfes an Thierlymphe. Im Sommer 1885 
wurde der erste Versuch gemacht, in den öffentlichen Terminen der königl. 
Impfanstalt in weiterer Ausdehnung animal zu impfen. 959 Erstimpflinge 
hatten 98 Percent personellen und 68 Percent Schnitterfolg, 738 Wieder- 
impflinge 82, resp. 50 Percent. 450 Röhrchen zu je 7 Impfungen wurden 
verschickt. Von 511 damit geimpften Erstimpflingen bekamen — laut ein¬ 
gegangenen Berichten — 99 Percent personellen und 75 Percent Schnitt¬ 
erfolg. von 337 Schulkindern 97 resp. 70 Percent. Die Impfmethode war 
bei frischer Lymphe der einfache flache Längsschnitt mit nachherigem Ein¬ 
streichen der Lymphe, bei Wiederimpfungen und etwas älterer Lymphe der 
Kritzelschnitt. Die Kälber werden vom Viehmarkte beschafft. Das einzelne 
Thier kommt auf 50 Mark zu stehen. Seine Impfung geschieht mit humani- 
sirter Lymphe auf scarificirten Flächen nach genauer Reinigung des Feldes 
mit Wasser und Seife. „Die Procedur der Flächenimpfung ist von sehr 
langer Dauer, da eine Person etwa Stunden auf dieselbe verwenden 
muss und es fällt während dieser Zeit natürlich eine grosse Menge von 
Keimen aus der Luft auf die vorher desinficirte Fläche nieder.“ Eine Ab¬ 
kürzung der Impfzeit durch Aulkratzen der Impffläche geht wegen der 
schlechteren Pustelentwickelung nicht an. Eine Sublimat-Desinfection der 
Impffläche vor und nach Auftragung der Lymphe hatte bezüglich des Auf- 
gehens letzterer verschiedenen (bald positiven bald negativen) Erfolg und 
ergab keine sichere Desinfection und es muss anerkannt werden, dass ein 
Verfahren, die Impfstelle vor dem Auffallen von Keimen während der 
Impfung sicher zu schützen, damit noch nicht gefunden ist. [Dass auch 


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Bericht Qber die Leistungen auf dem Gebiete 


dieser Nacbtheil der Flächenimpfung, wie die lange Dauer der Operation 
neben den anderen durch die Impfung der Thiere mittelst einfacher Schnitte 
wesentlich vermindert wird, liegt auf der Hand. Siehe den Bericht über die 
Mittheilungen M. B. Wesche’s S. 135. Ref.] Der nach fünfmal 24 Stunden 
mit dem Küchenmesser, resp. Blechlöffel abgeschabte Stoff wurde stets zur 
Glycerinemulsion verarbeitet. Die Beimischung organischer Substanz ist auch 
bei der Flächencultur nur ein unerheblicher. Eine Fäulniss dieses Präpa¬ 
rates tritt nicht ein, selbst als es versuchshalber einmal während des 
Sommers vier Wochen offen in einer Stube gestanden. Es bleibt, wenn nicht 
gerade der Sonne ausgesetzt, wochenlang gut wirksam, auch Kälte bis 7* C. 
hatte keinen schädigenden Einfluss. Da aber nach den jetzigen gesetzlichen 
Vorschriften die benutzbaren Stammimpflinge bedeutend vermindert sind, 
auch am Revisionstage die aus Kälberlymphe erzeugten Blattern oft un¬ 
entwickelt und klein sind und der Schnitterfolg geringer ist, als nach huma- 
nisirter Lymphe, konnte die erforderliche Menge humanisirter Lymphe nicht 
gewonnen werden. Es wurden deshalb schon am Impftage die zur Lympli- 
abnahme geeigneten Kinder ausgesucht und mit humanisirter Lymphe 

f eimpft. Voraussichtlich werden die Schwierigkeiten durch Fortpflanzung 
er Retrovaccine von Kalb zu Kalb zu umgehen sein, da letztere, wenn sie 
frisch verwendet wurde, immer guten Ertrag gab. Von Herbst 1885 bis 
zum September 1886 wurden Versuche gemacht, eine von fremdartigen 
Bacterien freie Lymphe herzustellen und, da Reinculturen der Vaccine 
bisher noch nicht erzeugt werden konnten und das mit humanisirter Lymphe 
beschickte Gelatine- oder Agarmaterial nach Ausschaltung von verunreini¬ 
genden Pilzkeimen nur einzelne Male Blattern erzeugte'), so wurden zu 
genanntem Zwecke antiseptische Massnahmen in peinlichster Ausführung 
bei der Impfung der Thiere angewendet und dann ein — nur bei weiblichen 
Kälbern anwendbarer — Occlusivverband angelegt. Es stellte sich jedoch 
heraus, dass die Verbände unter den jetzigen Verhältnissen nichts Positives 
leisten. Sie nehmen überdies viel Zeit in Anspruch und gestatten nicht 
eine so ausgiebige Ausnützung der Hautfläche des Thieres wie die einfache 
Impfung. Endlich ist die Brauchbarkeit des unter ihnen erzeugten Impf¬ 
stoffes eine sehr fragliche. „Es wird aber stark mit Pilzkeimen vermischte 
Kälberlymphe erfahrungsgemäss ohne Schaden verimpft.“ Für die Praxis 
ist daher mit der peinlichsten Reinlichkeit bei der Impfung und Abimpfung 
für jetzt Genüge geleistet. Ausschluss der Keime des Rothlaufs und der 
Wundkrankheiten kann man annehmen, wenn man einem Kinde, das an 
keiner dieser Krankheiten vor der Abimpfung litt, und auch nach derselben 
nicht daran erkrankt ist, die reifen Pusteln an ihrer Oberfläche sorgsam 
durch Befeuchten mit Sublimatlösung durchtränkt und den hervorquellenden 
Impfstoff sofort in erhitzt gewesene Capillaren aufnimmt. Freund. 


Wesche's (2) zweiter Bericht s ) über die Thätigkeit des Bernburger 
animalischen Impfinstitutes im Jahre 1886 ergibt, dass auch der sehr 
bedeutend gesteigerte Betrieb der Bernburger Anstalt im Wesentlichen in 
der bisherigen Weise fortgeführt worden ist. Es kamen ausnahmlos ganz 
junge Kälber im Alter von zwei bis drei Wochen zur Verwendung. Zur 
Sicherstellung der Pflege dieser zarten Thiere geschah die Einstellung ins 
städtische Schlachthaus schon einige Tage vor der Impfung. Zur Ernährung 
dienten circa zehn Liter Milch per Tag. „Die minutiöseste Sorgfalt iu der 

*) Ueber diese eigenthümlichen Versuche siehe das Nähere in dem 
Abschnitt: Die Lymphe Nr. 4. 

*) Das Ref. über den I. Bericht s. d. Zeitschr. Jahrgang 1886, XIII. 
Heft 4. 2. Hälfte. 


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der Vacciuationslehre. 


137 


Pflege der Thierc hat sich als Hauptbedinguug des Erfolges gezeigt.“ Ge¬ 
impft wurden die Thiere auf scarificirten Flächen am Bauche und zwischen 
den Hinterschenkeln. Bei grossem Bedarfe an Lymphe hält Wes che die Flächen¬ 
impfung für die zweckmässigste, er hat auch keinen Grund sehen können, von 
derselben abzuweichen. Abgeimpft wurde durch Abkratzung der gereinigten 
Fläche mittelst geglühter Kratzlöffel im Allgemeinen nach 96 Stuuden. Die 
gewonnene Masse wurde mit circa fünf Theilen Glycerin zu Emulsion ver¬ 
rieben. Bei zehnfacher Menge Glycerin büsste die Lymphe schon nach acht 
Tagen bedeutend an Kraft ein. Alle zur Verwendung bestimmte Lymphe 
wurde erst probeweise verimpft, auch mikroskopisch, zum Theil auch bacte- 
rioskopisch geprüft. Die Impfung der Thiere geschah bis auf Ausnahmen 
mit humanisirter Lymphe, die sicherer wirkt als retrovaccine und variola- 
vaccine. Eine Uebertragung von Krankheitskeimen (Syphilis und Tubercu- 
lose) auf die Kälber und von diesen zweien auf die Impflinge ist ausge¬ 
schlossen; denn etwaige bis zum Abimpfen unverändert auf dem Impffelde 
liegengebliebene Ansteckungstoffe würden bei der sorgfältigen antiseptischen 
Abwaschung entfernt und eine Entwickelung und Vermehrung könne in den 
vier Tagen bis zur Abimpfung nicht erfolgen. Auch der Impf- und Pocken¬ 
schutzwerth der Retrovaccine habe sich vollkommen bewährt. „Ich kann 
deshalb auch nicht recht begreiflich finden, mit welchem Rechte in dieser 
Beziehung der Variolavaccine ein Vorzug vor der Retrovaccine eingeräumt 
werden soll.“ Wichtig mit Rücksicht auf die Wahl der Kälberimpfungs- 
Methode sind die folgenden Mittheilungen: alle Impfthiere, fiebern zur Zeit 
der Abimpfung (bis 41° C.), sind äusserst empfindlich, neigen im höchsten 
Grade zu Durchfällen. Ein Thier starb zu dieser Zeit unter Krämpfen, ohne 
bei der Section nachweisliche organische Veränderungen. Mehrere Thiere 
sind nur durch die sorgfältigste Behandlung am Leben erhalten worden 
und haben zur Lymphebeziehung nicht verwendet werden können. Die 
Thiere werden gewöhnlich erst geschlachtet nach Abheilung der Impffläche, 
was unter normalen Verhältnissen nach einigen Tagen, „öfters“ unter Ent¬ 
wickelung eines tiefen Eiterungsprocesses später, nach Tagen und Wochen 
erfolgt, dann „die grösste Aufmerksamkeit“ erfordert und mit einer Störung 
der Ernährung und empfindlicher Herabsetzung des Werthes der Thiere 
einhergeht. Der Ertrag der Kälber ist sehr wechselnd gewesen: er betrug 
bei gut entwickelter Impffläche durchschnittlich 1750 Portionen (70 Capill. 
ä 25 Impfungen). Unbenutzt blieben von 76 Thieren 16; theils weil schon 
die Entwickelung der Impifläche eine abnorme gewesen, theils weil die ge¬ 
wonnene Lymphe bei der Probeimpfung nicht befriedigte. Bei normaler, 
typischer Entwickelung der Vaccine auf dem Kalbe ist das Impffeld zum 
grossen Theile mit weissschimmernden, gedellten Bläschen besetzt. Daneben 
steht eine gewisse Anzahl etwas zurückgebliebener Pusteln. In vielen Fällen 
aber ist der Process auf dem Kalbe verzögert (bei jeder Erkrankung der 
Thiere, unmittelbar bei Durchfall) oder überstürzt. Im ersteren Falle stehen 
auf diffus gerötheter Fläche sparsame Pusteln verschiedener Entwickelung, 
deren Ertrag mangelhaft oder selbst gleich Null ist. Bei dem besonders in 
der heissen Jahreszeit nicht sehr seltenen überstürzten Verlauf ist nach 
96 Stunden die Impffläche mit einer eiternden Masse förmlich überzogen, 
die verimpft nur ungenügenden Erfolg gibt. Die in solchen Fällen 72—80 
Stunden nach der Impfung abgenommene Masse ist ganz unwirksam. „Es 
ist nun in jedem Einzelfalle schwer, genau zu erkennen, ob der Veilauf 
ein ganz typischer, normaler, oder ob nicht theilweise eine Vereiterung der 
lmpffläche eingetreten ist.“ — „Von dem richtigen, typischen Gange der 
Entwicklung ist aber die Wirksamkeit der gewonnenen Lymphe hauptsäch¬ 
lich abhängig.“ Eine Probeimpfung bei mehreren Kindern ist unentbehrlich, 
um über die Güte der Lymphe ein Urtheil zu gewinnen. „Aus den ge- 


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138 Bericht über die Leistlingen anf dem Gebiete 

schilderten Verhältnissen geht zur Genüge hervor, mit welchen enormen 
Schwierigkeiten ein grosses Impfinstitut zu kämpfen hat, welches zu ge¬ 
wissen Zeiten grosse Quantitäten Lymphe von immer gleichmässig guter 
Wirksamkeit liefern soll; es erklärt sich daraus, dass selbst bei dem sorg¬ 
samsten Verfahren Fehlerfolge nicht gänzlich zu vermeiden sind. Meines 
Wissens hat sich dieser Mangel bei allen Impf-Instituten bemerkbar ge¬ 
macht.“ Auf Grund der mehrjährigen Resultate des Bernburger Instituts 
hält Wesche den Zeitpunkt für gekommen, die humanisirte Lymphe ganz 
aufzugeben und die animalische Vaccination obligatorisch zu machen. Ref. 
hat die Mittheilungen Wesche’s über den Ablauf des Impfprocesses bei 
seinen Impfthieren absichtlich und zwar deshalb so ausführlich wiederge¬ 
geben, weil sie ihm unwiderleglich darthun, dass die Flächenimpfung, zu¬ 
mal bei so jungen Thieren von zwei bis drei Wochen, eine nicht brauch¬ 
bare Impfmethode ist. Weder haben andere Thierimpfinstitute solche 
Ausfälle an Impfthieren (von 76 waren 16 unbrauchbar), noch haben sie 
mit den nicht seltenen Vereiterungen des Impffeldes, den constanten Fieber- 
und den häufigen anderen Erkrankungen der Thiere und deren langen, 
kostspieligen Verpflegung und Behandlung behufs Heilung der Impfwunden 
zu schaffen. Endlich besteht bei der Einzelpockenimpfung die Schwierigkeit 
nicht, die Entwickelung der Pusteln richtig zu beurtheilen und werthloses, 
ja schädliches Material mit zu verwenden. Die von Wesche stets für noth- 
wendig erachtete Probeimpfung der gewonnenen Lymphe fällt darum für 
die anderen Institute fort. Und da die Einzelpockenimpfung auch gleiche 
Ertiäge liefert, so sieht Referent die Bevorzugung derselben, zu der er auf 
Grund eigener Erfahrung und der Anderer schon in seiner Arbeit: Die 
animalische Vaccination in ihrer technischen Entwickelung, gekommen, 
durchaus bestätigt. Mittlerweile haben sich auch Pissin (s. Bericht II.), 
Tenhold (Corresp.-Bl. des Allg. ärztl. Vereins von Thüringen 1887 6 
S. 233), Fickert und Wengler gegen die Flächenimpfung (Tenhold nur 
gegen die Anlage einer grossen zusammenhängenden Impffläche) ausge¬ 
sprochen, die beiden ersteren wegen der Unsicherheit in der Beurtheilung 
der erhaltenen Pusteln, Pissin auch wegen der Mitnahme minderwerthigen 
Stoffes und der zu grossen Verletzung der Thiere, die beiden letztgenannten 
wegen der Minderwertigkeit des von den Flächen erhaltenen Stoffes (siehe 
auch den vorstehenden Bericht über die Abhandlung von M. Schulz). 
Ref. verweist bei dieser Gelegenheit wiederholt auf die von ihm geübte 
(im eben citirten Buche beschriebene), so äusserst bequeme Impfung der 
Thiere auf dem Rücken, die er auch in diesem Jahre wieder mit gleich 
gutem Erfolge angewendet. ____ Freund. 

Ritter (3) tritt dem Vorschläge Voigt's. nur auf einem Arme zu 
impfen, aus denselben Gründen bei, namentlich, weil er die Impfung auf 
beiden Armen für eine unnothige Belästigung von Mutter und Kind hält. 
Er impft in der Regel mit sieben Schnittchen. Nachtheile von der Einarm- 
irnpfung hat er nicht gesehen, auch nicht bei dem häufig beobachteten 
Confluiren der Pusteln. Die Stärke der örtlichen und allgemeinen Reaction 
hängt nicht davon, sondern von der Individualität des Impflings und der 
Zahl der Pusteln ab. „Ob diese aber auf einem oder beiden Armen, dicht 
oilcr weitläufig stehen, halte ich für irrelevant." Der ganze Gegenstand ist 
aber „als ein für den Impfschutz nebensächlicher“ nur dann zu bezeichnen, 
wenn die Gesammtzahl der Impfstellen nicht in Betracht gezogen wird. 
Die Bedeutung der Energie der Impfung für die Dauer des Impfschutzes 
ist sicher. (Die Referate über VoigUs und Chalybaeus’ diesbezügliche 
Veröffentlichungen siehe <1. Zeit sehr. 1886. 4. Heft und 1887. 2. Heft). 

__ Freund. 


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der Vaccinationslehre. 


139 


Krückmann (5) empfiehlt wiederholt sowohl für die Thier- wie 
Menschenimpfang möglichst flaches, unblutiges Impfen mit einem von ihm 
angegebenen (beim Instrumentenmacher Mössinger in Rostock in Mecklen¬ 
burg zu habenden) keilförmigen Messer, das die Schnittränder klaffen 
macht. Er verwendet stets die feinstvertheilte Lympheemulsion, mit der 
das Messer vor dem Schnitte avmirt wird. 


Der sächsische Impfbericht pro 1886 (6) stimmt in allen wesentlichen 
Stücken mit dem vorjährigen überein, so dass sich ein detaillirtes Eingehen 
auf denselben unter Hinweis auf das Referat im XIV. Bd., 3. Heft d. 
Zeitschr. erübrigt. Wie bisher impfen zwei Lympheerzeugungsanstalten 
(Bautzen und Zwickau) die Kälber auf dem Lande (eine an demselben 
Orte, die andere an acht verschiedenen Orten), zwei (Leipzig und Dresden) 
in der Stadt. Bautzen hat die Scarificationsflächen zu Gunsten von ein¬ 
fachen Schnittflächen wegen besserer Entwickelung der Pusteln auf letzteren 
bedeutend eingeschränkt. Dresden wendet nur Einzelschnitte an, Leipzig 
impft mit Einzelschnitten und — häufiger als früher — mit drei bis vier 
dicht nebeneinandergeftihrten Schnitten, Zwickau meist mit Einzelschnitten, 
nur bei reichlichem Vorrath an aufzutragender Lymphe auf kleinen Schabe- 
liäehen. Die Art und Zeit der Lympheabnahme, der Lymphebereitung 
(Glycerinemulsion, Verreibung mit lünt- bis siebenfacher Alenge Glycerin) 
und Aufbewahrung (Capillaren) ist dieselbe geblieben. Der Vorstand des 
Leipziger Instituts fand den Zusatz reinen Glycerins (statt solchem mit 
15 Percent Wasser versetzten) wegen der wasserentziehenden Wirkung der 
Haltbarkeit der Lymphe abträglich. Der Ertrag des Kalbes betrug 2000 bis 
2500 Impfportionen. Zwei Institute Hessen die Impfkälber vor Verwendung 
der Lymphe schlachten, zwei nicht. Drei Institute brauchten zur Kälber¬ 
impfung humanisirte und animale, eines nur humanisirte Lymphe. Erkran¬ 
kungen der Implthiere sind nicht beobachtet worden. In Dresden mussten 
zwei Thiere unmittelbar nach der Implung geschlachtet werden, weil sie 
sich durch die Muskelaction einen Oberschenkel gebrochen hatten. (Einen 
gleichen Fall hat Referent erlebt, als er noch auf der Bauchfläche impfte.) 
Die einzelne Kinderimpfung stellte sich im Durchschnitt auf 8 6 Pfennig 
gegenüber dem Vorjahre etwa 1*5 Pfennig weniger. Fast sämmtliche 
Impfungen und zwar 09'1 Percent der 88.743 Erstimpfungen. 99*2 Percent 
der 71.652 Wiederimpfungen haben mit Thierlymphe stattgefunden, Im¬ 
pfungen mit Alenschenlymphe überhaupt nur 1441 (851 bei Erst- 590 bei 
Wiederimpflingen) und war der Erfolg der Thierlymphe bei den Erstimpfungen 
96*6 Percent, bei den Wiederimplungen 92*4 Percent, Erfolge, die den 
früheren mit hunmnisirter Lymphe gieichkommcn, bei den Wiederimpfungen 
sogar höher sind. Fast alle öffentlichen Impfärzte haben die Schnittmethode 
adoptirt und bedienen sich der Lancette. Das Irnpfgeschäft hat bei dem 
Wegfall der Abimpfung einen rascheren Verlauf genommen, in vielen Be¬ 
zirken waren die Impfungen bereits im Juni beendet, also vor Beginn der 
heissen Tage, was wahrscheinlich die sehr geringe Ausdehnung unliebsamer 
Folgeerscheinungen bedingt hat. Erkrankungen nach der Impfung (stärkete 
Rmdenizündung, »Schwellung der Lymphdrüsen, Entzündung und Eiterung 
des Unterhautzellgewebes, Roth lauf, Verschwärung der Pusteln, Hautaus- 
scltläge) sind weniger häufig zu Tage getreten, als in früheren Jahren, ins¬ 
besondere waren die mehr als vierzig Erysipele meistens leichter Natur mit 
Ausnahme eines, aber auch in Genesung endenden Falles. Allgemeine 
Vaccine wurde vereinzelt beobachtet, jln solchen Fällen sollte zur Sicher¬ 
stellung des noch nicht ausgemachten Charakters des Ausschlags eine Ab- 
iinpfung vorgenommen werden. Ref.| Uebertragung von Tuberculose, Scrophu- 
lose, Syphilis sind nicht vorgekommen und ebensowenig Todesfälle, die man 


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140 


lJcricht Über die Leistungen auf dem Gebiete 


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mit der Impfung in Verbindung bringen könnte, lieber besondere antisep^- 
tische Massnahmen bei der Impfung wird nichts berichtet. Nach diesem 
Berichte ist das Gesammtresultat des ganzen Impfgeschäftes, sowohl was 
die Erzeugung der nöthigen Lymphe wie deren Erfolg anbelangt, als ein 
ganz vorzügliches zu bezeichnen und man kann nunmehr die Frage der 
allgemeinen Verwendbarkeit der animalen Lymphe für gelöst ansehen. Einer 
besonderen gesetzlichen Verpflichtung wird es gar nicht bedürfen, da die 
Vortheile dieser Methode zu zweifellose sind. Freund. 


Ri eck (7) gibt in seiner Broschüre eine Schilderung der beiden jetzt 
gebräuchlichsten Retrovaccinationsmethoden, der Schnittimpfung und der Flä¬ 
chenimpfung, wie er sie in den Instituten zu Pforzheim und Weimar kennen 
lernte. Rieck skizzirt die die Auswahl der Impfthicre (die nicht unter fünf 
Wochen alte Kälber sein sollten, da diese zu wenig geeignet sind, der durch 
die Operation bedingten Gesundheitsalteration zu widerstehen), die Stallung 
und Ernährung der Kälber während der Impfzeit, sowie das Impflocal und 
das Instrumentarium betreffenden Gesichtspunkte, beschreibt die Schnitt- 
und Flächenimpfung und urgirt wegen der Möglichkeit der Uebertragung 
der Tuberculose die Nothwendigkeit des Schlachtens der abgeimpften Thiere 
behufs thierärztlicher Untersuchung. Die drei Gründe, die zu Gunsten der 
Flächenimpfung angeführt werden — relative Kleinheit der Impffläche bei 
nicht längerer Operationsdauer (Rieck selbst bezeichnet S. 9 „fast die 
ganze Bauchfläche, von der Dammfalte bis nahe zum Nabel inclusive des 
Hodensackes“ als Insertionsfeld) — grössere Einfachheit, kürzere Dauer 
und geringere Schmerzhaftigkeit der Abimpfung — grösserer Ertrag an 
Lymphe), sind nicht zutreffend. (Siehe auch das vorstehende Referat über 
Wesche’s Bericht). Freund. 


Pocken- und Impfstatistik. 

1. Rippmann Ernst. Pockenepidemie des Cantons Baselland im Jahre 1885. 
— Inaug.-Dissertation. Stein am Rhein bei D. Störchlin 1887. 

2. Lotz. Die Blatternepidemie des Jahres 1885 in Basel. — Corresp.-Bl. 
für Schweizer Aerzte. XVI. Jahrgang, 1886. 

3. Jellinek H. Die Pockenepidemie in Ottakring im Jahre 1885. — 
Oesterr. ärztl. Vereinszeitung 1886/9. 

4. Mittheilnngen aus dem Sanitätsberichte des k. k. Landes-Sanitätsrathes 
für Marburg, betreffend das Jahr 1885. — Verüffentl. d. k. Ges.-Amtes, 
1887/30. 

5. Vorläufige Mittheiliiug über vierundzwanzig Pockenerkrankungen im 
Reg.-Bez. Königsberg. — Ibid. 1887/34. 

6. Ergebnisse des Impfgeschäftes im Deutschen Reiche für das Jahr 1883. 
—* Zusammengestellt aus Mittheilungen der einzelnen Bundesregierungen. 
Arbeiten aus dem k. Gesundheitsarnte, II. Bd., Berlin bei Springer, 1887. 

7. Spiess* Uebersicht dt*r im Jahre 1886 im Stadt- und Landkreis Frank¬ 
furt a. M. vollzogenen Impfungen. — Jahresbericht über die Verwaltung 
des Medicinalwesens. XXX. Jahrgang. 

8. Böing« Ueber den Einfluss der Erstimpfung auf die Wiederimpfung. — 
Deutsche med. Woehenschr. 1887/17, 18, 19. 


Den Impfgegnern ist die Dissertation Rippmann’s (1) angelegent¬ 
lichst zu empfehlen: sie erfahren daraus, welche Folgen ein schlechter Impf- 
zustand — zumal der jüngeren Generation — und eine laxe Sanitätspolizei 
hat. Ri pp mann zeigt uns, welche Anarchie auf dem Gebiete der Hygiene 


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«ler Varcinationslehre. 


141 


in einzelnen Gegenden bestanden hat, so dass das heftige Auftreten der 
Seuche von Ende 1884 bis 1885, nachdem die Blattern seit Anfang der 
Siebziger-Jahre in den Cantonen der Schweiz nur vereinzelt aufgetreten 
waren, nicht überraschend erscheint. Die Gesetzeswächter waren zwar durch 
verschiedene Volksvota gelähmt, doch durfte es nicht geschehen, dass die 
Epidemie, die im November 1884 in Oberwyl ihren Anfang nahm, erst nach 
mehreren Wochen zur behördlichen Kenntniss gelangte, weil der Arzt trotz 
sicherer Diagnose keine Anzeige machte. Daher siebenundvierzig Erkran¬ 
kungen mit neun Todesfällen in dem kleinen Orte und zahlreiche Ver¬ 
schleppungen nach allen Seiten. Auch in Allschwyl wurde die erste Er¬ 
krankung iin Februar 1885 von demselben Arzte wieder nicht angezeigt und 
die auf das Gerücht vom Tode des Betreffenden von der Behörde verfügte 
Leichenschau von den Angehörigen verweigert. Zehn bis vierzehn Tage 
nachher erkrankten alle Mitglieder der Familie des Verstorbenen — sieben 
an der Zahl — an den Pocken. Bei einer Kranken erfuhr Rippmann, 
dass sie vor zwölf Tagen einen „Naturarzt“ besucht habe: im Empfangs¬ 
zimmer sei sie von Grausen erfasst worden bei dem Anblick eines mit 
Krusten bedeckten Kindergesichtes, das hinter einem Vorhang liegend her- 
Yorguckte. Die Untersuchung ergab, dass drei ungeimpfte Kinder hoch¬ 
gradig blatternkrank waren, ein viertes sehr stark markirte, frische Narben 
im Gesicht hatte und dass die von Mitte Februar constatirte Erkrankung 
des „Naturarztes“ nicht Lungenentzündung, sondern Variola gewesen war. 
Er hatte sich bei einem Pockenkranken inficirt und von diesem Falle (also 
nehmen die dortigen Behörden* auch Anzeigen von unpatentirten Quack¬ 
salbern ohne Sühne entgegen!) dem Kreisärzte in Gösgen Anzeige gemacht. 
Seine und seiner Kinder Krankheiten verheimlichend, prakticirte er nach 
seiner Genesung weiter und inficirte seinerseits und in seinem Hause eine 
grosse Anzahl von Personen. Die Leute gingen sogar — bezeichnend für 
den Aberglauben und die mangelnde Einsicht des Volkes — während der 
über das Haus des „Naturarztes“ verhängten Sperre im Geheimen zu ihm, 
um das von ihm gepriesene Arcanum und Schutzmittel gegen Blattern zu 
erlangen. Indem wir bezüglich der statistischen Daten auf die interessante 
Arbeit verweisen und nur im Allgemeinen erwähnen, dass im Canton Basel¬ 
land 552 Erkrankungen auf 59.000 Seelen vorgekommen sind, erklären wir 
uns mit den Schlüssen des Verfassers, dass der Impfzwang mit Strenge 
durchzuführen, dass der Impfschutz nach zehn bis fünfzehn Jahren erlischt 
und die Revaccination nothwendig ist, dass beim Ausbruch von Blattern 
in einer Haushaltung alle Familienangehörigen zu vacciniren resp. zu re- 
vacciniren und dass die strengsten Sperrmassregeln durchznführen sind, 
durchwegs einverstanden. _ Steinitz. 

Ueber die gleichzeitig mit der eben geschilderten auch in der Stadt 
Basel herrschende Blattemepidemie gibt Lotz (2), Physicus in Basel, 
einen kurzen vorläufigen Bericht über 404 Fälle von Variola, welche vom 
7. December 1884 bis zum 17. Mai 1886 auf dem Gebiete von Baselstadt 
amtlich constatirt worden sind, und weist nach, dass die eingeschleppte 
Seuche bei der grossartigen Vernachlässigung von Impfung und Wieder¬ 
impfung einen günstigen Boden gefunden habe. Die Zahl der Ungeimpften 
in der Stadtbevölkerung Hesse sich auf 11.000 berechnen, d. i. bei einer 
Gesammtbevölkerung von 66.000 auf ein Sechstel derselben. Es zeige sich 
im Weiteren, dass die Geimpften fast durchwegs Erwachsene (über fünfzehn 
Jahre), die Ungeimpften grösstentheils Kinder (unter fünfzehn Jahre) seien. 
Obschon bei der durch den Verkehr gesteigerten Gefahr der Blatternüber¬ 
tragung sich Erwachsene eher inficireu müssten als Kinder, welche erst mit 
der Schule in weiteren Verkehr treten, sei doch bei den letzteren eine fast 


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142 


Bericht tlher die Leistunpon auf dem Gebiete 


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dreimal stärkere Morbidität beobachtet worden. Es könne also als Ursache 
für die geringere Empfänglichkeit der Erwachsenen nur das Alter und die 
Impfung in Frage kommen: da aber das Alter an sich die Empfänglichkeit 
für Variola nicht vermindere, müsse die schwächere Morbidität einzig der 
Impfung zugeschrieben werden. In schlagender Weise zeige sich die Wirkung 
der Aufhebung des Impfzwanges, wenn man die .Todesfälle dieser Epidemie 
und diejenigen der Jahre 1870 — 1S72 nach drei Hauptclassen neben 


einander stelle: 

1884*85 1870/72 

Blatterntodesfälle unter ein Jahr.7 8 

„ von ein bis fünfzehn Jahr . . 38 7 

„ „ Erwachsenen.31 70 


Von den 70 erwachsenen Blatterntodten seien vier französische 
Militärs in Abzug zu bringen; bringt man aber auch nur 66 in Rechnung, 
so kämen doch auf 100 erwachsene Rlattcrntodte: 

1884/85 1870/72 

Blatterntodesfälle unter ein Jahr.23 12 

,. von ein bis fünfzehn Jahr . . 122 11 

Es sei demnach in der letzten Epidemie im Verhältnis» zu den Er¬ 
wachsenen das erste Jahr beinahe doppelt so stark, das weitere Kindesalter 
elfmal so stark vertreten, wie im vorigen Jahrzehnte. Es sei somit die 
Veränderung eingctnton. die als Folge der Tmpffrei hei t zu erwarten ge¬ 
wesen wäre. Steinitz. 


H. Jellinek (3). Armenarzt in Ottakring, berichtet über eine dortige 
Pockenepidemie, die vom März 1SN5 ab ein Jahr lang als letzte und ver¬ 
derblichste von drei von ihm beobachteten geherrscht hat. In dieser er¬ 
krankten von den 55.000 Einwohnern 2 Percent, von denen 60 Percent un- 
geimpft waren. Es starben 374 - 32 Percent der Erkrankten. Von den 
Gestorbenen waren 01 Percent, und zwar sümml liehe 314 an den 
Pocken gestorbene Kinder ungeimpft. Es starb kein geimpftes 
Kind. An den leichtesten Formen d• • r Blattern erkrankten 61 geimpfte 
und 9 ungeimpfte Individuen. Die Beweise von der Schutzkraft der 
Impfung drängten sich Jellinek, namentlich auch in einzelnen Familien- 
epideraien. so überzeugend auf, dass er der Bewegung zu Gunsten des Impf¬ 
zwanges in Oesterreich-Ungarn eifrigst das Wort redet. Reich. 


Aus den Mitthcilungen aus dem Sanitätsberichte des k. k. 
Landes-Sanitätsrathes für Mähren, betreffend das Jahr 1885 (4l 
ersehen wir, dass die Blattern in diesem Jahre in fast allen Bezirken 
herrschten und besonders im Bezirke Sternberg, in welchem die Impf¬ 
resultate stets wenig befriedigend waren, sehr zahlreiche Opfer 
forderte. Aus 18 Bezirken mit 80 Gemeinden sind 2245 Blatternfälle be¬ 
kannt mit 326 Todesfällen — IVo Percent Mortalität. Von den erkrankten 
404 geimpften Erwachsenen starben 22, das ist 5*4 Percent 

51 ungeirnpften „ 16, 31*3 ' „ 

1044 geimpften Kindern „ 64, „ n 6*1 „ 

746 ungeirnpften „ „ 224, „ n 31*3 

Die Impfung wird noch in manchen Gegenden, besonders des nörd¬ 
lichen und südöstlichen Mährens lau betrieben, obwohl eine Wendung zura 
Bessern, eine schärfere Controle, schon Platz zu greifen scheint. Reich. 


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der Yaccinationslehre. 


143 


Aus einer vorläufigen Mittheilung über vierundzwanzig 
Pockenerkrankungen im Regierungsbezirke Königsberg vom 
24. November 1886 bis 15. Jänner 1887 (5) heben wir als bemerkenswerth 
hervor, dass ausser vier ungeimpften Kindern im ersten Lebensjahre 
keine Person unter 23 Jahren erkrankte. Von den übrigen zwanzig im 
Alter von 24—61 Jahren waren neunzehn nicht revaccinirt; nur eine einzige 
Diakonissin, die bei der Pflege von Pockenkranken an einer leichten Form 
erkrankte, war im zwölften Lebensjahre revaccinirt und soll im zehnten 
Lebensjahre die Pocken überstanden haben, ohne übrigens Pockennarben 
aufzuweisen. Gestorben sind zehn, darunter die vier ungeimpften Säuglinge. 
Hervorheben wollen wir noch, dass ein Arbeiter erkrankte, nachdem er einen 
pockenkranken Hausgenossen in den Krankenwagen gehoben hatte, dass 
ausser der erwähnten Diakonissin noch eine zweite bei der Krankenpflege 
leicht erkrankte, die aber nicht revaccinirt war, indessen gleichfalls im 
zehnten Lebensjahre die Pocken überstanden haben will, wiederum ohne 
nachweisbare Narben. Endlich wird eine Ansteckung durch eine gesund ge¬ 
bliebene dritte Person verzeichnet. Reich. 


Folgendes sind die wichtigsten statistischen Daten aus dem Bericht 
über das Impfgeschäft im Deutschen Reiche im Jahre 1883 (6): 

A. Erstimpfungen. 

Berichtsjahr 1883 1882 

Impfpflichtig waren . 1,481.582 1,459.377 Kinder 

Befreit waren von der Impfpflicht: 

a) wegen überstandener Variola. 486 681 

b) weil im Vorjahre mit Erfolg geimpft . . 110.635 | 

c) im Vorjahre geimpft, aber im Berichts- > 120.232 

jahre erst zur Nachschau gestellt . . . 3.510 J 

114.631 120.913 „ 

Mithin blieben impfpflichtig. 1,367.569') 1,338.464 


Von diesen wurden geimpft: 

a) mit Erfolg. 1,190.163 1,158.696 „ 

b) ohne Erfolg. 32.230 31.441 „ 

c) mit unbekanntem Erfolg (nicht zur Nach¬ 
schau gekommen). 5.517 5.773 

Zusammen . 1,228.910 1,195.910 

Es blieben ungeimpft: 

a) ärztlich dispensirt. 99.496 99.964 ; 

b) nicht aufzufinden, respective zufällig orts¬ 
abwesend . 8.705 8.797 „ 

c) vorschriftswidrig der Impfung entzogen 31.410 33.746 

Zusammen . 139.611 142.507 „ 

Geimpft wurden: 

a) mit Menschenlymphe. 1,081.782 1,103.462 

b) mit. Thierlymphe. 145.562 91.941 


(Bei 12.989 geimpften Kindern fehlen die Angaben über die Art der 
Lymphe.) 

') Hierunter befinden sich 618 auf Hamburg entfallende, im Vorjahre 
mit Erfolg geimpfte, in den nachstehenden Zahlen mit enthaltene Kinder. 


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144 


Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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B. Wiederimpfungen. 

Berichtsjahr 188^ 1882 

Vorzustellen waren...980.837 1,079.881 Kinder 

Befreit von der Wiederimpfpflicht: 


a) wegen in den letzten fünf Jahren über¬ 
standener Blatternkrankheit. 

b) wegen Wiederimpfung in den letzten 

fünf Jahren. 

1.024 

10.346 

1.203 

9.848 „ 

Zusammen . 

11.370 

11.051 „ 

Es blieben mithin wiederimpfpflichtig .... 

908.867 

1,068.830 


Von diesen wurden revaccinirt: 


a) mit Erfolg.. 

820.336 

898.601 

r» 

b) ohne Erfolg. 

104.869 

119.072 

* 

c) nicht zur Nachschau erschienen .... 

5.527 

6.147 

n 

Zusammen . 

930.732 

1,023.820 


Ungeimpft blieben: 

a) auf Grund ärztlicher Zeugnisse .... 

12.730 

15.412 


b) wegen Aufhörens der Schulpflicht . . . 

8.071 

8.945 

r> 

c) nicht aufzufinden, respective zufällig orts¬ 
abwesend .. 

3.566 

3.948 

*1 

d) vorschriftswidrig der Wiederimpfung ent¬ 
zogen . 

13.719 

15.748 

n 

Zusammen . 

38.086 

44.053 

fl 

Die Revaccination erfolgte: 

a) mit Menschenlymphe bei. 

831.072 

832.087 

n 

b) mit Thierlymphe bei. 

96.404 

66.514 

n 


Es ergibt sich aus diesen statistischen Daten Folgendes: 

Die Zahl der wegen überstandener Pockenkrankheit von der Impf¬ 
pflicht befreiten Kinder ist gegen das Vorjahr um 195 niedriger. Wie bisher 
ist Variola und Variolosis am häutigsten in den an der Ostgrenze gelegenen 
preussischen Regierungsbezirken (Oppeln 84, Königsberg 79, Breslau 43, 
Gumbinnen 39, ausserdem nur noch im Regierungsbezirke Trier 70) vor¬ 
gekommen. Dem Impfgesetz haben in einzelnen Landestheilen 20 Percent 
nicht genügt, in Bremen beinahe 30 Percent, wie sich auch schon in 
früheren Jahren gezeigt hat. Dieses ungünstige Verhältnis« ist hervorgerufen 
durch die grosse Zahl der auf Grund ärztlicher Zeugnisse znrückgestellten, 
respective vorschriftsmässig der Impfung entzogenen Individuen, während 
die Zahl der ohne Erfolg geimpften Kinder nur im Regierungsbezirke Aachen 
(4*40 Percent), Hamburg (0*38 Percent), Schwarzburg-Rudolstadt (0*75 Percent) 
ins Gewicht fällt. Die Impfung mit Thierlymphe im Berichtsjahre (11*73 Per¬ 
cent aller Geimpften) zeigt gegen das Vorjahr (7'02 Percent) eine Zunahme 
von 4*4 4 Percent und wird noch weitere Verbreitung finden, wenn erst die 
Gewinnung und Conservirung der animalen Lymphe eine zuverlässige ge¬ 
worden sein wird; denn, dass die Technik der Ausführung, erfolgt sie durch 
Stich, seichten Schnitt oder gekreuzte Scarificationen mit nachträglicher 
Application der Lymphe von einem Einfluss auf den Erfolg ist, glauben 
wir nach unseren Erfahrungen in den letzten Jahren, in welchen wir nur 
animalen Stoff verwandten, nicht annehmen zu dürfen. Das Bedürfniss der 
allgemeinen Einführung staatlicher Lymphgewinnungs-Anstalten, in denen 
eine völlig einwandsfreie Schutzpockenlymphe erzeugt und jedem Arzte ge- 


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der Vaccinationslohre. 


145 


boten wird, macht sich umso dringender geltend, als die Strenge der ge¬ 
setzlichen Aufsicht sich steigert und der Impfzwang nur dann eine Berech¬ 
tigung hat, wenn jede Möglichkeit einer Schädigung durch irgendwie ver¬ 
dächtigen Impfstoff ausgeschlossen ist. — Seit Kurzem ist in Halle ein von 
der dortigen landwirtschaftlichen Lehranstalt beaufsichtigtes Institut er* 
richtet worden-, hoffentlich wird es nach diesem Vorgänge den Aerzten bald 
leichter werden, gute und weniger kostspielige Thierlymphe zu erlangen. 
Ueber die Wirksamkeit der Thierlymphe gehen die Ansichten noch weit 
auseinander. Sehr ungünstig spricht sich der baierische Bericht über die¬ 
selbe aus. Er führt aus, dass locale Verhältnisse die Anwendung des ani¬ 
malen Impfstoffes zwar wünschenswert machen könnten, für Baiern aber 
nach der ganzen Sachlage kein Grund von der bewährten Abnahme von 
Arm zu Arm abzuweichen bestehe, zumal die Thierlymphe, wahrschein¬ 
lich weil bei derselben ausgiebigere Verletzungen gesetzt würden, ver- 
hältnissmässig mehr Erysipel im Gefolge haben. Originäre Kuhpocken 
kamen im Berichtsjahre in Württemberg in dreissig Fällen zur Anzeige, 
von denen in zehn Fällen die Ueberimpfung auf den Menschen und in 
einem Falle auf ein Thier in einer Impflymphegewinnungs-Anstalt gelang. 
Was die Wiederimpfung ira Allgemeinen betrifft, so ergibt sich, dass die 
Zahl der auf Grund ärztlicher Zeugnisse zurückgestellten Schüler naturge- 
rnäss bedeutend geringer ist, als bei den Erstimpfungen und dass wiederum 
wie in den Vorjahren hohe Zahlen in den einzelnen Bezirken (Neckarkreis, 
Sachsen - Coburg - Gotha, Hamburg) notirt sind, eine Erscheinung, die s\ch 
auch hei den Erstimpfungen zeigt. Die Zahl der vorschriftswidrig der Ee- 
vaccination Entzogenen vermindert sich, ebenso wie der Widerstand gegen 
das Impfgesetz, von Jahr zu Jahr. In ganz Preussen wurden im Berichts¬ 
jahr 1*78 Perceut der impfpflichtigen Kinder gegen 1'81 Percent im Vor¬ 
jahre der Impfung entzogen. Die Verwendung der Thierlymphe bei Kevac- 
cination ist von 6*49 Percent im Jahre 1882, auf 10*36 Percent ira Jahre 
1883, mithin um 3*87 Percent gestiegen. Das Impfgeschäft hat nach den 
eingegangenen Berichten im Jahre 1883 einen im Ganzen güustigen Verlauf 
genommen. Es erstreckte sich wie gewöhnlich auf die Zeit vom Mai bis 
September. Nur in einzelnen Kreisen des Kegierungsbezirkes Breslau, Oppeln, 
Königsberg, im Oberamtsbezirk Württemberg etc. wurde wegen Auftretens 
der Pocken früher begonnen. Wegen epidemischer Krankheiten, rauher 
Witterung, Behinderung der Impfärzte musste in einer Anzahl von Be¬ 
zirken bis zum December geimpft werden. Die Localtermine wurden mit 
Ausnahme derer in besonders zur Impfung eingerichteten Bäumen, wie in 
Cöln, Trier und im Sehlachthause zu Bochum, in Schulen, Wirthshäusern, 
in Scheunentennen und im Freien abgehalten. Vielfach war man bemüht, 
um Ueberfüllung zu vermeiden und die Herstellung der Impflinge zu er¬ 
leichtern, die Stationen zu vermehren und auch in kleineren Gemeinden 
Termine anzuberaumen. Wie alljährlich wurde das Geschäft nicht selten 
durch Witterungseinflüsse, besonders durch grosse Hitze, gestört und wird 
letzterer vielfach eine ungünstige Einwirkung auf die Entwickelung der Pu¬ 
steln und die Haltbarkeit des Impfstoffes zugeschrieben. Bezüglich der 
Kälberlymphe wird denn auch behauptet, dass die der kälteren Monate zu¬ 
verlässiger in der Wirkung sei, als die der heissen. Unter den Krankheiten 
der zur Erstimpfung vorgestellten Kinder wurde die Scrophulosis häufig 
beobachtet, und zwar nicht nur in den Städten, sondern fast überall haben 
constitutionelle Krankheiten, complicirt mit Abmagerung und allgemeiner 
Schwäche, oder chronische Hautausschläge und scrophulöse Drüsenanschwel¬ 
lungen die Zurückstellung veranlasst. Indess wurden vielfach auch scro¬ 
phulöse Kinder ohne Nachtheil geimpft. Ein Impfarzt im Med.-Bezirk 
Chemnitz will sogar einen günstigen Einfluss der Impfung auf die Scrophu- 

Vierteljakreseichrift f. Dermatol, u. S^pli. 1888. 10 


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146 


Bericht Aber <lit* Leistungen auf »lern Gebiete 


lose bemerkt haben und ebenso berichtet ein solcher aus Braunschweig, 
dass er bei der Impfung scrophulöser Kinder fast immer guten Effect auf 
den Verlauf der Krankheit, vorzugsweise bei der Augenentztindung wahrge- 
nomraen habe. Tuberculosis ist seltener, Syphilis nur in vereinzelten Fällen 
beobachtet worden; doch sind die Angaben zu unbestimmt, als dass aus 
denselben ein Aufschluss über die Zahl dieser Kinder zu gewinnen wäre. 
Ein eigentlicher Widerstand gegen das Impfgesetz wird in dem Bericht 
nicht hervorgehoben; nur in der Stadt Nordhausen, in welcher eine Agita¬ 
tion gegen die Impfung seit Jahren populär ist, sind von 100 Impfpflichtigen 
in der Stadt nur 50 mit Erfolg geimpft worden, im gleichnamigen Land¬ 
kreise dagegen 91. Ferner sind im Regierungsbezirke Magdeburg und zwar 
in den Kreisen Magdeburg und Stendal 22*5 Percent, respective 27*2 Percent 
der Impfung vorschriftswidrig entzogen worden. Ueber Erkrankungen und 
Todesfälle in Folge der Impfung wird Folgendes berichtet: a) Starke Ent¬ 
zündungen der Haut und der Impfpusteln werden vielfach angegeben, — 
meist veranlasst durch mechanische Einwirkungen — doch ohne dauernde 
Gesundheitsstörungen, oder gar tödtliche Ausgänge, b) Entzündung der 
Lymphdrüsen und Gefässe. In vier Fällen Uebergang der entzündeten Drüsen 
in Eiterung, keine dauernde Gesundheitsstörung, kein Todesfall, c) Entzün¬ 
dung und Eiterung des Unterhautzellgewebes ist mehrfach gemeldet: Aus 
Berlin ein Fall, in dem nach der Impfung ein Kind an phlegmonöser Ent¬ 
zündung beider Arme erkrankte, an verschiedenen Körperstellen Abscesse 
bekam und, nachdem sich ein Abscess an der rechten Hüfte gebildet hatte, 
starb. Diagnose des Arztes „Eitervergiftung“. Die Untersuchung ergab, 
dass die Lymphe unverdächtig war; es konnte dem Arzte keine Schuld 
nachgewiesen werden, d) Erysipel ist unter vielen (3—400) im Berichte 
mitgetheilten Fällen elfmal tödtlich verlaufen, e) Verschwärung der Impf¬ 
pusteln führte in zwei Fällen (Düsseldorf, Württemberg) zum Tode. In 
zwei Orten des Kreises Buk, wo sämmtliche Kinder von dem daselbst 
herrschenden Scharlach nebst Diphtherie befallen worden waren, zeigten 
sich diphtheritische Verschwärungen der Impfpusteln mit sehr langsamer 
Heilung, f) Blutvergiftung zwei Todesfälle: 1. Stollbcrg (Aachen), bei welchem 
ein Causalnexus zwischen Impfung und Erkrankung nicht begründet erschien, 
sondern eine allgemeine Infection durch in der Wohnung (einer Metzgerei) 
entwickelte Keime angenommen wurde; 2. im Kreise Kasten, woselbst ein 
Kind an Scorbut und Blutvergiftung gestorben ist. Der behandelnde Arzt 
soll der Impfung die Schuld beigemessen haben; jedoch sind nähere Erhe¬ 
bungen nicht veranlasst worden, g) Acute und chronische Hautausschläge. 
Zwei Todesfälle; in einem (Pemphigus) hat die Eikrankung mit der Impfung 
höchst wahrscheinlich in keinem Zusammenhänge gestanden, im anderen 
soll es sich um eine Complication mit Scharlach gehandelt haben, h) Sy¬ 
philisübertragung ist durch die Impfung nirgends beobachtet worden. — 
Die Nothweudigkeit antiseptischer Cautelen bei der Impfung ergibt sich 
auch aus diesem Bericht, wie aus jedem über Impfungen im Grossen. Frei¬ 
lich ist die Beurtheilung der öffentlichen Impfverhältnisse vom grünen Tisch 
aus eine andere, als in der Praxis, in welcher die peinlichste Reinlichkeit 
und Sorgfalt an den häuslichen Verhältnissen, der Unwissenheit und In¬ 
differenz des Publikums nur zu oft scheitert. Steinitz. 


Aus den Mittheilungen über das in Frankfurt a. M. im Jahre 1886 
ausgeführte Impfgeschäft (7) ist die grosse Zahl der ungeimpft Gebliebenen 
bemerkenswerth. Von 6867 impfpflichtigen Kindern blieben ungeimpft 2020 
= 29*5 Percent (1629 im Stadtkreis, 400 im Landkreis). Die Impfung unter¬ 
blieb bei 1527 auf Grund ärztlichen Zeugnisses,'bei 502 gesetzwidrig. Von 


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der Vaccinationslehre. 


147 


den 4881 Revaccinanden blieben ungeimpft 1057 = 21*7 Percent (989 im 
Stadtkreis, 68 im Landkreis), und zwar auf Grund ärztlichen Zeugnisses 
121, wegen Aufhörens des Schulbesuches 209, gesetzwidrig 727. Eine so 
grosse Anzahl ungeschützter Individuen sind zunächst für das betreffende 
Gemeinwesen eine grosse Gefahr, deren Verringerung anzustreben und wohl 
auch zu erreichen sein dürfte. Auch die Impferfolge lassen zu wünschen 
übrig: 924 Percent bei den Erstimpflingen, 79*8 Percent bei den Wieder¬ 
impflingen. Gegen das Vorjahr zeigt sich eine sehr bedeutende Zunahme 
der Impfungen mit Thierlymphe: 73*9 Percent gegen 34*0 Percent bei den 
Erstimpfungen. 54*8 Percent gegen 17*8 Percent bei den Wiederimpfungen. 
Mit der im nächsten Jahre auf dem Viehhofe zu eröffnenden staatlichen 
Anstalt zur Gewinnung animaler Lymphe wird letztere zweifelsohne ziem¬ 
lich allgemeine Einführung finden. Freund. 


Büing (8) hatte in den Jahren 1885 und 1886 an drei Ortschaften 
seines Impfbezirkes, die auf der folgenden (vom Referenten zusammen¬ 
gestellten) Tabelle verzeichneten Revaccinationserfolge. Dieselben beziehen 
sich nur auf vollkommen ausgebildete und mit Randröthe versehene Pusteln, 
die auf je vier Impffeldern (jedes aus 4:4. sich kreuzenden, 1 Ctm. langen 
Schnittchen bestehend) mit in diese eingeriebener animaler Lymphe erzielt 
wurden. „In der Regel bildeten sich auf jedem Felde mehrere, nicht selten 
acht bis zehn Pusteln, welche dann mit ihren Rändern ineinander liefen und am 
Revisionstage eine grosse Pustel bildeten; zuweilen fanden sich auf den 
einzelnen Feldern auch zwei bis drei isolirte Pusteln, welche jedoch stets 
nur als eine Pustel gerechnet wurden.“ 

Sodann untersucht Böing angesichts der so verschiedenen an den 
drei Impforten erzielten Erfolge, resp. Fehlerfolge: „ob die individuelle 
Empfänglichkeit abhängig sei von dem Grade der vorhergegangenen Durch¬ 
seuchung“, das heisst von der Zahl der bei der Erstimpfung gesetzten und 
aufgegangenen Pusteln und zeigt an 205 seiner Wiederimpflinge, dass bei 
Kindern von 12 Jahren die Zahl der Narben auf den Erfolg der Revacci- 
nation ohne allen Einfluss ist. Böing’s Revaccinationen ergaben somit: 
1. viel häufigere Vollerfolge als gewöhnlich [nach mehrjähriger Beobachtung 
des Referenten und nach Befragung erfahrener Impfärzte betragen die 
Vollerfolge bei Zwölfjährigen bei der gewöhnlichen Impfmethode (Stiche oder 
kleine Schnittchen mit armirter Lanzette von Arm zu Arm) höchstens 
10 Percent]; 2. Sechszehnmal Vollerfolge bei einer zweiten Wiederimpfung nur 
acht Tage nach der ersten; 3. Unabhängigkeit der Wiederimpfungserfolge bei 
205 zwölfjährigen Wiederimpflingen von der Zahl der Erstimpfungspusteln. 
Aus diesen Erfolgen zieht Böing folgende Schlüsse: 1. Die iminunicirende 
Wirkung der Erstimpfung ist bei Zwölfjährigen in der Regel geschwunden, 
ja nach den positiven Revaccinationsresultaten Laget's bei 5000 Revacci¬ 
nanden (die zwar nur nahe an 50 Percent betrugen, aber „zweifellos 
[! ? Ref. j in mangelhafter Methode (Impfung durch Stich) und relativ schwa¬ 
cher Lymphe ihren Grund haben“) in der Regel schon im siebenten Lebensjahre. 
Das schwierigere Haften der Wiederimpfung hängt ab 1. von grösserer Derb¬ 
heit der Haut und vermehrter Widerstandskraft der älteren Kinder gegen 
die Infection, 2. von ungenügender resp. nachlässiger Technik; 3. von relativ 
schwacher Lymphe; 4. von der a priori feststellenden Uebcrzeugung der 
meisten Imptärzte, dass ein grösserer oder geringerer Thcil der Wieder¬ 
impflinge in Folge des Schutzes durch die Erstimpfung keine Erfolge zeigen 
dürfe. „Im Einverständniss mit allen Sachverständigen, dass alle diejenigen 
Wiederimpflinge als ungeschützt gelten müssen, bei welchen die Wieder¬ 
impfung vollen Erfolg erzielte“, müssen also die zwölfjährigen Wiederimpflinge 

10 * 


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148 


IWiclit nbpr dio Lcißtnngon anf dom Gebiete 


Gesammtzahl 

der 

Wiederimpfungen 


Linn . . . j 

Lank .... 
Ürdingen . . 


48 

32 

12G 

100 


mit Erfolg nach der 

Gesammtzahl 

der 

positiven 

Erfolge 

erst- 

zweit- 

dritt- 

jährigen Wiederholung und der 

1. 2. 3. 

1. 2. 3. 

1. 2. 3. 

gleichjährigen Wiederholung 


38 



6 



3 

• 


47 = 98 Percent 

31 


. 

. 

. 

. 

• 

• 

• 

32 = 100 „ 

70 

1 

. 

. 

. 

. 

8 

16 

. 

95 = 75 . 

65 

• 

• 

8 

• 

• 

• 

. 

• 

73 = 73 „ 


1 ) Dieser Wiederimpfling ist mithin fünfmal vergebens revaccinirt 

2 ) Diese siebzehn Wiederimpflinge sind mithin dreimal vergebens 
die zwei in drei aufeinanderfolgenden Jahren 84, 85, 86. 


in der Regel als wieder pockenfällig gelten; 2. einmal constatirter Fehl¬ 
erfolg gibt keine Garantie zuverlässiger Immunität. „Eine dauernde Immu¬ 
nität wird man erst dann annehmen dürfen, wenn vielfache, in Zwischen¬ 
räumen von circa acht Tagen wiederholte Impfungen ohne Erfolg geblieben 
sind“; endlich 3. die Menge der bei der Erstimpfung erzielten Pusteln ist 
für die Dauer der Immunität bis zum zwölften Lebensjahre ohne Bedeutung. 
Dass die drei oben genannten Ergebnisse der Böing’schen Revaccinationen 
durch seine Impfweise, die eine förmliche Imprägnirung der Haut auf ver- 
liältnissmässig grossen Wundflächen darstellt, bedingt waren, ist zweifellos; 
Böing nimmt das auch selbst an, indem er sagt: „humanisirte Lymphe, 
eingeimpft durch Stich, wird stets sehr ungünstige Resultate geben; von 
100 so resultatlos Wiedergeimpften würden sicherlich 80 auf Aelile’sche 
nach meiner Methode verimpfte Lymphe voll reagiren.“ Es bedurfte bei 
dieser Erkenntniss darum gar nicht der von Böing gegen die Impfärzte 
erhobenen Vorwürfe der Nachlässigkeit und Voreingenommenheit und eben¬ 
sowenig der Annahme giösserer Derbheit der Haut und vermehrter Wider¬ 
standskraft der älteren Kinder gegen die Infection, da zwölfjährige und er¬ 
wachsene Erstimpflinge durchaus prompte Inficirbarkeit zeigen, was Vogt 1 ) 
mit Recht einwendet. Irrthümlich ist auch die Zurücksetzung der humani- 
sirten Lymphe, die bei gleicher Impfmethode sicher gleiche Erfolge gibt, 
wie die Aehle'sche animale. 

Jedoch ist der Nachweis, dass durch eine energische Inoculation 
fast regelmässig auf der Haut zwölfjähriger Revaccinanden voller Impferfolg 
zu erzielen ist, von Interesse. Von seiner praktischen Bedeutung später! 
Die zweite Beobachtung Böing’s in sechzehn Fällen, namentlich die eines nur 
zeitlichen Reccptivitätsmangels, der schon acht Tage nach einer erfolglosen 
Impfung voller Receptivität Platz macht, ist — auch bei Erstimpflingen — und 
bei der gewöhnlichen (schwachen) Impfweise eine bekannte Erscheinung 
(s. Bohn: Handbuch S. 162, 195, 210); auch „bei den natürlichen Blattern 
spielt manchmal die zeitweilige Unempfänglichkeit gleichfalls eine wunder¬ 
liche Rolle“ (Bohn, 1. c. S. 105). Eine physiologische Erklärung dieses 
schnellen Wechsels von Sterilität und Receptivität ist zur *Zeit nicht zu 


*) Erwiderung auf die Böing’sche Schrift: Ueber den Einfluss etc. 
Deutsche mcd. Wochenschr. 1887/30. 


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der Vaccinationslohre. 


149 


ohne Erfolg nach der 

Gesammtzahl 

der 

negativen 

Erfolge 

erst- 


zweit- 



dritt- 


jährigen Wiederholung und der 

i. 

2. 

3. 

1. 

2. 

3. 

1. 

2. 

3. 



gleic 

hjährigen Wiederholung 



• 

■ 

• 

• 

• 

• 

• 

• 

1‘) 

1 = 2 Percent 

3 

• 

6 

• 

5 

lo : ) 


2=) 

; 


31 = 24 Percent 

• 

15 

• 

12 

• 

■ 

• 

• 

* 

27 = 27 


worden, je einmal 83 und 84 und dreimal 85. 

revaccinirt worden und zwar die fünfzehn einmal 85 und zweimal 86, 


geben. Gute Lymphe und richtiges Impfen vorausgesetzt, scheint es 
sich um eine eigenartige individuelle Disposition zu handeln, bei der die 
Wiederholung der Impfung selbst die Receptivität weckt. Dafür spricht die 
Beobachtung Sacco’s, der oft nach der acht bis zehn Tage späteren Zweit¬ 
impfung neben den neuen auch die alten (steril gebliebenen) Stiche auf¬ 
gehen sah (Bohn, 1. c. S. 162). Auch nach stomachaler Einverleibung von 
Vaccine sah Dr. Cazalas an den steril gebliebenen früheren Impfstellen 
un löger Travail (Wolffberg: Untersuchungen zur Theorie des Impf¬ 
schutzes etc. Ergänzungshefte zum Centralbl. für allg. Gesundheitspü. 1. Bd., 
4. Heft, 4885, S. 194). In die gleiche Kategorie scheinen die seltenen Fälle 
von Pockenerkrankungen Geimpfter und Geblätterter gerade relativ oft sehr 
bald nach der Impfung oder eben überstandener Variola zu gehören. Auch hier 
scheint die eben durchgemachte Durchseuchung die Receptivität erhöht zu 
haben. Aber alle diese Fälle der Impf- und Pockenpraxis sind seltene Aus¬ 
nahmen. Wenn nun Böing bei seiner Impfmethode eine relativ häufige 
Durchbrechung der Immunität durch eine zweite Impfung gesehen, so muss 
erst über die Bedeutung seiner Impferfolge Klarheit werden, ehe man aus 
dieser eigenartigen Unsicherheit der Immunität Schlüsse auf den allge¬ 
meinen Schutzwerth der Impfung zieht. Auf diese Bedeutung der Böing’- 
schen Erfolge kommen wir später zu sprechen. Das dritte Ergebniss der 
Böing’schen Revaccinationen, die Unabhängigkeit der Erfolge von der 
Narbenzahl, also von der Ergiebigkeit der Erstimpfung ist bis jetzt nur 
für das Rekrutenalter bekannt (H. Eulenberg: Ueber die nothwendige 
Zahl der Pusteln bei der Vaccination und Revaccination. Vierteljahresschr. 
f. M. 1878, 19. Bd., 1. Heft. — Bohn, Handbuch S. 268). Bei Böing’s 
gleichem Resultat bei zwölfjährigen Revaccinanden ist aber immer festzu¬ 
halten, dass es nach einer ungewöhnlichen Impfweise erhalten worden ist. 
Und diese Impfweise ist es denn auch, welche die Schlüsse Böing’s hin¬ 
fällig macht — Schlüsse, welche darauf hinauslaufen, den allgemein bis zum 
zehnten bis zwölften Lebensjahre als wirksam angenommenen Schutzwerth der 
Kinderimpfung wesentlich einzuschränken. Böing ist im Irrthura, wenn er 
sich „im Einverständniss mit allen Sachverständigen darin zu befinden 
glaubt, dass alle diejenigen Wiederimpflinge als ungeschützt gelten müssen, 
bei welchen die Wiederimpfung vollen Erfolg erzielte“; er ist im Irrthum, 
insoferu er seine Impfweise der gewöhnlichen gleichsetzt. Zunächst besteht 


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150 


lirrirlit 1 1 1 • * * r d i«‘ L«*istuni;«‘ii auf dt*m (»rbitto fl« m r Va<vin,itionslolm\ 


eine Einmüthigkeit über die "Bedeutung eines Revaccinationsvollerfolges als 
Index voller Pockenreceptivität selbst bei der gewöhnlichen (schwachen) 
Impfweise durchaus nicht unter den Sachverständigen. „Giess (Impfung 
und Pocken. Stuttgart 1871, S. 49) stellt es sogar als bestimmte Thatsache 
hin, dass die Schutzkraft der Vaccine gegen Variola im einzelnen Indivi¬ 
duum länger fortdauert, als die Schutzkraft gegen die Wiederaufnahme der 
Vaccine selbst, d. h. gegen eine erfolgreiche Revaccination“ (Eulenberg 
1. c.). Eulenberg und Wolffberg schliesscn sich dieser Ansicht an, und 
dieselbe stützt sich auf die Erfahrung, dass Erfolge bei Revaccinationen 
Zwölfjähriger viel häufiger sind, als Pocken bei Nichtgeimpften gleichen 
Alters und dass etwaige Erkrankungen bei einmal Geimpften viel milder 
verlaufen. Aber auch diejenigen Implärzte, bei denen volle Revaccinations- 
erfolge bei der gewöhnlichen (schwachen) Impfung auch volle Pockenrecep- 
tivität bedeuten, lassen diese Annahme eben nur bei dieser gewöhnlichen 
Inoculation gelten, und das mit Recht: es ist eine Thatsache, dass alle 
auch örtlich ansiedlungsfähigen Contagien in Wunden viel leichter haften, 
als an unverletzten Stellen, und dass die Grösse der örtlichen Inficirbarkeit 
mit der Grösse der Wunde, der Menge des Impfstoffes und der Energie der 
Einverleibung wächst. Dies muss umsomehr bei der Vaccine gelten, die 
eine ganz besondere Beziehung zum Hautgewebe zeigt. Welche Bedeutung 
schon allein die Grösse der Contartfläche hat, zeigt das bekannte Experi¬ 
ment Iieiter’s, der auf Vesicatorwunden mit vaccineblutgetränkter Charpie 
Pusteln erzeugte. Die häufigen Vollerfolge der Böiug'sehen Vaocincimpräg- 
nirung bei zwölfjährigen Revaccinanden. bei Zweitimpfungen am Revisions¬ 
tage, sowie die Unabhängigkeit der Erfolge von der Intensität der Kinder¬ 
impfung sind darum durchaus erklärlich, aber kein Beweis vollständig ge¬ 
schwundener Immunität der Geimpften. Böing's Erfolge sind — wenigstens 
zum grössten Theil — durch seine Impfweise erzwungene Effecte: es besteht 
bis zum zehnten bis zwölften Lebensjahre in der Regel ein gewisser Grad von 
Immunität und derselbe ist in der Mehrzahl der Fälle bis zu dem genann¬ 
ten Lebensalter gegen Pockcninfection ausreichend. Eine andere wichtige 
Frage ist die, oh diese starke Impfmethode einen höheren und andauern¬ 
deren Schutzwerth besitzt. So sehr sich auch die Schutzkraft der bisher 
geübten Methode bei der Wiederimpfung bewährt hat, so ist eine Erhöhung 
und namentlich auch Verlängerung derselben durch die verstärkte Inocu¬ 
lation wenigstens in einer Reihe Fällen doch anzunehmen, und da sie ohne 
Nachtheil zu üben, so sollte sie adoptirt werden. Ihr Einfluss wird sich mit 
der Zeit herausstellcn. Nehmen wir aber einmal die Böing'schen Schluss¬ 
folgerungen als richtig an, was folgt daraus für den allgemeinen Werth 
der Impfung? Eine entscheidende Antwort gibt darauf der Bericht: lieber 
die Pocken bei den deutschen Heeren etc. Diese Zeitschrift 1887, 6. Heft. 
1159. Eine selbst noch kurzlebigere Immunität als eine siebenjährige 
würde nichtsdestoweniger den grossartigen Werth der Vaccination nicht zu 
schmälern vermögen. 

Oeffentliche Verwaltung der Impfung. 

Reimann — Kiew. lieber die Vaccination in Russland. Einige Bemerkungen 
zu dem Aufsätze des Dr. Ucke. Deutsche Vierteljahresschr. f. ö. G.. 
19. Bd. S. 287. 

Reimann zeigt, wie Ref. schon in seinem Bericht über die Ucke’sche 
Veröffentlichung gethan (d. Zeitschr. XIV. Jahrg. 1887. 2. Heft, 1. Hälfte 
S. 3ö4), die praktische Unausführbarkeit des von Dr. Ucke mitgetheilten 
Planes zur Einrichtung allgemeiner animaler Vaccination in Russland. 

F r c u n d. 


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Buchanzeigen und Besprechungen. 


1. Dermatitis venenata: An acconnt of the action of external irri- 
tants npon the skin. By James C. White, M. D., professor of 
dermatology, Harvard University. Boston, Cnpples and fiurd 1887. 

2. Drug Eruptions: A clinical study of the irritant effects of drugs 
npon the skin. By Prince A. Morrow, A. M., M. D., professor 
of venereal diseases in the university of New-York. New-York, 
W. Wood and Company 1887. 

Besprochen von Prof. Caspary in Königsberg. 

Bei dem wachsenden Interesse, das die Arzneiausschläge in 
praktischer wie in wissenschaftlicher Hinsicht allerwärts erregen, ist 
das Erscheinen obiger Monographien der amerikanischen Autoren mit 
Freuden zu begrüssen. In demselben Jahre erschienen, von annähernd 
gleicher Seitenzahl, sind die beiden Bücher, wie schon der Titel 
zeigt, nach verschiedenem Plano gearbeitet. 

White’s Dermatitis venenata handelt nur von den Ent¬ 
zündungszuständen, die durch äusserliche Reizung an der Haut zu 
Stande kommen; zunächst durch pflanzliche Stoffe, die in staunens¬ 
werter Menge als irritirend vorgeführt werden. Der hautreizenden 
Pflanzen, denen der Haupttheil des Buches — 120 Seiten von 196 
eigentlichen Textes — gewidmet ist, sind nicht weniger als 100 Species 
in 44 verschiedenen Familien angeführt. Mit besonderer Vorliebe 
sind die Anacardiaceen (Rhus venenata, toxicodendron, diversiloba 
und Semicorpus anacardium) in einem durch eigene Erfahrungen be¬ 
sonders reich illustrirten Capitel besprochen. Den Pflanzen zu Liebe 
unterbricht der Autor einmal den nüchtern sachlichen Gang seiner 
Besprechungen durch einen Hinweis auf etwaige psychologische Pro- 
cesse der Gewächse: solle man, nachdem man fast geneigt sei, be- 


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152 


Uurhanzfitfeii. 


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wusste Action der carnivoren Pflanzen anzunehmen, in der Giftwirkung 
auf die Haut einen Versuch zur Abwehr erblicken, der freilich zu 
eigenem Schaden ausfalle? — In einoin anderen Abschnitte werden 
die animal irritants kurz und nicht vollständig, in einem dritten in 
derselben Weise other irritants, organic and anorganic besprochen. 
Schwere Fälle von Dermatitis nach Arsenikreizung (so bei einem 
zweimonatlichen Kinde durch Tapeten, bei Erwachsenen nach Spiel 
mit arsenikgefärbten Karten) werden aus eigener Erfahrung be¬ 
schrieben. 

Morrow's Drug Eruptions umfassen „alle congestivon und 
entzündlichen Veränderungen der Haut, die durch äusseren und 
inneren Gebrauch von Droguen hervorgerufen werden; die Wirkung 
sei dieselbe, durch welchen Canal auch das Arzneimittel eingedrungen 
sei“. Ungleich White hat der Verfasser sich in dio Pathogeneso 
von Arzneiausschlägen vertieft und sich bemüht, die hier zu Tage 
tretende Idiosynkrasie zu erklären. Während White sich auf die 
Angabe beschränkt, dass dio Capillaren der Contactstello sich er¬ 
weitern, Hyperäinio und eventuell Exsudation und Zellauswanderung 
sich cinstellon, tritt Morrow mit voller Ueborzeugung dafür ein, 
dass das Arzneimittel bei äusserlicher Reizung auf die Nervenelemente, 
die Endigungen der sensiblen Nerven, allein einwirke, wonach 
Lähmung der vasomotorischen Nerven und entzündliche Erschei¬ 
nungen secundär sich ausbildeten. Aber ebenso tritt Morrow dafür 
ein, dass bei innerlichem Arzneigebrauch der Nervenreiz allein die 
eigentliche Ursache sei der Hautentzündungen, nicht etwa die Aus¬ 
scheidung durch die Hautdrüsen, oder eine Acnderung der Blutbe¬ 
schaffenheit (auch nicht in dem von H. Bohrend supponirten Sinne). 
Physiologische Untersuchungen haben erwiesen, dass von den Nerven- 
centren ein trophischer Einfluss auf das Hautgewebe ausgeübt werde, 
und dass aus jeder Störung jenes regulirenden Systems schädliche 
Aenderungen der Hauternährung rosultiren. Der neuropathische Ur¬ 
sprung des Pemphigus, Zoster, der Lepra, symmetrischen Gangrän, 
Decubitus acutus, Mal perforant, Beingeschwüre, Dermatitis exfolia¬ 
tiva und gewisser Formen von Eczcm sei erwiesen; es sei allgemein 
angenommen, dass die Roseola der Syphilis, das prodromale Erythem 
der Variola, die Ausschläge bei Masern, Scharlach, Typhus einer 
directen Einwirkung des specifischen Virus auf die vasomotorischen 


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Kuchanzeißen. 


153 


Nervenccntren entstammen. So seien die Arzneiausschläge zum kleinen 
Theil als Reflexphänome aufzufassen, ausgelöst durch Reizung der 
sensiblen Nerven der Gastro-Intestinalschlcimhaut; meist folgten sie 
der Resorption und resultirten aus der spccifischcn Reizung peripherer 
Nerven oder der Nervencentren. — Diese nicht neue Theorie von der 
durchwegs neurotischen Natur der Arzneiexantheme ist ohno Weit¬ 
schweifigkeit beredt und in voller Kenntniss des einschlägigen Mate¬ 
rials und des bestehenden Widerspruchs durchgeführt. Die Idio¬ 
synkrasie für Arzneiausschläge definirt Morrow als eine erhöhte 
Empfänglichkeit des Nervensystems, verbunden oder nicht verbunden 
mit specifischer Prädisposition des Hautgewebes für reizende Einflüsse. 
Von den hautreizenden Droguen sind absichtlich nur die häufiger 
angewandten — achtundfünfzig an Zahl — besprochen und fast 
durchwegs Urinproben (diese unter Mitarbeit von Dr. Charles Rice) 
zugefügt. Ein ausserordentlich übersichtliches und sorgsames Ver¬ 
zeichniss über die einschlägige Literatur schliesst die alphabetisch 
geordnete Droguenbesprechung. Besonders hervorzuheben sind die 
Artikel über Arsenik und Jodkalium. Morrow berichtet ausführlich 
unter Beifügung einer farbigen Illustration über eine in sechs Wochen 
tödtlich verlaufene Dermatitis bullosa nach dem in vierzehn Tagen 
stattgehabten Gebrauch von circa 55 Gramm Jodkalium (der schon 
früher mitgethcilte Fall ist in dem ähnlichen Wolfs — referirt d. 
Vierteljahresschr. 1886, S. 873 — angeführt). 

Beide vortrefflich ausgestatteten Bücher stellen eine Berei¬ 
cherung unserer Literatur dar und sind nicht nur für den Dermato¬ 
logen werthvoll, sondern für jeden Arzt, der sich über einen selteneren 
Fall von Arzneiausschlag zu orientiren hat, von wesentlicher Hilfe. 

Atlas der Hautkrankheiten von Dr. Isidor Neumann. Professor 
der Dermatologie und Syphilis an der k. k. Universität in Wien. 
VII. Lieferung. Wien. Wilhelm Braumüller. 1887. 

Angezeigt von Prof. F. J. Pick in Prag. 

Wieder ist uns die angenehme Aufgabe geworden, das Er¬ 
scheinen einer neuen, der siebenten Lieferung von Prof. Neumann’s 
Atlas zu signalisiren. Diese Lieferung enthält auf Tafel 6 Erythema 
annulare, gyratum. Tafel 10 Herpes zoster gangraenosus. Tafel 23 


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154 


HlU'llHUlHgiMl 


Pemphigus foliaceus. Tafel 36 Purpura variolosa. Tafel 62 Rhino- 
sclerom. Tafol 64 Sarcomatosis cutis. 

Wie man sieht, schreitet das Werk seiner Vollendung rasch 
entgegen. Wir haben unserer Meinung über diese herrliche Publication 
an zwei Stellen (S. 230 und 831) des letzten Jahrganges der Viertel¬ 
jahresschrift bei Gelegenheit der Besprechung der V. und VI. Liefe¬ 
rung Ausdruck gegeben. 

Die VII. Lieferung ist nur geeignet, die daselbst ausgespro¬ 
chene Erwartung, dass sich das Work immer mehr zu einem unent¬ 
behrlichen Hilfsmittel beim klinischen Unterrichte gestalten werde, zu 
erhärten. 

Lehrbuch der Hautkrankheiten für Studirende und Aerzte von 

Dr. Edmund Lesser, Privatdocent an der Universität Leipzig. 
Mit vierundzwanzig Abbildungen im Texte und sechs Tafeln. Dritte 
verbesserte und vermehrte Auflage. Leipzig. F. C. W. Vogel. 1S87. 

Angezeigt von Prof. F. J. Pick in Prag. 

Ein Lehrbuch, das in drei Jahren drei Auflagen erlebt, hat 
gewiss nicht allein einem dringenden praktischen Bedürfnisse ent¬ 
sprochen, es muss auch seinem inneren Werthe nach vorzüglich sein. 

Obwohl die dritte Auflage gegenüber der zweiten keine wesent¬ 
lichen Veränderungen aufweist, findet man doch vielfach das eifrige 
Bestreben des Verfassers, Verbesserungen anzubringen. So bezüglich 
einzelner Illustrationen, sowie in der Anführung von Behandlungs¬ 
methoden, welche zumeist gewissenhaft, auch dem betreffenden Autor 
zugeschrieben werden. Da heute wohl kein Studirender der Medicin 
es unterlässt, eine dermatologische Klinik zu frequentiren und Lesser’s 
Compendium sich als ein Vademecum für das an der Klinik Gesehene 
und Gehörte vortrefflich eignet, ist die Anordnung des Stoffes, welche 
sich an kein System bindet, eher von Vortheil, weil sie in keiner 
Weise präjudicirt. Die Austattung des Buches ist eine vorzügliche. 


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Varia. 


Am 8. Jänner d. J. starb in Wien Dr. Gustav Wertheim, 
Primararzt am Rudolfspitale und a. Prof, für Dermatologie und Sy¬ 
philis im 64. Lebensjahre. Der Verstorbene hat in jüngeren Jahren 
mehrero werthvolle Arbeiten auf dem Gebiete unserer Fachwissen¬ 
schaften veröffentlicht. Er war der Erste, welcher auf den Befund 
von Pilzen in den Schuppen der Psoriasis den mykotischen Charakter 
dieser Krankheit basiren wollte. 


Der Privatdocent an der Universität Wien, Herr Dr. Adolf 
Jarisch, ist zum ausserordentlichen Professor und Vorstand der 
Klinik für Hautkrankheiten und Syphilis an der Universität 
Innsbruck ernannt worden. 


Dem Director der dermatologischen Klinik in Bonn, Herrn Prof. 
Dr. Doutrelepont, wurde der Titel eines Geheimen Medicinal- 
rathes verliehen. 


Der Autor der im verflossenen Jahrgänge auf Seite 1028 unter 
10. referirten Arbeit: Ein Fall von idiopath. multipl. Pigmentsarcom, 
heisst Hiorth und nicht Uiorth. 


C. UeberreuUr'tch« Buchdruckerei (M. Salzer) in Wien. — Rft# ST 


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Verlag von Leopold Voss in Hamburg (und Leipzig). 


Dermatologische Studien. 

Erscheinen in zwanglosen Heften. 

Heft 1: 

Die Lepra-Bacillen 

in ihrem Verhältnis zum Hautgewebe. 

Von Dr. P. G. Unna. 

Zar Morphologie des Mikroorganismus der Lepra. 

Von Dr. Adolph Lutz. 

Mit 1 chromolithogr. Tafel n. 1 Abbildung in Holzschn. 
gr. 8. 1886. Preis: 5 M. 

Heft 2: 

Ichthyol und Besorcin 

als Repräsentanten der Gruppe reduzierender Heilmittel. 

Von Dr. P. G. Unna, 
gr. 8. 1886. Preis: M. 1.60. 

Heft 3: 

Beiträge zur Anatomie und Pathogenese 

der Urticaria simplex und pigmentosa. 

Zur Kenntnis des elastischen Gewebes der Haut. 

Von Dr. P. G. Unna. 

gr. 8. Mit 3 chromolithographischen Tafeln. Preis: 5 M. 

Heft 4: 

Die Rosaniline und Fararosaniline. 

Eine bakteriologische Farbenstudie von Dr. P. G. Unna, 
gr. 8. Preis: 2 M. 

Heft 5: 

Zur Lehre von den Erythemen. 

Von Prof. Dr. Polotebnoff, 

Vorstand der Dermatologischen Klinik der Militär-Medizinischen Akademie zu St. Petersburg. 

Mit 7 Holzschnitten, gr. 8. Preis: M. 6.—. 

Heft 6: 

Über ein kombiniertes Universalverfahren, Spaltpilze im tieri¬ 
schen Gewebe naohznweisen. — Zur pathologischen Anatomie der 
Lepra. — Beitrag zu den Pilzbefnnden bei Mykosis Fnngoides. 
Von Dr. Hermann K ühn e. Wiesbaden, 
gr. 8. Mit zwei lithographischen Tafeln. Preis: M. 3.—. 

Preis von Heft I—VI für die Abonnenten der Monatshefte für Praktische 

Dermatologie: M. 11.60. 


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Vorlag von F. C. W. Vogel in Leipzig. 

Soeben erschien: 

LEHRBUCH 

der 

Haut- und Geschlechtskrankheiten 

für Studiren.de und .A.erzte 

von 

Dr. Edmund Lesser in Leipzig. 

Dritte Auflage. 

II. Theil: Geschlechtskrankheiten. 

Mit 7 Abbildungen und 4 Lichtdrucktafeln, gr. 8. 1887. Preis: 0 M. 

Der I. Theil: Hautkrankheiten. 1887. C M. 

(Die und 2. Auflage erschienen 1886.) 

Verlag von Leopold Voss in Hamburg, Hohe Bleichen 18. 
Soeben erschien: - 

Bakteriologische Diagnostik. 

Ililfstabellen beim praktischen. Arbeiten. 

Von Dr. J. Eisenberg (Wien). 

Zweite, völlig umgearbeitete and sehr vermehrte Auflage. 

Lex. 8. gebunden. Preis: 5 M. 

Gratis und franco versende Katalog Nr. 211. Medicin. III. Syphilis. 
Hautkrankheiten. IV. Infectionskrankheiten. Epidemien. Para¬ 
siten. Zoonosen. 

Heinrich Lesser, Antiquariat und Buchhandlung, Breslau. 
Verlag von Wilhelm Braumüller in Wien. 

Klinische Zeit- und Streitfragen. 

Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von 
l’rof. Dr. Joh. Schnitzler. 

I. Band. 5. Heft. 

Der gegenwärtige Stand der Syphilis-Therapie 

von Dr. MaximUian von Zeissl, 

. Docent an der Wiener Universität. 

Neue Ausgabe gr. 8. 1887. Preis: 50 kr. — 1 M. 

C. Ucbtrrcuter’scbC Uucbdriuktr«! (M. SaUcr) in Wien. — 

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Viertel](ihressehrijt /. Dermatologie u. Syphilis. Jahrg. 1888* 


Taf. II. 



Dig.Nenm*Bil(^-0tis ,g>|i0i<'» 


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Vierteljahresschrift f flrnnutoloqic u Syphilis Jahra ISSS 



Oberländer Veronder.d/Vaqinalschleimhaut bei chron,Gonorrhoe 


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Tar.m 


2. 



Lnh. Alle t Y- Th Bannwarth Wien. 


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Originalabhandlungen. 


Vierteljahresßchrift f. Dermatol, u. Syph. 1868. 


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lieber Lichen ruber. 

Nach einem Vortrage, gehalten auf der dermatologischen Section 

zu Wiesbaden. 

Von 

Prof. J. Caspary in Königsberg. 

(Hiezu Tafel IV.) 


Die Lehre vom Lichen ruber, die lange Zeit fest gegründet 
und in den meisten Punkten abgeschlossen schien, ist neuerdings 
vielseitiger Prüfung unterworfen. Wenn man durch viele Jahre bei 
der Einführung in die dermatologischen Studien gerade vom 
Lichen ruber ein abgerundetes Bild entwerfen konnte, das mit 
besonderer Schärfe sich von allen ähnlichen abhob, so muss man 
heute auf Verschiebung oder doch Trübung wesentlicher Partien 
hinweisen. So über die Unveränderlichkeit der Form, die Chroni- 
cität, die Rückfälligkeit, die Vorhersage, ja die Existenzberechti¬ 
gung des Lichen ruber in der gewöhnlich gelehrten Form. 

Die anscheinend allseitige Eintheilung in die acuminate und 
plane Form wird von Robinson und Piffard bestritten, die 
zwei in Symptomen, Verlauf und anatomischem Substrat ver¬ 
schiedene Dermatopathien anuehmen. Weiter noch gehen Weyl, 
der in Ziemssen’s Handbuch nur den Lichen planus kennt und 
bespricht, und Brocq, der direct die acuminate Form leugnet. 
Brocq sieht in den vierzehn letalen Fällen Hebra’s nur ein 
ebenso unerklärliches wie ungefährliches Schreckgespenst, während 
Kaposi und Unna an den Gefahren unbehandelt Gebliebener, 
die an Lichen ruber acuminatus erkrankten, festhalten. 

Wenn sonst der Lichen ruber für eine exquisit chronische 
Krankheit galt und demgemäss die bekannte Formel der langen 

ll* 


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C a 8 p a t y. 


Behandlung für das langwierige Leiden darauf angewandt wurde, 
sind jüngst Fälle schnellsten günstigen Verlaufes gemeldet, so 
von Heilung in acht Tagen durch essigsaure Thonerde (Unna). 
Wenn einmal Heilung eingetreten war, so schien ein Recidiv aus¬ 
geschlossen; nunmehr sind Recidive sicher von Kaposi, Köbner, 
Unna beobachtet. Ich übergehe die Aotiologie, die früher absolut 
dunkel, heute durch die bacteritischen Angaben Lassar’s, durch 
die neuropathische Theorie Köbner’s noch nicht sicher erhellt ist. 

Aber bevor ich zu dem wenigen Eigenen komme, das ich 
mitzutheilen habe und damit ich zu ihm kommen kann, habe 
ich des eigentlichen Krankheitsbildes im einzelnen Falle zu ge¬ 
denken. Was wir von Eiuzelefflorescenzen vor der Verschmelzung 
sahen, war scharf und anscheinend unumstösslich als hirsekorn¬ 
grosse, unveränderliche Knötchen fixirt. Jetzt liest man oft genug 
von Lichenknötchen, die wie psoriatische excentrisch viel grösser 
herauswachsen. Kaposi hat die wunderbare moniliforme Ent¬ 
wickelung zweifelloser Lichenknötchen beschrieben und Unna 
Blasenbilduhg über den Efflorescenzen — allem Anscheine nach 
ohne äusseren Reiz entstanden — beobachtet. 

Ich führe nur nebenbei an, dass ich in mehreren Fällen auch 
ausgedehnte Eczeme, zum Theile bullöse Formen an meinen 
Lichenkranken gesehen habe, aber jedesmal konnte die Einwirkung 
zu scharf reizender Salben oder Bäder als ursächlich ermittelt 
werden, und jedesmal schwanden Eczeme und Bullae (nach Rich¬ 
tigstellung der Diagnose) bei milderem Verfahren. 

Immerhin galt und gilt die Diagnose des Lichen ruber für 
eine leichte und sicher in jedem Augenblick — ausser etwa bei 
vollem Rückgang — zu lösende Aufgabe. Entgegen dieser Ein¬ 
stimmigkeit der Lehrbücher und der Lehrer habe ich mehrfach 
die Schwierigkeit empfunden, aus dem Hautleiden allein die dif¬ 
ferentielle Diagnose zwischen Lichen scrophulosorum und Lichen 
ruber zu begründen; eine Schwierigkeit, die im Einzelfalle durch 
die begleitenden oder fehlenden Symptome scrophulöser Drüsen-, 
Knochen-, Cornealleiden sofort gohoben wurde. Aber eine länger 
dauernde Verwechslung von Lichen ruber mit kleinpapulösem Sy¬ 
philid, dem sogenannten Lichen syphiliticus, schien mir unwahr¬ 
scheinlich, bis ich sie jüngst erlebte. Es handelte sich zunächst 
um ein zweijähriges Kind, das vom Collegen Michelson und 


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Lichen rnber. 


161 


zum Theil von mir mit ihm beobachtet wurde. Als ich es zuerst 
sah, war der vorher reichliche Ausschlag im Schwinden, und ich 
konnte nur aus dem Freibleiben des Rumpfes, aus der gewisser- 
massen universellen und gleichmässigen Verbreitung über die Ex¬ 
tremitäten und vor Allem aus der Anamnese des zweifellos liche¬ 
noiden Ausschlages auf Lichen ruber schliessen. Aber als nach 
Wochen ein Recidiv aufgetreten war, sah — und demonstrirte 
ich meinen Zuhörern — typische wachsfarbene gedellte Knötchen 
des Lichen ruber planus. Die ausführliche Publication des Col- 
legen Michelson wird neben anderen Besonderheiten des Falles 
die Ueberraschungen mittheilen, die der Verlauf mit sich brachte. 
Ansteckung der Mutter und einer älteren Schwester mit zweifel¬ 
loser Lues durch das vorhin genannte, zuerst erkrankte Kind; bei 
Jenen Lichen, aber gemischt mit grosspapulösem Exanthem, wäh¬ 
rend bei Diesem wohl Knochen- und Drüsenleiden, aber auch 
nicht die Andeutung einer anderen Ausschlagsform bestand, als 
reine Lichenknötchen. Aber auch bei den beiden später erkrankten 
Familienmitgliedern war von einer Gruppirung, von einem vor¬ 
wiegenden Befallensein des Rumpfes gar nicht die Rede; und die 
Knötchen persistirten als solche, waren in ihrer Gestalt durch 
nichts von Lichen ruber-Knötchen zu unterscheiden, freilich eher 
der acuminaten Form ähnlich. So sehen Sie, dass auch die an¬ 
scheinend so sichere Diagnose schweren Zweifeln begegnen kann. 

Ich komme schliesslich zur Structur der Lichenknötchen, 
die ich in einer kleinen Reihe von Fällen, alle der Planusform 
angehörig, studirt habe. Es hört ja Keiner von uns auf, neben der 
heute in den Vordergrund getretenen ätiologischen Durchforschung 
den Bau der Efflorescenzen zu untersuchen und der Mittheilungen 
darüber gibt es genug. Der unterscheidenden Merkmale sind bisher 
nicht viele gefunden, und man konnte begreifen, wie Auspitz 
unlustig den festen Formen der klinischen Dermatologie die unend¬ 
liche Melodie von Zellschwellung, Zellanhäufung in den Adventitien, 
Vergrösserung der Papillen in der histologischen Beschreibung 
gegenüberstellte. Ich will denn auch in eine detaillirte Beschrei¬ 
bung der von mir gesehenen mikroskopischen Bilder nicht ein- 
gehen, sondern nur hervorheben, dass ich einmal in den jüngsten 
Knötchen als erste Erscheinung beginnende Zellinfiltration in den 
obersten Cutisschichten gefunden habe — entgegen der Annahme 


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C a s p a r y. Lichen ruber. 


Auspitz’s von einer Parakeratose. Und dann, dass ich in den 
vorgeschritteneren Knötchen ziemlich regelmässig eine Abhebung 
des ganzen Epiderraidalstratums fand, entstanden durch Zerfall 
und Schwund des weithin infiltrirten subepithelialen Bindegewebes. 
Diese Lücke, die die beiden Abbildungen getreu wiedergeben, war 
durch ein glasiges, von feinen, fibrinähnlichen Fäden durchzogenes 
Gerinnsel ausgefüllt, in dem sich spärlich Bundzellen fanden. 
Dieser Befund, der schon von Anderen vereinzelt notirt wurde, 
schien mir darum besonders bemerkenswerth, weil ich ihn bei 
keiner anderen Hautkrankheit zu Gesicht bekommen hatte, 1 ) 
trotzdem ich seit Jahren bei allen Efflorescenzen immer dieselbe 
Präparationsmethode(G rünhagen’s) 8 ) benutzt habe. Eine artificielle 
Entstehung der Lücken ist einmal durch die jedenfalls in vivo 
ei folgte Einlagerung der Zellen, durch die ebenfalls nur so zu 
erklärende Abhebung des Schweissdrüsenganges (Fig. 1) und dann 
dadurch ausgeschlossen, dass in den zahlreichen Fällen der ebenso 
behandelten, nicht von Lichen ruber stammenden Efflorescenzen 
die Lücken fehlten, so auch bei Lichen syphiliticus und Lichen 
scrofulosorum. 

Der Differenzen und Dunkelheiten in der Lehre vom Lichen 
ruber sind so viele, dass es sich vielleicht empfehlen würde, auf 
einem der nächsten Congresso nach vorher festgestelltem Schema 
darüber zu verhandeln. 

') Die mir von Herrn Collegen Touton - Wiesbaden, gtttigst znm 
Vergleich zugesandten Präparate von artificieller Blasenbildung zeigen die. 
offenbar durch klares Serum erfolgte Abhebung der Epidermis von schein¬ 
bar intactem Cutisgewebe; ein ganz ähnliches Bild, wie man es bei ma- 
cerirter Leichenhaut zu sehen bekommt. 

*) Härtung in Plemming’scher Lösung, Einschmelzung in Paraffin, 
Färbung der durch das Mikrotom gewonnenen Schnitte in wässriger Dah- 
lialösung. 


Erklärung der Abbildungen auf Tafel IV. 

Fig. 1. I Lacune in der Bildung. 

s Schweissdrösengang. 

Fig. 2. I Lacune ausgebildet. 


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TJeber einige neuropathische Dermatosen. 

Von 

Prof. R. Campana in Genua. 


Mein Thema eignet sich wenig zu einer Publication in ge¬ 
drängter Form, da es sich hauptsächlich um klinische und histo¬ 
logische Beobachtungen handelt. Dennoch werde ich bestrebt sein 
nur dio Hauptsachen und diese in möglichster Kürze hervorzuhehen, 
indem ich über das primäre Pigmentsarkom, die Juck- 
blattern und die sogenannten Muttermale spreche. 

I. 

Einige in der Klinik beobachtete Fälle von primärem Haut¬ 
sarkom und namentlich zwei derselben, welche mir Gelegenheit 
gaben, eine sorgfältige klinische und anatomische Untersuchung 
der Krankheit anzustellen, haben in* meinem Geiste neuen An¬ 
schauungen Bahn gebrochen über die Auffassung, welche man von 
dem schnellen und systematischen Productionsmecha- 
nismus der vielen Tumoren auf fast der ganzen Haut der von 
dieser Krankheit Befallenen haben muss: die Darlegung der be¬ 
treffenden Beobachtungen und der daraus hervorgehenden Ideen 
bilden das Argument des ersten Theiles der Arbeit. Die Unter¬ 
suchungen stützen sich auf fünf Beobachtungen, deren Diagnose 
hier folgt: 

1. Multiples, kleinzelliges Hautsarkom — katarrhalische 
Bronchopneumonie — Lungen-Oedem — Milz- und Lebertumor 
(letzterer unbedeutend) — Darmkatarrh — unbedeutende Herz¬ 
beutelwassersucht — muthmassliches Sarkom der Peribronehial- 
und Peritonealdrüsen sowie der Hemisphären. 


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Camp ana. 


2. Primitives Pigmentsarkom der Haut. 

3. Primitives teleangiectasisches Hautsarkom, mit periphe¬ 
rischen und multiplen Neuromen. 

4. Primitives teleangiectasisches Hautsarkom, vielfältige Auf¬ 
schwellungen der Lymphdrüsen wegen muthmasslichen Wieder¬ 
auftretens des sarkomatisehen Processes; chronischer Milztumor; 
unbedeutende Leberanschwellung, ohne hydraulische Blut- oder 
Gallenstörungen. 

5. Primitives Pigmentsarkom der Haut. 

Die klinische Geschichte der Krankeu, von deren Leiden wir 
hier die Diagnose gegeben haben, bot solche Merkmale dar, dass 
kein Zweifel über die Diagnosen selbst zulässig ist. Deshalb haben 
wir bei allen die Anwesenheit der gewöhnlichen ausgebreiteten und 
symmetrischen Tumoren auf den Gliedern wahrgenommen, sowie 
die bekannten atrophischen Stellen, mit Veränderungen: von der 
einfachen Consistenzverminderung der Haut bis zur Atrophie, mit 
vorgeschrittener Depression der Haut selbst, und diese objectiven 
Veränderungen begleitet von beträchtlichen subjectiven Symptomen, 
intensives Schmerzgefühl auf den Tumoren, mehr oder weniger 
häufige Hyperästhesie, Jucken, Schmerzen auf scheinbar ge¬ 
sunden Stellen, subjective und objective Colorificationsstörungen. 
Von diesen verschiedenen Störungen werden wir bei Erörterung 
der Lehre sprechen, welche aus diesen Beobachtungen hervorgeht 
und muss bemerkt werden,, dass wir in zwei Fällen beträchtliche 
anatomische Veränderungen im peripherischen Nervensystem ge¬ 
funden haben; eine Untersuchung, die wir im ersten der ange¬ 
gebenen Fälle vollständig und allgemein, im dritten theilweise 
haben machen können. 

Den erwähnten klinischen Beobachtungen folgen somit ana¬ 
tomische Beobachtungen, welche am Leichname eines der er¬ 
wähnten Krankeu gemacht wurden, bei dessen Autopsie Professor 
Salvioli folgende anatomische Diagnose stellte (siehe I. Klini¬ 
sche Beobachtung): Diffuse Hautsarkomatose. — Neoplastische 
Hyperplasie der Lymphdrüsen und der Milz. — Neoplastische 
Infiltration in den Nerven. — Fibrinöse Pleuropneumonie des 
unteren Lappens der rechten Lunge. — Fettige und trübe Dege¬ 
neration des Herzens, der Leber und der Nieren. 


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Neuropathische Dermatosen. 


165 


I. Anatomische Beobachtungen. 

Um eia kurzes Beispiel der mikroskopisch gefundenen pa¬ 
thologisch-anatomischen Veränderungen der Haut und der Nerven 
zu geben, führe ich folgende Beobachtungen an: 

Histologische Untersuchung der Haut, ausgeführt an Stücken 
mit injicirten und nicht injicirten Gefässen. 

Schnitte von Hauttheilen der Zehenspitzen. 

Nichts Besonderes in den Epidermisschichten; normal in der 
Elementarstructur, in der Quantität des Pigments, in den topo¬ 
graphischen Verhältnissen. 

In der Lederhaut: Sehr hervortretende Papillen, aber im 
Allgemeinen nur wenige in die Breite entwickelte, dagegen viele 
verdünnt im umgekehrten Verhältnisse zu ihrer Länge. — Die 
Gefässe sind in den Papillen wie im Normalzustände; jedoch alle, 
in dem sie umgebenden Lymphraume, mit einer Schicht kleiner, 
runder, kerniger Zellen bedeckt, welche bei einigen Papillen in 
einer einzigen Schicht lagern, bei anderen in grosser Menge vor¬ 
handen sind. In diesen Gefässen fanden sich, so viele Schnitte ich 
auch machte, weder Blutpfropfen noch von den Endothelialwänden 
losgelöste und im Gefässlumen freiliegende Zellen. Einige der 
obengenannten Zellen lasson im Protoplasma ganz kleine farbige 
Körnchen erkennen. * 

Bei Untersuchung der tieferen Gefässe (im ganzen subcu- 
tanen Gewebe) findet man folgende Veränderungen: Die Capil- 
laren und mehr noch die kleinen Arterien zeigen eine perivasculäre 
Infiltration sowie Eudothelzellen in mehreren Schichten, welche 
das Gefäss zum Theil verstopfen oder es ganz verschliessen. Die 
Endothelzellen zeigen zum grossen Theile einen einzigen Kern, 
wenige zeigen die Kerntheilung, in welcher man bei einigen die 
Theilung des Zellprotoplasmas wahrnimmt. 

Innerhalb der Gefässe zeigt das Blut an einigen Stellen 
rothe Blutkörperchen, welche den Farbstoff verloren haben und 
deshalb farblos und durchsichtig sind. 

An vielen Stelleu in der Haut findet man eine hellgelbliche 
Färbung, welche bei einigen Schnitten gleichmässig ist, als ob 
eine vollständig aufgelöste Farbe die betreffenden Theile durch- 
träuke; an anderen Stellen wird sie von ganz kleinen Körnchen 


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166 


C a m p a n a. 


hervorgebracht. Wo die Färbung die Körnchen nicht unterscheiden 
lässt, breitet sie sich in diffuser Weise sowohl auf den Elementen 
als in den Zwischenräumen aus; wo sie körnig ist, wird sie nur 
in den Zwischenräumen wahrgeuommen: an wenigen Stellen be¬ 
merkt man Haufen von dunkelrothen, unregelmässigen Körnchen, 
welche, mit Jodtinctur behandelt, klar und deutlich hervortreteu. 
Dieselben Körnchen lassen, wenn nach dem gewöhnlichen Process 
mit Essigsäuro und Chlornatrium behandelt, einige Häminkry- 
stalle erkennen. 

Untersucht man Hautstücke, in welche endovasculäre In- 
jectionen mit Neutralcavmin und Gelatine gemacht wurden, so 
bemerkt man folgende Eigenthümlichkoiten: Im Allgemeinen 
lassen die Gefässwände keine Punkte mit Austreten des Injections- 
stoffes erkennen; doch zeigen sich die gefüllten Gefässformen 
nicht in gleichförmigem Kaliber. 

Diese von der Injection herrührenden Eigenthümlichkeiten 
lohren uns, dass die Gefässwäudo in keinem Punkte ihre gewöhn¬ 
liche mechanische Widerstandskraft verloren haben, um dem Aus¬ 
treten der InjectionsmassG stattzugeben. 

Untersuchung von Hauttheilen, in welchen mau 
knotige und höckerige Tumoren wahrnimmt. 

In diesen Hauttheilen bezogen sich die Veränderungen auf 
die ganze Haut und das ganze subcntane Gewebe. Wurde ein 
Schnitt mit unbewaffnetem Auge untersucht, so hatte er das 
Aussehen einer weissgelblichen Masse, welche hier und dort mit 
gelb-röthlichon Punkten betüpfelt war. Mit dem Mikroskop be¬ 
trachtet zeigto derselbe Schnitt, sowohl die oberflächlichen als 
auch die tieferen Hautschichten, vou einem Haufen runder und 
vieleckiger Zellen, wie die vorhin beschriebenen, durchsetzt; 
Zellen, welche fast das ganze Balkenwerk des Bindegewebes er¬ 
setzt haben und von denen man hier und dort Roste iu der Form 
dünner und ausgedehnter Bündel bemerkt, welche die einzelnen 
Zellenhaufen abgrenzen. Wo dieso Haufen weit weniger vorge¬ 
schritten sind, kann man feststellou, dass diese Zellen der Richtung 
der Blutgefässe, der Nerven und der Schweissdrüsen folgen; und 
an den Stellen, wo diese Knäuel wahrgenommen werden, sind 
deren Windungen sogar vermehrt und von einander durch eine 


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Neuropatlüsche Dermatosen. 


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dichte Zellinfiltration getrennt, welche vollständig der Richtung 
des peritubularen Lymphraumes folgt. In vielen Punkten sind von 
der Infiltration die Nerven betroffen. Die glatten Muskelbündel der 
Haut haben an Umfang bedeutend zugenommen. 

Wir wollen jetzt eine kurze tleborsicht der histologischen 
Veränderungen des Nervensystems folgen lassen. 

Der Mediannerv des rechten Armes zeigte sich gegen die Mitte 
zu angeschwollen, in der Art einer spindelförmigen Auftreibung 
von ungefähr 10 Ctm. Ausdehnung, mit einem Durchmesser in 
dem dicksten Theil, der doppelt so gross war als der des nor¬ 
malen Nerven, nämlich etwa 8 Mm. 

An dieser Stelle hatte der Nerv eine gelb-röthliche Farbe 
und dieselbe Farbe zeigte sich auch in seinem Innern; so dass 
man in einem Schnitte desselben auf einer Seite die in dor Peri¬ 
pherie vereinigte neoplastische Masse und auf einer anderen die 
Nervenbündel bemerkte. Untersuchte man sodann eine Section 
dieses Stückes mit dem Mikroskop, so nahm man wahr, dass die 
Zellen des neoplastischen Theiles und vieler Zwischenraumstücke 
im Allgemeinen die Form eines weissen Blutkörperchens hatten, 
nnr grösser als dieses, sodann ein nur wenig in die Augen fallendes 
Protoplasma, einen sehr deutlichen Kern; in vielen Kernen beob¬ 
achtete man die Phasen der Karyokinese. 

Der beschriebene Theil stellt das Perineurium und die In- 
terstitien zwischen dem einen und dem auderen Bündel Nerven¬ 
röhren dar; auch an der inneren Fläche der Schwann’schen 
Scheide bei einigen Nervenröhren und im Bindegewebe sieht man, 
wie wir schon bemerkt haben, neue Zellelemente oder doch 
grössere Mengen derselben als im Normalzustände. 

Nehmen wir irgend ein Hautstück von den Gliedern oder 
auch vom Rumpfe und forschen wir den letzten dem Auge sicht¬ 
baren Nervenendigungen nach, so finden wir in denselben folgende 
Eigentümlichkeiten: 

Viele haben ihre normale Gestalt verloren; man sieht secun- 
däre Endzweige, die dicker sind als die Hauptzweige und viele 
wiederum, die verhältnissraässig dünner sind, als sie sein sollten; 
diese Nerven erscheinen deshalb als höckerig und unregelmässig 
und sind alten Baumstämmen vergleichbar. 

Diese Zweige zeigen sodann eine ungewöhnliche Widerstands- 


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C a m p a n a. 


kraft, so dass man sie leicht bis in die kleinsten Verzweigungen ver¬ 
folgen kann; ausserdem ist es sehr schwer sie aufzufasern. In Masse 
und mit geringerer Vergrösserung unter dem Mikroskope betrachtet, 
erscheinen sie wie lauter von schlaffem Bindegewebe umgebene 
Schnüre; aufgefasert zeigen sio folgende Modificationen: hier und 
dort bemerkt man einige wohlerhaltene und intacte Nerven- 
röhrchen; im Allgemeinen zeigen jedoch auch diese mehr Neuri- 
lemmazellen als im normalen Zustande. Sodann ist die grosse 
Mehrzahl der Nervenfasern in eine aus einfacher Schwann’scher 
Scheide mit Neurilemmazellen gebildete Röhrenmasse umgewandelt. 
Im Innern: der Axencylinder ist verschwunden, das Mark ist ver¬ 
schwunden oder gering und körnig geworden. Zwischen den ein¬ 
zelnen Nervenfasern bemerkt man hier und dort runde, kleine, 
gut zu färbende Zellen, von denen einige auch im Innern 
der weniger entstellten Röhren gesehen werden. An einigen 
Stellen, hauptsächlich an den Endigungon der Nerven, sind diese 
Zellen so zahlreich, dass sie einen Umkreis von ganz gleichartigen 
Elementen bilden, wie jene, welche man in den verschiedenen 
Hauttumoren, in den Norventumoren u. s. w. wahrnimmt. Wenn 
man diese aufgeschwollenen Nervenendigungen in Querschnitte 
zerlegt, so bieten sie nachstehende Merkmale: erhalten sind zwei 
oder doch nur wenig mehr Nervenbündel, und diese Bündel bilden 
nur den zehnten Theil des ganzen angeschwollenen Stückes; den 
Rest bildet ein Gewebe theils von runden Zellen, die grösser als 
Leukocyten sind, inmitten eines zarten faserigen Einschusses; 
theils von kleinen, runden oder vieleckigen, aneinandergewachseuen 
Zellen. Man bemerkt dort einige Gefässe mit angeschwollenem 
Innern, einige Blutcapillaren. Die Nervenbündel gehen hervor aus 
an Umfang verminderten, unregelmässigen Röhren, die zum Theil 
ohne Axencylinder sind, mit einigen Leukocyten zwischen den Fasern. 

In Nervenstämmeu von scheinbar gesunden Stollen be¬ 
merkt man hier und dort kleine Haufen besagter Zellen, sowie 
Nervenfasern, welche ihren Axencylinder verloren haben; einige, 
welche auf die einfache hier und dort durch körniges Mark 
angeschwollene Scheide reducirt sind. Im Allgemeinen trifft man 
die Kerne des Neurilemraa in vermehrter Anzahl an, doch be¬ 
merkt mau im Innern der Nervenfasern keine Art von Zell¬ 
elementen. Verschiedene Nervenäste des Armnervengeflechtes 


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Neoropathische Dermatosen. 


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haben an einigen Stellen geringe Infiltrationen ähnlicher Zellen 
gezeigt, die jedoch grösser als Leukocyten sind; dieselben Hessen, 
nach der Färbung mit Alauncarmin und Hämatoxylin unter¬ 
sucht, auch die mitotischen Phasen erkennen. Die anderen bei 
der Technik angewendeteu Mittel waren: Lösungen von Osmium¬ 
säure sowohl auf frische, als auf in Müller’sche Flüssigkeit 
getauchte Nerven nach vorgängigem längeren Bade in destillirtem 
Wasser. 

Wir haben in einem zweiton Falle Gelegenheit gehabt, That- 
sacheu zu beobachten, welche den früher mitgetheilten sehr ähn¬ 
lich sind. 


Figur 1. 



Hier handelte es sich ebenfalls um eine auf der Haut der 
Glieder verbreitete sarkomatöse Eruption, wie aus der hier bei- 
gegebenen Figur 1 ersichtlich, begleitet von trophischen Verände- 


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C a m p a n a. 


rungen der Nägel, der Haut und des subcutanen Bindegewebes 
an nicht sarkomatösen Stellen, ferner von Blutstockungen sowie 
von partiellen und unbestimmten Sensibilitäts- und Motilitäts¬ 
störungen. Als Begleiter dieser Veränderungen zeigten sich auch 
zahlreiche subcutane Neurofibrome; dieselben verbreiteten sich 
auf den Gliedern, oberflächlichen Verästelungen entsprechend, 
welche zu Nerveustämmen gehörten, die auch an Hautstellen mit 
sarkomatöser Eruption Zweige abgaben. 

Die ausführliche klinische Geschichte dieses Falles bildet 
einen Theil einer Arbeit, die ich demnächst veröffentlichen werde. 

Die histologischen Untersuchungen von Hautstücken mit 
sarkomatöser Eruption haben uns in diesem zweiten Falle die¬ 
selben Kesultate gegeben, welche wir früher schon ausführlich 
dargelegt haben, nämlich Anwesenheit in der Haut und im sub¬ 
cutanen Gewebe eines Aggregats von runden Zellen, welche nur 
in dürftiger Anzahl dort sich vorfanden wo der Process im An¬ 
fangsstadium war, in reichlicher Anzahl und zusammengedrängt 
dagegen, wo derselbe schon weiter vorgeschritten war; sowie An¬ 
wesenheit von Capillargefässen unregelmässigen Calibers, welche 
häufig von ganz dünnen Hämatinkörnchen und einigen entfärbten 
rothen Blutkörperchen umgeben waren. In anderen Stücken wie¬ 
derum fanden sich Aggregate von spindelförmigen und dicht zu¬ 
sammengedrängten Zellen, zwischen welchen in wenigen Punkten 
spärliche und dünne Stromafasern vorhanden waren, Fasern die 
übrigens deutlich hervortreten und das Aussehen eines durch die 
neoplastische Infiltration schon zusammengedrängten Bindegewebs- 
netzes haben, dort wo dieselbe noch nicht weit vorgeschritten ist. 

Wenn anstatt einer sarkomatösen Geschwulst, das heisst 
anstatt eines jener farbigen Tumoren, von denen einige einfach 
das Aussehen von Hautdecken hatten, eines der fälschen Neurome 
(Neurofibrome), welche auf den Beinen oder den Armen subcutan 
vorhanden waren, abgetragen wurde, dann konnte man folgende 
histologische Besonderheiten wahrnehmen, die bei geringer Ver- 
grösserung, mittelst eines Hartnack’schen Mikroskopes, sich 
wie in Figur 2 präsontirten, wolche mit grosser Genauigkeit 
wiedorgibt, was wir gewöhnlich in subcutanen Neurofibromen, wie 
solche von Anderen beschrieben worden und wie sie in der Ab¬ 
handlung über Hautgoschwülsto von Schwimmer und Babes 


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Neuropathische Dermatosen. 


171 


(in Z iemssen’s Handbuch) abgebildet sind, finden. Eine ge¬ 
naue Untersuchung dieser Sectionen, die theils in Alkohol oder 
in Müller’scher Flüssigkeit gehärtet, theils mit Osmiumsäure, 
Chlorgold und Citrouensäuro behandelt und theils mit Carmin, 
Hümatoxyliu u. s. w. gefärbt wurden, hat folgende Besonder¬ 
heiten ergeben: Dio Tumoren sasseu fast immer subcutau, von 
runder oder ovaler Form, waren von einer Kapsel umgeben und 
hatten das Aussehen eines au Volumen ungeheuor gewachsenen 


Figur 2. 



Nerven; in der Kapsel bemerkte man auf einer Seite beständig 
ein oder zwei kleine Gefässbündel. 

Die Kapsel dieser kleinen Geschwülste bestand aus einem 
in der Anordnung dem Perineurium ähnlichen Bindegewebe; die 
Masse der Geschwulst bestand bald aus einem Aggregat von 
Bindegewebsfasern, dio in Gruppen von verschiedener Richtung 
ungeordnet waren, bald aus- oinigon spindelförmigen Zellen und 
Muskelfasern, hior und dort von rundlichen Hohlräumen unter¬ 
brochen, in deren Innern mau entweder einige spindelförmige und 
runde Zellou oder eine durchsichtige Flüssigkeit bemerkte; gleich¬ 
sam als erinnere dieser rundliche Hohlraum an das Innere eines 


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Camp&na. 


Nervenröhrchens, dessen Sehwanu'sche Scheide nur theilweise 
persistirt, indem sie mit dem umliegenden Bindegewebe sich ver¬ 
schmolzen hat. Doch hat die darin enthaltene Substanz nur in 
sehr wenigen Punkten die Reaction mit Osmiumsäure dargeboten. 
Sowohl bei den Untersuchungen mittelst der Osmiumsäure, als 
auch bei der Behandlung mit Chlorgold und Citronensäure sind 
Nervenfasern, welche sich in den von dem beschriebenen Tumor 
eingenommenen Hautstücken und deren Umgebung hätten vor¬ 
finden sollen, nur sehr spärlich hervorgetreten. 

Aus den im Auszuge mitgetheilten Thatsachen hebe ich 
hervor, dass diese Form von Hautsarkomatose gewöhnlich von 
einer Sarkomatose und Fibromatose der peripherischen Nerven 
begleitet wird, und dass es mir sehr wahrscheinlich scheint, daraus 
ableiten zu dürfen, dass diese Nerven auf die Verbreitung und 
Keproduction anderer Sarkome auf der Haut Einfluss haben. Ich 
ziehe diese Schlussfolgerung auch aus den nachstehenden Re¬ 
flexionen. 

1. Dass von Sarkomen abhängige Veränderungen der Haut 
und der Nervenstämme gefunden werden; 

2. dass die Veränderungen der Nerven öfters älteren Datums 
sind als jene der Haut; 

3. dass viele Blut- oder Lymphangiome nach Gebieten be¬ 
stimmter Nerven vertbeilt sind; 

4. dass viele Hautfibrome Beziehungen zu Neuromen und 
Fibroneuromen haben (Recklinghausen); 

5. dass das Hautsarkom, mit dem wir uns hier beschäftigen, 
symmetrisch wie ein Exanthem auftritt, nach Art der verschie¬ 
denen Formen der Hautrötho, deren nervöser Ursprung jetzt von 
den Dermatologen zugegeben wird (Lewin) und häufig ent¬ 
spricht seine peripherische Verbreitung der bestimmter Nerven¬ 
stämme ; 

6. aus dem Befunde, dass in dieser neoplastischen Form 
auch immer Elemente der Neubildung Vorkommen, die nicht alle 
Merkmale eines Aggregats von Sarkomzellen tragen; und aus der 
Beobachtung, dass diese Elemente mitunter für die heilende 
Wirkung der Arsenikpräparate empfänglich sind (Köbner), wie 
wir dies selbst bemerkt haben; 


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Neuropathische Dermatosen. 


173 


7. aus dem Befund, dass au den Stellen, an denen ein be¬ 
sonderes Eindringen von indifferenten Zellen in die Haut stattge¬ 
funden hat, auch Nervenendigungen mit sarkomatösen Anschwel¬ 
lungen Vorkommen; 

8. aus der Beobachtung, dass der Krankheit ein oft wieder¬ 
kehrender Nesselausschlag oder mitunter ein Jucken an den Ex¬ 
tremitäten vorausgoht oder dieselbe begleitet, Störungen, welche 
nur dem Nervensystem zugeschrieben werden können; 

9. aus dem übergrossen Schmerz, den die Kranken an den 
leidenden Tbeilen und läugs einigen Nervenwegen, welche vielen 
kranken Strecken entsprechen, empfindon, besonders beim Druck; 

10. aus der Thatsache, dass in diesen Sarkomformeu die 
Periode der Hyperplasie und die Periode der Atrophie wahrge¬ 
nommen werden; die Atrophie ohne Ulcerationsbildung, eine Sel¬ 
tenheit bei den anderen Sarkomformeu, bei donen man meistentheils 
entweder Ulceration oder unbestimmte Entwickelung des Tumors 
mit den ihm eigenon Degenerationen beobachtet. 

Ich betrachte die Genesis dieser Krankheit auf folgende 
Weise: 

Ich gobe eine Art von Schema der aufeinanderfolgenden 
Krankheitserscheinungeu: Erste Localisatiou entweder auf 
einem, in den meisten Fällen angeborenen Hauttumor, 
oder auf einem Tumor eines auderen Organs; succes- 
sive Localisationen auf den Nerven; sodann neue Loca- 
lisationen auf der Haut, begünstigt von den Störungen 
der vasomotorischen oder trophischen Nerven, denen 
diese Haut durch die kranken Norven entgegengeht. 

Um die obigen schematischen Ideen verständlich zu machen, 
müssen die folgenden Bemerkungen in Berücksichtigung gezogen 
werden, denen wir dann nacheinander eine Beleuchtung der von 
uns aufgestollteu Sätze folgon lassen werden. 

Recklinghausen betrachtet das diffuse Molluscumfibrom 
der Haut, welches sich häufig dem Fibrom der Nerven beige¬ 
sellt, nicht als Wirkung der Verbreitung einer fibromatösen Ge¬ 
schwulst von den Nerven auf die Haut, sondern als neuropathi- 
schen Ursprungs, wie es die von Autoren (Gerhardt) beschrie¬ 
benen Formen der neuropathischen Papillome, sowie viele Angiome 
(Simon, Campana) sind. 

Vierteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1888. J2 


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174 


C a m p a n a. 


Ausserdem bemerkt Recklinghausen, dass die Structur 
dieser Geschwülste verschieden sein und an die Structur der Ade¬ 
nome, der Carcinome und au gewissen Stellen an die Structur 
eines sarkomatösen Gewebes erinnern kann. Genau genommen 
ist eine Verruca (Fleisch warze), wie Virchow meint, ein unvoll¬ 
ständig entwickeltes Sarkom. 

Schliesslich sucht er Stützpunkte für seine Idee in anderen 
Processen und macht einen Vergleich zwischen der tuberculöseu 
Lepra und den Fibroneuromen u. s. w.; und da er die Bezie¬ 
hungen dieser Fibroneurome zu den einzelnen Theilen der Haut, 
ihre Entwicklung aus den Bindegewebsscheiden der Nerven hat 
verfolgen können, so schliesst er daraus, dass die fibromatöseu 
Geschwülste der Haut Folgen der Nervengeschwülste und -Ver¬ 
änderungen sind, nicht wie ein Vorgaug, der von der Processver- 
breituug von den Nerven auf die Haut abhängig ist, sondern als 
eine Wirkung des modifieirten Einflusses des Nervensystems auf 
die Haut selbst. 

Diese Art der Auffassung von Geschwülsten findet ihren 
Stützpunkt in der Untersuchung vieler krankhafter Processe, 
welche wir bis zu diesem Augenblicke als entzündliche be¬ 
trachten und bei denen der Einfluss des Nervensystems be¬ 
wiesen ist. 

Nehmen wir auch die Unterscheidung zwischen einer Neu¬ 
bildung, welche zur Entwickelung einer Geschwulst im engsten 
Sinne des Wortes führt (unregelmässiges Gewebe hinsichtlich des 
betreffenden Sitzes, der Begrenzung der neugebildeten Masse oder 
der verschiedenen anatomischen Structur) und einer einfachen 
entzündlichen Neuerzeugung vollständig an, so können wir doch 
nicht umhin, für unseren Fall eines Sarkoms Gründe gelten 
zu lassen, die den von Anderen für ein Fibrom angeführten 
analog sind. 

In der That hatte Recklinghausen, wie wir schon be¬ 
merkt haben, neuerdings genetische Beziehungen zwischen den 
anatomischen Voränderungen des peripherischen Nervensystems 
und den Hautfibromeu erkannt; ebonso Leloir zwischen Viti¬ 
ligo, Ichthyosis, Pemphigus, Hautbraud uud den Verände¬ 
rungen des peripherischen Nervensystems der dom Ausschlag out- 


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>»vuropathisehe Dei niatusen. 


175 


sprechenden Strecken; auch Colomiatti und Marcacci batten 
eine Beziehung zwischen vielen Eczemformen und der Neuritis 
des dem kranken Hauttheile entsprechenden Zweiges festgestellt 
und ebenso Lewin zwischen Erythema multiformo, Hemi- 
atrophia und Hemihypertrophia facialis und verschiedenen 
Störungen des Norvensystems. Und hier erinnern wir einfach, um 
nicht alle Arten von Hautentzündungen, welche mit dem Nerven¬ 
system in Beziehung gebracht worden, aufzuzähleu, an die Un¬ 
tersuchungen Bäronsprung’s, Charcot’s über Herpes zoster, 
Moucorvo’s über die Elephautiasis der Araber, ltanvier’s über 
einige Oedeinarten. Die Beobachtungen fibromatöser Verände¬ 
rungen der Haut und der Nerven mehren sich immer mehr, 
und wir könnten unsere eigenen, sowie die Küsters, Lahmann's, 
Esmarch’s, Leisrink’s, Schwimmers und Andorer anführen; 
uns genügt es jedoch, vorläufig auf dieselben hiugewieson zu haben. 

Was wir über die Fibrome sagen, können wir auch, indem 
wir uns hauptsächlich auf klinische Thatsachen stützen, über die 
Blut- und Lymphangiome sagen; betreffs der letzteren hat Köbner 
einen wichtigen Fall mitgetheilt, in welchem multiple Neurome 
des linken Armuervengeflechts in Beziehung zu cavernösen Angio¬ 
men, Lymphangiomen uud Neuromen der Haut des linken Armes 
beobachtet wurden. Ausserdem hatte Winiwarter und Czerny 
einige umgrenzte peripherische Sarkome, welche sich in anato¬ 
mischer Beziehung mit eiuigen gleichfalls alterirten Nervenzweigen 
präsentirten, als trophische angesehen. 

Schliesslich bemerke ich, dass ich diese Auslassung der Pro¬ 
fessoren Czerny und Winiwarter über die Genesis einiger 
Sarkome in der „Real-Encyclopädie für die gesammte Medicin“ 
gefunden habe uud, wie ich sage, betraf sie umgrenzte Tumoren, 
deren Beziehungen mit dem Nervensysteme sicherlich nicht zum 
ersten Male wahrgeuommeu worden sind, da die Beobachtung von 
umgrenzten peripherischen Sarkomen und Localisationen in den 
Nerven durchaus nicht neu ist. In meinem Falle dagegen handelte 
es sich darum, dass ich als Erster die Aufmerksamkeit auf das 
gleichzeitige Zusammentreffen von Veränderungen des Nerven¬ 
systems mit Hautveräuderuugen des generalisirten primitiven 
idiopathischen Hautsarkoms gelenkt habe; ich habe hier 
die trophischen Störungen, die topographischen Veränderungen 

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C a m p a n a. 


und die anderen Besonderheiten, welche sich auf die Annahme 
eines Einflusses des verletzten peripherischen Nervensystems auf 
die Hautlocalisationen beziehen, beobachtet. 

Für Diejenigen, welche im Gegensätze hierzu die Verände¬ 
rungen des Nervensystems als secundär, den Veränderungen der 
Haut nachfolgend, betrachten, ist es angebracht zu bemerken, 
dass es sich in unserem Falle nicht um einen umgrenzten Tumor 
handelt, bei dessen Genesis man der Annahme des Trophismus 
Raum geben könnte, wie das ehemals für viele Tumoren ange¬ 
nommen wurde, indem mau sich bei einfacher Gleichzeitigkeit 
der peripherischen und Nerven-Verletzung mehr auf eine Hypo¬ 
these stützte; in unserem Falle, sage ich, handelt es sich nicht 
dämm, sondern um Tumoren, welche auf Grund der Verbreitung 
und der sie begleitenden trophischen Momente mit Sicherheit 
irgend einen trophischen Einfluss auf den iunervirteu Theil voraus¬ 
setzen lassen, und letzteres auch, weil in einem dieser Fälle von 
primitivem idiopathischen Hautsarkom Neurofibrome gefunden 
wurden, deren langsamer Verlauf mit Sicherheit annehmen lässt, 
dass die NorvenVerletzungen den Hautverletzungen nicht nachge¬ 
folgt, sondern vorausgegaugen sein müssen. 

leb führe diese Proeesse im Allgemeinen an, doch wünsche 
ich, dass die moderne Pathologie den Unterschied, der zwischen 
dem was wir Entzündung beim Zoster nennen und eiuer typischen 
Entzündung infectiöseu Ursprunges besteht, aufhellen möge. 

Wir werden auf diese Frage zurückkommen; für jetzt ist 
es zweckdienlich Folgendes zu bestätigen; 

1. Dass die genetische Beziehung zwischen fibromatösen Ge¬ 
schwülsten und Verletzungen des Nervensystems von hervorragen¬ 
den Forschern zugegeben wird; 

2. dass identische Ideen zugegeben werden in Betreif der 
Genesis vieler angeborenen Pigment- und vieler Warzenneubil¬ 
dungen, welche die Keime zu sarkomatösen Geschwülsten mit¬ 
bringen und oft auch sarkomatöse Geschwülste werden. 

Aus diesen beiden Sätzen schliessen wir, dass bei einigen 
Geschwülsten, bei denen der Einfluss des Nervensystems erwiesen 
ist, eine sarkomatöse Phase auftreten kann. 

Und jetzt wollen wir, ehe wir weitergeheu, zu jener Vor¬ 
stellung zurückkehreu, welche mau sich, wie wir gesagt haben, 


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fcVuropathiRclie Dermatosen. 


177 


über die Vervielfältigung dieser sarkomatösen Hautgoschwülste 
bilden kann. Wir haben vorhin angeführt, dass wir das Wieder¬ 
erscheinen dieser Hautgeschwülste als Folge anderer oft ähnlicher 
Veränderungen in den Nerven betrachten, welche eutweder pri¬ 
mitiv sind oder secundär nach vorherigen Localisationen in ande¬ 
ren Organen auftreten; Veränderungen der Nerven, welche, indem 
sie das Leben der Nerven selbst modificiren, folgeweise auch die 
Ernährung der Haut stören, was dann die leichte und ausgedehnte 
Bildung neuer sarkomatöser Geschwülste auf der Haut selbst 
veranlasst. 

Unsere Vorstellung kann, zum besseren Verständnis in fol¬ 
gendes Schema gefasst werden: 

1. Präexistenz einer Hautgeschwulst; indifferenter Zustand 
derselben; wahrscheinlich gleichzeitiges Bestehen eines Nerven- 
Fibroms; 

2. Entwickelung eines Sarkoms aus dieser Geschwulst; 

3. nachfolgendes oder primitives Sarkom oder Fibrosarkom 
der Nerven; 

4. nachfolgende Gefassveränderungen der Haut, hierauf Haut¬ 
infiltrationen nervösen Ursprungs; 

5. Erzeugung neuer sarkomatöser Geschwülste an den Stellen, 
an denen besagte indifferente Infiltrationen stattgefunden. 

Diese Sätze wollen wir nun näher begründen: 

1. Präexistenz einer Hautgeschwulst; indifferenter Zustand 
derselben. 

Dass der Genesis der sarkomatösen Geschwülste gewöhnlich 
eine Hautgeschwulst in Form einer Fleischwarze (Verrucca), eines 
Molluscumfibroms vorausgeht, ist eine Thatsache, welche die Ca- 
suistik der modernen pathologischen Anatomie nicht erst ein¬ 
gehend zu beweisen braucht. Und später werden wir davon spre¬ 
chen, dass die Histologie in diesen Geschwülsten bereits die 
indifferenten Keime nachgewiesen hat, aus denen sich sodann 
weiter vorgeschrittene und bedenkliche neoplastische Formen ent¬ 
wickeln. 

Dieser Satz führt also zur Bestätigung des Grundsatzes, 
dass es in der Entwickelung sarkomatöser Geschwülste ein Sta¬ 
dium des Indifferentismus gibt, in welchem wir bei einigen Ver¬ 
letzungen anatomisch nicht festellen können, ob sie entzündlicher 


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oder neoplastischer Natur sind; und ob man dieselben, wenn neo- 
plastischer Natur, als den ersten Anfang eiues Fibroms oder 
eines Sarkoms betrachten muss. 

Und was wir im Allgemeinen sagen, bezieht sich auf die 
primären Sarkome der Haut, von denen wir hier sprechen und in 
denen sich immer eine kleine Geschwulst als die erste Quelle des 
Uebels findet. 

2. Entwickelung eines Sarkoms aus dieser Geschwulst. 

Nicht selten werden Zollen, welche die Elemente angeborener 

kleiner Geschwülste bilden, deren Structur ganz und gar die 
eines Fibroms ist, Ausgangspunkte einer sarkomatösen Bildung. 
Diese Phase ist besonders bei den angeborenen Warzen, den pig- 
mentirten Malen bekannt. Das sarkomatöse Gewebe wird vou 
den Zellennesteru erzeugt, welche sich in den genannten Ge¬ 
schwülsten vorfiuden. 

Es wird als wahrscheinlich hingestellt, dass die Zellennester 
als Beste von embryonalem Keimgowebe zu betrachten sind, 
welche dann im extrauterinen Leben weiter wachsen. Viele sind 
der Meinung, dass die Zellonuester und -Stränge aus der Adventi- 
tialhülle der Gefässo horvorgeheu. Recklinghausen meint, dass 
sie aus den Lympkgefässen und Lymphsclioiden hervorgehen. In 
Wirklichkeit sieht man, w r enn man sich an die gewöhnlichste Be¬ 
obachtung hält, dass die ersten Infiltrationen, welche eiue sarko¬ 
matöse oder eiue fibromatöso Geschwulst ankündigen, sich in der 
perivasculären Lymphscheide, in der Drüsenhülle und in den 
Nervenscheiden vorfiuden. 

3. Sarkom der Nerven, welches nach der Hauterkrankung 
auftritt, oder auch primitives Sarkom oder Fibrosarkom der peri¬ 
pherischen Norven. 

Die Verbreitung der sarkomatösen Geschwülste längs der 
Nerven durch die Lyniph- und mehr noch durch die Blutgefässe 
wurde schon vielfach untersucht und die Casuistik ist in dieser 
Hinsicht keine neue. Beispiele dieser Art werdeu von Rokitansky, 
Recklinghausen und Ziegler erwähnt. Doch wissen wir bei 
dem gegenwärtigen Stande der Forschungen, dass es durchaus 
nicht nothwendig ist, dass das Uebel bei der Haut beginne und 
sich dann auf die Nerven verbreite; wie hinsichtlich der Fibrome, 


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Neuropathische Dermatosen. 


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so auch hinsichtlich der Sarkomo fehlt es nicht au Beispielen von 
primitiven Nervengeschwülsten: und heute glaubt man, dass die 
sarkomatöse Geschwulst sowohl ans Bindegowebssubstanzen, welche 
sich als normal erwiesen, als auch aus solchen, welche als patho¬ 
logisch betrachtet werden müssen, hervorgohe. 

4. Nachfolgende Gefassveränderungeu der Haut, abhängig 
von Verletzungen der Nerven. 

Wollten wir die Frage, auf welchen Nervenveränderungen, 
besonders dio Veränderungen beruhen, welche in dem Hautge- 
tassapparat stattfinden können, genau prüfen, so könnten wir dies 
nicht thun, ohne uns in schwierige und lange Erörterungen ein¬ 
zulassen. Eine positive Thatsache ist: dass wenn einige Ernäh¬ 
rungsstörungen der peripherischen Nerven unter der Form der 
Entzündung und einfachen Hypertrophie oder Atrophie gegeben 
sind, häufig Veränderungen der Gefässe und der anderen Haut- 
olemeute, zu denen die betreffenden Nervenäste gelangen, nachfolgen. 

Anderseits wissen wir, dass das wesentliche, in einem Ent- 
zündungsprocesso durchaus nothwendige Moment das irgend einer 
GefassVeränderung ist. Wenn wir nun jene Hauttheile, in welchen 
ganz oberflächliche Veränderungen durch Sarkom constatirt. 
wurden, Veränderungen, welche klinisch sich nicht unterscheiden 
lassen, von jenen eines Nervonausschlages, eines oberflächlichen 
Eczema papulosum; wenn wir jeue Hauttheile histologisch unter¬ 
suchen, so finden wir darin zwoi gesonderte und beständige 
Reihen von Veränderungen; auf der einen Soite Anhäufungen von 
leukocytenähnlichen Zellen, welcho der Vortheilung dor Capillar- 
gefässe, der kleinen venösen und arteriösen Gefässe der Haut 
folgen und sich hauptsächlich den diese Gefässe umgebenden 
Lymphräumen des Biudegewebes entlang, verbreiten; und in diesen 
Zellen bemerkt man keine Pigmentkörneben oder andere Besonder¬ 
heiten, welche von den einer Entzündung verschieden sind. Auf 
der anderen Seite sodann bemerkt man viele Stellen, die 
mikroskopisch nichts Abnormes erkennen lassen, Reihen von fast 
farblos gewordenen oder doeh noch farbigen rothen Blutkörper¬ 
chen, und die farblos gewordenen zeigen einen leichten goldgelben 
Reflex, welcher sich auch auf das Bindegewebe der benachbarten 
Theile, in donen keine rothen Blutkörperchen bemerkt worden, 
ausdehnt. Diese Beobachtung, welche tausendmal wiederholt werden 


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Campana. 


kann und welche mit deu von Glissen bau er, Armanni und 
Anderen über den Ursprung des Pigments in einigen Sarkomen 
gemachten Beobachtungen übereinstimmt, weist darauf hin, dass 
wir zu einem Aufangsstadium des Uebels in diesem Sarkome, im 
Gewebe deutliche Merkmale eines Austreteus von Elementen aus 
deu Blutgefässen fiudeu, das heisst Folgen von Veränderungen 
der Gefüsswände, welche mit den die Entzündung hervorrufenden 
vergleichbar sind. Es ist allerdings richtig, dass die Geschwülste 
nicht von austretenden Zellen erzeugt werden, aber es ist 
Thatsache, dass mit dem Blutstrom rotho Blutkörperchen und 
weisse Zellen in diese Geschwülste gelangen, welche auch Ent¬ 
zündungen darstellen können, wie sie in Geschwülsten nicht selten 
sind, abgesehen davon, dass Bindegewebs- und Epithelzellen aus¬ 
wandern können (Virchow). 

Nach dem Obengesagten könnte mau mir bemerken, dass 
ich zwei ganz verschiedene Processe, wie es die Neubildung 
und die Entzündung sind, zusammenbringe. Aber ich bringe 
sie nicht zusammeu, um sio zu identificiren. Ich sage, dass pa¬ 
thologisch-anatomische Veränderungen der Nerveu, welche die 
Entzündung bei Herpes zoster veranlassen, zusammeugebracht 
werden können mit jenen derselben Nerveu, welche Fibrome her- 
vorrufen, während in dem einen und dem auderen Processe die 
Nerven in verschiedener und nicht ganz bekannter Weise sich 
bethätigen; und mir scheint, dass es gerechtfertigt ist, die Wir¬ 
kungen zusammenzustellen, welche aus veränderter Ernährung der 
Gefässe in Folge verschiedenartiger Alterationen des Nervensystems 
resultiren. Ziegler schreibt: Höchst wahrscheinlich sind in der 
Eutwickelungsperiode der Geschwulst auch die Wände dor Blut¬ 
gefässe verändert. Zu Gunsten dieser Annahme spricht der Um¬ 
stand, dass sowohl im Innern der Geschwülste, als auch in den 
benachbarten Theileu, von ausgewanderten weissen Blutkörperchen 
gebildete Zellenherde existireu. Man weiss nicht, woher diese Ver¬ 
änderungen, sowie jene derselben Gefässe, welche einige Nerven- 
geschw’ülste begleiten, kommen, während in diesen beiden Krank¬ 
heitsformen dieselben Wirkungen zu Tage treten. 

5. Erzeugung neuer sarkomatöser Geschwülste au deu 
Stelleu, an denen indifferente Infiltrationen existiren. 

ludern wir von der Wissenschaft die Aufklärung erwarten, 


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Neuropatliische Dermatosen. 


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ob sich den Vorgängen in der ersten Zeit der Ernähruugsverän- 
derung der Hautgefässe durch Sarkom der Nerven, welche wir 
als eine perivasculäre Infiltration mit Elementen im Zustande des 
Indifferentismus bezeichnen können, noch eine andere uns bis jetzt 
unbekannte Ursache hinzugesolleu könne, welche den Uebergang 
dieser Elemente aus dem Zustande dos Iudifforentismus in jenen 
eines bestimmten neoplastischen Processes veranlasse, oder ob 
auf diesem modificirten Boden sarkomatöse Elemente dazwischen¬ 
kommen und dort keimen, indem sie geeignetes Culturmaterial 
vorfinden; muss dieser Zustand der Modification des Bodens, auf 
den die Geschwulst versetzt wird, für alle Fälle zugegeben werden, 
da wir ohne denselben die leichten Metastasen gegenüber dem 
Nichtgelingen von experimentellen Geschwulstverpflauzungon nicht 
erklären könnten; und dieser Zustand dürfte vom Nervensystem 
erzeugt werden. 

Es ist bekannt, dass, nach Cohnheim, die Bösartigkeit 
einer Geschwulst von dem Aufhören des physiologischen Wider¬ 
standes abhängt und dass diese Geschwülste sich schnell in ein 
Gewebe verpflanzen, in welchem der physiologische Widerstand 
geringer ist und nicht ausreicht, um die von der primitiven Ge¬ 
schwulst übertragenen Keime zu zerstören. Diese Widerstands¬ 
veränderung nun wird für die Multiplication eines Fibroms vom 
Nervensystem erzeugt und für das Hautsarkom dürfte sie nach 
unserer Meinung ebenfalls vom Nervensystem erzeugt werden. 

Mag man auch dem verpflanzbaren Keim eine grosse Be¬ 
deutung beilegen, so kann man doch nicht leugnen, dass der 
Theil, in welchen die Geschwulst verpflanzt wird, dazu beiträgt, 
indem er die Gefässe, die Leukocyteneleraente und mitunter auch 
das Biudegewebe hergibt, welche Theile auf verschiedene Art 
verbunden und ernährt sein müssen, je nachdem das Leben dieser 
Gewebe und Organe von gesunden oder von kranken Nerven regu- 
lirt wird. 

Warum man übrigens im Allgemeinen dem Nervensystem 
eine solche Bedeutung beilegen muss, das lehrt uns die Physio¬ 
logie, welche in demselben die das Leben regelnden Elemente 
erblickt; anderseits weiss man, dass eine Verletzung, welche 
das Nervensystem betroffen, ihre Wirkungen deutlicher und länger 
zu erkeunen gibt, als die Verletzung eines anderen Gewebes. 


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182 


Carapaua. 


Um einen Einfluss der Nerven auf die Hautsarkomo an¬ 
zunehmen, finde ich einen sehr gewichtigen Grund in dom Stadium 
der Hypertrophie und dom darauffolgenden der Atrophie, welche 
Stadien bei mehreren derselben angetroflon werden. An vielen 
Stellen, besonders der Gliedmassen, zeigen sich in einem ersten 
Stadium des Uobels rotbblaue, nicht sehr pigmentirte, vasculiire, 
aufgetriebene, hervorspringende, harte Flecken, welche als hyper¬ 
trophische bezeichnet werden können; und in einem zweiten 
Stadium an den Stellen dieser Flecken leichte Depressionen der 
Haut mit trockener Härte, Gefässarmuth, Modifioation und Ver¬ 
mehrung des Pigments, ein Stadium, das man rein atrophisch 
nennen kann. Wie lässt sich nun diese auf lange Strecken sich 
ausdehnende Atrophie ohne Verschwärung, ohne jode äussere 
Ursache anders erklären, als durch den Einfluss, den das Nerven¬ 
system darauf ausgeübt haben kann? Die besondere Färbung und 
die Natur des Uebels hei Seite lassend, sehe ich solche atrophische 
Flecken hei Individuen, bei denen sich nach irgend einer Ver¬ 
letzung des Nervonsystoms eine harte, sklerotische Hautatrophie 
einstcllt., wie jene der Hemiatrophia facialis, der Lepra anaestho- 
tica und die Flecken, die von verschiedenen Verletzungen ab- 
hängen, welche dio Function des Nervensystems unterbrochen 
oder modificirt habeu. 

Ich bin absichtlich jeder Frage über die Entwicklungsge¬ 
schichte der sarkomatösen Elemente, über die Auffassung der 
Gewebe, welche eiuo entsprechende Metaplasie geben oder nicht 
geben können, ausgewichen; denn ich wollte schwierigen und 
verwickelten Fragen aus dem Wogö gehen, zumal dieselben 
neuerdings als unentschieden gelten müsseu, gegenüber einer 
Thatsache der einfachen Beobachtung, wie jene des gleich¬ 
zeitigen Bestehens sarkomatöser Hautverändernngen mit Ver¬ 
letzungen und Functiousstöruugen der Nerven. 

II. 

Die Juckblattorn und ihre Beziehungen zum 
Nervensystem. 

Zunächst erwähne ich den zweimal von mir beobachteten 
Fall von Lupus tuberculosum. verbunden mit wirklichen 
Juckblattern. 


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N«»nropatliisohe Dormatospn. 


183 


Uebcr die Natur der Juckblatteru sind sehr verschiedene 
Ansichten kundgegebon worden, von denen jedoch zwei besonders 
erwähnt zu werden verdienen: Einige Autoren, unter ihnen Hebra 
an der Spitze, machen dio so schwere und hartnäckige subjective 
Störung des Juckens bei den Juckblatteru von den entzündlichen 
Ernährnugsveräuderungen abhängig, welche man in Fällen von 
Juckblattern in der Haut wahrzunehmen pflegt; Andere wiederum, 
unter ihnen namentlich Cazeuave, glaubeu, dass der Hautver- 
äiuleruug eine Störung des Nervensystems vorausgehe. 

Nachdem ich die Meinung der Einen sowohl als der Anderen 
in Erwägung gezogen habe, scheint mir, dass das Symptom 
des Juckens und dio trophischo Störung der Haut bei den Juck- 
blättern primär von einer Alteration der Nerven veranlasst werden, 
und nicht von Alterationen dor Haut abhängen. 

Welches aber ist die Norvonaltoration, welche die Juck¬ 
blattern erzeugt? 

Gewiss kann weder die chronischo noch die acute Neuritis 
im Allgemeinen als anatomische Grundlage dor Juckblattern 
gelten; denu dio Fälle von wirklichem Prurigo sind selten, und 
Fälle von Neuritis, besonders chronischer, sind häufig. 

Anderseits lässt sich jedoch nicht verkennen, dass die 
Kategorie der Hautkrankheiten, welche von Jucken erzeugenden 
Verletzungen des Nervensystems abhängen, nicht unbedeutend ist; 
und das zeigen uns die Fälle von pruriginösem Pemphigus, sowie 
alle Formen trophischer, Exsudat erzeugender Hautentzündungen; 
dass jedoch nicht alle Nervenalterationeu Jucken verursachen, ist 
eine Thatsaclie, welche wir nicht selten beobachten, und welche 
nicht erst näher bewiesen zu werden braucht. 

Ich kann der Sache nicht näher auf den Grund gehen, muss 
aber sagen, dass wenn ich Veränderungen des Nervensystems und 
Jucken finde, ich gewiss noch keinen Grund habe, zu behaupten, 
dass jede Neuritis (interstitielle oder parenchymale) von Jucken 
begleitet sei; aber sicherlich ist in unserem Falle von multipler 
fibro-sarkomatöser Neuritis das vorhandene nervöse Symptom 
weder die Anästhesio noch die Hyperästhesie, sondern das Jucken 
gewesen. 

Indessen haben wir Veränderungen in den peripherischeu 
Hautnerveuendigungen bemerkt, und gesehen, dass viele in der 


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184 


C a m p n n a. 


Haut und im subcutanen Gewebe verlaufende Nerven ihre Form 
verloren haben und viel dicker als im Normalzustände ge¬ 
worden sind. 

Und an diesen Stellen haben wir gefunden, dass die Haut 
auch an der Leiche jene Merkmale einer knotigen Verdickung, 
wie Rauheit, Abschuppung, Pigraentbildung auf kleinen Stellen etc. 
erkennen lässt, und in Begleitung dieser Alterationen, welche die 
Juckblattem charakterisireu, auch solche des Nervensystems, be¬ 
stehend in fibro-sarkomatösen Verdickungen vieler Nervenendi¬ 
gungen, Vermehrung des Perineuriums, körnige Degeneration des 
Nervenmarks, Verschwinden der Axencylinder in vielen Haut¬ 
nervenfasern. 

Die pathologische Anatomie bestätigt also meine Beobachtung, 
welche Verletzungen des peripherischen Nervensystems am Leichnam 
eines Kranken constatirte, der während des Lebens intensives 
Jucken empfand; und dieses Jucken ging den ersten sarkoma- 
tösen Veränderungen nicht voran, sondern folgte ihnen, und den¬ 
selben gesellten sich sodann auch Hautveräuderungen bei, welche 
auf Juckblattem schliessen liessen. 

III. 

Bärensprung lenkte zuerst die Aufmerksamkeit auf die Mög¬ 
lichkeit, dass einige Muttermale von Störungen in den Nerven- 
ganglieu während des fötalen Lebens abhängig seien; später 
sprach auch Simon in Hamburg diese Meinung aus. 

Ich forschte nach ähnlichen Veränderungen wie die ange¬ 
gebenen, und es gelang mir, im Verlauf einiger Jabre zahlreiche 
Beobachtungen zu sammeln, welche mich nicht nur veranlassen, 
die auf Grund von nur fünf bis jetzt berichteten Fällen ausge¬ 
sprochenen Ansichten mit gewichtigeren Gründen zu bestätigen, 
sondern mir auch Grund geben zu behaupten, dass es Mutter¬ 
male geben kann, die in einem oder mehreren Hautnerven¬ 
gebieten an irgend einer Stelle des Körpers genau vertheilt sind, 
wie dies beim Herpes zoster der Fall, jedoch nach gewissen 
feststehenden Gesetzen in der Verbreitung und der Form. Um¬ 
somehr lenke ich die Aufmerksamkeit auf die Beständigkeit 
dieser Thatsacho, als ich dieselbo zur Erklärung auch einiger 


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Xeurop&thifiche Dermatosen. 


185 


Formen von angeborener Hyperchromatosis anwenden kann, 
denen von Anderen, ebensowenig wie diesem Gesetze der Ver¬ 
breitung der — in Uebereinstimmung und in Beziehung mit den 
Nervengebieten vorzugsweise augiomatösen — Naevi noch nicht 
die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt wurde; und das Wenige, 
was von ihnen angeführt wurde, noch nicht durch eine genü¬ 
gende Anzahl klinischer Fälle beweiskräftig festgestellt wurde. 

Obiges schrieb ich im Jahre 1875. Von jener Zeit bis heute 
haben die von mir mitgetheilten Beobachtungen die Kritik und 
den Fortschritt der biologischen Wissenschaften ausgehalten. 

Ich verfüge über Beobachtungen von etwa fünfzig Fällen 
verschiedener Muttermale, bei denen die Beziehung mit dem 
Nervensystem durch die Verbreitung klar in die Augen springt. 

Bezüglich der Pathogeuesc der Naevi entsteht zunächst die 
Frage über die Vorliebe der Augiome für gewisse Sitze, betreffs 
welcher Virchow, um einen Grund anzuführen, behauptet hat, 
dass die Augiome des Kopfes und des Gosichtes sich au jenen 
Stellen entwickeln, an denen während des fötalen Lebens Spalten 
existiren. Ich nenne diese Augiome deshalb A. fissurales. Doch 
hebe ich hier hervor — uud das kann aus den von mir beobachteten 
Fällen leicht ersehen werden — dass dio Augiome auch au Stellen 
existiren könneu, an denen während des fötalen Lebens keine 
Spalten vorhandeu waren. Ich finde auch in diesen Fällen jenen 
pathogenetischen Zusammenhang zwischon den Nerven uud den 
Veränderungen der Haut, der schon in den von mir vorher ange¬ 
führten Hautalterationen und auch in anderen Kraukhciten an¬ 
getroffen wurde. 

Denselben schliessen sich die Untersuchungen an, welche 
seit jenen Romberg’s, bis zu deu neuesten Tanturri’s und 
Maragliano’s über die progressive Hemiatrophia facialis aus¬ 
geführt wurden, die Untersuchungen Caldarelli’s über die Be¬ 
ziehung des Herpes zoster pectoralis zu den vasculär-cardiacalen 
Leiden, sowie die vieler anderer Autoren über die vasomotorische 
Hyperämie und über die spastische Ischämie; in Berücksichtigung 
zu ziehen sind die Erscheinungen der Nervenparalyse in den 
oberen Extremitäten, welche in einem Falle nach Eulenburg 
Pigment- und Bindegewebs-Atrophie, mit Hypeitrophia unguealis 


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136 


r a ni p a n a. 


hervorgerufen haben: in einem andern Falle Epidermis-Neubildung 
in einem Grade, dass eine Art von Ichthyosis entstand 1 ); in einem 
dritten, von Fischer beobachteten Falle Oedem und Hautröthe 
mit Störung im Wachsthum der Haare, Entzündung mit Anchyloso, 
Hyperplasie und dann couceutrische Atrophie des Kuocheus, in 
Folge der Paralyse der entsprechenden Nerven; und zuletzt die 
Beobachtungen Mantegazza’s an Thiereu: Hypertrophie des 
Bindegewebes, der Knochenhaut, des Knochens, der Lymphdrüseu. 
Man berücksichtige ferner die Resultate der Galvanisation am 
Sympathicus zur Heilung der Basedowschen Krankheit oder jene 
der peripherischen Nerven bei den chronischen Nervenentzündungen; 
man beachte die Beobachtungen Keckliughausou's (welche von 
Anderen, und auch in unserer Klinik von Dr. G. Mazza, fort¬ 
gesetzt wurden) über den EiuHuss des Nervensystems in der Ge¬ 
nesis der Hautlibrome; und aus allen diesen Thatsachen sowie 
aus vielen anderen, die wir noch auführen könnten, gebt horvor, 
dass der Einfluss des Nervensystems auf den Gefüssreichthum und 
den Trophismus der Gewebe, besonders derjenigen der Haut, un¬ 
bestreitbar ist, und dass nach Bestätigung so vieler Thatsachen 
für das extrauteriue Leben, auch identische für das fötale Leben 
zugegeben werden können, zumal wir wissen, dass während des 
fötalen Lebens ein grosser Theil der Entwicklung im Allgemeinen 
unter dem Einfluss des Nervensystems steht. 

Zur Erläuterung dieser Ideen glaube ich nicht uölhig zu 
haben, mich auf die diesbezüglichen physiologischen und ana¬ 
tomischen Forschungen zu berufen, welche eine dirocte anatomische 
Beziehung zwischen deu Nerven und den Zellenelementen anderer 
Gewebe aufweisen — eine Beziehung, die, wenn sie im extraute¬ 
rinen Lebeu existirt, auch für das fötale Leben nicht in Abrede 
gestellt werden kauu - so die Untersuchungen Pflüger’s, 
Palladino’s über die Endigung der Nerveufädon in deu Drüseu- 
zelleu, Lipmann’s im Kern der Epithelieu, Eberth's und 
Housen’s iu den Bindogewebskörporeheu, Scliultze’s über die 
Nerveneudigungen iu deu Flimmerepithelien, die von Vielen be¬ 
stätigten Untersuchungen Langerhans' über die Existenz von 
Nervenfädcheu im Malpighi’schen Körperchen, mit fadenförmigen, 

') Berliner klinische Wochenschrift ISS 1. 


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Neuropathisclie Dermatosen. 


187 


kropfartig endenden Fortsätzen. Hieran schliessen sich die von 
Bernard, Ludwig, Wittich, Keudal, Saviotti, Luchsiuger, 
Heidenhein, Luciani und Anderen vorgebrachten Gründe phy¬ 
siologischer Natur, durch welche die tropboneurotische und vas- 
culär-neurotische Wirkung verschieden erklärt wird, so dass die 
Abhängigkeit der Thätigkeit der Hautgewebe und der Blutgefässe 
von vasomotorischen und trophischeu Nerven fast als sicher er¬ 
scheint. 

Zu unseren Gunsten sprechen ferner die Moditicationeu, 
welche im Pigment der Haut bei gewissen Thiereu, sowie die 
protoplasmatischeu Modilicatiouou, welche in den Pigmentzelleu 
angetroffeu werden. 

So hat Pouchet durch neue Versuche den Einfluss des 
Nervensystems auf die Färbung dieser Thiere uachgewiesen, uud 
ist zu vielen positiven Schlussfolgerungen gelangt. Indem er de- 
finirt: „La fonction cromatique un exemple d’aetions refloxes sur 
les cromoblastes, dout le poiut de depart peut-etre Pimprcssiou 
visuelle resultant des proprietes actiniques du milieu ambient“, 
hat er bereits die grosse Bedeutung der Nerven in dieser Function 
anerkannt. 

Ich könnte hier kaum alle Versuche uud Schlussfolgerungen 
anführen, welche durch diese Arbeit veranlasst wurden, aber 
sicherlich ist jene Thatsache für mich von Bedeutung, dass er 
beweisen konnte, dass die Nerven die Ausdehnung oder die Zu- 
sammeuziehuug der Chromobiasten bewirken können, wie dieses 
auch Brücke in der Haut dos Chamäleon studirt hatte. 

Ohne mich in lauge Erörterungen hierüber einzulasseu, scheint 
es mir, dass die oben erwähnten Beziehungen zwischen den Nerven 
und einigen Hautveränderungeu vasculärer Natur nicht in Ahrede 
gestellt werden können, wonn man auch gewisse Untersuchungen 
über die anatomische Structur der Haut selbst im Auge behält, 
sowie die directe Beziehung, welche zwischen den Capillaren der 
Papillen und den Nervonendigungen des Faseruetzes wahrgenommen 
werden kann; namentlich wenn ich an die Beziehung deuke, 
welche Beale zwischen ihnen und den Capillaren gefunden hat, 
und wenn ich in Betracht ziehe, dass die Nervenfasern iu den 
Angiomen viel mehr entwickelt sind (Lebert). Und mag man 
die Sache ansehen wie man will, die stärkere Entwicklung spricht 


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188 


C a m p a n a. 


mit Wahrscheinlichkeit für eine vorausgegangene oder gegenwärtige 
grössere Functionsthätigkeit des betreffenden Theiles oder des 
Nerven, umsomehr, als dieselbe Tliatsache nicht in erworbenen 
Geschwülsten zu beobachten ist, deren Ursprung sicherlich nicht 
von Nerven beeinflusst wird, und bei denen diese (wie zum Bei¬ 
spiel beim Krebs) mit angeschwollenem Periueurium, aber mit 
atrophischen Fibrillen erscheinen. Ausserdem gebe ich zu bedenken, 
dass wenn man die Bildung des Angioms als eine anatomische 
Thatsache gelten lassen will, es unbegreiflich scheint, dass mau 
darin nicht dasselbe Gesotz der vollkommen lateralen Sym¬ 
metrie erkennen darf, das sich so constant in der Embryo¬ 
genie der Arterien und Capillareu erweist, und das auch constant 
bei den Fehlern der fötalen Entwicklung augetroffen wird, wie z. B. 
im Klumpfuss, in der Hasenscharte u. s. w. 

Wir wollen jetzt ein wenig die Parallele in Augenschein 
nehmen zwischen dor Vertheilung der Angiome des Kopfes und 
dem, was in Folge unvollständigen Verschlusses der Spalten 
des Kopfes im fötalen Leben geschieht. Man beachte also, dass 
mit Ausnahme der vollständigen Spaltung des Gesichtes, welche 
gewöhnlich in Folge unvollständiger Entwicklung sowohl des 
Stirnfortsatzes, als der beiden Kiemenfortsätze coustatirt wird, 
in jedem anderen Spaltondefect einer oder beider Seiten der 
Nase bis zu geringfügigen, doppelten oder einfachen Abdrücken 
des Lippeurandes — von den vollständigen Spaltungen des 
Gaumens bis zu den einfachen Furchen — immer Theilungen 
veranlasst werden, welche nicht die Medianlinie streifen, eben 
weil dieselben von der unvollständigen Schliessung des embryona¬ 
len Stirnfortsatzes herrühren, welcher sich zwischen den beiden 
Kiemenfortsätzen des Oberkiefers eiukeilt. Das Gleiche beob¬ 
achtet man nicht in der Vcrtlieiluug der von uns beschriebenen 
Angiome, die gewöhnlich nicht von den besagten Spalten ent¬ 
sprechenden Linien begrenzt werden, sondern die sich sowohl auf 
der Nase als auf dem Gaumen beständig über die nächste Median¬ 
linie ausdehnen. Ebenso kann mau nicht sagen, dass der Reiz, 
welcher die Ursache des Males ist, von der Spalte ausgehe, weil 
wir dann finden müssten, dass diese Male eine Spalte zum 
Mittelpunkt haben, während letztere bei den Angiomen des Gaumens 
auf der äussersten Grenze liegt. 


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Neuropathische Dermatosen. 


189 


\ 


Auch wenn man die Hypothese zulassen wollte, dass die 
Reizung sich von der Spalte nur nach einer Seite hin verbreite — 
könnten wir nicht begreifen, warum sich dieser Vorgang bei den 
einseitigen Angiomen dos Gaumens vorfindo, wo die Spalte die 
Grenze bildot und nicht bei den Angiomen, welche sich auf 
fast der ganzen Jochbeinregion bis zur verticalen Medianlinie der 
Nase ausdehuon und die Spaltennaht genau in ihrer Mitte zeigen. 

Aber zugegeben die Thatsache der Vertheilung dieser An- 
giome und die Möglichkeit, dass die Nerven durch anatomische 
und physiologische Verhältnisse die Genesis derselben beeinflussen, 
entsteht eine zweite Frage: sind es in den von Angiomen gebil¬ 
deten Malon (und das sind dio meisten) nur trophische Elemente 
oder vasomotorische, oder diese beiden Elemente zusammen, welche 
das Augiorn (im fötalen Leben) hervorrufen? Ich glaube alle beide, 
aber getronnt von einander und auf verschiedene Weise, je nach 
der Zeit und nach den Angiomformen, ob einfach vasculär oder 
lipomatös, oder mit bedeutender Hyportrophio des Gewebes. Des¬ 
halb halte ich an der Unterscheidung Simon's der trophischen 
Naevi von den vasomotorischen fest, nicht um damit eine 
ausschliessliche Thätigkeit, welche dieselben erzeugt hat, zu be¬ 
zeichnen, sondern um das Ueborgewicht der oiuen Thätigkeit über 
die andere, jo nach der Form, anzudeuteu; ohne den nicht immer 
übereinstimmenden wissenschaftlichen Ideen über den Trophismus 
Eintrag zu thun. 

Bezüglich der Genesis der einfachsten Form der Naevi, des 
Naevus flammeus, weiss ich nicht, ob dessen erstes Entstehen auf 
dieselbe Weise erklärt werden kann, wie etwa eine wiederkehrende 
vasomotorische Hyperämie des Gesichts unter irgend einer mora¬ 
lischen oder physischen Ursache, welcho nach dieser ersten Ein¬ 
wirkung permanent bleibt, woher dann alle Folgen, welche durch 
diese veränderten Vascularitätsverhältnisse hervorgerufen werden 
können, eutstohon. Donn in der That weiss mau nicht, ob das, was 
in dem obigen Falle einfache, vorübergehende Gefässerweiterung 
ist, für das fötale Leben, in welchem die Entw'ickelungsvorgänge 
unvergleichlich schneller ablaufen, ein Moment der permanenten 
Erweiterung der Gefässe mit darauffolgender Ueborernährung und 
Multiplication dor dieselben bildenden Elemente darstellen kann; 

Vierteljaliressclirift f. Dermatol, u. Syph. 1885. J3 


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190 


Campant. 


indem sich auf diese Weise, nach jenem ersten Momente, eine 
Phase einstellt, welche der in den Blutaderknoten herrschenden 
sehr ähnlich ist. 

Was ich indessen in Erwägung ziehe, ist, dass man auch 
im Falle einfacher vasomotorischer Störungen sicherlich vor Allem 
die Ursache nicht in den Nervencoutren, sondern in den Ganglien 
und in den peripherischen Norvenzweigen der vasomotorischen und 
hauptsächlich trophischen Nerven zu suchen habe. 

So lange die anatomischen Studien, welche darauf gerichtet 
sind, Veränderungen in den zu diesen Naevi gelangenden Nerven 
darzuthun, wie dieses hinsichtlich des Herpes zoster der Fall, 
sich nicht mehren, kann man hinsichtlich ihres Entstehens sich 
auch der Anschauungsweise anbequemen, dass das Nervensystem 
nur dahin wirke, das Gebiet der Angiome zu begrenzen; denn 
man kann Verschiedenheit des Retractionsgrades der Gefässwand 
zugeben, in Folge dessen Verschiedenheit in der Breite des Lu¬ 
mens der Gefässe selbst, je nach der verschiedenen vom Nerven 
dos einen oder des anderen Gebietes übertragenen Reizung. Wo 
nun letztere die Wirkungsfähigkeit hat und die Blutzuführung 
mässigt, wird das Angiom entweder nicht erzeugt, oder es wird 
mit der Zeit modificirt, während in dem Gebiete, das einem hierzu 
unfähigen Nervenzweig unterstellt ist, die Gefässe sich erweitern, 
sich verlängern, die Verzweigungen sich vermehren und das An¬ 
giom bleibt. Und diese Ansicht scheint mir ihren Stützpunkt in 
der Berücksichtigung der Anschauung finden zu können, welche 
Virchow hinsichtlich der Genesis einer Art von cavernösen Ge¬ 
schwülsten hat, in welcher er zwei Momente annimmt: die vascu- 
läre Neubildung aus der Uobertragung der festen Zellengliedor 
(Zellenzapfon) und die durch den Blutdruck veranlasste Erweite¬ 
rung der Gefässe selbst, welches letztere Moment in unserem 
Falle sich nur auf jenem Gebiete oinstellen würde, dessen Nerven 
nicht fähig sind, eine derartige Gefäss-Functionsthätigkoit zu be¬ 
stimmen, dass einer permanenten Modification des Gefüsszustandes 
entgegongewirkt wird. 

Don obenerwähnten Gründen ist noch hiuzuzufügen, dass 
Leiscink (Naevus maternus und Rankenourom) boreits einen Fall 
von Naevus maternus an der linkon Seite des Halses uud den 


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Neuropathische Dermatosen. 


191 


benachbarten Theilen in Beziehung zu Neuromen der Nerven der 
entsprechenden Region beschrieben hat. 1 ) 

Wie man jedoch sieht, kommen auch bei unserer zweiten 
Anschauungsweise, wie bei jeder anderen, welche man auf die 
Hypothese des modificirten Einflusses, einerseits der die Bewe¬ 
gungen des Herzens und der grossen Gefässe (Sympathicus) er¬ 
zeugenden Nerven, und anderseits der diese Bewegungen regu- 
lirenden und unterbrechenden Nerven, gründen könnte, trophische 
und vasomotorische Nerven in Betracht, und ich habe mir erlaubt, 
dieses darzulegen, mehr um die möglichen Erklärungen der That- 
sache zu erörtern, als um diese Anschauungsweise für die an¬ 
nehmbarste zu halten. 


') Neelsen, Aren. f. klin. Chirurgie XXVI. 


13* 


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Ueber therapeutische Ersatzmittel des 
Chrysarobins vom chemischen Standpunkte. 

Von 

Prof. Dr. C. Lieber mann in Berlin. 


Vor etwa zwanzig Jahren hatte ich zusammen mit Prof. 
Graebe gelegentlich unserer gemeinsamen Arbeiten über die 
Krappfarbstoffe und das künstliche Alizarin 1 ) auch dio im Rha¬ 
barber und anderen Pflanzen vorkommende Chrysophansäure un¬ 
tersucht und deren nahe chemische Beziehungen zum Alizarin 
festgestellt. 

Nachdem die Arbeit über Chrysophansäure, zum Theil wegen 
der schwierigen Beschaffung des Materiales aus Rhabarber, damals 
ihren vorläufigen Abschluss gefunden hatte, schien mir zehn Jahre 
später die Wiederaufnahme derselben angezeigt, als Attfield bei 
der Untersuchung des zu dermatologischen Zwecken benutzten 
Goapulvers nachgewiesen zu haben glaubte, dass das in grosser 
Menge in letzterer Drogue enthaltene, therapeutisch wirksame Princip 
nichts Anderes als Chrysophansäure sei. Bei meiner in Folge dessen 
gemeinschaftlich mit Dr. Seidler 8 ) unternommenen Untersuchung 
des Goapulvers stellte sich zwar die Richtigkeit der Attfield 1 - 
schen Angaben insofern heraus, als die von ihm schliesslich in 
reinem Zustande isolirte und analysirte Substanz in der That 
Chrysophansäure war; es liess sich aber leicht nachweisen, dass 

’) Liebig's Annalen der Chemie. Supp. Bd. VII, 257 und Bd. 160, 
S. 121. 

s ) Berichte der deutschen ehern. Gesellschaft. Bd. XI, 1603. 


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194 


Liebermann. 


die Chrysophansäure nicht das ursprünglich im Goapulver ent¬ 
haltene Princip, sondern aus diesem erst durch die von Attfield 
angewendeten Reinigungsmethoden entstanden war. Wir stellten 
fest, dass das ursprüngliche Princip der Goa, welchem wir den 
seithor auch von der deutschen Pharmakopoe dafür adoptirten 
Namen Chrysarobin beilegten, eiu Reductiousprodukt der Chryso¬ 
phansäure ist, welches sich unter geeigneten Bedingungen durch 
Oxydation — z. B. iu alkalischer Lösung durch Absorption des 
Luftsauerstoffes — leicht in Chrysophansäure verwandelt. Diese 
Fähigkeit der Sauerstoffabsorption stellt eine der frappantesten 
Eigenschaften des Chrysarobins dar. Schüttelt man z. B. dessen 
gelbe alkalische Lösung in einem verschlossenen Gefässe mit Luft, 
so absorbirt sie deren Sauerstoff, ähnlich wie dies eine alkalische 
Pyrogallollösung thut, in kurzer Zeit vollständig, während zugleich 
die Lösung die rothe Farbe der alkalischen Chrysophansäurelösung 
annimmt. 

Schon zu jener Zeit schien es mir, wie ich zum Schlüsse 
der erwähnten Abhaudlung hervorhob, höchst unwahrscheinlich, dass 
bei den Heilerfolgen des Goapulvers und der aus diesem horge- 
stellten Präparafe gegen gewisse parasitäre und andero Hautleiden 
(Psoriasis, Herpes tonsurans u. a.), die dem Alizarin analoge, sehr 
indifferente Chrysophansäure das wirksame Agens sein sollte. Ich 
sprach vielmehr schon damals die Ansicht aus, dass die beobach¬ 
teten therapeutischen Wirkungen wohl eher den reducireudeu und 
sauerstoffabsorbirenden Eigenschaften des Chrysarobins zuzuschrei¬ 
ben sein möchten. Zur Entscheidung dieser Frage empfahl ich 
die Anstellung gesonderter dermatologischer Versuche mit Alizarin, 
Chrysophansäure und Chrysarobin. 

Besondere therapeutische Versuche mit authentischer Chry- 
sophansäuro scheinen indessen auch seitdem nicht angestellt 
worden zu sein, doch hat Jarisch 1 ) die Unwirksamkeit des der 
Chrysophansäure so nahe stehenden Alizarins bei Psoriasis erwiesen. 

In meiner Ansicht von der Wirkungsart des Chrysarobins 
wurde ich noch durch die Heilerfolge bestärkt, welche Ja risch 

') Wiener med. Blätter 1878, Nr. 15 und 16 und Med. Jahrbücher, 
redigirt von Stricker, 1878, 511. — In der ersten Mittheilung spricht 
Jarisch von der „in einigen Fällen ausbleibenden Wirkung“, in der letz¬ 
teren von der „Unwirksamkeit“ des Alizarins. 


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Therapeutisch * 1 Ersatzmittel des Chrysarohins vom chemischen Standpunkte. 195 


fast zur selben Zeit, in der ich diese Ansichten aussprach, gegen 
die erwähnten Krankheiten mittelst Pyrogallol erzielte. Zur An¬ 
wendung dieses Mittels, welches sich seitdem neben dem Chrysa- 
robin vollständig eingebürgert hat, gelangte Ja risch allerdings 
mittelst eines, von dem meinen ganz abweichenden Gedanken- 
ganges, indem er die vermeintliche Chrysophansäure mit der Pyro- 
gallussäure als mehrwerthiges Phenol in Parallele stellen wollte. 
Es liegt aber auf der Hand, dass Pyrogallussäure und Chrysarobin 
in der erwähnten Absorptionsfähigkeit für Sauerstoff eine noch 
viel näher liegende Aualogie haben, und Jarisch erkennt auch 
die Möglichkeit meiuer Erklärungsweise der Wirkungsart des Chry- 
sarobins vollständig an. 

Auf meine obige Gedaukeufolge wurde ich neuerdings wieder 
durch Untersuchungen hingelenkt, welche ich ') über die Rückfiihr- 
barkeit von Chrysophansäure in Chrysarobin durch reducirende 
Mittel anstellte, und an welche sich Untersuchungen ‘ über die 
Reductionsstufen (Leukosubstanzen) anderer, der Chrysophansäure 
chemisch nahestehender Farbstoffe, namentlich des Alizarins, 
Flavo-, Anthrapurpurins, des Anthragallols, der Rufigallussäure 
u. a. auschlossen. Alle diese Farbstoffe bilden, wie übrigens im 
Allgemeinen bereits länger bekannt, Reductionsstufen, welche 
ähnlich dem Chrysarobin in alkalischer Lösung aufs Energischste 
Sauerstoff absorbiren, um in die zugehörigen Farbstoffe überzu¬ 
gehen. War moine Ansicht über die Heilwirkungen des Chry- 
sarobius richtig, so war es wahrscheinlich, dass diese Leuko¬ 
substanzen im Allgemeinen uud einige der vorstehenden im 
Besonderen dem Chrysarobin ähnliche Heilwirkungen zeigeu 
würden. 

Für therapeutische Versuche durfte man von den hier in 
Betracht kommenden zahlreichen Körpern nur an solche denken, 
welche sich 1. als nichtgiftig präsumiren lassen, 2. (zur Vermei¬ 
dung therapeutischer Nebenwirkungen) einer der Chrysophansäure 
möglichst nahe stehenden chemischen Verbindungsgruppe angehören, 
3. sich auch in grösserem Massstabe technisch leicht lierstellen lassen. 
Von derartigen Substanzen sind durch die Alizarintechnik namentlich 
das Alizarin, das Flavo- und das Anthrapurpurin in grösster Menge 

') Berichte der deutschen ehern. Gesellschaft. Bd. XXI, 435. 


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L i o b o r m a n n. 


und zu relativ niedrigem Preise zugänglich. Es kam daher darauf 
au, zunächst deren Reductiousstufen darzustellen und diese als¬ 
dann in ihrer therapeutischen Wirkung zu untersuchen. 

Nach einigen Vorversuchen bin ich für dio technische Dar¬ 
stellung der Leukosubstanzen hei folgendem technisch leicht aus¬ 
führbaren und einwandsfroien allgemeinen Verfahren stehen ge¬ 
blieben. 

Zur Reduction der Farbstoffe benutzt man als wasserstoff- 
zuführendes Mittel am besten Zinkstaub und Ammoniak, welches 
schon früher v. P erg er 1 ) zur Reduction des Anthrachinons, dann 
ich selbst mit Bollert 2 ) und Simon 2 ) zur Reduction von Au- 
thrachiuonsulfosäure und von Oxyanthrachinon, sowie Römer 3 ) 
und Römer und Schwarzer 3 ) in meinem Laboratorium zur 
Reduction von Isoanthraflaviusäure und Alizarin mit Erfolg ange¬ 
wendet haben. Man braucht nur die Farbstoffe, etwa nach der 
von Römer ausführlich gegebenen Vorschrift, eine Viertelstunde 
lang mit Zinkstaub und verdünntem Ammoniak zu kochen, die 
ammoniakalische Lösung vom Zinkstaub in Salzsäure hineiuzufil- 
triren, die dabei sich ausscheideude Fällung der Leukosubstanzen 
zu sammeln, auszuwaschen und zu trocknen, um alsbald ein für 
die weiteren therapeutischen Zwecke genügend reines Material 
zu haben. Bei einiger Uebung sind die Ausbeuten nahozu quan¬ 
titativ, und der Process mit geringen Kosten und ohne Schwierig¬ 
keit im grössten Massstabe ausführbar. 

Um mit reinen chemischen Vorbindungen zu operiren, stellte 
ich das Material für die ersten therapeutischen Versuche Anfangs 
durch Reduction von reinem Flavopurpurin dar. Diese Substanz 
wählte ich mehr zufällig deshalb, weil mir gerade eine grössere 
Mengo derselben im reinen Zustand zur Verfügung stand. Sobald 
die therapeutische Wirksamkeit des Leukoflavopurpurins feststand, 
wurden dann einige therapeutische Parallel vorsuche mit dem 
Leukoprodukt des Alizarius, für dessen Darstellung ich von che¬ 
misch reinem Alizarin ausging, angestellt, dio übrigens den glei¬ 
chen Erfolg wie die Versuche mit dem Produkte aus Flavopur- 
purin hatten. Hiernach schien es nicht mehr nöthig, die beiden 

’) Journ. für prakt. Chcin. (2) 23, 139. 

: ) Ann. Chem. Pharm. 212, 9 und .'57. 

*) Diese Berichte XIV, 12(30 und XV, 1040. 


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Therapeutische Ersatzmittel des Chrysarobins vom chemischen Standpunkte. 197 


Farbstoffe mit aller Strenge gesondert zu halten und es konnten 
daher für die ferneren Versuche ohne Weiteres die technischen 
Alizarin- respective Purpurinmarken als Ausgangsmaterial der 
Reduction benutzt werden, wie das bei etwaigem späteren tech¬ 
nischen Betriebe doch unumgänglich nothwendig sein würde. 

Von den Reductionsprodukten der beiden vorgenannten 
Farbstoffe ist dasjenige des Alizarins bereits früher von Römer 
dargestellt worden, der es als Desoxyalizarin bezeichnete. Man 
könnte demgemäss auch die von mir neu dargestellten Verbin¬ 
dungen als Desoxyflavo-, Desoxyanthrapurpurin u. s. w. bezeichnen. 
Mir scheint weder diese Benennung, noch die von mir für die 
wissenschaftliche Bezeichnung dieser Verbindungsgruppe bevor¬ 
zugte als „Anthranole“ der betreffenden Farbstoffe den Anforde¬ 
rungen an die Namenbildung technischer oder pharmaceutischer 
Produkte zu entsprechen. Ich schlage daher vor, die Leukover¬ 
bindungen der technischen Alizarinfarbstoffe allgemein als „An- 
thrarobine“ zu bezeichnen, welcher Name zugleich an die Ab¬ 
stammung von den Anthrachinonfarbstoffen (Alizarin, Flavo-An- 
thrapurpuriu), wie an die chemischen und therapeutischen 
Beziehungen zum Chrysarobin erinnern soll. Anthrarobin kurzweg 
würde man das Reductionsprodukt aus käuflichem Alizarin („Blau¬ 
stich“) nennen, während die Produkte aus den käuflichen Purpurinen 
(„Alizaringolbsticli“) durch Zusatz eines Buchstabens (P oder F) 
markirt werden könnten. Unter dioser Bezeichnung wird auch die 
chemische Fabrik der Herren Jaff6 und Darmstädter in Berlin 
das in der vorbeschriebenen Weise (mit Ammoniak und Zink¬ 
staub) dargestellte Produkt in den Handel bringen. 

Indem ich bezüglich der chemischen Beziehungen des An- 
thrarobins auf meine citirte Abhandlung in den Berichten der 
deutschen chemischen Gesellschaft verweise, möchte ich hier nur noch 
einige äussere Eigenschaften des Anthrarobins, wie es von den Herren 
Jaffe und Darmstädter geliefert wird, und soweit die Eigen¬ 
schaften mir für den Mediciner von Interesse erscheinen, anführen. 

Das käufliche Anthrarobin bildet ein gelblich weisses Pulver, 
welches sich im trockenen Zustand an der Luft sehr gut hält. In kaltem 
Wasser und verdünnten wässrigen Säuren ist es unlöslich, dagegen 
löst es sich mit der grössten Leichtigkeit schon in der Kälte in 
verdünnten wässrigen Alkalien, Ammoniak und auch Erdalkalien mit 


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198 


L i e b e r m a n n. 


braungelber Farbe auf. Diese Lösungen sind aber nicht beständig, 
mit der grössten Begierde absorbiren sie, zumal die der fixen 
Alkalien, don Sauerstoff der Luft, woboi die Farbe der Lösung 
durch Grün in Blau und schliesslich Alizarinviolett übergeht. 
Diese Farbfolge, welche auch zur Erkennung der Substanz dienen 
kann, beobachtet man am besten beim Schütteln verdünnter Lö¬ 
sungen im Reagensglas an den der Luft am meisten ausgesetzteu 
Glaswandungen über einer weissen Papierunterlage. Die Absorption 
des Luftsauerstoffes lässt sich leicht in der Weise sichtbar machen, 
dass man eine etwas grössere Menge, etwa '/» bis */ a Gr. Sub¬ 
stanz, mit etwas Alkalilauge in einem Reagensglase bei fest auf¬ 
gesetztem Daumen schüttelt, welcher dabei durch die im Reagens¬ 
glase entstehende Luftverdünnung lebhaft angesaugt wird. 1 Gr. 
Anthrarobin absorbirt circa 120 Cc. Sauerstoff. 

Antbrarobin ist in Benzol und Chloroform schwer löslich, 
seine Löslichkeit in Eisessig und namentlich in Alkohol ist aber 
viel grösser als die des Chrysarobins. Fünf Theile 90—95-percentigen 
Alkohols genügen, es auch in der Kälte gelöst zu behalten. Das 
technische Produkt löst sich mit braungelber Farbe. Am besten 
löst man in kochendem Alkohol, wobei die Lösung fast momentan 
vor sich geht; langes Kochen ist aber wegen der Zersetzlichkeit 
der Substanz durchaus zu vermeiden. Kalte alkoholische Lösungen 
oxydiren sich zwar an der Luft etwas, doch hielt sich eine der¬ 
artige Lösung in wohl verkorkter Flasche wochenlang ziemlich 
unverändert. Mit Glycerin lässt sich die alkoholische Lösung ver¬ 
dünnen, ohne dass die Substanz, die auch in Glycerin löslich ist, 
ausfällt. Anthrarobin ist auch in wässriger Boraxlösung stark löslich. 

Das technische Produkt enthält eine Spur zinkoxydhaltiger 
Asche, die aber nur etwa '/a Percent betrug, also für die Ver¬ 
wendung nicht weiter ins Gewicht Fällt. 

Die therapeutischen Versuche mit Anthrarobin hat Herr Dr. 
G. Bohrend, Privatdocent an der hiesigen Universität, in seiner 
Poliklinik für Dermatologie vorzunehmen die Güte gehabt. Der¬ 
selbe theilt mir gütigst mit, dass sich mit Anthrarobin dieselben 
Krankheiten wie mit Chrysarobin heilen lassen, und dass ihm die 
Heilung bereits in einer grösseren Zahl von Fällen von Herpes 
tonsurans, Psoriasis, Pityriasis versicolor und Eczema marginatum 
vollständig gelungen sei. 


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Therapeutische Ersatzmittel des Chrysarobins vom chemischen Standpunkte. 199 


Die Einzelheiten seiner therapeutischen Versuche wird Herr 
Dr. Behrend selbst iu dieser Zeitschrift mittheilen. 

Da sonach für das Anthrarobin, das Reductionsprodukt des 
Alizarins, eine therapeutische Wirksamkeit nachgewiesen ist, welche 
nach Jarisch das Alizarin selbst nicht besitzt, so wird der 
Grund für diese Wirkung des Antlirarobins doch höchst wahr¬ 
scheinlich in dessen reducirenden Eigenschaften zu suchen sein. 
Und da sich die Anthrarobine unter sich und mit dem Chrysa- 
robin therapeutisch ganz gleich verhalten, so wird auch die the¬ 
rapeutische Wirkung des Chrysarobins, meiner ersten Annahme 
entsprechend, auf den gleichen Grund der Absorptionsfähigkeit für 
Sauerstoff zurückzuführen sein. 

Gewinnt man hierdurch einen Einblick in die bisher unbe¬ 
kannte Wirksamkeit dieser Heilmittel, so eröffnet sich gleichzeitig 
die Aussicht auf eine sehr ausgedehnte Reihe analoger Heilmittel, 
Kennen wir doch zu einer Unzahl von Farbstoffen, wenn auch 
nicht immer chemisch genügend, derartig sauerstoffgierige Leuko- 
derivate. Derartige Verbindungen finden sich auch vielfach, bei¬ 
spielsweise das Indigweiss der Indigofera-Arten, in der lebenden 
Pflanze und es wäre nicht unmöglich, dass manche frühere Heil¬ 
wirkungen mit Kräutersäften auf ähnliche Substanzen zurückzu¬ 
führen wären. Demnach darf man hoffen, dass, wenn sich das Princip 
von der therapeutischen Wirksamkeit dieser Stoffe in weiteren Ver¬ 
suchen, zu denen diese Zeilen anregen sollen, weiter bewährt, es 
dann der Chemie, bei der Möglichkeit zahlreicher Varianten, ge¬ 
lingen wird, unter Beibehaltung der Vorzüge dieser Heilmittel ihre 
etwaigen Mängel zu verändern oder zu beseitigen. 

Schliesslich kann ich es nicht unterlassen, Herrn Dr. G. 
Behrend für die gefällige Uebernahme des therapeutischen Theiles 
der Untersuchung meinen besten Dank zu sagen. 

Nachschrift: In jüngster Zeit hat auch Herr Prof. Dr. 
Köbner einige Erfahrungen über das Verhalten des Anthrarobins 
bei Psoriasis, Pityriasis versicolor, papulösem Syphilid u. a. ge¬ 
sammelt, welche, wenigstens bezüglich der Wirksamkeit des An¬ 
thrarobins im Allgemeinen, zu einem dem obigen ähnlichen Re¬ 
sultate führen. 

Organisches Laboratorium 
der kgl. technischen Hochschule zu Berlin. 


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Aus der Poliklinik für Hautkrankheiten des Dr. G. Bohrend 

in Berlin. 


Ueber Anthrarobin, ein Ersatzmittel des 
Chrysarobin und der Pyrogallussäure bei der 
Behandlung von Hautkrankheiten. 

Von 

Dr. Gnstav Behrend, 

Docent an der Universität in Berlin. 


Am 9.0ctober v. J. wurde mir von Herrn Prof. C. Liebermann 
zu therapeutischen Versuchen ein von ihm dargestellter Stoff 
übergeben, von welchem er mir mittheilte, dass er in Bezug auf 
seine chemische Zusammensetzung dem Chrysarobin sehr nahe 
stehe, und von welchem er auf Grund gewisser Schlussfolgerungen 
annahm, dass ein Gleiches auch in Bezug auf die therapeutische 
Wirkung der Fall sei. Dieser Stoff hat den Namen des Anthra¬ 
robin erhalten. 

Der Gedankengang, welcher Herrn Liebermann zur Dar¬ 
stellung desselben führte, die Art seiner Darstellung und seine 
chemischen Eigentümlichkeiten werden von dem Entdecker dieses 
neuen Stoffes in einem besonderen Aufsatz in dieser Vierteljahres¬ 
schrift dargelegt, während es meine Aufgabe ausschliesslich sein 
soll, über die pharmakologischen Eigentümlichkeiten des An¬ 
thrarobin, über die Art seiner Anwendung und über die thera¬ 
peutische Seite zu berichten. 

Dasselbe bildet, wie es von Jaffe und Darmstädter fabrik- 
massig dargestellt und in den Handel gebracht wird, eiu geruch- 


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202 


B e h r e n d. 


loses gelblich weisses lockeres Pulver vou körniger Beschaffenheit, 
das auf die Nasenschleimhaut einen eigenthümlich brennenden 
Beiz ausübt. Es lässt sich mit Schweinefett und Lanolin zur Salbe 
verarbeiten, nachdem es zuvor mit Olivenöl angerieben ist, indess 
bedarf es zur Herstellung einer homogenen Salbenmasse wegen 
der körnigen Beschaffenheit des Pulvers eines längeren sorgfäl¬ 
tigen Eeibens. Es ist in Wasser nur wenig, in einer wässerigen 
Boraxlösung dagegen sowie in Alkohol leicht löslich und zwar 
löst es sich in zehn Theilou kaltem und in fünf Theilen kochen- 
dom Alkohol mit dunkelbraungelber Farbe auf, ohne nach dem 
Erkalten desselben wieder auszufallen, desgleichen wird es in zehn 
Theilen Glycerin bei etwa 100° C. gelöst und in Lösung erhalten, 
bei gewöhnlicher Temperatur löst Glycerin nur geringere Mengen 
auf. Zu den therapeutischen Versuchen wurden benutzt: 

1. Theils eine zehnpercentige, theils eine zwanzigpercentige 
Salbe welche nach folgenden Formeln bereitet wurden: 

Kp. Anthrarobini 5 0 Kp. Anthrarobini 5'0 
01. olivarum 10 0 01. olivarum 15 - 0 

Axungiae porci 35 0 Lanolini 30 0 

zehnpercentige Salbe. 

Rp. Anthrarobini lO'O Ep. Anthrarobini 10*0 
01. olivarum 10 0 01. olivarum 

Axungiae porci 30 0 Lanolini ää 20-0 

zwanzigpercentige Salbe. 

2. Eine zehnpercentige Glycerinlösung, nach der Formel: 

Ep. Anthrarobini 10 0 
Glycerini 40'0 
Solve in baln. Aq. 
s. Anthrarobinglycerin. 

3. Eine theils zehnpercentige, theils zwanzigpercentige alko¬ 
holische Tinctur: 

Ep. Anthrarobini 5*0 Rp. Anthrarobini 10 0 
Alkohol. 45-0 Alkohol. 40 0 

solve in baln. Aq. efifervescendo solve. 

s. An thrarobintinctur. 


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Anthrarobin. 


203 


4. Eine wässerige, sowie eine alkoholische Glycerin-Borax- 
lösung nach folgenden Formeln: 

Rp. Anthrarobini 10 0 Rp. Anthrarobini 20-0 
Boracis 8*0 Boracis 35*0 

Aq. dest. 80-0 Spirit, 

m. d. Glycerini ää 90*0 

m. d. 

In allen diesen Formen wurde das Anthrarobin gut ver¬ 

tragen; niemals traten Reizerscheinungen auf, wie sie bei An¬ 
wendung des Chrysarobin regelmässig Vorkommen; und zwar wurde 
sowohl die Salbe, als die Tinctur auch im Gesicht, ja selbst auf 
den Augenlidern und an den Augenwinkeln wochenlang angewandt, 
ohne dass eine Spur von Oedem der Augenlider oder Entzündung der 
Conjunctiva eintrat, Erscheinungen, welche die Anwendung des 
Chrysarobin im Gesichte oder dessen Nähe unmöglich machen. 
Die einzigen unangenehmen Erscheinungen dieses Medicamentes 
sind eine Gelbfärbung der Haut, die sich jedoch im Gegensätze 
zum Chrysarobin nicht über den Applicationsort des Medicaments 
hinaus erstreckt, und ein massiges Brennen, das in einigen Fällen 
nur wenige Minuten, in anderen einige Stunden mit abnehmender 
Intensität anhielt, jedoch in keinem Falle so stark war, dass es 
nicht auch von Kindern willig ertragen werden konnte. Gleichwie 
das Chrysarobin macht auch das Anthrarobin Flecke in der 
Wäsche, die, wenn sie mehrere Tage bestehen, nicht mehr voll¬ 
kommen entfernt werden können. 

Was die therapeutische Verwerthung des Anthrarobin im 
Speciellen betrifft, so habe ich es in allen denjenigen Erkrankungs¬ 
formen der Haut zur Anwendung gebracht, in denen das Chry¬ 
sarobin mit Erfolg Anwendung findet. I. Neumann 1 ), welchem 
die deutsche Literatur die erste ausführliche Mittheilung über die 
therapeutische Wirkung des Chrysarobin verdankt, hat es bei 
Herpes tonsurans, Pityriasis versicolor und Psoriasis empfohlen, 
denen ich in letzterer Zeit das Erythrasma s ) hinzugefügt habe. 

') I. Neumann. Ueber Behandlung der Psoriasis vulgaris, des Herpes 
tonsurans und der Pityriasis versicolor mit Cbrysophansäure und Goapulver. 
Wiener med. Presse 1878, Nr. 14, 15, 16. 

*) G. Behrcnd. Artikel „Erythrasina“ in Eulenburg’s Realency- 
clopädie, 2. Auf!., Bd. VI., pag. 621. 


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204 


Bohrend. 


Demgemäss erstreckten sich meine therapeutischen Versuche mit 
dem Anthrarobin auf 

Fünfzehn Fälle von Psoriasis vulgaris; 

siebzehn Fälle von Herpes tousuraus, darunter zwei Fälle 
von Herpes tousurans maculosus, acht Fälle von Herpes tonsurans 
vesiculosus dos Bartes, einen Fall von Herpes tonsurans des 
Kopfes; 

Zwei Fälle von Erythrasma; 

Einen Fall von Pityriasis versieolor. 

Von den Psoriasisfällen wurden vier mit freundlicher Ge¬ 
nehmigung des Herrn Paul Guttmanu im städtischen Kranken¬ 
hause zu Moabit behandelt, einen Fall hatte Herr Prof. Fürbringer 
die Freundlichkeit iu seinem Kraukeubaus im Friedrichshaiu be¬ 
handeln zu lassen, das übrige Material gehörte thoils meiner Poli¬ 
klinik, theils meiner Privatpraxis an. 

Von den oben angegebenen Applicationsformen erwies sich 
die alkoholische Tinctur bei weitem wirksamer als die Salbe, sie 
bot ausserdem noch den Vortheil, dass die Haut unmittelbar nach 
der Application durch Verdunsten des Alkohols trocken war und 
die Wäsche weniger verfärbte. Beide wurden iu die Haut nach 
jedesmaliger Ablösung der vorhandenen Schuppen eingerieben; 
die Glycerin- und die Boraxlösungen kamen nur in sei tonen Fällen 
zur Anwendung, so dass ein abschliessendes Urtheil über dieselben 
nicht möglich ist. Wesentlich verstärkt aber wurde dio 
Wirkung des Anthrarobin, wenn die erkrankto Haut vor 
der Application desselben mit Spiritus sapouatus kalinus 
oder mit Schmiorseife eingerieben worden war, eine 
Erscheinung, welche vielleicht durch chemische Vorgänge ihre Er¬ 
klärung findet, und meiner Ansicht nach zu Gunsten der von 
Liebermann aufgestelltou Theorie der Wirksamkeit dieses Stoffes 
spricht. 

Was dio Heilerfolge bei dou oben aufgeführten Erkraukungs- 
l'ormen betrifl’t, so können dieselben als vollkommen bezeichnet 
worden. Im Allgemeinen war die Wirkung freilich schwächer 
als die des Chrysarobin, so dass dio Behandlung bis zur voll¬ 
ständigen Hoilung oiuigo Tage mehr in Anspruch nahm, indess 
bot die grössere Toleranz der Haut gegen das Anthrarobin einen 
hinlänglichen Ersatz für die längere Bohaudluugsdauor, und 


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AnthraroBin. 


205 


sämmtlicbe Patienten, die früher eiumal mit Chrysarobin be¬ 
handelt worden waren, gaben dem Anthrarobin trotz seiner etwas 
langsameren Wirkung entschieden den Vorzug vor jenem. 

Indem ich von der Miltheilung ausführlicher Krankenge¬ 
schichten Abstand nehme, beschränke ich mich bezüglich der 
einzelnen Krankheitsformen auf nachstehende Daten: 


1. Psoriasis. 

Von den oben angegebenen füufzehn Fällen von Psoriasis 
blieben drei aus der Behandlung, nachdem eine wesentliche Bes¬ 
serung eingetreten war, bei den übrigen zwölf Patienten wurde 
die Behandlung bis zur Heilung fortgeführt. Ein Theil dieser 
Kranken wurde in der Weise behandelt, dass die Salbe oder die 
Tinctur nach Ablösung der Schuppen mit einem Borstenpinsel 
oder mit Watto fest eiugerieben wurde, wobei die Iuitialformen 
schon nach vier bis fünf Einreibungen, weiter entwickelte Eftio- 
rescenzen dagegen erst nach sieben bis zehn und zwölf, ja, zu¬ 
weilen erst nach einer beträchtlich grösseren Zahl von Ein¬ 
reibungen zur Involution gelaugten. Bei zwei Kranken wurden 
vergleichende Versuche mit Anthrarobin und Chrysarobin in der 
Weise vorgenommen, dass die eine Hälfte des Körpers mit jenem, 
die andere mit diesem Medicamente behandelt wurde, es zeigte 
sich nach sieben Einreibungen die Chrysarobinseite vollkommen 
geheilt, an der anderen Seite dagegen waren noch weitere Einrei¬ 
bungen bis zur vollständigen Involution erforderlich. 

Ein Patient, der auf meine Bitte im Krankenhause des 
Herrn Guttmann behandelt wurde, zeigte an den Armen, an 
den Nates und an den Unterschenkeln etwa handtellergrosse 
Psoriasisplaques, die nach einer fünfmaligen Application einer 
zehnpercentigen Chrysarobin-Trauraaticinlösung nicht geschwunden 
waren, sich aber nach acht bis neun Einreibungen einer zehn¬ 
percentigen Anthrarobinsalbe vollständig involvirten. 

Nachdem in dieser Weise die Wirksamkeit des Anthrarobin 
festgestellt war, ging ich zu einer anderen Reihe von Versuchen 
über. Schon bei der Verwendung des Chrysarobin und des Goa¬ 
pulvers war es mir seit langer Zeit aufgefallen, dass die durch 
dieselben erzeugte Entzündung der Haut um so schneller und um 

VierteljahreBschrift f. Dermatol, u. Syph. 188S. 


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206 


Bohrend. 


so intensiver auftritt, je mehr die Patienten die betreffenden 
Hautstellen mit Seife behandelten. Aus diesem Grunde habe ich 
hei der Chrysarobinbehandlung Seifenwaschungen und Seifenbäder 
nicht allein vermeiden lassen, sondern Hess entweder der zu ver¬ 
wendenden Salbe Essig hinzusetzen oder die Haut zuvor mit Essig 
anfeuchten. Hierdurch wurde allerdings die Entzündung vermieden, 
oder wenigstens beschränkt, es ergab sich jedoch auf der anderen 
Seite, dass die Wirksamkeit des Mittels bei weitem schwächer war, 
die Anwesenheit der Seife also die Intensität der Wirkung steigerte. 
Ich ging daher dazu über, diese Erfahrung für das Anthrarobin zu 
verwerthen und verband Seifeneiureibungen mit Anthrarobinein- 
reibungen in der Weise, dass die erkrankten Hautstelleu, nachdem 
sie von Schuppen befreit waren, zuerst mit Kaliseife oder mit 
Spiritus saponatus kaliuus kräftig eingerieben waren, alsbald mit 
der Salbe in gleicher Weise behandelt wurden, wobei eine un¬ 
zweifelhaft schnellere Heilung eintrat. Eine Erklärung für diese 
Thatsache ist vielleicht in der von Liehermann aufgestellten 
Theorie über die Wirkung des Anthrarobin zu suchen. Derselbe ist 
nämlich der Ansicht, dass die Wirksamkeit dieses Stoffes auf 
der leichten Oxydirbarkeit desselben beruhe. Liebermann hat 
aber zugleich gezeigt, dass diese Oxydation sich hei Gegenwart 
von Alkalien schneller vollziehe, als unter anderen Verhältnissen, 
so dass also, wie ich annehme, auch die Gegenwart von Seife nach 
dieser Richtung hin heilungsfördernd wirken muss und thatsächlich 
wirkt. Hieraus aber ergibt sich, dass es unthunlich ist, der Salbe 
gleich bei ihrer Bereitung Seife hinzuzusetzen, weil hierdurch das 
Anthrarobin oxydirt und in ein unwirksameres Produkt überge¬ 
führt wird. 

Während aber das Chrvsarobin bei Anwesenheit von Seife 
starke Entzündungserscheinungen auf der Haut erzeugt, ist dies 
bei Anthrarobin keineswegs der Fall, so dass in einem Falle von 
Psoriasis, bei welchem die ganze Stirn, die Augenbrauen, die 
Augenlider und beide Wangen von confluirenden Ringen voll¬ 
kommen bedeckt waren, die Behandlung in dieser Weise wochen¬ 
lang ohne die geringste Belästigung des Patienten bis zur voll¬ 
kommenen Heilung fortgeführt werden konnte. Eine gleiche 
Behandlung wurde bei Psoriasis capitis mit vollkommen befriedi¬ 
gendem Resultate vorgenommen. 


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Anthrarobin. 


207 


2. Herpes tonsurans. 

Bei Herpes tonsurans, welcher in Berlin schon seit mehre¬ 
ren Jahren zu den häufigsten Erkrankungen gehört, wurde theils 
die zwanzigpercentige Salbe, thoils die Tinctur verwandt, und 
zwar sowohl beim Herpes tonsurans vesioulosus als beim Herpes 
tonsurans maculosus. Die Zahl der Einreibungen variirte zwischen 
zehn und fünfzehn und führte stets zur Heilung. Unter den oben 
angegebenen behandelten siebzehn Fällen waren 

zwei Fälle von Herpes tonsurans maculosus 

acht „ „ „ „ vosiculosus des Bartes, 

ein Fall „ ,, „ * Kopfes, 

während die übrigen Fälle Erkrankungen an unbehaarten Körper¬ 
stellen, respective solche bei Frauen und Kindern bildeten. In 
keinem der Fälle von Erkrankung des bärtigen Gesichtes kam es 
zur Entwickelung einer Sykosis, eine Thatsache, welche beweist, 
dass die Vernichtung der Pilze so frühzeitig erfolgte, dass ein 
Hineinwachsen derselben in die Follikel nicht mehr stattfinden 
konnte. Auch der Fall von Herpes tonsurans des Kopfes verlief, 
ohne dass es zur Entwickelung eines Kerion kam. 


3. Erythrasma. 

Während in allen dermatologischen Lehrbüchern das Ery¬ 
thrasma als eine Krankheit verzeichnet steht, deren Heilung eine 
ausserordentlich lange Zeit beansprucht, habe ich im Artikel Ery¬ 
thrasma in Eulenburg’s Realencyclopädie (2. Aufl., Bd. VI, 
pag. 625) darauf hingewiesen, dass man dasselbe mit Chrysarobin 
in ebenso viel Tagen, als mit anderen Mitteln in Wochen und 
Monaten beseitigen kann. Ich habe demgemäss auch bei dieser 
Erkrankung das Anthrarobin in der bei der Psoriasis angegebenen 
Weise zur Anwendung gebracht und durch etwa fünfzehn Ein¬ 
reibungen Heilung erzielt. In dem einen der beiden behandelten 
Fälle hatte die Erkrankung ihren Sitz an der Innenflächo des 
Oberschenkels am Perineum in der Afterfalte und am Scrotum, 
im anderen Falle war sie rings um den Hals, in beiden Achsel¬ 
höhlen und an beiden Ellbogen localisirt. 

14* 


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208 


B e h r e n d. Anthinrobin. 


In Bezug auf den behandelten Fall von 

4. Pityriasis versicolor 

habe ich nichts besonderes hinzuzufügen. 

Wenn nun auf der einen Seite das Anthrarobin langsamer 
wirkt als das Chrysarobin, vor welchem es unbestreitbare Vor¬ 
züge besitzt, so muss doch auf der anderen Seite hervorgehoben 
werden, dass es die Pyrogallussäure an Schnelligkeit der Wirkung 
unzweifelhaft übertrifft, und wenn man in Erwägung zieht, dass 
letztere unter Umständen auch nachtheilige Folgen für den Ge- 
sammtorganismus haben kann, so dürfte das Anthrarobin als ein 
willkommenes Ersatzmittel auch für letztere gelten, da uns von 
demselben bisher nachtheilige Einwirkungen auf den Gesammt- 
organismus nicht bekannt sind. Indess ist Herr Dr. Th. Weyl mit 
Thierversuchen beschäftigt, die nach dieser Richtung hin Sicherheit 
verschaffen sollen. Zum Schlüsse muss noch bemerkt werden, dass 
der Preis des Anthrarobin etwa um ein Drittel niedriger ist als 
der des Chrysarobin und der Pyrogallussäure. 


~xx~ 


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Aus der venerischen Abtheiiung des Doc. Dr. A. Fleischer 
im Kiew’schen Militärspital. 


lieber chirurgische Behandlung 
der suppurirenden venerischen Bubonen. 

Von 

Dr. Karl Szadek, 

Sppeialarzt fftr Hautkrankheiten und Syphilis in Kiow. 


Die sogenannten venerischen oder Schankerbubonen, wie sie 
in Folge von venerisch-contagiösen, weichen Geschwüren Vorkom¬ 
men, was unter zehn Fällen circa zwei- bis fünfmal vorzukommen 
pflegt, sind wegen raschen Entstehens der Abscedirung, der Art 
ihres Verlaufes und ihrer Infectiosität von den chronischen — 
syphilitischen und tuberculösen — Adenitiden zu trennen. Da 
der Bubo zu deu rein localen, nicht constitntionellen Erkrankungen 
gehört, so muss auch die Behandlung desselben gewiss eine rein 
örtliche, chirurgische sein. 

Die Therapie der venerischen Bubonen, obgleich schon seit 
dem Alterthume vielfach und eingehend darüber discutirt worden, 
hat erst in der Jüngstzeit wesentliche Fortschritte gemacht; 
jedoch ist eine vollkommene Uebereinstimmung über die besten 
Behandlungsmethoden der venerischen Bubonen nicht erzielt, weil 
die Ansichten der Aerzte über das therapeutische Verfahren bei 
zu Stande gekommenem Bubo und über die Wahl der chirurgi¬ 
schen Eingriffe bei schon vereiternden Adenitiden bisher getheilt 
und vielfach widersprechend sind. 


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210 


S t a <1 o k. 


Iu den folgenden Zeilen will ich die Resultate der chirur¬ 
gischen Behandlungsmethode mittheileu, die bei vereiternden Bu¬ 
bonen an der Abtheilung für venerische Krauke im Kiew’schen 
Militärspitale augowandt wird. Diese Behandlungsmethode, schon 
seit 1880 von dem Vorstaude der Abtheilung, Herrn Doc. Dr. 
A. Fleischer, eingoführt, wurde auch von mir in den letzten 
Monaten angewandt. Die günstigen Erfolge, die Herr Dr. Fleischer 
und ich mit derselben erzielt haben, veranlassen mich, sie ausführ¬ 
lich zu besprechen. 

Bevor ich an die Besprechung des Themas solbst schreite, 
will ich einen Blick auf die Geschichte der localen Therapie der 
venerischen Bubonen werfen und eine kurze Uebersicht der bis 
jetzt bei Bubonen augewandton Behandlungsmethoden hinzufügen. 

Während im Alterthume und im Mittelalter die meisten Schrift¬ 
steller für die Zertheilung der venerischen Bubonen sich aussprechen, 
betrachteten die Syphilographen des XV., XVI. und XVII. Jahrhun¬ 
derts die Eiterung der Bubonen als einen günstigen, gewissermassen 
kritischen Ausgang, als eine Entledigung des Körpers vom Lust- 
seuchenstoflf und suchten daher durch eine im Ganzen zweckmässige 
Behandlung sio eher zu fördern, als zu verhüten. 

Diese Ansicht hat sich bis zur Mitte des XVIII. Jahrhunderts 
vorherrschend erhalten; nur einzelne derzeitige Aerzte und Wundärzte 
suchten „die Zertheilung“ der venerischen Bubonen zu begünstigen. 
Einige Syphilographen in der zweiten Hälfto des XVIII. Jahrhunderts 
wie Astruc, 1 ) Jauberthou, 8 ) Benjamin Boll, 3 ) Swediaur, 4 ) 
Vetter 5 ), Hunter 6 ), Girtanner 7 ), Vossius 8 ) suchten bei vene¬ 
rischen Bubonen durch verschiedene äussere und innere Mittel der 
Eiterung vorzubeugen: andere Schriftsteller, wie: Fahre, 8 ) Metzger, 10 ) 
Schelle, n ) Louvrier, 18 ) Rust, 13 ) Wen dt, 14 ) haben sich aber 
für die Vereiterung, als einen günstigen Ausgang der venerischen 
Bubonen, ausgesprochen; sie suchten grösstentheils dieselbe zu för¬ 
dern, weil dadurch, ihrer Meinung nach, das „syphilitische Gift aus 
dem Körper ausgeschieden werde, und warnten vor den meist ver¬ 
geblichen Zertheilungsversuchen, die sie als schädlich betrachteten; 
manche Autoren, wie z. B. der berühmte liust, sahen in der 
Regel auf jeden zertheilten Bubo secundäre syphilitische Symptome 
folgen. 


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Chirurgische Behandlung der suppurirenden venerischen Bubonen. 


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Die meisten Aerzte im Anfänge des XIX. Jahrhunderts jedoch 
wollten jeden sich entwickelnden venerischen Bubo wo möglich „zer- 
theilen“ und der Eiterung Vorbeugen. Um diesen Zweck zu erreichen, 
ging das Streben der Aerzte und Chirurgen dahin, wenn auch keine 
Prophilactica gegen das Entstehen, so doch abortive Mittel und Ver¬ 
fahren gegen die Fortbildung, respective Abscedirung der Bubonen 
aufzufinden. Von verschiedenen zu diesem Ziele empfohlenen Be¬ 
handlungsmethoden sind dio noch im vorigen Säculum zuerst von 
Goulard 15 ) eingeführten und später von Dietrich 16 ) gebrauchten 
Fomente und Kataplasmen aus einer starken Lösung von essigsaurem 
Blei zu erwähnen. Nach Anwendung derselben sah Schmelzer 17 ) 
selbst bei drohendem Uebergange in Vereiterung schnelle Zertheilung 
der venerischen Bubonen. 

Fricke 18 ) war der Erste, welcher den constanten Druck gegen 
die Bubonen zur Anwendung brachte; Fergusson ,!> ) empfahl auch 
denselben, als ein vortrefflich wirkendes Mittel, um der Eiterung des 
Bubo vorzubeugen. Sein Verfahren war sehr einfach und bestand in 
Folgendem: man legto blos eine Compresse an, die aber stark mit 
Bleisolution getränkt und mittelst einer Binde befestigt war. Selbst 
bei theilweise vorhandener Eiterung in der Geschwulst will er noch 
gute Erfolge gesehen haben und versichert, dass seit der Einführung 
dieser Behandlungsmethode in den Militärspitälern zu Plymouth keine 
offenen Bubonen mehr beobachtet wurden. 80 ) 

Der von Ferguss on warm empfohlene Compressivverband war 
von vielen Anderen (Cullerier, 81 ) ßicord, 88 ) Hamilton 83 ) mit 
befriedigendem Erfolge erprobt, fand aber bald sehr viele und ent¬ 
schiedene Gegner, welche diese Behandlungsmethode für nutzlos, 
ja sogar für nachtheilig erklärten. Handschuh 84 ) hat nur einmal die 
von Fricke empfohlene Compression, aber mit schlechtem Erfolg 
angewandt. Bonafont 85 ) hat den methodischen Druck, wie von 
Fergusson angerathen worden ist, bei venerischen Bubonen ver¬ 
sucht, jedoch ohne Erfolg; er sagt, dass die Zunahme der Eiterung 
durchaus nicht verhindert wurde und war endlich die Eitergeschwulst 
sehr gross und voll, so machte der Druck so lebhafte Schmerzen, 
dass davon abgestanden und der Abscess geöffnet werden musste. 
Avizer 86 ) in Kopenhagen hat gegen vereiternde Bubonen ebenfalls 
die Compression angewandt, aber der von ihm erlangte Erfolg war 
nicht aufmunternd. Behrend 87 ) sagt, dass von einer Beförderung 


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der Resorption des Eiters bei venerischen Bubonen durch Com- 
pression nie etwas zu sehen war, im Gegentheile bewirkte der Druck, 
wenn er fortgesetzt wurde, „eine brandige Zerstörung der oberen 
Decke des Abscesses“; Magliari 8s ) warnt auch vor Anwendung der 
Compression bei Bubonenbehandlung, da er sehr häufig nachtheilige 
Wirkung derselben sah. 

Trotz der obenerwähnten Erfahrungen, welche das Fergusson’- 
sclie Verfahren als eine ganz unzulässige, ja sogar als schädliche 
Behandlungsmethode nachwiesen, wurde sie in der neuesten Zeit von 
II. Zeissl 89 ) und Patzelt" 0 ) modificirt und in die Bubonentherapie 
wieder eingeführt. 

H. Zoissl hat die abortive Behandlung mit essigsaurem Blei 
nicht blos bei indolenten, sondern auch bei acuten und subacuten 
Bubonen angewandt und auf diese Weise soll es ihm bei mehr als 
hundert Fällen gelungen sein, sich entwickelnde nnd bereits zerfal¬ 
lende, indolente und acuto Bubonen vor Abscedirnng zu bewahren 
und ohne Punction zur Resorption zu bringen. 

Durch die von Zoissl erhaltenen Erfolge angeregt, ■ behandelte 
Patzelt mittelst dieser Methode siebenundsechzig Fällo von „acuten 
und lentescirenden“ venerischen Bubonen und erzielte in dreiunddreissig 
Fällen die Resorption ohne Punction oder Durchbruch der bedecken¬ 
den Haut. 

Hlavac 31 ) modificirto die ZeissFscho Methode in der Weise, 
dass er bei eiternden Bubonen bei und nach der Spaltung den anti- 
septischen Verband zur Anwendung brachte und dadurch sehr gün¬ 
stige Erfolge erzielte; die Behandlungsdauer betrug für jeden Kranken 
durchschnittlich etwa 10'G Tage (!); in keinem Falle hat Hlavac 
eine schankerartige Beschaffenheit des Bubo beobachtet. 

Die von Patzclt und H. Zeissl bei beginnenden Bubonen 
empfohlene Behandlungsmethode konnte sich jedoch keine weitere 
Verbreitung verschaffen. 

Manche Autoren hatten die Anwendung von Derivantia zur 
Resorption der venerischen Bubonen empfohlen; unter den verschie¬ 
denen derivatorischen Mitteln, die zu diesem Zwecke früher ange¬ 
wandt worden waren, erwähnen wir hier die von Malapert 38 ) ge¬ 
rühmte Behandlung mittelst Vesicantia. Das Verfahren Malapert’s 
bestand in Folgendem: auf die durch ein Vesicans entblüsste Haut 
legte man eine in concentrirte Sublimatlösung getauchte Plumasseau 


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Chirurgische Behandlung der suppurirenden venerischen Bubonen. 


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and setzte dies durch sechsanddreissig bis achtundvierzig Stunden 
fort; nachdem der gebildete Schorf sich gelöst hatte, musste die 
Eiterhöhle verschwinden (?!). Diese Behandlungsmethode war auch von 
Cullerier 33 ), Ricord, 34 ) Regnault, 35 ) Parker, 30 ) Henrotay 37 ) 
und noch neuerdings von Conway 38 ) mit gutem Erfolge angewandt. 
Bollingal 39 ) und später auch Gu er in, 40 ) Netter 41 ) undNicaise 42 ) 
empfahlen die wiederholte Application des fliegenden Zugpflasters auf 
die Bubonen und wollten nach solchem Verfahren die Resorption 
der venerischen Bubonen erhalten. Bouisson 43 ) bedeckt den Bubo, 
sobald Fluctuation bomerkt wird, mit einem grossen Vesicans und 
verbindet alsdann die Wundfläche zwei- bis dreimal täglich mit einer 
Mischung von Jodtinctur und Wasser (1:2). 

Daime 44 ) ompfahl die Cauterisation des Bubo mittelst Glüh¬ 
eisen als das beste Mittel, fand aber keine Nachfolger. 

Dieterich 45 ) spricht über die gute Wirkung der Elektricitäl zur 
Zertheilung des Bubo und obwohl seine Empfehlung keine Beachtung 
fand, hat Tomaschewsky 46 ) in der letzten Zeit aufs Neue den 
constanten Strom zur Resorption des Bubo empfohlen. Aus der Dis- 
cussion im Kiew’schen ärztlichen Vereine erwies es sich, dass 
unter zwanzig mittelst Galvanisation von ihm behandelten Fällen 
von beginnenden (sic!) Bubonen, in fünf Fällen die Drüsenge¬ 
schwulst in Vereiterung überging und einer operativen Behandlung 
bedurfte. 47 ) 

Was nun die Kerndl’sche Behandlungsmethode 48 ) anbelangt, 
so bestand dieselbe in Anwendung der Compressen aus Wasser, Mehl 
und schwarzer Seife. Trotz der günstigen Berichte über deren 
Wirksamkeit (Richter, 49 ) Koeve, 50 ) Rust 51 ) und Anderen) erwies 
sich die Kerndl’sche Methode — obgleich sie im Anfänge des 
XIX. Jahrhunderts sehr verbreitet war — bald als unverlässlich, da 
es nur in seltenen Fällen gelingt, dadurch die Eiterung der Bubonen 
zu sistiren. 

Unter denjenigen derivatorischen Mitteln, mittelst welcher man 
bei venerischen Bubonen der Suppuration Vorbeugen könnte, waren 
seit längerer Zeit die Jodpräparate sehr gerühmt, besonders Tinct. 
jodi, welche schon von Lallemand 52 ) in die Bubonentherapie ein¬ 
geführt und später besonders warm von Kopff, 53 ) Sigmund 54 ) und 
anderen Autoren empfohlen wurde. Noch neuerdings hat Peters en 55 ) 
beim acuten Bubo die Bepinselung mit Jodoformcollodium (1: 10) 


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zweimal täglich und darauf eine Comprosse ^chauffante angewandt 
und sagt, dass unter dieser Behandlung sogar stark geröthete, deut¬ 
lich fluctuirende, vereitemdo Bubonen sich zurfickbilden. 

Zur Abortirung der eiternden venerischen Bubonen hat man 
ausser den verschiedenen pharmaceutischen Mitteln noch andere Ver¬ 
fahren, nämlich einige chirurgische Eingriffe empfohlen, unter denen 
besonders die frühzeitige Punction des Bubo zu erwähnen ist. 
Dieses Verfahren, welches von Roux 56 ) zuerst angewandt und von 
manchen Autoren mit Unrecht Broca’sche Behandlung benannt 
worden, besteht in Folgendem: sobald die erste Spur von Erwei¬ 
chung in einer Leistendrüse wahrgenommen wird, muss die Spitze 
eines Bistouri bis in den Grund des Herdes eingestossen, durch 
Druck der angehäufte Eiter vollkommen entleert und dann eine Jod- 
injection, respective Jodkaliuminjection gemacht werden. Roux, dessen 
Priorität für dieso Behandlungsmethode wir hier hervorheben wollen, 
wandte für Einspritzung nach der Punction des Bubo: Jodtinctur, 
Lapislösung (1: GO) oder Sublimat (1:100) an; seinen Erfahrungen 
nach trat oft die Heilung ohne Eiterung ein; in manchen Fällen ist 
jedoch wohl eine dreifache Wiederholung der Punction mit nachfol¬ 
gender Injection nothwendig gewesen. 

Milton 57 ) und Hanse 58 ) empfehlen ebenfalls die Punction dos 
Bubo mit nachfolgender Jodinjection. 

Eiber 59 ) modificirt das Roux’sche Verfahren durch täglich 
wiederholte Injectionen, bis die Eiterung aufhürt. 

Wortheim 60 ) spricht sich entschieden gegen Jodinjcctionen 
aus und wendet zu Einspritzungen nach der Punction andere Mittel 
an (Morphiumlösung, Kamphercmulsion, Aq. creosoti, Kupfervitriol 
und Calcaria chlorata). 

Jakubowitsch 61 ) empfiehlt die Punction des vereiternden Bubo 
mit nachfolgender Injection der Jodkalilösung. 

In den letzten Jahren wurde die abortive Behandlung der vene¬ 
rischen Bubonen mittelst Punction mit nachfolgender Injection von 
Boeck 62 ) und Scott Holm 63 ) empfohlen. 

Das Boeck’sche Verfahren weicht etwas von den gebräuch¬ 
lichen ab: die Drüse wird zwischen Daumen und Zeigefinger ge¬ 
drückt, mit einem spitzen Bistouri ein senkrechter Einstich in die 
Drüse gemacht, eine silberne Knopfsonde eingeführt und in der Drüse 


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Chirurgisch«' Behandlung der Ruppurirendon venerischen Bubonen. 


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herumgeführt, um noch bestehende Bindegcwcbsbalken zu zerstören 
und den Ausfluss aus der kleinen Oeffnung zu erleichtern. Wenn der 
Inhalt des Abscesses entleert ist, wird mittelst einer Spritze ein- 
percentige Carbollösung injicirt, und schliesslich ein Bleiwasser¬ 
umschlag aufgelegt. Die Injection der Carbollösung muss zwei- bis 
dreimal täglich wiederholt werden, bis sich die Punctionsöffnung 
endlich schliesst. Alle durch diese Methode von Bo eck behandel¬ 
ten Fälle sind günstig verlaufen und die Heilung erfolgte meist 
sehr rasch. 

Scott Holm, nachdem er die Punction des Bubo mit einer 
besonderen Spritze gemacht, injicirte zunächst die Carbollösung und 
machte darauf noch eine Einspritzung einer Emulsion von Jodol in 
01. ricini; unter seinen dreiundzwanzig Bubonenfallen erreichte er 
günstigen Erfolg in zweiundzwanzig Fällen. 

Waller,* 4 ) Taylor, 81 ) Feoktistow* 0 ) und Harvey 87 ) em¬ 
pfehlen ebenfalls gegen noch nicht eiternde Bubonen die Injectionen 
von Carbolsäure in die Drüsen; eine Injection genüge gewöhnlich, 
um der Vereiterung des Bubo vorzubeugen. 

Arcari 98 ) empfiehlt neuerdings die Cauterisation mittelst „II 
caustico de Filhos“, als wirkendes Abortivmittel bei venerischen Bu¬ 
bonen; unter 133 auf solche Weise behandelten Fällen beobachtete 
er nur elfmal den Uebergang des Bubo in Vereiterung. 

Was nun das von Auzias Turenne zuerst empfohlene Ex- 
tractum alcoholicum Silphii cyrenaeici anbelangt, so war 
dieses Mittel unlängst wieder von Glück 69 ) und Zarewicz 70 ) als 
ein sehr wirkendes Abortivmittel bei Behandlung der venerischen 
Bubonen gerühmt; nach den Versuchen Klink’s 71 ) aber muss das¬ 
selbe als ein ganz unwirksames und nutzloses betrachtet werden. 

Dieses kostspielige Präparat wurde noch von Anthofer 72 ) an 
zwölf Kranken ohne Erfolg versucht; denn in elf Fällen musste end¬ 
lich nach lange fortgesetzten derartigen Versuchen zur Incision des 
Bubo geschritten werden. 

Schon die Menge der zur Abortirung des Bubo empfohle¬ 
nen Mittel und Verfahren weist auf deren Unzuverlässigkeit hin; 
die Erfahrung bestätigt auch täglich, dass es fast immer sehr 
schwer ist, die Entwickelung der venerischen Bubonen zu sisti- 
ren und alle Methoden der abortiven Behandlung lassen sehr häufig 


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nicht nur bei schon vereiternden, sondern sogar bei beginnenden 
venerischen Babonen im Stiche. Ans diesem Grunde darf man sich 
nicht wundern, dass die abortive Behandlung des Bubo bei den 
meisten Pachgenossen sehr wenig Anklang findet. 

Girtanner 73 ) spricht aus, dass, sobald die Eiterung schon 
merklich vorgeschritten ist — was man am klopfenden Schmerz er¬ 
kennt — sich eine „Zertheilung“ des Bubo weiter nicht mehr 
denken lässt. 

Auspitz 74 ) äussert sich in folgender Weise: „man hat eine 
Reihe von inneren und äusseren Mitteln zur Verhütung von Bubonen 
angegeben, die wir sämmtlich als nutzlos übergehen . . . .“ und 
weiter lesen wir noch bei ihm, dass „Jodtinctur niemals auch nur 
den mindesten Erfolg gehabt hat.“, mit den Bleiessigum¬ 

schlägen hatte er ebenfalls „keine glänzenden Resultate“ erzielt; 
seiner Meinung nach wird durch Sublimatlösung und dergleichen der 
Schmerz vermehrt und die Eiterung nicht vermindert. . . . dass 
Compression nur in manchen Fällen vertragen wurde, aber auch 
dann keine nachhaltige Volumsverminderung der Geschwulst be¬ 
wirkte . . . 

Sogar in der letzten Auflage des Handbuches über Syphilis 
Zeissl’s, 75 ) der als entschiedener Vertreter der abortiven Behandlung 
der Bubonen früher bekannt gewesen, finden wir folgende Stelle: 
„Die Verhütung oder Sistirung der Vereiterung der Resorptionsbubo¬ 
nen, welche durch weiche Schanker bedingt werden, wird uns nur 
höchst selten gelingen . . . .“ 

Lesser 78 ) sagt: „Nimmt die Entzündung aber zu und zeigt 
sich gar schon auf der Höhe der Geschwulst Fluctuation, so kann 
von einer Resorption des Bubo keine Rede mehr sein.“ 

Aus dem Obenerwähnten ergibt sich Folgendes: Tritt die Sup- 
puration des Bubo ein, so gelingt es fast niemals, dieselbe zu sisti- 
ren; höchstens kann man die Entzündung mässigen und den Schmerz 
lindern; deswegen muss man — stellt sich einmal die Eiterung 
ein — stets von allen unnützen Versuchen zur Abortirung der 
Eiterung ablassen und zur operativen Entleerung des Eiters übergehen. 

lieber die Nothwendigkeit einer operativen Eröffnung des schon 
vereiternden venerischen Bubo sind die meisten Autoren in Ueber- 
einstimmung; nur manche warten den spontanen Durchbruch des 


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Chirurgische Behandlung der snppnrirenden venerischen Bnhonen. 


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Bubo ab, wodurch eine geringere Difformität der Narbe erfolgen soll 
(Swediaur, 77 ) Carmichael 78 ) und Andere). 

Galenus 79 ) räth schon im Alterthum: ist der Bubo entzündet 
und neigt er sich zur Eiterung, so muss, nachdem man den Kranken 
„abgeführt hat“, eine Scarification vorgenommen werden; gelingt die 
„Zertheilung“ aber nicht und hat sich der Eiter in grösserer Menge 
angesammelt, so muss man die erhabenste Stelle, wo die Haut am 
dünnsten ist, öffnen. 

Die Aeusserungen der späteren Schriftsteller in Betreff der 
Wahl der operativen Behandlungsmethode bei vereiternden Bubonen 
sind gctheilt. Einige hüten sich, die Absccsshöhle mittelst Messer zu 
eröffnen und goben den Vorzug der Anwendung kaustischer Mittel 
(Wiener Aetzpasta, Eindringen des Lapisstiftes in die Geschwulst); 
noch Lindwurm 80 ) eröffnete früher die eiternden Schankerbubonen 
mit Hilfe der Wiener Aetzpasta. 

Die meisten Autoren jedoch öffnen den Bubo mittelst Messer, 
dabei spalten einige denselben durch einen kleinen Einstich mit 
nachfolgendem Auspumpen oder Entleeren des Eiters durch leichten 
Druck, während Andere, um den ganzen Inhalt des Abscesses prompter 
und vollständiger zu entleeren, die Geschwulst durch die ganze Länge 
der Eiterhöhle incidiren. 

Unter denjenigen Autoren, welche die Abscesshöhle auf dem 
Wege einer möglichst kleinen Wundöffnung, d. h. durch Function 
zu entleeron rathen, können wir zunächst Hunter 81 ) erwähnen, 
der — obwohl er den Vorzug der Eröffnung des Bubo durch An¬ 
legen der ätzenden Pasta zugibt — manchmal einen kleinen Einstich 
empfiehlt. 

Girtanner 8 *) rieth abzuwarten, bis von selbst eine Oeffnung 
entsteht; wenn aber zum Messer gegriffen worden muss, soll, seiner 
Meinung nach, die künstliche Oeffnung mittelst einer Lancette aus¬ 
geführt werden, indem man einen Einschnitt so klein als möglich 
macht, um eine grosse Narbe zu vermeiden und die Berührung der 
Luft („wodurch der Eiter verdorben wird“) zu verhindern. 

Bonorden 83 ) eröffnete den Bubo, um die Narbe so klein als 
möglich zu machen, auch durch einen kleinen Einstich, sobald sich 
eine weiche Stelle an der Spitze derselben zeigte. „Der Einstich“, 
sagt er, „muss so tief gemacht werden, dass die lymphatischen Ge- 
fässknäule der Drüse dadurch zerschnitten werdon.“ 


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Vivefoy, 84 ) Championniere , 85 ) Hullard, 86 ) Müller, 87 ) 
Vidal 88 ) and Hölder 89 ) empfehlen, die Oeffnung des Bubo durch 
mehrfache kleine Einstiche auszuführen (Galen’sches Verfahren). 

Maröchal de Calvi 90 ) hat die Eröffnung der Eiterhöhle in 
inguine blos durch einen Einstich vollzogen. 

Kohn 91 ) meinte, dass man eine Entleerung des Eiters aus der 
Abscesshöhle unter möglichster Schonung ihror Decke, bei gleich¬ 
zeitiger Verhinderung des Zutrittes der Luft zum Eiterherd, machen 
muss; zu diesem Zwecke gebrauchte er einen Troicart, der, beölt, 
senkrecht auf die Haut aufgesetzt wird; auf solche Weise wird dem 
Eiter auf dem kürzesten Wege Abfluss verschafft. Derselbe spricht 
sich gegen die Punction mit nachfolgendem Auspumpen des Eiters 
aus, einer Methode, welche zuerst von Grünfeld 99 ) empfohlen war. 

Der Letztere führt bei Bubonen die Punction aus und verbindet 
damit das Auspumpen des Eiters mittelst eines feinen, sechs Centi- 
meter langen Explorativtroacars, dessen Canulo an ihrem oberen Ende 
einen Kautschukansatz hat, in welchen das Endstück einor Spritze 
passt, die circa eine bis zwei Drachmen Flüssigkeit enthält. Nach 
Durchführung des Stachels durch die Canulo dringt er mit der 
Spitze des Troicart in die Höhle des Bubo, zieht den Stachel aus 
und fügt das Endstück der Spritze, deren Stempel vorgeschoben ist, 
in das Ansatzstück der Canule ein und zieht mit der Spritze den 
Eiter heraus. 

Dieses Vorfahren wioderholt er einige Male, bis der ganze Ab- 
scessinhalt entleert wird; nach der Punction soll die Oeffnung meist 
schon bis zum folgenden Tage geschlossen sein. 

Die Grün feid’sche Behandlungsmethode war auch von Tomo- 
witz, De Pileur, Dieulafoy und Mandl angewandt. 

Tomowitz 93 ) hat fünfzig Fälle von eiternden venerischen Bu¬ 
bonen der subcutanen Behandlung durch Auspumpon unterzogen und 
in siebenundzwanzig Fällen genügte dies, um die Eiterung zu be¬ 
kämpfen und die Bubonen zur Heilung zu bringen, jedoch bei drei¬ 
undzwanzig musste er noch später eine Spaltung des Abscesses vor¬ 
nehmen. Die Punctionen müssen meistens jeden zweiten oder dritten 
Tag wiederholt werden; ihre Zahl variirte zwischen 1 und 10. 

De Pileur und Dieulafoy 94 ) bedienten sich auch mit Erfolg 
der Aspirationsmethodo. 


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Chirurgische Behandlung der suppurirenden venerischen Bubonen. 


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Moriz Mandl 85 ) modificirte das Grünfeld’sche Verfahren, in¬ 
dem er in siebzehn Fällen den Inhalt des Schankerbnbo anspumpte 
und nach der Operation einen Drnckverband anlegte; nach sieben 
bis acht Tagen wurde der Verband entfernt und die Wunde geheilt. 

Die Grünfeld’sche Behandlungsmethode der Bubonen scheint 
noch nicht sehr verbreitet zu sein, obwohl seiner Meinung nach im 
Vergleiche zu anderen Eröffnungsmethoden die Punction eine Reihe 
von eclatanten Vorzügen aufweist; dahin soll vor Allem geringe 
Schmerzhaftigkeit der Operation und Vermeidung von grossen Wund¬ 
flächen gehören, wobei noch die Vereinfachung der Nachbehandlung, 
Hintanhaltung von Diphtherie und Gangrän, Vermeidung von entstel¬ 
lenden und verrätherischen Narben und endlich Abkürzung der Be¬ 
handlungsdauer erwähnt werden kann. 

In den letzten Tagen berichtete ein spanischer Militärarzt 
Perez Caballero 99 ) über siebenundvierzig Fälle, bei denen er gegen 
die eiternden Bubonen Aspiration mittelst Pravaz’scber Spritze aus¬ 
führte. Der Erfolg war zumeist ein günstiger; untor diesen Fällen 
heilten neunundzwanzig ohne Suppuration, in sechzehn Fällen aber 
musste man das Auspumpen zwei- bis dreimal wiederholen; nur in 
zwei Fällen zerfiel der Bubo. Die näheren Daten und Krankheitsge¬ 
schichten fohlen leider bei ihm gänzlich. 

Die Eröffnung dor eiterndon Bubonen durch Incision war schon 
im Altorthume bekannt und geübt; 87 ) manche Aorzte zu Zeiten des 
Gal onus öffneten den Bubo durch einen langen Einschnitt. 88 ) 
Später pflegte man jeden vereiternden Bubo durch einen Kreuzschnitt 
zu öffnen. 

Die meisten Chirurgen des XVI., XVII. und XVIII. Jahrhunderts 
vermieden — wo möglich — den Bubo zu öffnen und warteten, bis 
ein spontaner Durchbruch entstand; sobald aber die Nothwendigkeit 
der Entleerung des Eiters auftrat, wandten sie die Aetzpasta an 
oder machten einen kleinen Einstich, da sie auf solche Weise dem 
Eintritte der Loft in die Eiterhöhle vorzubeugen suchten und eine 
Entwickelung nachfolgender, langdauerndor Geschwüre hindern woll¬ 
ten, weil gewöhnlich nach einer Spaltung des Bubo verschiedene un¬ 
angenehme Complicationen (Erysipel, Diphtherie, Gangrän der Wunde) 
vorkamen und nach der Heilung zumeist hypertrophische, difforme 
Narben blieben. 

Noch im XIX. Jahrhunderte — trotz der Fortschritte in der 


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chirurgischen Behandlung der Abscesse — spaltete man gewöhnlich 
den Bubo durch eine kleine Incision (Dietrich, 05 *) Strunz,' 00 ) 
Cooper, 101 ) Esterle,' 01 ) Colles,' 03 ) Desruelles,' 04 ) Mayo.' 05 ) 
Auch in der neueren Zeit empfahlen Petters' 06 ) und Geigel, ,07 ) 
einen höchstens */ g Zoll langen Einschnitt auszuführen. Dabei warnen 
fast alle obenerwähnten Autoren, eine zu frühe Eröffnung des Bubo 
vorzunehmen, um möglicher Weise die Eitorabsorbirung nicht zu 
verhindern, wenn sie oino Entwickelung der hartnäckigen Geschwüre 
vermeiden wollen. Sogar Diejenigen, welche den Bubo durch einen 
langen Einschnitt spalten (Lagneau, 108 ) Rust,' 09 ) Baumös," 0 ) 
Skey,“') Reder," 2 ) warten mit der künstlichen Eröffnung des Bubo 
so lange, bis die Maturation derselben eingetreten ist. 

Unter denjenigen Autoren, die kühnere Eingriffe bei vereiternden 
venerischen Bubonen empfehlen, erwähnen wir folgende: 

Van Swieten" 3 ) empfiehlt, den „reifen“ Bubo der Länge nach 
aufzuschneiden, „damit der Eiter froi und ungehindert abfliessen 
könne und zugleich auch der Grund der Wunde, der oft unrein ist, 
zweckmässigen Mitteln zugänglich werde“. 

Bicord" 4 ) sagt: „Bei kleinen eitcrndon Bubonen ist nur ein 
Einstich nothwendig; ist aber der fluctuirende Bubo sehr gross, ent¬ 
hält er eine grosse Menge Eiters, ist die Haut darüber livid und 
dünn, ist ferner zu vermuthen, dass der Bubo virulenter Natur ist, 
so ist ein grossor Einschnitt durchaus erforderlich.“ 

Nach Wallace" 5 ) muss man die Incision sowohl hinreichend 
tief, als lang machen; je tiefer und grösser der Einschnitt, desto 
eher vermögen wir den Krankheitsprocess zu beherrschen. 

Habel" 0 ) empfiehlt auch, die Eröffnung des Bubo mit einem 
langen Schnitte auszuführen, bei sonst gesunden Leuten und bei guter 
Beschaffenheit der den Bubo bedeckenden Haut. 

Simon" 7 ) rieth, schon bei beginnender Vereiterung der vene¬ 
rischen Bubonen eine grosse Incision zu machen, da man dadurch 
einen freien und schnellen Abfluss des Eiters erlangt, während ein 
anderes Verfahren leicht zu fistulösen Gängen Anlass gibt. 

Boulogne" 8 ) hielt für nützlich und zweckmässig, die entzünd¬ 
lichen Drüsenanschwellungen nach nicht inficirendcm (d. h. weichem) 
Schanker frühzeitig zu incidiren, auch wenn es noch nicht zur Eiter¬ 
bildung gekommen ist; derselbe Verfasser war der Erste, der nach 
der Incision des Bubo einen Druckverband anwandte. 


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Chirurgische Behandlung der »uppurirenden venerischen Bubonen. 


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Eine Art Lister’schen Verbandes wurde bei operativer Bubonen¬ 
behandlung von Lang“ 9 ) angewandt, er hat aber darin keinen 
Nutzen gesehen. Lang wandte bei eiternden Bubonen Punctionsöff- 
nung an, in einigen Fällen musste er aber diese Methode verworfen 
und zur Spaltung der Drüsenabscesso, sogar manchmal zur Exstirpa¬ 
tion der blossgelegtcn Drüsen schreiten. 

Im frühen Stadium des venerischen Bubo, so lange die An¬ 
schwellung der Drüsen sich noch nicht in das umgebende Bindege¬ 
webe verbreitet hat und letzteres in einen fluctuirenden Abscess 
nicht verwandelt ist, übte Auspitz ia# ) die Punction des Bubo mit 
einem spitzen schmalen Bistouri; hierauf entfernte er das Bistouri, 
ging mit einer dünnen Knopfsonde in die gemachte Wunde ein und 
machte mit dem Köpfchen derselbe Hebelbewegungen nach allen 
Kichtungen zur Durchtrennung der bindegewebigen Septa im Innern 
der Drüse auf stumpfem Wege; darauf folgto ein Druckyerband. Mit 
diesem Verfahren erreichte er sehr günstige Erfolge. Beim virulenten 
Bubo ist der Punctionsmethode nach Auspitz der Schnitt vorzu¬ 
ziehen, da der letztere ein vollkommen geeignetes Mittel ist, um 
einen Abscess zu entleeren; er glaubt nicht, dass nach einem Schnitt 
das Entstehen von Hohl gangen eher zu befürchten sei. 

Zeissl 1 * 1 ) erzielte besonders günstige Resultate, wenn er nach 
Nussbau m’s Verfahren den gespaltenen Drüsenabscess mit einer 
achtpercentigen Chlorzinklösung bepinselte, darauf mit einer fünfper- 
centigen Carbollösung abspülte und endlich einen modificirten Lister'- 
sehen Verband aus in Carbol getauchter Watte und inpermeablem 
Stoff anlegte. 

Otis 1 **) öffnet den Bubo durch einen breiten, der Länge des 
Abscesses entsprechenden Einschnitt und legt darauf einen mit Tinct. 
jodi getauchten Wattotampon in die Höhle. 

Paschkis,**®) Starckc, 1 * 4 ) Wagner 1 * 5 ) und Fleischer 1 * 8 ) 
hatten den Lister’schen Verband mit Erfolg bei eröffneten Bubonen 
angewandt. Sie legen, nach der Spaltung des Bubo und Reinigung 
der Eiterhöhle mit zwei- und fünfporcentigor Carbollösung, Carbol- 
gaze, Mackintosh oder Kautschukpapier, hierauf eine dicke Schicht 
Salicylwatte und befestigen den Verband mit oiner Mousselinbinde. 
Nach Paschkis kann die antisoptische Behandlung der suppuriren- 
den Bubonen auch bei ambulanten Kranken bei mässiger Bewegung 
derselben bis zur völligen Heilung angewandt werden. 

VierteljahreBsclirift f. Dermatol, u. Syph. 1888. Jfj 


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222 


S z a d e lc. 


Was die operativen Eingriffe obengenannter Chirnrgen anbe¬ 
trifft, so führte Paschkis bei vorgeschrittener Abscedirang die Er¬ 
öffnung des Babo durch einen Kreuzschnitt aus und nur bei grossen 
Abscessen mit sehr verdünnter Haut nimmt er grössere Incision, 
eventuell Abtragung der Wundränder vor. 

Starcke verwirft die gewöhnliche Schnittrichtung parallel dem 
Poupart’schen Bande, sondern legt den Einschnitt senkrecht zu dem¬ 
selben an, während Wagner und Fleischer nach einer sorgfältigen 
antiseptischon Reinigung des Operationsfeldes unter Chloroformnarkose 
die Haut über dem Bubo durch einen dem Poupart’schen Bande 
parallel verlaufenden breiten Schnitt spalten. 

Nach durchgeführter Incision exstirpiren alle obengenannton Chirur¬ 
gen mittelst Fingers oder stumpfer Haken nicht nur die in Vereiterung 
begriffenen, sondern auch die stark geschwellten und indurirten Drüsen; 
die nächstliegenden schlaffen Granulationen werden mit Volkmann's 
scharfem Löffel ausgeschabt. Nachfolgende, gut angelegte antiseptische 
Verbände können meistens vier bis acht Tage - und manchmal noch 
länger verbleiben, ohne dass sie gewechselt werden. In keinem so 
behandelten Buboncnfalle trat je phlegmonöse Infiltration des umlie¬ 
genden Bindegewebes oder gar Senkungsabscess auf; Wagner orzielt 
binnen acht bis zehn Tagon, seltener erst binnen drei Wochen, eine 
Vernarbung der Wundo, Fleischer durchschnittlich binnen sechsund¬ 
zwanzig Tagon. 

Profeta 127 ) gebührt das Verdienst, dass er auf die therapeu¬ 
tische Verwerthbarkeit des Jodoforms bei der Bubonenbohandlung zuerst 
aufmerksam gemacht hat, nachdem er in zwei Fällen von phagedä¬ 
nischer Ulceration bei venerischen Bubonen, die sehr lange Zeit 
dauerten und verschiedenen therapeutischen Eingriffen widerstanden, 
unter Jodoformanwondung in nounundzwanzig Tagen Vernarbung des 
Geschwüres erzielte. 

Der Erste jedoch, der die methodische Jodoformbehandlung über¬ 
haupt und bei geöffneten Bubonen insbesondere anwandte, war F. J. 
Pick. Nachdem er das Jodoform in die nach der Spaltung des Bubo 
desinficirte Wunde respective ins Geschwür brachte, legte er einen 
Verband mit Gharpiewatte, Kautschukpapier und Rollbinde an. 

Die therapeutischen Erfolge an der Klinik des Prof. Pick in Prag, 
über welche Lazansky 128 ) berichtete, waren sehr günstig, die Jodo¬ 
formbehandlung führte rasch zum Ziele; das tiefe, stark eiternde 


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Chirurgische Behandlung der suppurirenden venerischen Bubonen. 


223 


Bubogeschwür veränderte sich schon nach einigen Tagen sichtlich, die 
Eiterung wurde gering; nach wenigen Tagen worden die Granula¬ 
tionen straff, die Abscesshöhle füllte sich und es entstand oft nach 
breiten und grossen Wunden, respective Geschwüren eine fast lineare, 
glatte Narbe. Vor einer jeden Jodoformapplication wurde die Ge- 
schwürsfläche gründlich gereinigt und der Verband blieb gewöhnlich 
vierundzwanzig Stundon liegen. Die nachfolgenden Verbände wurden 
auch täglich gewechselt. Die mittlere Behandlungsdauer der Geschwüre 
bei einer solchen Therapie betrug nur 22 3 Tage (die kürzeste sechs, 
die längste zweiundvierzig Tage). 

Die chirurgische Behandlung der Bubonen durch Incision mit 
nachfolgendem Jodoformverbando konnte von nun an als die voll¬ 
kommenste Methode betrachtet werden. 

Die Anwendung derselben durch Martini,'* 9 ) Car am iti, 130 ) 
Mracek, 131 ) Güterbock, 132 ) Petersen, 133 ) G schirhakl, 134 ) Tün- 
gel, 131 ) Pavec, 136 ) Kriser, 131 ) Neumann, l3fl ) Lassar,' 88 ) Tar- 
nowsky, 140 ) Pokro wsky, 141 ) Zeissl, 142 ) Janovsky, 143 ) Besser, 144 ) 
Bockhart 141 ) und Anderen bestätigte vollkommen die von Pick be¬ 
obachtete Wirkung des Jodoforms auf die geöffneten Bubonen. 

Alle obengenannten Autoren sind in völliger Uebereinstimmung, 
dass gegen die Bubonen im Jodoform ein unschätzbares Mittel ge¬ 
geben sei, und dass es einen aseptischen Verlauf der Wunde bewirke, 
sicher vor Infection von aussen schütze und hier wenigstens ganz 
ungefährlich für das Allgemeinbefinden sei; denn in keinem einzigen 
Falle traten jo auch nur die geringsten Intoxicationserscheinungen 
ein; die Wunde granulirtc immer sehr rasch und manchmal trat 
schon nach oinigen Tagen Verheilung ein; Zwischenfälle, wie Erysipel, 
Diphtherie, Gangrän und Hohlgängc, sind nie beobachtet worden. Ist 
der offene Bubo schon früher, vor der Anwendung des Jodoforms, 
phagedänisch oder diphtheritisch gewesen, so wird ebenfalls mit Jodo¬ 
form am raschesten und sichersten Heilung erzielt. . 

Das Verfahren der meisten obengenannten Autoren besteht bei 
eiternden Bubonen in Folgendem: nachdem der Abscess breit incidirt 
wurde, folgt die Entfernung der vereiternden oder geschwellten Drüsen 
am besten mit den Fingern; alle Drüsenreste und vielleicht derbe 
Granulationen werden mit Hilfe des Volkmann’schen Löffels ausge¬ 
kratzt; die Wunde mit Carbollösung respectivo Sublimatlösung aus- 

15 * 


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224 


S z a d ek. 


gespült and die Eiterhöhle nach Stillang der Blatang mit Jodoform 
eingepulvert; endlich folgt ein Occlusivverband, der von Petersen 
dahin vervollkommt ist, dass nach der Incision, Auskratzung, 
Ausspülung der Höhle und nach Anwendung des Jodoforms eine 
Kugel Salicylwatte von der Grösse der Wundhöhle eingelegt wird; 
es folgen darauf einige Schichten derselben Watte und eine zweite 
Kugel von Faustgrösso aus zerzupftem Werg; nachdem man das 
Ganze mit Firnisspapier bedeckt, wird der Verband endlich mit 
einer Spica von breiter appretirter Marly fest angepresst. Falls der 
Verband richtig angelegt ist, so gelingt cs meist, denselben längere 
Zeit liegen zu lasson (acht bis zwanzig Tage nach Potersen); zu¬ 
weilen wird der erste Verband schon nach vierundzwanzig Stunden 
gewechselt, wenn zu starke seröse Durchtränkung oder oine Nach¬ 
blutung eingetreten ist. 

In jüngster Zoit versuchte Prof. Pick' 49 ) in Prag in vierzehn 
Bubonenfallen ein neues Mittel — Jodol, welches er als geruch¬ 
loses Surrogat des Jodoforms empfiehlt. Die vereiternden Bubonen 
wurden dabei durch eine ausgiebige, meist senkrecht auf das 
Poupart’scho Band vorgenommeno Spaltung geöffnet und wo die 
Drüsen nicht zu erhalten waren, vollständige Ausschälung derselben 
und Auslöffelung des in den Eiterungsprocess oinbezogenen Gewebes 
ausgeführt; sodann wurde dio Eiterhöhle mit 1 : 10.000 Sublimat 
ausgewaschen, mit Jodolpulvcr und Jodolgazc ausgefüllt und schliess¬ 
lich ein Dauervorband angelegt. Dieser erste Verband wurde gewöhn¬ 
lich nach fünf Tagen erneuert, jeder spätoro aber, mit seltenen Aus¬ 
nahmen, durch acht Tage liegen gelassen. Ein zwei- bis dreimaliger 
Verbandswechsel genügte, die Wunde zur Vernarbung zu bringen. Die 
Dauer der Heilung schwankte zwischen zwölf und zweiunddreissig 
Tagen und betrug durchschnittlich sechzehn Tage. 

Zum Schlüsse dieser literarischen Revue ist noch zu erwähnen, 
dass neuerdings Kümmel' 47 ) und Jawdynski ,48 ) eine Methode der 
totalen Excision aller vergrösserten Inguinaldrüscn empfiehlt, die zur 
Eiterung tendiren. Obwohl diese Behandlungsmethode relativ gute Er¬ 
folge gibt, unterwirft sie die Patienten, wie Petersen mit Recht 
bemerkt, unnöthiger Weise nicht geringer Gefahr, da in neun von 
den fünfzehn Kümmol’schen Fällen dio Cruralgofässe in mehr oder 
weniger bedeutender Ausdehnung blossgelegt wurden. Diese Behand¬ 
lungsmethode hat auch keine Vorzüge vor der Incision mit Auskratzen 


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Chirurgisch« Behandlung der suppurirenden venerischen Bhbonen. 


225 


and nachfolgendem Jodoform- respective Jodoldanerverband, da die 
Heilnng nach der Excision der Inguinaldrüsen später erfolgt, als bei 
Pick’s oder Petersen’s Behandlungsmethode (in den Kümmel’- 
schen fünfzehn Fällen erfolgte durchschnittlich die Heilung in 
30 6 Tagen — Minimum 16, Maximum 43 — in achtunddreissig 
Fällen Jawdynski’s die Vemarbung der Wunde in vier bis sieben 
Wochen erfolgte, während bei Anwendung des Jodoformverbandes 
nach einer gewöhnlichen Incision mit Auskratzen die Heilung: bei 
Petersen durchschnittlich binnen 21-3 Tage, 1 * 9 ) bei Kriser in 
23 Tagen und bei Pick unter Jodoform- oder Jodolverband in 16 Tagen 
erzielt wurde). 

Ans der angeführten Uebersicht ergibt sich, dass die The¬ 
rapie der vereiternden venerischen Bubonen erst in den letzten 
Jahren wesentliche Fortschritte gemacht hat, die jedoch in den 
Handbüchern über venerische Krankheiten nicht genügend berück¬ 
sichtigt werden, da wir bisher noch bei manchen Autoren über 
die Anwendung von Aetzpasta, Charpie, öftere Verbände (ein- bis 
dreimal täglich) u. s. w. lesen. 

Die jetzige Behandlungsweise der venerischen Bubonen ist 
also gänzlich verschieden von dem älteren Verfahren. Früher war 
der Bubo unter den sogenannten venerischen Krankheitsformen 
wegen seiner Hartnäckigkeit, seiner mannigfaltigen Folgezu¬ 
stände, sowie wegen der Unsicherheit der Prognose vor allen 
andern gefürchtet. Den Grund einer so grossen Bösartigkeit der 
venerischen Bubonen muss man in der Unzweckmässigkeit der 
früheren Bubonentherapie suchen, sowie im Fehlen der neuen 
antiseptischen Mittel (Acid. carbolicum, Jodoform, Jodol), welche 
vor der Infection von aussen schützen und verschiedenen Compli- 
cationen vorzubeugen im Stande sind. 

Bis zu den Siebziger-Jahren bestand die Behandlung der 
vereiternden Bubonen meistens im einfachen Einstiche, oder höch¬ 
stens in kleinen Ineisionen, denn man fürchtete den Eintritt der 
Luft in die Abscesshöhle; darauf wurden die Verbände sehr oft 
(zwei- bis dreimal täglich) gewechselt, was gewiss reizend auf die 
Wundfläche wirkte und den Heilungsprocess störte.' 40 ) Eine natür¬ 
liche Folge solcher Behandlungsweise war ungenügende Entleerung 


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226 


S 7 . ad e k. 


des Eiters aus der Abscesshöhle und nachher ein schaukröser Zer¬ 
fall der Wunde. 

Die Heilung der Bubogeschwüre bei solcher Behandlung 
verlängerte sich meistens auf mehrere Wochen, ja sogar Monate; 
Senkungsabscesse, Hohlgänge und schankröser Zerfall der granu- 
lirenden Wundfläche beobachtete man sehr oft bei eiternden Bu¬ 
bonen nach Anwendung der älteren Behandlungsmethoden, und 
solche Zwischenfälle sind als sehr gewöhnliche Erscheinungen und 
Symptome auf mehreren Seiten in den meisten älteren Hand¬ 
büchern über venerische Krankheiten beschrieben. Nach Verlauf 
einiger Monate beobachtete man gewöhnlich als Endresultat das 
Entstehen difformer geschwulstartiger, hypertrophischer Narben; 
zuweilen blieben noch auf lange Zeit, nach einer vermeintlichen 
Heilung des Bubo, Fisteln und tiefe Höhlen, die eine seröse 
Flüssigkeit secernirten, zurück. 

Seit der Einführung der Antiseptik in die chirurgische 
Praxis und der Anwendung verschiedener neuerer antiseptischer 
Arzneimittel (Carbolsäure, Salicylsäure, Jodoform, Sublimat, 
Jodol) kann man verschiedene operative Eingriffe bei der Bubonen¬ 
therapie ausüben (breite Incision, Auskratzung, Entfernung der 
Drüsen u. s. w.), ohne irgend welche Gefahr zu fürchten; auf 
solche Weise wird sehr bedeutende Abkürzung der Heilungsdauer 
der offenen Bubonen gegenüber jener bei sämmtlichen früheren 
Behandlungsmethoden erzielt. Die postoperative Behandlung der 
vereiternden Bubonen ist jetzt durch seltenen Wechsel des anti- 
septischen Occlusivverbandes sehr vereinfacht. Die Prognose der mit 
modernen chirurgischen Methoden behandelten Bubonen ist heute 
günstig geworden, da jeder Fall bei zweckmässiger Behandlung 
sehr günstig verläuft und weil keine nachtheiligen und gefährlichen 
Complicationen entstehen. Die bisher in besonderen Capiteln der 
Handbücher als verschiedene Varietäten des Bubo beschriebenen 
Zwischenfälle sind jetzt so selten geworden, dass ihr Auftreten 
mit Recht auf eine Unzweckmässigkeit in der Behandlung zurück¬ 
geführt werden kann. 

Unser Beobaehtungsmaterial bezieht sich auf 274 Fälle 
von venerischen Bubonen, welche im Verlaufe der letzten fünf 
Jahre im Militärspital zu Kiew zur Behandlung kamen. In dem¬ 
selben Zeiträume würden in der venerischen Abtheilung 1084 Fälle 


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Chirurgische Behandlung der suppurirenden venerischen Bubonen. 


227 


von weichem Schanker behandelt, so dass auf je vier Fälle von 
Ulcus molle circa ein Bubo gekommen ist. Was nun das Vor« 
hältniss der Entwickelung des Bubo zu den pathologischen Eigen¬ 
schaften und dem Verlaufe der weichen Geschwüre anbetrifft, so 
konnte man sich überzeugen, dass nicht die Ausdehnung des 
Schankers, sondern sein Sitz und seine Virulenz das Entstehen 
des Bubo veranlasst; namentlich findet man oft, dass die Drüsen¬ 
entzündung sich entwickelt, nachdem die Geschwüre, ohne die 
Kranken wesentlich belästigt zu haben, bereits zur Verheilung 
und manchmal schon lange Zeit zur Vernarbung gekommen sind. 
Besonders oft waren die Geschwülste mit Bubonen complicirt, 
welche am Bändchen oder an der inneren Platte der Vorhaut 
sassen, weil dieselben durch zahlreiche Lymphgefässe mit den 
Inguinaldrüsen in Verbindung stehen. Selten nur konnten sich 
diese Adenitiden beim zweckmässigen Verhalten des Kranken noch 
zurfickbilden; vielmehr vereiterte die grösste Anzahl derselben 
acut, trotz aller therapeutischen Eingriffe. Sehr selten ging nur 
-eine Drüse in Eiterung über, weshalb ein kleiner Bubo entstand; 
fast immer abscedirten mehrere Drüsen und traten rasch durch 
fistulöse Gänge mit der ursprünglichen Höhle in Verbindung. 
In der Hälfte unserer Bubonenfälle waren folgende Drüsen afficirt: 
in fünfundzwanzig Percent C; B und C in circa zwanzig Per¬ 
cent aller Fälle, und nur in fünf Percent die Drüse A. 

So war das gewöhnliche Bild der Drüsenentzündung bei Ulcera 
mollia, die wir bei sonst gesunden Männern beobachteten; etwas 
anders war die Ausbildung des Schankerbubo bei manchen anämi¬ 
schen und scrophulös-tuberculösen Individuen, welche übrigens 
selten zur Beobachtung kamen, weil unser casuistisches Material 
aus der Militärpraxis stammt. In solchen Fällen kommt es häufig 
in Folge anscheinend leichter Läsionen au den Genitalien zur 
Ausbildung von grossen, hartnäckigen Leistengeschwülsten, die dann 
in Verkäsung und partiellen Zerfall übergehen, nur selten durch 
Eiterung schmelzen, und immer einen bedeutend langsameren 
Verlauf haben, als bei acutem Schankerbubo, wie er sich bei 
gesunden Leuten einstellt. 

Dem Sitze nach beobachtete man den Leistenbubo hun¬ 
dertfünfmal auf der rechten, hunderteinunddreissigmal auf der 
linken Seite und achtunddreissigmal beiderseitig; die doppelten 


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S z a d ek. 


Bubonen treten am häufigsten nach dem Schanker am Frenulum 
auf, ausserdem scheint die Lage des Ulcus molle auf den Sitz 
des Bubo von keinem Einflüsse zu sein. Hinsichtlich des Ein¬ 
flusses des entstandenen Bubo auf den weiteren Verlauf des 
Ulcus molle bemerkte man, dass nach der Entwickelung der 
Adenitis die weichen Geschwüre der Genitalien sehr rasch zur 
Verheilung kamen. 

Die Schankerbubonen zeigten sich meistens drei bis vier 
Wochen nach dem Entstehen des Ulcus molle, zuweilen bis zwei 
Wochen nach der Vernarbung des Schankers; vom Beginn des 
Bubo bis zur Eröffnung desselben verfliessen meistens zwei bis drei 
Wochen (phlegmonöse acute Adenitis bei gesunden Individuen), 
seltener aber vier bis acht Wochen (nur bei anämischen und 
scrophulös-tuberculösen). 

Was die Behandlung der venerischen Bubonen in unseren 
Fällen anbetrifft, war dieselbe folgende: bei beginnendem Bubo, 
so lange keine Fluctuation und Böthung der Hautdecke vorhanden 
war, nur Ruhe und Verhütung reizender Einflüsse auf die Leisten¬ 
gegend, sowie auch eine zweckmässige antiseptische Behandlung 
des Ulcus molle; war bereits die Hautdecke geröthet, aber die 
Fluctuation noch nicht vollständig über dem ganzen Abscess aus¬ 
gebildet, dann folgte nur die Anwendung der Compresse echauf- 
fante aus Carbollösung bis zur vollständigen und gleichmässigen 
Vereiterung der Geschwülste. Die therapeutischen Mittel, welche 
deu Bubo zur Resorption bringen sollen, wie z. B. die locale Be- 
pinselung mit Tct. jodi u. s. w. hatten wir in vielen Fällen 
versucht, immer ohne Erfolg; niemals gelang es, mit Jod oder 
anderen Derivantia die Resorption der zur Eiterung geneigten 
Schankerbubonen zu erzielen, höchstens wurde eine schmerzstillende 
Wirkung und ein etwas langsamerer Verlauf des Abscesses erlangt. 
Sobald die Fluctuation auf den ganzen Abscess übergeht und der 
letztere reif wird, ist die chirurgische Eröffnung des Bubo durch 
Incision nothwendig. Die Operation wurde fast immer in der 
leichten Chloroformnarkose ausgeführt, da sämmtliche dabei nöthige 
chirurgische Handgriffe sehr schmerzhaft und ohne Narkose kaum 
ausführbar sind. Nach sorgfältiger Reinigung der Haut der Leisten- 
Genitalregion und des Oberschenkels mit Seife, Bürste und lau¬ 
warmem Wasser, und nach Abrasirung der Haare in der Scham- 


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Chirurgische Behandlung der suppurirenden venerischen Bubonen. 


229 


gegend wurde das Operationsfeld mit einer fünfpercentigen Carbol- 
oder einpercentigen Sublimatlösung desinficirt. Darauf wurde die 
Eröffnung der Abscesshöhle durch einen ausgiebigen breiten, mei¬ 
stens dem Poupart’schen Bande parallel verlaufenden Einschnitt 
mittelst eines schmalen Bistouri gemacht. Der Einschnitt muss 
der Länge des Bubo entsprechen. Nach Entleerung der Eiterhöhle 
wurden die gebliebenen Ausbuchtungen mittelst einer Scheere 
gespalten; nachher wurden alle, nicht nur die in Vereiterung be¬ 
griffenen, sondern auch die geschwellten Drüsen meist stumpf, 
mit den Fingern, entfernt, die Drüsenreste und derben Granur 
lationen mit scharfem Volkmann’schen Löffel ausgekratzt. Wenn 
aber noch irgend eine aflficirte Drüse indurirt war und der Ent¬ 
fernung widerstand, so musste man ihre Kapsel mit einem Messer 
Öffnen und den Drüseninhalt gleichfalls auslöffeln; war die Haut¬ 
decke bereits in grossem Umfange zerstört und unhaltbar, so 
wurde sie am besten gleich mittelst der Scheere. abgetragen. 
Da die Blutung dabei gewöhnlich unbedeutend war, so kam 
es nur selten zur Anlegung der Ligatur (das geschah uns nur 
einmal). 

Nach der Spaltung des Abscesses, Auslöffelung der Eiter¬ 
höhle und nach der Blutstillung mittelst Wattetampon, wurde 
die Abscesshöhle mit Sublimatlösung ausgewaschen (vor 1885 
gebrauchte man eine fünfpercentige Carbollösung oder zwölfper- 
centige Chlorzinklösung); darauf wurde in die ganze Eiterhöhle 
Jodoformpulver (per se oder manchmal mit Alaun gemischt) einge¬ 
streut, dieselbe mit Jodoformgaze ausgefüllt und endlich ein 
Occlusivverband angelegt. 

Der letztere bestand aus einigen Schichten Sublimatgaze 
(früher gebrauchte man Br uns'sehen oder Lister’schen carbo- 
lisirten Marly) und Salicyl- oder Sublimatwatte, worauf eine Kugel 
aus Jute oder Werg folgte. Nachdem das Ganze mit Mackintosh 
oder Firnisspapier bedeckt war, wurde schliesslich der Verband 
mit einer aus feuchten, breiten, appretirten Marlybinden bestehen¬ 
den Spica fixirt. 

Der erste Dauerverband, wenn er gut angelegt ist und der 
Kranke sich ruhig verhält, konnte zwei bis fünf Tage liegen, 
selten nur musste man denselben schon nach vierundzwanzig 
Stunden wechseln, wenn eine zu starke seröse oder blutige Durch- 


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tränkung sich einstellte; nach dem Abnebmen des ersten Verbandes 
nnd Reinigung der Wundränder mit fünfpercentiger Carhol- respec- 
tive oinpercentiger Sublimatlösung, wurde die Wunde mit Jodo¬ 
formpulver bestreut, ohne jedoch Ausspülung und Tamponiren der 
Eiterhöble vorzunehmen, nnd darüber nur ein trockener Verband 
aufgelegt. 

Der zweite und die darauf folgenden Verbände wurden mit 
wenigen Ausnahmen durch je fünf bis zehn Tage gelassen. Der 
Verband wurde nur dann gewechselt, wenn man auf den Rändern 
desselben eine Dnrchtränkung bemerkte. 

In den Jahren 1882 — 1886 wurden auf solche Weise in der 
venerischen Abtheilung des Kiew’schen Militärspitals, die unter 
der Leitung des Herrn Docenten Dr. A. Fleischer und des Ver¬ 
fassers stand, im Ganzen 274 Fälle von suppurirenden veneri¬ 
schen Bubonen bei noch bestehendem oder frisch vernarbtem, wei¬ 
chem Schanker behandelt. 

Nach den verschiedenen Jahren stellt sich die Zahl der chi¬ 
rurgisch behandelten Bubonenfälle folgendermassen heraus: 

Im Jahre 1882 .... 47 Fälle 


„ „ 1883 . . 

31 „ 

„ „ 1884 . . . 

• 67 „ 

„ _ 1885 . . . 

. 66 „ 

„ „ 1886 . . . 

. 63 „ 

Im Ganzen . 

274 Fälle 


Ausserdem wurden in demselben Zeiträume in der Abthei¬ 
lung sechsundzwanzig syphilitische Bubonen gespalten und noch 
zwölfmal bei tuberculösen Adenitiden der Leistendrüsen die Ent¬ 
fernung der afßcirten Drüsen vorgenommen. 

Der Verlauf der Wunde nach der Incision des Bubo war 
folgender: unter Anwendung des Jodoformverbandes stossen sich 
die auf dem Grunde der Wunde noch liegenden Gewebsreste 
binnen zwei bis vier Tagen ab; es beginnt eine lebhafte Granu¬ 
lationsbildung, die Wundränder flachen sich ab, die Eiteruug wird 
stets geringer und bald wird an den Wundrändern ein epithelialer 
Saum wahrgenommen. Ein zwei- bis fünfmaliger Wechsel des 
Verbandes genügte, die Wunde zur Vernarbung zu bringen. Die 
Behandlungsdauer auf solche Weise behandelter Schankerbubonen 


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Chirnrgischo Behandlung der suppurirenden venerischen Bubonen. 


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schwankte zwischen zehn und fünfundvieizig Tagen und betrug 
durchschnittlich dreissig Tage. 

Niemals kam es zur Bildung von Senkungsabscessen und 
Hohlgängen; Complicationen mit Phlegmone, Diphtherie, schankrö- 
sem Zerfall der Wundränder u. s. w. hat man nie bei acuten und 
subacuten Schankerbubonen zu beobachten bekommen, Zwischen¬ 
fälle kamen sehr selten vor und nur in fünf Fällen ist Erysipel 
aufgetreten; jedoch scheint diese zufällige Complication auf den 
Verlauf der Wunde sehr wenig Einfluss zu haben, da die Vernar¬ 
bung sofort dem Ausbleiben dos Erysipels folgte. Tn zwölf Fällen 
war acutes Eczem der Wundumgebung vorgekommen, welche die 
Vernarbung der Wunde auf zehn bis zwanzig Tage verlängerte, 
weil man den Verband wegen einer bedeutenden Secretion öfters 
wechseln musste. 

Der Verlauf geöffneter, suppurirender syphilitischer Adeni- 
tiden, welche gewöhnlich ohne Auskratzen und mit Schonung der 
noch nicht vereiterten und zerfallenen Drüsen nur einfach gespalten 
wurden, war im Allgemeinen ein günstiger, weil keine Complica¬ 
tionen vorkamen. Die Vernarbung der nach Eröffnung der syphi¬ 
litischen Bubonen entstandenen Wunden war manchmal durch 
trägen Verlauf und fungöse Entartung der Granulationsfläche ge¬ 
stört und deswegen musste die örtliche Behandlung noch durch 
die allgemeine specifische Therapie unterstützt werden. Die Wunde 
vernarbte nach der Exstirpation der tuberculösen Drüsen unter 
nachfolgender sorgfältiger Auslöffelung und Entfernung aller Drü¬ 
senreste bei kräftigen und sonst gesunden Individuen meistens sehr 
rasch, bei sehr anämischen und heruntergekommenen Männern 
aber liess die Heilung der Wunde auf sich längere Zeit warten; 
auch in diesen Fällen war der therapeutische Erfolg des Jodo¬ 
formverbandes sehr günstig und ungeachtet der Anwendung 
manchmal sogar grosser Quantitäten des Jodoforms wurden Intoxi- 
cationserscheinungen als Folge der Resorption von Jodoform nie¬ 
mals beobachtet. 

Die Narben, welche nach Eröffnung entweder der Schankor- 
bubonen, oder der syphilitischen und tuberculösen vereiternden 
Adenitiden entstanden sind, waren fast immer linear, glatt und 
nach einem längeren Bestände fast unbemerklich. 

Zum Schlüsse füge ich — um das oben Gesagte zu erläu- 


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tern, kurze Auszüge aus den Krankengeschichten der zwanzig 
Bubonenfölle bei, die in der zweiten Hälfte 1880 in der venerischen 
Abtheilung des Kiew'schen Militärspitals, welche damals unter 
meiner Leitung stand, beobachtet und von mir selbst chirurgisch 
behandelt wurden. 

1. Zwanzigjähriger Gemeiner des zweiten Ingenieur-Parkes C. P. 
Vor zwei Woehen, sieben Tage nach dem letzten Coitus, bemerkte er ein 
linsengrosses SchankergeschwQr an der Cutis penis. Das Ulcus wurde mit 
Jodoformalaunpulver behandelt und ist schon in Heilung begriffen. In der 
linken Leistenbeuge sind die Drüsen 6, B' zu einer apfelgrossen, in der 
Mitte bereits deutlich fluctuirenden, schmerzhaften Geschwulst verschmolzen. 
4. October: Spaltung des Bubo in der Chloroformnarkose mit Auslöffelung 
der nekrotischen und unterminirten Drüsenpartien, darauf Ausfüllung der 
Eiterhöhle mit Jodoformpulver; Occlusiwerband. 9. October: Verbandwechsel, 
Wunde gereinigt. 13. October: Verbandwechsel, Granulationen sparsam, 
Ulcus vernarbt. 18. October: Verbandwechsel. Wundfläche mit gesunden 
Granulationen bedeckt. 26. October: Verbandwechsel. Ueberwucherung der 
Granulationen. Lapisätzungen. 2. November: Wunde überhäutet. 

2. Vierundzwanzigjähriger Gemeiner des 3. Orenburg'schen Eosaken- 
Regiments P. B. Der letzte Coitus vor zwei Wochen. Das Entstehen der 
zwei weichen Geschwüre am inneren Vorhautblatte — am folgenden Tage. 
Links entwickelte sich bald eine B-Drüsenentzündung, die nach einigen 
Tagen ausgebreitete Fluctuation zeigte. 6. October: Eröffnen des Bubo durch 
einen breiten Einschnitt mit Auskratzung der Eiterhöble, darauf Ausfüllung 
mit Jodoformalaunpulver. Occlusiwerband. 12. October: Verbandwechsel. 
Wunde granulirend. 15. October: Schankergeschwüre der Vorhaut verheilt. 
17. October: Verbandweolisel. Gesunde Granulationen. 23. October: Wunde 
geheilt. 

3. Vierundzwanzigjähriger Gemeiner desselben Regiments T. K. Drei 
Tage nach dem letzten Coitus, der am 24. September stattgefunden hat. 
bemerkte er eine Pustel in der Regio pubica, hierauf nach drei Tagen zwei 
Geschwüre am Scrotum und noch ein Geschwürchen an der Cutis penis. 
Anfangs October entsteht in der Leistenbeuge eine wallnussgrosse Geschwulst 
der Drüsen B, B', die bald in Vereiterung überging. 7. October: Spaltung 
des Bubo in der Chloroformnarkose mit Auskratzung der Eiterhöhle. Jodo- 
formdauerverband. 10. October: Verbandwechsel. Schankergeschwüre der 
Genitalien gereinigt. 19. October: Verbandwechsel. Wunde rein, stark geho¬ 
bene straffe Granulationen. 21. October: Ulcera mollia vernarbt. 23. October: 
Wunde geheilt. 

4. Vierundzwanzigjähriger Bombardier der Kiew’schen Festungsartil¬ 
lerie P. T. Vor einem Monate, drei Wochen (?) nach dem letzten Coitus, 
entwickelte sich ein indurirtes Geschwür am inneren Blatte der Vorhaut, 


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worauf beiderseitige indolente Leistenschwellnng folgte. Das Geschwür war 
bald unter der örtlichen Behandlung mit Empl. mercur. gereinigt, aber 
rechts entstand ein grosser, aus mehreren Knollen bestehender Bubo, die 
Haut darüber entzündet. Starke Schmerzen, deutliche Fluctuation. 11. Octo- 
ber: Spaltung des Bubo durch einen breiten Einschnitt, darauf Auskratzung 
aller Recesse in der Chloroformnarkose. Die faustgrosse Eiterhöhle war 
mit blutigem Eiter ausgefüllt. Jodoformdauerverband. 12. October: Durch¬ 
tränkung des Verbandes mit übelriechendem Sccret. Verbandwechsel. 18. Oc¬ 
tober: Verbandwechsel. Wunde gereinigt. Ulcus praeputii mit Hinter¬ 
lassung einer weichen Narbe geheilt. 21. October: Verbandwechsel; Grund 
gehoben und mit üppigen Granulationen bedeckt. 27. October: Offener Ver¬ 
band. 7. November: Wunde geheilt mit Hinterlassung einer glatten linea¬ 
ren Narbe. 

5. Fünfundzwanzigjähriger Unterofficier des 7- Telegraphen - Parkes 

A. A. Vor vier Wochen acquirirte er drei specifische Geschwüre im Sulco 
retroglandulare. Bald nach dem Entstehen des Schankers entwickelte sich 
eine beiderseitige Entzündung der Leistendrüsen. 15. October: Die links¬ 
seitige Geschwulst zeigte eine deutliche Fluctuation. 20. October: Bubo links 
wurde in der Chloroformnarkose incidirt und ausgekratzt, die Abscesshöhle 
mit Jodoform ausgefüllt. Occlusiverband. 23. October: Verbandwechsel, 
Wunde gereinigt. Schankergeschwüre der Genitalien vernarbt. 26. October: 
Spaltung des rechtsseitigen Bubo mit Auslöffelung der Eiterhöhle. Jodo¬ 
formdauerverband. 30. October: Verbandwechsel beiderseitig. Die linkssei¬ 
tige Wunde schön granulirend, die rechtsseitige gereinigt. 3. November: 
Beide Wunden in träger Ueberhäutung. Offener Verband. 14. November 
vernarbte die rechte und 17. November die linke Wunde. 

6. Fünfundzwanzigjähriger Gemeiner des 42. Infanterie-Reserve-Ba¬ 
taillons S. H. Anfangs October bemerkte er ein Schankergeschwür an der 
Cutis penis, dasselbe war bei der Aufnahme des Kranken bereits geheilt 
mit Hinterlassung einer ausgedehnten weichen Narbe. Drei Wochen nach 
dem Entstehen des Ulcus penis entwickelte sich eine Entzündung der Drüsen 

B, B' in der Leistenbeuge. Dieselben bilden zu beiden Seiten des Poupart’- 
schen Bandes eine durch dasselbe leicht eingeschnürte 10 Ctm. lauge, 6 Ctm. 
breite, stark gewölbte, an zwei Stellen fluctuirende, harte, schmerzhafte 
Geschwulst. 9. November: Beide Abscesse sind in der ChloroformnarkoB« 
gespalten worden, darauf folgte die Auskratzung beider Eiterhöhlen, die 
durch einen schmalen Hohlgang in Verbindung miteinander standen. Jodo- 
formdauerverband. 14. November: Verbandwechsel. Beide Wunden gereinigt, 
19. November. Ueppigste Granulationswucherung des vollständig gehobenen 
Wundgrundes. Offener Verband. 22. November: Uebelriechende Granulations¬ 
wucherung musste durch wiederholte Lapistoucbirungen beschränkt werden, 
uud deswegen vernarbte die Wunde erst am 5. December vollständig. 

7. Dreiundzwanzigjähriger Kanonier der Kiew'schen Festungsartillerie 


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J. W. Früher angeblich stet« gesund, bemerkte er seit Anfang October ein 
Geschwür an der Vorhaut; dasselbe vernarbte bis Ende October mit Hinter¬ 
lassung einer derben Narbe. Erst nach der Verheilung des Schankers ent¬ 
wickelte sich eine Drüsenentzündung in der linken Leistenbeuge; die apfel¬ 
grosse Geschwulst der Drüsen B, ß' ging bald in Eiterung über, und es 
stellte 6ich eine deutliche Fluctuation ein. 13. November: Spaltung des 
Abscesses in der Chloroformnarkose mit sorgfältiger Auskratzung der Eiter¬ 
höhle und Entfernung aller Drüsenreste, darauf folgte eine Ausfüllung der 
Abscesshöhle mit Jodoformalaunpulver. 24. November: Gesunde 6chüne Gra¬ 
nulationen. 29. November: Grund gehoben. Offener Verband. 4. December 
Wunde vernarbt. 

8. Dreiundzwanzigjähriger Militärkirchendiener J. J. Vor vier Wochen, 
zwei Wochen nach dem letzten Coitus entwickelten sich mehrere Schanker- 
geschwürchen an der Vorhaut Vor zwei Wochen entstand links ein Bubo, 
der bald spontan durchbrach, und es entwickelte sich ein schmerzhaftes, reich¬ 
lich seccmirendes Inguinalgeschwür. Bei der Aufnahme des Kranken am 
28. October bemerkte man am äusseren Blatte der Vorhaut zwei linsen¬ 
grosse, noch destruirende Geschwüre mit nach aussen gekrärapten Rändern¬ 
in der rechten Leistenbeuge ein grosses Geschwür mit unterminirten Rän¬ 
dern und speckig belegtem «Grunde; starke Rüthung der Umgebung des 
Inguinalgeschwüres; Secretion übelriechend und jauchend. Links eine unbe¬ 
deutende Schwellung der Leistendrüsen. Das Geschwür wurde mit Jodoform¬ 
alaunpulver bestreut und darauf ein Occlusivvcrband angelegt. 30. October: 
Verbandwechsel wegen Durchträukung der Ränder des Verbandes mit einer 
profusen, jauchenden Secretion; Geschwür speckig belegt. 3. November: 
Verbandwechsel. Geschwür gereinigt. Eiterung nimmt ab, Geschwüre der 
Vorhaut auch gereinigt. 8. November: Verbandwechsel. Sparsame Granula¬ 
tionen. 14. November: Träge Ueberbäutung. Offener Verband. 1. December: 
Leistengeschwür geheilt. 

9. Zweiundzwanzigjähriger Feldwebel des 129. Infanterie-Regiments 
S. Z. Potator. Vor fünf Wochen, einige Tage nach dem letzten Coitus, ent¬ 
stand ein Schankergeschwür am Bändchen, welches auf den Sulcus retro- 
glandularis überschritt und Perforation des Bändchens zur Folge hatte. Seit 
Mitte October entwickelte sich eine schmerzhafte Schwellung der rechts¬ 
seitigen Leistendrüse B, die bald in Eiterung überging. Der apfelgrosse 
Bubo wurde am 3. November in der Chloroformnarkose breit incidirt und 
ausgekratzt. Occlusivverband. 11. November: Verbandwechsel, Wunde ge¬ 
reinigt. 21. November: Verbandwechsel. Gesunde Granulationen. 7. Decem¬ 
ber: Ueppigste Granulirung des vollständig gehobenen Grundes. Offener 
Verband. 15. December: Wunde vernarbt. 

10. Fünfundzwanzigjähriger Unterofficier des 4. Pionierbataillons J. G. 
Anfang October, fünf Tage nach dem letzten Coitus, bemerkte er ein Ge¬ 
schwür an der Vorhaut, seit zehn Tagen sind die linksseitigen Leistendrüsen 


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B, B' geschwollen. Eine lange und breite Geschwulst wuchs rasch und war 
einer Sonnenuhr ähnlich, da sie aus zwei wallnussgrossen fluctnirendeo 
Abscessen bestand, die zu beiden Seiten des Poupart'sehen Bandes lagen 
und durch eine Einschnürung getheilt waren. 5. November: Beide Abscesse 
wurden durch einen breiten Einschnitt eröffnet, die Eiterhöble ausgekratzt 
und mit Jodoformpulver ausgefüllt. Occlusivverband. 12. November: Ver¬ 
bandwechsel. Wunde gereinigt. Ulcera praeputii vernarbt. 22. November: 
Verbandwechsel. Gesunde Granulationen. 26. November kam es zur Durch- 
tränkung und Lockerung des Verbandes, da der Kranke viel herumging 
and mit seinen Kameraden Unsinn machte; deswegen wurde der Verband 
gewechselt. Wundfläche mit mehreren Blutcoagulationen bedeckt und etwas 
grauroth. Acidum Salicylicum. 8. December: Verbandwechsel. Träge Ueber- 
häutung. 15. December: Schöne Granulationen. Grund gehoben. Offener 
Verband. 20. December: Wunde geheilt. 

11. Vierundzwanzigjähriger Gemeiner des 3. Orenburg’schen Kosaken¬ 
regimentes S. P. Vor fünf Wochen und etwa einige Tage nach dem 
Coitus entstand ein Schankergeschwür an der Vorhaut, ausserdem ein 
eitriger Ausfluss aus der Harnröhre. Erst nach Verlauf eines Monats ver¬ 
narbte der Schanker und die Urethritis wurde ebenfalls gebeilt, aber jetzt 
entwickelte sieb eine linksseitige Leistendrüsenentzündung. Der Bubo ver- 
grösserte sich allmälig und Anfangs November, nach der Aufnahme des 
Kranken, bemerkte man in der linksseitigen Leistenbeuge eine apfelgrosse 
fluctuirende Geschwulst. 10. November: Spaltung des Bubo mit Auskratzung 
der Eiterhöhle in der Chloroformnarkose. Jodoformdauerverband. 17.Noveinber: 
Verbandwechsel. Wunde gereinigt. 23. November: Verbandwechsel. Wunde 
sehr hübsch granulirend. Icterus catarrhalis nach einem Diätfehler. Trotzdem 
war am 26. November der Grund gehoben und mit schönen Granulationen 
bedeckt. Offener Verband. 7. December: Ueberhäutung der Wunde. 

12. Dreiundzwanzigjähriger Lazarethdiener J. W. Vor drei Wochen 
wurden einige Tage nach dem Coitus am Ödematösen Präputium mehrere 
GeBchwürchen bemerkt. Anfang December: multiple granulirende Ulcera 
specifica an den Bändern der Vorhaut, in der linken Leistenbeuge eine 
apfelgrosse fluctuirende schmerzhafte Geschwulst. 3. December: Spaltung des 
Bubo in der Chloroformnarkose mit Auskratzung der Abscesshöble. Jodo¬ 
formdauerverband. 7. December: Verbandwechsel. Wunde rein. 14. December: 
Verbandwechsel. Gesunde Granulationen. 22. December: Verbandwechsel. 
Grund gehoben. 26. December: trage Ueberhäutung. Lapistouchirung, offener 
Verband. 11. Jänner: Wunde vernarbt. 

13. Dreiundzwanzigjähriger Gemeiner des 132. Infanterie-Regimentes 
A. P. Vor vier Wochen, sieben Tage post coitum, entstand ein Geschwür 
an der Vorhaut und zwei Wochen später eine entzündliche Schwellung der 
linksseitigen Leistendrüse B. Ende November war das weiche Geschwür 
mit Hinterlassung einer weichen Narbe geheilt, der Bubo aber vergrößerte 


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sich allmälig and es zeigte sich bald eine deutliche Fluctuation. 3. December: 
Spaltung des Abscesses durch einen breiten Einschnitt, Auskratzung der 
apfelgrossen Eiterhohle, darauf Jodoformdauerrerband. 7. December: Ver¬ 
bandwechsel. Wunde unrein und etwas granrotb. 11. und 15. December 
zwei nachfolgende Verbandwechsel. Träge Granulationswucherung. 19. De- 
ceinber: Verbandwechsel. Gesunde Granulationen. Ocdenia durum praeputii. 
Die Leistendrüsen links und rechts indolent geschwellt. 26. December: 
Verbandwechsel. Blasse und faule Granulationen. 5. Jänner: Schöne Granu¬ 
lationen. Offener Verband. 15. Jänner: Wunde geheilt. Am Stamm und den 
Extremitäten — maculüser Ausschlag; Angina syphilitica. Der Kranke wurde 
in die syphilitische Abtheilung transferirt. 

14. Neunundzwanzigjähriger Feldwebel des 7. Pionier-Bataillons M. S. 
Sehr anämisch, früher litt er an Lues. Einige Tage nach dem letzten Coitus, 
der am Ende October stattgefunden, bemerkte er zwei Geschwtirchen an 
der Vorhaut. Anfangs Deceraber entwickelte sich eine Drüsenentzündung in 
der linken Leistenbeuge, die bald in einen faustgrossen fluctuirendcn Bubo 
überging. 9. December: Eröffnung des Bubo durch einen breiten Ein¬ 
schnitt, Auskratzung der Eiterliölile, die mit Jodoformpulver ausgefüllt 
wurde. Occlusivverband. 11. December: Verbandwechsel. Sehr profuse 
Secretion. Jodoformalaunpulver. Schanker der Genitalien geheilt. 20. De¬ 
cember: Verbandwechsel. Wunde granulirend. 26. December: Verband¬ 
wechsel. Träge Ueberhäutung der Wunde. 3. Jänner: Schlaffe Granulationen. 
Offener Verband und Lapistouchirung täglich. 10. Jänner: Schöne Granu¬ 
lationen. 21. Jänner: Wunde vernarbt. 

15. Vierundzwauzigjähriger Kanonier des 11. Artillerie-Parks B. S. 
Drei Tage nach dem letzten Coitus entstanden Ende October zwei Schanker¬ 
geschwüre am inneren Blatte der Vorhaut. Mitte November entwickelte sich 
in der rechtsseitigen Leistenbeuge eine Entzündung der Drüse B, die bald 
deutliche Fluctuation zeigte. 9. December: Spaltung des Abscesses in der 
Chloroformnarkose mit Auskratzung der apfelgrossen Eiterhöhle, Jodoform¬ 
dauerverband. 16. December: Verbandwechsel. Wunde gereinigt. Schanker¬ 
geschwüre der Vorhaut vernarbt. 19. December: Verbandwechsel. Ueppige 
Granulationen. 22. December: Grund gehoben. Offener Verband. 2. Jänuer: 
Wunde geheilt. 

16. Vierundzwanzigjähriger Gemeiner des 6. Ingenieur-Bataillons S. 
Ch. Letzter Coitus Ende October; nach drei Wochen bemerkte er ein Ge¬ 
schwür am Bändchen, darauf folgte noch beiderseitige Schwellung der In¬ 
guinaldrüsen; die linksseitigen Drüsen sind bald in Eiterung übergegangen. 
11. December: Spaltung des Bubo mit Auskratzung der wallnussgrossen 
Eiterhöble. Jodoformdauerverband. 19. December: Verbandwechsel. Wunde 
gereinigt. Geschwür am Frenulum vernarbt. Folgende Verbandwechsel 24., 
30. December und 10. Jänner. Mitte Jänner Wunde überhäutet. 


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17. Dreiundzwanzigjähriger Gemeiner des 3. Orenbnrg'schen Eosaken- 
Regimentes P. P. Letzter Coitus vor drei Wochen; am folgenden Tage ent¬ 
wickelten sich einige Pusteln an der Vorhaut, die sich verschwärten. An¬ 
fang December entstand eine schmerzhafte Drüsenentzündung in der linken 
Leistenbeuge. Der Bubo vereiterte bald und wurde am 16. December eröffnet 
mit Auskratzung der Eiterhöhle. Jodoformdauerverband. 19. December: Ver¬ 
bandwechsel. Wunde unrein. Bedeutende Eiterung. Jodoformalaunpulver. 
22. December: Verbandwechsel. Wunde gereinigt. 31. December: Gesunde 
Granulation. 7. Jänner: Wunde granulirend. ln der Umgebung derselben 
trat ein eczematöser-Ausschlag auf, deswegen musste man mit Jodoform¬ 
verband aufhören und örtliche Behandlung des Eczems mit entsprechenden 
Mitteln einleiten. Die Wunde war am 21. Jänner nur vernarbt. 

18. Vierundzwanzigjähriger Feuerwerker der Kiew’scben Festungs¬ 
artillerie A. S. Acquirirte vor fünf Wochen drei Schankergeschwüre im Sulcus 
retroglandularis; dieselben sind bereits vernarbt; seit vier Wochen ent¬ 
wickelte sich ein Bubo in der linken Leistengegend. Die stark gewölbte 
barte schmerzhafte Geschwulst vergrösserte sich bald bis zur Faustgrösse 
und auf der - Höhe der Geschwulst bemerkte man an einer nussgrossen 
Stelle deutliche Fluctuation. 16. December: Spaltung des Bubo durch einen 
breiten Einschnitt in der Chloroformnarkose; Entfernung geschwellter 
Drüsen mittelst der Finger. Auskratzung und Ausspülung der Eiterhöhle 
mit Jodoformpulver. Occlusivverband. 17. December: Profuse Eiterung. Ver¬ 
bandwechsel. 21. December: Wunde gereinigt. 26. December: Verband¬ 
wechsel. Gesunde Granulationen. 4. Jänner: Verbandwechsel. Träge Ueber- 
häutung der Wunde. 10. Jänner: Grund gehobeu, schöne Granulationen. 
Offener Verband. 19. Jänner: lineare, feste und glatte Narbe. 

19. Dreiundzwanzigjähriger Gemeiner der Kiew'schen Festungsartillerie 
B. K. Seit einem Monat entstand ein Schankergeschwür an der Uebergangs- 
stelle des inneren ins äussere Vorbautblatt, zu dem eine rechtsseitige Leisten¬ 
drüsenentzündung hinzutrat. Diese führte zu einem apfelgrossen fluctuirenden 
Bubo der Drüse C, während das Scbanjcergeschwür schon vernarbte. 19. De¬ 
cember: Eröffnung des Bubo in der Chloroformnarkose mit Auskratzung der 
Abscessböhle. Jodoformdauerverband. 22. December: Verbandwechsel. Wunde 
gereinigt. 26. December: Verbandwechsel. Gesunde Granulationen. 4. und 
10. Jänner noch zweimal Verbandwechsel. 22. Jänner Wunde Uberhäutet. 

20. Sechsundzwanzigjähriger Kanonier der Kiew'schen Festungsartillerie 
B. 0. Letzter Coitus Anfang October; nach drei Tagen entstanden mehrere 
Schankergeschwürchen am äusseren Blatte der phimotischen Vorbaut. Die 
Geschwüre waren schon vernarbt, als sich eine rechtsseitige Leistendrüsen¬ 
entzündung entwickelte, die bald in einen fluctuirenden Bubo überging. 

21. December: Spaltung des Bubo in der Chloroformnarkose mit Auskratzung 
der apfelgrossen Eiterböhle. Jodoformdauerverband. 25. December: Verband¬ 
wechsel. Wunde gereinigt. 5. Jänner: Verbandwechsel. Träge Ueberhäutung 

Vierteljahrenschrift t. Dermatol, u. Syph. 1888. {Q 


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der Wunde. 15. Jänner: Grund gehoben. Offener Verband. 20. Jänner: 
Wunde vernarbt. 

Es sei mir gestattet, an dieser Stelle meinem hochverehrten 
Freunde Herrn Docenten Dr. Adolph Fleischer für die liebens¬ 
würdige Ueberlassung des Materials seiner Abtheilung, sowie für 
gütige mündliche Unterstützung meinen wärmsten Dank auszu¬ 
sprechen. 


Literatur. 

l ) Astruc. De murbo gallieo libri. IX, 1740. — 2 ) M. Jauberthon. 
Traite des maladies veneriennes. Paris 1766. — 3 ) Benjamin Bell. A 
treatise on the theory and menagement of ulcers. Edinburgh 1778. — 
4 ) F. Swediaur. Practical observations on the more obstinate and 
inveterate venereal coniplaints. London 1784. — 5 ) J. M. Vetter. Disser- 
tatio de morbis amatoriis. Erlangen 1787. — 6 ) John Hunter’s Abhand¬ 
lung über die venerischen Krankheiten. Leipzig 1787. — J ) Christoph 
Girtanner. Abhandlung über die venerische Krankheit. Göttingen 1788. 

— 8 ) Clossius. Ueber die Lustseuche. Tübingen 1797. — l< ) P. Fab re. 
Traite des maladies veneriennes. Paris 1795. — lü ) J. I). Metzger. Ueber 
die vortheilhafte Curart der Bubonen. Hufeland’s Journal 1795, I. Stück 4. 

— ll ) Fr. Alex. Simon. Versuch einer kritischen Geschichte der örtlichen 
Lustübel und ihre Behandlung. III. Thcil. Hamburg 1846, pag. 164. — 
,2 ) J. Louvrier. Nosographisch-therapeutischc Darstellung syphilitischer 
Krankheitsformcn. H. Auflage. Wien 1819, pag. 172. — I3 ) J. Nep. Rust. 
Helkologie. Wien 1811, Bd. H, pag. 33; Magazin V, pag. 22 (Anmerkung). 

— 14 ) Wendt. Die Lustseuche in allen ihren Richtungen. HI. Auflage, 
Breslau 1825, pag. 177. — ,5 ) J. K. Proksch. Ueber die Behandlung der 
Bubonen mit essigsaurem Blei. Wiener medicinische Presse 1872, 40, pag. 
919. — ,Ä ) Dieterich. Die Krankheitsfamilie Syphilis. Landshut 1842, 
H, pag. 115. — 17 ) Schmetzer. Schnelle Zertheilung der Bubonen. Medi- 
cinisches Correspondenzblatt des Württembergschen ärztlichen Vereines, 

1832, Juni. — ,8 ) Annalen der chirurgischen Abtheilung des allgemeinen 
Krankenhauses in Hamburg. 1828, I, pag. 214 u. ff. — ,0 ) W r . Fcrgusson. 
On the trcatracnt of chronic Bubo by pressure. London medical Gazette 

1833, Aprile. — f0 ) Archivcs gönerales de medecine. 2. S<*ric, H, 1833, 
pag. 418. — 2I ) Dictionnaire de Sciences mödicales. 1H, pag. 340. — ■*) Cit. 
bei Dieterich, 1. c. pag. 115. — 23 ) Dublin medical Journal 1847, May. 

— 24 ) Handschuh. Die syphilitischen Krankheitsformen und ihre Heilung. 
München 1831. — * 5 ) Behrend’s. Syphilidologie. Neue Reihe 1857, I. Bd., 
2, pag. 184. — *•) Ebenda, pag. 185. — 27 ) Ebenda, pag. 184 (Anmerkung). 

— 2H ) Osservatore rnedico di Napoli 1833, Settembre. — 20 ) II. Zeissl. 
Zur abortiven und methodischen Behandlung acuter und lentescirender 
Leisten- und Schenkeldrüsengesehwtilste. Wiener medicinische W r oehensehr 
1872, 10. Ref. dieser Zeitschrift 1872, pag. 583. - 30 ) Patzelt. Ueber 
die Behandlung acuter und lentescirender Leisten- und Schenkeldrüsenent¬ 
zündung mit basisch essigsaurem Blei. Diese Zeitschrift 1873, pag. 413 
bis 442. — 31 ) Allgemeine Wiener medicinische Zeitung 1878, 2. 3. — 
32 ) Archivcs generales de medecine 1832, Mars. — 3a ) Cullerier. Praktische 


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Chirurgische Behandlung der buppurirenden venerischen Bubonen. 


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Untersuchungen über die Behandlung der Syphilis etc., pag. 132—138. — 
* 4 ) Journal des connaissanees medicales 1834, Janvier. — 3i ) Ebenda 1834, 
Octobre. — **) Langston Parker. The modern treatment of syphilitic 
diseases. London 1839, Cap. 177. — ”) Annales de la Soci^W medicale de 
Gand. IV, pag. 402. — J “) Lancet 1877, II, pag. 139. — **) The American 
Recorder of original Papers. Philadelphia 1821. — 40 ) Bulletin general de 
thtfrapeutique 1861, LX, Juin, pag. 495. — *') Gazette medicale de Paris 
1862, 1. — 42 ) Ebenda 1871, 17. — 4S ) Gazette h^bdomadaire de med^cine 
et de Chirurgie 1855, 49. — 44 ) Journal des connaissanees mödicales 1839, 
Aout. — **) 1. c.. pag 116. — 4 *) Wratsch. 1883, 52 (russisch). 

— 47 ) Sitzungsber. der medic. Gesellschaft zu Kiew 1883/84, pag. 12—13 

(russisch). — 48 ) J. L. Kerndl. Chirurgisch-praktische Abhandlung über 
die venerische Drüsenbeule. Wien 1799. — 4# ) A. L. Richter. Ueber Be¬ 
handlung syphilitischer Drüsengeschwülste mittelst der Kerndl'schen 
scharfen Umschläge. Horn’s Archiv 1824, II. Bd., pag. 299. — 50 ) F. L. 
F. Koeve. Dissertatio de bubone syphilitico. Rostockü 1828. — M ) H. Aug. 
Hacker. Literatur der syphilitischen Krankheiten vom Jahre 1764 bis mit 
1829. Leipzig 1830, pag. 156. — **) Lallemand. EphOtu)ridcs medicales 
de Montpellier 1826, Vol. I, Janvier. — * 3 ) F. Kopff. Du traitement de 
l’addnite syphilitique par les applications de teinture d’jode. Tli«*se. Stras¬ 
bourg 1854. — * 4 ) Canstatt’s Jahresbericht über die Fortschritte der 
gesammten Medicin im Jahre 1855. Wttrzburg 1856, IV. Bd., pag. 305. — 
**) Monatshefte für praktische Dermatologie 1883, 10. — S6 J Archiv für 
Syphilis und Hautkrankheiten 1847, II, 3, pag. 466 — 469. — 57 ) Lancet 
1853. — 6S ) Hanse. Quelques considerations sur le bubon venörien et de 
son traitement, notamment sur lc traitement du bubon suppuree par les in- 
jections iodees. Paris 1858. — **) Wiener medicinische Wochenschrift IX, 
1860. 38. — *°) Ebenda 1868, 85, 86, 87. — •*) Jakuböwitsch. Bu¬ 
bonenbehandlung mit der Injection von Jodkalium. Wiener medicinische 
Presse 1875, 3, 4. Diese Vierteljahresschrift 1875, pag. 360.- — "*) Tijd- 
skrift for praktisk medicin. Christiania 1881, 9, 10. — * 3 ) Northwestern Lan¬ 
cet 1886, Octobre. Diese Vierteljahresschrift 1887, pag. 380. — B4 ) London 
medical Record 1879, August. — * s ) American Journal of medical scienee 
1881, December. — **) Diese Vierteljahresschrift 1883, pag. 648. — 

* 7 ) Medical News. Philadelphia 1886, pag. 98; diese Vierteljahressehrift 
1886, pag. 904. — * 8 ) Giornale italiano delle malattie veneree e della pelle 
1885, pag. 358 - 359. - "*) Przeglad lekarski. Kraküw 1880, 20, 21, 22. 

— 70 ) Ebenda 1880, 23. — 7I ) Ebenda 1880, 35, 36, 37. — 7i ) Oarl Maria 
Anthofer. Zur Therapie der Adenitiden. Allgemeine Wiener medicinische 
Zeitung 1882, 20, pag. 220. — ”) 1. c., pag. 253—256. — 74 ) H. Auspitz. 
Die Bubonen der Leistengegend. Diese Zeitschrift 1873. pag. 492. — 7S ) H. 
und Max v. Zeissl. Lehrbuch der Syphilis. IV. Auf!., Stuttgart 1882, 
pag. 254. — ’*) Edm. Lesser. Geschlechtskrankheiten. Leipzig 1886. H, 
pag. 74. — ") IV. Auflage. Bd. I, pag. 362. — 7 ") Behrend’s Syphilo- 
dologie. Alte Reihe 1843, Bd. V, pag. 54. — ”) Methodus medendi libri. 
XIII, Cap. 5, X, pag. 880 u. ff. — ,,# ) Wilhelm Mi ehr. Mittheilungen aus 
der Klinik für syphilitische und Hautkrankheiten des Prof. Dr. Lind¬ 
wurm im allgemeinen Krankenhause zu München 1864, pag. 49. — 
•*) 1. c.. pag. 470 - 472. - 82 ) 1. c., pag. 253-256. - 83 ) H. F. Bonor¬ 
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Berlin 1834, pag. 300—302. — * 4 ) Vivefoy. De l’avantage des ponctions 
dans le traitement des bubons. Journal des connaissanees mddicales 1839, 
Octobre. — **) Championniöre. Du traitement local des bubons par les 
piqüres multiples. Journal de m£d4cine et de Chirurgie 1840, Aoüt. — 
**) Hulard. Des ponctions multiples dans le traitement des bubons en voi 

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S z a d e k. 


de suppuration. Bulletin g^n^ral de thOrapeutique 1841, XXI, Aoüt. — 
87 ) Fr. Müller. Bemerkungen über den syphilitischen Bubo und dessen 
Behandlung. Prager Vierteljahresschrift 1845, IV; Schmidt’s Jahrbücher 
1845, 11, pag. 181. — 88 ) Vidal de Cassis. Traitement local de bubons 
suppures, avantage des ponctions multiples. Annales des maladies de la 
pean 1851, IV, pag. 25. — 80 ) H. Holder. Lehrbuch der venerischen 
Krankheiten. Stuttgart 1831, pag. 432. — B# ) Mar^chal de Calvi. Me¬ 
moire sur le traitement du bubon. Annales de la Chirurgie 1841, Janvicr. 

— 9I ) Eman. Kohn. Ueber Behandlung der Bubonen durch Punction. 
Diese Zeitschrift 1871, pag. 225—241. — Grünfeld. Subcutane Be¬ 
handlung von Bubonen durch Auspumpen des Eiters. Wiener medicinische 
Presse 1869, 4. — **) Tomowitz. Ueber subcutane Behandlung von Bu¬ 
bonen durch Auspumpen des Eiters. Wiener medicinische Presse 1869, 40. 

— ® 4 ) Grünfeld. Bubo. Eulenburg’sche Real-Encyclopädie der gesamin¬ 
ten Heilkunde. Wien und Leipzig 1885, HI. Bd., pag. 559. — **) Moriz 
Mandl. A bnjaköros mirigytalys gyognitäsa kiszivattynzas altal. Gyögyäs- 
zat 1882, 10. — **) Faustin Ricardo Perez Caballero. La aspiracion 
y las inpecciones parenquimatosas en el tratamiento de los bubones. Revista 
especial de oftalmologia, dermatologia, sifilografla y afecciones urinarias XI, 
Nr. 110, pag. 433—438. — ® 7 ) Galenus, 1. c. — ® 8 ) J. Rosenbaum. 
Geschichte der Lustseuche im Alterthume. H. Abdruck. Halle 1845, pag. 438. 

— **) 1. c., pag. 120. — ,0 °) Behrend's Syphilidologie. Alte Reihe 1839, 

I, pag. 149. - I0 *) Ebenda, pag. 371. - ,,J1 ) Ebenda 1840. H, pag. 71. 

— * 03 ) Abraham Colles. Praktische Beobachtungen über die venerische 
Krankheit. Uebersetzt von Er. Alex. Simon. Hamburg 1839, pag. 104. — 
104 ) H. M. J. Desrnelles. Traite pratique des maladies veneriennes. Paris 
1837. — ,05 ) Herbert Mayo. Treatise on Syphilis. London 1840. — 1ÜB ) Wilh. 
Peters. Beiträge zur Lehre vom eiternden Bubo. Prager Vierteljahresschrift 
1865, XXH, 2. — l07 ) A. Geigel. Geschichte, Pathologie und Therapie 
der Syphilis. Würzburg 1847, pag. 180. — IW8 ) L. V. Lagneau. Traitö 
pratique des maladies syphilitiques. Paris 1828, I, pag. 229—230. — 
,09 ) Rust’s Aufsätze und Abhandlungen. I. Bd., pag. 65. — tl0 ) P. Bau¬ 
mes. Precis theorique et pratique sur les maladies veneriennes. Lyon 1841. 

II, Vol. 2 partie, XIV. Cap. — ,1 ‘) C. F. Skey. A practical treatise on 
the venereal diseases. London 1840. — 1 '“) Alb. Re der. Pathologie und 
Therapie der venerischen Krankheiten. Wien 1863, pag. 208. — Van 
Swicten. Commentarii in H. Boerhaave aphorismos de cognoscendis et 
curandis morbis. Lngduni Bataviae 1772, Vol. V, pag. 497. — ,l4 ) Beh- 
rend’s Syphilodologie. Alte Reihe 1841, pag. 549. — ,,s ) Ebenda 1842. 
Ergänzungsheft pag. 312. — 11 *) Ebenda 1843. V, pag. 457. — ,IT ) Fr. 
Alex. Simon. Ri cord's Lehre von der Syphilis kritisch beleuchtet. Hamburg 
1851, I. Theil, pag. 157. — ,,B ) Recueil des m^moires de marine mili- 
taire. UI. Serie, XIX, 1867, Octobre, pag. 306. — “*) Zur Therapie der 
Drüsenvereiterungen. Diese Zeitschrift 1870, pag. 123. — **°) Dieses 
Archiv 1873, pag. 492 u. ff. — '*') H. und Max v. Zeissl. Lehrbuch der 
Syphilis, IV. Auflage. Stuttgart 1882, pag. 258. — ,a2 ) Fessenden N. 
Otis. Practical clinical lessons on Syphilis and the genito-urinary diseases. 
New-York 1886, pag. 253. — ***) Diese Vierteljahresschrift 1879, pag. 423. 

— ia4 ) Ebenda 1878, pag. 128. — ,as ) Wagner (Königshütte). Die 
frühzeitige - antiseptische Behandlung bei Bubonen. Breslauer ärztliche Zeit¬ 
schrift 1879, 10; diese Vierteljahresschrift 1879, pag. 641. — '**) Ver¬ 
handlungen der medieinischen Gesellschaft zu Kiew 1879/80, pag. 91—96 
(russi sch). — ,S7 ) Annales de derinatologie et de syphiligraphie 1873, 1874, 6. 

— ,a8 ) Diese Vierteljahresschrift 1875, pag. 294-300. - '”) Schmidt’s 
Jahrbücher 1876, 10, CLXXH, pag. 32. — ,3 °) Achille Caramiti. Deila 


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Chirurgische Behandlung der suppurirenden venerischen Bubonen. 


241 


cura delle varie specie di adeniti veneree. Giom. italiano dellc malattie 
veneree e della pelle 1878, pag. 294—304. — m ) Fr. Mracek. Beitrag 
zur Entstehung und Behandlung der Adenitis inguinalis. Wiener raedici- 
nische Presse 1879, 36. — ,ss ) Güterbock. Beitrag zur Jodoformbehand¬ 
lung. Berliner klinische Wochenschrift 1881, 39. — ,,s ) 0. Petersen. 
Dauerverband bei der Bubonenbehandlung. St. Petersburger medieinische 
Wochenschrift 1881, 52; Monatshefte für praktische Dermatologie 1883, 10. 

— *’*) Gschirliakl. Zur Behandlung der Bubonen. Wiener medieinische 
Wochenschrift 1882, 15, 16. — l31i ) Deutsche medieinische Wochenschrift 

1882, 25, pag. 345. — ***) Zur Behandlung von Bubonen. Wiener 
medieinische Wochenschrift 1882, 36. — ,S7 ) A. Kriser.vJodoformal kezelt 
egyneliany dob esete. Gydgy&szat 1882, 28, pag. 481—484; deutsch: 
Pester medicinisch-chirurgische Presse 1882, pag. 650. — ISI ) Neumann. 
Jodoform gegen Syphilis. Allgemeine W'iener medieinische Zeitung 1883, 
31, 32; Bericht der I. Abtli. für Syphilis des Wiener k. k. allgemei¬ 
nen Krankenhauses pro 1883. S. A. Wien 1885, pag. 43. — ’“) Las- 
sar. Ueber Bubonenbehandlung. Monatshefte für praktische Dermatologie 

1883, 12. — ,4 °) Diese Vierteljahresschrift 1883, pag. 395. — 14 ') Central¬ 
blatt für Chirurgie 1883, pag. 46. — ,4 *) Zeissl. Allgemeine Wiener 
medieinische Zeitung 1883, 21. — ,43 ) Beiträge zur Pathologie und 
Therapie der Schankerbubonen. Ebenda 1885, 7. — ,44 ) Edm. Besser. 
Geschlechtskrankheiten. Leipzig 1886, pag. 75. — ,4S ) Monatshefte für 
praktische Dermatologie 1886, 1, pag. 46—47. — ,4# ) Diese Viertel¬ 
jahresschrift 1886, pag. 592—593 und die Fälle 4, 7, 10, 16, 22, 24, 
28, 31, 37. 38, 41, 44, 45 und 56. - ,41 ) Centralblatt für Chirurgie 1882, 
52. — ,4 ") Fr. Jawdynski. 0 leczenin dymievic pachwinowych. War¬ 
szawa 1885. S. A. aus der Festschrift zum Jubiläum des Prof. Dr. Hoyer. 

— ,4< *) 0. Petersen. Die Antiseptik auf dem Gebiete der venerischen 
Krankheiten. S. A. aus der Deutschen Medicinal-Zeitung 1885, 46. pag. 9. 

— ,5 °) Man muss sich wundern, dass noch bis jetzt manche Siphilidologen 
einen häufigen Verbandwechsel bei Bubonenbehandlung anrathen; so z. B. 
Tomaschewsky (Wratsch 1883, 18—22, russischj wechselt den Ver¬ 
band nach Incision des Bubo dreimal täglich; dementsprechend erzielt er 
auch die Heilung erst binnen 35 — 45—64 Tagen. (Siehe 0. Petersen. 
Die Antiseptik etc.) 


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Bericht ober die Leistungen 

auf dem 


Gebiete der Dermatologie und Syphilis. 


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I. 

Hautkrankheiten. } 

(Redigirt von Prof. Kaposi in Wien.) 


Anatomie, Physiologie, path. Anatomie, allg. und exper. Pathologie 

und Therapie. 

1. Montefnsco A. e Bifolco F. Ricerche snlla termometria locale nel 
Vajuolo. — Giorn. internaz. d. sc. nied. 1887, 5. 

2. Bardnzzi. Dell' nso del solfnro di zinco idrato nella terapia cutanea. 
— Boll. dei cult. delle sc. med. di Siena 1887, 2. 

3. Michelacci. Sulla virtü terapeutica di alcuni saponi raedicinali in 
certune affezioni cutance. — Gazz. degli ospitali 1887, 58. 

4. Nenymin J. Anilinöl, als ein antiparasitäres Mittel bei einigen Haut- 
affectionen angewendet. — Sitzungsber. d. inedicinischen Gesellschaft 
zu Tiflis. 1887/88, Nr. 4, pag. 92—108 (russisch). 

5. Jackson G. T. Ichthyol und Resorcin. Eine klinische Studie Ober 
deren Wirkung. — Joum. of cut. and genit. urin. dis. 1887, Nr. 6 u. 7. 

Montefusco und Bifulco (1) gelangten auf Grund ihrer local-thermo- 
metrischen Untersuchungen zu folgenden Schlüssen: Bei der Variola 
besteht in der Regio splenica eine constante Temperaturerhöhung gegen¬ 
über der Regio hepatica und der Abdominalwand; diese locale Temperatur- 
Steigerung in der Milzgegend ist unabhängig von einer etwa vorhandenen 
Milzschwellung, kommt bei schweren wie bei leichten Erkrankungen vor 
und erreicht in der Invasionsperiode ihren Höhepunkt. Zwischen der localen 
Temperatur in der Milzgegend und jener in der Achselhöhle besteht kein 
constantes Verhältnis. Im Uebrigen fanden die Autoren, dass die Tem¬ 
peratur in der Regio splenica denselben Schwankungen unterworfen ist wie 
die Allgemeintemperatur des Organismus und dass, während die Axillar- 
temperatur häufig jene der Milzgegend übersteigt, das Umgekehrte selten 
zutrifft. 

Bardnzzi (2) constatirte die rasche Aufnahmsfähigkeit des Zink- 
hydrosulfids, welche sich durch die Anwesenheit von Schwefelwasserstoff im 
Schweisse sehr bald nach der Einverleibung von wenigen Ccntigrammen 
dieses Präparates documentirt. Er versuchte das Zinkhydrosulfid wiederholt 
innerlich beim chronischen Eczem und bei Psoriasis und erzielte constant 
beachtenswerthe Erfolge selbst in Fällen, welche vorher jeder anderen 
internen Medication getrotzt hatten. Man lässt das Zinkhydrosulfid in 

*) Um vielfachen Anfragen zu genügen, bemerke ich, dass die in 
diesem wie in den früheren Berichten getroffene Anordnung des Stoffes von 
mir herrührt und von Herrn Prof. Kaposi, unbeschadet seiner persön¬ 
lichen Anschauung über Systematik der Hautkrankheiten, bei der Zusam¬ 
menstellung der Berichte verwendet wird. F. J. Pick. 


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24G 


Bericht nhor <lie Leistungen auf dem Gebiete 


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Pillen zu 0*01, drei- bis zwölfmal täglich nehmen. B. wendete dieses Salz 
auch äusserlich in Salhenform (5 : 50) an, und hatte damit nicht nur bei 
den erwähnten chronischen Affectionen, sondern auch bei verschiedenen 
pflanzlich-parasitären Dermatosen sehr günstige Heilerfolge zu verzeichnen. 
Vor anderen Schwefelpräparaten hat das Zinkhydrosulfid den Vortheil, dass 
es dem Organismus Schwefel in einer leicht resorbirbaren Form zuführt 
und dass es viel weniger reizend wirkt als andere Schwefelverbindungen. 

Ohne gerade den medicinischen Seifen in der Therapie der Haut¬ 
krankheiten eine grössere Bedeutung beizumessen, als ihrem realen Werthe 
entspricht, glaubt Michelacci (3) ihre Anwendung dennoch geeigneten 
Falles empfehlen zu können und zwar mit Berufung auf die im Grossen 
und Ganzen günstigen Heilerfolge, die er in einer längeren Versuchsreihe 
damit erzielte. Folgende Seifenarten erwiesen sich ihm besonders wirksam: 
Campherseife bei mit heftigem Jucken einhergehenden, nicht nässenden 
Dermatosen, sowie bei einfachem Pruritus; Ichthyolseife bei erytbematösen, 
wie auch bei vesiculösen und pustulösen Formen im Stadium decrementi; 
Carbol-, Sublimat- und Salicylseifen bei parasitären Stigmatosen; Calcium¬ 
carbon athältige Seifen als reinigendes und entfettendes Mittel bei Acne, 
Seborrhöe, Intertrigo und Pityriasis; Calciumcarbonatseife mit Sublimat bei 
durch pflanzliche Parasiten bedingten Hautaffectionen, namentlich bei Sycosis 
parasitaria; Naphtol-, Schwefel- und Schwefeltheerseifen, sow'ie Mercurial- 
seifen bei Pediculosis, Scabies, Pityriasis versicolor; Borseife bei Eczema inter- 
trigo. Michelacci hebt die günstige Wirkung der Theer-, Naphtol-, Jodoform-, 
Schwefel-, Zinkoxyd- und Bleioxydseife bei Psoriasis und Pityriasis besonders 
hervor, doch muss die Seife genügend lange auf der Haut belassen und erst 
•nach mehrtägiger Anwendung durch das Bad entfernt werden. Versuche, 
die er bei Scabies mit Seifen anstellte, die Beimischungen von Daphne. 
Stafisagria, Storax und Baisamum peruvianum enthielten, ergaben keine 
günstigen Resultate. Dornig. 

Die von Nenymin (4) erreichten Resultate nach Anwendung des 
Anilinöls bei verschiedenen parasitären Affectionen der Haut (Favus, Herpes 
tonsurans, Scabies, Pediculosis, Pendsjeh-Geschwür) war nicht befriedigend; 
obgleich dieses Mittel einige Epi- und Dermatozoa, Acarus Scabiei tödtet, 
jedoch treten sehr oft allgemeine Intoxicationserscheinungen ein, die sehr 
ähnlich mit den Symptomen des Alcoholismus acutus und Narkose sind; ausser¬ 
dem beobachtet man eine dunkelblaue, fast schwarze Färbung der Hautdecke 
und der Schleimhäute. Dosis toxica des Anilinöls bei äusserlicher An¬ 
wendung desselben betrug lo—4*0 Grm. Szadek. 

Jackson (5) hat, was zunächst das Ichthyol betrifft, dasselbe bei 
Acne rosacea, Eczem, Erythem, Acne vulgär. Sycosis und „Geschwüren“ 
angewendet, er erhielt nicht nur absolut negative Heilresultate, sondern 
beobachtete wiederholt Reizung und Verschlimmerung und fasst sein Urtheil 
in Folgendem zusammen: Das Ichthyol ist ein unzuverlässiges Präparat, 
wenn es für sich allein gebraucht wird. Als Adjuvans angewendet ist es 
in einzelnen Fällen von scheinbarem Nutzen, doch nicht so gut als viele 
andere alte und wohlerprubtc Mittel. Das Resorcin kam in Anwendung in 
sechs Fällen von Eczema, wovon drei verschlechtert, zwei gebessert, einer 
geheilt wurden. Zwei Fälle von Epithelioma wurden geheilt, einer wesent¬ 
lich gebessert. Von drei Fällen „Tuberculosis oder Scrofuloderma“ wurden 
einer geheilt, zwei wesentlich gebessert. Je ein Fall von Lupus erythema¬ 
tosus und Lupus vulgaris wurden, ersterer nach zwei Monaten, letzterer 
nach fünfeinhalb Monaten gebessert. In einem Falle von Psoriasis konnte 
im Beginne der Resorcinbehandlung eine leichte Besserung, weiterhin jedoch 


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der Dermatologie. 


247 


kein Effect constatirt werden. Der Autor resumirt: Das Resorcin ist eine 
reizende Substanz bei Eczemen und vermag bei chronischen Fällen Gutes 
zu leisten; es übt einen mächtigen Einfluss auf die Absorption frischer 
Zelleninflltrate. Dasselbe ist eine Bereicherung unseres Medicamenten- 
scbatzes bei der Behandlung von Epitheliomen, bei denen chirurgische Ein¬ 
griffe aus irgend einer Ursache contraindicirt sind. Ja risch. 

Corlett W. T. Ueber das Verhältnis mancher Hautkrankheiten zu 
den Schleimhäuten. Cleveland M. Gaz. 1886 1887. — Dulming L. A. 

Ueber lineare Vertheilung von Hautkrankheiten. Journ. cut. and ven. dis. 
New-York 1887. — Mermod. Die Elektrolyse bei Behandlung der Krank¬ 
heiten der Haut und der Schleimhäute. Rev. nid. Gen^vc 1887. 

Anomalien der Secretion und des Secretionsapparates. 

Gamberlni. La seborrea. — Giorn. ital. delle mal. ven. e della pelle 
1887, 5. 

Aus Garaberini\s klinischen Bemerkungen über die Seborrhöe verdient 
Folgendes hervorgehoben zu werden: Die Seborrhöe ist nicht selten von einer 
Anhäufung von Endothelzellen begleitet, die mehr weniger vollständig fettig 
degenerirt sind. Ueberwiegt die Menge dieser Zellen, so entwickeln sich die 
verschiedenen Acneformen oder die crustösen Formen, wie man sie be¬ 
sonders bei Säuglingen beobachtet. Gesellt sich zu der Hypersecretion von 
Sebum eine leichte superficielle Hauthyperämie, so erfolgt leicht eine Ab¬ 
hebung der Hornschicht der Epidermis, wodurch sich zu der Seborrhöe Pi¬ 
tyriasis gesellt. — Ein entzündlicher Process kann der Seborrhöe voran¬ 
gehen oder ihr folgen, wobei der verschiedene Grad der Entzündung die 
verschiedenen Formen und Complicationen der Seborrhöe bedingt. Auf die 
Frage, ob die nämliche Ursache bald Seborrhöe, bald Hyperidrosis oder auch 
die gleichzeitige oder aufeinanderfolgende Entwickelung beider Krankheits¬ 
formen hervorrufen könne, antwortet Gamberini mit Ja und zwar mit 
Rücksicht auf die functionellen Beziehungen, die zwischen beiden Drüsen¬ 
systemen bestehen. Die Frage, ob die Seborrhöe mit irgend welchem pa¬ 
rasitären Elemente Zusammenhängen könne, glaubt derselbe ebenfalls be- 

1 ‘ahen zu können. Das Prädominiren der Seborrhöe auf der behaarten 
Kopfhaut, auf welcher sich häufig verschiedene Mikroben einnisten, bestärkt 
ihn in dieser Ansicht, umsomehr als, wie er öfter constatirte, die Vernich¬ 
tung des Saccharomyces nicht selten hinreicht, um eine veraltete Seborrhöe 
zu beseitigen. Ja, er ist der Ansicht, dass Mikroben die häufigste Ursache 
der Seborrhöe und der Pityriasis capillitii seien. Die Alopecie, welche die 
zwei eben genannten Affectionen der Kopfhaut begleitet, spricht ebenfalls 
für deren parasitäre Natur. Auch die Pityriasis versicolor weist Beziehungen 
zur Seborrhöe auf, welch letztere durch die Reizung bedingt sein kann, 
welche der Mikrosporon furfur auf die Talgdrüsenmündungen ausübt. Kann 
die Seborrhöe direct von der Syphilis herstammen? Diese Frage beantwortet 
Gamberini dahin, dass, da die Syphilis kein Körpersystem verschont, die 
Annahme nicht unberechtigt sei, dass auch das System der Talgdrüsen im 
unmittelbaren Gefolge der Syphilis erkranken könne, und zwar unter der 
Form der Seborrhoea simplex. Dornig. 

Acute und chronische Infeqtionskrankheiten. 

(Infectiöse Entzündungsprocesse.) 

1. Marr W. C. Ueber das Contagium des Scharlachs. — Wiener med. 
Blätter 1887, Nr. 35, 36. 


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Bericht über die Leistong-en auf dem Gebiete 


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2. Tnrazza Guido. Ascessi post-scarlatinosi. Gazz. degli ospitali, 1887, 51. 

3. Guarnierl G. Contribuzione allo studio dello streptococco dell’ eresipela. 
— Archivio per le scienze med. 1887, 2. 

4. Ferrelre Clemente. De l’emploi de la traumaticine rfeorcin^e dans un 
cas de lymphangite £rysip£lateuse. — Ann. de Derm. et de Syph. 1887, 
pag. 403. 

5. Dncrejr A. Sopra un nuovo metodo di cura dell’ erisipela. — Riforma 
med. 1887. Riv. clin. dell’ univers. di Napoli 1887, 7. 

6. Kaposi M. Referat über die rücksicbtlich der vom 1. Mai 1882 bis 
30. April 1884 im k. k. allg. Krankenb. in Wien vorgekommenen Ery¬ 
sipelerkrankungen gemachten Beobachtungen. — Wiener med. Wochen¬ 
schrift 1887 Nr. 30-35. 

7. Rosenbach* Ueber das Erysipeloid und dessen Aetiologie. — Bericht 
über d. Verhandl. d. Deutsch. Gesellsch. f. Chir. XVI. Compr. Beilage 
z. Centr. f. Chir. 1887, Nr. 25. 

8. Zagarl G. Sulla concorrenza vitale dei microorganismi e sopra un nuovo 
mezzo di profilassi carbonchiosa. — Giorn. internaz. delle sc. med., 1887, 8. 

9. Camera G. La cura della pustola maligna e dell’ antrace. — II Mor¬ 
gagni 1887, 7. 

10. Retiwzew. Ueber Hautausschläge bei Malaria. — Wratsch. 1887, 9,12, 13 
(russisch). 

11. Sangoineti G. Un caso di tubercolo anatoraico. — Giorn. ital. delle 
mal. ven. e della pelle 1887, 3. 

12. De Renzl. Sui rapporti della scrofola con la tubercolosi. — Riv. clin. 
e terap. 1887, 4. 

13. Dittrich P. Ueber das Rhinosklerom. — Zeitschr. d. Heilk., 1887, 8. Bd. 

14. Ventnri S. La pellagra nelle provincie meridionali d’Italia. — La me- 
dicina contemporanea 1887, 6. 

15. Azeredo Lima und Guedes de Mello. Ueber das Vorkommen der 
einzelnen Lepraformen, sowie der Erscheinungen an Augen, Nase und 
Ohren. Resultate der Untersuchungen von 48 Fällen aus dem Lepra- 
hospitale in Rio de Janeiro. — Monatsh. f. prakt. Denn. 1887, 13, 14. 

16. Campana R. Alcune particolaritä di distribuzione, morfologia e colo- 
razione del bacillo della lepra. — Gazz. degli ospitali 1887, 63. 

17. Ferrari Primo. Ricerche istologiche sulla placenta di donna lebbrosa, 
come contribuzione allo studio della patogenia della lebbra. — Gazz. 
degli ospitali 1887, 60. 

18. Ssawtsclienko. Veränderungen der Knochen bei Lepra (Vorläufige Mit¬ 
theilung). — Wratsch. 1887, 17 (russisch). 

19. W&shejewsky E. Zur Pathologie der Geschwüre, die unter den russischen 
Truppen beobachtet sind. — Russkaja medicina, 1887, 30, 31 (russisch). 

20. Jacoutini. Contribuzione clinica allo studio delle infezioni multiple. — 
Gazz. degli ospitali 1887, 90—91. 

21. Salnati R. Deila miliare essenziale. — Lo Sperimentale 1887, 9. 

22. Schwimmer E. Die Heilwirkung des Erysipelas bei einzelnen Krank¬ 
heitsformen. — Pester med.-chir. Presse 1887, Nr. 37. 

23. Rosenbach. Ueber das Erysipeloid. — Arch. f. klin. Chir. 1887, 2. Heft. 

24. Rlsso Arturo. Lupus erythematodes. — Giorn. ital. delle mal. ven. e 
della pelle 1887, 5. 

25. Salzer F. Demonstration eines Falles von Tuberculosis verrucosa cutis. 
— Anzeiger d. k. k. Ges„ d. Aerzte in Wien Nr. 30, 1887. 

26. Eiseisberg A. Beiträge zur Impftuberculose des Menschen. — Wiener 
med. Wochenschr. 1887, 53. 

27. Marcacd Giorgio. Lebbra tubercolosa. Esame batterioscopico. — Giorn. 
ital. delle mal. ven. e della pelle 1887, 5. 


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der Dermatologie. 


249 


28. Leloir H. Essais d'inoculation de la lepre aux animaux. (Lepraüber- 
impfung auf Thiere.) — Ann. de Demi, et de Sypli. 1887, pag. 625. 

Gelegentlich des Ausbruches einer Scharlachepidemic in Dorset-Square 
führte eine genaue Nachforschung Marr (1) zur Ueherzeugung, dass die 
Epidemie durch die Milch einer Milchwirtschaft entstanden sei, da ein¬ 
zelne Individuen dieser Wirthschaft an Scharlach litten, die Kühe an den 
Eutern Blasen darboten, die eine Abart des Scharlachs vorstellen sollten, 
und die Krankheitskeime so in die Milch geriethen. Als überdies Klein 
in den Blasen der Kuhzitzen einen Coccus fand, den Coccus auf andere 
Thiere verimpfte und dieselben eine Krankheit darhoten, die Klein als 
Scarlatina bezeichnete, • ferner derselbe Coccus auch in den Geweben der 
geimpften Thiere auftrat, war die Aetiologie des Scharlachs nach Klein 
erklärt. Doch eine nähere Untersuchung der Klein’schen Experimente 
lehrte, dass der Mikroorganismus kein streng specifischer und wahrscheinlich 
mit dem Streptococc. pyog. Flügge identisch sei; dass die Krankheit der 
Thiere auf septische Processe zurückzuführen sei und kein Anhaltspunkt 
vorliegt, diese Affectionen als Scharlach anzusehen. Ebenso steht es mit 
den Edington'schen Bacillen, die im Anfang der Krankheit nur im Blute, 
späterhin aber nur in den Abschuppungsprodukten der Epidermis zu finden 
sein sollen. Die von Edington gemachten Impfversuche auf Thiere sind 
nach Thin’s Ansicht ebensowenig überzeugend, als die Klein’schen Impf- 
versuche. Horovitz. 

Turazza (2) führt die im Gefolge der Scarlatina und zwar gewöhnlich 
bilateral auftretendc, in Abscessbildung übergehende Parotitis darauf zurück, 
dass das infective Agens, welches sich hauptsächlich in der Mundhöhle 
und im Rachen localisirt, durch den Stenon'schen Gang in die Parotis 
dringt und hier eiue Entzündung hervorruft, welche sich entweder auf diese 
Drüse beschränkt, oder aber auf das umgebende Bindegewebe und auf die 
Nachbardrüsen übergreift. Die Abscessbildung erfolgt langsam und in der 
Regel erst dann, wenn die Erscheinungen auf der Haut und im Rachen 
bereits geschwunden sind. Bei der Incision entleert sich consistenter Eiter, 
dem bisweilen erbsen- bis bohnengrosse Drüsenpartikel beigemengt sind. 
Unter strenger Antisepsis ist der Ausgang nahezu in allen Fällen ein 
günstiger. 

Die Leiche eines dreiundzwanzigjährigen Mannes, der an Gesichts¬ 
erysipel gestorben, nachdem er durch mehrere Jahre an Malariafieber ge¬ 
litten und kurz vor seinem Tode die Masern überstanden hatte, lieferte 
Guarnieri (3) das Material zu sehr eingehenden Studien überden Erysipel- 
coccus. Diese, histologische Untersuchungen, Oulturversuche und Thier¬ 
experimente umfassenden Studien ergaben dem Verfasser folgende Resultate: 
I. Durch die histologische Untersuchung dieses Falles wird festgestellt, dass 
die EryBipelcoccen auf dem Wege der Blutgefässe der erkrankten Haut den 
gesammten Gefässbaum durchsetzt haben. Die Leukocyten (Phagocyten) 
leisteten den Streptococcen, welche in Folge rapider Vermehrung zu einer 
Invasion des ganzen Organismus führten, nur geringen Widerstand und 
mussten schliesslich ihrer Virulenz unterliegen. Die Thatsache, dass die 
Streptococcen in grosser Anzahl in den Leukocyten, in den Endothelzellen 
und im Protoplasma der Kupffer'schen Zellen (in der Leber) gefunden 
wurden, zeigt, dass die in den Blutstrom gedrungenen Mikroorganismen 
dasselbe Schicksal erfahren, wie die feingepulverten Fremdkörper, welche 
zu Versuchszwecken in den Kreislauf gebracht werden, mit dem Unterschiede 
jedoch, dass diese Lebewesen im Protoplasma der Elemente, von welchen 
sie aufgenommen wurden, die für ihre Vermehrung günstigen Bedingungen 


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250 


Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


finden und dadurch tödtliehe Afleetionen hervorrufen können. 2. Daraus 
resultirt die praktische Folgerung, dass im Verlaufe des Erysipels die dieser 
Krankheit eigenthuinlichen Mikroorganismen dadurch, dass sie alle Organe 
durchdringen, eine Allgerneininfection bewirken können, zu welcher, wie es 
scheint, gewisse Krankheiten durch Schwächung des Organismus die Vor¬ 
bedingungen schaßen können, wie im vorliegenden Falle die schwere Sumpf- 
fieberkaehexic und die vorhergegangene Masernerkrankung. Dies würde 
vollkommen mit dem übereinstimmen, was Rh einer und Seitz bezüglich 
der Anwesenheit von Erysipelcoccen in der Milz und in den Nieren von 
Individuen gezeigt haben, die im Verlaufe eines mit Erysipel coraplicirten 
Typhus gestorben sind. 3. Reinculturen des Erysipelcoccus, welche, unter 
die Ohrenhaut von Kaninchen injicirt, eine leichte erysipelatöse Entzündung 
hervorriefen und, unter die Haut von Hunden. Meerschweinchen und weissen 
Mäusen gebracht, sich vollkommen indifferent verhielten, führten, in die 
Blutgefässe injicirt, den Tod der Thiere herbei: bei einem Kaninchen durch 
Invasion der Mikroeoccen in alle Organe, bei einem zweiten durch Endo- 
earditis ulcerosa. Diese Befunde sprechen dafür, dass der Streptococcus 
erysipelatis auch das pathogene Agens der Endocarditis ulcerosa des Men¬ 
schen sein könne, sowie jener Endocarditis, welche man häufig bei der 
Puerperalinfection antrifft, die. wie Winckel u. A. annehmen, ihre Aetio- 
logie mit der erysipelatösen Infeetion gemein hat. 4. Aus dem bisher Ge¬ 
sagten geht hervor, dass die pathogenetische Potenz des Streptococcus 
erysipelatis keine so eng begrenzte ist. wie Feh leisen meint, dass viel¬ 
mehr diesem Mikrococcus in der Pathologie eine viel wichtigere Stelle ein- 
geräumt werden muss. Denn er wurde einerseits bei gewissen Doppel- 
infectionen neben anderen Mikroorganismen gefunden (Löffler, Seitz, 
Rheiner) und anderseits als einziges specifisches Agens anderer Krank¬ 
heiten erkannt (Krause, Winckel, Guarnieri), welche, obwohl in ihren 
anatomischen Manifestationen verschieden, unter denselben ätiologischen 
Gesichtspunkt vereinigt werden können. Dornig. 

Ferreire (4) verwendete in einem Falle von Erysipel der Beine 
nach Kratzeffecten, bei einem zweieinhalbjährigen an Impetigo leidenden 
Kinde Bepinseluugen der erysipelatösen Flächen mit 8 Milligr. Resorcin auf 
60 Gr. Traumaticin. Die febrilen Erscheinungen sistirten am zweiten Tage, 
die localen Entzündungen am sechsten Tage. Ferreire empfiehlt die drei¬ 
mal täglich vorzunehmenden Bepinselungen mit dem genannten Mittel 
einerseits in Hinblick auf die günstigen Resultate von gleiehmässig drückenden 
Occlusivverbänden bei entzündlichen Krankheiten der Haut, theila wegen 
der antiparasitären Wirkungen des Resorcins. Riehl. 

Ducrey (5) behandelt das Erysipel durch hypodermatische Sublimat- 
injeetionen (1 :1000), die ein paar Millimeter vom erysipelatösen Rande 
entfernt, je nach der Ausbreitung der Aßection in wechselnder Anzahl — 
die Distanz zwischen je zwei Injectionen muss ungefähr drei Centimeter 
betragen — ausgeführt werden. Ausserdem wird die erkrankte Hautpartie 
mit einer dicken Lage hydrophiler Watte, die .mit einer einpercentigen 
Sublimatlösung getränkt ist, bedeckt. Nach zwölf Stunden wird die frühere 
Procedur wiederholt. Es kommt zu ausgebreiteter Blasenbildung, die durchaus 
keine Gefahr involvirt und mit welcher die Heilung des Erysipels zusammen¬ 
fällt. Unter der nachträglichen Application von Borsalbe oder von Oel- 
Kalkwasserliniment regenerirt sich die mortificirte Epidermis in drei bis 
vier Tagen, Dornig. 

In der Gremialsitzung dos allgemeinen Krankenhauses in Wien vom 
23. März 1882 wurde ein Cuinite zu dem Zwecke eingesetzt, um die Frage 


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der Dermatologie. 


251 


über das Auftreten und die Uebertragbarkeit des Wunderysipels zum Ge¬ 
genstände eingehender Studien zu machen und auf Grund der hierüber ge¬ 
sammelten positiven Daten und Erfahrungen seinerzeit die zur Bekämpfung 
dieses Uebels geeignet erscheinenden Vorschläge zu erstatten. 

Dieses Comit«* hat Prof. Kaposi (6) zum Referenten bestellt. 

Die dem Comitö zugewiesene Aufgabe konnte nicht in dem Sinne 
aufgefasst werden, als sollte dasselbe eine klinische und experimentelle 
Studie über das Auftreten und die Uebertragbarkeit des Wundrothlaufs, 
dessen Beziehung zum eigentlichen typischen Rothlauf und dessen Wesen 
liefern, da es doch nur immer Aufgabe einzelner Forscher sein kann, diese 
Momente wissenschaftlich zu beleuchten und zu begründen. Die Aufgabe 
wurde vielmehr auf Basis der positiven Annahme gestellt, dass der Roth¬ 
lauf übertragbar sei und dass in dieser Thatsache unter den im Allgemeinen 
Krankenhause bestehenden Verhältnissen eine grosse Gefahr für die ander¬ 
weitigen Kranken der Anstalt gegeben sei. 

Die Untersuchungen über das Auftreten, die Uebertragbarkeit und 
die Folgen des Rothlaufs sollten sich demgemäss nur auf die Verhältnisse 
des Allgemeinen Krankenhauses beschränken und insbesondere darauf 
gerichtet sein, inwieferne und bis zu welchem Grade aus dem Auftreten 
und der Verbreitung des Erysipels innerhalb des Allgemeinen Kranken¬ 
hauses eine Gefährdung der anderweitigen Pfleglinge sich ergibt, und in 
zweiter Linie, welche Massnahmen gegen diese Gefahr zu ergreifen wären. 

Die Grundlage für die nun vorliegenden Ergebnisse bilden die 
statistischen Aufzeichnungen über die während des zweijährigen Zeitraumes 
vom \. Mai 1882 bis 30. April 1884 stattgehabte Krankenbewegung an 
Rotblaufkranken. Es sind während des genannten Bienniums im k. k. Allge¬ 
meinen Krankenhause behandelt worden 531 Fälle von Erysipel mit 
55 Todesfällen, d. i. mit 10*3 ®/ 0 Mortalität. 

Diese vertheilen sich auf das Jahr vom 

1. Mai 1882 bis 30. April 1883 mit 290 Fällen und 25 Todesfällen, 

1. Mai 1883 bis 30. April 1884 „ 241 „ „30 

sohin betrug die Mortalität im Jahre 1882/3 = 8’6 # / 0 , 

■ - 1883/4 = 12*4 „ 

Die 290 Erysipel- und 25 Todesfälle des Jahreszeitraumes vom 
1. Mai 1882 bis 30. April 1883 verthcilten sich nach Monaten und Ge¬ 
schlechtern in folgender Weise: 


1882: 


Mai . . . 

26 M., 15 

W. = 

41 

Kr. 

mit 


M. t 

— 

W. = 2 

Todesfälle 

Juni . . . 

9 . 13 

n ' 

22 

n 

» 

i 

r» 

1 

. - 2 

« 

Juli . . . 

15 „ 4 


19 

n 

n 

i 

w 

— 

„ = 1 

n 

August . . 

9 , 12 

* 

21 

n 

n 

2 

n 

1 

, = 3 

T) 

September 

10 . 4 

„ = 

14 

n 

n 

1 

Ti 

— 

. = 1 

tt 

October 

10 , 11 

n 

21 

n 


— 



. = 2 


November 

11 ,16 

n 

27 

n 


1 


1 

. = 2 


December . 

15 , 10 

rt 

25 

n 

n 

1 

n 

— 

. - 1 

Ti 

1883: 

Jänner . . 

7 M., 9 

W. = 

16 

Kr. 

mit 


M., 

1 

W. = 1 

Todesfälle 

Februar . 

13 , 8 

n 

21 

n 

» 

2 

n 

2 

. = 4 


März . . . 

17 , 24 

n = 

41 

n 

Ti 

1 

n 

3 

. = 4 


April . . . 

10 12 

„ = 

22 

n 


— 

w 

2 

, = 2 


Summe . . 

152 M.,128 

W. = 

290 

Kr. 

mit 

12 M„ 

13 

W. = 25 Todesfälle 


Den höchsten Krankenstand weisen Mai 1882 und März 1883 mit 
je 41 Fällen, demnächst November 1882 mit 27 und Deceinber mit 


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252 


Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


25 Fällen, den geringsten September 1882 mit 14 und Jänner 1883 mit 
16 aus. Dabei ist das plötzliche Ansteigen von 21 Fällen des Februar 1883 
auf 41 des März sehr auffällig. 

Bei einer Durchschnittsmortalität von 8'6•*/# für 290 Fälle ergab sich: 
für die männlichen Kranken 7‘9 •/* bei 152 Fällen, 

„ „ weiblichen „ 9'i , , 138 

Die höchsten absoluten Sterbeziffern waren vier per Monat im Februar 
und März 1883 und drei im August 1882, sonst zwei und einer per Monat. 

Die 241 Erysipelfälle und 30 Todesfälle des Jahreszeitraume6 vom 
1. Mai 1883 bis 30. April 1884 vertheilen sich nach Monaten und Ge- 


schlechtem 

wie 

folgt: 

* 









1883: 

Mai . . . 

12 M., 

9 

W. 

= 21 

Kr. mit 

4 

M„ 

1 

W. = 

5 

Todesfälle 

Juni . . . 

7 

ti 

10 

n 

= 17 

* i» 

2 

n 

2 

fi 

4 

f» 

Juli . . . 

3 

n 

4 

w 

= 7 

» « 

— 


— 

w 

— 

ii 

August . . 

7 

» 

4 

n 

= 11 

n 

1 

»i 

— 

n — 

1 

fi 

September 

6 

n 

6 

fi 

= 12 

* 1» 

— 

fi 

— 

fi 

— 

fi 

October 

3 

n 

13 

n 

= 16 

n n 

— 

n 

2 

fi 

2 

fi 

November 

10 

fi 

10 

fl 

= 20 

* n 

1 

n 

— 

« 

1 

n 

December . 

15 

» 

6 

* 

= 21 

rt ?» 

2 

i» 

1 

fi 

3 

fi 

1884: 

Jänner . . 

18 

M., 

19 

W. 

= 37 

Kr. mit 

— 

M., 

5 

W. = 

5 Todesfälle 

Februar . 

14 

n 

19 

h 

- 33 

r» n 

2 

n 

— 

» 

2 

» 

März . . . 

6 

« 

14 


— 20 

fi n 

2 

fi 

2 

rt 

4 

ff 

April . . . 

14 

r. 

12 


= 26 


2 

n 

1 

fi ' 

3 


Summe . . 

115 

M.,126 

vv. 

= 241 

Kr. mit 

16 M., 

14 

WT^~ 

30 

Todesfälle 


Der höchste Krankenstand mit 37 fällt auf Jänner 1884 und mit 33 
auf den anschliessenden Februar, der niedrigste mit 7, 11 und 12 auf Juli, 
August und September 1883. Im Zeiträume 1883/4 war also nicht ein so 
sprunghaftes Steigen und Fallen der Erysipel-Erkrankungsziffer zu 
beobachten, wie im vorangegangenen Jahre, sondern ein stetiges Abfallen 
von 21 des Mai auf das Minimum 7 des Juli und von da ein allmäliges 
Ansteigen der Ziffer auf 11, 12, 16, 20, 21 per folgenden Monat bis zum 
Maximum 37 des Jänner 1884, von wo wieder eine Verminderung stattfand. 

Auch steht die Gesammtsumme der Erysipelerkrankungen in diesem 
Jahre um 49 zurück gegenüber dem Vorjahre, d. i. um 40°/o- 

Dagegen war die Mortalität in diesem Jahre bedeutender: 30 Todes¬ 
fälle auf 241 Erysipelfälle, d. i. 12'4 0 /», und zwar: 

für männliche Kranke per 115 Fälle und 16 Todte = 13‘9 # /o» 

„ weibliche „ „ 126 „ „ 14 „ = H O „ 

Für das Biennium 1. Mai 1882 bis 30. April 1884 ergibt sich also 
in Summe an Erysipelfällen 267 M., 264 W. = 531 mit 28 M., 27 W. 
— 55 Todesfällen, und einer Mortalität von 10‘4 # /# för die männlichen, 
10’2*/ # für die weiblichen Kranken und 10*3 für die Gesammtheit. 

Dieses Mortalitätspercent von 10 3 im Mittel ist zwar an und für 
sich nicht aussergewöhnlich, namentlich nicht im Vergleich mit anderen 
fieberhaften und infectiösen Kranheitsformen, wie Typhus, Pneumonie, Va¬ 
riola, aber immerhin erheblich genug, um uns aufzufordern, dessen Quelle 
und Bedeutung nachzugehen. 

Eine eingehende Analyse ergibt nun, dass dieses Mortalitätspercent 
für Erysipel sich erheblich reducirt. 

Es ist ja von vornehercin klar, dass die 531 als Erysipel angeführten 
Krankheitsfälle nicht durchwegs typische Erysipele, oder mindestens nicht 


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der Dermatologie. 


253 


einfache Erysipelfalle waren, sondern Complicationen mancherlei Art und 
schwerster Form dargehoten haben, und es ist darum auch ein grosser 
Theil der Todesfälle auf jene Complicationen oder Grundkiankhciten zurück¬ 
zuführen, und nicht dem Erysipel beizumessen. 

Wir haben daher schon aus diesem Grunde eine systematische 
Scheidung unter den Erysipelfällen vornehmen zu müssen geglaubt, aber 
auch aus anderen Gründen, welche im Verlaufe unserer Ausführungen klar 
werden dürften. 

Zunächst scheint eine Unterscheidung der Fälle nach Gesichtsroth- 
lauf, Ery sipelas faciei, und Rothlauf anderer Körperregionen, Erysi¬ 
pel as alias, nothwendig. 

Der Gesichtsruthlauf beruht zwar, wie ja Niemand zweifelt, auf einer 
specifischen Infeetion, die an einer Haut- oder Schleimhautwunde ihren 
Eingang gefunden hat. Dass die letztere oft unmerklich, leicht zu über¬ 
sehen, oft kaum aufzufinden ist, hindert uns nicht daran, für jeden einzelnen 
Fall eine solche Infeetion als gewiss anzunehmen. Man kann hiebei, wie 
die meisten Pathologen heutzutage, der Ansicht sein, dass es sich stets um 
das Eindringen einer bestimmten Mikrobe, des von Fehleisen dargestellten 
Mikrococcus erysipelatis handelt, von dem es zweifellos ist, dass durch 
dessen Keinculturen an Thieren wie Menschen typischer Rothlauf mit initia¬ 
lem Schüttelfröste und charakteristischer Hautentzündung und Verlaufs¬ 
weise hervorgerufen werden kann, wie durch die Uebertragungen von 
Bockhart, dann von Jenicke und Neisser in je einem Falle erwiesen. 
Oder man kann, wie Referent, meinen, dass auch andere pathogene Mikro- 
pbyten, wahrscheinlich aber auch chemische Zersetzungsprodukte organischer 
Substanzen und abgesperrter Eiter, als Quelle solcher, allein, ohne Ver¬ 
mittlung des Mikrococcus Fehleisen oder einer anderen Mikrobe, Rothlauf 
erzeugen können. Die in der letzten Zeit als erwiesen hingestellte Lehre, 
dass jede Entzündung und Eiterung durch Mikroben hervorgerufen werde 
und dass ohne Intervention solcher speeifiseh wirkenden Coceen es weder 
Entzündung noch Eiterung gebe, hat in der allerjüngsten Arbeit von 
P. Grawitz und W. de Bary „Ueber die Ursachen der subcutanen Ent¬ 
zündung und Eiterung“ (Virchow's Archiv 108. Bd. f 1. H., 1887) eine 
vollständige Widerlegung gefunden, indem diese Forscher durch rein 
chemisch reizende Substanzen, zum Theile solche, die in bedeutendster Ver¬ 
dünnung absulut keimtödtend sich erweisen, wie Terpentin und Nitras 
argenti. Entzündung und Eiterung hervorbrachten mit der Lieferung eines 
genuinen, wie in Culturproben absolut coccen- und bacterienfreien Eiters. 
Und sie sprechen es aus (1. c. pag. 81), dass die Eiterung eine Reaction 
der thierischen Gewebe ist, welche nicht auf eine einzige bestimmte Qualität 
von Schädlichkeiten oder Reizen im Sinne Virchow’s erfolgt, sondern 
durch eine ganz bacterienfreie, chemische Substanz, die sogar bacterien- 
tüdteud wirkt, hervorgebracht werden kann, vorausgesetzt, dass diese 
Substanz in der erforderlichen Menge und Concentration in die Gewebe 
eingeführt wurde. 

Nun ist hei allen Arten von Wundsetzung, Operation, insbesondere 
nicht chirurgischen Verletzungen, Gelegenheit genug gegeben für die Bildung 
chemisch reizender Substanzen aus sich zersetzenden organischen Geweben 
und aus Eiter. Diese Fälle bilden aber ein Hauptcontingent der erysipelatösen 
Erkrankungen und das Hauptklagematerial der Chirurgen. Es ist also 
nöthig, diese Fälle von der Gesammtheit der erysipelatösen abzusondern. 

Aber auch von den Erysipelen des Gesichtes ist ein Theil von dem 
zuletzt gedachten Charakter, indem sie nach Traumen, Quetschungen, Caries, 
Zungen- und Drüsenoperationen etc. entstanden sind. 

Endlich wäre es erwünscht gewesen, auch Erysipel von Phlegmone 
Vierteljalnesschrift f. Dermatol, u. Syph. 1888. 17 


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254 


Bericht Ober die Leistungen*auf dem Gebiete 


ßtrenge abzusondern. Denn es befinden sich unter den Fällen zweifellos 
solche, die nicht mehr stricte als Erysipel anzusehen sind. Der Begriff 
Wunderysipel ist eben kein strenger und die Chirurgen sind sofort geneigt, 
ein solches anzunehmen, wenn von einer Wunde aus — mit oder ohne 
plötzliche Verschlimmerung im Aussehen der letzteren — Entzündung das 
Nachbargewebe ergreift und unter Schüttelfrost und Fieber sich strecken¬ 
weise ausbreitet, auch wenn das typische Wandern nach der Peripherie bei 
typischem Abblassen an der älteren Stelle nicht so deutlich zu beobachten 
ist, wie beim wahren Erysipel. Ja, das spätere Hinzutreten von Vereiterung 
der subcutanen Gewebe ist kein Grund für dieselben, von der Diagnose 
Wundrothlauf abzustehen, denn es drückt sich darin zugleich ihre begrün¬ 
dete Frucht aus, dass der normale Wund verlauf gestört oder unmöglich und 
das Individuum auch am Leben gefährdet sei. 

Allein schon in den einzelnen concreten Fällen ist eine Abgrenzung 
der Dermatitis phlegmonosa gegen Erysipel nicht gut möglich, noch weniger 
theoretisch und im Allgemeinen. Denn der Mikrococcus Fehleisen ist, 
wie schon erwähnt, für Erysipel nicht absolut entscheidend, aber dieser 
Mikrococcus kann auch morphologisch und culturell von anderen. Entzün¬ 
dung und Eiterung erregenden, pathogenen Organismen, namentlich vom 
Streptococcus pyogenes der Phlegmone und selbst dem Pneumoniecoccus, 
nicht unterschieden werden. Hajek hat zwar letzthin in der eigenthüm- 
lichen Vertheilung in den Geweben einen Unterschied zu finden angegeben, 
indem der Streptococcus erysipelatis nur in den Lymphgefässen, der Strepto¬ 
coccus phlegmones aber auch in den Blutgefässen und in den Gewebsspalten 
reichlich fortkomme (Med. Jahrbuch 1887). Allein noch ein neuerer For¬ 
scher, Metschnikoff, sagt in seiner Arbeit „Ueber den Kampf der Zellen 
gegen Erysipelcoccen“, ein Beitrag zur Phagocythenlehre (Virch. Arch. 107. 
Bd., 2. H., 1887, p. 219), dass er nach seinen Untersuchungen sich an die 
Seite derjenigen Forscher stellen muss, welche in morphologischer und 
cultureller Hinsicht den Streptococcus erysipelatis mit dem Streptococcus 
pyogenes identificiren. 

Es ist aber zweifellos, dass es vom klinischen Standpunkte nicht 
angeht, das typische Erysipel mit Phlegmone so absolut zu identificiren. 
Denn abgesehen von der grossen Verschiedenheit im klinischen Bilde der 
Hauterkrankung, der erythematösen Röthe, des vorwiegenden Betroffenseins 
der obersten Cutisschichten, der durchwegs serösen und zellenarmen Be¬ 
schaffenheit des Exsudates, des raschen Wandels der Erscheinungen durch 
die stetig und nach kurzem Bestände centripetal fortschreitende Resorption 
und Ausbreitung, der Seltenheit der Vereiterung bei typischem Erysipel 
u. a. m., ist auch die Folge für den Gesammtorganismus und die Lebens¬ 
gefahr bei diesem von ganz anderen Bedingungen abhängig, als bei der 
Phlegmone. 

Aus allen diesen Gründen war also zunächst eine Trennung der vor¬ 
liegenden Fälle nach Erysipel des Gesichtes und dem des übrigen 
Körpers, sowie des ersteren in Erysipelas faciei genuinum und conse- 
cutivum nothwendig. 

Darnach nun ergab sich für das genannte Bienniuin folgende Summe 
der Fälle: 

von Erysip. faciei genuinum 263 
„ „ consecutiv. 73 

von Erysip. faciei überhaupt 336 mit 32 Todt. — 9*5 °/o Mortalität 
„ alias 195 „ 23 „ = 11*3 „ 

Wenn man nun jene Fälle von Erysipelas faciei ausschliesst, die wir 
als consecutive bezeichnet haben, in dem Sinne, dass sie von Operationen, 


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der Dermatologie. 


255 


oder aus evidenten Eiterherden und phlegmonösen Jauchungen bervorge- 
gangen waren, womit dieselben dem Wunderysipel an anderen Körperstellen 
gleichkamcn, so bleiben die reinen Gesichtserysipele zurUck. 

Und solcher Fälle von Erysip. faciei genuin um gab es, wie gesagt, 
263. Es fielen aber auf 263 Erysip, faciei genuinum 27 Todesfälle = 
10'2*/ o Mortalität, auf 268 Erysip. consecutivum (i. e. 73 Erysip. fac. con- 
secut. plus 195 Erysip. alias) 28 Todesfälle = 10'8°/' o Mortalität. 

Dies ist nun sehr auffallend, dass die einfachen Erysipele des Ge¬ 
sichtes eine nahezu gleiche Mortalitätsziffer aufweisen, wie die ausgesprochen 
consecutiven Erysipele. Denn es ist doch eine bekannte Erfahrungssache 
der Praxis, namentlich rücksichtlich der ausserhalb des Spitales vorkom¬ 
menden Erkrankungen, dass Gesichtsrothlauf höchst selten zum Tode führt. 

Die relativ grosse Mortalitätsziffer von 10°/ 0 bei den im Spitale vor¬ 
gekommenen Fällen von Erysipelas faciei genuinum, welche nahezu ebenso 
gross ist, wie die bei den consecutiven Formen vorgekommenen und die bei 
Erysipelas faciei consecutivum 73:5 = 6 # 8° „ sogar um 3'4 B / # übertrifft, 
demnach ein Paradoxon darstellt, findet aber ihre Erklärung, wenn wir die 
Obductionsbefunde der auf dieselben kommenden 27 Todesfälle betrachten. 

Die Obduction ergab nämlich rücksichtlich der 27 Todesfälle von 
Erysipelas faciei genuinum nachstehende Befunde: 

Morb. Brightii chron. Progressive Paralyse. Septikämie, Phlegmone 
an beiden Oberextremitäten. Pneumonie, Säuferwahnsinn. Chronische 
Lungentuberculose. Collapsus. Chronische Meningitis (seit 3 Jahren). Vitium 
cordis und Marasmus senilis. Marasmus senilis, Pyelitis, Nephritis suppu¬ 
rativa, Cystitis purulenta, Oedema, Emphysema pulmonum. Marasmus senilis 
(SOjähriges Individuum). Carcinoma renis. Marasmus senilis, Emphysema 
pulmonum. Tuberculosis pulmonum. Morb. Brightii chron., Atrophia renum 
Uraemia, Morsus linguae in accessu eclamptico et exinde Phlegmone regionis 
cervicalis. Haemoptoö, Tubercul. chron. 16 Jahre altes Individuum, Sec- 
tionsbefund nicht angegeben. 62 Jahre alt. Pneumon., Pleuritis suppurat., 
Morb. Brightii chron. Ulcera tubercul. pharyngis et laryngis. Vitium cordis. 
Puerpera, Endometritis ichorosa, Metrophlebitis et Metrolymphangioitis, 
Ruptura cervicis uteri. Vermuthung auf Maliasmus. 65 Jahre alt. Marasmus 
senilis, Myofibroma et concrctio cordis. Oedema pulmonum. Oedema meningum, 
Morb. Brightii acutus, Ascites. Leucaemia? Pleuro-Pneumonia. Tuberculosis 
pulmonum. 

Somit ist von den 27 Fällen nur 1 Fall, in welchem der Tod in 
directer Folge des Erysipels eingetreten zu sein scheint, Fall 6, eines 
52jährigen Individuums, in dem der Kranke unter Collapsus verschied und 
kein anderer objectiver Befund mitgetheilt erscheint. Das wäre aber 6‘3 */ # 
Mortalität. In allen übrigen Fällen bestanden schon vor der Rothlaufer- 
krankung anderweitige Affectionen, die wohl auch ohne jene zum Tode 
geführt hätten, oder solche Zustände lebenswichtiger Organe, dass jede 
fieberhafte Krankheit das Leben mehr bedroht hätte, oder dass das Erysipel, 
beziehungsweise die Phlegmone, als directe Folge der schon vorher bestan¬ 
denen Krankheit betrachtet werden kann. Gewiss stellt sich demnach das 
Erysipel nur für wenige dieser Fälle als rein zufällige Complication und 
als ganz ausserhalb der individuellen Verhältnisse entstandene Gelegen¬ 
heitsursache des beschleunigten Lebensendes. 

Ganz ähnlich ist aber auch der Eindruck, den wir aus der Betrachtung 
der bei den anders localisirten und begründeten Erysipelerkrankungen vor¬ 
gekommenen Todesfälle gewinnen, indem auch hier fast durchwegs schwere 
Complicationen von Seite des Gesamratorganismus oder einzelner lebens¬ 
wichtiger Organe als dem Rothlauf vorausgegangen oder als Quelle des¬ 
selben durch den Obductionsbefund constatirt worden sind. 

17* 


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256 


Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


Es folgt hier eine Liste sämmtlicher Todesfälle, ans welcher Name, 
Alter, Krankenabtheilung oder Klinik und Zimmernummer, Localisation, 
genuiner oder consecutiver Charakter des Erysipels, Todesdatum und Ob- 
ductionsbefund ersichtlich sind. 

Obgleich eine genaue Beurtheilung der Beziehungen zwischen Ob- 
ductionsbefund und Erysipel in jedem einzelnen Falle nur Demjenigen 
möglich ist, der auch den Krankheitsverlauf in allen seinen Details, sowie 
das betroffene Individuum selber zu beobachten Gelegenheit hatte — ein 
solches Urtheil sonach dem Referenten und dem Comitö nicht zusteht, 
welche nur die vorliegenden Hauptdaten als historische Ueberlieferungen 
zur Verfügung hatten, so scheint doch aus dieser Tabelle der Schluss ge¬ 
rechtfertigt, dass nur ganz vereinzelte Todesfälle als directe Folge des Roth- 
laufs eingetreten sind. Je nach der Strenge der individuellen Auffassung 
dürfte aber diese Schlussfolgerung innerhalb weiter Grenzen sich bewegen. 

Neben den Mortalitätsverhältnissen scheint eine Prüfung der Loca- 
litätsverhältnisse rücksichtlich der Erysipelerkrankungen von Belang, 
zunächst die Frage, welche absolute Zahl von Erysipelfällen auf den ein¬ 
zelnen Krankenzimmern vorgekommen ist. 

Es folgt nun ein tabellarischer Ausweis der vom 1. Mai 1882 bis 
inclusive 30. April 1884 an Erysipel Aufgenommenen oder Erkrankten nach 
Zimmern und Abtheilungen, der im Original nachzusehen. 

Aus dieser Tabelle 1 ) ist zu entnehmen, dass die Zimmer 49, 50 mit 
26 Fällen, 52 a mit 23, 99 mit 22, Nr. 3 mit 20 Fällen die grösste absolute 
Zahl von Erysipelen beherbergt haben. Allein diese Ziffern haben zunächst 
keinen grösseren inneren Werth, denn die absolute Zahl kann zunächst 
davon abhängen, dass einem Zimmer von Haus aus viele Fälle zugewiesen 
worden sind. 

Dennoch ist schon die Erscheinung auffällig, dass an der I. chirur¬ 
gischen Abtheilung die grösste Zahl von Erysipelen vorkommt mit 78 Fällen, 
während auf der II. medicinischen Abtheilung, auf welche, sowie auf die 
medicinischen Abtheilungen und die dermatologische Abtheilung über¬ 
haupt die Erysipele vom Journal und durch Transferirung zumeist gewiesen 
wurden, nur 71, an der V. medicinischen Abtheilung 54, der I. medicinischen 
43, der Klinik und Abtheilung für Hautkranke 41, an der I. chirurgischen 
Klinik 34, der III. medicinischen Abtheilung 32 die nächst höchsten Ziffern 
erscheinen. 

Das Wichtigste sind aber zunächst nicht diese absoluten Zahlen, 
denn ein Krankensaal kann viele Rothlauffälle beherbergt haben, weil die 
von Aussen gekommenen oder im Hause entstandenen Fälle vorwiegend 
da oder dorthin dirigirt worden sind, was bekanntlich zunächst für die 
medicinischen Abtheilungszimmer und die der dermatologischen Klinik und 
Abtheilung gilt. 

Da aber immer die Frage der gelegenheitlichen Propagirung des 
Rothlaufes innerhalb der Spitalsräunie das Punctum saliens der ganzen 
Angelegenheit ist, so war zu eruiren, auf welchen Zimmern die meisten 
Erysipele unter solchen Verhältnissen entstanden waren, die auf eine Con- 
tagion von Seite ein gebrachter Fälle schliessen Hessen und demnach die 
Gesammtheit der Fälle von Erysipel in zwei Kategorien auseinander zu 
lesen, und zwar erstens in extern entstandene und zweitens in intern 
entstandene. 

Als intern entstandener Rothlauf ist jede solche Erkrankung 
angenommen, welche entweder bei notoriscli im Krankenhause länger in 

*) In derselben sind von 531 nur 526 Fälle angeführt — ein Fehler 
im Sammeln, der w r ohl unwichtig ist. 


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dpr Dermatologie*. 


•257 


Pflege gestandenen Personen aufgetreten ist, oder wenn auch kurz, zwei 
bis drei Tage nach dem Spitalseintritte, wofern genau angegeben erscheint, 
dass der Rothlauf von einer im Spitale gesetzten Operationswunde ausge¬ 
gangen war. Alle anderen, selbst die am zweiten bis vierten Tage nach 
der Aufnahme angegebenen Erysipelerkrankungen, sind als externe ange¬ 
nommen worden, wofern es erwiesen, dass die Betreffenden bereits mit der 
Diagnose Rothlauf oder Status febrilis aufgenommen worden waren. 

Aus der diesbezüglichen Tabelle ist ersichtlich, dass 208 interne Ery¬ 
sipelerkrankungen vorgekommen sind, und zwar: 

Erysipelas faciei genuinum. 

„ „ consecutivum .... 

Summe der Gesichtserysipele. 

Erysipelas alias. 

Internerkrankungen in Gesammtsumme . 

Externerkrankungen. 

Gesammtsumme der Erysipele überhaupt 


Die meisten internen Erkrankungen hat: 



an genuin. Gesichtsrothlauf 

Z.-Nr. 

102 mit. 

4 Fällen 


r* 

99, 100, 103 mit je . . . 

3 


an consecut. Gesichtsrothlauf 


39 mit. 

4 



n 

3, 11, 12, 15, 33 mit je . 

3 


an Erysipelas alias 

n 

3 mit. 

12 

r> 


n 

1, 6 mit je. 

8 



n 

79 b mit. 

6 

rt 


n 

71 mit.. . . . 

5 

n 


t* 

2, 4, 7, 12 mit je ... . 

4 

V 


» 

11, 38, 42, 49, 78 mit je . 

3 

n 


Auch hier fällt es auf, dass die consecutiven Erysipele die Hauptzahl 
liefern sowohl rücksichtlich der Gesammtsumme, als der einzelnen Zimmer, 
indem 43 genuine Gesichtserysipele 165 consecutiven Rothlaufliillen gegen¬ 
überstehen und das Maximum der ersteren pro Zimmer für ein Biennium 
3 und 4 beträgt, das der letzteren aber 15, 8 , 7, 6, 5. 

Als sehr auffallend muss fernere hervorgehoben werden, dass aber¬ 
mals die zur I. chirurgischen Abtheilung gehörigen Zimmer die meisten 
Internerkrankungen in absoluter Zahl aufweisen, und zwar in Summe 49 
mit dem Maximum von 17 im Zimmer Nr. 3, während weder eine andere 
chirurgische oder interne, noch die dermatologische Klinik und Abtheilung 
auch nur annähernd eine gleiche Ziffer darbieten. 

Da Morbidität und Mortalität im Allgemeinen in einem bestimmten 
Wechselverhältnisse zu stehen pflegen, so dürfte auch anschliessend an die 
vorstehende Tabelle, welche die Morbiditätsverhältnisse, d. i. die Intern¬ 
erkrankungen nach Zimmern angeführt hat, ein Ausweis der Todesfälle 
nach Zimmern angezeigt sein, zugleich nach Datum, da ja bekanntlich der 
Genus epidemicus für die Verhältnisse ausser- und innerhalb des Spitales 
im Allgemeinen der gleiche zu sein pflegt. 

Es folgt nun noch eine Tabelle rücksichtlich der Todesfälle in Folge 
von Rothlauf nach Zimmern und Datum. 

Es ist aber zweifellos, dass nicht nur rücksichtlich einzelner Zimmer 
sondern auch der zu einer Abtheilung gehörigen Gesammträume eine Prüfung 
der Internerkrankungen und der vorgekommenen Todesfälle erspriesslich 
sein kann. Denn innerhalb der zu einer Abtheilung gehörigen Räume ver¬ 
kehrt dasselbe ärztliche und Wartepersonale und vermittelt möglicherweise 


43 

56 

99 

109 

208 

323 

531 


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Original frnm 

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258 - 


Bericht QWr die Leitungen auf dem Gebiete 


die Propagation des Rothlaufs, sowie je ein bestimmtes Princip der allge¬ 
meinen und speciellen chirurgischen Behandlung herrscht. 

So ist denn aus der vorstehenden Tabelle zu entnehmen, dass die 
I. chirurgische Abtheilung die meisten Internerkrankungen aufweist, dass 
aber z. B. auch die I. chirurgische Klinik mit einer hohen Ziffer betheiligt 
erscheint, und es wird gewiss das Interesse der einzelnen klinischen und 
Abtheilungsvorstände erwecken, mit Rücksicht auf die in der vorstehenden 
Tabelle ausgewiesenen Zahlen die localen, personalen und therapeutischen 
Verhältnisse an den ihren Functionen zugewiesenen Krankenzimmern be¬ 
sonders zu erwägen. 

Aus demselben Grunde folgt noch eine spezielle Tabelle, eine Liste 
der Todesfälle nach Zimmern, Abtheilung und Datum. 

Nach dieser Tabelle kamen von den 55 Todesfällen der Gesammtheit 
der Erysipelatösen 

auf die I. medicinische Abtheilung. 

„ „ II. und V. medicinische Abtheilung je 

„ „ I. chirurgische Klinik. 

„ „ I. chirurgische Abtheilung. 

„ „ II. chirurgische Abtheilung. 

auf die übrigen nur geringere Zahlen. 

Und zwar stellt sich in jenen Maxirais das Verhältniss der Todes¬ 
fälle zu der absoluten Zahl von Erysipelfällen derselben Abtheilungen 
wie folgt: 

an der I. med. Abtheilung.11 Todesfälle auf 43 Erysipelfälle 

* „ II. med. Abtheilung.9 „ „71 

„ „ V. med. Abtheilung..9 „ „ 54 

„ * I. Chirurg. Klinik.7 „ „34 

„ * I. Chirurg. Abtheilung .... 5 „ „ 78 

» » II- Chirurg. Abtheilung .... 4 „ „24 

Das Verhältniss ist also hier ein äusserst schwankes und kann seine 
Erklärung nur in den individuellen Verhältnissen der einzelnen Krankheits¬ 
fälle finden. 

Schlussbemerkungen. Das Durcbschnittspercent der Mortalität 
bei den im Biennium 1882/83—1883/84 vorgekommenen 531 Erysipelfällen 
beträgt 10'3°/ o . Bei den reinen (genuinen) Erysipelfällen beträgt die Mor¬ 
talität etwa 0*3—0‘57o- 

Die Mortalitätsziffer von 10*3 °/ # übertrifft nicht die bei vielen anderen 
acuten fieberhaften und infectiösen Krankheiten, z. B. Pneumonie, Typhus. 
Variola etc. und würde, wenn diese Thatsache für sich allein bestünde, an 
und für sich keinen Grund zur besonderen Beunruhigung bilden. 

Selbst die unter den chirurgischen Abtheilungen zumeist heim¬ 
gesuchte I. chirurgische Abtheilung hat in einem Biennium nur 5 Todte 
unter 78 Erysipelatösen aufzuweisen, d. i. 6*4°/ 0 

Die Beunruhigung ist umso weniger begründet, als, wie aus Tabelle 
III zu entnehmen, der überwiegend grösste Theil der Todesfälle auf prä¬ 
existente schwere Leiden und Complicationcn zurüekzuführen ist und nicht 
dem Rothlauf als solchem zur Last fällt. 

Anderseits ist es aber zweifellos, dass sowohl bei präexistenten 
Krankheiten lebenswichtiger Organe und Systeme, wie des Gesammt- 
organismus, Puerperium, Morbus Brightii, chronischem Alkoholismus etc., 
als nach operativen Eingriffen, der Rothlauf eine schwere Complication 
bedeutet und die Gelegenheitsursache für einen letalen Verlauf werden 


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H Fälle 
9 . 

7 . 


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der Dermatologie. 


259 


kann; ferner«, dass der Rothlauf eine contagiöse Infectionskrankheit dar¬ 
stellt, die nicht nur durch directen Contact, sondern auch durch Vermitt¬ 
lung der Atmosphäre übertragen werden kann, wie die Erfahrung zur Zeit 
epidemischen Erysipels lehrt und der Nachweis des Erysipelcoccus in der 
Atmosphäre des Eiysipel beherbergenden Krankenzimmers durch v. Eisels- 
berg begründet. 

Daraus folgt, dass es geboten ist, die anderweitigen Pflegebefohlenen 
des Krankenhauses gegen die Gefahr der Infection von Seite der Erysipela- 
tösen möglichst zu schützen. Dies kann nur geschehen durch möglichste 
Isolirung der Erysipelkranken von den anderweitigen Patienten, Zu dem 
Zwecke wird vorgeschlagen: 

1. Alle von aussen eingebrachten Erysipelkranken werden direct 
schon vom Journale aus durch den Journalarzt auf ein zur Unterbringung 
von sogenannten Infectionskrankheiten bestimmtes und entsprechend einge¬ 
richtetes Zimmer dirigirt. Dasselbe wird der Klinik und Abtheilung für 
Hautkranke zugetheilt. 

4. Auch die an den verschiedenen Abtheilungen intern entstandenen 
Erysipelf&lle werden dorthin transferirt. 

3. Da aber eventuell der dort verfügbare Belegraum zu Zeiten er¬ 
schöpft sein kann; ferners manche solcher Fälle wegen anderer meritorischer 
Grundkrankheiten besser unter Obhut ihrer früheren Aerzte verbleiben, so 
muss auch für die Möglichkeit vorgesorgt werden, solche Kranke zu isoliren. 
Dies gilt namentlich für viele chirurgisch Operirte, welche wegen der rela¬ 
tiven Gefahr, die der Rothlauf für sie bringt, nicht der noch grösseren 
ausgesetzt werden sollen, durch Transferirung an eine andere Abtheilung 
der weiteren fachmännischen chirurgischen Behandlung verlustig zu werden, 
die zu ihrem Heile nach bestimmtem Plane und nach besonderer Methode 
bereits eingeleitet worden war. 

Deshalb soll jede medicinische wm chirurgische, oculistische etc. Ab¬ 
theilung im Verhältnisse zu ihrer Bettenzahl drei oder vier Isolirzimmer 
erhalten zur Aufnahme solcher nicht transferirbarer Erysipelatösen. Die Er¬ 
fahrung hat gelehrt, dass mit dieser Zahl, selbst zur Zeit von Rothlauf- 
epidemien, ein Auslangen gefunden werden kann. 

4. Wahre Phlegmonen sollen nicht als Erysipele betrachtet und an 
Ort und Stelle behalten werden. 

5. Es wären noch bezüglich der Abtheilungen, an welchen die auf¬ 
fälligeren Zahlen von Internerkrankungen an Rothlauf vorgekommen sind, 
besondere Untersuchungen rücksichtlich der dort herrschenden Localverhält¬ 
nisse zu pflegen. 

6. Schliesslich wird von Seite der Chef- und Hilfsärzte die scrupu- 
löseste Anwendung aller von der Wissenschaft und der persönlichen Erfah¬ 
rung gebotenen Mittel zur Bekämpfung und Vorbeugung des Wundroth- 
laufes erwartet. 

Die im Alinea 3 enthaltenen Vorschläge wurden von den drei 
Chirurgenmitgliedern des Comit£s nicht gebilligt. Dieselben stellen im 
Gegentheile zu diesem Alinea den Antrag: 

Alle wie immer gearteten chirurgischen und chirurgisch operirten 
Fälle sollen, sobald sie an Erysipel erkrankt sind, auf das Infectionszimmer 
transferirt werden. Ueber die Art und Weise, wie und von welchem Arzte 
und unter wessen directer Verantwortung die weitere chirurgische Behand¬ 
lung in dem Infectionszimmer zu führen wäre, seien noch nähere. Bestim¬ 
mungen zu treffen. 

Auf keinen Fall wären die schon bestehenden Isolirzimmer der 
betreffenden chirurgischen Abtheilungen mit Erysipelkranken zu belegen, 
indem die unmittelbare Nähe dieser Zimmer zu den Abtheilungszimmern 


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260 


Bericht Aber die Leistungen auf dem Gebiete 


und der gemeinschaftliche Verkehr des Aerzte- und Waltepersonales die 
fortwährende Gefahr der Contagion für die übrigen Kranken in sich bergen. 

Autoreferat. 

Unter dem Namen „Erysipeloid“ versteht Rosenbach (7) eine 
Wundinfectionskrankheit, die fast nur an den Händen und bei Leuten auf- 
tritt, die mit allerlei todten, von Thieren abstammenden Stoffen zu thun 
haben (Köchinnen, Schlächter, Gerber, Fischhändler etc.). Die Affection, dem 
Erysipel äusserlich ähnlich, verbreitet sich langsam über die Hand und 
verläuft spontan in einer bis drei Wochen. Seine früheren Angaben, dass es 
sich bei dem Leiden um einen neuen Coecus handelt, berichtigt Rosenbach 
dahin, dass es ihm gelang, eine der früheren ähnliche Cultur, die. auf seinen 
eigenen Oberarm geimpft, ein positives Resultat ergab, zu erzielen. Später 
aber fand Verf. in derselben verschieden lange Fäden mit falscher Astbildung, 
analog einer von Cohn unter dem Namen „Cladothrix dichotoina* beschrie¬ 
benen Form. Die meiste Aehnliehkeit hat die Cultur mit der des Mäuse¬ 
sepsisbacillus. Rosenthal. 

Zagari (8) wiederholte Emmcrich's Versuche, hei Kaninchen die 
Carbunkelinfection durch intravenöse Inoculation des Streptococcus Fehleisen 
zu heilen. Er erhielt die nämlichen Resultate, und glaubt den Erklärungs¬ 
grund dafür in der Annahme gefunden zu haben, dass die durch Inoculation 
des Erysipelcoecus hervorgerufene Temperaturerhöhung die Energie des 
Carbunkelbacillns schwäche, während sie die Lebenskraft der Gewebselemente 
steigere und sie dadurch in den Stand setze, den Kampf mit dem Bacillus 
antliracis siegreich zu bestehen. Zagari fand, indem er diese Versuche auf 
breiterer Basis ausführte, dass es möglich sei, die Virulenz einzelner Mi¬ 
kroben dadurch abzuschwächen, dass man dieselben auf Nährsubstanzen 
cultivirt, die bereits zur Entwickelung anderer Mikroorganismen gedient 
hatten und dadurch sterilisirt sind. So gelang ihm. durch Züchtung des 
Anthraxbacillus auf Culturen, die bereits durch den Choleraspirillus steri¬ 
lisirt waren, die Virulenz des ersteren abzuschwächen. Durch fortgesetzte 
Einimpfung dieses abgeschwächten Anthraxvirus auf Kaninchen und Meer¬ 
schweinchen erzielte er schliesslich Immunität dieser Thiere gegen den 
Anthrax. 

Camera (9) befürwortet nachstehende, von ihm wiederholt erprobte 
Behandlung der Pustula maligna: Rings um die Pustel, ein paar Millimeter 
von der indurirten Basis derselben entfernt, wird in der gesunden Haut ein 
Circulärschnitt geführt, hierauf das infiltrirtc Gewebe in seiner ganzen 
Dicke durch einen Kreuzschnitt oder durch mehrere radiäre Ineisionen ge¬ 
spalten und die Blutung gestillt. Nun streut man fein gepulvertes Sublimat 
in der Menge von vier bis fünfzehn Centigramm, je nach der Grösse der 
Pustel, auf, wobei man darauf sehen muss, dass das Pulver bis auf den 
Grund aller Schnitte, auch des Circulärschnittcs, dringe. Schliesslich wird 
mit Charpiebaumwolle verbunden. Selbstverständlich muss die gesunde Haut 
in der Umgebung vor der verätzenden Wirkung des sieh verflüssigenden 
Sublimates geschützt werden. Nach ein paar Wochen fällt ein der circularen 
Incision entsprechendes nekrotisches Hautstück heraus, eine gut granulirende 
Wundfläche zurücklassend, die rasch vernarbt. Mit gleich günstigem Erfolge 
wendete Camera das Sublimat — praevia incisione — auch beim Anthrax an. 

Dornig. 

Retiwzew (10) bespricht sehr eingehend in seiner ausführlichen Ab¬ 
handlung noch wenig bekannte Hautaffectionen bei Malaria, wobei er sich 
auf 2000 Fälle stützt, die er im Wladikaukasischen Militärspital beob¬ 
achtet hatte. Bei der Malaria linden folgende Hautcomplieationen statt. 
1. Roseola, die sich von der R. typhosa durch einen höchst seltenen Ueber- 


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der Dermatologie. 


261 


gang in Petechii unterscheidet. Man trifft sie in 2*5 Percent aller Malaria- 
tälle. 2. Das grossraaculöse Erythem (in 3 Percent aller Fälle) localisirt 
sich gewöhnlich auf den Extremitäten, manchmal ergreift es die ganze 
Körperoberfläche und ruft ein Jucken und Brennen hervor. Es wurde sogar 
Eryth. haemorrhagicum beobachtet. 3. Urticaria findet bei 45 Percent 
aller Malariafalle statt. Der Ausschlag verschwindet bald und es tritt oft 
eine Complication mit Erythem auf; Urtic. haemorrhagica hat der Verfasser 
nie beobachtet. 4. Herpes facialis kommt sehr häufig vor (bei 22 Percent 
aller Fälle). In einem Falle beobachtete Verf. Herpeseruption auf den Hand¬ 
tellern und Vorderarmen zugleich mit Purpura der unteren Extremitäten. 
5. Herpes Zoster ist sehr selten bei Malaria und es wurde nur ein 
solcher Fall beobachtet. 6. Miliaria ist nur eine zufällige Erkrankung und 
zwar bei Individuen, die stark schwitzen oder sich unreinlich verhalten. 
1. Die gewöhnlichsten Ausschläge bei Malaria sind primäre Petechien, 
Purpura simplex und Hämorrhagien, die gewöhnlich als Complication bei 
schweren Malariafällen auftreten. Petechien findet man gewöhnlich auf der 
Brust, dem Bauch und der inneren Oberfläche der Oberschenkel, manchmal 
verbreitet sich dieselbe über die ganze Körperoberfläche. Seine Abhandlung 
illustrirte der Verfasser durch fünfzehn Krankheitsgeschichten der exqui¬ 
sitesten Fälle. Szadek. 

/ 

Sanguineti (11). Ein vierzigjähriger Bodenwichser, kräftig gebaut 
und wohlgenährt, bot am linken Handrücken eine fleischige, kleinhasel¬ 
nussgrosse, halbkugelige Wucherung von rother Farbe und massig derber 
Consistenz. Dieselbe blutete nicht und hatte eine rauhe, unebene Oberfläche, 
mit kleinen, hirsekornähnlichen Erhabenheiten besetzt. Ueber die Provenienz 
der beschriebenen Geschwulst, die seit einigen Monaten allmälig gewachsen 
war, konnte der Kranke keinen Aufschluss geben. Sanguineti machte die 
Diagnose auf einen Leichentuberkel und fand dieselbe durch die mikroskopische 
Untersuchung bestätigt. Der Tumor bestand aus weitmaschigem Bindegewebe 
mit dazwischenliegenden zahlreichen Granulationszellen und aus reichlichen 
Epithcdwucherungen mit vielen secundären Verästelungen. Unter verschiedenen 
Schnitten, die nach der Ehrlich’schen Methode gefärbt worden waren, 
fand Verf. in zweien einzelne Tuberkelbacillen theils zwischen den Epithel¬ 
zellen der Schleimhautschicht, theils mehr in der Tiefe im Granulations- 
gew'ebe, einige auch im Innern der Epithelzellen. Auf Grund dieses Befundes 
zieht der Autor den Schluss, dass die Ansicht Jener berechtigt sei, welche 
im Leichcntuberkel eine locale chronische Infectionskrankheit sehen, die 
mit der Tuberculose identisch ist. 

Nach den Ausführungen De Renzi’s (12) ist das Virus der Tuberculose 
mit jenem der Scrophulose vollkommen identisch: durch Impfversuche an 
Thieren erhielt er stets dieselben krankhaften Veränderungen, mochte er 
nun dieses oder jenes Virus zu den Impfungen verwenden. So führten 
Impfungen mit dem Virus scrophnlöser Lymphdrüsen bei Kaninchen und 
Meerschweinchen zur Entwickelung tuberculöser Affectionen in den Lungen 
und in den Baucheingeweiden. De Renzi schliesst daraus, dass das scro- 
phulöse Virus nicht ein abgeschwächtes tuberculöses Virus sein könne, wie 
Arloing annimmt. Dornig. 

Dittrich's (13) Arbeit besteht aus einem histologischen und einem 
bacteriologischen Theii. Untersucht wurden nach diesen beiden Richtungen 
zwei typische, von Prof. Pick klinisch beobachtete Fälle von Rhinosklerom. 
Der Umstand, dass über den ersten derselben schon wiederholte mikro¬ 
skopische Untersuchungen aus früheren Jahren Vorlagen, ermöglichte es, 
gewisse auf die verschiedenen Stadien des Processes zu beziehende Structur- 


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262 


Pflicht über die Leistungen auf dem Gebiete 


differenzen festzustellen. Als solche bezeichnet Dittrich die nnmerische Zu¬ 
nahme der geblähten „Mikulicz'schen“ Zellen und der hauptsächlich in 
diesen Zellen localisirten Kapselbacterien in vorgeschrittenen Stadien des 
Geschwulstprocesses. Auch waren dann die „Mikuliez’schen“ Zellen meist zu 
grösseren Gruppen vereinigt, was Verf. auf Druckwirkung von Seite des 
Granulationsgewebes zurückfübren möchte, und vorwiegend in den ober¬ 
flächlichsten Geweb8schichten gelageit. Mit Rücksicht auf nachweisbare 
Uebergangsstufen zwischen Rundzellen und den grossen Zellen, sowie auf 
die Zahl, Lage und Vertheilung der Bacterien in diesen Zellen, schliesst 
Verf. — den causalen Zusammenhang zwischen Rhinosklerombacterien und 
dem Rhinoskleromprocesse vorausgesetzt — dass diese Zelldegeneration 
unter dem Einflüsse der Bacterien erfolge. Hingegen aber scheint ihm die 
ätiologische Bedeutung der Bacterien so lange zweifelhaft, als positive 
Impfresultate fehlen. Der zweite Theil der Arbeit beschäftigt sich mit dem 
Verhalten der von Pal tauf und Eiseisberg aus dem Rhinoskleromgewebe 
gezüchteten Mikroorganismen in Culturen. Die Identität dieser mit den von 
Frisch beschriebenen Bacillen hält Verf. nicht für ganz sicher. Die herge¬ 
stellten Gelatinestichculturen zeigten exquisit nagelförmiges Wachsthum, 
ähnlich den Pneumoniecoccen Friedländer’s, unterschieden sich aber von 
diesen dadurch, dass die Culturköpfchen der Rhinosklerombacterien deutlich 
durchscheinend waren, und bei stärkerem Wachsthum perlmutterartigen 
Glanz zeigten. Mikroskopisch bestanden die Reinculturen aus kapseltragenden 
Bacillen und Coccen. Bei Luftabschluss blieb das Wachsthum immer aus. 
Betreffs der übrigen Details muss auf das Original verwiesen werden. Seine 
Thierversuche sind noch nicht abgeschlossen. Babes wendet sich gelegentlich 
einer Besprechung dieser Arbeit ira Centralblatt f. Bacteriologie (1887, 
II. Bd., Nr. 4) gegen mehrere Punkte derselben, besonders was die Deutung 
einzelner histologischer Befunde anbelangt. Ferner erklärt er eine Unter¬ 
scheidung zwischen Dittrich’s Culturen und den Friedländersehen 
Pneumoniecoccen nicht für begründet. Auf einem Missverständniss beruht 
seine Behauptung, dass Verf. das Rhinosklerom für eine Mischinfection halte. 
In einer Entgegnung auf diese Kritik (Centralbl. f. Bact. Nr. 15) hält Verf. 
seine Angaben aufrecht und begründet sie des Näheren. Richter. 

Venturi (14) berichtet über zwei Fälle von Pellagra, die er in 
Süditalien — den einen in der Provinz Catanzaro in Calabrien, den anderen 
bei Campobasso — beobachtet hat. — Süditalien galt bisher als pellagrafrei. 

Azevedo Lima und Guedes de Mello (15) weisen hin auf die 
zahlreichen Variationen des Auftretens der Lepra in Bezug auf Beginn, 
Dauer, Intensität und Typus in Brasilien. Gestützt auf zahlreiche Beobach¬ 
tungen soll die anästhetische Form die häufigste sein, auf diese folge die 
knotige und am seltensten komme die fleckige Form vor. Corabinationen 
von tuberösem und anästhetischem Typus sind häufig, während knotige und 
fleckige selten sich combiniren. Die prodromale Eruption ist nicht mass¬ 
gebend für den Charakter der nachträglichen Lepraform. Die anästhetische 
Form beginnt mit Neuralgien oder herpetischer Eruption, wobei der Blasen- 
inbalt nach kurzem Bestände sich trübt und nach Platzen der Blasen bei 
Weissen helle, bei Farbigen dunkel pigmentirte Narben Zurückbleiben. Die 
Anästhesie ist nahezu immer symmetrisch. Die knotige Form tritt plötzlich 
oder mit prodromalen Symptomen von Unwohlsein, Fieber auf, bis nament¬ 
lich an den freien Hautstellen wegdrückbare Flecke erscheinen, welche bei 
Weissen zumeist roth, bei Farbigen dunkel sind. Aus diesen Flecken, welche 
auch verschwinden und wieder ersetzt werden können, entwickeln sich ver¬ 
schieden grosse flache Verhärtungen oder infiltrirte Knoten. Die fleckige 


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<lf»r Dermatologie. 


263 


Form beginnt ohne Prodrome mit kleinen, sieh vergrössernden hyperämi- 
schen Flecken, welche bei Weissen roth und bei Farbigen dunkel erscheinen, 
zuweilen im Centrum atrophisirend. Bei den combinirten Formen kann ein 
Typus prädominiren. Die tuberöse Form nimmt zumeist einen langsameren 
Verlauf, als die anästhetische, doch ist die Dauer geringer in Folge vis¬ 
ceraler Complicationen, denen die Kranken erliegen. Selten zeigt sich ein 
galoppirender Verlauf. Die maculöse Form kann jahrelang bestehen, ohne 
das Leben zu gefährden. Aus den angeführten 48 kurzen Krankengeschich¬ 
ten ergibt es sich, dass Auge, Nase und Ohren häufig in Mitleidenschaft 
gezogen sind. Augenläsionen traten in 91*66 Percent der beobachteten Fälle 
auf. Totale Amaurose wurde nur in 4*16 Percent beobachtet. Die Läsion 
betrifft bald die äusseren, bald die inneren Theile des Sehapparates. Die 
tiefgehendsten Läsionen am Auge verursachen die rein tuberöse oder häufig 
die gemischte Form. Die Gehörorgane waren in 70*83 Percent der Fälle mit 
afficirt, wobei das Hörvermögen nur mässig beeinträchtigt ist. Die Unter¬ 
suchungen des’ Ohres sind wesentlich erschwert durch Häufigkeit und Inten¬ 
sität der Nasenaffectionen, die in 95*83 Percent der Fälle zu verzeichnen 
waren. Dieselben traten schon sehr früh bei noch wenig ausgesprochenen 
Formen, namentlich an den Muscheln, auf, welche zerstört oder atrophisch 
werden. Auch hypertrophische Rhinitis kann bei Lepra Vorkommen. Häufig 
soll die Nasenschleimhaut weisslich erscheinen, sogenannte Nutisation, so 
auch die Conjunctiva. 

Der Leprabacillus findet sich nach Campana (16) stets im leprösen 
Granulationsgewebe, wenn dieses nicht eine complete fettige Entartung ein¬ 
gegangen ist. Die Leprabacillen der Cutis lassen sich immer demonstriren, 
nur in ihrer Anzahl sind sie variabel. Die lepröse Degeneration ist in der 
Cutis nie complet, fast immer dagegen, bei vorgeschrittener Erkrankung, 
in der Milz und vor Allem in der Leber. Der Nachweis der Bacillen hängt 
von der Tinctionsmethode und von der Zeit ab, in welcher besagte Bacillen 
in der Färbungsflüssigkeit belassen wurden. Der Bacillus einer frischen 
Lepra ist leicht färbbar, schwerer der einer alten Lepra, wozu es mehrerer 
Stunden bedarf; daraus wird es erklärlich, wie Einzelne bei veralteten Fäl¬ 
len Bacillen gefunden haben, Andere wieder nicht. Darin verhält sich der 
Leprabacillus wie alle thierischen Grundelemente gegen Tinctionsflüssig- 
keiten: sie färben sich mit grösserer Leichtigkeit in geradem Verhältniss 
zu ihrer Jugend. Es ist richtig, dass die Leprabacillen in Bezug auf fär¬ 
bende Substanzen basophil sind, doch ist ihre Färbbarkeit ausserdem noch 
an eine Art Wahlverwandtschaft zu einzelnen Substanzen gebunden. Alka¬ 
lische Lösungen von Fuchsin und Gentianaviolett in Anilinwasser, von Tolui« 
din und Phenylsäure färben den Leprabacillus mit grösserer Leichtigkeit; 
aber besagte Substanzen färben ihn auch ohne Beihilfe der Alcalinität, was 
bei vielen anderen Färbemitteln nicht der Fall ist, mögen sie mit oder ohne 
alkalische Beimischungen angewendet werden. Der Nachweis von Sporen 
im Innern des Bacillus leprae wird durch das Alter der Bacillennester er¬ 
leichtert; erkrankte Partien älteren Datums zeigen viel evidenter die Sporen, 
dagegen erscheint in ihnen das bacilläre Protoplasma sehr spärlich und 
häufig zu äusserst dünnen Filamenten reducirt. Es ist bis heute noch nicht 
sicher erwiesen, dass die Färbungstechnik mittelst Jod die Sporen, jene 
mittelst Jodüren die Bacillen deutlicher hervortreten lässt. Dornig. 

Den Gegenstand von Ferrari’s (17) histologischen Untersuchungen 
bildet die Placenta einer an Lepra maculo-tuberculosa leidenden Frau. Aus 
der Anamnese dieses Falles mögen folgende Daten hier kurz registrirt wer¬ 
den: Paula Z., aus Avola (Syrakus) gebürtig, vierzig Jahre alt, stammt aus 
lepröser Familie, mit zwanzig Jahren verehelichte sie sich mit einem gesun- 


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Bericht Über die Leistungen auf dem Gebiete 


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den, bis heute gesund gebliebenen Manne; sieben Jahre darauf wird sie 
leprös. Von ihren vier Kindern blieben die drei ersten, vor Erkrankung der 
Mutter geborenen, von der Lepra verschont, während das vierte Kind, wel¬ 
ches zur Welt kam, nachdem die Mutter schon durch mehrere Jahre leprös 
war, mit neun Monaten an der Lepra erkrankte. Von der vierten Entbin¬ 
dung der Z. stammt eben die von Ferrari untersuchte Placenta. — Mikro¬ 
skopischer Befund: 1. Gänzliches Fehlen von Leprazellen, sowie von irgend¬ 
welchen Mikroorganismen. 2. Auffallend geringe kleinzellige Infiltration, 
viel geringer, als der physiologischen Norm entspricht. 3. Verdickung des 
submucösen Gewebes der Placentarzotten. 4. Obliteration einzelner arterieller 
Zottengefässe durch Endarteriitis, zum Theil auch in Folge Thrombose. 
Aus diesem Befunde folgert Ferrari, dass die parasitäre Theorie der Lepra 
absolut haltlos sei: die Lepra sei eine constitutioneile Krankheit und nicht 
eine infectiöse oder eontagiöse wie etwa die Syphilis. Der Leprabacillus 
könne unmöglich das pathogene Element der Lepra sein, denn wenn er es 
wäre, wie könnte man sich dann, da die Lepra von der Mutter auf die 
Frucht übertragbar sei, dessen Fehlen in der Placenta erklären? Welche 
Bedeutung, fragt Ferrari weiter, kommt dann dem Leprabacillus zu? Der 
Bacillus Hansen ist ein Mikroorganismus, dessen Entwickelung und Pro¬ 
liferation an ganz besondere Bedingungen eines dazu geeigneten Nähr¬ 
bodens gebunden sind, die ihm nur die scrophulöse Constitution bieten 
kann: mit der Pathogenese der Lepra steht er in gar keinem Zusammen¬ 
hang. Im Ucbrigen ist Ferrari der Ansicht, dass der Leprabacillus mit 
jenem der Tuberculose, des Lupus und der Scrophulose (?) identisch sei, 
was er in einer späteren Arbeit ausführlich begründen will. Dornig. 

Die Untersuchungsresultate von Ssa wischen ko (18) aus der ana¬ 
tomisch-pathologischen Anstalt des Prof. -Münck zu Kiew sind folgende: 
Verfasser untersuchte die Knochen der afficirten Extremitäten bei Indivi¬ 
duen, die an Lepra litten; in den Knochen der Finger und des Oarpus, 
sowie in den Epiphysen und Diachysen der Ulna und des Radius ruft die Lepra 
am häufigsten Caries sicca hervor, welche die Knochengewebc zerstört. Die 
Elemente des Knochenmarkes sind schon in den Anfangsstadien der Krank¬ 
heit angegriffen, wobei die Zellen wegen Anhäufung der Leprabacillen ver¬ 
schwinden; zugleich entsteht in den nächstliegenden Gewebsregionen eine 
reactive Zellenproliferation, die sich aus einzelnen Herden durch die Lymph¬ 
spalten verbreitet. Die Leprabacillen afficiren die benachbarten Elemente 
des Knochenmarkes, sowie die Zellen der Knochenkörperchen. Die Verdün¬ 
nung und die Resorption der Knochen wird durch folgende Umstände be¬ 
dingt: durch Ernährungsstörung wegen Affection der Knochenkörperchen, 
sowie durch eine chronische Entzündung, welche die Leprazellen hervor- 
rufen. Als Endresultat dieser Entzündung des Knochenmarks tritt eine Bil¬ 
dung des fibrinösen Bindegewebes anstatt des zerstörten Knochens. 

Washcjewsky (19) gibt eine ausführliche Beschreibung einer eigen¬ 
tümlichen und interessanten Hautaffection, die unter den russischen Trup¬ 
pen des Charkuw’schen Bezirkes im Jahre 1886 beobachtet wurde und welche 
sehr ähnlich, ja sogar identisch mit dem Pendsjeh-Geschwür*) ist. Die von 
Washejewsky beobachtete Hauterkrankung charakterisirt sich durch das 
Entstehen multipler Geschwüre oder furunkelähnlicher Infiltrate an ver¬ 
schiedenen Körpergegenden. In den Anfangsstadien bemerkt man Knötchen 
in der Haut, die mannigfach an Grösse variirten und bald in Geschwüre 
übergingen; die sehr schmerzhaften Geschwüre mit einem unreinen, grau 


4 ) Diese Vierteljahresschrift 1887, pag. 566 u. ff. 


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der Dermatologie. 


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belegten, unebenen Grund werden in ihrem späteren Verlaufe atonisch, 
callös und sehr hartnäckig. Das Leiden tritt gewöhnlich an denjenigen 
Körpergegenden auf, welche einer Reizung ausgesetzt sind; am Halse, 
Hinterkopf, Lumbalregion, Unterarm, Unterschenkeln, zuweilen auch an den 
übrigen Regionen des Körpers. Die Krankheit tritt zumeist im Frühjahr 
und Herbst auf; im Sommer, wenn die Soldaten ins Feldlager sich begeben, 
steigt das Percent der Erkrankungen bedeutend. In einem Kegimente waren 
im Jahre 1886 von dieser Hautkrankheit 204 Soldaten befallen. In dem 
mikroskopisch untersuchten Secrete der Geschwüre und Furunkeln fand 
Washejewsky eigenthümliche Diplococcen, die immer ausserhalb der Zellen 
zerstreut oder manchmal gruppenweise, sarcineähnlich angeordnet waren. 
Die Mikrococcen sind zahlreicher in frühen Stadien der Krankheit, dagegen 
in den zur Heilung sich neigenden Geschwüren waren dieselben schon sel¬ 
ten. Washejewsky konnte stets dieselben in Reinculturen aus dem Secrete 
züchten und hält den beschriebenen Mikrococcus für identisch mit dem Mikro- 
coccus Heidenreiehii. Von dem Staphyloeoccus aureus und citreus unter¬ 
scheidet er sich durch Färbung der älteren Calturen und von Stapbyl. 
cereus flavus durch seine Form, Anordnung und Virulenz nach Einimpfung 
an Thieren. Die Impfversuche an Kaninchen führten zur Entwickelung zahl¬ 
reicher Eiterherde in den Muskeln und im Herzen; auch tritt ein papulöser 
Ausschlag auf der Haut auf. Der Meinung Wash eje wsky’s nach muss 
der von ihm gefundene „Staphyloeoccus flavus“ also als pathogen betrachtet 
werden und durch sein Eindringen in den Organismus werde die Geschwürs¬ 
und Furunkelnbildung hervorgerufen. Bezüglich der Therapie empfiehlt Ver¬ 
fasser die Anwendung von Antiseptica (Jodoform, Ac. salicylicum etc.), 
Bayton'schen Verband, frühe Incision der Furunkeln und Auskratzen hart¬ 
näckiger Geschwüre. Szadek. 

Jacontini (20) hat folgenden eigenthümlichen Fall beobachtet: 
Ein dreijähriger, mit Erfolg geimpfter Knabe erkrankte im April d. J. an 
Variola; die Zahl der Efflorescenzen war eine sehr geringe, das Fieber 
massig und von kurzer Dauer. Im Juli trat mit plötzlicher Temperaturstei¬ 
gerung und Milzanschwellung eine massige Angina auf, und am dritten 
Krankheitstage kam ein scarlatinOser Ausschlag zum Ausbruch. Am neunten 
Tage war das Kind fieberfrei und es begann eine lamellöse Desquamation 
der Epidermis. Nach einer Apyrexie von sechs Tagen stieg die Temperatur 
plötzlich auf 40' 1 und hielt das Fieber durch acht Tage an, ohne das3 
irgend eine nachweisbare Erkrankung der inneren Organe oder der Haut 
dafür verantwortlich gemacht werden konnte. Nach weiteren vier Tagen, 
während welcher das Kind fieberfrei war, erfolgte unter neuerlichem Fieber 
die Eruption eines papulösen Exanthems. Die Papeln verwandelten sich in 
deutlich gedellte Bläschen und schliesslich in Pusteln, mit einem Wort, der 
Kleine war innerhalb weniger Monate zweimal an Blattern erkrankt, nur 
dass die zweite Erkrankung, die sich unmittelbar an eine eben überstan¬ 
dene Scarlatina anschloss, ungleich schwerer war als die erste, die der 
Kleine drei Monate vorher durchgernacht hatte. Dornig. 

Sainati (21) hält an der Ansicht fest, dass es eine Miliaria als 
selbstständige Krankheit mit ihr eigenthümlichen und besonderen Sympto¬ 
men gebe, durch welche sie sich von jeder anderen Krankheit unterscheide. 
Die Miliaria essentialis gehört nach seiner Darstellung in die Gruppe 
der exanthematischen Infectionskrankheiten, was sich daraus deduciren 
lässt, dass sie in epidemischer Form auftritt, durch ein deutliches Invasions-, 
Eruptions- und Desquamationsstadium eharakterisirt ist, dass es auch Fälle 
von Miliaria sine exanthemata gibt, ferner daraus, dass die Intensität aller 
Symptome mit der vollendeten Eruption nachlässt u. s. w. Die Miliaria 


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Bericht über die Beist linken auf dem Gebiete 


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kommt vor Allem in südlichen Gegenden und namentlich an Orten vor, wo 
miasmatische Fieber herrschen. Teilarische Einflüsse, wie das Ablaufen des 
Wassers nach Ueberschwemmungen und das Austrocknen Yon Sümpfen, be¬ 
günstigen das Auftreten der Krankheit nicht minder wie bedeutende und 
rasche Schwankungen der Temperatur. Die Miliaria essentialia dürfte 
auf ein, übrigens nicht näher bekanntes, Virus organieum zurückzuführen 
sein, welches nicht contagiös sein kann, da Impfungen, die Sainati mit 
dem Inhalte der Miliariabläschen vornahm, resultatlos verliefen, Weiber dis- 
poniren zu Erkrankungen mehr als Männer, namentlich im Puerperium. 
Symptomatologie: Bisweilen bricht die Krankheit plötzlich aus, ein anderes- 
mal gehen ihr Prodrome voraus, unter denen die Neigung zu profusen 
Schwcissen für diese Krankheit charakteristisch ist. Das Invasionsstadium 
wird durch ein heftiges Fieber (bis 40°) eingeleitet, dessen Höhe mit der 
Schwere der Erkrankung im Zusammenhänge steht. Der Puls ist nie dikrot. 
Grosse Unruhe, Angstgefühl und Respirationsbeschwerden sind in diesem 
Stadium häutig und viel intensiver als bei anderen Infectionskrankheiten. 
Gleichzeitig stellt sich profuser Schweiss ein; derselbe reagirt sauer und 
riecht nach faulem Stroh. In dieser Periode treten häutige Complicationen 
auf: gastrische Erscheinungen, Bronchitis, Bronchopneumonie. Dagegen sind 
cerebrale Erscheinungen selten, Delirien gehören zu den Ausnahmen. For- 
micationcn in den Extremitäten und am Thorax werden häutig angegeben. 
Die Dauer des Inva*ionsstadiums schwankt zwischen drei und fünfzehn 
Tagen. Darauf folgt die Eruption: das Exanthem beginnt an den bedeckten 
Körpertheilen und lässt das Gesicht gewöhnlich frei, oder es beginnt die 
Eruption im Gesicht erst gegen das Ende der Krankheit. Bis sich das 
Exanthem über den ganzen Körper ausgebreitet hat, bedarf es eines Zeit¬ 
raumes von vier bis fünf Tagen. Es erscheint unter der Form kleiner röth- 
licher Flecke, in deren Mitte ein hirsekorn- bis hanfkorngrosses Bläschen 
sichtbar wird. Die Bläschen enthalten eine klare Flüssigkeit, die sich später 
trübt und zuletzt eitrig wird. Mitunter folgt der ersten Eruption eine 
zweite und dritte, wodurch sich die Krankheit in die Länge zieht; solche 
protrahiitc Fälle geben eine ungünstige Prognose, da sie die Kräfte der 
Kranken eunsumiren und bisweilen käsige Pneumonien, Tuberculose u. s. w. 
im Gefolge haben. Jede neue Eruption ist von einer Steigerung aller Er¬ 
scheinungen begleitet. In malignen Fällen hört die Sehweisssecretion auf, 
das Exanthem verblasst und die Kranken gehen unter Collapseischeinungen 
zu Grunde. Mit dem Beginne der Eiterung steigt die Temperatur um einen 
oder zwei Grade wie bei den Blattern. Bei sehr reichlicher Sehweisssecre¬ 
tion nimmt der Harnstoffgehalt des Urins ab; dies spricht, wie Sainati 
hervorhebt, dafür, dass der grösste Theil des Harnstoffes durch den Schweiss 
eliminirt wird. In dem Masse, als sich der Schweiss vermindert, nimmt im 
Harn die Harnstoffmenge wieder zu. Im Durchschnitt nach zehn bis zwölf 
Tagen beginnt das Desquamationsstadium und dauert zwei bis drei Tage. 
Die« Epidermis stüsst sich bald in Lamellen, bald in Kleienform ab, letzteres 
ist häufiger. In der Reconvalescenz werden nicht selten lntermittensanfälle 
beobachtet. Durch die einmal überstandene Miliaria essentialis wird keine 
Immunität gegen nochmalige Miliaria-Infectionen erworben. Dornig. 

Schwimmer (22) hatte Gelegenheit, sich von der Heilwirkung des 
Erysipels bei nachfolgenden Krankheiten zu überzeugen: Während die allge¬ 
meine syphilitische Durchseuchung des Körpers trotz Ausbruches schwerer 
Erysipele unbeeinflusst bleibt, wie sich dies aus den Recidiven der Lues 
ergibt, heilen die localen syphilitischen Produkte sehr rasch ab. Unbeein¬ 
flusst bleibt ferner der locale Lupusprocess bei coinplicatorisch auftretend^m 
Erysipel. Bei einem hochgradigen Narbenkeloide nach Brandwunden trat 


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der Dermatologie. 


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durch das hinzugekommene Erysipel eine Resorption und Heilung des Kc- 
loids ein. Auch bei einer beiderseitigen chronischen Epididymitis und Or¬ 
chitis trat nach einem zehn Tage währenden Rothlauf Heilung ein. 

Das Erysipeloid ist nach Rosenbach (23) eine Wundinfectionskrank- 
heit, deren Infectionsstoff in faulen thierischen Substanzen sich bildet und 
daher wird die Krankheitsursache so häufig beim Hantireu mit diesen Kör¬ 
pern auf die der Oberhaut beraubten Stellen der Finger übertragen. Es 
entstehen um die Infectionsherde blaurothe umschriebene Stellen, die sehr 
langsam weiterkriechen, dass Gefühl massigen Brennens hervorrufen und 
nach zwei bis drei Wochen spurlos verschwinden, dabei zeigen weder die 
normale Körpertemperatur, noch das Allgemeinbefinden irgend eine Ver¬ 
änderung. Ein von faulem Käse abzuleitendes Erysipeloid belehrte Rosen¬ 
bach, dass Gelatine der beste Nährboden des ziemlich langlebigen, im 
Anfangsstadium in scheinbarer Coecenform auftretenden Spaltpilzes sei. 
Diese Coecenform ist nur als erstes Entwickelungsstadium (Sporenbildung) 
eines langen, fadenförmigen, verfilzten, mit falschen Astbildungen versehe¬ 
nen Pilzes anzusehen. Am Ende der Fäden sind häufig abgebogene, mit 
dicken Punkten versehene Stellen zu gewahren, die als endständige Sporen 
gedeutet werden. Vier Tage nach der Impfung auf Gelatine werden die bei 
20° wachsenden Culturen deutlich sichtbar. Ob Rosenbach es hier mit 
Cladothrixfäden zu tliun hatte, ist noch nicht ausgemacht. Horowitz. 

Risso (24) stellte sich die Aufgabe, die histiologischen Phasen des 
Lupus erythematosus unter der Wirkung eines örtlichen Heilmittels — des 
Unguentum cinereum — zu studiren. Die wichtigsten Ergebnisse seiner 
histiologischen Untersuchungen, die er an vor und nach der Behandlung 
excidirten Hautstücken vornahm, fasst er in folgendem Resumö zusammen: 
Der Lupus erythematosus hat eine Evolutionsphase, charakterisirt durch 
eine Vermehrung der zelligen Elemente, die den Leukocyten ähnlich sind, 
dann eine regressive Phase, die sich durch eine fettig granulöse Degenera¬ 
tion und durch das Verschwinden der nämlichen zelligen Elemente kenn¬ 
zeichnet. Diese Phasen, die beim Lupus erythematosus spontan vor sich 
gehen und die wegen der Langsamkeit und Unregelmässigkeit, mit welcher 
sie verlaufen, kein günstiges Resultat ergeben können, sind es eben, die 
unter dem Einflüsse eines local wirkenden Mittels, nämlich des Unguentum 
neapolitanum, die Heilung bewirken. An den Theilen, wo das Medicament 
gewirkt hatte, verloren viele Infiltrationszellen ihr Protoplasma, und an 
vielen Stellen sieht man statt der Kerne und der zerstreuten Zellen zahl¬ 
reiche Körnchen, die unter der Einwirkung färbender Substanzen die Eigen¬ 
schaften der Kerne und der protoplasmatischen Substanz zeigen; viele 
dieser Körnchen sind in Reihen geordnet, was annehmen lässt, dass sie 
Bruchstücke und Detritus der zu Grunde gegangenen Zellen und Kerne 
selbst sind. Die persistirenden Zellen bewahren die Eigenschaften, welche 
die vorgenannten Infiltrationszellen vor der curativen Behandlung zeigten. 
Ferner wurde beobachtet, dass um viele Gefässe und auch an von den Ge- 
fässen entfernten Theilen der Cutis, letztere in ein Lymphreticulum ver¬ 
wandelt war. Diese Eigentümlichkeit erklärt es, warum bei der Rückbil¬ 
dung des Lupus erythematosus eine gewisse Depression und Atrophie der 
Haut zurückbleibt. Der Mechanismus, nach welchem sich diese Veränderung 
der Haut vollzieht, lässt folgende Interpretation zu: Entwickelung des Gra¬ 
nuloms, Atrophie der Bindegewebsfibrillen, Degeneration und Schwinden 
des Granuloms, Erhaltenbleiben der atrophischen Fasern, die, nachdem das 
Granulom, welches zwischen denselben sass, geschwunden, ein Lymphreti¬ 
culum darstellen; da dieses Reticulum ein kleineres Volumen hat als das 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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Bindegewebe, welches vor der Erkrankung die Cutis bildete, bleibt als 
letzte Folge eine sichtbare Atrophie der Cutis zurück. Es ist wahrschein¬ 
lich, dass dieses letzte Stadium, welches zugleich die Heilung des Processes 
darstellt, auch spontan noch während der Entwickelung der Krankheit ein- 
treten könne: dann ist es nicht unmöglich, dass sich in besagtes Reticulum 
nicht nur neuerdings Leukocytcn einnisten, sondern auch rotbe Blutkörper¬ 
chen einwandern, und dass als Folge davon sich ein kleines cavernüses 
Angiom entwickelt (?), was umsoeher möglich ist, da die Blutgefässe in 
Folge der Alterationen, die sie darbieten, die Diapedesis begünstigen. Der 
günstige Einfluss des Unguentum neapolitanum auf die Rückbildung des 
Lupus erythematosus beruht auf der Beförderung der fettig-granulösen De¬ 
generation der Infiltrationselemente, ohne jedoch die Unmöglichkeit einer 
Recidive zu garantiren, eine Garantie, welche auch durch die anderen Be¬ 
handlungsmethoden — die Abtragung der erkrankten Hautpartien nicht 
ausgenommen — nicht geboten werden kann. Dornig. 

Salzer (25) demonstrirt einen ehemaligen Patienten der Klinik Bill- 
roth. Der 49 Jahre alte Selcher war im Juli 1886 mit einer ausgedehnten 
Erkrankung der Haut der rechten Hohlhand, des zweiten, dritten und 
vierten Fingers aufgenornmen worden. Angeblich hatte sich das Leiden im 
Anschlüsse an eine im Jahre 1882 stattgehabte Verletzung des rechten 
Zeigefingers entwickelt. Es handelte sich um jene Form der Impftubercii- 
losis der Haut, welche Paltauf und Riehl als Tuberculosis verrucosa cutis 
beschrieben haben. Am 1. August 1886 wurde in Narkose das Evidement 
der erkrankten Hautpartien mit nachfolgender Kalicaustieum-Aetzung vor¬ 
genommen. Nach Wiederersetzung einer kleinen von Recidive befallenen 
Stelle ist vollkommene Heilung eingetreten. Der Kranke blieb aber wegen 
der sich entwickelnden Narbencontraetur der Hohlhand (Gypsabguss) arbeits¬ 
unfähig. Zweckmässige Bandagirung und mehrmonatliche, energische Mas¬ 
sage erzielten keinen befriedigenden Erfolg. Der Kranke wurde daher im 
März 1887, behufs operativer Behebung seines Leidens, nochmals auf ge¬ 
nommen. Salzer exeidirte die Narbenmassen so vollständig, wie w r enn es 
sich um eine bösartige Neubildung gehandelt hätte und deckte den grossen 
Defect der Palma mittelst eines gestielten Hautlappens aus der linken 
Lendengegend, genau wie er das (in der Wiener medicinischen Wochenschrift. 
1887, Nr. 3 und 4) bei einem anderen Falle beschrieben hat. Der Sub¬ 
stanzverlust am Rücken wurde durch Zusammeunähen der verschiebbaren 
Haut gedeckt. Der Stiel des Lappens wurde am achten Tage durchtrennt. 
Das mit seiner ganzen Fläche p. p. der wunden Palma angeheilte Haut¬ 
stück ist vollkommen geschmeidig geblieben, so dass der Erfolg ein voll¬ 
ständiger ist. Patient ist wieder als Selchergehilfe thätig und verwendet die 
Hand auch zum Schreiben. Salzer erwähnt, dass bei den von ihm präpa- 
rirten Verbrennungsnarben der Hohlhand die Sehnen niemals in die Nar¬ 
benmassen einbezogen waren, obwohl man. dies bei der oberflächlichen Un¬ 
tersuchung vermuthen konnte■, dass hingegen die Palmaraponeurose in 
weitaus grösserer Ausdehnung geschrumpft war, als dies äusserlich den 
Anschein hatte. Riehl. 

Im Anschluss an die bereits bekannten Fälle berichtet Eis eisb erg (26) 
über vier an der Klinik Billroth beobachtete Fälle, in denen beim ersten 
nach der kleinen Operation des Ohrenstechens, beim zweiten nach einem 
Messerstich, beim dritten nach Aufkratzen einer Acnepustel mit von Eiter 
besudelten Fingernägeln und beim vierten nach Morphininjection, sich kleine 
Knoten, respective atonische Geschwüre entwickelten, die, entfernt und mikro¬ 
skopisch untersucht, die typischen Zeichen tuberculöser Natur, Riesenzellen 
und Tuberkelbacillen darboten. Vcrf. weist darauf hin, dass die grosse Zahl 


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der Dermatologie. 


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der analogen, bereits bekannten Fälle die Häufigkeit dieses Vorkommens 
der Impftuberculose erweise. Finger. 

Aus den histiologischen respective bacteriologischen Untersuchungen 
eines von Marcacci (27) veröffentlichten Falles von Lepra tuberosa resul- 
tirt: 1. Die Bestätigung der Anwesenheit des Neisser'schen Bacillus in 
den leprösen Geweben. 2. Das Fehlen der Bacillen in dem aus gesunden 
Hautpartien entnommenen Blute. 3. Die Erfolglosigkeit der mit dem Lepra¬ 
bacillus angestellten Culturversuche. Die chemische Untersuchung des 
Harnes ergab im vorliegenden Falle eine Vermehrung des Harnstoffes und 
der Harnsäure, ein Befund, der mit den bei Infectionskrankheiten überhaupt 
festgestellten übereinstimmt. Dornig. 

Leloir (28) wahrt seine Priorität gegenüber Campana (Viertel- 
jahresschr. f. Derm. 1887, pag. 442 u. f.), indem er durch Citate aus 
seinem Traitö de la lepre (Paris 1886) nachweist, dass die von Campana 
jüngst — ein Jahr nach Leloir — veröffentlichten Resultate nur eine Be¬ 
stätigung seiner eigenen ergeben haben, die vun Campana nicht erwähnt 
worden sind. Leloir hatte nachgewiesen, dass man aus dem Befunde von 
gut tingirbaren Leprabacillen in der entzündlich afficirten Nachbarschaft 
der Impfstellen nicht darauf sehliessen darf, dass im Impfthiere eine Ver¬ 
mehrung der Bacillen, respective eine localisirte Infection mit Lepra statt¬ 
gefunden hat, wie dies Neisser, Dänisch, Ortmann und Melker zu 
thun geneigt sind. Den Beweis für diese Ansicht hat Leloir dadurch er¬ 
bracht, dass er längere Zeit in Alkohol aufbewahrte Lepraknoten zur Im¬ 
pfung verwendete, und trotz der zweifellos vorausgegangenen Tödtung der 
Bacillen im Impfmaterial, dennoch in dem Entzündungsgewebe rings um 
die Impfstelle Leprabacillen vorfand. Campana’s Versuche haben dasselbe 
Resultat ergeben. Riehl. 

Ayer J. B. Dreimaliger Scharlach. Boston med. and surg. Journ., 
1887. — Boucher L. Hepatisches Erysipel. Franc, möd. Paris 1887. — 
llalne. Epidemie von Gesichtserysipel. Arcli. med. beiges. Bruxelles 1887. — 
Escherich T. Die im Blute gefundenen Mikroorganismen Scharlachkranker. 
Centralbl. f. Bacteriol. u. Parasit., 1887. — Fox T. C. Nervöse Erschei¬ 
nungen bei Masern. Lancet, London 1887. — Gaszen W. Erysipele und 
erysipelartige Affectionen im Verlaufe der Meiischenpocken. Deutsche med. 
Ztg. Berlin 1887. — Harnood J. M. Erysipel der Nase mit Darmblutungen 
verbunden. Am. Praet. et News. Louisville 1887. — Hertzka H. Beobach¬ 
tungen über Scharlach. Aich. f. Kinderheilk., 1886 — 1887. — Jaccoud. 
Ueber scarlatinöse Herzaffectionen. Union med., Paris 1887. — Kamm M. 
Leber Masernrecidive. Brest, ärztl. Zeitschr., 1887. — Oliver J. C. Zwei 
Fälle von phlegmonösem Erysipel. Cinc. Lancet-Clinic. 1887. — Schadeck 
C. Bemerkungen über ! siebzig Fälle von Erysipel. St. Petersburger med. 
Wochenschr., 1887. — UJlmann E. Ueber den Kampf der Zellen gegen 
Erysipelcoccen. Wiener med. Wochenschr., 1887. — Wllkinson C. H. Be¬ 
handlung des Carbunkels mit Carbol-Salicylinjectionen. Texas Cour. Ree 
Med. Dallas, 1887. 

Erythematöse, eczematöse, parenchymatöse Entzündungsprocesse. 

1. Szadek Carl. Ueber einen Fall von Erythema multiforme trunci et 
extremitatum. — Wradomosci lekarski 1887. Marzec. p. 257 — 262; St. 
Petersburger med. Wochenschr. 1887, 14. 

2. Martino. Orticaria per antipirina. — Bull, dei cult. di sc. med. di 
Siena 1887, 2 e 3. 

Vierteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 188 S. 18 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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3. Spitz* Ein eigenthümlicher Fall von Dermatitis, hervorgerufen durch 
Antipyrinbehandlung. — Therapeutische Monatsh. 1887, Nr. 9. 

4. Falcoue T. Sul valore delT erpete labbiate nella diagnosi della febbre 
tifoide. — Giorn. ital. delle mal. ven. e della pelle 1887, 4. 

5. Blaschko A. Herpes digitalis. — Deutsche med. Wochenschr. Nr. 27, 1887. 

6. Zechmeister* Ueber Pemphigus neonatorum. — Münchener med. Wo¬ 
chenschr. 1887, Nr. 38. 

7. Dälinhardt* Beitrag zur Kenntniss des Petaphigus chronicus. — Deutsche 
med. Wochenschr. 1887, Nr. 32. 

8. Molliere Humbert. Etüde clinique sur la purpura. — Ann. de Denn, 
et de Syph. 1887, Nr. 4 u. 5, pag. 324. 

9. Millich* Süll’ ederaa acuto da angionevrosi. — lliv. veneta delle sc. 
med. 1887, 1. 

10. Rapin E. De quelques formes rares d’urticaire. — Revue mtfdicale de 
la suisse romande, IV, Nr. 12, December 1886. 

11. Boeck C. Notiz über die Behandlung der Kindereczerae. — Tidsskrift 
for praktik Medicin Nr. 17, 1887. 

12. Robinson T. Ueber Prurigo. — Journ. of cut. and genito-urin. dis. 
1887, Nr. 3 u. 6. 

13. Casarini* Gli acidi crisofanico e pirogallico nella cura della psoriasi. — 
Rassegna di sc. med. Aprile 1887. II Morgagni, 1887, II., 23. 

14. Bender* Ueber Lichen ruber der Haut und Schleimhaut. Aus der 
Klinik des Prof. Doutrelepont. — Deutsche med. Wochenschr. 1887, 
Nr. 39. 

13. Poncet A. Impetigo sycosiforme du pouce et de la face dorsale de la 
main droite. — Ann. de Derm. et de Syph. 1887, pag. 435. 

16. Jaja F. Contribuzione clinica allo studio deir affezione speciale del 
labbro inferiore descritta dal Moretti in Recanati e paesi finitimi. — 
Giorn. ital. delle mal. ven. e della pelle 1887, 4. 

17. Lassar* Ueber Narbenverbesserung. — Bericht über die Verband!, 
der deutschen Gesellschaft für Chirurgie. XVI. Congress. — Beil. z. 
Centr. f. Chir. 1887, Nr. *25. 

18. Haushälter. A l^tude de l^rytheme polymorphe. — Ann. de Derm. 
et de Syph. 1887, pag. 687. 

19. v* Hacker V. Ueber Transplantation frischer Hautlappen zum Ersatz 
grösserer Hautdefecte, besonders nach Verbrennungen. 

Szadek fl) berichtet über einen Fall von Erythema, welches über 
grosse Strecken des Rumpfes und der Extremitäten ausgebreitet war. Der 
Fall zeichnete sich durch eine rasche und ausgedehnte Entwickelung der 
Eruption aus und ein schnelles Verschwinden aller Krankheitssymptome. 
Die Fieberbewegungen waren sehr massig ausgeprägt (38°, 38'2°). Referent 
macht darauf aufmerksam, dass unter den Erythemfällen, die er im Jahre 
1885 beobachtet, in Kiew dieser Fall als einzig dasteht, indem die Milz¬ 
schwellung fehlte (der Kranke trat in Behandlung am siebenten Tage nach 
dem Erkranken); in allen übrigen Erythemfällen konnte man stets in den 
ersten Tagen eine Milzvergrösserung constatiren. S. 

Martino (2) beobachtete das Auftreten von Urticaria nach sehr ge¬ 
ringen Gaben von Antipyrin. Einer Frau, welche an Hemicranie litt, 
wurden Antipyrinpulver ä 15 Ctgrm. verschrieben. Nachdem die Frau das 
dritte Pulver eingenommen hatte, erfolgte ein von heftigem Jucken be¬ 
gleiteter Urticariaausbruch. Diese Erscheinung wiederholte sich öfter, wobei 
der Causalnexus zwischen Antipyrin und Urticariaeruption stets constatirt 
werden konnte. Wie Martino hervorhebt, verdient dieser Fall insoferne 
besondere Beachtung, weil die Eruption nach sehr geringen Antipyringaben 


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der Dermatologie 


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erfolgte, weil die Urticaria fast unmittelbar nach dem Einnehmen des Me- 
dicamentes auftrat, um ebenso rasch wieder zu verschwinden, und weil nur 
die Darreichung des Antipyrins per os, nicht aber die hypodermatische An¬ 
wendung desselben die Ausbrüche hervorrief. Nach Martino ist das Anti- 
pyrinexanthem auf eine nervöse Reflexaction zurückzuführen; seine Beob¬ 
achtung beweise, dass nicht die Dosis des Medicamentes die Eruption 
begünstige, dass vielmehr eine gewisse individuelle Prädisposition dazu 
nothwendig sei. In diesem Falle sei der Urticaria-Ausbruch den gewöhn¬ 
lichen Formen der Urticaria ab ingestis an die Seite zu stellen. Dornig. 

Spitz (3) vcrordnete einer jungen Dame im Verlaufe eines leichten 
Abdominaltyphus innerhalb einer Woche 9 Grm. Antipyrin in Dosen von 
1 — 2 Grm. pro die. Zwei Tage nach der letzten Medication trat auf dem 
ganzen Körper ein scharlachartiger Ausschlag auf, dem am dritten Tage 
eine grossblättrige Desquamation folgte. Nachdem am vierten Tage ein 
lauwarmes Bad (27°) von zehn Minuten verordnet war, änderte sich das 
Bild in der Art, dass an einzelneu Stellen sich thalergrosse, flache Blasen 
mit serösem Inhalte zeigten, während an anderen Partien sich bei Berüh¬ 
rung mit dem Finger ganze Membranen ablösten und nässende Flächen 
zurückliessen Rosenthal. 

Falcone (4) tritt auf Grund seiner klinischen Erfahrungen der An¬ 
sicht Hagen’s, Hardy’s und StrümpelTs entgegen, welche behaupten, 
dass der Herpes labialis niemals eine Begleiterscheinung des typhösen Fiebers 
sei. Der Herpes labialis, erklärt Falcone, könne das typhöse Fieber ebenso¬ 
gut wie jede andere fieberhafte Krankheit begleiten, ohne dass ihm deshalb 
bezüglich des Typhus irgend welche diagnostische Bedeutung zukomme. 

Dornig. 

Blaschko (5) beobachtete bei einem jungen Manne von dreissig 
Jahren einen in verschiedenen Zwischenräumen wiederkehrenden Ausschlag 
am Zeigefinger der rechten Hand. Derselbe chaTakterisirte sich durch das 
Auftreten von in Gruppen angeordneten Bläschen mit serösem Inhalte auf 
gerötbeter Basis und befiel am häufigsten die Endphalangen, in der letzteren 
Zeit auch die beiden anderen Phalangen der betreffenden Hand. Dem Aus¬ 
bruche der Affection gingen leichte neuralgische Schmerzen im rechten 
Arme voraus. Mikroskopisch fanden sich in dem Inhalte der Bläschen ver¬ 
einzelte Rundzellen, sowie ein Conglomerat nekrotischer Retezellen. Die 
Untersuchung auf Mikroorganismen ergab ein negatives Resultat. Blaschko 
fasst die Affection als identisch mit dem Herpes labialis und progenitalis auf. 

Rosenthal. 

Im Mai des vorigen Jahres machte Zech me ist er (6) die Section 
eines vierzehn Tage alten Kindes, welches an Pemphigus acutus gestorben 
dessen Hautdecke von Epidermis entblösst und mit eingetrockneten Borken 
bedeckt war. Etwa zwei Monate später trat das Gerücht auf, dass viele 
neugeborene Kinder aus der Clientei einer Hebamme an Blasenausschlag 
leiden. Brust, Bauch und Hals, in einzelnen Fällen auch die übrige Haut¬ 
decke, nebstbei noch die Schleimhaut des Mundes waren mit Blasen be¬ 
deckt. Das Uebel ergriff ab und zu auch grössere Kinder und Erwachsene. 
Gegen September erlosch die Epidemie, doch traten noch einzelne Fälle 
im März des folgenden Jahres auf. Unter 76 Geburten aus der Clientei 
dieser einen Hebamme erkrankten achtundzwanzig Kinder, von denen sechs 
der Krankheit erlagen. Der Verlauf war acut. Die Kinder erkrankten in 
der zweiten Woche nach der Geburt. Die leichten Fälle verliefen ohne jede 
Nebenerscheinung; die schweren gingen mit hohem Fieber einher und trat 
der letale Ausgang am fünften bis zehnten Tage an Erschöpfung ein. The- 

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272 


Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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rapeutisch wichtig ist die Eröffnung der einzelnen Blasen, das Aufstreuen 
von Jodoform und die Bedeckung der kranken Stellen mit Salicylwatte. 

Hör o vitz. 

In einem Falle von Pemphigus chronicus, der eine Frau von 74 Jahren 
betraf und letal endete, konnte Dähnhardt (7), die von Demme in einem 
Falle von Pemphigus acutus beschriebenen Bacterien nachweisen. Er fand 
sowohl im klaren als auch im trüben Blaseniohalt — in letzterem etwas 
zahlreicher — Coccen respective Diplococcen in der Form und Grösse, wie 
sie Demme abgebildet hat. Auch die Pemphiguslymphe, die, in Capillar- 
röhrchen mit Siegellack verschlossen, sich ungefähr zehn Wochen hielt, 
zeigte dieselben überzeugenden Befunde. Impfungen auf Agar-Agar zeigten 
nach vier bis sechs Tagen Reinculturen von grauweisslichem Aussehen und 
oberflächlichem Wachsthum. Blut, aus der Fingerspitze entnommen, ergab 
dasselbe Resultat. Impfversuche auf Meerschweinchen und Kaninchen waren 
negativ. Dähnhardt wirft die Frage auf, ob das Vorkommen dieses Coccus 
ein constantes ist und ob derselbe als der Träger des Pemphigusgiftes be¬ 
trachtet werden kann. Rosenthal. 

Auf Grund langjähriger klinischer Beobachtung und Analyse eigener 
und fremder Fälle spricht Molli&re (8) seine — wohl nicht zuerst von 
ihm vertretene — Ueberzeugung aus, dass die Fälle von Purpura ihrer 
ätiologischen und nosologischen Bedeutung nach sehr verschieden und nicht 
unter eine Krankheitsgruppe zusaminenzufassen sind. Derselbe richtet sich 
speciell gegen die Ansicht, wonach alle Purpuraformen zu der von Werl¬ 
hof 1775 beschriebenen Krankheit gezählt werden, und die Werlhof sehe 
Krankheit als selbstständiges Krankheitsindividuum etwa wie der acute Ge- 
lenksrheuraatismus betrachtet wird. Im Gegentheile können Purpuraformen 
bei einer grossen Zahl von Grundkrankheiten auftreten, und auf verschiedene 
Ursachen zurückzuführen sein, deren häufigste eine primäre Brüchigkeit 
der Gefässwände — angeboren oder erworben — darstellt, die Molliöre 
in vielen Fällen als eine abgeschwächte Hämophilie anspricht. Verände¬ 
rungen in der Zusammensetzung des Blutes in Folge irgend einer anderen 
Krankheit können das Auftreten von Blutextravasaten nur befördern. Ohne 
ein eigentliches Eintheilungssehema zu geben, führt Molliöre im Weiteren 
eine Reihe von eigenen und fremden Beobachtungen in einzelnen Gruppen 
an, an welche er Bemerkungen über die diesen Purpurafällen gemeinsamen 
Ursachen anschliesst. Er bespricht auf diese Weise — unter Anführung von 
theilweise sehr interessanten klinischen Beobachtungen — eine Form Pur¬ 
pura exanthömatique, die er auf eine noch unbekannte Infection zurück¬ 
führt und eine P. pseudoexanthematique; ferner P. rhumatismal, P. d'origine 
nerveuse, P. prömonitoire des affections organiques etc. Hieran schliessen 
sich Erörterungen über den Zusammenhang der Purpura mit Hämophilie 
und über die bei Purpura häufig vorkommende Albuminurie, bezüglich 
welcher die Originalarbeit nachgelesen werden möge. Auf anatomische, 
chemische oder bacteriologische Untersuchungen geht Mollifere in dieser 
Arbeit nicht ein. Riehl. 

Minnich (9) erörtert, anknüpfend an einen Fall von acutem angio- 
neurotischen Oedem, den er in seiner Praxis beobachtet, die Pathogenese 
und Symptomatologie dieser zuerst von Quincke beschriebenen Affection. 
Das acute angioneurotische Oedem tritt in der Regel nach Erkältungen oder 
nach übermässigen physischen Anstrengungen auf und erscheint als um¬ 
schriebene ödematöse Schwellung der Haut und des subcutanen Bindegewebes; 
die Farbe der Haut ist normal oder blasser als gewöhnlich, Prädilections- 
stellen sind die Gelenke, ferner der Stamm, die Lippen und die Augenlider-, 
bisweilen ist auch die Schleimhaut des Rachens, des Kehlkopfes und des 


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der Dermatologie. 


273 


Verdauungstractes mitafficirt. Die Oedeme erscheinen plötzlich, erreichen 
innerhalb weniger Stunden ihren Höhepunkt, bleiben durch ungefähr einen 
Tag stationär und bilden sich rasch wieder zurück; Recidiven sind häufig, 
eine hereditäre Anlage ist sicher constatirt. Bezüglich der Pathogenese des 
angioneurotischen Oedems ist Minnich eher geneigt, dasselbe auf Reizung 
der Vasodilatatoren, denn auf Lähmung der Vasoconstrictoren zurückzu¬ 
führen. Schliesslich weist Minnich auf einzelne Berührungspunkte zwischen 
dem acuten Oedem einerseits und der Urticaria factitia und dem inter- 
mittirenden Hydrops articularis anderseits hin, welche beiden Affectionen 
ebenfalls functioneilen Störungen der vasomotorischen Nerven ihren Ursprung 
verdanken. ' Dornig. 

Ohne die Arbeiten von Quincke, Strübing etc. über das „acute 
umschriebene Oedem der Haut“ zu kennen, beschreibt Rapin (10) eine Reihe 
von sehr interessanten, theils selbst beobachteten, theils von Anderen mit- 
getheilten Fällen, die er bezüglich der Genese als nervösen Ursprungs und 
eine eigene Form der Urticaria darstellend auffasst. In den mitgetheilten 
Beobachtungen treten die Eigenthümlichkeiten des acuten umschriebenen 
Oedems in ganz typischer Weise auf. so dass die Fälle grosse Aehnlichkeit 
mit denen Quincke* s und Strübing's aufweisen. Sowohl bezüglich der 
Oedeme der Haut und ihres Verlaufes, als bezüglich der Erscheinungen von 
Seite der inneren Organe ist diese Aehnlichkeit so gross, dass wir hier 
füglich auf die Anführung dieser Beobachtungen verzichten können. Die 
gastrischen Erscheinungen fasst Rapin als durch Oedembildung an der 
Schleimhaut des Verdauungstractes entstanden auf und führt auch die Dispnoe, 
welche in manchen Fällen beobachtet und als Urticaria der Bronchialschleim¬ 
haut gedeutet wurde, auf die Localisation des Oedems im Verdauungstract 
zurück. Von grösserem Interesse sind eine Reihe von ähnlichen, meist 
von französischen Aerzten mitgetheilten Beobachtungen, welche Rapin 
theils als seiner Urticaria massive (Urticaire göant Milton) identisch, theils 
aber als von ihr zu trennende, nur in gewissem Sinne ähnliche Erkrankung 
erklärt. So trennt Rapin die von Troisier beschriebenen „Nodositds 
rhumatismales souscutanöes“, welche sich durch den tieferen Sitz, Zusammen¬ 
hang mit Sehnenscheiden und Periost und ihren langsamen Verlauf aus¬ 
zeichnen, genau von der Riesenurticaria, während er die von Salle, Föröol, 
Fritz, Chauvet und Nagel mitgetheilten Fälle (Nodosit^s cutanöes 
£pbdmeres chez les arthritiques) mit seinen Fällen identificirt. Speciell weist 
Rapin nach, dass die beschriebene Affection mit Arthritismus nichts gemein 
hat („car Tarthritis, teile que Bazin l’avait £difide, est une construction 
artificielle, qui tombe en ruines“), während er eine Beziehung zwischen der 
Riesenurticaria und Migraine für möglich hält. Rapin beschreibt ferner 
einen Fall von Urticaria, bei welchem an der behaarten Kopfhaut hasel¬ 
nussgrosse Knoten (Quaddeln) auftauchten und einen Fall von urticariaartiger 
Schwellung des subcutanen Gewebes ohne Betheiligung der Cutis, Riehl. 

In einem Artikel, der einen ausschliesslich praktischen Zweck hat, 
empfiehlt Boeck (H) bei sehr hartnäckigen, nässenden Kindereczemen die 
auch schon früher angewendeten Lapislösungen. Diese werden in einer 
Concentration von 1 :500 bis 400 als Umschläge ein paar Stunden Morgens 
und ein paar Stunden Abends applicirt, während sonst den Tag und die 
Nacht über eine Bleisalbe, z. B. Unguent. vaselini plumb. angewendet wird. 
Als Abschluss der Behandlung wird mitunter ein Puder genügend sein. In 
schlimmeren Fällen ist eine Nachbehandlung mit einer combinirten Anwen¬ 
dung von einer Theer- und einer Bleisalbe nöthig. Auch bei stark nässenden 
Eczemen bei Erwachsenen kann eine ähnliche Behandlung mit grossem 
Vortheil angewendet weiden. Boeck. 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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Nach Mittheilung der Krankengeschichten einer Reihe durchaus diffe¬ 
renter Fälle kommt Robinson (12) zu folgenden merkwürdigen Schlüssen: 
1. Eine Krankheit, die Prurigo ist, existirt nicht. 2. Alle Fälle von Haut¬ 
jucken haben eine erkannte und aufdeckbare Ursache. 3. Die ganze Gruppe 
von Erscheinungen, welche unter dem Namen Prurigo zusammengefasst 
werden, sind lediglich Folgen des Kratzens. 4. Die Fälle, bei welchen in 
Folge des Kratzens eine elephantiatische Verdickung eingetreten und bei 
denen es zur Vergrösserung der Lymphdrüsen gekommen ist, sind der 
Behandlung nicht zugänglich. 5. Das Hautjucken bei Kindern hat eine 
Ursache in der Entwickelung der Haarfollikel, welche von der Geburt bis 
zur Pubertät fortschreitet und dann sistirt. 6. Dass excessives Jucken nie¬ 
mals in solchen Fällen vorkommt, in denen reichlicher Haarwuchs besteht 
7. Dass, was unter Winterprurigo verstanden wird, die Folge von einge¬ 
schlossenen Haaren (Lichen pilaris) ist. 8. Dass ein Reizzustand der Haut 
immer vergesellschaftet ist mit einem Reizzustand der Schleim- und Syno¬ 
vialhäute. Jarisch. 

Casarini (13), welcher bereits im Jahre 1879 den Nutzen des Chry- 
sarobins bei der Behandlung der Psoriasis bestätigt hat, tritt neuerlich 
namentlich der Anschauung Jener entgegen, die im Chrysarobin ein gefähr¬ 
liches, aus dem Arzneischatze zu eliminirendes Medicament sehen. Dagegen 
kann Casarini der Pyrogallussäure nicht das Wort reden, da sie nach 
seinen Erfahrungen schwere Zufälle nach sich ziehen kann. Dornig. 

Bender (14) veröffentlicht zwei Fälle von Lichen ruber mit Beihei¬ 
ligung der Mundschleimhaut. In dem ersten Falle handelt es sich um einen 
Patienten von 31 Jahren, der eine Mischform von Lichen ruber acuminatus 
und planus hatte, und bei dem jener vorwiegend an den Extremitäten, dieser 
besonders am Stamme localisirt war. Hier zeigte weicher Gaumen, Zunge 
und Wangenschleimhaut sowohl vereinzelte und lianfförmig angeordnete 
Knötchen als auch grössere Plaques. In dem zweiten Falle von Lichen rubei 
planus, der einen Cigarrenarbeiter von 45 Jahren betraf, zeigte die Schleim¬ 
haut der Wangen weissliche, aus derben Knötchen bestehende Linien. 
Aetiologisch kann nach Verfasser weder die tropboneurotische Theorie 
Köbner’s genügen, noch die Behauptung Lassar’s, dass Mikroorganismen 
die Krankheit verursachen. Die mit den verschiedensten Farbstoffen und 
nach den mannigfachsten Methoden angestellten Untersuchungen ergaben 
stets in dieser Beziehung ein negatives Resultat. Mikroskopisch fiel vor 
Allem eine starke Ansammlung von Rundzellen in der Papillarschicht des 
Corium auf; dieselbe war bei Acuminatuspapeln ausgesprochener vorhanden, 
als bei Planuspapeln. Bei ersteren enthielten auch die an die Hornschicht 
angrenzenden Zellreihen auffallend viel Eleidin. Haare und Talgdrüsen 
zeigten keinerlei Abweichungen, dagegen war stets eine gleichmässige 
Hypertrophie der M. arector. pilar. vorhanden. Rosenthal. 

Poncet (15). Ein achtundfünfzigjähriger Mann — sonst völlig gesund 
— erlitt durch ein Trauma eine entzündliche Schwellung mit Functions¬ 
störung an einem Metacarpalgelenke. Auf Anrathen Bekannter applicirte er 
einen schon öfter verwendeten Blutegel — Familienblutegel, wie er ihn 
nannte. Die Gelenksschmerzen wurden geringer, der Egelbiss aber wurde 
der Ausgangspunkt einer ausgebreiteten Ulceration, welche vom Daumen bis 
auf den Handrücken und von der ersten Daumenphalanx bis zum unteren 
Radiusende reicht. Ihre Ränder sind scharf begrenzt, unregelmässig bogig. 
Die Oberfläche ist mit Krusten belegt, leicht blutend, warzig, stellenweise 
wulstig — Haare fehlen auf der Geschwürsfläche. Bei seitlichem Druck 
entleert sieh aus einzelnen Punkten dicker Eiter. Die im gleichen Niveau 


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der Dermatologie. 


275 


mit dem Geschwür liegenden Ränder sind leicht indurirt, die Umgebung 
zeigt keine Veränderung. Die Affection sitzt ausschliesslich in der Cutis — 
die kranke Partie ist leicht verschiebbar. An Knochen, Gelenken, Lymph- 
drüsen keine Veränderung. Einige Tage lang wurden Umschläge mit t°/ 00 
Sublimat später Jodoform verwendet. Als keine Besserung auftrat, kratzte Pon¬ 
cet mit dem scharfen Löffel das kranke Gewebe, nirgends bis in das subcutane 
Gewebe dringend, aus und verschorfte mit dem Glüheisen. Unter Jodoform¬ 
verband trat nach acht Tagen lebhafte Granulation, später Ueberhäutung 
vom Rande her auf. Eine fünffrancsstückgrosse wuchernde Stelle wurde 
neuerdings ausgekratzt und mit dem Lapisstifte geätzt. Am einunddreissigsten 
Tage nach der Operation wurde Patient geheilt entlassen. Poncet bezeich¬ 
net die Affection mit Reserve als Impetigo sycosi forme, da er alle anderen 
bekannten am Handrücken vorkommenden ijlcerationsprocesse für ausge¬ 
schlossen hält, 8p. Tuberculose, Syphilis und Epitheliom. Der anatomische 
Befund der ausgekratzten Massen ergab: Die Epidermis intact (!), leichte 
Verlängerung der interpapillären Zapfen. Die Cutis ist durch Granulations¬ 
gewebe ersetzt, das stellenweise Carmintinction nicht annimmt (Degeneration). 
Die untere Grenze des Granulationsgewebes wird durch dichtes Bindegewebe 
gebildet. Ein Vorgefundener Schweissdrüsenknäuel zeigt keine Veränderung-, 
Bacterien wurden nicht gefunden, Culturversuche nicht angestellt. Riehl. 

Im Vorjahre veröffentlichte Moretti in der Rivista clinica eine Arbeit 
über eine von ihm zuerst beobachtete eigentümliche Affection der Unter¬ 
lippe (siche Vierteljahresschrift 1887, pag. 1023), die bei der Landbevölke¬ 
rung in den Marken (Ancona) während der Sommermonate endemisch vor¬ 
kommt. Jaja (16) liefert durch die Veröffentlichung dreier Fälle aus 
seiner Praxis einen Beitrag zur Kenntniss dieser eigenartigen Unterlippen- 
affection, deren Symptomatologie und Aetiologie er ausführlich bespricht. 
Im Gegensätze zu Moretti hält er das Leiden für nicht contagiös, wie¬ 
wohl er ebenfalls die parasitäre Natur der Erkrankung annimmt. Die Ergeb¬ 
nisse seiner Beobachtungen gipfeln in folgenden Sätzen: 1. Die von 
Moretti beschriebene Affection der Unterlippe kommt in der Regel bei 
Landleuten und zwar bei Männern im Alter zwischen zwanzig und dreissig 
Jahren in der heissen Jahreszeit vor. 2. Befällt sie die ganze oder fast die 
ganze Schleimhaut der Unterlippe und führt zur Bildung von Excoriationen 
und Exfoliationen, wohl auch von oberflächlichen Geschwüren, die mit einer 
Schwellung der ganzen Unterlippe einhergehen, aber nie auf die Lippen- 
commissuren übergreifen. 3. Die Contagiosität der Affection kann weder 
durch die klinische Beobachtung, noch auf experimentellem Wege nachge¬ 
wiesen werden, obwohl durch die mikroskopische Untersuchung die Anwe¬ 
senheit von Mikroorganismen constatirt wurde. 4. Diese Mikroorganismen, 
w'elche zur weitverbreiteten Gruppe der Spaltpilze gehören, stellten einfache 
oder gegliederte, gekrümmte oder geradlinige Bacillen dar, die mit dein 
Bacillus subtilis des Heues die grösste Aehnlichkeit haben. Dornig. 

Lassar (17) hat bei Lupus, Verbrennungen, Auskratzung .von Can- 
croiden, Granulationswucherungen, die Granulationsfelder und die von den 
Wundrändern ausgehenden Ueberhäutungslamellen mit kleinen Volk man lo¬ 
schen Löffeln ein- bis zweimal wöchentlich abgekratzt. Er hat so eine 
auffallende Verkleinerung der Narbe erzielt, indem die rascher sich bildenden 
Bindegewebselemente in Schranken gehalten werden und die Epidermis 
besser zur Deckung des Defects herangezogen werden kann. Rosenthal. 

Nach einer kurzen historischen Uebersicht über diejenigen Ansichten, 
welche zu Gunsten der Infectioustheorie des Eryth. multifonne sprechen, 
berichtet Haushälter (18) Über drei Fälle von Eiyth. multil., die er zu 


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Bericht tth»>r <lie Leistungen auf dem Gebiete 


beobachten Gelegenheit hatte. Der erste Fall betraf einen siebenundzwanzig- 
jährigen Bäckergehilfen, der sich vor achtzehn Monaten mit Syphilis infi- 
cirt hatte. Anfangs Juni klagte Patient über allgemeines Unwohlsein, 
Schwächegefühl, Geleiiksscbmerzen. Am 11. Juni kam ein maculo-papuluses 
Erythem am ganzen Körper, namentlich aber an den Streckseiten der Ex¬ 
tremitäten, zum Ausbruch. Die Flecke zeigten lebhafte, theilweise dunkle 
Röthung in Flecken von Linsen- bis Kreuzergrösse und confluirten an eini¬ 
gen Stellen. Auf einigen Knötchen entstanden Bläschen. Zunge belegt, Ob¬ 
stipation, Schwäche, Temperatur 39", Puls 80. Am 22. Juni bei 40*2° Kör¬ 
pertemperatur Rasselgeräusche an beiden Lungen, systolisches Geräusch an 
der Herzspitze. Am 2. Juli bei 40“ Temperatur eine Eruption von Knötcheu 
und Flecken. Das Exanthem blasste nach und nach ab, der typhöse Zu¬ 
stand besserte sich; Patient wurde Ende Juli geheilt entlassen. Der zweite 
Fall betraf ein fünfzehnjähriges Mädchen, das nach sechstägigem Unwohl¬ 
sein, Gelenksschmerzen etc. in das Spital aufgenommen wurde. An den 
Extremitäten waren neben Oedem der Haut schmerzhafte rothe Knoten 
aufgetreten. Am Stamm erschienen in den folgenden Tagen'Knötchen und 
Flecke. Temperatur 38 5 —39°. Nach Verabreichung von Jodkali schwanden 
alle Erscheinungen binnen wenigen Tagen. Der dritte Kranke zeigte, nach 
ähnlichen Prodromalerscheinungen wie Fall I, eine Eruption von Knötchen 
nnd Bläschen im Gesichte, von Blasen am übrigen Körper. Temperatur 39 
bis 39*6°. Kopfschmerz, Gelenks- und Muskelschmerzen. Heilung in vierzehn 
Tagen. Von Fall I und III hat Haushalter Culturversuche gemacht, deren 
Ergebnisse der Autor folgendermassen beschreibt: In beiden Fällen hat die 
Impfung mit Bläschen- oder Blaseninhalt — ebenso mit Harn der Patien¬ 
ten — jedesmal auf Agar-Agar und Pepton-Gelatine das Wachsthum von 
Colonien ergeben, die sich nach einigen Tagen zu schmutzig-weissen Häut¬ 
chen vergrösserten. Die Culturen wurden bei 15 — 20° C. am dritten bis 
vierten Tage nach der Impfung sichtbar; sie verflüssigten die Gelatine 
nicht. Die Culturen bestanden aus runden Coccen, die zu zweit oder in 
Ketten angeordnet waren, letztere zeigten oscillirende Bewegung. Mit Gen¬ 
tiana gefärbt und in Balsam eingeschlossen massen die einzelnen Coccen 
0 # 8 —i p. In Wasser aufgeschwemmte Culturen brachten bei erwachsenen 
Meerschweinchen, subcutan eingeimpft, keine Erscheinungen hervor. Zwei 
junge Meerschweinchen (sechs Wochen alt) starben zehn Stunden nach der 
Injection. Culturen mit ihrem Herzblut auf Agar-Agar ergaben dieselben Co¬ 
lonien aus denselben Coccen bestehend, wie die aus dem Blaseninhalt ge¬ 
züchtet worden sind. Am Kaninchenohr erzeugte Impfung mit den Coccen 
keine Reaction. „Aus diesen Versuchen geht mit grosser Wahrscheinlichkeit 
hervor, dass der Mikrococcus, den wir isnlirt haben, kein gewöhnlicher 
Eitercoccns ist, da seine Verimpfung niemals Entzündungsherde hervorge¬ 
rufen hat.“ Ueber die Beziehung dieser Coccen zum Krankheitsprocesse des 
Erytli. exsud. multiforme spricht sich der Autor reservirt dahin aus, dass 
die Unmöglichkeit, das Exanthem bei Thieren zu produciren, nicht absolut 
dagegen spreche, dass der gefundene Coccus das Virus des Processes dar¬ 
stelle. Riehl. 

In früherer Zeit wurde die Methode der Autoplastik meist mit gra- 
nulirenden Lappen ausgeführt. Die damit erreichten Erfolge veranlassten 
Versuche mit der Transplantation frischer gestielter Lappen, die jedoch 
anfangs keine befriedigenden Resultate gaben. Maas hat dann diese Me¬ 
thode neuerdings aufgenommeu und die Regeln zusammengefasst, die dabei 
zu beobachten sind, wenn diese Transplantationen von Erfolg begleitet sein 
sollen. Die Chirurgen, die sich später dieser Methode bedienten, haben sich 
auch im Allgemeinen an dieselben gehalten. Aus letzterer Zeit sind solche 


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der Dermatologie. 


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Operationen von Nikoladoni, Salzer jun. und Wagner (Königshütte) 
bekannt geworden, die alle von sehr gutem Erfolg begleitet waren. In den 
bisherigen Fällen wurden entweder Lappen von einer Extremität auf die 
andere, oder vom Thorax auf die obere Extremität transplantirt, es wurden 
immer einstielige Lappen verwendet. Hacker (19) hat die Methode in 
einer Reihe von Fällen immer mit sehr gutem Resultate in Anwendung 
gebracht und dieselbe auch den einzelnen Fällen entsprechend in mehr¬ 
facher Beziehung modificirt. Er hat dabei folgende neue Erfahrungen ge¬ 
macht: I. Wenn die beiden Körpertheile, der, von dem transplantirt wird, 
und derjenige, auf welchen transplantirt wird, so weit von einander ent¬ 
fernt sind, dass es nicht möglich ist, den frischen gestielten Lappen mit 
seiner ganzen Fläche auf den wund gemachten Defect aufzulegen, kann 
eine Transplantation des Lappens auch dann gelingen, wenn derselbe 
nur mit dem der Basis gegenüberliegenden Schnittrande zur Vereinigung 
mit dem Defectrande gebracht wird. II. Ist es möglich, nachdem der Lappen 
mit dem Rande angeheilt ist. den von vorneherein (aus Furcht vor par¬ 
tieller Gangrän desselben) nicht lang genug angelegten Lappen noch zu 
verlängern, resp. seine Brücke zurückzuscbieben. III. Wenn ein solcher 
Lappen eine genügend breite Brücke hat, verträgt derselbe eine ziemlich 
starke Dislocation, resp. Drehung, ohne abzusterben, wenn nur durch ent¬ 
sprechende Imraobilisirung der Körpertheile jede Zerrung des Lappens und 
ausserdem eine zu starke Compression vermieden wird. IV. In einzelnen 
Fällen können nicht nur einstielige, sondern auch doppelt gestielte, soge¬ 
nannte Brückenlappen, mit Erfolg verwendet werden, welches Verfahren 
sich, falls die Körpertheile in der dazu nothwendigen Weise einander ge¬ 
nähert werden können, besonders dann eignet, wenn man verhältnissmässig 
lange, nicht zu breite Lappen benüthigt, die von einem Stiel aus schwer 
entsprechend ernährt werden würden; auf diese Weise ist es sogar mög¬ 
lich, Defecte der unteren Extremität durch Lappen vom Thorax zu decken. 
In dem ersten Falle (achteinhalbjähriger Knabe; Verwachsung des ganzen 
Oberarmes und des halben Vorderarmes mit der Thoraxhaut nach Verbren¬ 
nung) wurde nach Durchtrennung der Narbenbrücke ein Lappen vom Rücken 
auf den Thorax und dann ein von der vorderen Thoraxhaut entnommener 
einstieliger Lappen auf den rechten Oberarm gegen die Achselhöhle zu 
transplantirt, so dass der Kranke jetzt seine früher unbrauchbare Extre¬ 
mität eleviren, die Hand zum Munde führen kann etc. In dem zweiten 
Falle (achtzehnjähriges Mädchen — der Kopf durch mässige keloidartige, 
vom Kinn gegen die Brust ziehende Narbenstränge, die nach Verbrennung 
mit Salzsäure entstanden, gegen die Brust und nach links geneigt) wurde 
nach Excision der am meisten vorspringenden Narben ein handflächengrosser 
rechtwinkeliger Substanzverlust am Halse durch Transplantation eines stark 
gedrehten Lappens von der Vorder- und Innenseite des linken Oberarmes 
gedeckt, die Bewegungen des Kopfes sind jetzt frei. Im dritten Falle (fünf¬ 
einhalbjähriges Mädchen, mit starker Contractur beider Kniegelenke durch 
Verbrennungsnarben) wurden die nach der Excision der Narben in beiden 
Kniekehlen entstandenen Defecte durch je einen langen horizontalen dop¬ 
peltgestielten Brustlappen gedeckt, der mit seiner Wundfläche in der Art 
an den Defect gebracht wurde, dass jederseits der Fuss und Unterschenkel 
durch den schleifenförmigen herabhängenden Lappen hindurchgesteckt 
worden war. Das Kind, das den Unfall im Alter von fünfzehn Monaten 
erlitten hatte, und daher überhaupt noch nicht gegangen war, kann jetzt 
nach der Lappentransplantation und der hierauf ermöglichten Streckung 
der Kniegelenke schon ziemlich gut herumtrippeln. Was die Durchtrennung 
der Basis des Lappens betrifft, sei es klar, dass diese bei Lappen, die mit 
ihrer ganzen Fläche oder dem grössten Theil derselben auf den Defect 


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278 


Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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gelegt werden können, schon früh (etwa am siebenten bis achten Tage) er¬ 
folgen kann, während sie in Fällen, wo nnr der Hand des Lappens znr An¬ 
heilung gebracht werden kann, oder eine starke Drehnng derselben vorge¬ 
nommen werden muss, erst später (aber jedenfalls in vierzehn Tagen bis 
drei Wochen) ausgeführt werden kann. Riehl. 

Berbez P. und H. Berbez. Ueber Erythroroölalgie. France mdd. 
Paris 1887. — Calab A. und J. Ueber Psoriasis vulg. Epitalul. Bucaresci 
1887. — Collan. Eczema chron., palmae et digit. Finska läk. sälesk. handl. 
Helsingfors 1886. — Duckworth (Cir. D.). Fall von Psoriasis mit Rheu¬ 
matismus in Pityriasis rubra übergangen. Lancet, London 1887. — Duh- 
rlng L. A. Ein Fall von Dermatitis herpetif. einem Eryth. mult. ähnlich. 
Med. Record. New-York 1887. — Duhring L. A. Zwei Fälle von typ. 
Dermat. herpet. New-York. Med. Journ., 1887. — Francois* Rapide Gangrän 
nach Parasitium superficiale. Arch. med. beiges. Bruxelles 1887. — Gendron. 
Eczema de origine nervös. Union med. Rouen 1885. — Hyde J. N. Lichen 
annulat. serpig. Brit. med. Journ., 1887. — Klotz H. G. Ueber Urticaria. 
New-York med. Presse, 1887. — Lemaistre P. Ueber Erythem. Journ. Loc. 
de m^d. Limoges 1887. — Montagnon A. Ueber herpes. Fieber. Lyon Pro- 
vince m£d., 1887. — Schmitz A. Erythem, nod. malig. St. Petersburg, med. 
Wochenschr., 1887. — Tuckor J. J. Herpes omobrachialis. Chicago, med. 
Journ. 1887. 


Bildungsanomalien. 

(Hypoplasien, Hyperplasien, Paraplasien der Epidermis und Cutis.) 

1. Fraenkel. Ein Fall von Fibroma molluscum multiplex. Sitzungsber. d. 
Vereines der St. Petersburger Aerzte. — St. Petersburger med. Wochen¬ 
schrift 1887, 31. 

2. Barduzzi. Sulla patogenesi e sulla terapia del cheloide. — Boll. dei 
cult. delle sc. med. di Siena 1887, 2. 

3. Tschugunow. Ein Fall von Cornu cutaneum labii inferioris. — Tag¬ 
blatt d. medicin. Gesellschaft zu Kasan 1887, 23, pag. 248—24t 1 
(russisch). 

4. Orlow. Cornu cutaneum penis. — Russkaja medicina 1887, 24. pag. 408 
(russisch). 

5. Mibelil. Ricerche speriinentali sulla etiologia della alopetia areata. — 
Boll. della societä tra i cultori di sc. med. Anno V, 2. 

6. Cantani. Un caso di atrofia progressiva dei bulbi piliferi sotto forma 
areata con disposizione simmetrica. — Giorn. internaz. delle sc. med. 
1887. (Ref. Giorn. ital. delle mal. ven. e della pelle 1887, 4.) 

7. Winogradow. Demonstration eines Kranken mit Atrichia universalis 
acquisitae. — Sitzungsber. d. med. Gesellsch. zu Perm 1885 86, pag. 101 
bis 103 (russisch). 

8. S. d© Sanctis. Sopra un caso di neerosi totale delle unghie in ambedue 
le niani. — Lo Sperimentale 1887, 7. 

9. Campe H. v. Ein Beitrag zur Therapie des Pruritus vulvae. — Centralb. 
f. Gynäkol. 1887, Nr. 33. 

10. Leloir H. Le^ons nouvelles sur les affeetions cutan^es d’origine nerveuse 
des dermatoses par choc moral. — Ann. de Derm. et de Svph.. Juni 
1887, pag. 367. 

11. Dubrenilb William. Un cas de dermatolysis gen^ralist'-e. — Ann. de 
Derm. et de Syph. 1887, pag. 529. 

12. Thlbferge Georges. Snr la question de la contagion de la pelade. (Zur 
Frage der Contagiosität der Alopecia areata.) — Ann. de Denn, et 
Syph., pag. 503, 1887. 


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der Dermatologie. 


279 


13. Morisanl. Sa di an raro caso di adenoma sadoriparum atipico con 
Metastasi retrograda. — Progr. raed. 1887, 15—19. 

14. Marcacci Giorgio. Dermatite keloidiena della nuca (Besnier). — Giorn. 
ital. delle mal. ven. e della pelle 1887, 5. 

15. Havas A. Ein Fall von Sareoma idiopath. mnltipl. cutis pigment. — 
Pester med.-chir. Presse 1887, Nr. 40. 

16 . Marcacci Giorgio. Nevrosi vasomotoria e sensitira della cute plantare. 
— Giorn. ital. delle mal. ven. e della pelle 1887, o. 

Fraenkel (l) stellte in der medicinischen Gesellschaft zu St. Peters¬ 
barg einen vierunddreissigjährigen Kranken vor mit sehr zahlreichen linsen- 
bis hühnereigrossen, zum Theil gestielten, meist aber frei im Unterhaut- 
zellgewebc liegenden, beweglichen, weichen Tumoren. Die Mutter und Gross¬ 
mutter des Kranken sollen ebenfalls mit demselben Leiden behaftet gewesen 
sein. Szadek. 

Barduzzi (4) macht für das Entstehen der Keloide lediglich irri- 
tirende Ursachen verantwortlich und leugnet, dass das Alter, das Geschlecht 
oder die Constitution als prädisponirende Momente irgend welchen Einfluss 
darauf hätten. Bei der mikroskopischen Untersuchung von drei Keloiden, 
die er exstirpirt hat, constatirte er ausser den bekannten Befunden, dass 
die dünnen Nervenfasern, die sich in geringer Anzahl in den Keloiden 
vorfanden, die Zeichen einer interstitiellen Neuritis darboten. Barduzzi 
nimmt nun an, dass in den Läsionen der peripheren Nerven, in der Neu¬ 
ritis, die eine Folge von Hautreizen, wiez. B. von Traumen, Verbrennungen, 
Compressionen u. dgl. sei, die Ursache für das Recidiviren der Keloide, die 
im Uebrigen zu den gutartigen Geschwülsten gezählt werden müssen, liege. 
Bezüglich der Therapie zieht er allen anderen Behandlungsmethoden die 
Exstirpation über die Grenzen der Geschwulst hinaus ohne nachherige Ver¬ 
einigung der Wundränder vor. Dornig. 

Der Fall Tschugunow's (3) betrifft einen siebenunddreissigjährigen 
Bauer, bei dem ein über 3 Ctro. langes, kleinfingerdickes, mit dreieckiger 
Basis aufsitzendes, stumpf endigendes Hörnchen an der Unterlippe vor¬ 
handen war. 

Orlow (4) referirt kurz über einen Fall, in welchem man bei einem 
vierzehnjährigen Knaben ein, aus dem inneren Vorhautblatte an der Grenze 
an der Glans penis ausgehendes, 4 Ctm. langes Horn bemerkte, welches ope¬ 
rativ entfernt wurde. Szadek. 

In der Frage über die Aetiologie der Alopecia areata steht Mibe Ui 
(5) auf Seite jener Forscher, welche die trophoneurotische Natur dieser 
Erkrankung annehmen. Er gelangt nämlich auf Grund seiner Untersuchungen, 
die er an drei Katzen nach Durchschneidung des Spinalganglions des zweiten 
Cervicalnerven anstellte, zu folgenden Conclusionen: 1. Die Ergebnisse der 
von Joseph angestellten Experimente, d. i. das Auftreten von alopecischen 
Areis nach Nervenläsionen, finden ihre Bestätigung. Diese alopecischen 
Flecke haben die grösste Aehnlichkeit mit der Alopecia areata des Menschen. 
S. Die alopecischen Kreise entstehen nicht nur nach Excision des genannten 
Ganglion, sondern auch nach einfacher Trennung seiner Verbindung mit 
dem von ihm abgehenden Nervenbündel. 3. Die alopecischen Plaques be¬ 
schränken sich nicht auf das Ausbreitungsgebiet des zweiten Cervicalnerven, 
sondern greifen auch auf das Gebiet anderer Nerven über. 

Cantani (6) berichtet über einen Fall von progressiver Atrophie 
der Haarbulbi, welcher unter dem Bilde der Alopecia areata mit symme¬ 
trischer Anordnung verlief. Es handelte sich um einen vierunddreissigjäbrigen 


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Bericht Qbor dio Loistungpn auf dpin Gebiete 


Mann, welcher sich kurz vor Beginn der Erkrankung einer Jod-Quecksilber- 
behandlung, auf den blossen Verdacht hin, dass er luetisch sei, unterzogen 
hatte. Cantani nimmt an, dass die Krankheit nervösen Ursprungs sei, 
und ist geneigt, das Rückenmark dafür verantwortlich zu machen. Therapie: 
Anwendung des faradischen Stromes, kohlensäurehältige Bäder, innerlich 
Arsen. Dornig. 

Winogradow (7) stellte in der medicinischen Gesellschaft zu Perm 
einen fünfundvierzigjährigen Potator vor, der mit verschiedenen scorbutischen 
Symptomen behaftet war und bei dem ausserdem ein vollkommenes Fehlen 
des Haarwuchses bemerkt wurde ; weder auf dem Kopfe, noch am Gesicht, 
Fossa axillaris, Genitalgegend und am After sind Haare vorhanden, ja sogar 
Lanugo fehlen vollständig. Die Haut war glatt, glänzend, ohne Schuppen, 
sonst unverändert. Aus der Anamnese erweist es sich, dass der Haarausfall 
vor sechs Jahren, nach einem heftigen, mit cerebralen Symptomen cotnpli- 
cirten Intestinalkatarrh, seinen Beginn genommen habe. Verf. betrachtet 
diese Hautaffection als eine Trophoneurose der Haut. (Atrichia heisst der 
angeborene Haarmangel. Der beschriebene Haarausfall dürfte als Alopecia 
areata begonnen haben. Red.) Szadek. 

De Sanctis (8) beobachtete bei einem fünfundvierzigjährigen here¬ 
ditär belasteten, neuropathischen Individuum spontane Nekrose sämmtlicher 
Nägel an beiden Händen nach einem heftigen epileptiformen Anfall. Der 
Autor erörtert die Möglichkeit eines ursächlichen Zusammenhanges zwischen 
der Nekrose der Nägel und dem nervösen Leiden, ohne sich jedoch darüber 
bestimmt aussprechen zu können, obwohl er diesen Zusammenhang für sehr 
wahrscheinlich hält. Meynert, dem der Fall mitgetheilt wurde, sprach die 
Ansicht aus, dass die multiple Nekrose der Nägel möglicherweise ein Ana¬ 
logon zu den Blutsuffusionen bilde, die nach epileptischen Anfällen 
an der Conjunctiva auftreten und die auf eine Ruptur der Conjunctival- 
gefässe zurückzuführen sind. Im vorliegenden Falle würden sich nach dieser 
Ansicht Blutextravasate in Folge von Ruptur der ernährenden Gefässe der 
Nägel gebildet haben; diese Extravasate würden sich gleichsam als fremde 
Körper zwischen Nagel und Nagelbett eingeschoben und durch Unterbrechung 
der Ernährung der Nägel zur Nekrose derselben geführt haben. Dornig. 

In Nachahmung der Blackwood‘sehen Therapie dieses Leidens be¬ 
nützte von Campe (9) den galvanischen Strom eines kleinen Spamersehen 
Apparates und war von der auffälligen Wirkung dieser Methode sehr be¬ 
friedigt. Die starke Juckempfindung der Schamtheile, der Schenkel und des 
Dammes liess nach drei Tagen schon nach. Röthung an den afficirten Stellen 
schwand ebenfalls und nur ein schwaches Gefühl des Prickelns blieb übrig, 
was die Kranke aber nicht störte und zum Kratzen auch nicht mehr ver- 
anlasste. Die Sitzung dauerte zehn Minuten. Die Anode wurde in die Vulva 
gesetzt, die Kathode über die kranken Hauttheile geleitet. Horovitz. 

Schon Alibert, Cazenave u. A. haben über den Einfluss von Ge- 
müthsbewegungen auf die Entstehung von Hautaffectionen berichtet. Später 
wurde diesem Momente theils zu viel, theils zu wenig Bedeutung beigelegt. 
Leloir (10) theilt die durch Gemüthsaffeete entstehenden Hautkrankheiten 
in zwei Gruppen: 1. solche, die durch lange dauernde moralische Einflüsse, 
und 2. solche, welche durch heftige kurzdauernde Erregungen (choc moral) 
hervorgerufen werden. Während der Zusammenhang von psychischer Er¬ 
regung und Hautleiden bei der ersten Gruppe schwer nachzuweisen und 
discutirbar ist, ist dies in der zweiten Gruppe unzweifelhaft. Die Existenz 
von vasomotorischen Störungen (Anämie. Hyperämie), von Störungen der 
Hautsecretion bei normalen Individuen, die Aualogie mit schweren Fundions- 


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der Dermatologie. 


281 


Störungen anderer Organe in Folge von Choc moral (Schreckdiarrhöe, Para¬ 
lysis agitans, epileptische Anfälle etc.) legen die Möglichkeit eines derartigen 
Einflusses auf die Entstehung von Hautaffectionen nahe. Zur Entwickelung 
einer Hautkrankheit nach Choc moral ist aber eine specielle Prädisposition 
von Seite der Haut und von Seite des Nervensystems erforderlich. Leloir 
fuhrt eine Reihe von hieher zu zählenden Beobachtungen an: Anämie: Bei 
einer an Lupus eryth. leidenden Dame, regelmässig vor der Scarification 
des Lupus an den Fingern auftretend. Erythem: Bei einer fünfundsechzig- 
jährigen Frau nach heftigem Zorn; Verlust des Appetits, Schlafmangel, 
Unwohlsein, Ameisenlaufen und neuralgische Schmerzen der Haut, nach 
acht Tagen fleckiges, bald confluirendes Erythem an den Extremitäten und 
am Stamm. Urticaria nach Geldverlust und Zornausbrüchen. Purpura: Bei 
einer sechsundvierzigjährigen Frau trat nach heftigem Zorn vorzeitige 
menstruale Blutung und lebhaftes Jucken an den Beinen auf; es entwickelte 
sich eine um die Haarbälge localisirte Purpura, welche sich bald bis zur 
Höhe des Nabels ausbreitete und lebhaft juckte. Eczem: Eine Frau wurde 
von einem Wagen niedergestossen ohne verletzt zu werden, erschrak aber 
heftig, musste zu Bett gebracht werden, fühlte neuralgische Schmerzen und 
Ameisenlaufen am ganzen Körper. Tags darauf entstand an den Händen 
erythematöses Eczem, das am folgenden Tage Bläschen und Nässen zeigte. 
Eine andere Dame erkrankte nach dem Tode ihres Mannes an einem mehrere 
Wochen sich hinziehenden Eczem des Gesichtes und der Hände u. s. f. 
Aus Prof. Fournier’s Klinik: Universelles Eczem nach heftigem Schreck 
mit Recidive nach neuerlicher Aufregung. (Eine Frau hatte ihr vom Fenster 
herabfallendes Kind glücklich aufgefangen, wurde ohnmächtig zu Bett ge¬ 
bracht. (Eczem-Eruption am nächsten Tag.) Aus Leloir's Klinik: Eczem 
der Extremitäten und des Gesichtes bei einer Frau fünfzehn Tage nach 
einer Explosion. Eczeme an den Extremitäten sechs bis fünfzehn Tage nach 
heftiger Gemüthsbewegung (durch Tod des Sohnes, Hundebiss und An¬ 
wesenheit während der Verletzung einer Bekannten durch eine Maschine) 
bei drei Frauen. In allen diesen Fällen waren nervöse Störungen, Kopf¬ 
schmerz, Hyperästhesie, Jucken, Ameisenlaufen bis zur Eruption des Eczems 
vorausgegangen. Leloir sah ferner bei einem Psoriasiskranken eine acute 
Psoriasiseruption entstehen, der von einem wüthenden Hunde verfolgt 
und so in eine heftige Gemüthserregung versetzt worden war, und zwei 
ähnliche Fälle bei einem Manne und einer Frau nach Zornausbrüchen. 
Herpes. Bei einer Dame entstand jedesmal drei bis vier Stunden nach 
heftiger Gemüthsbewegung Herpes labialis. Pemphigus. Ein Fabrikant 
wurde durch den Verlust eines Processes in heftigen Zorn versetzt, konnte 
nichts essen, musste sich zu Bette legen. Einige Zeit darauf neuralgische 
Schmerzen und zosterähnliche Eruptionen, denen später Blasen am ganzen 
Körper folgten. Patient starb. Beobachtungen von Dr. Dubois-Havenish: 
1. Ein Mädchen erkrankte drei Wochen nachdem es Zeuge einer brutalen 
Scene gewesen am Pemphigus pruriginosus, der mit kurzen Remissionen 
vier Jahre dauerte und zum Tode lührte. 2. Ein zehnjähriges Kind wurde 
aus einem brennenden Hause gerettet, es kränkelte seither; vier Wochen 
später begann eine Pemphiguseruption im Gesichte, welche sich später auf 
den ganzen Körper verbreitete und unter Gebrauch von Arsen nach neun 
Monaten heilte. Schliesslich erwähnt Leloir mehrere von Lebrun mitge- 
theilte Fälle von Vitiligo nach Choc moral. Verf. kommt zu folgenden 
Schlüssen: Die ganze Krankheitsgruppe zeigt rasches Auftreten oder Voraus¬ 
gehen nervöser Symptome. Die Eruption erfolgt mit einem Schlag und sitzt 
immer oberflächlich, sie ist gewöhnlich mit Jucken oder anderen nervösen 
Störungen verbanden, dauert relativ kurze Zeit. Frauen erkranken häufiger. 
Zu ihrer Entstehung ist einerseits Nervosität, anderseits specielle Prä- 


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Bericht Ober die Leistungen auf dem Gebiete 


disposition der Haut nothwendig. Die Therapie hat sich hauptsächlich gegen 
die Neurose zu richten, denn diese Krankheitsformen „sind keine Haut¬ 
krankheiten, es sind Neurosen der allgemeinen Decke, begleitet von Erup¬ 
tionen“. 

Dubreuilh (11) hat einen Fall der von Tilbury Fox als Dermato- 
lysis bezeichneten merkwürdigen Veränderung der Haut beobachtet, der 
sich durch seine Entstehungsweise besonders auszeichnet. Ein dreizehneinhalb 
Jahre altes Mädchen, zweites Kind einer sehr nervösen Mutter. Das Kind 
war gesund, bis im December 1880, unter Fiebererscheinungen an der 
ganzen Haut zerstreut, grosse nichtjuckende Urticariaplaques auftraten, 
nach deren Schwinden eine Ecchymose zurückblieb. Die Eruptionen wieder¬ 
holten sich Monate lang in Form von successiven Nachschüben. Eine Woche 
nach Beginn der Erkrankung war die Eruption von Oedem am ganzen 
Körper ohne Schmerz und Röthung begleitet. Das Kind wurde in das 
Höpital d" Enfants gebracht, wo die Schwellung sich verringerte und die 
Haut anfing schlottrig zu werden. Im April 1881 wurde die Kranke in das 
Höpital St. Louis aufgenommen. Man fand keinerlei Efflorescenz an der 
Haut, nur wenige kleine Narben im Gesichte, aber ein grosser Theil der 
Haut zeigte sich schlaff hängend. Die Gesichtszüge verstrichen, die Falten 
abgeflacht, wie bei Facialisparese, der Mund herabhängend und an den 
Winkeln mit radiären Falten versehen. Unter dem Kinn sass eine runzlige 
Hängefalte. Halshaut bot das Aussehen einer Greisenhaut. Dieselbe Be¬ 
schaffenheit der Haut fand man am Thorax, wo noch theilweise Oedem 
bestand. Die Schlaffheit der Haut reichte bis zu den Knien. Structurverän- 
derungen, Verdickung oder Verdünnung, Infiltration etc. nirgends nach¬ 
weisbar, die Haut war einfach durch das Oedem stark ausgedehnt und in 
diesem Zustande auch nach dem Schwunde des Oedems verblieben. Während 
ihres Aufenthaltes im Höpital St. Louis erfolgte eine Eruption von rothen 
Flecken auf infiltrirter Basis im Gesichte und an den Armen mit Oedem der 
Lider, später ein zweiter Ausbruch, der uns mehr an Erythema nodosum 
erinnernden Knoten mit kleinen Blasen an den Unterextremitäten bestand. 
1883 wird berichtet, Patientin zeige noch dasselbe Aussehen, ein unent¬ 
wickeltes blondes Mädchen mit greisenhaftem Gesicht voll Runzeln und 
Falten. Die Haut ist sehr weich und geschmeidig, nur viel zu weit für 
die von ihr bedeckten Partien. Keine Spur von Oedem, sehr schwach ent¬ 
wickelter Fettpolster, so dass die Haut äusserst verschiebbar ist und 
Knochenvorsprünge und Muskeln sehr leicht durchgefühlt werden können. 
Alle übrigen Eigenschaften sind normal. Fasst man eine Falte, so kann 
mail sie bedeutend ausziehen und zu entfernten Regionen hinziehen. Falten 
kann man überall mit Leichtigkeit formiren und sich überzeugen, dass die 
Haut nur weiter und beweglicher, aber nicht elastisch dehnbarer ist als 
eine normale. Am Hals, Brust und Bauch scheint die Haut gar keine 
Fixirung zu besitzen, denn ihre Beweglichkeit ist dort ganz ungewöhnlich. 
Gegen die Hände und Füsse zu wird die Haut allraälig normal. 

Thibierge (42) gibt aus Anlass der neuerdings durch zahlreiche 
Arbeiten zum Gegenstände der Discussion gewordenen Frage der Ueber- 
tragbarkeit der Alopecia areata eine kritische Besprechung fast aller über 
diesen Gegenstand erschienenen Arbeiten, und sucht auf diese Weise zu¬ 
nächst festzustellen, was bisher als feststehend und bewiesen, was als noch 
fraglich anzusehen ist. Zunächst werden alle klinischen und experimentellen 
Daten, welche zu Gunsten der nervösen Theorie sprechen, in zweiter Linie 
alle für die parasitäre Natur der Area Celsi beigebrachten Momente, speciell 
die in neuerer Zeit sich mehrenden Beobachtungen von multiplem Auftreten 
der Krankheit in einzelnen Familien, Schulen, Kasernen angeführt. Wir 


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der Dermatologie. 


283 


müssen diesbezüglich auf die Originalarbeit verweisen, und wollen hier nur 
die Resultate dieser kritischen Analyse anführen. Verf. kommt zu folgenden 
Schlüssen: Aus den besprochenen Arbeiten geht hervor, dass wir mit 
Sicherheit eine auf nervöser Basis entstehende Alopecia areata anerkennen 
müssen, aber ebenso sicher ist die Existenz einer contagiösen Form nach¬ 
gewiesen, obgleich uns das Contagium selbst noch unbekannt ist. Um 
beiden Theorien zu entsprechen müsste man annehmen, dass entweder die 
Organismen auf die Nerven zunächst einwirken und secundär Haarausfall 
etc. entsteht, oder dass der Parasit nur auf einer schon durch nervöse 
Alteration veränderten Hautfläche die Krankheitserscheinungen der Area 
hervorbringen könne. Beide Annahmen leiden an grosser Unwahrscheinlich¬ 
keit. Verfasser ist daher der Ansicht, dass das klinische Bild der Pelade 
zwei differente Affectionen umfasst, die man künftighin trennen müsse, gibt 
aber zu, dass bisher klinische Symptome, welche diese Scheidung ermög¬ 
lichten, noch fehlen. Als praktische Consequenz dieser Ungewissheit der 
Differentialdiagnose verlangt Thibierge, dass Areakranke aus Schulen, 
Kasernen etc. ausgeschlossen resp. isolirt werden müssen. Riehl. 

Morisani (13). Bei einerdreissigjährigen Frau bildeten sich an der 
kleinen Zehe des rechten Fusses ein kleiner schmerzhafter Tumor; nach 
mehrjährigem Bestände dieses Tumors entwickelte sich am rechten Fuss- 
gelenk eine zweite Geschwulst, die in kurzer Zeit die Grösse einer Orange 
erreichte. Die behandelnden Aerzte stellten die Diagnose auf Osteosarcom, 
weshalb die Amputation des Fusses ausgeführt wurde. Bei der makrosko¬ 
pischen Untersuchung fand man fast das ganze Fersenbein und einen Theil 
des Sprungbeines durch ein Neoplasma substituirt, während die kleine 
Geschwulst an der Zehe die Knochen intact gelassen hatte. Verfasser sucht 
mit Zugrundelegung des histologischen Befundes den Nachweis zu liefern, 
dass die Geschwulst an der Zehe ursprünglich ein einfaches Schweissdrüsen- 
adenorn war, aus welchem sich später eine atypische Neubildung — Ade- 
noma sudoriparum atypicum — entwickelte, die schliesslich zur Bildung 
einer Metastase in der Gegend des Sprunggelenkes führte. 

Marcacci (14) veröffentlicht einen Fall von Dermatitis keloidiformis 
(Dermatitis papillaris capillitii Kaposi, s. Sycosis framboösiformis). Beider 
mikroskopischen Untersuchung eines exstirpirten Hautstückes aus der 
Nackengegend fand er die Cutisgefässe durch feinkörnige Massen verstopft. 
Die diese Massen bildenden Körnchen hatten alle dieselbe Grösse und eine 
runde Form und widerstanden der Einwirkung von Essigsäure sowie von 
40 Percent wässeriger Kalilösung. Dieses Verhalten der beschriebenen 
Körnchen erweckte in Marcacci den Verdacht, dass dieselben nichts Anderes 
wären, als zu Zoogloea vereinigte Mikrococcen, dass es sich mithin um eine 
mykotische Thrombose handeln würde. Da sich jedoch die Körnchen nach 
den für die Tingirung der Mikrococcen gebräuchlichen Methoden absolut 
nicht färben liesBen, lässt Verfasser die Frage über die mykotische Natur 
der in Rede stehenden Affection offen. — Culturversuche wurden nicht 
angestellt. Dornig. 

Havas (15). Der Fall betraf einen sechzig Jahre alten Kaufmann, 
der vor vier Jahren an beiden Füssen unter Zu- und Abnahme von Schwel¬ 
lung der unteren Extremitäten erkrankte. Nach Auftreten von Flecken auf 
der Fusssohle kam es zur Entwickelung einer schwammartigen, haselnuss¬ 
grossen, blauen Geschwulst, über welche die Epidermis gespannt hinwegzog. 
Nach Entfernung dieser Geschwulst entwickelten sich noch um die Knöchel 
nnd auf dem Fussrücken ähnliche Geschwülste, die zum Theile durch 
10 Percent Pyrogallussalbe zerstört wurden. Die histologische Untersuchung 


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284 


Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


ergab keine neuen Details bezüglich der Structur der als Sarcome anzu¬ 
sprechenden Tumoren und auch keine Mikroorganismen. Horowitz. 

Marcacci (16) beobachtete einen Fall von vasomotorisch-sensibler 
Neurose der Plantarhaut bei einem dreiundzwanzigjährigen sonst gesunden 
Manne. Die Neurose äusserte sich in stechenden Schmerzen, verbunden mit 
einem unerträglichen brennenden Gefühl, sowie in einer deutlich wahrnehm¬ 
baren Röthung der Plantarhaut beider Fiisse, namentlich an den Fersen 
und am vorderen Drittel der Fusssohle mit Einschluss der Plantarfläche 
der Zehen. Die Erscheinung trat regelmässig dann zu Tage, wenn der 
Kranke Bewegung machte; bei absoluter Ruhe Hessen die krankhaften Sen¬ 
sationen nach. Verfasser constatirte eine Temperaturerhöhung der Plantar¬ 
haut während der Anfälle. Da der Kranke ein leidenschaftlicher Fussgeher 
war, ist Marcacci nicht abgeneigt, diesem Umstande einen gewissen Ein¬ 
fluss auf die Entstehung der Neurose, die er mit Weir-MitchelTs Ery- 
thromelalgie für identisch hält, zuzuselirciben. Dornig. 

Dabois-Havenisli« Ein Fall von Molluscum contag. durch die Amme 
der Mutter mitgetheilt. J. cl. mdd. et chir., Bruxell. 1887. — Gianotti C. 
Sclerodermia adnat. Giorn. internaz. de sc. ined. Napoli, 1887. — Kosuiovsky 
J. A. Leucoderma acquisit. vitiligo. Protok. i tendi Obst. Archang. vraeh. 1886. 
— Raymond P. Epitheliom auf Lupus, Ann. de derm. et de svph. 1887. — 
Schachmann. Behandlung der Alopecie. Ann. de derm. et de syph. 1887. — 
Poelchen R. Vitiligo acquisita syphilitica. Arcli. f. path. Anat. 1887. — 
Teylor R. W. Ueber Molluscum fibrosum. Journ. of cut. and gen.-urin. dis. 
New-York 1887. — Whitford W. Drei Fälle von Ichthyosis. Med. Press 
and Circ. London 1887. 


Parasiten und parasitäre Affectionen. 

1. Uiorth Wilh. Einige Untersuchungen über das Vorkommen parasitärer 
Haarkrankheiten, besonders Favus, in den Comraunalschulen Christianias. 
— Norsk Magazin for Lagenindenikaben, 6. Heft, 1887. 

2. Campana R. Tricofitiasi dermica. — Giorn. ital. della mal. ven. e della 
pelle 1887, 4. 

3. Barduzzi« Sui possibili rapporti della pithyriasis versicolor con la 
tubercolosi polmonare. — Bull, dei cult. delle sc. med. di Siena 1887, i. 

4. Perroncito* Sulla trasinissione della rogna dal gatto all’ uomo. — 
Giorn. delF accad. med. di Torino, Maggio 1887. 

5. Karenskl. Ueber solitäre Cysticerken in der Haut und in den Muskeln 
des Menschen. — Berl. klin. Wochenschr. 1887, Nr. 31. 

6. Woskresenskij N. Ein Fall von Filaria medinensis. — Sitzungsber. d. 
med. Ges. zu Tiflis (Kaukasus), 1887/88, p. 136—141 (russisch). 

7. Brocq# Note sur la plaque primitive du pityriasis rose de Gibert. — 
Ann. de Derm. et de Syph. 1887, pag. 615. 

Hiorth (1) hat im Sommer 1884 Untersuchungen über das Vor¬ 
kommen von parasitären Haarkrankheiten bei den Schülern der öffentlichen 
communalen Schulen in Christiania angestellt. Es wurden nur die vier 
untersten Classen, im Alter vom ungefähr siebenten bis zum eillten Jahre, 
in Allem 4015 Kinder, 2090 Knaben und 1925 Mädchen, untersucht. Sämmtliche 
wurden auf Favus, Herpes tonsurans und Pediculi capitis untersucht. Favus 
und Herpes tonsurans wurde in keinem Falle diagnosticirt, wo die Diagnose 
nicht nachher mit dem Mikroskope verificirt werden konnte. Pediculosis 
wurde diagnosticirt nicht nur wo die Thiere selbst, sondern auch wo blus 
die Eier vorhanden waren. — Von den 2090 untersuchten Knaben litten 


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der Dermatologie. 


285 


an Favus 36 (1*7 Percent), an Herpes tonsurans 15 (0*7 Percent), an Pedi- 
culosis capitis 356 (17*0 Percent). Von den 1925 untersuchten Mädchen litten an 
Favus 26 (1*35 Percent), an Herpes tonsurans 18 (0 9 Percent), an Pediculosis 
751 (39’0 Percent). Im Ganzen kam also Favus beinahe doppelt so häufig 
vor wie Herpes tonsurans. Ein ähnliches Verhältniss bezüglich der relativen 
Frequenz dieser Krankheiten wurde auch bei der dermatologischen Poliklinik 
des Kinderhospitals beobachtet; in den Jahren 1875 — 1886 wurden nämlich 
59 Favuspatienten und nur 26 mit Herpes tonsurans Behaftete behandelt. 
Favus kam, wie aus den obigen Ziffern hervorgeht, häufiger bei den Knaben 
wie bei den Mädchen vor. Auch die norwegische öffentliche Medicinal- 
Statistik für den Zeitraum 1873 — 1883 zeigt ein ähnliches Verhältniss be¬ 
züglich des Vorkommens dieser Krankheiten bei den beiden Geschlechtern. 
Von 1620 Favuskranken waren nämlich 923 von männlichem (57 Perent) 
mit 697 von weiblichem Geschlecht. — Was den Einfluss des Alters auf 
die Häufigkeit der Favuskrankheit betrifft, konnte aus den bei den Schul¬ 
kindern vorgenommenen Untersuchungen kein Schluss gezogen werden. 
Aber bei den im Reichshospital in den letzten 35 Jahren behandelten 196 
Favuspatienten kam die Krankheit im Alter vom zehnten bis zum zwanzig¬ 
sten Jahre am häufigsten vor. Bei 53 in der Poliklinik Behandelten kam 
die Krankheit zwischen dem fünften und zehnten Jahre am häufigsten vor. 
Von sämmtlichen diesen 249 Patienten waren nur zwölf älter wie fünfund¬ 
zwanzig Jahre. Verfasser nimmt daher an, dass die spontanen Heilungen 
ira erwachsenen Alter nicht gar so selten sind. Das Favuspercent variirte ziemlich 
stark in den verschiedenen Schulen. In solchen, die aus den ärmeren Quartieren 
der Stadt frequentirt werden, war das Favuspercent viel höher, als in den 
besser situirten Quartieren. In einzelnen Classen stieg das Percent zu einer 
solchen Höhe (6 # 2 Percent), dass man an die Möglichkeit einer Ansteckung 
denken musste, was dagegen nirgends mit dem Herpes tonsurans der Fall 
war. Auffallend war es auch, wie das Favuspercent und das Ungeziefer¬ 
percent (Läuse) mit einander correspondirte. Bo eck. 

Ein Arbeiter mittleren Alters wurde mit Erscheinungen eines Eczems 
des Scrotums und Perineum auf die dermatologische Klinik Campana's(2) 
in Genua aufgenommen. Bei der Aufnahme bot der Kranke folgendes Bild: 
das Scrotum leicht intumescirt, geröthet, hie und da mit Papeln besetzt, 
deren Consistenz etwas härter war als die angrenzenden Hautpartien (eine 
dieser Papeln wurde zum Zwecke der mikroskopischen Untersuchung abge¬ 
tragen). Die Hautoberfläche der afficirten Theiie war regelmässig mit Epi¬ 
thel bedeckt, nur hie und da sah man oberflächliche, leicht nässende 
Erosionen. Die inneren Schenkelflächen waren, soweit sie mit dem Scrotum 
in Berührung kamen, geröthet. Die Umgebung der Afteröffnung diffus ge¬ 
röthet. Auf der einen Hinterbacke ein schmutzigrother runder Fleck mit 
einer vollkommen normalen centralen Zone; dieser Fleck mass im Durch¬ 
messer ungefähr 5 Ctm., ragte über die Hautoberfläche etwas hervor und 
war-an seinen peripheren Theilen mit einzelnen dünnen, weisslichen Schuppen 
bedeckt. Besagter Fleck verursachte ebenso wie die .serotale Eruption dem 
Kranken Jucken. Die Diagnose lautete auf erythematöse Trichophytiasis des 
Gesässes und eczematöse Trichophytiasis (Eczema marginatum) des Hoden¬ 
sackes und seiner Umgebung. Die mikroskopische Untersuchung der Schuppen, 
die mit einer dreissigpercentigen Lösung von Kali caustieum behandelt 
wurden, ergab Folgendes: ausser verschiedenen Veränderungen der Epithel¬ 
zellen beobachtete man Hyphen von verschiedener Länge, in deren Innern 
hie und da Septa zu sehen waren. Einzelne dieser Hyphen hatten eine 
doppelte Contour, einige davon zeigten in ihrem Innern Gonidien, und viele 
trugen an ihren Enden Gonidienreihen, die den eingescblossenen ähnlich 
Vierteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1888 . *9 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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waren — diese Hyphen waren nicht verzweigt. Viele Hyphen enthielten 
eine feinkörnige gelbliche Substanz. — Das abgetragene Hautstück, von dem 
oben die Rede war, wurde in absolutem Alkohol gehärtet und in Celloidin 
eingeschlossen*, davon wurden mit dem Thoma-Jung’schen Mikrotom Schnitte 
angefertigt, welche theils in Wasser oder in Glycerin ohne Färbung unter¬ 
sucht, theils mit Jodtinctur oder nach der Gratmn’schen Methode behandelt 
wurden. Das Resultat der mikroskopischen Untersuchung (Zeiss, Ocul. 4, 
Obj. E) war folgendes: Die Hornschicht der Epidermis zum grossen Theil 
fehlend; hie und da sind Spuren davon erhalten, unter deren Zellen man 
Sporen, oder besser gesagt, Gouidien wabrnimmt. Das mucöse, sowie das 
granulöse Stratum der Epidermis sind gut erhalten. An einzelnen Stellen 
dieser Schichten sieht man da und dort einzelne Epithelzellen, die weniger 
deutlich und schwächer gefärbt erscheinen als im Normalzustände, und die 
in ihrem Innern ein oder zwei Gonidien enthalten. Einige dieser Zellen 
zeigen eine sphärische Höhlung, welche die Zellen selbst in einfache Kugeln 
verwandelt, die ein oder mehrere Gonidien einschliessen. Besagte Gonidien 
sind vollkommen rund oder leicht oval. Ausserdem bemerkt man vereinzelte 
Sporen oder Gonidien zwischen den plasmatischen Lacunen der Epidermis. 
In der Cutis beobachtet man, theils in den Papillen, theils in den tieferen 
Partien, einzelne Sporenhaufen, die bezüglich ihrer Grösse, Form, Färb¬ 
barkeit und Refraction mit den in der Epidermis beschriebenen Sporen 
übereinstimmen. Wenige dieser Sporen sind zu Reihen angeordnet und 
zeigen, wenn auch nicht deutlich eine doppelte Contour. Besagte Sporen 
liegen zerstreut in den Lymphspalten, einige wenige sitzen auf einzelnen 
Leukocyten. Vorliegende Beobachtung erscheint Campana umso beachtens- 
werther, als dies der erste sicher coustatirte Fall einer Invasion des Tricho¬ 
phyton tonsurans in die Cutis ist. Dornig. 

Barduzzi (3) versuchte auf experimentellem Wege die Lösung der 
Frage, ob das häufige Vorkommen der Pityriasis versicolor bei tuberculösen 
Individuen ein blos zufälliger Befund sei. oder ob ein Causalnexus zwischen 
der genannten Dermatomykose und der Tuberculose bestehe. Zudem Zwecke 
insufflirte er den Detritus von Pityriasis-Flecken tuberkelkranker Individuen 
in die Trachea von Kaninchen : Die Thiere erkrankten ausnahmslos an 
Lungentuberculose. Besagten Detritus injicirte er auch in das subcutane 
Bindegewebe und in die Peritonealhöhle von Kaninchen und es gelang ihm 
auch auf diesem Wege bei den Versuchsthieren die Entwicklung von Tu¬ 
berkelknoten hervorzurufen. Barduzzi will ferner sowohl im Sputum von 
Phthisikern, als auch in Lupusknötchen Sporen und Mycelien nachgewiesen 
haben, die ihrer Form nach mit jenen der Pityriasis versicolor identisch 
waren. Aehnliche Beobachtungen über die Beziehungen zwischen der Pity¬ 
riasis versicolor und der Tuberculose sollen, wie Barduzzi berichtet, 
auch Dugnet und Höricourt angestellt haben. Uebrigens hält er die 
Frage noch nicht für spruchreif, vielmehr fordert er zu weiteren Ver¬ 
suchen auf. Dornig. 

Nach Perron cito (4) wurde die Uebertragung der Krätzmilbe 
der Katze auf den Menschen bisher noch nie beobachtet (? Red.). Der Sar- 
coptes cati (Hering) oder Sarcoptes minor (Fürstenberg) kommt ausser 
bei der Katze nur noch beim Kaninchen und bei der Maus, von welcher er 
auf die Katze überzugehen scheint, vor. Er gräbt keine Gänge in die Epi¬ 
dermis, wie der Sarcoptes hominis, sondern verbreitet sich von einzelnen 
unter der Epidermis liegenden Centren, in denen er sich vermehrt, gleich- 
mässig nach verschiedenen Richtungen. Bei den damit behafteten Thieren 
findet man im Beginne der Erkrankung kleine, bläschenartige miliare Er¬ 
habenheiten und Börkchen und erst in vorgeschrittenen Stadien dicke 


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der Dermatologie. 


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Borken, die nach ihrem Abfallen kahle Stellen hinterlassen. — In dem von 
Perroncito beschriebenen Falle, der, wie aus dein Gesagten hervorgeht, 
vereinzelt dasteht, acquirirte eine Frau, die eine grosse Katzenfreundin war 
und ihre Katzen sogar zu sich ins Bett nahm, von diesen die Krätze. Das 
Krankheitsbild entsprach jenem bei den Katzeu beobachteten: es bildeten 
sich zuerst an den Armen, später auch am Rücken, an den Hüften, am 
Gesäss und an den Schenkeln rothe, heftig juckende Bläschen, die sich 
nachträglich zu rothen, zum Theil schuppenden Knötchen transformirten. 
Gesicht, Hals und Hände blieben frei. Perroncito gelang auch der directe 
Nachweis von Männchen und Weibchen des Sarcoptes minor in abgetragenen 
Hautstückchen, die den erkrankten Stellen entsprachen. Die Behandlung war 
dieselbe wie bei der durch den Sarcoptes hominis erzeugten Krätze. Dornig. 

Karenski (5) berichtet über neun Fälle (sechs bei Kindern von 
dreiviertel bis dreizehn Jahren), welche gegenüber dem meist multiplen 
Vorkommen (unter siebenunddreissig Fällen der neueren Literatur sieben 
von solitären Finnen) bei Befallensein von Haut und Muskeln und Fehlen 
von gröberen Reizerscheinungen, durch das solitäre Auftreten der Finne 
(dreimal im Unterhautgewebe, zweimal in der Lippenschleimhaut und vier¬ 
mal im Muskel [Deltoideus, Orbitalis inf. je einmal, Pectoralis zweimal]) und 
die bei allen Muskel- und zwei Hautfinnen eingetretene Abscessbildung aus¬ 
gezeichnet waren. In dem Eiter konnten durch das Mikroskop keine Mikro¬ 
organismen nachgewiesen werden, Culturen wurden nicht ausgeführt. Ein 
Patient litt selbst an Bandwurm, bei dem dreivierteljährigen Kinde die 
Mutter. Falkenheim. 

Der Fall Woskresenskys (6) betrifft einen russischen Officier, 
welcher während seiner Reise nach Buchara sehr viel Wasser aus „Aryken* 
(den dortigen kleinen Seen) trank und wahrscheinlich auf solche Weise ge¬ 
langten perosdieCyclopen in seinen Intestinaltraetus. Nur nach Verlauf von acht 
Monaten bildeten sich in verschiedenen Gegenden des Körpers (linker Fuss, 
Scrotum, Hand, Index, Unterarm, Regio iliaca) phlegmonöse Herde, die 
darauf spontan aufbrachen; aus der Oeffnung derselben ragten die Rischten 
(Filaria medinensis) hervor. Der Fall wurde auf solche Weise behandelt, 
dass man den Parasiten vorsichtig am Ende festhielt und darauf innerhalb 
anderthalb bis zwei Tagen continuirlich aber langsam auf ein Stückchen 
aufwand. Auf diesem Wege wurden ganze (8 — 36 Zoll lange) Guinea- 
Würmer aus der Eiterhöhle herausgezogen; die Wunde vernarbte rasch 
nach der Entfernung der Rischta. Szadek. 

Die französischen Autoren bezeichnen bekanntlich unter dem Namen 
Pityriasis rosea, circinata s. marginata etc. jene Krankheit, welche Hebra 
als Herpes tonsurans maculosus den durch Trichophyten verursachten Haut- 
affectionen zuzählt. Die letztere Auflassung wird von ihnen bestritten, und 
das Uebel theils als parasitäre Erkrankung (Mikrosporon anomoeon sive 
dispar), theils als Allgemeinkrankheit, sei es auf infectiöser oder auf dys- 
krasischer Basis, jedenfalls aber als eigenartig und selbstständig beschrieben. 
Brocq (7) hat eine Reihe derartiger Fälle beobachtet und unter ihnen eine 
ziemliche Anzahl von solchen gefunden, bei welchen sich neben der acut 
entstandenen, zerstreut am Körper auftretenden Eruption von gleiehalterigen 
Efflorescenzen, eine ältere (acht bis zwölf Tage) vor der Allgemeineruption 
aufgetretene und daher schon zur Ringforra entwickelte Plaque meistens 
am Stamme vorfand. Diese Plaques bezeichnet Brocq als Plaque Eruptive 
primitive, welche ähnlich wie die Sklerose der Roseolaeruption dem allge¬ 
meinen Auftreten der Pityriasisefflorescenzen vorausgeht. Sie stellt genau 
das vor, was wir nach Hebra als ältere Plaques von Herpes tonsurans 

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Bericht ober die Leistangen taf dem Gebiete der Dermatologie. 


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maculosus za bezeichnen gewohnt sind, eine kreisförmige oder ovale nicht 
ganz scharf begrenzte, fein schuppige, mehr minder breite rothe Linie, die 
eine gelbliche Zone einschliesst. Brocq findet das primäre und alleinige 
Auftreten einer Plaque, ihr längeres Bestehen und Weiterwachsen zusammen 
mit der nach mehreren Tagen last plötzlich erfolgenden Allgemeineruption, 
die nicht etwa in der Nähe der ersterkrankten Stelle beginnt und sich von 
da aus weiter verbreitet, sondern wie mit einem Schlage am ganzen Körper 
zerstreute Efflorescenzen hervorbringt, besonders bemerkenswerth, Verfasser 
verwahrt sich dagegen, irgend eine Hypothese aufzustellen, deutet aber 
doch an, dass man in der Art des Auftretens der Eruption nach einer 
scheinbar nur localen Primärerkrankung „une sorte d'infection gönlrale de 
riconomie* sehen könnte. Zugleich erkennt Brocq in diesem Umstande 
einen Beweis gegen die Annahme, P. rosea sei durch Trichopbyten erzeugt, 
und findet es wahrscheinlich, dass man es mit einer „affection parasitaire 
ou microbienne“ selbstständiger Art zu thun habe. Riehl. 

Oberndorfer J. Die Differentialdiagnose und Therapie der Tinea 
trichophytina. New*York med. Presse 1887. — Zit. Impetigo contagiosa bei 
Kindern. Arch. f. Kinderheilkunde 1886—87. — Thin G. Behandlung des 
Herpes tonsurans. Practit. London 1887. 


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Venerische Krankheiten. 

(Redigirt von Prof. Nelsser in Breslau.) 


Gonorrhöe und deren Complicationen. 

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avec les lllments du pus blennorrhagique. — Arch. de Physiologie, 
15. Aoöt 1887. 

2. Giovanni. Microbes de la blennorrhagie urethrale del'hoimne. — Union 
medic., 9. Dlcembre 1886. 

3. Oreel. Persistance du gonococcus dans l’urbthre aprfes la miction et 
le lavage de l'avant-canal. — Lyon midie., 4. IX. 1887. 

4. Denti 8. Süll’ infettivitä della blenorragia. — Giorn. ital. delle mal. 
ven. e della pelle 1887, 4. 

5. Bories. Manifestation nouvelle de l'infection blennorrhagique. — La 
semaine midie. 1887, Nr. 40. 

6. Boekhart M. Ueber secundäre Infection (Mischinfection) bei Harnröh¬ 
rentripper. — Monatsh. f. prakt. Denn. 1887, Nr. 19. 

7. Bnmm E. Ueber gonorrhoische Mischinfectionen beim Weibe. — Deutsche 
med. Wochenschr. 1887, Nr. 49, pag. 1057. 

8. Noeggerath E. Ueber latente und chronische Gonorrhöe beim weib¬ 
lichen Geschlecht. — Deutsche med. Wochenschr. 1887, Nr. 49, pag. 1059. 

9. Levy Fr. La gonorrhle latente chez la femme. — Hospitals Tidende 
(Copenhague) Nr. 1, 2, 3, 1887. 

10. Prettyman S. Gonorrhoea in young children. — Medical Record Vol. 32, 
Nov. 12. 1887. 

11. Abaly W. C. Boracic acid in gonorrhoea. 

12. Blanc P. Quelques points du traitement de la blennorrhagie. — Prov. 
midie. Nr. 44, 1887. 

13. Ledetsch. Ueber Chinin-Injectionen bei Gonorrhöe. — Prager med. 
Wochenschr.; Breslauer ärztl. Zeitschr. 

14. Corrler Andrew F. The abortive treatment of Gonorrhoea. — New- 
York med. Journ., 29. Oct. 1887. 

15. Rose A. The abortive treatment of Gonorrhoea. — New-York med. 
Journ., 8. und 22. Oct. 1887. 

16. 08borne 0. T. (New-Haven, Conn.) The abortive treatment of Gonor¬ 
rhoea. — New-York med. Journ. 1887, Nr. 15, pag. 401. 


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200 r.priclit ftbpr die Leistungen auf dem Gebiete 

17. Otramare Dr. (Gontvo.) Los injections et la propagation de la blen- 
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York med. Journ., 3. Dec. 1887. 

19. Sperling. Zur Sondentherapie der Harnröhre. — Therapeut. Monatsh. 
1887, Nr. 7. 

*20. Casper. Die Salbensonden bei Behandlung der chronischen Gonorrhöe. 
— Therapeut. Monatsh. 1887. Nr. 8. 

21. Sperling. Zur Salbensondenbehandlung der Harnröhre. — Therapeut. 
Monatsh. 1887, Nr. 9. 

22. Tommasoli. L’iniettore uretrale d’ungueuti. — Giorn. ital. delle mal. 
ven. e della pelle 1887, 5. 

23. Petersen 0. Der Urethral-Irrigator. — Monatsh. f. prakt. Derm. 1887, 
Nr. 20, pag. 900. 

24. Lohnstein. Ein neuer Spülapparat der Harnröhre. — Berl. kliu. Wo- 
chenschr. 1887, 47. 

25. Groeningen. Tripperbehandlung mittelst Spülkatheter. — Berl. klin. 
Wochenschr. 1887, 51. 

26. Schütz J. Ein neuer elektrischer Apparat (Diaphotoskop) zu medici- 
nischen Beleuchtungszwecken, insbesondere zur bequemen Erhellung 
des endoskopischen Gesichtsfeldes. — Monatsh. f. prakt. Derra. 1887. 
Nr. 20, pag. 899. 

27. Allen. Cases of Urethral-Endosoopy. — The Boston Medic. and surgic. 
Journ., 1. Dec. 1887, Vol. CXVI1 Nr. 22. 

28. Friedrich L. L. (Washington). Vortrag in der „Medical society of the 
district of Columbia“ vom 20. April 1887 über „Endoskopie*. — 
Journ. of the Medic. Association, Chicago 1887, Nr. 10, pag. 312. 

29. llelfield. Sudden death after urethral injection. — The Journ. of the 
americ. medic. associat.. 3. Dec. 1887. 

30. Lavanx. Antisepsie de la vessie et de Turethre. Applications au traite- 
ment des retrecisscnients. — Le Bullet, medic. 1887, Nr. 70. pag. 1117. 

31. Hartmann. Des cystites douloureuses. — These, Paris 1887. 

32. Denny. (Gase of " stricture of the urethra; divulsion and eure.) Ein 
Fall von Strictur der Harnröhre; deren Sprengung und Heilung. — 
Northwestern Laneet 1887, Nr. 3. 

33. Distin*Maddock E. A new urethral instrument. — Laneet 1887, Nr. 
3347, pag. 816. 

34. Morton Edwin (Newark, England). The treatment of stricture of the 
urethra and urinary penile and scrotal and perineal fistulae by clectro- 
lysis. — Brit. Med. Journ. 1887, Nr. 1396, pag. 711. 

35. Newiuan Robert. Synopsis of the second hundred cases of stricture 
of the urethra treated by electrolysis. — The Journ. of the americ. med. 
associat., Nr. 13 and 14, 1887. 

3G. Desnos. Rdtröcissement du rectum consdcutif a un abefcs de la Pro- 
state. — Gaz. medic. 1887, Nr. 50. 

37. Wilson A. H. The prostate gland. A Review of its anatomy, patho- 
logy and treatment. — The Journ. of the americ. med. associat., Nr. 15, 
1887. 

38. Fenwick E. Henry. Ueber Thonabdrücke der Prostata an Lebenden. 
— Langenbeck's Ärch., XXXVI, 2. 

39. Newman. The treatment of enlarged prostate. — Brit. Med. Journ., 
1. Oct. 1887. 

40. Thompson H. Der hohe Blasenschnitt bei Prostatahypertrophie. — 
Brit. Med. Journ., Nr. 1403, 19. Nov. 1887, pag. 1103. 


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der Syphilis. 


201 


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42. Montaz M. (Grenoble.) D’un mode frequent et non ddcrit de l'orchi- 
dpididymite tnberculeuse aiguö. — Semaine inddic. 1887, Nr. 41. 

43. Kadler L. Schmerzlose Entfernung von spitzen Condylomen. — Medy- 
cyna 1887. Nr. 63. 

44. Falcone Tebaldo. Per la patogenesi del reumatismo articolare. — Giorn. 
ital. delle mal. ven. e della pelle 1887. 4. 

45. Anbert. Absence de gonococci dans Pavthrite blennorrhagique. — Le 
Bullet, midie. 1887, Nr. 50. 

46. Wagner. Ueber die Elektrotherapie der Spermatorrhöe. — Berl. klin. 
Wochenschr. 1887, Nr. 51. 

47. Behandlung der Impotenz. — The international medical and surgical 
Synopsis, Vol. 1., Nr. 2. Oct. 

48. Stewart S. Congenitale Phimose. — The Journ. of the americ. medic. 
associat. 

Legrain (1) bespricht die Eigenthflmlichkeiten des Secrets bei 
acuter Gonorrhöe. Von der Mitte des zweiten Tages an constatirt er 
eine Abnahme der Epithelzellen, eine langsame Zunahme der Eiterzellen. 
Von hundert Leukocyten enthalten zwei bis drei Gonococcen. Diese wenigen 
Elemente liegen dicht aneinander gedrängt, umgeben von Gruppen intacter 
Zellenmassen. Die Zahl der Mikroben in den einzelnen Elementen ist ver¬ 
schieden-, die eine Zelle enthält zwölf, eine andere zwanzig, eine dritte 
achtzig Gonococcen. Die Cocceninvasion der Zellen geschieht zu verschie¬ 
denen Zeiten. Die Propagation der Coccen findet statt in der Contiguität 
der Zellen; sie dringt vom zweiten Tage an von der Schleimhautoberfläche 
in die Tiefe des Gewebes ein. Die Zahl der Eiterzellen nimmt im weiteren 
Verlaufe ausserordentlich zu-, die der Epithelien schwindet. Auf der Höhe 
des acuten Stadiums ist von fünf Leukocyten einer mit Gonococcen behaftet. 
Das Vorkommen freier Gonococcen leugnet Legrain zwar nicht; jedoch 
sab er sie nur vereinzelt, niemals in grösseren Haufen. Die Vermehrung 
der Coccen geschieht intracellulär. Im subacuten Stadium sieht man wieder 
mehr Epithelzellen mit gequollenem Kern, der mehrere Vacuolen enthält. 
Coccenhältig sind die Epithelien jetzt nur selten. Der Zahl nach verhalten 
sie sich zu den Leukocyten wie 1: 8 oder wie 1 :10. Im chronischen Sta¬ 
dium dominiren an Zahl die desquamirten und coccentragenden Epithelien. 
Vereinzelte Gonococcen sieht man vielfach frei. Exacerbirt ein chronischer 
Tripper, so sieht man zuweilen massenhafte Eiterzellen ohne Gonococcen. Die 
Epithelien sind oft mit Gonococcen gleichsam überschwemmt. Die Localisation 
der Erkrankung ist jetzt zum zweiten Male auf der Schleimhautoberfläche. Die 
verschiedenen Grössenverhältnisse der Mikroben in demselben Secret erklärt 
Legrain durch ein verschiedenes Verhalten gegen Farbstoffe. Die Coccen in 
der Tiefe der Zellen und Kerne unterliegen der Tinction schwerer. Der 
Unterschied gleicht sich aus, wenn man das überaus schnell färbende Car- 
bolfuchsin wählt. Es soll ferner nicht gleichgiltig sein, ob die Coccen im 
oberen Niveau des Präparats, oder in der Tiefe unmittelbar auf dem Object¬ 
träger gelegen sind. Die Tinctionsfähigkeit der Zellkerne nimmt ab unter 
dem Einflüsse der in ihnen eingeschlossenen Gonococcen. Hier sieht man 
die letzteren von einer transparenten Zone umgeben. Diese aber ist ein 
Ausdruck für die Consumption tinctionsfähiger Substanz durch die Mikroben. 
Die Kemma8se lockert sich, sie erfüllt fast den ganzen Zellenleib. Das 
Protoplasma sieht man in hin und wieder nur spärlichen Mengen zusammen¬ 
gedrängt an den Polen der Zelle. Die Zelle scheint schliesslich nur aus 
Coccen zu bestehen. Die Contouren der Zelle persistiren. Die Zelle selbst 


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Bericht Ober die Leistungen auf dem Gebiete 


kann an Ausdehnung gewinnen. Man hat wohl ein Recht, den Gonococcen 
einen Einfluss auf die nutritiven Eigenschaften der Zellen zuzuschreiben. 
Im chronischen Stadium scheint die Vitalität des Gonococcus abzunehmen, 
sowie sein Nährboden erschöpft wird. Impfungen von Legrain (aus Cul- 
turversuchen) erzielten nur schwache Resultate. 

Giovanni (2) behauptet: Aus dem gonorrhoischen Eiter des Man¬ 
nes lassen sich fünf Mikroorganismen isoliren, welche differiren sowohl 
in morphologischer Beziehung als in den Culturen. Zwei Varietäten sind 
mit denjeuigen identisch, welche sich in der normalen männlichen Harn¬ 
röhre finden lassen. Keines dieser Gebilde gleicht denjenigen, welche die 
ammoniakalische Gährung im Harne hervorruft. Impfungen unter die Haut, 
in das Peritoneum von Meerschweinchen Hessen einen pyogenen Charakter 
nicht erkennen. Keiner dieser Mikroorganismen vermochte in der mensch¬ 
lichen Urethra eine Blennorrhoe zu erzeugen. Die Reinculturen misslangen; 
dieser negative Erfolg schliesst aber die pathogene Bedeutung des Gono¬ 
coccus nicht aus; er lässt vielmehr nur die Unzulänglichkeit unserer Hilfs¬ 
mittel für Culturen erkennen. 

Orcel (3) behauptet: Der Gonococcus sitzt nicht nur im Eiter, son¬ 
dern auch in den Geweben selbst. Schabt man die Urethralschleimhaut mit 
einer 2—3 Ctm. tief eingeführten Horncurette ab, so gelingt der Nachweis, 
selbst wenn der Kranke zuvor urinirte oder eine Injection empfing. Um den 
hinteren Harnröhrenabschnitt zu schützen, soll man nur geringe Mengen 
unter schwachem Drucke injiciren. Die Urinentleerung vor der Einspritzung 
reinigt erstens die Harnröhre; zweitens macht sie die Schleimhaut in der 
Folge viel empfänglicher für die medicamentöse Einwirkung; drittens lässt 
sie einen länger andauernden Contact zu. In den Präparaten, welche Orcel 
mit der Curette bereitete, sah er die Coccen niemals in Zellen, vielmehr 
stets frei, sei es zerstreut, sei es in Gruppen. Fried he im. 

Denti (4) unterscheidet erstens eine einfache mucöse oder muco- 
purulente Urethritis, welche nicht contagiös ist und zweitens eine blennor- 
rhagische Urethritis, die direct übertragbar ist und der ein Contagium 
vivum, der Gonococcus Neisser zu Grunde liegt. Uebrigens macht seine 
akademische Vorlesung über die Infectivität der Blennorrhagie keinen An¬ 
spruch auf Originalität. Dornig. 

Bories (5) berichtet, dass er im Verlaufe einer „g<*nöralisation blen- 
norrhagique - auch ein nach seiner Auffassung zweifellos auf die Gonorrhöe 
zurück zu führendes Glottisödem beobachtet habe. Im Laufe einiger Tage 
seien bei einer Frau aufgetreten: Endometritis blennorrhoica mit peritone¬ 
aler Reizung, multiple Gelenkaifectionen, Glottisödem. In der Discussion 
bringt Bories für seine positive Behauptung nur die Abwesenheit anderer 
Ursachen für das Glottisödem (wie Erkältung und Albuminurie) und die 
Coincidenz der verschiedenen Symptome vor. Jadassohn. 

Bockhart (6) fand im Eiter eines suppurativen Tripperbubo und 
eines Periurethralabscesses nur Staphylococcen und zwar Staphylococcus 
pyogenes aureus, keine Gonococcen. Auch im Trippereiter fand Bockhart 
in fünf Fällen von fünfundvierzig Eitercoccen neben den Gonococcen, ausser 
den Eitercoccen aber stets noch andere Bacterien, so dass die Gelegenheit 
zu Mischinfectionen hinreichend oft vorhanden ist. Wenn trotzdem die 
Mischinfectionen nicht so häufig Vorkommen, so liegt das daran, dass die 
im Gewebe der Harnröhrenschleimhaut liegenden weissen Blutzellen einen 
Wall gegen das Eindringen ebenso der Gonococcen wie der anderen Bacte¬ 
rien bilden. 


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der Syphilis. 


298 


Bumm (7) weist auf die Häufigkeit der Mischinfectionen bei Gonor¬ 
rhoe hin, d. h. Erkrankungen, welche nicht durch die Gonococcen, sondern 
durch andere Bacterien hervorgerufen sind, deren Eindringen durch die 
vorher stattgefundene Gonococceninvasion ermöglicht oder doch begünstigt 
ist. Hierher gehören die Bartholinitis, die Entzündung der Schleimfollikel 
der weiblichen Harnröhre, die Cystitis. Bei der Para- und Perimetritis 
handelt es sich in selteneren Fällen ebenfalls um Mischinfection mit pyo¬ 
genen Coccen; es gelang Bumm in zwei Fällen von eitriger Parametritis 
solche im Eiter nachzuweisen. In der Mehrzahl der Fälle gelangt aber das 
Exsudat nicht zur Schmelzung, hier können daher pyogene Coccen nicht 
im Spiele sein. In zwei Fällen constatirte er die Abwesenheit von Bac¬ 
terien im Exsudat, möglicherweise wurden diese gutartigen Fälle von Trip- 
perparametritis überhaupt nur durch das Eindringen chemisch reizender 
Produkte hervorgerufen, doch sind hierüber noch weitere Untersuchungen 
anzustellen. In den von der Vulva und Vagina entfernteren Theilen des 
weiblichen Genital-Tractus werden die anderen Bacterienarten immer spär¬ 
licher, in den Tuben finden sich andere Bacterien ausser den Gonococcen 
bei Trippersalpingitis kaum jemals. Nur eine gonorrhoische Mischinfection, 
nämlich die mit Tuberkelbacillen, kann hier vielleicht in Frage kommen, 
ähnlich wie die Genitaltuberculose des Mannes im Anschluss an Gonorrhöe, 
besonders gonorrhoische Epididymitis, vorzukommen scheint, lassen sich viel¬ 
leicht auch Fälle isolirter Tubentuberculose durch eine solche Mischinfection 
erklären. Auch beim Tripperrheumatismus handelt es sich wohl zweifellos um 
eine Mischinfection mit pyogenen Mikroorganismen. 

Noeggerath (8) erörtert die Schwierigkeiten der Diagnose weiblicher 
Genitalerkrankungen als gonorrhoischer. Besonders auf den Gonococcenbe- 
fund legt er keinen allzugrossen Werth, da derselbe beim Weibe sehr viel 
schwieriger zu erbringen sei, als beim Manne und überdies auch bei letz¬ 
terem in mehr als vierzig Percent der Fälle von chronischer Gonorrhöe sich 
keine Gonococcen finden. Seinen früheren pessimistischen Standpunkt be¬ 
züglich der Unheilbarkeit einer jeden Gonorrhöe hat Noeggerath längst 
verlassen. Die wichtigsten Merkmale der chronischen Gonorrhöe beim Weibe 
sind die folgenden: 1. Erkrankung einer gesunden Frau kurz nach der 
Heirat an einem Leiden der Geschlechtsorgane, welches häufig das Wohlbe¬ 
finden der Betroffenen in einem Grade alterirt, welcher nicht mit den 
scheinbar geringen Veränderungen in den Sexualorganen übereinstimmt. 
2. Eitriger Ausfluss bei Abwesenheit tiefer Ulcerationen, Granulation, Sarkom 
oder Carcinom oder glasiges, spärliches Secret mit schmaler, hochrother Erosion 
am Muttermunde. 3. Katarrh der Ausführungsgänge der Vulvo-Vaginaldrüsen. 
4. Kleine spitze Condylome in verschiedenen Localitäten des Scheidenein¬ 
ganges. 5. Ein Kranz von kleinen spitzen Condylomen im Bectum dicht 
oberhalb de9 Orificium ani. 6. Die Gegenwart einer Kolpitis granulans 
7. Nachweis einer Salpingo-Perimetritis oder 8. einer Ovariitis glandularis. 

Lesser. 

Levy (9) bespricht zunächst die Symptome der Gonorrhöe und deren 
Complicationen bei der Frau, sowie die Therapie, speciell die intra-uterine 
Behandlung mit Injectionen von Sublimatlösungen (1:4000), und mit Aus¬ 
kratzung mittelst scharfen Löffels und nachfolgender Aetzung mit Jodtinc- 
tur, Liquor ferri sesquichlor. oder Arg. nitr. Er kommt zu folgenden 
Schlüssen: 1. Der Gonocoecu9 Neisser ist das specifische, ansteckende Agens. 
2. Man findet die Gonococcen sowohl bei den acuten, wie bei den chroni¬ 
schen Formen. 3. Das Auftreten der Gonococcen in den Secreten ist ein 
wechselndes. 4. Die Intensität der Gonorrhöe steht nicht immer im Ver- 


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Bericht ül>or die Leistungen auf dem Gebiete 


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hältniss zu der Zahl der Gonococcen. 5. Das normale Aussehen der Urethra 
beweist nicht, dass die Gonorrhöe geheilt ist. Jacob i. 

Prettyman (10) berichtet über echte gonorrhoische Urethritis bei 
zwei Brüdern von neun und elf Jahren, welche dieselben sich durch Coha- 
bitationsversuche mit einer siebzehnjährigen Negerin zugezogen hatten. 
Zwei Monate später kam demselben Arzt ein Fall von gonorrhoischer Vul¬ 
vitis und Urethritis bei einem neunjährigen Mädchen der besten Gesellschaft 
zu Gesicht. In allen drei Fällen hätten die Hausärzte das Leiden verkannt 
und als Balanitis und Eczem der Vulva behandelt, weil sie Gonorrhöe 
bei so jungen Kindern nicht vermutheten. Arning. 

Mit gutem Erfolg will Abaly (11) eine Mischung von einem Theil 
Borsäure zu drei Theilen Glycerin bei Gonorrhöe verwenden. Er führt 
einen Gummikatheter bis zur Pars prostatica, armirt ihn aussen mit einer 
Pravaz’schen Spritze und füllt beim ZurOckziehen die Harnröhre mit obiger 
Lösung an. Löwenhardt. 

Blanc (12) verlangt für die Behandlung der acuten Gonorrhöe allge¬ 
meine Ruhe des Körpers, Immobilisirung der Genitalien (Suspensorium). 
Bettlage hält er nicht für nöthig. Er verbietet Alcoholica; Thee und Kaffee 
erlaubt er nur mit Einschränkung; in dem massenhaften Wassertrinken 
sieht er eher Schaden als Nutzen. Auf das Wärmste empfiehlt er lauwarme 
Vollbäder. Gegen Erectionen lässt er kalte Umschläge, Irrigationen machen; 
er verbietet Rückenlage und zu weiche Lagerung des Patienten. Unter den 
innerlichen antigonorrhoischen Mitteln hebt er das Antipyrin hervor. Er 
ist ein Anhänger der Balsamica im initialen Stadium; er gibt sie mit dem 
Essen. Eine Abortivbehandlung (Arg. nitr. l’O—lO'O/lOOO^O) reservirt er 
nur für wohlerfahrene Kranke, die ein gewisses Verständniss für die Krank¬ 
heit besitzen. Das subacute Stadium steht unter dem therapeutischen Re¬ 
gime der Adstringentien. Die gesammte Tripperbehandlung beschliesst 
Blanc nicht ungern mit Bismuthum subnitr. 10'0/125'0. Im Ganzen leitet 
er die Injectionsbehandlung möglichst früh ein. In technischer Bezie¬ 
hung verlangt er grösste Peinlichkeit. Viele der protrahirten, sogenannten 
unheilbaren Fälle führt er auf Nachlässigkeit in der Unterweisung, auf 
mangelhafte Ausführung der Injectionen zurück. Besteht am Ende nur noch 
Ausfluss, so sucht er eine Palpation der Urethra diagnostisch und thera¬ 
peutisch zu verwerthen, dann hält er sorgsame, vorsichtige Bougirung und 
Katheterismus der Harnröhre für indicirt. Friedheim. 

Ledetsch (13) empfiehlt namentlich für Gonorrhoea chronica Iujec- 
tionen von Chininum bisulphnricum 1*0, Glycerin 25'0, Aq. dest. 75’0. Er 
injicirt zuerst dreimal, dann zweimal, schliesslich nur einmal täglich. Er 
rühmt die Erfolge seiner Therapie. Friedheim. 

Currier (14) erklärt sich entschieden gegen die abortiven starken 
Injectionen bei Gonorrhöe. Er sah von schwachen Höllensteinlösungen vor¬ 
trefflichste Erfolge. Currier ist überzeugt, dass Argentum nitricum die 
Gonococcen sicher tödtet. Wismuthpräparate wendet Currier gern zur 
Tamponade bei Blennorrhöe der Vagina an; gleichzeitig aber ist sich Cur¬ 
rier wohl bewusst, dass hierdurch die Gonococcen nicht getödtet werden, 
vielmehr, dass nur ein für die weitere Entwicklung günstiger Nährboden 
diesen letzteren geraubt wird. Der Aufsatz ist gegen Osborne gerichtet. 

Friedheim. 

Osborne bezweifelt die Behauptung Currier’s, dass Wismuth-In- 
jectionen die Gonococcen nicht tödten, sondern ihnen nur den Nährboden 
rauben. Dahingegen erinnert A. Rose (15) an eine hieherbezügliche Beobach- 


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der Syphilis. 


295 


tung Küchenmeisters, der im Initialstadium der Gonorrhöe Injcctionen 
von Kaltwasser 1 : 4 empfahl. Kalkwasser wirkt wie bei der Diphtherie so 
auch hier auflockernd auf die Schleimhaut; die entzündete Membran wird 
bis zu einem gewissen Grade abgeliist, den Coccen somit ihr eigentlicher 
Grund entrissen. Diese Kalkwasserinjectionen, welche stündlich zu machen 
sind und schmerzlindernd den Entzündungserscheinungen entgegenwirken, 
führen Bchon nach ein bis zwei Tagen die Kranken in das subacute Sta¬ 
dium hinüber. Letzteres lässt die Anwendung von Adstringentien zu. Ganz 
ähnlich wirken nur auf den Scbleimhautgrund, also nur indirect auf die 
Mikroorganismen selbst, Natrium bicarbonicura, Zinkoxyd, Wismuth und 
Jodoform ein. Nach König sterilisirt Jodoform die Wunde zwar, nimmt 
den Mikroorganismen die Bedingungen, unter denen sie sich zum Schaden 
des Körpers weiter entfalten könnten — es tödtet sie aber nicht. Aus seinen 
eigenen Erfahrungen empfiehlt nun Rose für die Abortiv-Behandlung der 
Gonorrhöe auf das wärmste den Thallin - Antrophor, d. h. den Antrophor 
von P. Francke — eine Röhre, die aus spiralig aufgewundenem, ver¬ 
nickeltem Draht besteht. Das eine Ende dieser biegsamen Röhre ist halb¬ 
kugelig, das andere trägt als Handhabe einen Ring. Ein Firniss von Schel¬ 
lack schützt sie gegen die Einwirkung der Medicamente. Man taucht die 
Röhre in eine Mischung von Gelatine und Glycerin, man desinficirt sie 
durch eine zweipercentige Carbollösung. Hat man sie mit dem Medicament 
imprägnirt, so erhitzt man sie bis zu 86° F. und lässt sie dann erkalten. 
Das überaus geschmeidige Instrument passirt die Engen der Urethra. Rose 
wendet als Medicament eine fünfpercentige Shallinmasse an. Rose betont, 
dass diese Application im Gegensätze zur analogen gleich starken, selbst 
schwächeren Injection den Vorzug der Schmerzlosigkeit habe, längere Zeit, 
bis zu 30 Minuten, vertragen werde und sich ganz vortrefflich für das acute 
Stadium der Gonorrhöe eigne. Friedheim. 

Osborne (16) bringt eine kurze und übersichtliche Zusammenstellung 
der Aeusserungen zahlreicher ’Syphilidologen, Chirurgen, Gynäkologen und 
Pathologen aller Länder über Ursache, Beschaffenheit und Behandlung der 
Gonorrhöe. Danach allein, ohne eigene Erfahrungen ins Feld zu führen, 
kennzeichnet er den heutigen Stand dieser Frage, durch folgende Thesen: 
1. Die Gonorrhöe ist eine speciflsche Entzündung. 2. Sie wird aller Wahr¬ 
scheinlichkeit nach durch einen specifischen Mikroorganismus verursacht. 
3. Der Gonococcus Neisser’s ist fast ohne Zweifel der speciflsche Mikro¬ 
organismus der Gonorrhöe. 4. Die Abortivbehandlung der Gonorrhöe mit 
ätzenden Einspritzungen ist weder gerechtfertigt, noch befriedigt sie. 5. Die 
einzige Abortivbebandlung sollte in milden, antiseptischen Einspritzungen 
bestehen, verbunden mit constitutioneller Behandlung. Block. 

Unter den Schädlichkeiten, welche die Gonorrhoea posterior hervor- 
rufen, erwähnt Otramare (17) in erster Linie die Injectionen. Otramare 
verwirft durchaus die indifferenten, beruhigenden etc. Injectionen. Abge¬ 
sehen vom abortiven Verfahren lässt Otramare in den acuten Fällen nie¬ 
mals einspritzen. Vor jeder einzelnen Injection lässt er die Patienten den 
Eiter aus der Urethra herausdrücken und nriniren. Friedheim. 

Rand (18) hält an einer specifischen (Gonococcus Neisser) und nicht 
specifischen Form der Gonorrhöe fest. Er betont für die Therapie den all¬ 
gemeinen Körperzustand, die Reaction des Harns (Hyperacidität u. s. f.). 
Er spricht sich gegen die starken Diuretica aus und lobt auch als Diure- 
ticum ausserordentlich die Milch. Im acuten Stadium reicht er kräfti¬ 
gen Leuten täglich salinische Abführmittel. Ist das Uriniren schmerzhaft, 
so empßeblt er eine combinirte innerliche Darreichung von Extractum 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


Hyoscyami und Oleom Santali. Als internes Mittel namentlich bei gleichzeitiger 
Cystitis — empfiehlt Rand vor Allem Oleum Santali. Im acoten Stadium 
lässt Rand nur dann injiciren, wenn die reizende Wirkung der Injectionen 
durch ihren therapeutischen Erfolg entschieden fiberwogen wird, und be¬ 
ginnt dann am liebsten mit Blei- und Zinklösungen, denen er Ertractum 
Belladonn. und Opium zusetzt. Rand glaubt, dass Epididymitis unter dem 
Einflüsse der Injectionstherapie seltener auftritt, als während einer durch¬ 
aus internen Behandlung. Mit der Behandlung der Gonorrhöe hört Rand 
erst dann auf, wenn keinerlei Veränderung an dem Meatus urethrae (Aus¬ 
fluss, Verklebung) wahrzunehmen, wenn längere Zeit hindurch keine Spur 
von Schleim und Eiter im Harn zu constatiren ist. In der Discussion be¬ 
tont Wackernaghen die antiseptischen Principien (Sublimatinjectionen, 
häufiger Wechsel der Wäsche, Sitzbäder, Carholsäure innerlich). Chochraw 
empfiehlt ffir das acute Stadium Tinct. Conii, von der er zugleich annimmt, 
dass sie die Chorda verhindert. Fried heim. 

Empfehlung der Salbensonde bei „sexueller Neurasthenie“ und chro¬ 
nischer Gonorrhöe zur gleichzeitigen Erreichung der Adstringirung und me¬ 
chanischen Compression. Sperling (19) bestreicht das Bougie mit einer 
zähen, ein- bis anderthalbpercentigen Arg. nitr.-Salbe (aus 4 0 Cera alba zu 
20*0 Lanolin) und glättet, die rauhe Aussenseite nivellirend, mit Mandelöl; 
Dauer der Application fünf bis fünfzehn Minuten. 

Casper (20) vertheidigt seine cannelirten Neusilbersonden gegenfiber 
den Ein wänden von Unna und hebt hervor, dass sie leichter und scho¬ 
nender eindringen, als die glatten Salbensonden, dass, da die Salbe schmilzt, 
auch die gesammte Harn röhren wand tangirt wird, endlich, dass ihre Starr¬ 
heit, gegenüber den biegsamen Zinnsonden, kein Nachtheil ist, da eine 
mittlere Krümmung in fast allen Fällen ausreichend ist. Casper wendet 
sich auch gegen Sperling, weil dieser bei Empfehlung der Salbensonde 
gar nicht erwähnt, dass die Methode längst von anderer Seite angegeben 
worden ist. 

Sperling (21) führt Casper gegenüber aus, dass die cannelirte 
Sonde nur die mit den Metallflächen direct in Berührung kommenden Theile 
der Urethra comprimiren kann. Je dünner also die Metallrippen sind, desto 
geringer ist die Compression, je stärker dieselben sind, je weniger Raum 
also zwischen ihnen für Salbe bleibt, je geringer die Adstringirung. Zur 
gleichzeitigen Erreichung beider Zwecke also ist die cannelirte Sonde 
nicht geeignet. R. Kohn. 

Tommasoli (22) demonstrirte in der Section für Dermatologie und 
Syphilis des medicinischen Congresses in Pavia eine nach seiner Angabe 
construirte Urethralspritze, die den Zweck hat, Medicamente in Salbenform 
in jeder beliebigen, auch der kleinsten Menge in die Harnröhre einzuführen. 
Diese Salbenspritze ist dem bekannten Ultzmann’schen Harnröhreninjector 
nachgebildet und besteht aus einem Metallkatheter Nr. 18 der Charrifere’- 
schen Scala, der 16 Ctm. lang ist und an seinem urethralen Ende eine 
ungefähr 3 Mm. weite centrale Oeffnung besitzt. In diesem leicht ge¬ 
krümmten Katheter läuft ein mit Leder überzogener Stempel an einer 
mehrgelenkigen metallneu Stempelstange, die an ihrem äusseren Ende eine 
Scala trägt, mittelst welcher die zu injicirende Salbenmenge genau bestimmt 
werden kann — jeder Theilstrich entspricht dem Fünftel eines Cubikcenti- 
meters. Der Katheter ist mit einer bequemen Handhabe aus Hartkautschuk 
versehen, die durch einen Einschnitt anzeigt, auf welcher Seite sich die 
Katheterkrümraung befindet. Zur Füllung der Spritze genügt, wenn die 
Salbe weich ist, die Aspiration des Stempels; wendet man dagegen eine 


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der Syphilis. 


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consistentere Salbenmasse an, so geschieht die Füllung dadurch, dass die 
Salbe mittelst einer gewöhnlichen Glasspritze durch die Katheteröffnung 
eingetrieben und gleichzeitig der Stempel langsam herausgezogen wird. 
Tommasoli versuchte seine Salbenspritze während eines längeren Aufent¬ 
haltes in Wien in Gemeinschaft mit Docent Dr. Finger in zahlreichen 
Fällen von chronischer Urethritis und erzielte damit sehr befriedigende 
Resultate. Als Salbenconstituens verwendet er ausschliesslich Lanolin. Die 
bis nun angewendeten Salben sind folgende: i. Kitras argenti O't —10, 
Lanolin 45'0, 01. olivarum 5 0. Alle Vortheile, welche die Salben bei der 
localen Therapie überhaupt bieten, und speciell jene des Lanolins, welches 
an der Schleimhaut durch längere Zeit fest adhärirt und selbst durch den 
Harn nicht so leicht fortgespOlt werden kann, wodurch eben der Contact 
des Medicamentes mit der erkrankten Schleimhaut ein viel innigerer und 
länger dauernder wird, als bei Anwendung flüssiger Medicamente, lassen 
sich, wie Tommasoli hervorhebt, durch seine Salbenspritze erzielen. 
Weitere Vortheile des Instrumentes sind 6eine fast absolute Reizlosigkeit, 
sowie die Möglichkeit, die Salbe. an jede beliebige Stelle der Urethral¬ 
schleimhaut zu appliciren. Dornig. 

Petersen (23) empfiehlt an Stelle der Tripperspritze einen Irrigator, 
welcher aus einem am unteren Ende mit einer ausgezogenen Oeffnung ver¬ 
sehenen Probirgläschen besteht. Ueber die Oeffnung wird ein Gummischlauch 
gestülpt, der am anderen Ende eine der Urethralöffnung des Patienten an¬ 
gepasste Glasolive trägt. (Der Vorschlag ist keineswegs neu. Ref.) 

Lesser. 

Das von Zuelzer (24) angegebene Instrument besteht aus einer hut¬ 
artig die Glans penis bedeckenden Glocke, in welcher sich Oeffnungen für 
zwei concentrische Röhren befinden, die für die Harnröhre bestimmt sind. 

Die äussere derselben besitzt schlitzförmige Oeffnungen, um den Flüssig¬ 
keitsstrom herauszulassen, und dient gleichzeitig als Abflussrohr. Aussen 
an der Glocke befindet sich je ein mit den beschriebenen Röhren commu- 
nicirendes Zu- und Abflussrohr. Der Apparat, durch welchen täglich zwei 
bis drei Liter einer 6%o Kochsalzlösung in die Harnröhre irrigirt werden, 
dient dazu, die Harnröhre vor der medicamentösen Behandlnng von dem 
schleimigen Secrete zu befreien. 

Der Apparat Groeningen’s (25) besteht nicht wie der von Lohn- , 
stein (Berl. klin. Wochenschr. 21. Nov. 1887, cf. Ref. in dieser Zeitschrift) 
beschriebene aus zwei concentrischen Röhren, sondern aus einem Katheter, 
dessen eichelförmiges proximales Ende an zwei gegenüber liegenden Stellen 
seiner Basis je eine Oeffnung für den rückläufigen Strom besitzt. (Ein be¬ 
sonderer Vorzug vor einem gewöhnlichen Katheter ist nicht einzusehen. Ref.) 

Herxheimer. 

Schütz (26) hat zu medicinischen Beleuchtungszwecken, ganz be¬ 
sonders für die Endoskopie, einen neuen Beleuchtungsapparat angegeben, 
bei welchem das Glühlicht — „schwimmgürtelartig“ — in der Mitte durch¬ 
bohrt ist. Dieses Glühlicht ist an einem Reflector mit Handgriff, respective 
einer Stirnbinde befestigt und das beobachtende Auge sieht durch die cen¬ 
trale Oeffnung hindurch. Die Erwärmung wird durch Anbringung von Luft¬ 
zugcanälen verhütet. Lesser. 

Allen (27) berichtet über die Resultate, welche er bei der endosko¬ 
pischen Untersuchung von fünf Fällen chronischer Gonorrhöe (zum Theil 
mit beginnender Strictur) mit einem von Klotz angegebenen Endoskop aus 
Silber erhalten hat; als Lichtquelle wurde ein Argand-Brenner benutzt, 
dessen Licht mittelst eines am Kopfe angebrachten Spiegels reflectirt wurde; 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


am vorderen Ende des Endoskops war eine Guttaperch&platte angebracht, 
um die Reflection des Lichtes zu verhindern und zugleich das Präputium 
zurückzuhalten. Der Verfasser berichtet über mehr oder minder hochgradige 
Congestion der Urethralschleimhaut, Gefässinjection, Starrheit der Urethral¬ 
wände, die er mit dem Endoskope constatiit und unter Hilfe des Endoskops 
mit ein- bis dreipercentigen Arg. nitr.-Lösungen behandelt habe; die Fälle, 
welche Verfasser beschreibt, bieten nichts Besonderes dar; auch die Heil¬ 
erfolge sind, wie sich Allen nicht verhehlt, keine besonders grossartigeil. 
Ob sich dasselbe Resultat in den beschriebeuen Fällen nicht auch mit an¬ 
deren Untersuchungs- und Behandlungsmethoden hätte erreichen lassen, 
bleibt unerörtert. Jadassohn. 

Friedrich (28) empfiehlt eindringlich den Gebrauch des Endoskops 
in allen hartnäckigen Fällen von Urethritis behufs Diagnose und Therapie 
(localer Aetzung). Er bevorzugt einfache Röhren aus Metall oder Hart¬ 
gummi. Er verkennt nicht die Schwierigkeit der endoskopischen Diagnose, 
doch Uebung gebe schliesslich auch darin Sicherheit. Zur Illustration er¬ 
wähnt er zwei Fälle aus seiner Praxis. Beide litten an eitrigem Ausfluss 
und Schmerzen beim Uiiniren, keine pcriurethiale Schwellung, kein schmerz¬ 
hafter Punkt, kein Blut im Secret. Sie wurden erfolglos antigonorrhoisch 
behandelt. Das Endoskop zeigte bei dem einen ein Geschwür auf der 
oberen Harnröhrenwand, einen Zoll hinter der Mündung; später sicherten 
Lymphadenitis und specifisches Exanthem die endoskopische Diagnose: syphi¬ 
litischer Primäraffect. Bei dem anderen machten erst die constitutioneilen 
Symptome auf den Irrthum aufmerksam; das Endoskop zeigte die Narbe 
des urethralen Primäraffectes. Block. 

Belfield (29) bougirte einen Patienten mit Strictura urethrae. Er 
gab dem Kranken zuvor eine Injection von vierpercentigem Cocain in die 
Urethra und führte die Sonde dann mühelos ein. Am siebenten Tage nach 
diesem Eingriff wurde der Patient sehr reizbar und schlief mehrere Nächte 
nicht. Am neunten Tage sollte das Verfahren in gleicher Weise wiederholt 
werden. Unmittelbar nach der Injection klagte der Kranke über Schwindel 
und fiel plötzlich todt in den Stuhl zurück. Die Autopsie ergab zwei blut¬ 
strotzende Nieren. Belfield nimmt an, dass der Kranke urämisch war, 
und die einfache mechanische Reizung der Urethra die Todesursache abgab. 

Fried heim. 

Lavaux (30) kommt in seiner Arbeit über die „Antisepsis der Blase 
und der Urethra - zu folgenden Schlüssen: 1. Die permanente Ausspülung 
des vorderen Theiles der Urethra und die intra-vesicalen Injectionen ohne 
Sonde bieten ein einfaches und unschädliches Mittel, die Urethra und die 
Blase vollständig zu desinficiren. 2. Dieses Mittel ist bei den meisten Stric- 
turen der Urethra anwendbar. 3. Dank dieser vollständigen Antisepsis und 
der antiphlogistischen Wirkung der heissen Injectionen in die Blase, sind 
die der „rapiden Dilatation - zugeschriebenen Complicationen jetzt sehr 
selten. 4. Bei der Behandlung der einfachen und leicht zu dilatirenden 
Stricturen soll die „rapide Dilatation - überhaupt an die Stelle der allmäligen 
Dilatation treten, die selten zu Recht besteht. 5. Die ohne Sonde gemachten 
intra-vesicalen Injectionen genügen, um die Weite der dilatirten Urethra 
zu erhalten. 6. Die Indicationen zur Urethrotomia interna werden bis aufs 
Aeusserste hinausgeschoben. 7. Die permanente Bespülung des vorderen 
Theiles der Urethra und die Blaseninjectionen ohne Sonde müssen, da sie 
gestatten diese Theile vollständig zu desinficiren die gewaltsame Dilatation 
und die Urethrotomia interna zu einem weit leichteren Eingriff machen. 

Jacobi. 


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der Syphilis. 


299 


Hartraann (31) scheidet ans den ätiologisch verschiedenen Cystitiden 
die besonders schmerzhaften und vor Allem schwer zu behandelnde Fälle 
als: „Cystite doulouratie“ aus und bespricht ihre Aetiologie, ihre Symptome, 
ihren Verlauf, die Diagnose und speciell im zweiten Theile ihre Behandlung: 
die medicamentöse, die „chirurgische ohne Operation“ (Cocain), Borsäure etc., 
bezw. Arg. uitr.-Lösungen — alle Auswaschungen aber sollen nur mit ge¬ 
ringen Quantitäten von Flüssigkeiten vorgeuoiiimen werden; ein weicher Ver¬ 
weilkatheter stellt die Blase ganz ruhig und gibt oft schnelle Erfolge, und 
endlich die operative Behandlung. Die Dilatation des Blasenhalses bei der 
Frau ist erfolglos bei der tuberculösen Cystitis und bei schweren Fällen, 
sie heilt nur die mittelschweren. Das letzte Mittel ist die Anlegung einer 
Blasen-Scheidenfistel (Bozeman, Emmet), für welche der Verfasser eine 
etwas inoditicirte Methode mittelst eines eigens construirten cannelirten 
Katheters angibt ; durch diese Fistel wird dann die medicamentöse Behand¬ 
lung der Blase vorgenommen; erst wenn diese vollständig abgeschlossen, 
darf man die Fistel sich schliessen lassen. Jadassohn. 

Denny (32) veröffentlicht die Heilung einer Urethralstrictur durch 
Sprengung. Der dreissig Jahre alte Patient hatte acht Jahre vorher eine 
Gonorrhöe acquirirt, zu welcher sich eine Strictur hinzugesellte. In Folge 
ungeschickter Versuche, diese zu erweitern, entstanden' zwei Urinfisteln, 
welche durch Operation geschlossen werden mussten. Seitdem war der Urin¬ 
strahl immer dünner geworden. Ausser einer leicht durchgängigen Strictur, 
2 Zoll vom Orificium entfernt, fand sich eine zweite in der Entfernung 
von 57i Zoll, welche zunächst nicht einmal die dünnste Sonde durchliess. 
Nach verschiedenen Sitzungen und nachdem er die Urethra bis zur Strictur 
mit dünnen Sonden angefüllt hatte, gelang es Denny zuerst eine ganz 
dünne Fischbeinsonde und über diese hinweg Gouley’s Hoblsonde Nr. 1 und 
2 (englisch), später auch einen sehr dünnen Gummikatheter (Nr. 1) durch¬ 
zuführen, durch welch letzteren der Urin langsam abträufelte. Die Strictur 
in 2 Zoll Entfernung vom Orificium konnte bald mit Nr. 17 (französisch) 
überwunden werden, während die in o 1 /* Zoll Entfernung stets nur Nr. 2 
(englisch) durchliess. Verfasser schritt nun zur Sprengung der Strictur. Der 
Urin wurde normal befunden. Nach Injection einer vierpercentigen Cocatn- 
lösung führte Denny über die Fischbeinsonde hinweg den von Gouley 
modificirten Thompson’schen Dilatator durch die Strictur hindurch, zog die 
Fischbeinsonde zurück und öffnete den Dilatator plötzlich so weit als 
möglich. Dann zog er ihn zurück, führte ihn wieder ein und dilatirte die 
Strictur auch in querer Richtung. Es erfolgte keine bedeutendere Blutung. 
Der Patient musste nach der Operation das Bett hüten und erhielt ein 
Suppositorium aus Chiu. sulph. und Morph, snlph. Am nächsten Morgen 
kein Fieber, keine Schmerzen; Urin blutig. Der Patient blieb fünf Tage zu 
Bett; er befand sich ganz wohl; der Urin wurde mit Leichtigkeit im dicken 
Strahle entleert. In der ersten Zeit nach der Operation wurde mit Nr. 17 
(französisch) bougirt. Zwei Wochen nach der Operation zeigte sich eine 
geringe Neigung der Strictur, sich wieder zu verengern. Denny liess jetzt 
den Patienten alle vierzehn Tage Nr. 12 (englisch) einführen, was den 
Erfolg hatte, dass die Strictur dreiviertel Jahre später noch ebenso durch¬ 
gängig war, wie kurz nach der Operation. Denny schliesst aus diesem 
Fall, dass für tiefsitzende Strukturen in der Nähe und in der Pars mern- 
branacea die Sprengung ebenso ausreichend, ausserdem viel sicherer ist, 
ah die Urethrotomia interna, weil bei der ersteren Operation die Gefahr 
einer bedeutenderen Blutung äusserst gering ist. Die Urethrotomia externa 
sollte nur ganz ausnahmsweise angewandt werden. Bei Vornahme der 
Sprengung sind nach Denny folgende Punkte besonders zu beobachten: 


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300 


Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


i. Die Entfernung der Strictur vom Orificium muss genau festgestellt 
werden, 2. Der Punkt der grössten Ausdehnungsfähigkeit muss genau in 
die Strictur zu liegen kommen. 3. Die Dilatation muss schnell, nicht 
allmälig geschehen. Ausserdem empfiehlt es sich, die Urethra nach zwei 
Richtungen hin zu dehnen. 4. Vor dem Zurückziehen des Dilatators muss 
derselbe zuerst nach der Blase zu vorgeschoben werden, indem man dabei 
zuzuschrauben beginnt. Dann ziehe man das Instrument heraus, wobei man 
durch langsames Znschrauben die Branchen des Instrumentes einander 
nähert, dadurch vermeidet man, dass sich die Schleimhaut zwischen den 
Blättern des Dilatators verfängt und beim Herausziehen desselben gezerrt 
wird. 5. Ein Suppositorium aus Chinin und Morphium ist ein ausgezeich¬ 
netes Prophylacticum gegen Urethralfieber. — Nach allen Operationen von 
lange bestehenden traumatischen Stricturen muss eine Sonde erst alle 
vierzehn Tage, später alle Monate einmal einige Jahre lang eingeführt 
werden. Dieselbe soll so dick genommen werden, als es das Orificium des 
Patienten gestattet. Zum Schluss kommt Dennv noch auf die von Dr. R. 
Newman in New-York empfohlene Elektrolyse der Stricturen zu sprechen. 
Falls sich die Empfehlungen bewahrheiten, würde in Zukunft wohl aus¬ 
schliesslich diese Methode angewandt werden. Die Art der Anwendung hat 
Dr. Newman in dem diesjährigen Journal of the American Medical Asso¬ 
ciation ausführlich beschrieben. Zeising. 

Eine ältere Idee in vielleicht praktischerer Form hat Maddock (33) 
ausgebildet. — Um die vor der Verengerung gelegenen Partien der stric- 
turirten Harnröhre vor unnöthigen Insulten bei schwer zu sondirenden 
Stricturen zu schützen, schiebt er eine hohle silberne, mit leichter Krüm¬ 
mung versehene Leitsonde bis an die Strictur vor und durch diese die 
feineren Bougies oder Katheter. Die centrale Oeffnung gestattet einem 
Katheter von Nr. 2 englischer Scala den Durchtritt, einige engere Hohl¬ 
räume in der Wand des Instrumentes erleichtern das Sondiren engster 
Stricturen mit Darmsaiten oder feinsten Bougies. Das Instrument kaDn 
bezogen werden von Walters & Co., 29 Moorgate Street, London. 

Morton (34) plaidirt für die durch Steavenson und Bruce Clarke 
in England eingeführte elektrolytische Behandlung der Harnröhrenstricturen. 
Einen seit einem Jahre wegen schwerer Cystitis mit Urinfisteln am Schaft 
des Penis, des Scrotums und Perineums vergeblich behandelten Patienten 
gelang es mit dieser Methode innerhalb vier Wochen vollständig zu heilen. 
Die den negativen Pol repräsentirende Bougieelektrode (Nr. 7 englische 
Scala) wurde mit einer Stromstärke von 8—9 Milliampere (höhere Ströme 
nicht empfehlenswerth) bis an die Strictur gebracht und gleitet nach 5 bis 
6 Minuten schmerzlos hindurch. Die Anode wird dabei indifferent aufge¬ 
setzt. Im ferneren Verlauf der Behandlung gelang es in sechs weiteren 
Sitzungen durch Application der Kathode in den tieferen Partien der 
Urethra und der Anode an den äusseren Fistelöffnungen, sämmtliche bereits 
stark callösen Fistelgänge zu erweichen und ohne andere Medication com- 
plet auszuheilen. Arning. 

Einen Beweis für die Brauchbarkeit der elektrolytischen Behandlung 
der Urethralstricturen liefert Newman (35) mit einer sehr sorgfältigen und 
kritischen Zusammenstellung des zweiten Hundert derartig gebesserter und 
geheilter Fälle, dass er die Elektrolyse für eine völlig ungefährliche und 
gerade in den Fällen, wo andere innere Dilatationsverfahren nicht mehr 
möglich sind, vorzügliche Methode erklären kann. Erst die jahrelange 
Beobachtungsdauer des in jeder Richtung sorgsam geschichteten Materials 
entscheidet die Definition Heilung. Die genauere Besprechung einzelner, 


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der Syphilis. 


301 


recht interessanter Fälle muss im Originale nachgelesen werden, die Haupt¬ 
regeln der Behandlung lassen sich in Folgendem zusammenfassen: 1. Es 
sollen möglichst schwache Ströme angewendet werden, damit eine langsame 
„chemische Absorption“ der Strictur erzielt wird („keine Cauterisation?“). 
2. In Contact mit der Strictur kommt das eiförmige Metallende der im 
Uebrigen isolirten Bougies (mit kurzer Krümmung). 3. Bei der Operation 
wird die grösste Vorsicht angewendet um event. Shok zu vermeiden. Man 
steigt langsam von Element zu Element, um die Empfindlichkeit des 
Patienten auf elektrische Ströme zu prüfen, wiederholt Sitzungen erst nach 
einigen Tagen, wendet niemals zwei Elektroden-Bougies hinter 
einander an. Die Bougies müssen die Stricturen ohne die geringste 
gewaltsame Beihilfe passiren. 4. Anaesthetica sind contraindicirt, da der 
Patient gerade fühlen soll. Bei Entzündungsvorgängen wird die Elektrolyse 
ausgesetzt. 5. Der Strom wird erst geöffnet, wenn die Bougies bereits ein¬ 
geführt sind und geschlossen, ehe sie entfernt werden. 6. Jede Strictur kann 
auf diesem Wege passirt werden. Löwenhardt. 

Desnos (36) berichtet über folgenden anamnestisch und klinisch 
interessanten Fall: Ein Mann von zweiundfünfzig Jahren hat vor zweiund- 
dreissig Jahren eine ohne Einspritzungen behandelte, sehr lange währende 
Gonorrhöe gehabt; seitdem völlige Gesundheit. 1885 zwei Monate lang 
Entleerung von Eiter aus dem Rectum ohne sonstige Beschwerden, einige 
Monate darauf Bildung eines Abscesses, der nach der Incision mit Hinter¬ 
lassung einer Fistel heilte. Im December 1886 begannen Defäcations- 
beschwerden; im Jänner 1887 Bildung eines neuen Abscesses links am Peri¬ 
neum, dicht am Scrotuni; die frühere Fistel bestand noch immer; sie war 
ebenfalls nach der linken Seite des Perineums gerichtet — vom Rectum 
durch eine dichte Gewebsschichte getrennt. Die geschilderten Erscheinungen 
konnten weder vom Rectum noch von dem Knochen ausgehen; dagegen 
bestand eine Urethralstrictur in der Gegend des Bulbus urethrae und gleich 
hinter der Analöffnung konnte eine klappen artige, das Rectum verengernde 
Vorwölbung im Niveau der Basis der Prostata constatirt werden — oberhalb 
derselben fand sich nur eine fibröse Induration — vom Drüsengewebe der 
Prostata keine Spur. Es muss sich also um einen der bei Stricturen gar 
nicht seltenen Prostataabscesse gehandelt haben, der sich nach aussen ent¬ 
leert und zu einer Zerstörung der Prostata geführt hatte. Der Abscess 
wurde gespalten, eine kleine Fistelöffnung blieb zurück. Im September 1887 
kam der Patient wieder ins Hospital. Er hatte jetzt eine am Rectum hinauf 
führende Fistel und die Rectalstrictur hatte sehr zugenomraen: von der 
Proßtata war nichts zu fühlen. Der Verfasser macht auf die Seltenheit des 
Falles aufmerksam. Die Prostataeiterung war nach seiner Anschauung die 
Ursache der Rectalstrictur gewesen; nur noch ein ähnlicher Fall ist ihm 
bekannt; Tuberculose glaubt er ausschliessen zu können. Die Erfolge der 
Behandlung — Spaltuug der ganzen Fistel — werden noch nicht mitge- 
theilt. J adassobn. 

Eine kurze und klare Uebersicht gibt Wilson (37), indem er sich an 
die Untersuchungen von Cruveilhier, Mercier etc. und besonders an 
Thompson hält. Eine eingehende Berücksichtigung findet in der Betrach¬ 
tung .der pathologischen Zustände nur der sogenannte „mittlere Lappen“, l# 
besser mittlere Partie genannt, da er keinen isolirten Th eil darstellt, dessen 
senile Vergrösserung mit gewissen Involutionsvorgängen des Uterus ver¬ 
glichen wird und keinerlei entzündliche Vorgänge darbietet. Einen opera¬ 
tiven Eingriff hält Verfasser nach Erschöpfung sämmtlicher Palliativ-Mass¬ 
nahmen für angezeigt und spricht sich im Allgemeinen auch gegen die 
partielle Excision des Lappens aus, wie sie jetzt von Länderer (Deutsche 
Yierteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1888. -0 


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Bericht Aber die Leistungen auf dem Gebiete 


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Zeitschr. f. Chir.) mit Hilfe des medianen Perinealschnittcs ausgefahrt 
wurde und früher schon von Mercier geübt ist. Drei Patienten des Letz¬ 
teren hatte Guyon Gelegenheit nach längerer Zeit zu untersuchen und war 
mit den Resultaten nicht zufrieden. Erwähnt wird noch die elektrische 
operative Behandlungsmethode BottinTs, der guten Erfolg hatte. 

Um dem Mangel eines vergleichenden Massstabes für die Beurtheilung 
der Prostatagrösse und -Veränderungen abzuhelfen, fertigt Fenwick (38) 
Thonmodelle an. Während der Zeigefinger der rechten Hand Stück für Stück 
genau die hintere Blasenwand und Prostata abtastet, fährt der linke Index 
in gleicher Weise über den vorher verfertigten provisorischen Thonabdruck. 
Durch die gleichmässige Bewegung der beiden tastenden Finger sollen 
überraschend genaue Abdrücke hergestellt werden können. 

New in an (39) war beständig bemüht, die von ihm erfundene und 
im Juni 1886 in St. Louis der amerikanischen uiedicinischen Gesellschaft 
vorgeführte galvanokaustische Sonde zu verbessern, um für Blasen- und 
Urethraloperationen ein brauchbares Instrument zu erhalten. Die genaue Be¬ 
schreibung muss im Original nachgelesen werden. Das kurz gekrümmte 
katheterförmige, handliche Instrument ist gefenstert-, in diesem Fenster 
befindet sich eine galvanokaustische Schlinge. Die wesentlichen Vorzüge 
bestellen in der constanten Controle des Stromunterbrechers durch den 
Zeigefinger, dem exacten Arbeiten der Platinschlinge, welche nicht durch 
Gewebstrümmer isolirt werden kann, da die Katheterhöhlung gefüllt, und 
der leichten Handhabung ohne Assistenten. Wie Referent schon Gelegenheit 
hatte, bei Besprechung der vorzüglichen Resultate der elektrolytischen Be¬ 
handlung der Strictnrcu auseinander zu setzen, verlangt New mann eine 
besondere Fürsorge für die elektrischen Apparate; auch für die Galvano¬ 
kaustik ist eine gewisse Controle nöthig, so dass im Augenblick des Strom¬ 
schlusses eine Rothglühhitze cintritt, welche kurz vor der Weissglühhitze 
ist. Für die galvanokaustische Prostatotomie zieht Verfasser den hohen 
Steinschnitt deshalb vor, weil eine Verletzung der Ureteren nicht vorkäme, 
einer Perinealfistel vorgebeugt würde, die Nachbehandlung und der Blasen- 
katarrh besser behandelt werden könne, besonders aber der Operateur sieht, 
was er thut, und nicht im Dunkeln arbeitet. Es ist hier nicht der Ort, die 
schon oft discutirte Frage, ob Perinealschnitt oder Sectio alta vortlieilhaftcr, 
zu beleuchten. Jedenfalls gewährte auch dem Dr. Lange (Ann. of. Surgery, 
Vol. V, pag. 558) die Sectio alta mit nachfolgender galvanokaustischer Prosta¬ 
totomie bei einem sechzigjährigen Manne ein vorzügliches Resultat. Der 
Fall war noch durch die Anwesenheit von zwei Steinen complicirt. 

Löwenhardt. 

Thompson (40) berichtet in der Sitzung der Clinical Society of 
London vom H. November 1887, über einen Fall von enormer Prostata¬ 
hypertrophie mit multiplen freien und abgefiachten Blasensteinen. Jahre¬ 
langer Katheterismus war voraufgegangen, der vierundsechzigjährige Patient 
sehr heruntergekommen. Der freie Stein wurde in einer Sitzung lithrotripsirt, 
die abgesackten durch den medianen Perinealblasenschnitt entfernt. Da die 
Reizerscheinungen fortdauerten, machte Verfasser ein halbes Jahr darauf 
den hohen Blasenschnitt, reinigte die Blasenschleimhaut gründlich von fest 
adbärirendem, fibrinösem, mit Phosphaten durchsetztem Belag, und entliess 
•den Patienten, der sich rasch erholte, mit einer silbernen Bauchplatte, 
welche ein in die Blase reichendes weiches Katheterstück und daran be¬ 
festigt ein Receptaculum uiinae trug. Patient befindet sich jetzt nach 
anderthalb Jahren kräftig und wohl-, der Urin ist klar und normal. 
Thompson empfiehlt das neue Verfahren sehr warm für derartige schwere 
Fälle. In derselben Sitzung berichtet dann Gill über drei Fälle von hohem 


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der Syphilis. 


303 


ßlasenschnitt und Resection der bypertrophirten Prostata vom Inneren 
der Blase aus. Alle drei Fälle verliefen mit ausgezeichnetem Erfolge; der 
Urin wurde gewöhnlich schon am Tage nach der Operation klar, die Bauch¬ 
wunde heilte ohne Fistel und der Urin konnte in allen Fällen trotz vor¬ 
herigen jahrelangen Gebrauches des Katheters gut retinirt und spontan 
entleert werden. Auch Bar well berichtete über günstige Resultate dieser 
Operation in einer Reihe von Fällen. Thompson drückte seine grosse 
Freude über die Erfolge aus, doch meinte er, dass man nicht in allen 
Fällen, wo jahrelanger Katheterismus voraufgegangen, auf die Herstellung 
der musculären Function der Blase rechnen dürfe und dann, dass seine 
Methode der permanenten Drainage der Blase durch den hohen Schnitt die 
Vorteilhafteste sei. In der Discussion äusserte sich die allgemeine Stimmung 
für das Verlassen der Operation der Prostatahypertrophie vom Damme aus 
und für das Freilegen des Operationsfeldes von der Blase aus. Arning. 

Thacher (41) stellte einen — zum Theil in der Prostata gelegenen 
Urethralabscess vor; es fanden sich ferner folgende Veränderungen: Chro¬ 
nische Cystitis, Hypertrophie der Blase, Dilatation des einen, Verdickung 
des anderen Ureter, eitrige Nephritis und Pyelitis — zum Theile diphtheri- 
tischer Natur — in der einen Niere. Klinisch war nur Schmerz in der Nieren- 
und Blasengegend und Incontinenz beobachtet worden. Keine Strictur. Näheres 
über die Aetiologie ist in dem kurzen Referat nicht angegeben. 

Jadassohn. 

Montaz (42) macht auf eine neue acute Form von Tuberculose des 
Hodens und Nebenhodens aufmerksam, die sich im Anschlüsse an acute 
oder chronische Blennorrhöe entwickelt. Sie gleicht anfangs der blennor- 
rhoischen Affection, doch bleibt trotz aller Behandlung auch nach Wochen 
noch der Hoden geschwollen, wenn auch schmerzlos. Schliesslich bilden sich 
Erweichungsherde und Abscesse; das Bild der tuberculösen Orchitis ist 
fertig. Verfasser meint, dass Tripperkranke tuberculöser Hodenerkrankung 
stets ausgesetzt sind, besonders wenn es sich um hereditär oder anderweitig 
tuberculös belastete Individuen handelt. Block. 

Kadler (43). Es werden Pinselungen der Feig Warzen mit Sublimat- 
collodium als etwas Neues empfohlen. 

Falcone (44). Ein Schiffskoch erkrankte nach einem unvorsichtig 
genommenen kalten Bade au einer rheumatischen Affection der unteren Ex¬ 
tremitäten, verbunden mit sehr heftigen Schmerzen längs der Wirbelsäule. 
Die Erkrankuug liess eine Parese der unteren Extremitäten zurück, die 
eine neunmonatliche Behandlung nothwendig machte. Zwei Jahre darauf, 
nachdem der Kranke längst wieder hergestellt war, acquirirte er eine Ure¬ 
thritis, zu welcher nach wenigen Tagen neuerdings eine schmerzhafte Schwel¬ 
lung der Gelenke an den unteren Extremitäten trat. Nach der Ansicht 
Falcone’s hat die Blennorrhagie durch Reizung der nervösen Centren auf 
reflectorischem Wege die Arthritis hervorgerufen. Für ihn steht es ausser 
Zweifel, dass im vorliegenden Falle die vorhergegangenen spinalen Störungen, 
zur Entwickelung der Arthritis blennorrhagica wesentlich beitrugen. 

Dornig. 

Bei einer eitrigen Kniegelenksentzündung, welche das Recidiv einer 
vor zwei Jahren zuerst aufgetretenen gonorrhoischen Gonitis darstellte, fand 
Aubert (45) in dem mittelst Pravaz'schor Spritze entnommenen Eiter keine 
Gonococeen und schliesst daraus, dass diese bei allen derartigen Gelenks- 
affectionen fehlen. Jacobi. 

Wagner (46) benutzte in zehn Fällen von Spermatorrhöe den elek¬ 
trischen Strom mit im Allgemeinen günstigem Erfolg. Den faradischen Strom 

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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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empfiehlt Verfasser besonders bei Onanisten and dergleichen, den galvani¬ 
schen bei Spermatorrhöe auf gonorrhoischer Basis, und zwar soll man die 
Anode in der Gegend des Lendenmarks, die Kathode auf dem Damm auf¬ 
setzen. Herxheimer. 

Nachdem man als die Ursache der Impotenz eine ausserordentliche 
Hyperästhesie der tieferen Theile der Urethra entdeckt hat, muss dieselbe 
entweder durch Sedativa oder Gegenreize beseitigt werden. Zu dem Zwecke 
kann man entweder Zugpflaster oder Blutegel zu beiden Seiten der Raphe 
des Perineums appliciren; ferner Morphium, Belladonna, Cocain, Eis oder 
Eiswasserinjectionen ins Rectum, oder wenn das nicht hilft, kann man die 
drei genannten Medicamente in die Urethra injiciren und alle paar Tage 
eine stählerne Sonde von starkem Kaliber einführen. Sobald die Reizbarkeit 
der tieferen Theile der Urethra sich gemildert hat, muss man eine Elektrode 
in Gestalt eines Bougies in die Urethra einffihren, während man die andere 
auf die Wirbelsäule aufsetzt. Phosphorigsaures Zink, Strychnin oder Can- 
thariden sind nur von Vortheil bei vorhandener Anästhesie der Nerven. 

Zeising. 

Stewart ( 48 ). Die congenitale Phimose, welche meist mit dem Ein¬ 
treten der Erectionen des Penis verschwindet, ist ein sehr häufiges Vor¬ 
kommnis und die Quelle mannigfaltiger Leiden der Kinder. Bei der Unter¬ 
suchung findet man die Glans gewöhnlich vollständig versteckt, an ihrer 
ganzen Oberfläche mit der Schleimhaut des Präputiums verwachsen, dazwi¬ 
schen hie und da kleine harte und reizende Substanzen von käsiger Be¬ 
schaffenheit eingebettet, hinter der Corona eine noch grössere Anhäufung 
dieser Massen. Dabei ist die Oeffnung des Präputiums zuweilen nur steck¬ 
nadelkopfgross. In Folge davon uriniren die Kinder häufiger, die Windeln 
sind beständig nass, der Penis und die umgebenden Theile gereizt und 
entzündet. Besonders ist letzteres der Fall an der Mfindung der Urethra, 
wodurch beim Urinlassen die heftigsten Schmerzen entstehen, welche die 
Kinder durch lautes Schreien zu erkennen geben. Die Phimose kann nun 
die Veranlassung zur Onanie werden und so auf das Allgemeinbefinden 
nachtheilig ein wirken. Aber auch andere, auf dem Wege des Reflexes zu 
Stande kommende Störungen können mit Phimose in Zusammenhang stehen, 
z. B. Krämpfe, welche gewöhnlich auf das Zahnen, Verdauungsstörungen 
und Eingeweidewfirmer zurückgeführt werden. Stewart führt einen Fall 
von Krämpfen mit nachfolgender Lähmung der einen Körperhälfte und der 
Sprache an, den er durch Circumcision der bestehenden, bedeutenden, starke 
Entzündungserscheinungen verursachenden Phimose. geheilt hat. nachdem 
innerliche Medication gar keinen Erfolg gehabt hatte. Da nun aber bei den 
meisten Eltern, besonders bei den Müttern der Vorschlag einer blutigen 
Operation fast stets auf Widerspruch stösst, so hat Verfasser eine neue 
Methode der Behandlung ersonnen. Bei der Phimose ist die äussere Haut 
des Präputiums schlaff und frei, die Schleimhaut dagegen hängt häufig mit 
der ganzen Oberfläche der Glans penis zusammen. Selbst nach der Circum¬ 
cision kann in diesen Fällen die Vorhaut nicht zurückgezogen werden, 
wenn man nicht die Schleimhaut abreisst oder zuvor spaltet. Um nun das 
Präputium durch unblutige Operation zurückbringen zu können, hat Stewart 
ein Instrument erfunden, welches mit seinen vier Blättern die Theile 
der Schleimhaut gleichmässig dehnt und zu gleicher Zeit die Adhäsionen 
allmälig löst. Hat man so den vorderen Theil der Glans blossgclegt, so 
kann man, falls sehr feste Verwachsungen vorhanden sind, dieselben bis 
zar Corona hin mit dem platten Ende einer Sonde zerreissen. Dabei findet 
man hie und da stecknadelkopfgrosse harte Granulationen zwischen Glans 
und Schleimhaut des Präputiums eingelagert, welche als Fremdkörper nach- 


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der Syphilis. 


305 


theilig wirken; hinter der Corona in'der Regel eine grössere Anhäufung 
von Smegma. Dann werden die Theile mit einer Salbe eingefettet, die Vor¬ 
haut vorgezogen und die Operation ist ohne oder nur mit ganz minimaler 
Blutung vollendet. Die Anästhesie wird durch zehn Percent Cocain bewirkt. 
Beim Einfahren des von Stewart sogenannten „Präputialdilatators“ in die 
Oeffnung des Präputiums muss man sich vorsehen, dass das Instrument 
nicht in das Orificium urethrae gelangt, weil sonst beim Auseinanderweicben 
der Blätter eine Zerreissung der Urethra erfolgt. Das Präputium darf nicht 
plötzlich gedehnt werden, damit weder Schleimhaut noch Haut einreisst 
und so bei der Heilung durch Narbencontraction wieder eine Verengerung 
entsteht. Besser ist es, besonders in schwierigen Fällen, von Zeit zu Zeit 
die Operation zu wiederholen, bis sie vollständig gelungen ist. Das 
Stewart’sche Instrument besteht in einer über die Fläche gebogenen Scheere, 
welche vier Blätter hat, die sich beim Schliessen der Scheerengriffe von 
einander entfernen. Zwischen letzteren befindet sich die Feder, welche den 
Zweck hat, im Ruhezustände die Griffe auseinander-, die Blätter dagegen 
zusammenzuhalten. Z eising. 


Venerische Helkosen. 

1. Ingria V. E. Ulcere non infettanti della vagina. — Gazz. degli ospitali 
1887, 83. 

2. Mannlno L. Un nuovo mezzo di cura abortiva dei bubboni. — La 
riforma raed. 1887. 

3. Heatb. Concerning the treatment of bubo by extirpation of tbe 
Glands. — Buffalo, Medical and.Surgical Journ. Nr. V, December 1887. 

Entgegen den Behauptungen Rollet’s, Fournier’s, Profeta’s 
und Gamberini's beweist Ingria (1) an der Hand eines reichen klini¬ 
schen Beobachtungsmateriales, dass das Vorkommen venerischer Helkosen 
an der Vaginalschleimhaut kein gerade seltenes ist, und unter hundert Fällen 
ungefähr vierzehn Mal beobachtet wird. Die Helkosen haben ihren Sitz 
zumeist an der hinteren Wand im unteren Drittel der Vagina; im oberen 
Drittel findet man sie gewöhnlich am Scheidengewölbe, im mittleren sind 
sie am seltensten. Wie Ingria hervorhebt, findet seine Beobachtung in 
den Angaben Andronico's, Rasumow’s uud Jordan's ihre Bestätigung. 

Mannino’s (2) Ahortivcur der Bubonen besteht darin, dass in die 
Ahscesshöble der einfachen oder entzündlichen Bubonen wenige Tropfen 
einer einpercentigen Sublimatlösung mittelst der Pravaz'schen Spritze inji- 
cirt werden. Die Injectionen müssen wenigstens zweimal in Intervallen von 
zwei Tagen wiederholt werden. Nach dem Ausziehen der Nadel, die sehr 
dünn sein muss, wird die Einstichöffnung mit Bruns'scher Baumwolle be¬ 
deckt, worauf ein entsprechender Verband angelegt wird. Dornig. 

Exstirpation der Drüsen beim sogenannten Bubo hält Heath (3) für 
indicirt 1. bei den unregelmässigen Ulcerationen mit unterminirten Rän¬ 
dern und allen Zeichen des Zerfalls; 2. bei den chronisch entzündlichen 
Schwellungen mit Drüsen in den verschiedenen Stadien der Hyperplasie 
und des Zerfalls mit periglandulärer Induration und Eiterung, mit Fistel¬ 
gängen; 3. bei den sogenannten indolenten Tumoren; 4. bei alten indu- 
rirten, sinuösen Bubonen; 5. beim serpigiuösen Bubo; 6. bei den Drüsen¬ 
schwellungen im primären und secundären Stadium der Syphilis. Der Ein¬ 
griff ist nach Heath weder schwierig noch gefahrvoll: er conpirt den 
weiteren Verlauf der Erkrankung, er verhindert Recidive. Mit scharfem 
LOffel und Messerstiel ist alles Nekrotische zu entfernen; die unterminirten 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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Ränder müssen mit der Sclieere abgetragen werden. Die Exstirpation soll 
so früh als möglich geschehen, gleichviel ob eine Eiterung nachzuweisen 
ist oder nicht. Alte Fisteln spaltet man und ätzt man. Die Exstirpation 
syphilitischer Bubonen ist nur für gewisse Fälle und Individuen, namentlich 
scrophulöse, indicirt. Der Hautschnitt soll möglichst in der Längsaxe des 
Gliedes gemacht werden. Nach der Operation selbst empfiehlt Heath eine 
Aetzung mit Chlorzink, Jodoform, antiseptische Gaze, Sublimat-Holzwolle 
und festen Verband. Die tiefe Fascie schützt alle wichtigen Gebilde. Die 
von Winslow und Jones dreimal beobachtete consecutive Gangraena scroti 
ist nach Heath ein unerhörtes Vorkommniss. Er glaubt eher an eine 
trophische Ursache (Läsion des N. ilio-inguinalis), als an eine Fortsetzung 
der Entzündung. Und Heath erinnert sich hiebei an eine Radicaloperatiou 
von einer irreponiblen Hernie: auch hier folgte eine Gaugraena scroti mit, 
tödtlicbem Ausgange nach. Die Wunde selbst hatte ein ganz normales 
Aussehen und granulirte kräftig. Auch hier hält Heath eine trophische 
Störung nach analoger Nervenverletzung für sehr wahrscheinlich. 

Friedheim. 


Syphilis. Allgemeiner Theil. 

1. Brouardel« Differential-Diagnose zwischen Schanker und Herpes, über 
Vulvitis aphthosa und diphtherica, über Schwierigkeiten in der Unter¬ 
suchung. — Gaz. des Höp., 20 October 1887. 

2. Palmer« Periscope of syphilology. — American Practitioner and News, 
25. Juni 1887. 

3. Fournier« Document statistique sur les sources de la Syphilis chez 
la femme. — La seinaine mödic. 1887, Nr. 43. 

4. lMday« Etats morbides suite de syphilis, non syphilitiques. — Le Bull, 
mödic. 1887, Nr. 50. 

5. Carleton. Communicnbilify of Syphilis through the saliva. — British 
Medic. Journ. Nr. XII, 1887. 

6. Moffet E. Communication of Syphilis by tatooing. — Lancet 1887, 
Nr. 3349, pag. 910. 

7. Porter« Communicability of Syphilis through the Saliva. — BritLh 
Medic. Journ., 10. December 1887. 

8. Lewentaner M. Ueber Beschneidungssyphilis. — Monatsh. f. prakt. 
Derm. 1887, Nr. 20, pag. 904. 

9. Dietrich« Die Palpation der Lymphdrüsen. — Aus den Sitzungsberich¬ 
ten der physikal. medic. Societät zu Erlangen, 19. Juli 1880. 

Brouardel (1) recapitulirt das Schema Fournier’s: er betont am 
Herpes: 1. die polycyclische Anordnung; 2. die Abwesenheit von Drüsen- 
affectionen; 3. die fehlende Härte des Grundes; 4. die geringe Tiefe der 
Uleeration; 5. das Jucken, die Kratzeffecte; 6. die mangelnde Contagiosität 
Die Vulvitis aphthosa zeigt eine deutliche Tendenz zur Geschwürbildung 
wie zur Gangrän. Dasselbe behauptet Brouardel von der Vulvitis dipli- 
theritica: die Vaginalsclileimhaut ist ein Prädilectionssitz der Diphtherie. 
Brouardel erwähnt die Schwierigkeiten, welche durch die Untersuchung 
venerischer Kranker erwachsen können. Brouardel hält eine Uebcrtragung 
blennorrhoischer Secrete, welche mehrjährigen Krankheitsherden entstam¬ 
men, für absolut unmöglich und wirkungslos. Weiterhin erinnert er an 
diejenigen Fälle von Syphilis, in denen das Krankheitsstadium des Infiei- 
renden ein viel früheres zu sein scheint, als dasjenige der inficirten Person. 
Ein solcher Fall kann eintreten, wenn beide Individuen in nicht grossen 
zeitlichen Abständen erkrankten, wenn die Syphilis bei dem einen (zuletzt 
inficirten) Individuum stürmisch verläuft. Brouardel zählt die Bade- 


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der Syphilis. 


307 


schwämme za den gefährlichsten Infectionsträgern der Syphilis. Er spricht 
über die gewaltsame Schäudang, über die extragenitalen Symptome der¬ 
selben. Je brutaler der Gewaltact ist, je verzweiflungsvoller das Opfer sich 
wehrt, um so mehr springen jene letzteren hervor. Man findet sie im 
ganzen selten, dann aber charakteristisch ausgebildet in der Umgebung 
der Genitalien, an Arm- und Handgelenk, an Knie und Oberschenkeln. 
Wohl zu unterscheiden sind die bedeutungslosen Pigmentirungen der In¬ 
guinalregion. Diagnostisch wichtig sind hingegen die Ecchymosirungen der 
Brüste. Brouardel citirt den Fall Tardieu’s, in dem der Busen des 
Weibes von den Zähnen zerfleischt war. Die oberflächlichen Verletzungen 
ziehen, falls sie blutig sind, unmittelbar die Blutung nach sich; die tieferen 
Läsionen führen oft erst nach Tagen zur deutlichen Wahrnehmung einer 
Hämorrhagie. Brouardel berührt sodann flüchtig die Blutungen der Simu¬ 
lanten etc., welche zumeist durch Ansaugung entstehen. Er wendet sich 
zu den Rupturen der Scheide. Solche hält er für möglich einmarl in Folge 
roher Digitalexploration, sodann bei älteren Frauen, welche geboren haben, 
als Folge einer brutalen Cohabitation. Den Jungfrauen ist ein Schutz ge¬ 
geben gegen Vaginalperforation durch die Hemmung im Introitus vaginae, 
durch die consecutive Abschwächung des Anpralls, den die Scheidenwand 
durch den Penis erleidet. Hämorrhagien, Metrorrhagien, retro-uterine Hä- 
matocelen, Beckenperitonitiden können für einen Gewaltact sprechen. Beim 
Lustmord findet die Schändung des Opfers theils vor theils nach dem Tode 
desselben statt: bald sieht man die Spuren der Strangulation, bald Schnitt¬ 
wunden. Ein sicherer Beweis für Cohabitationen intra vitam liegt in Blu¬ 
tungen des Hymen. Von juristischer Bedeutung für den Nachweis von Co- 
habitationen kann die Auffindung von Spermatozoon innerhalb der Scheide 
sein; man hat solche noch acht Tage nach dem Tode der Frau in lebhafter 
Bewegung gesehen. Friedheim. 

Palmer (2) lieferte ein Referat über die während der letzten zwölf 
Monate interessirenden und discutirten Punkte, betreffend die venerischen 
Krankheiten. In Boston stellten sich, wie Grunough berichtet, unter 1593 
in städtischen Hospitälern behandelten Fällen 391 als Ulcer. dura, 219 als 
Ulcer. mollia, 931 als zweifelhaft und 52 als Herpes progenital, heraus, 
also ein Verhältnis», der Ulcer. mollia zu den anderen Processen wie 1:4, 
während in der Privatpraxis das Verhältniss sich 1: 10 stellte. Es stellt 
sich dabei wiederum eine Abnahme der Zahl der weichen Schanker heraus. 
Dr. Arthur stellte aus der militär-ärztlichen Praxis durch Beobachtung an 
33.000 Menschen während zehn Jahren einundvierzig Fälle von Entstehung 
des Piimäraffectes auf secundärera Wege zusammen; in zwölf Fällen von 
Lippenscbanker glaubt er an directe Uebertragung von der Vulva. Es 
folgt die Erörterung der Fournier’schen Frage: Kann der Vater das Kind 
inßciren, die Mutter aber gesund bleiben? Ferner wird erörtert: die Be¬ 
ziehung der Syphilis zur Eheschliessung. Ein grosses Interesse wendet man 
der Behandlung der Gonorrhöe zu. Die Entfärbung des Gonococcus durch 
die Granfsche Methode, wie sie Roux jetzt wieder als Kriterium auf¬ 
gestellt hat, wird besprochen. Als bestes Mittel empfiehlt sich warme Irri¬ 
gation mit Sublimatlösung und Borsäure; auch Hydronaphthol und Thallin 
sulf. werden als Ansiseptica gerühmt. Dr. Brever verlangt für die Be¬ 
handlung einer frischen Gonorrhöe zwei Wochen, eine Zeit, die durch zweck¬ 
mässige, hygienische Massregeln noch verkürzt werden könne. Die Zahl der 
Complicationen ist bei der Behandlung mit reichlicher Irrigation bedeutend 
vermindert. Vor der Urethrotomie empfiehlt sich die innerliche Verabrei¬ 
chung von 0*6 Gr. Acid. boric., um den Urin steril zu machen. 

Löwenhardt. 


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Bericht über die Leistungen auf ilem Gebiete 


Fournicr (3) gibt, um zu zeigen, wie gross der Percentsatz der 
„Syphilis des innocents“ ist, eine sorgfältige Statistik über 887 luetische 
Frauen seiner Privatpraxis, über die er genauere Aufzeichnungen gemacht 
hat. Darunter sind 8iS Fälle von auf sexuellem Wege acquirirter Lues, 
45 (also fünf Percent) von anderweitiger zufälliger Infection (sieben here¬ 
ditäre Lues, vier zufällige Infection im Kindesalter, acht durch Säuglinge 
inficirte Ammen, fünf bei Ausübung ihres Berufes angesteckte Hebammen, 
zwölf Infectionen durch Ammen, Dienstmädchen etc., zwei durch Vaccina- 
tion, zwei durch Katheterismus der Tuba Eustachii, einer durch Notlr/ucht, 
vier auf unbekanntem, aber sicher nicht geschlechtlichem Wege erworbene). 
Von den 842, durch sexuellen Verkehr inficirten Frauen waren 220 ver¬ 
heiratet; auf Grund einer sehr sorgfältigen Beachtung aller — bei solchen 
Aufzeichnungen natürlich sehr grossen — Fehlerquellen berechnet Four- 
nier, dass 19—20 Percent aller dieser Frauen in der Ehe durch ihre 
Gatten inficirt seien; er betont, dass diese Zahl ein — sicher zu kleines — 
Minimum sei, zu dem jedenfalls noch die fünf Percent der zufälligen In¬ 
fectionen hinzuzurechnen seien. Also in der Privatpraxis Fournier's 
kamen auf 100 syphilitische Frauen 21 — 25 „ohne Schuld“ inficirte. Mit 
Recht hebt der Verf. hervor, dass diese abschreckend grosse Zahl, über die 
er selbst erstaunt gewesen ist, in der That auch Diejenigen auf die Notli- 
wendigkeit sorgfältigster Prophylaxe hin weisen müsse, welche noch auf 
dem Standpunkte ständen, dass die Lues eine verdiente Strafe für Aus¬ 
schweifungen sei. Jadassohn. 

Diday (4) bespricht die von Fournicr als „recidivirender Herpes 
an der Zunge Syphilitischer“ beschriebene Erkrankung. Verf. hat diesen 
Herpes schon vor längeren Jahren beschrieben, aber inzwischen seine 
Meinung über die Unschädlichkeit aufgegeben, da er in zwei Fällen die 
specifische Natur der Affection durch Uebertragung auf die Frauen der be¬ 
treffenden Kranken constatiren konnte. Verf. hält die Erkrankung nicht für 
einen echten Herpes und meint, dass in solchen FäHen die Heirat nicht 
zu gestatten sei. Jacobi. 

Carleton (5) publicirt einen Fall von Syphilis-Uebertragung durch 
den Speichel, der demjenigen von Porter (British Medical Journal, 10. De- 
cember 1887) analog ist. Es handelt sich um eine Tättowirung. Der Opera¬ 
teur war im tertiären Stadium der Syphilis, Der Tättowirte bekam zwei 
Schanker auf den tättowirten Vorderarmen. Ein Bubo axillaris vereiterte, 
bevor die localen Symptome an den Armen hervortraton. Der Operateur 
hat, wie man sicher beobachtete, mehrmals auf die Arme bei dem Acte 
selbst gespieen, wahrscheinlich, um das Blut mit dem Speichel abzuwischen. 
Die antispecifische Cur des Tättowirten war erfolgreich. Friedheim. 

Moffet (6) berichtet über drei Fälle von Uebertragung von Syphilis 
durch Tättowirung. Bei allen drei Patienten, Soldaten, war frühere Infection 
ausgeschlossen, und ein typischer Primäraffect auf der Tättowirungsstelle 
mit sich anschliessenden Allgemeinerscheinungen vorhanden. Sehr merk¬ 
würdig erscheint die bei allen Fällen auffallend lange Incubationszeit (circa 
fünf Monate); Moffet will diesen Umstand durch Nichtbeachtung der 
ersten Symptome erklären. Arning. 

Porter (7) erzählt folgenden Fall von Syphilis-Uebertragung durch 
den Speichel. Ein englischer Corporal wurde im Hospital zu Dover wegen 
zweier Ulcerationen des linken Vorderarmes behandelt. Eine Woche vor 
der Entlassung liess er sich von einem Kameraden, der nachweislich syphi¬ 
litisch war, tättowiren. Die Vorderarm-Geschwüre vergrösserten sich; sie 


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der Syphilis. 


309 


zeigten keine Tendenz znr Heilung; sie glichen schliesslich Schankerge¬ 
schwüren. Die Axillardrüsen schwollen gross nnd hart an. Ein charakte¬ 
ristisches Exanthem folgte nach. Der Patient gab an, dass sein Kamerad, 
der ihn tättowirte, wiederholt bei diesem Act auf seinen Arm gespieen nnd 
den Speichel auf letzterem verrieben habe, um das Blut abzuwischen. Der 
Patient wurde antisyphilitisch behandelt. Der Erfolg der Therapie war 
langsam eintretend, aber deutlich. Die constitutioneile Erkrankung des 
Inficirenden war durch das Hospital, in dem er früher antisyphilitisch be¬ 
handelt worden war, sicher constatirt. Friedheim. 

Lewentaner (8) berichtet über einen äusserst fragmentarisch beob¬ 
achteten Fall, von welchem es dem Verf. nicht zweifelhaft ist., dass es sich 
um acquirirte und zwar durch die Beschneidong übertragene Syphilis han¬ 
delt, während dem Ref., soweit es nach den wenigen mitgetheilten Er¬ 
scheinungen zu beurtheilen ist, nicht einmal die Diagnose Syphilis festzu¬ 
stehen scheint. Besser. 

Dietrich (9). Die unter Prof. Penzoldt angefeTtigte fleissige Ar¬ 
beit, welche, obwohl statistischer Natur (die zahlreichen Tabellen müssen 
im Original nachgelesen werden), durch die überraschenden Resultate durch¬ 
aus nicht trocken erscheint, sondern in hohem Grade anregend wirkt, be¬ 
handelt im I. Theil die Palpation der Lymphdrüsen bei Gesunden. Bei 
439 Gesunden (Soldaten und Realschülern) fanden sich in 99 Percent 
palpable Drüsen, und zwar waren palpabel Occipitaldrüsen in 2*2 Per¬ 
cent, Halsdrüsen (Cervical- und Supraclaviculardrüsen) in 79 4 Percent, 
Axillardrüsen in 72*4 Percent, Cubitaldrüsen in 82*6 Percent und Inguinal- 
drflsen in 92*9 Percent. Auch wenn man diejenigen Fälle ausschaltet, wo 
begleitende Hautaifectionen (12t Fälle) vorhanden waren, und diejenigen, 
die einige Zeit vor der Untersuchung eine Krankheit Überstunden haben 
(98 Individuen), Verhältnisse, die auf die Drüsenvergrösserung vielleicht 
von Einfluss waren, so waren bei den restirenden 220 gesunden Individuen 
immer noch in denselben obigen Percentsätzen Drüsen fühlbar. Soviel steht 
also fest, dass fast alle gesunden Menschen in irgend einer Kör- 
perregion palpable Lymphdrüsen haben. Inguinal-, Cnbital- und 
Halsdrüsen sind in der Mehrzahl der Fälle beiderseits vorhanden, Axillar¬ 
drüsen eben so oft einseitig als doppelseitig, Occipitaldrüsen meist ein¬ 
seitig. Kinder bis zum zwölften Lebensjahre zeigen häufiger palpable 
Drüsen als Erwachsene. Die Anzahl der in den verschiedenen Kfirperregio- 
nen palpablen Drüsen ist an den Stellen am grössten, wo überhaupt die 
meisten Lymphdrüsen liegen, sie nimmt übrigens mit dem zunehmenden 
Alter ab. Ihre Grösse ist unabhängig vom Alter, durchschnittlich linsen- 
bis bohnengross. Der II. Theil der Arbeit beschäftigt sich mit der Pal¬ 
pation der Lymphdrüsen bei Syphilis (und Diphtherie, welch letztere wir 
hier übergehen). Unter 50 Patienten mit florider, secundärer Syphilis hatten 
palpable Occipitaldrüsen 8 Percent, Halsdrüsen 98 Percent, Axillardrüsen 
90 Percent, Cubitaldrüsen 72 Percent und Ingninaldrüseu 100 Percent; im 
Vergleich zu Gesunden ist also der Percentsatz der überhaupt fühlbaren 
Lymphdrüsen erhöbt, auch ihre durchschnittliche Zahl in den einzelnen 
Regionen und ihr durchschnittliches Volumen ist, wie weitere Tabellen 
zeigen, erhöht. Dagegen ist — entgegen der Annahme der meisten Autoren, 
conforra aber der Ansicht Bäumler's — die Cnbitaldrüsenscliwellung 
nicht charakteristisch für allgemeine Syphilis, da weder die An¬ 
zahl noch die Grösse der Cubitaldrüsen bei Syphilis vermehrt gefunden 
wurde; ja es fanden 6ich sogar dieselben (wohl zufällig) seltener palpabel 
bei Luetischen als bei Gesunden. Kuhn. 


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310 


Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


Syphilis. Haut und Schleimhaut. 

1. Cant« Clinical observations on „Induration“ in the primary lesion of 
syphilis in Women. — Medieo Chirurgical Transactions 1887. 

2. Moure E. J. Sur un cas de chancrc indunS de la fosse nasale droite. 
— Bullet, g£n. de th<5r. 9, 1887. 

3. Sherwell. Double chancre of the nipple. — Journ. of cut. and genito- 
urin. dis. 1887, Nr. 8, p. 311. 

4. Balzen V^g^tures syphilitiques. — La semaine m^dicale 1887, Nr. 44. 

5. Salsotto G. Di una forma non ancora descritta di sifilide cutanea. — 
Giorn. ital. delle mal. von. e della pelle 1887, 5. 

6. Horand M. Syphilide acn^ique du nez. — Lyon medical Nr. 42, 1887. 
Ca. Ehrmann« Ueber die Hautentfärbungen im Frühstadium, der Syphilis. 

— Internat, klin. Rundschau, 1887, 27 — 33. 

7. Klotz Hermann G. On the occurence of ulcers resulting from spon- 
taneous gangrene of the skin during the later stages of syphilis, and 
their relation to syphilis. — New-York Medical Journal 1887, Nr. 15. 
pag. 395. 

Die Induration als Symptom des syphilitischen Primäraffectes ist 
nach Cant (1) bei Frauen im Ganzen weniger häufig und weniger deut¬ 
lich ausgebildet, als bei Männern. Das Verhältnis« ist ungefähr derartig, 
dass in einem Drittel der Fälle die Induration sehr deutlich, in einem 
zweiten Drittel nur massig stark, im letzten Drittel aber fast gar nicht 
mehr wahrnehmbar ist. Die syphilitische Induration beim Weibe besitzt 
durchaus nicht immer jene auf die Basis des Primäraffectes beschränkte, 
von der Umgebung scharf abgegrenzte Localisation. Die Masse des Infiltrats 
nimmt zu von der dünnen Pergamentsklerose bis zu mächtigen Tumoren. 
Die Schwere der eonstitutionellen Erkrankung ist ganz unabhängig von 
diesen Differenzen. Die Induration beim Weibe ist oft eine progressive 
Infiltration nach Cant; der typische Hunter’sche Knoten ist beim Weibe 
selten. Am wenigsten ist die Induration ausgebildet an den Primäraffecten 
des Orificium vaginale. Die Verdickung tritt ein vom vierten bis vierund- 
dreissigsten Tage an nach Ausbildung des Geschwürs. In einem Falle 
beobachtete Cant sieben Tage nach Heilung des initialen Geschwürs selbst 
die Verdickung nur in der Umgebung desselben. Der histologische]Charakter 
des Zellinfiltrats ist meist derjenige einer chronischen oder subacuten, selten 
einer acuten Affection. Die Verhärtung ist am deutlichsten auf der Hohe 
der Geschwürsbildung, sehr oft in der zweiten Hälfte der Ulcerations- 
periode oder später selbst. Die Frage, ob jeder syphilitische Schanker hart 
sein muss, beantwortet Cant dahin, dass ausgesprochene Induration eben¬ 
sowenig den specifischen Charakter der Affection beweist, als eine fehlende 
Induration einem primären Geschwüre denselben raubt. Friedheim. 

Bei dem höchst seltenen Sitz des Primäraffectes in der Fossa nasa- 
lis ist die Mittheilung von Spencer Watson, welcher über eine cinund- 
dreissigjährige durch einen luetischen Säugling inficirte Amme berichtet, 
von Interesse. Der Schanker sass an der Innenseite des linken Nasenflügels 
und der Fall hatte grosse Aehnlichkeit mit dem von Moure (2) beobach¬ 
teten Patienten. Der rechte Nasenflügel ist durch das 2 Ctm. breite, 
dem Septum aufsitzende Ulcus abgehoben. Bei dem Infectionsmodus sei 
jedenfalls zu berücksichtigen, dass ausser der directen Uebertragung durch 
sexuelle Exeesse noch an die Möglichkeit der Ansteckung durch den Finger 
zu denken ist, mit dem Patient die Gewohnheit hatte, sich die Nase 
zu reinigen. Differentialdiagnostisch hebt Verfasser im Gegensatz zum 
Sarkom etc. hervor, dass die Drüsenschwellung charakteristisch sei und 


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der Syphilis. 


311 


frühzeitiger eintrete. Der Erfolg der antisyphilitischen Therapie wird 
schliesslich in zweifelhaften Fällen entscheiden müssen. 

Löwenhardt. 

Sherwell (3) berichtet über einen doppelseitigen SchankcT der 
Brustwarze, der durch das Säugen eines hereditär-syphilitischen Kindes 
entstanden ist. L e s s e r. 

Balz er (4) berichtet über zwei Fälle von syphilitischen Striae, die 
er in einem Fall bei einer Gravida, im anderen, ohne dass Gravidität 
bestand, beobachtet hat. Diese Striae charakterisiren sich dadurch, dass 
sie an den Stellen, an welchen vorher ein papulöses Exanthem bestand, 
auftreten und unterscheiden sich von den Striae gravidarum durch ihre 
runde Form und ihren Sitz. — In der sich hieran anschliessenden Debatte 
in der „Socitftö medicale des höpitaux“ wollen Millard, Guyot und 
Lallier für diese „Narben“ die Bezeichnung Striae nicht gelten lassen. 
Merklen meint, dass sie mit den von Fournier sogenannten „maculae 
atrophicae“ identisch sind. Jacobi. 

Salsotto’s (5) Arbeit hat eine, wie er glaubt bisher noch nicht 
beschriebene syphilitische Hautmanifestation zum Gegenstände, die ihren 
Sitz ausnahmslos im Gesichte hat und zwar an den Wangen, Nasenflügeln 
und Lippen, am häufigsten jedoch längs der Nasolabialfalten und im Sulcus 
mentolabialis. Dieses Syphilid besteht in schwach erhaltenen, hirsekorn- 
bis linsengrossen Papeln von kupferrother Farbe. Sitzen sie in den 
erwähnten Hautfalten, so zeigen sie eine lineare Anordnung, die der Rich¬ 
tung der Falten selbst folgt; in diesem Falle confluiren sie wohl auch und 
bilden dann etwas erhabene Leisten von homogenem Aussehen. Die Papeln 
bedecken sich alsbald mit dünnen Schuppen, welche sich rasch abstossen, 
um einer neuen Schuppenbildung Platz zu machen. Die Desquamation hält 
bis zum totalen Schwinden des Syphilides an, dessen früherer Sitz noch 
für längere oder kürzere Zeit durch einen mehr weniger intensiv gefärbten 
kupferrothen Fleck markirt bleibt. Salsotto schlägt für die in Rede 
stehende luetische Erscheinung den Namen „papulo-squamöses Gesichts¬ 
syphilid“ vor. Unter 500 weiblichen Kranken beobachtete er dieses Syphilid 
dreiundfünfzigmal, d. i. ein Verhältniss von 10*6: 100; bei Männern sah er 
es niemals. Alter, Constitution und Hautcolorit der Kranken scheinen 
darauf keinen Einfluss zu üben. Das papulo-sqamüse Gesichtssyphilid zeigt 
sich stets in der Frühperiode der Syphilis, in der Regel im ersten Jahre 
der Infection. Salsotto glaubt sich zu der Annahme berechtigt, dass die 
von ihm beschriebene luetische Manifestation eine besondere Form der 
Hautsyphilis darstelle und nicht als eine zufällige Localisation der Syphilis 
cutanea papulosa im Gesicht aufzufassen sei — eine Ansicht, die jeder 
stichhältigen Begründung entbehrt. Dornig. 

Ho rund (6) bringt aus der Zahl von dreizehn Beobachtungen einer 
syphilitischen Erkrankung der äusseren Haut der Nase zwei Fälle, einen 
bei einem Manne von achtunddreissig Jahren, der fünfzehn Jahre vorher 
syphilitisch inficirt war und einen zweiten bei einer Frau von zweiund¬ 
fünfzig Jahren beobachteten, bei welcher die Zeit der syphilitischen Infec¬ 
tion nicht genau bestimmt werden konnte. Verfasser beschreibt diese seltene, 
von ihm innerhalb achtzehn Jahren nur dreizehnmal beobachtete, immer 
dem Spätstadium angehörige Erkrankung folgendermassen. Es entwickeln 
sich auf der äusseren Haut der Nase, . selten auf den Wangen und der 
Oberlippe Acnepusteln, die entweder mit Eiter gefüllt oder von schwärz¬ 
lichen Borken bedeckt sind. Sie stehen entweder vereinzelt ohne irgend 
welche Anordnung, oder confluiren und bilden grössere Gesehwürchen. 


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312 


Bericht Ober die Leistungen auf dem Gebiete 


Zwischen ihnen finden sich nach längerer Zeit Narben, die an Blatternarben 
erinnern und von geheilten Pusteln stammen. Die Nase erscheint im 
Ganzen geröthet und etwas angeschwollen, ist dabei aber immer schmerzlos. 
Ein Uebergreifen auf die Schleimhaut findet niemals statt, ebensowenig 
wie eine Anschwellung benachbarter Lyrnphdrüsen. Sehr charakteristisch 
für diese Erkrankung ist, dass sie jeder localen Behandlung hartnäckig 
widersteht, dagegen einer specifischen Cur sofort weicht, wie dies in den 
vom Verfasser behandelten Fällen geschah, die nach kürzerem oder längerem 
Gebrauch von Jodkali vollständig heilten. Die Differentialdiagnose zwischen 
Acne syphilitica und Acne rosacea, Acne indurata, Impetigo, Lupus und 
Cancroid der Nase ist nicht sehr schwierig, wenn man die Entstehung, 
den Sitz und die Beschaffenheit der Pusteln, sowie vor allen Dingen die 
Erfolglosigkeit aller Heilverfahren, mit Ausnahme einer antisyphilitischen 
Behandlung in Betracht zieht. Jacobi. 

Ehr mann (6 a) hat bei der mikroskopischen Untersuchung des 
Leukoderms gefunden, dass eine grosse Anzahl der Infiltrationszellen in 
den Papeln mit Pigment versehen ist und dieses in die Epidermis trans- 
portirt; in den späteren Stadien gehen die an der Grenze des Papillar¬ 
körpers und des Epithels gelegenen sternförmigen Pigraentzellen zu Grunde 
und versorgen die Epidermis nicht mehr wie gewöhnlich mit Pigment; 
ist so die letzte pigmentfrei geworden, so erscheint die betreffende Stelle 
weich, auch wenn in dem Corium sich noch Pigment vorfindet. Bei den 
höheren Stadien der luetischen Infiltrationen schwinde in Folge der 
daraus resultirenden Circulationsstörung das — normalerweise aus den 
rothen Blutkörperchen entstehende — Pigment. Bei den stärker papulösen 
Syphiliden soll nach den Untersuchungen des Verfassers das Keratohyalin 
schwinden und in Folge dessen eine schiefergraue Färbung auftreten. 

Jadassohn. 

Klotz (7) hat in einigen Fällen von Spätsyphilis das Entstehen 
meist recht ausgedehnter Ulcerationen an den unteren Extremitäten beob¬ 
achtet, ohne dass gummöse Neubildung vorausging. Vielmehr entstand ohne 
alle Schwellung ein dunkelgrüner Fleck, der sich allmälig in einen Brand¬ 
schorf verwandelte, ablöste und ein scharfrandiges Geschwür mit flachem 
Rande, dunkelgrünem unebenen Grunde und seröser übelriechender Secre- 
tion zurückliess, welches demnach mehr einem Ulcus chron. cruris 
simplex, als einem syphilitischen Geschwür ähnelte. Stets bestand 
dabei bedeutendes Oedem der Extremität nebst beträchtlichen Schmerzen. 
Die antisyphilitische Therapie erwies sich in zwei Fällen als machtlos; in 
dem einen derselben erfolgte Tod durch Sepsis, der andere lebt noch, ist 
aber dauernd unfähig seine Beine zu brauchen; bei einem dritten endlich 
trat völlige Genesung ein. Verfasser hält, wohl mit Recht, das Krankheits¬ 
bild für das einer spontanen Gangrän und vermuthet als Ursache 
Endarteriitis obliterans syphilitica. Dass die antisyphilitische Be¬ 
handlung wenig oder nichts nützte, erklärt sich alsdann daraus, dass es sich 
hier eben nicht um Syphilis selbst, sondern um eine Folge der Gefäss- 
verstopfung handelte. Verfasser bedauert, dass er nicht durch eine Obdue- 
tion seine Vermuthung bestätigen kann, und will eben darum durch diesen 
auf dem internationalen medicinischen Congress zu Washington gehaltenen 
Vortrag die in jener Beziehung besser gestellten Collegen auf solche Fälle 
aufmerksam machen. Block. 


Viscerale Syphilis. 

i. Alk man John. Illustrations of syphilitic disease in the nervous System. 
— Glasgow Medical Journal, October 1887, pag. 258. 


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der Syphilis. 


813 


2. Glider. Beiträge zur Aetiologie der Geistesstörungen. — Aus dem 
Bericht über die Poramersche Provinzial-Irren&nstalt bei Ueckermünde 
1875-1887. 

3. De Renz! E. La sifilide dei centri nervosi. — La riforma med. 1887, 45. 

4. Bianch) L. Patogenesi della tabe con speciale riguardo alla sifilide. 
— Giorn. internaz. d. sc. med. 1887. (Ref. Giorn. ital. delle mal. ven. 
e della pelle 1887, 4.) 

5. Nenmann H. Zur Frage über die Beziehungen zwischen Tabes und 
Syphilis (aus dem städtischen Krankenhaus Moabit in Berlin). — Ber¬ 
liner klin. Wochenschr. 1887, Nr. 43. 

6. Naegeli. Ueber die Beziehungen der Lues zur Tabes dorsalis. — Inaug.- 
Dissertation, Zürich 1887. 

7. Bauer. Syphilitic Apoplexy etc. — The internat. Medic. and Surgic. 
Synopsis, Vol. 1, Nr. 2, October 1887. 

8. Hobbs A. G. (d’Atlante, Georgia A. U.) Denudation des faisceaux an- 
törieurs de la moölle consöcutive ä une ulc^ration syphilitique du 
pharynx. — Annal. des malad, de l’oreillo etc. T. XIII, Nr. 10, 1887. 

9. Schmlck. Ueber einen Fall von chronischer syphilitischer Leptomenin- 
gitis cerebralis. — Inaug.-Dissertation, Berlin 1887. 

10. Landet R. Des hömiatropliies de la langue d’origine syphilitique. — 
Annal. des malad, de l’oreille etc. T. XIIl, Nr. 12, 1887. 

11. Boek Albert H. A casc of rapid and almost total loss of hearing in 
a child, seven years of age; inherited syphilis apparently the cause; 
marked improveinent following the use of the iodide of potassium. — 
Medical Record 1887, pag. 453. 

12. Gradenigo G. Zur Lehre der primären Otitis interna. Die Otitis 
interna bei hereditärer Syphilis. — Arch. f. Ohrenheilkunde XXV. Bd., 
3. u. 4. H., 1887. 

13. Theobald. Affection syphilitique du labyrinthe. Compte rendu de la 
sociötü d’otologie d’Amerique. — Rev. mensuclle de laryngol. etc. 
8. annle, Nr. 10, 1887. 

14. Holm. Noglc Tilfaelde of anosmia syphilitica. — Hospitals-Tidende 
1886, Nr. 27. 

15. Mazsei. Due noteooli casi di aderenza del velo alla parete faringea. 
— Suppl. della gazz. degli ospitali 1887, 2. 

16. Scareuzio Angelo. La iritidc sifilitica considerata quäle sintoma tardivo 
anziche di ricaduta della sifilide. — Giorn. ital. delle mal. ven. e della 
pelle 1887. 4. 

17. Lncas Robert. Oase of syphilitic guinma situated in the trachea suceess- 
fully treated by large doses of iodide of potassium. — British Medical 
Journal, Dec. 21., 1887, N. 1408. 

18. Cnrtln Roland G. The influence of sea-air on syphilitic phthisis. (Der 
Einfluss der Seeluft auf syphilitische Phthise.) — Philadelphia med. 
Times Vol. XVDI, N. 522. 

19. Fraenkel Eug. Ueber Tracheal- und Schilddrüsen-Syphilis. — Deutsche 
med. Wochenschr. 1887, Nr. 48, pag. 1035. 

20. Sokolowski A. Ueber syphilitische Verengerung der Trachea und der 
Bronchien. — Gazeta Lekarska 1887, Nr. 35 u. 36. 

21. Heller A. Die Lungenerkrankungen bei angeborener Syphilis. — 
Deutsches Arch. f. klin. Mcdicin, Band 42, Heft 1—3. 

22. Devic« De la syphilis du poumon. — Province inedicale, 10., XII., 1887. 

23. Schuchter F. Ueber das Verhalten der Milz und Niere bei frischer 
Syphilis. — Wiener med. Blätter Nr. 41 u. 42, 1887. 


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314 Bericht ütn*r die Leistungen auf dem Gebiete 

24. TommasolL Contributo allo studio della milza in rapporto oolla sifi- 
lide. — Gazz. degli ospitali 1887, 89. 

23. Mauriac Cb. Diagnostic et pronostic du sarcockle syphilitique. — 
Gaz. des liöpit. .Nr. 131. 1887. 

26. Jäger* Zwei geheilte Fälle von syphilitischer Pseudo-Paralyse. — Revue 
mensuelle des malad, de Pcnfance 1887, Juli, pag. 322 u. f. 

27. Cazin et fscovesco« Des rapports du raehitisme avec la Syphilis. 
(Memoire couronn^ par PAcadeinie de medecine, prix de Hiygienc de 
Penfance. — Areh. gen. de med. 1887, Sept., Oct., Nov. 

28. Suckling« Syphilitie Epiphysitis. — British Medical Journal, 24, 
XII., 1887. 

29. Esclile. Beiträge zur Casuistik der syphilitischen Daetylitis. — Langen- 
becks Archiv, Bd. XXXVI, 2. 

30. SakotskL Chronic glanders simulating Syphilis. — Lancet 17, XII, 1887. 

Aikman (1) berichtet etwas unklar über drei Fälle, die er als 
typisch für die Syphilis des Nervensystems bezeichnet. Bei dem ersten, 
einer vierzigjährigen Patientin von liederlichem Lebenswandel mit syphi¬ 
litischer Anamnese, begann die Krankheit mit Kopfschmerz, bald zeigten 
sich Zeichen von Verrücktheit, Paralysen und Paresen verschiedener links¬ 
seitiger Muskelgruppen, besonders stark am linken Arme ausgebildet, 
Fehlen des Kniephänomens beiderseits und totale Incontinenz der Blase 
und des Rectum. Verf. vermuthete eine Aftection der Hirnartericn, ohne 
sich über deren Localisation zu äussern, und sah von Jodkali (6*3 Jd. pro die) 
schnellen Erfolg. — Dass in dem zweiten Falle selbst die strengste anti- 
syphilitische Cur nichts half, erscheint selbstverständlich, da sich derselbe 
nach des Verf. eigener Schilderung als Tabes dorsalis darstellt, die man, 
auch wenn der Patient einmal syphilitisch war, doch nicht schlechtweg 
als Nervensyphilis bezeichnen darf. Vom dritten Falle wird erzählt, 
dass der Patient, ein Militärarzt im indischen Dienst, durch angebliches 
klimatisches (Peschawer-) Fieber und Chiningebrauch zum Skelet abge¬ 
magert war und insbesondere Atrophie der linken Extremitäten aufwies. 
Verf. vermuthete gleich Syphilis (?), Fingerinfection wurde zugestanden, 
und in der That verschwand unter Jodkaligebrauch das Fieber und die 
Ernährung hob sich sichtlich. Block. 

Guder (2) hat das Actenmaterial von 1200 Geisteskranken der 
Ueckermünder Anstalt durchgesellen, und von somatischen Ursachen, ausser 
auf die acut-fieberhaften Erkrankungen auf Lues geachtet. Er fand dieselbe 
bei 18 Frauen und 36 Männern, es sind aber hier nur diejenigen Fälle 
berücksichtigt, in denen schon in der Anamnese Lues ausdrücklich erwähnt 
war. Es entspricht also die Zahl durchaus nicht den wirklichen Verhält¬ 
nissen, zumal die Anamnese bei vielen früher vagabundirenden oder ans 
Correctionsanstalten stammenden Kranken nur mangelhaft war, abgesehen 
noch davon, dass sie aufgenommen wurde zu einer Zeit, in der der Frage 
nach Lues im Vorleben weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Unter 
diesen 34 syphilitischen Kranken befänden sich 43 Paralytiker (10 weibliche 
und 35 männliche). Da im Ganzen in dem betreilenden Zeiträume 40 Frauen 
und 133 Männer wegen Paralyse aufgenommen wurden, so ergibt sich also 
bei 25 resp. 23 Percent Lues. — Die antisyphilitische Behandlung ist in 
keinem Falle von Erfolg gewesen. — Eine Anzahl kurzgefasster Kranken¬ 
geschichten ist beigegeben. Kolin. 

De Rcnzi (3). Die Localisation der Syphilis im Centralnervensystun 
lässt sich in der Regel auf bestimmte prädisponirende oder oceasionelle 
Momente zurückführeu, die mit der luetischen Infection in keinem directen 


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der Syphilis. 


315 


Zusammenhänge stehen. Dahin gehört vor Allem eine neuropathiscbe Con¬ 
stitution, ferner Hirncongestionen in Folge gesteigerter Hirnthätigkeit, 
wie z. B. bei angestrengter geistiger Arbeit, dann Kopftraumen, der Aleo- 
holismus und kalte Bäder (sic!). Was die Therapie der Hirnsyphilis betrifft, 
empfiehlt Verf. in erster Linie das Quecksilber in Form von Einreibungen 
oder Injectionen, ferner Dampfbäder zur Erzielung einer reichlichen Diurese, 
Jodkali und als Nachcur Thermal- und Mineralbäder. 

Bianchi (4) zieht aus einer längeren Beobachtungsreihe von Tabes¬ 
fällen den Schluss, dass die Syphilis nur eine indirecte und mittelbare 
Ursache der Tabes dorsalis sei, besonders dann, wenn die Kranken here¬ 
ditär neuropathisch sind. Dornig. 

Neu mann (5) fand unter 861 meist dem Arbeiterstande angehörigen 
männlichen Kranken 147, also 17*2 Percent, welche angaben, an Lues oder 
Ulcus molle gelitten zu haben; unter diesen waren wieder 76, also 8*8 Per¬ 
cent, bei denen sicher oder sehr wahrscheinlich seeuudäre Syphilis vor¬ 
handen gewesen ist. — Unter den sämmtlichen 861 Kranken waren 
17 Tabesfälle = 2*0 Percent, unter den 147 mit weichem oder hartem 
Schanker Inficirten 12 Tabesfälle = 8*2 Percent, unter den 76 sicher 
Syphilitischen befanden sich 9 Tabische = 1P8 Percent. — Unter 20 Tabes- 
fällen (zu den obigen 17 kamen noch 3 hinzu, die ausserhalb der fort¬ 
laufenden statistischen Erhebung standen) fand Verf. 13 mit Schanker 
— 65 Percent, von denen 10 sicher syphilitisch waren, also 50 Percent 
Syphilis bei Tabes. 

Naegcli (*6) hat bei 46 Tabikern aus der Praxis von Prof. Bern¬ 
hardt (Berlin), die in Bernhardte Arbeiten über denselben Gegenstand 
noch nicht veröffentlicht sind, 60 Percent Luetische gefunden, also dieselbe 
Zahl, zu der Bernhardt in seinen früheren Publicationen gelangt ist. 
Dagegen fand Verf. unter 150 Patienten, die nicht tabisch und nicht 
manifest syphilitisch waren, nur 5*3 Percent sicher Luetische und 11*3 Per¬ 
cent Verdächtige, höchstens also 16*6 Percent. — In einer überaus fleissigen 
Zusammenstellung der gesainmten Literatur über die betreffende Frage 
(das Literaturverzeichniss umfasst 51 Nummern) fand Verf. in 1403 bisher 
veröffentlichten Tabesfällen 46*1 Percent sicher Luetische, 14*5 Percent 
auf Lues Verdächtige, zusammen also 60*6 Percent. Im Gegensätze hierzu 
fanden sich unter den bisher veröffentlichten 1450 Nicht-Tabikern, die auf 
frühere Syphilis geprüft wurden, nur 9*5 Percent sicher Luetische und 
12*7 Percent Verdächtige, zusammen also nur 22*2 Percent. Kolm. 

Bauer (7) berichtet über folgenden Fall: Ein vierundzwanzigjähriger 
Mann, der ein Jahr vorher eine Iuitialsklerose acquirirt hatte, bekam 
plötzlich eine sehr schwere Apoplexie; er war zwei Wochen komatös, dabei 
Lähmung der ganzen rechten Seite; Incontinentia urin. et alv. — Sogleich 
Einleitung einer Schmiercur; nach vierzehn Tagen auch Jodkali; nach 
Rückkehr des Bewusstseins zeigte sich, dass der Patient total amaurotisch 
und aphatisch war. Nach sechs Wochen war nur ein Gedächtnissdefect 
für gewisse Worte und Begebenheiten zu constatiren; nach 3 Monaten war 
der Patient total geheilt. — Während seiner Krankheit gebar seine Frau 
congenital-luetische Zwillinge — sie selbst soll bis jetzt (drei Jahre lang) 
vollständig gesund geblieben sein. Jadassohn. 

Hobbs (8) fand bei einem jungen Ochsenhirten aus Texas, der 
angeblich nie syphilitisch inficirt war, ein grosses Geschwür im oberen 
Theile der hinteren Rachen wand. Verf. entfernte mehrere kleine Knochen¬ 
stückchen und konnte dann mit seinem Zeigefinger bis zur ersten Phalanx 


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316 


Bericht über die Leistungen auf dom Gebiete 


in eine tiefe Höhle eindringen, ohne auf Knochen zu stossen. Der Kranke 
klagte über Abmagerung, Schlaflosigkeit, constanten Schmerz im Hinter¬ 
kopf und hält den Kopf nach der einen Seite geneigt. Während einer 
localen Behandlung der Wundhöhle (Application von Höllenstein in die 
gut gereinigte Höhle) bekam der Kranke plötzlich eine Lähmung der 
rechten Körperhälfte ohne Bewusstseinsstörung. Die Lähmung dauerte eine 
halbe Minute, dann kehrte unter dem Gefühl eines Frömissement die Be¬ 
weglichkeit wieder. Der gleiche Lähmungsanfall wurde in ähnlicher Weise 
noch einmal auf der linken Seite hervorgerufen. Zwei Wochen später, als 
die Heilung durch den Gebrauch von Jodkali und entsprechender Local¬ 
behandlung bereits vorgeschritten war, traten beim Auswischen der Höhle 
mit Watte Zuckungen der Extremitäten ein; später wurde durch Druck nur 
das Kriebelgefühl (Fr^missement) erzeugt. Bei den hemiplegischen Anfällen 
hatte Verf. auch Erweiterung der Pupillen beobachtet. Nach längerer Be¬ 
handlung völlige Heilung. Verf. glaubt, dass das Rückenmark blossgelegen 
habe und dass durch die Manipulationen in der Wundhöhle vielleicht ein 
lockeres Knochenstück gegen das Rückenmark gedrückt worden sei. 

Kays er. 

Der interessante Fall aus der Abtheilung Leichten stern's in 
Köln, über den Schm ick (9) ausführlich berichtet, verlief folgendermassen : 
Patient, der Lues leugnet, litt seit 1870 an häufig exacerbirenden Kopf¬ 
schmerzen, seit 1885 an einer zu vollständiger Amaurose sich steigernden 
Herabsetzung des Sehvermögens; dabei normal«' Pupillenreaction, „Hippus*, 
hochgradige Stauungspapille mit beginnender Atrophie, schwankender 
Gang, zuerst sehr verminderte, dann aufgehobene Patellarreflexe; anfalls¬ 
weise (nur drei Mal) sehr heftiges Erbrechen mit Convulsionen; endlich 
(August 1886) sehr intensive Steigerung der Kopfschmerzen, Fieber, häu¬ 
figes Erbrechen, Nackenstarre — Pupillarretlex noch erhalten — Tod nach 
acht Tagen. Die Section ergab Hydrocephalus internus, starke Hervor¬ 
wölbung des dritten Ventrikels, durch die das Chiasma plattgcdrückt war. 
schwache eitrige Infiltration der Pia an der Basis; starke fibrös schwartige 
Verdickung der Pia im Bereiche der Art. fossae Sylv. und der Art. com- 
inunic. post, und chorioid., dadurch Druck auf die Pedunculi und besonders 
die Tractus optici. Die stärkste dieser — mit eingesprengten käsigen 
Herden versehenen — Platten liegt auf der Tela chorioid. des mittleren 
Ventrikels, die Vena Galeni stark comprirnirend und dadurch den Hydro- 
ceph. int. bedingend; Ependymitis granulosa an der Oberfläche des Corpus 
striat. und Thalam. opticus. Rückenmark normal. Die mikroskopische 
Untersuchung ergab, «lass diese Platten überall im Anschluss an die Ge- 
fässe entstanden waren; die Intima und vor Allem die Adventitia der 
letzteren stark verdickt und zum Theil hyalin degenerirt. Im Chiasma 
hochgradige Degeneration der Nervenfasern, obenan die Tractus optici; 
die Optici selbst wurden leider nicht genauer untersucht. Verf. deutet 
diesen Befund als das Resultat einer chronisch syphilitischen, fibrös-käsigen 
Meningitis, zu der eine acute eitrige Basilarmeningitis getreten war; ohne 
auf diese Frage näher einzugehen, behauptete er, dass diese Affection 
syphilitischer Natur gewesen sei und dass der acut-eitrige Process sich 
angeschlossen habe, wie Hautgiunmata etc. vereitern — ein Analogieschluss, 
welcher, in dieser Weise ausgesprochen, wohl keine allgemeine Billigung 
finden wird. In sehr ausführlicher Weise wird dann das Zustandekommen 
der einzelnen nervösen Störungen aus dem Sectionsbefundc heraus analysirt 
und zu erklären versucht. Jadassohn. 

Laudet (10) berichtet über folgende zwei Beobachtungen: Der 
erste Fall betrifft eine zweiunddreissigjährige Frau, die wiederholt normal 


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der Syphilis. 


317 


entbunden hat, früher nie trank gewesen ist, nur vor vier Jahren vorüber¬ 
gehend Sehstörungen (Doppeltsehen) hatte. Nach ihrer letzten Entbindung 
vor achtzehn Monaten begann sie heftigen Kopfschmerz zu empfinden, 
später zeigten sieh Schwierigkeiten beim Kauen und Schlingen, die Stimme 
veränderte sich. Schliesslich trat sie wegen (iesehwürsbildung am Gaumen 
in Behandlung. Es zeigten sich in der That am hinteren Ende des harten 
Gaumens eine grössere und mehrere kleinere Uleerationen, ausserdem besteht 
vollständige Atrophie der rechten Zungenhälfte, totale Lähmung des rechten 
Stimmbandes, Hypertrophie und Hyperseeretion der Nasenschleimhaut. 
Schwellung der Submaxillardrüsen, der Geruch ist völlig aufgehoben, Ge¬ 
schmack ist vermindert auf der atrophischen Zungenhälfte, die auch 
schwache fibrilläre Zuckungen zeigt. Im Uebrigen ist insbesondere das 
Nervensystem in keiner Weise erkrankt, Pupillen- und Srhnenrefiexe ganz 
normal. Nach Jodkaligebrauch heilen die Geschwüre, Geruch und Geschmack 
kehren wieder, aber die Atrophie und die Stiminbundlähmung bleiben un¬ 
verändert. — Im zweiten, weniger genau beobachteten Falle handelt es sich 
um einen Schauspieler, der vor fünf Jahren Syphilis acquirirt hatte, welcher 
seit einem halben Jahre an Atrophie der linken Zungenhälfte und links¬ 
seitiger Posticuslähmung im Kehlkopte leidet; auch hier sind alle sonstigen 
nervösen Functionen, insbesondere die Reflexe völlig unversehrt. Vcrf. 
schliesst hieran eine sehr eingehende Besprechung der halbseitigen Zungen- 
atrophie. Bemerkenswerth ist das nahezu constante Vorkommen dieser 
Atrophie zugleich mit gleichseitiger Kehlkopfmuskellähmung. Verf. betont 
vor Allem, dass diese Erkrankung durchaus nicht immer Tlieilerscheinung 
der Tabes zu sein braucht, sondern wie in den mitgetheilten Fällen ohne 
jegliches tahetisches Symptom auf syphilitischer Grundlage auftreten kann. 
Die Erkrankung beruht aller Wahrscheinlichkeit nach auf Degeneration 
der bulbosen Kerne, hervorgerufen durch syphilitische Erkrankung des 
entsprechenden Zweiges der Art. vertebralis. Kayser. 

Buck (11) berichtet über einen etwas dunklen Fall von plötzlicher 
und fast völliger Taubheit beider Ohren bei einem siebenjährigen Kinde, 
entstanden im Anschlüsse an einen Croupanfall. Er hielt, anfangs die 
Affection für einen Mittelohrkatarrh mit consecutiver Labyrinthattection, 
weil ausser Schwellung der inneren Trommelfellschleimhaut nichts objectiv 
zu finden war. Bald aber erschienen symmetrisch an der hinteren oberen 
Wand der beiden äusseren Gehörgänge unmittelbar am Trommelfell circum- 
scripte geröthete Flecken (Periostitis), die er als auf tuberculöser Basis 
beruhend ansah und durch Trepanation und Tamponade des Mastoid- 
fortsatzes behandelte, doch ohne Erfolg. Später machte ihm die nachträglich 
bekannt gewordene Syphilis der Eltern diese Diagnose wahrscheinlicher, 
sicher aber keineswegs, da sich einigermassen sichere Kennzeichen dieser 
Krankheit an dem Kinde nicht fanden, auch keine Zahndifformitäten (nur 
eine Keratitis zweifelhafter Art kam später). Unter dauerndem internen 
Jodkaliumgebrauche trat nach einigen Wochen Besserung, später völlige 
Wiederherstellung des Hörvermögens ein. Buck bezeichnet diese fragliche 
hereditäre Syphilis als tardiv; da er aber selbst angibt, dass er nur sehr 
ungenügend über das Vorleben seines kleinen Patienten unterrichtet ist, 
so hat er dazu sicherlich kein Recht. Block. 

Gradenigo (12) hat das Gehörorgan eines fünfzehnjährigen, an 
Phthise verstorbene# taubstummen Mädchens seeirt, über dessen Vergan¬ 
genheit nichts zu eruiren war. Er fand irn Wesentlichen beiderseitige voll¬ 
ständige Zerstörung des häutigen Labyrinths. Neubildung von Faser- und 
Knochengewebe, besonders links, wo auch eine eitrige chronische Mittelohr¬ 
entzündung vorhanden war. Verf. glaubt hauptsächlich wegen Unversehrtheit 
Vierteljakrübschrift f. Dermatol, u. Syph. 1888. -1 


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318 


Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


der Meningen und der Nerven (Acusticus und Facialis) auf eine primäre 
Otitis interna schliessen zu dürfen, auch die links bestehende chronische 
Mittelohreiterung scheint ihm seeundärer Natur zu sein. Diese primäre 
Otitis habe sich extrauterin auf Grund hereditärer Syphilis entwickelt. 
Verf. tlicilt noch mehrere (fünf) Beobachtungen mit, wo es sich seiner 
Ansicht nach um primäre Otitis interna auf hereditär-syphilitischer Grund¬ 
lage handelte.. In drei derselben bestand zugleich Iritis oder Keratitis intcr- 
stitialis, welche er in Parallele zur Otitis interna stellt. Symptomatisch 
hervorzuheben ist, dass die Krankheit vorwiegend das w T eibliche Geschlecht 
im Alter von zehn bis zwanzig Jahren befällt. Es werden immer beide 
Ohren zugleich oder kurz nacheinander befallen. Das Gehörvermögen wird 
rasch sehr erheblich vermindert und gellt häufig im Laufe der Zeit in 
völlige Taubheit über. Beachtenswrerth sind ganz unmotivirte aber sehr 
beträchtliche Gehörsschwankungen von einem Tag zum andern. Locale und 
allgemeine Reactionserscheinungen fehlen hei Erwachsenen, Kinder haben 
zuweilen dabei Fieber, eontinuirliches Sausen fehlt fast nie; Schwindel i^t 
nicht immer und selten intensiv vorhanden; zuerst wird die Perceptioiis- 
fähigkeit für hohe Töne vermindert. Das Mittelohr ist anfangs normal, 
später kann es zu Trommelfell-Trübungen, auch zu Otorrhue kommen. 
Verf. glaubt die von manchen Seiten gemachte Annahme, die syphilitische 
Taubheit beruhe auf nervöser oder centraler Erkrankung entschieden zu¬ 
rückweisen zu müssen. Die Doppelseitigkeit des Leidens begründet eine 
solche Annahme ebenso wenig, wie die doppelseitige Keratitis. Vielmehr 
handle es sich eben um eine primäre Otitis interna, die als solche bisher 
stets nur hei Syphilis (hereditärer und erworbener) nachgewiesen sei. Der 
Lymphraum des inneren Ohres sei auch eine Prädileetionsstelle für das 
syphilitische Virus. Die- Therapie ist fast immer ohne jeden Erfolg, nur 
im Anfangsstadium bietet eine energische antisyphilitische Behandlung 
einige Aussicht auf Besserung. Kays er. 

Theobald (13). Ein vierundzwanzigjähriger Mann mit hereditärer 
Syphilis ist auf dem einen Ohre vollständig taub, das andere Ohr zeigt 
einen merkwürdigen plötzlich eintretenden Wechsel von deutlicher Taub¬ 
heit und nahezu normaler Hörfälligkeit. Jodkali blieb ohne Wirkung, wirk¬ 
samer erwies sich Sublimat, combinirt mit Salmiak. Kays er. 

Holm (14) veröffentlicht zwei Fälle von rein centraler Anosmie bei 
zwei im Spätstadium der Lucs befindlichen, auch sonst cerebrale Symptome 
darbietenden Patienten; — die Sinnesläsionen wurden durch spccifisclie 
Curen gebessert. Jadassolin. 

M assci (15) beobachtete zweimal im Gefolge von gummöser Ver¬ 
schwärung der Rachengebilde narbige Adhärenz des Velums und der Arcus 
palato-pliaryngei an die hintere Kachenwand; daraus resultirten Sprach- 
und Gehörstürungen, sow r ie Respirationsbeschwerden. Durchtrennung der 
Anwachsungen mit dem Thermokauter und graduelle Dilatation brachten 
vollständige Heilung herbei. Derartige Folgezustände der Syphilis können, 
wie Mas sei bervorhebt, durch rechtzeitige Isolirung der Reste des Gau¬ 
mensegels von der hinteren Pharynxwand verhindert werden. 

Das zuweilen beobachtete späte Auftreten der syphilitischen Iritis, 
sowie die Hartnäckigkeit, durch welche sich diese luetische Manifestation 
auszeichnet, sucht Scaronzio (16) aus der anatomischen Lage und aus 
der Structur des Auges zu erklären, welche zwei Momente einerseits dem 
Eindringen des syphilitischen Virus bedeutende Hindernisse entgegen¬ 
setzen und andererseits dessen Eliminirung, wenn cs einmal eingedruugen 
ist, wesentlich erschweren. Dornig. 


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der Syphilis. 


310 


Lucas (17). Patientin, eine Frau im mittleren Lebensalter, sieben 
Jahre verheiratet, ohne Kinder, welche über heftige Schmerzen spontan, 
besonders aber auf Druck, in der Trachea dicht unterhalb des Larynx, 
ferner über zeitweise auftretende Dyspnoe, etwas Husten und Auswurf 
klagte, hatte sieh elf Jahre zuvor luetisch inficirt und einen rothon Aus¬ 
schlag, Aufspringen und Schmerzhaftigkeit der Hände, Schmerzen im Halse 
und Ausfallen der Haare beobachtet. Nachdem sie damals behandelt worden, 
war sie bis zu ihrer jetzigen Erkrankung gesund geblieben. Bei der 
laryngoskopischen Untersuchung fand Lucas einen gerötheten, fast das 
ganze Lumen der Trachea dicht unterhalb des Kehlkopfes einnehmenden 
Tumor. Da er denselben für luetisch hielt, so verordnet« er Jodkalium in 
Dosen von 0*3 und Leberthran, ferner Inhalationen von Kreosot mit Mor¬ 
phium gegen die localen Beschwerden. Als trotzdem keine Besserung ein¬ 
trat, fing er auf Anratlien von Dr. Mc. Bride in Edinburg, welcher gleich¬ 
falls den jetzt in seinem Centrum verkästen Tumor für ein Gumma hielt, 
grössere Dosen Jodkali zu geben an, und stieg im Laufe von zwei Monaten 
bis zu 1*25, dreimal täglich, musste dann aber wegen Kachexie der Pa¬ 
tientin aussetzen. Unter dieser Behandlung waren Schmerzen und Tumor 
verschwanden, so dass Dr. Mc. Bride bei einer zweiten Untersuchung nur 
eine geringe Verengerung des Lumens der Trachea in der Gegend der 
beiden ersten Ringe constatiren konnte. — Unter den seltenen Fällen von 
gummösen Tumoren der Trachea war dieser Fall wegen des gänzlichen 
Mangels anderer Erscheinungen der Syphilis besonders auffallend. Semon 
hat im St. Thomas-Hospital, Reports, Vol. XHI, auch einen Fall veröffent¬ 
licht, der, was den laryngoskopischen Befund anlangt, mit dem oben ge¬ 
schilderten grosse Aehnlichkeit zeigt, sich jedoch durch das Vorhandensein 
tertiärer Erkrankungen des harten und weichen Gaumens unterscheidet. 
Da der oben beschriebene Tumor bis auf den Punkt gekommen war durch¬ 
zubrechen, so würde, falls es zur Ulceration gekommen wäre, eine Narbe 
und dadurch unvermeidlich eine Strictur der Trachea entstanden sein. 

Curtin (18). Obwohl einige Acrztc die Seeluft als sehr geeignet 
zur Behandlung der Phthise hinstellen, ist doch die Majorität entschieden 
gi-gen eine solche Therapie, weil zwar für einige Wochen, vielleicht in 
Folge der Luftveränderung, des Wechsels in der Ernährung und Seenerie 
eine Besserung, dann aber hei der geringen Widerstandsfähigkeit gegen 
die dichte, feuchte, aufregende Salzluft eine um so bedeutendere Ver¬ 
schlimmerung in dem Befinden der Patienten cintritt. Curtin beschreibt 
fünf Fälle von Lungensyphilis, in denen die Seeluft, sehr günstig wirkte. 
Dass er es in diesen Fällen wirklich mit syphilitischer und nicht tuber- 
< ulöser Erkrankung der Lunge zu thun hatte, dafür sprachen die sechs 
Symptome, welche Porter für diese Erkrankung als charakteristisch hin¬ 
stellt, nämlich: 1. Der massenhafte Auswurf ohne irgend ein Zeichen von 
Eiuschmelzung des Lungengewebes; 2. der Schwächezustand ohne beson¬ 
dere Abzehrung: 3. ausgesprochene Dyspnoe ohne irgend welches Hinder- 
niss der Circulation von Seiten des Herzens oder der Lunge; 4. der cigen- 
thümliche Schmerz und die Rcaction bei Druck auf das Sternum und die 
Crista« tibiae; 5. die schnelle Besserung bei .antiluetischer Behandlung; 
6. vor allen Dingen das Fehlen der Tuberkelbacillen. — Die Seeluft unter¬ 
scheidet sich dadurch von der Höhenluft, dass sie mehr Feuchtigkeit ent¬ 
hält, dass sic dichter ist, dass sie mit Salz geschwängert ist, und dass 
sie eine geringe Menge Jod enthält. Die dichtere, feuchte, salzhaltige Atmo¬ 
sphäre würde bei tuberculöser Erkrankung der Lunge wahrscheinlich die 
Circulation des Blutes in dievser und den Zcrstörungsprocess beschleunigen, 
während hingegen bei der Lungensvphilis die beschleunigte Blutcirculation 

21 * 


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320 


Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


einen günstigen Einfluss ausübt, indem sie die Ernährung der Lunge bes¬ 
sert. Die constante Inhalation geringer Mengen Jod wird wohl ebenfalls 
auf die Krankheit günstig einwirken. Zeising. 

Fraenkel (19) fand bei der Section einer einundvierzigjährigen Frau 
im unteren Abschnitt der Trachea eine Anzahl von theilweise ulcerirten 
Gummaknoten, in den Bronchien eine Anzahl strahliger Narben, ebensolche 
waren neben den Knoten auch in der Trachea vorhanden. Beide Bronchien 
waren von infiltrirtem, starrem Bindegewebe umgeben, am meisten der 
linke, welcher fest an den Aortenbogen adhärirt, und in diese Adhäsion« n 
ist der linke Nervus recurrens einbezogen, der plattgedrückt und grau er¬ 
scheint (während des Lebens bestand vollständige Lähmung des linken 
Stimmbandes). Die Bindegewebsinfiltration erstreckt sich, wenn auch in 
etwas geringerem Grade, bis zum unteren Drittel der Trachea hinauf. 
Ausserdem fand sich ein gummöses Infiltrat in der Schilddrüse, Gummata 
der Leber und einer Niere, Defeete und Auflagerungen an den Schädel¬ 
knochen. — Die diffuse indurative Peritraeheitis und Peribronchitis, die 
allerdings kein constanter Begleiter der gummösen Trachea lsvphilis ist, 
ist wichtig als neues ätiologisches Moment der peripherischen Reeurrens- 
lähmungen. Fraenkel hebt ferner hervor, dass der Ausgang der Traclieal- 
syphilis keineswegs immer Stricturbildung ist. sondern dass entweder wie 
im obigen Falle die Induration des umgebenden Bindegewebes das gefähr¬ 
dende Moment abgibt, oder dass durch Uebergreifen ulcerirter Tracheal- 
gummata auf die Nachbarschaft (grosse Gefässe. Oesophagus) oder durch 
die Entwickelung von Mediastinalabscessen der ungünstige Ausgang bedingt 
werde. — Verfasser macht schliesslich auf die Seltenheit syphilitischer Er¬ 
krankungen der Thyreoidea, besonders bei acquirirter Syphilis, aufmerksam, 
und ganz besonders ist noch hervorzuheben, dass sich in obigem Falle in 
dem Gumma der Schilddrüse die Lustgarten’schen Bacillen fanden. Lesscr. 

Sokotowsky (20). Erst in den letzten Jahren wurde diesem Ge¬ 
genstände vom klinischen Standpunkte mehr Aufmerksamkeit geschenkt, 
und zwar gebührt in dieser Beziehung das Hauptverdienst Gerhardt 
(Deutsch. Arch. f. klin. Med. 1877), wonach die Beobachtungen von Rie¬ 
gel, Vierling (der sechsundvierzig derartige Fälle zusammenstellte), Ber¬ 
ger und Anderen folgten. Das Leiden tritt hauptsächlich bei Männern im 
Spätstadium der Syphilis auf, in Folge von ulcerösen sich hier abspielcn- 
den Processen. In der Mehrzahl der Fälle ist dabei der Larynx auch in 
Mitleidenschaft gezogen, selten leiden die Bronchien daran allein. Im Ver¬ 
laufe der Krankheit w r erden drei Perioden unterschieden: das Reizungs- 
(Ulceration), Verengcrungs- und Suffocationsstadium. Das erste ist wenig, 
die beiden anderen durch das Auftreten von beständiger Athemnoth recht 
charakteristisch. Im Gegensätze zu ähnlichen im Larynx localisirten Pro¬ 
cessen wird eine Verminderung der respiratorischen Bewegungen der letz¬ 
teren betont. Der Ausgang ist meist ein ungünstiger: die Patienten er¬ 
sticken gewöhnlich in Folge von Verlegung der Bronchien mit eingedickten 
Scbleimpfröpfen oder gehen zu Grunde an profusen Bronchialblutungen, 
durch Arrosion grösserer arterieller Aeste. Im Anschlüsse beschreibt Yerf. 
zwei recht interessante, letal verlaufene Fälle, an denen beiden w r egen 
Athemnoth die Tracheotomie ausgeführt wurde, und die alle beide mit 
einer Lähmung-des Muse, crico-arytenoidei postici complicirt waren. Als 
Ursache dieser letzteren wird der Druck seitens hypertrophirter und krank¬ 
haft veränderter Lymplidrüsen auf den Nervus recurrens angegeben, was 
in einem Falle auch durch die Section bestätigt w r urde. v. W. 

Heller (21) unterscheidet drei Arten congenitaler Lungensyphilis: 
1. die gummöse Form, 2. die weisse Pneumonie nach Virchow, 3. die 


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der Syphilis. 


321 


interstitielle syphilitische Pneumonie. Beide letztere Formen kommen neben¬ 
einander vor. Weisse Pneumonie fand Verf. nur bei todtgeborenen oder 
bei solchen Kindern, welche kurz nach der Geburt starben. Kinder, welche 
mindestens stundenlang lebten, zeigten nur die Interstitielle Form. Die 
weisse Pneumonie ist sehr selten. Die Lungen sind gross, weiss, grauweiss 
oder rüthlich marmoritt. Sie lassen ohne Gewalt sich nicht aufblasen. 
Pleura, Pericard, Thymus können ecchymosirt sein. Die erweiterten Al¬ 
veolen sind mit desquamirten theils verfetteten, theils zerfallenen Epithe- 
lien überfüllt. Die Kinder sind nicht lebensfähig. Die interstitielle Pneu¬ 
monie ist vorwiegend um Bronchien und Gefässe localisirt — bald herd¬ 
förmig. bald diffus. Die Lungen sind gross, derb, lufthaltig, dunkel oder 
blass. Das interalveolare Gewebe ist verbreitert, überaus reich an Binde¬ 
gewebsfasern, Rundzellen und Capillaren. Die Alveolen sind eng, die Epi- 
thelien gequollen pigmentirt. Das interlobuläre Gewebe ist rundzellenarm, 
breit, fibrös. Das rechte Herz kann hypertrophiren. Das ganze Bild erin¬ 
nert. an die von Virchow beschriebenen indurirten und pigmentirten 
Lungen von erwachsenen Mädchen. V irchow nahm in allen diesen Fällen 
Syphilis congenita an. Die Pneumonie beginnt zumeist fötal; sie kann vor 
der Geburt schon sehr ausgebildet sein. Längeres Leben ist dann ausge¬ 
schlossen. Den Erstickungstod weisen Ecchymosen in Pleura, Pericard und 
Thymus nach. Geringere Processe lassen fortleben bis über die Pubertäts¬ 
zeit zu. Die interstitiellen Processe können mit dem Lungenw T achsthum 
selbst zunehmen. Vielleicht beziehen sich als Spätstadien manche Fälle 
von Lungenschrumpfung hierauf. Todesursache sind meist Bronchitis, 
Pleuritis, Alveolar-Pneumonie, Magen- und Darmkatarrh. Atrophisch sind 
keineswegs alle derartigen Kinder. Eine gleichzeitige Tuberculose sah 
Heller nie. Genaue Kenntniss der weissen und interstitiellen Pneumonie 
ist lür den Gerichtsarzt unerlässlich. Friedheim. 


Ziegler erwähnt eine Form von syphilitischer Pneumonie des 
Neugeborenen, clmrakterisirt durch eine fettige Entartung des Lungen- 
Epithels und durch überall hinlaufende Infiltrationszüge. Förster spricht 
sich über die Verbreiterung des interstitiellen Gewebes sehr reservirt aus, 
da er solche auch unter vielen anderen Umständen fand. Cornil unter¬ 
scheidet eine trockene opake rundzellenreiche und eine feuchte Epithelial¬ 
zellenreiche Hepatisation bei Lungensyphilis. Depaul leugnet das Lungen- 
gumma der Neugeborenen. Ziegler glaubt im Gegentheil es viel häufiger 
sogar bei solchen letzteren als bei Erwachsenen gefunden zu haben. Four- 
nier findet in frühen Stadien eine grosse Aehnlichkeit mit Lungeninfarct 
oder mit metastatischen Lungenabscessen. Lancereaux nimmt zwei 
Formen von Pneumonia syphilitica an; 1. eine diffuse, 2. eine umschrie¬ 
bene. Letztere ist seltener; sie entspricht dem Gumma syphiliticum. Auch 
hier kommt es zu Nekrose, fettiger Degeneration der Elemente. Es kann 
Resorption eintreten, häufiger wird das gummöse Gewebe ansgehustet. 
Dann bleibt eine Caverne zurück. Die Caverne kann narbig ausheilen. Car- 
lier unterscheidet: 1. eine hyperplastische sklerotische (cf. diffuse nach 
Ij ancereanx), 2. eine gummöse Form. Ranvier und Cornil heben für 
die Pneumonia alba die Abwesenheit von Pigment hervor. Die inter¬ 
alveolären Zellen sind rundlich und jung; die Alveolen verkleinert, aber 
durchgängig, und mit Pflasterepithelien ansgekleidet. Die freien Epithel¬ 
zellen sind granulirt und verfettet. An der Lungenoberfläche sieht man 
zuweilen Gummata, d. h. kleine harte vereinzelte oder gruppenartig ange¬ 
ordnete Tumoren von der Grösse einer Linse bis zu der einer Wallnuss, 
von röthlicher oder grauer Farbe mit feinen weisslich-gelblichen Punkti- 
rungen. In einer zweiten Reihe von Fällen beobachtete Lancereau.x 


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322 


Bericht über die Leistangen auf dem Gebiete 


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wallnussgrosse typische Gummata, theils mit Narbenbildung, theils mit 
centralem Zerfall, mit reichlichem Granulationsgewebe u. s. f. Cornil 
hebt für manche Falle die Uebereinstimmung mit den gummösen Bildungen 
beim Erwachsenen hervor. Nach Fournier ist charakteristisch für das 
Gumma: 1. das vereinzelte Vorkommen ohne Prädilection für die Spitzen. 
2. die gelblich-weisse, nie durchscheinende Farbe, 3. eine gewisse, selbst 
im Stadium des Zerfalls, persistirende Härte des Gewebes — gegenüber 
dem Tuberkel. Hierzu kommt nach Baumgarten 4. die Abwesenheit der 
Tuberkelbacillen, das Verhalten der Gefässo. Hie anatomische Differential- 
diagnose ist nach Devic für gewisse Fälle geradezu unmöglich. Und für 
die klinische ist das sicher beobachtete nicht zu seltene gepaarte Vor¬ 
kommen von Syphilis und Tuberculosis pulmonum nicht zum mindesten 
Theile verhängnisvoll. Devic (22) hebt nun klinisch 1. diejenigen Fälle 
hervor, bei denen alle Respirationssturungen fehlten. Die jüngeren sklerosirten 
Partien sind nach Fournier vorgewölbt, die älteren sind eingesunken. Da 
nun aber die graue Induration der Lunge nicht selten, bei alten Leuten 
überhaupt, speeiell ferner bei Alkoholikern, bei herabgekommenen Indi¬ 
viduen, bei solchen, die an Albuminurie litten, beobachtet worden ist, da 
anderseits fibröse Züge, Narbengewebe, Cavernen nach abgelaufener und 
hei progressiver Tuberculose geradezu typisch sind, so glaubt Devic nach 
Tripier, mit der Diagnose Syphilis nach derartigen Befunden nicht vor¬ 
sichtig genug sein zu können. Die Diagnose wird noch unsicherer durch 
die verschiedenartigen interstitiellen nicht syphilitischen Pneumonien. 
Bronclnectasien u. s. f. Fünf Fälle von Lungengumma führt Devic an . 
und er erwähnt das Vorkommen der Riesenzellen besonders bei denen, wo der 
Nachweis von Gumma pulnionis ein zufälliger war (cf. Cholera-Epidemie 
1865 nach Ranvier), 2. diejenigen von tertiärer Syphilis mit Respirations¬ 
störungen. Das wichtigste Symptom ist die Dyspnoe — zurückzuiulinn 
nach Rollet 1. auf Verkleinerung der Oberfläche, 2. Retraction der Bron¬ 
chien, 3. complicirende Katarrhe, 4. alveoläre Infiltration. Die Dyspnoe kaun 
sich bis zur Orthopnoe steigern. Der Husten ist anfangs trocken, am 
stärksten Nachts. Der Auswurf ist schleimig, eitrig, nur bei Ulcoratmnen 
in der Trachea, bei Cavernenbildung. Im Auswurf sind gummöse Fetzen 
nach Cube charakteristisch. Hämoptysen sind selten. In den vorgeschrit¬ 
teneren Stadien sind die Kranken sehr kachektisch. Belin unterscheidet 
1. eine leichte klinische Form mit den Zeichen der Bronchitis. 2. eine 
mittelschwere mit abgeschwächtem Vesiculärathmen, aber umschriebener 
Localisation, hin und wieder mit Cavernensymptomen bereits, 3. die schwere 
Form mit Fieber und Nachtschweiss. Die Lungenveränderungen gehören 
der Tertiärperiode an. Hin und wieder hat Fournier in der seeundären 
Periode Dyspnoe beobachtet — ohne nachweisliche Processe in der Lunge 
selbst. Fournier hat Lungensyphilis bei Lues hereditaria tarda beobachtet. 
Die Fälle von Lungengumma sind sehr selten und stets von tertiären Pro¬ 
cessen in anderen Organen begleitet. Jedenfalls trifft Lungensyphilis eben¬ 
sowohl Erwachsene wie Neugeborene —- beide aber sehr selten. Die soge¬ 
nannten therapeutischen Erfolge beziehen sich gewiss zum grössten Theil 
auf reparable tuberculüse Veränderungen syphilitischer Personen. 

Friedheim. 

Schuch t er (23) hat zweiundzwanzig Kranke, die theils „mit der 
syphilitischen Initialsklerose behaftet waren, theils an den frischen .Formen 
constitutioneller Syphilis“ litten, in Hinblick auf Veränderungen der Milz 
einer genauen klinischen Beobachtung unterzogen. In sechs Fällen war jede 
andere Ursache eines Milztumors ausgeschlossen. In drei Fällen aus letzt¬ 
genannter Zahl war ein maeulöses oder papulöses Exanthem ausgebildet. 
ln einem Falle war es möglich, das Wachsthum des Tumors zu beobachten. 


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der Syphilis. 


323 


Zu Grunde legte Schlichter ein Normalmass von 5 — 5% Ctm. für den 
Breitendurchmesser des Organs. Dieses Mass wurde bis um 3 Ctm. (im Ganzen 
= 7 % — 8 Ctm.) überschritten. Nach vorn überragte der Tumor die Linea 
eostoclavicularis. In zwei Fällen schwand der Tumor auf antiluetische 
Behandlung hin. In einem Falle war letztere auf den Tumor ohne Einfluss 
geblieben. In weiteren drei Fällen von frischer Syphilis waren die Kranken 
gleichzeitig stark anämisch. Durch antiluetische Therapie wurden Milz¬ 
tumor und Anämie beseitigt. Verf. sehliesst auf einen ätiologischen 
Zusammenhang zwischen Milztumor und Anämie. In Betreff der Nieren- 
affeetionen schliessen sich die Angaben Schuchter’s an diejenigen von 
Descourt, Perroud, Lancerenux und Wagner an. Von den Kranken 
mit Anschwellung der Milz wurden siebzehn auf Albuminurie geprüft. An 
zwei Kranken gelang es eine Nierenaffection nachzuweisen. In einem Falle 
hielt die Albuminurie dreizehn Tage an — im Sediment fanden sich 
Plattenepithelien — im zweiten Falle nahezu sieben Wochen. Hier war eine 
gewisse Empfindlichkeit in der Nierengegend zu bemerken, zeitweise abend¬ 
liche Temperatursteigerungen (bis zu 38 # 4°), Vermehrung des specifisehen 
Gewichts, beträchtlicher Gehalt an Albumen. Im Sediment sah man theils 
platte theils geschwänzte Epithelzellen, hyaline und granulirte Cylinder. 
Die Harnmenge blieb annähernd normal. Auch in diesen Fällen war die 
antiluetische Cur nach der speeiellen Richtung hin erfolgreich. 

Friedheim. 

Tommasoli (24) beobachtete bei einem neuümonatlichen, hereditär 
syphilitischen Kinde die Entwicklung eines enormen Milztumors, welcher 
fast die ganze linke Hälfte der Bauchhöhle einnahm. — Tommasoli ist 
geneigt anzunehmen, dass die im Verlaufe der Lues auftretenden krank¬ 
haften Veränderungen der Milz, der Leber und der Nieren auf die toxische 
Wirkung des Syphilisfermentes (?) auf das Blut und mittelst des Blutes 
auf die Baucheingew eide zurückzuführen seien-, er stellt somit die viscerale 
Syphilis in eine Linie mit den Erkrankungen der grossen Bauchdrüsen, die 
hei gewissen Vergiftungen, z. B. mit Alkohol, Phosphor u. s. w. beobachtet 
werden. Dornig. 

Die Diagnose einer syphilitischen Hodenerkrankung wird nach Mau- 
riac (25) hauptsächlich durch drei Factoren gesichert. Erstens finden sich 
immer mehr oder weniger ausgeprägte luetische Allgemeinerscheinungen, 
dann ist der Nebenhoden, der bei den meisten Erkrankungen des Hodens 
stark in Mitleidenschaft gezogen ist, bei einer syphilitischen Orchitis meist 
frei und schliesslich gibt, wie bei jeder Erkrankung auf syphilitischer 
Grundlage, der Erfolg der antiluetischen Therapie den Ausschlag. Der Ver¬ 
fasser unterscheidet zwei Formen: eine sklero-gummöse und eine gummo- 
skleröse. Bei ersterer Form schwillt der Hoden bis zu Hühnereigrösse, ist 
gleichmässig hart, wie von Holz, mit glatter Oberfläche oder geringen 
Erhabenheiten. Die meist beiderseitig auftretende Anschwellung ist nicht 
schmerzhaft. Differentiell diagnostisch kommen das Lymphadenom des 
Hodens, sowie das Carcinom in Betracht, die indessen wegen des meist 
einseitigen Sitzes, sowie wegen des Fehlens anderer luetischer Erschei¬ 
nungen ziemlich leicht auszuschliessen sind. Bei der zweiten Form, in der 
die Syphilis den Hoden befällt, der gummo-sklerösen, entwickelt sich aus 
einer Beule an der vorderen Seite des Hodens ein kraterförmiges Geschwür, 
welches seröse Flüssigkeit und „nassem Flachs oder Stockfischtteisch“ ähn¬ 
liche Massen entleert. Hierdurch und durch das alleinige Befallensein des 
Hodens unterscheidet sich diese Form von der Tuberculose des Hodens, 
die fast immer Nebenhoden, Samenwege und Prostata in Mitleidenschaft 
zieht. Von schweren Folgen für den Gesammtorganismu* ist die Syphilis 


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324 


IWirlit fiWr di«» Loistungeir auf «lem Gebiete 


des Und« ns g< »wohnlich nicht bctrlcitct. Was die Zeugungsfähigkeit betrifft, 
so ist dieselbe selten alteriit und dann weniger wegen Pnterganges des 
Hndeiiparenchyms. welches wohl nie ganz zerstört wird, als wegen eines 
Gumma. das den Spcrinatoznen den Weg nach den Hanicnbläschen ver¬ 
bot, Doch ist auch in einer Anzahl von Fällen derartiger Azoospermie 
durch eine antisyphilitische Für die geschlechtliche Function vollständig 
wiederhcrgestcllt worden. J acobi. 

Ttn Anschluss an die kurz zuvor erschienene Arbeit von Laffitt« 
bringt Jäger (2f>) zwei weitere Fälle von Pseudo-Paralyse zur Veröffent¬ 
lichung. in denen der Erfolg ein günstiger gewesen ist. Beide Kinder sind 
im Alter von zwei Monaten und haben deutliche Zeichen von hereditärer 
Lues; im ersten Falle ist nur der rechte, im zweiten beide Arme von 
Pseudo-Paralyse befallen. Töplitz. 

Fazin und Tacovesco (27) erörtern in einer sehr ausführlichen, 
mit einer sehr gründlichen Kenntniss der französischen, englischen und 
deutschen Literatur geschriebenen Arbeit die Beziehungen zwischen Syphilis 
und Rachitis. Nach einer historischen Einleitung besprechen sie zunächst 
die Anatomie der Knochcnveränderungen bei hereditärer Syphilis und unter¬ 
scheiden hierbei nach dem Vorgänge YVegner’s drei Arten, respeetive 
Grade oder Stadien: L Bei Föten und im ersten Kindesalter sind die Knochen 
dünner, das Periost ungleichmässig adluirmt. auf der Oberfläche der Kno¬ 
chen finden sich Osteophyten, deren bisher bekannte histologische Struetur 
nichts Charakteristisches hat, deren multiples Auftreten aber besonders an 
den Röhrenknochen, an der Seaj>ula und am Kopf fast pathognostisch 
ist; das symmet rische Auftreten derselben, auf welches Par rot grosses 
Gewicht gelegt hat, konnten die Verfasser nicht constatiren; im Innern 
des Knochens ist die Verknöcherungszone höher, weicher, durchscheinender 
und unregelmässiger als in der Norm; das spongiöse Gewebe hat « in 
..granitartiges* 4 Aussehen. 2. Das zweite Stadium (oder die zweite .Varie¬ 
tät“). das meist mit zwei Monaten beginnt, ist ausgezeichnet durch r die 
gelatiniforme Atrophie“ Parrot’s, deren histologische Deutung hei den 
verschiedenen Autoren noch eine verschiedene ist. bei welcher aber auch 
nach der Anschauung der Autoren das entzündliche Element, die Granu¬ 
lationsbildung das Primäre bildet; sie localisirt sich vorwiegend in der 
Nähe der Epiphysen, die Knochen werden weicher, wenn auch die „Osteo¬ 
phyten“ noch fort-besteben; die Epiphysen verbreitern sich; häutig kommt 
es zum spontanen Epiphysenbruch. Auch hier ist nicht das histologische 
Bild — das z. B. bei Tuberculose ein ganz ähnliches sein k^nne — tla^ 
charakteristische, sondern die Loealisation. vor Allem das multiple Auf¬ 
treten (..Pseudoparalyse“ Parrot’s hei multiplem Epiphysenbruch); die 
Franiotabes wird in Uebereinstimmung mit den deutschen Autoren (im 
(n gensatz besonders zu den Engländern) als im Allgemeinen nicht lueti¬ 
scher Natur angesehen. 3. Das dritte Stadium beginnt etwa nach sechs 
Monaten. Die Osteophyten werden poröser. Reichliche Vascularisalion, 
Proliferation von Mark. Entkalkung, Bildung von Lücken mit reichlichen 
Markzellen in dem Knoehengewehc findet sich im Knochen; neuer Knochen 
lagert sich auf der Oberfläche der Osteophyten ah; endlich bildet, sich 
„spniigoides Gewebe“, auf welches die Verfasser ein besonderes Gewicht 
legen. Dasselbe erscheint zuerst weich, gi fässreich, einem feinen Schwamme 
ähnlich; dann verkalkt es und neigt zu einer fibrösen Transformation 
des Markts. Bei dem Vergleich der syphilitischen und der rachitischen 
Veränderungen der Knochen (auch auf die letzteren gehen die Verfasser 
näher ein) zeigt sich zunächst, dass zwischen den beiden ersten Stadien 
der congenitalen Knochenlues und zwischen Rachitis keinerlei Analogie 


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•l«‘r Syphilis. 


325 


besteht. Im dritten Stadium käme nur das bei beiden Krankheiten vor¬ 
handene spongoide Gewebe in Frage, das freilich an luetischen Knochen 
viel härter ist, als an rachitischen; aber dieses Gewebe ist für keine von 
beiden Affeetionen charakteristisch; die Verfasser haben es auch in meh¬ 
reren tuberculösen Knochen gefunden — es ist also überhaupt nichts 
Pathognomonisohes. Der anatomische Theil der vorliegenden Arbeit sehliesst 
mit dem Satze: r Bie syphilitischen Knochen zeigen niemals spongoides 
Gewebe mit den Eigentümlichkeiten des Sitzes etc. bei der Rachitis, 
auf der anderen Seite bieten die rachitischen Knochen niemals Üsteophyten 
dar mit den Charakteren des Sitzes etc. bei der Syphilis; es gibt also 
keine Beziehungen zwischen der frühzeitigen congenitalen Knochensyphilis 
und zwischen der Rachitis.“ ln dem zweiten — klinischen — Theile wird 
zunächst der Werth der äusseren Zeichen für überstandene congenitale Lues 
besprochen und in einer sehr ausführlichen und durchaus berechtigten 
Weise gegen den Standpunkt Par rot’s polemisirt, welcher alle möglichen 
Hautnarben, die verschiedensten Veränderungen der Zähne (nicht blos die 
typischen Hutchinson'sehen), die „eräne natiforme“ in jedem Falle 
für pathognomonischc Zeichen der Lues ansieht und auf diese Weise zu 
colossalen Zahlen gelangt — eine Polemik, die in Deutschland nicht ein¬ 
gehender referirt zu werden braucht. Es wird dann aus dem in der franzö¬ 
sischen, englischen und deutschen Literatur zusammengestcllfen Material, 
und aus eigenen Beobachtungen an 107 rachitischen Kindern, deren Ein¬ 
zelheiten nichts Besonderes darbieten, der Schluss gezogen, dass — wie ja 
selbstverständlich — syphilitische Kinder auch rachitisch werden können, 
dass sich aber unter rachitischen Individuen solche mit si ch eren Zeichen 
vorangegangener Lues nicht häufiger finden, als unter der gleichen Anzahl 
nicht rachitischer. Dass Syphilis zugleich mit Rachitis Vorkommen, dass 
sie sogar eventuell prädisponirend für die letztere wirken könne, leugnen 
die Verfasser nicht; wie wenig aber ein causaler Zusammenhang zwischen 
beiden Affeetionen besteht, beweisen sie durch einige Fälle, in denen Eltern, 
die zunächst rachitische Kinder erzeugten, sich nachträglich inficirten und 
dann sogar nichtrachitische Kinder hatten; sie citiren endlich noch Beob¬ 
achtungen, welche zeigen, dass sich rachitische Individuen syphilitisch 
inficiren können — was jedenfalls in Analogie mit der Seltenheit der Re- 
infection — dann ausserordentlich selten sein müsste, wenn die Rachitis 
wirklich eine luetische Affection wäre. Am Schlüsse ihrer Arbeit betonen 
Gazin und Iseovesco, dass es allerdings eine „syphilitische Pseudo-Ra¬ 
chitis“ gebe, die sich aber von der eigentlichen Rachitis unterscheide: durch 
die Incunstanz und Seltenheit der Epiphysenverdickungen, durch die Asym¬ 
metrie der Knoehenveränderungen überhaupt, durch die winkeligen Knickun¬ 
gen der Röhrenknochen — im Gegensatz zu den curvenartig gebogenen 
G lindern Rachitischer, durch die multiplen Osteophytenbildungen etc. 
Die ses Krankheitsbild wird noch durch einen Fall illustrirt. 

Jad assoh n. 

Suckling (28) demonstrirt in der pathologisch-klinischen Section zu 
Birmingham (28. I. 1887) ein Kind mit Epiphysitis syphilitica. Dasselbe 
ist fünf Wochen alt. Die unteren Enden beider Radien sind hochgradig 
angeschwollen. Gleiche Schwellungen sind auch an den unteren Extremi¬ 
täten beobachtet. Das Kind schreit bei der leisesten Berührung; es ist 
unfähig, die Glieder zu bewegen. Fried heim. 

Eschle (29) berichtet über vier Fälle luetischer Knochenerkran¬ 
kungen der Finger, in denen sich au zwei Individuen der Proeess als 
Osteomyelitis (Kinder), an den beiden andern als Periostitis mit seeundärer 
.rardieirender Ostitis und Nekrose (Erwachsene) manifestirte. Verfasser 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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glaubt im Gegensatz zu Lewin welcher in seiner sorgfältigen Statistik 
(Cliar. Annal., Berlin 1879) die schon früher von Cliassaignac, Taylor, 
Kiset etc. publicirten Fälle sichtete und in der Nomenclatur eine Phalan- 
gitis syphilitica im Gegensatz zu Erkrankungen der Weichtheile differen- 
zirt wissen will — aus einem Falle der Ansicht ßäumler’s beitreten zu 
müssen, dass die Phalangitis auc h secundär von Erkrankungen der Wcieh- 
theile herrühren könne. In der That wird nach Analogie anderer patholo¬ 
gischer Proeesse die Eventualität nicht geleugnet werden können. Bestätigt 
wird durch vorliegende Krankengeschichten der Satz Lewin’s, dass bei 
Kindern mehr die osteomyelitische, bei Erwachsenen mehr die periostale 
Form der Dactylitis syph. in die Erscheinung tritt. Eigenthümlieh erscheint, 
dass in zwei Fällen (Mutter und Kind) Exarticulation der betreffenden 
Glieder nöthig wurde, da antiluetische Therapie völlig erfolglos war. auch 
war bei der Mutter Hämoptoe und bei dem Kinde Dämpfung einer Lungen¬ 
spitze zu constatiren. Auf Tuberkelbacillen wurden die Präparate nicht 
untersucht, deren eines ein Kundzellengewebe mit spärlich eingelagerten 
gefaserten Knochenlamellen erkennen liess. Die zahlreichen Blutgefässe 
zeigten verdickte Intima und Adventitia. Löwenhardt. 

Sakotski (30) berichtet von einem jungen Soldaten mit Ulcera- 
tionen des Gaumens und eonsecutiver Zerstörung der unteren Muscheln. 
Es bildete sich ein Tumor über dem Auge; der Patient bekam Schmerzen 
im Knie- und Fussgelenk, eitrigen Ausfluss aus dem linken Ohr und einen 
metastatischen Abseess auf dem Rücken der rechten Hand. Zwei Jahre 
glaubte man, dass es sich um Syphilis handele. Es bildeten sich jetzt 
Knoten im Gesicht; dasselbe wurde ödematös. Man vermuthete Rotz. Der 
Kranke starb an allgemeinem Marasmus. Yigandt untersuchte Knötchen 
und Geschwürseiter mikroskopisch: er fand Bacterien. die er mit denjenigen 
von Löffler und Schütz ideiitificirtc. Fried heim. 


Hereditäre Syphilis. 

1. Abner Post. Gases illustrating the late manifestations of congenital 
syphilis. — Boston med. and surg. journ. 1887, Nr. 21. 

2. Baratoux J. De quelques alterations de Foreille interne duns la Sy¬ 
philis höreditaire. — Le Progres medic. 1887, Nr. 44. 

3. Kraus Ed. Statistische Beiträge zur Pathologie der Lues congenita. 
— Areli. f. Kinderheilkunde, Bd. IX, Heft 2. pag. 81 ff. 

4. Moucorvo« Die Aetiologie der multiplen Herdsklerose im Kindesalter 
und insbesondere über den pathogenen Einfluss der hereditären Sy¬ 
philis. — Revue mensuelle des maladies de renfants, Juin 1887, 
pag. 241 ff. 

5. White Haie. Congenitale Syphilis mit amyloider Entartung der Yiseera. 
— Lancet-Clinic 1887, Nr. 3351, pag. 1013. 

6. Pedicini M. Nuove ricerche sulla sifilide placentare. — Progress») med. 
1887, pag. 2—18. 

Abner (1). Bei den hereditär syphilitischen Kindern verschwinden 
die Krankheitserseheinungen gewöhnlich noch vor Ende des zweiten Lebens¬ 
jahres, um bei den einen nie, bei anderen erst in der Pubertät oder noch 
später wieder aufzutreten; bei einer dritten Gruppe offenbart sich die Er¬ 
krankung in mehr oder weniger häufigen, in unregelmässigen Zwischen¬ 
räumen sich zeigenden Eruptionen. Die zwei ersten Jahre umfassen dir 
Frühformen der Syphilis hereditaria; die später auftretenden Formen kann 
man als Syph. her. tarda bezeichnen. Die Diagnose deiselben kann gestellt 


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der Syphilis. 


327 


werden aus Zeichen früherer Erkrankungen, aus dem Zurückbleiben im 
Wachsthum und aus den gegenwärtig vorhandenen Symptomen. Es kommen 
jedoch, ebenso wie bei der acquirirten Syphilis, Spätformen der Erkrankung 
vor. ohne dass sich frühere Erscheinungen derselben eruiren lassen. Die 
Spätformen der Syphilis hereditaria tarda sind sehr mannigfaltig und 
bereiten zuweilen dieselben Schwierigkeiten in der Diagnose, wie die der 
acquirirten. Abner führt nun einige Fälle an, um die Eigenthümlichkeiten 
des Spätstadiums der Krankheit und den Einfluss der Behandlung zu 
illustriren. Fall I. Achtjähriges Mädchen. Vater vor Geburt desselben 
luetisch. Patientin in der Entwickelung zurückgeblieben. Periostitiden an 
verschiedenen Knochen, in Folge derselben entstandene ulceröse Processe. 
welche zur Ausstossung von Knoehentheilen führten, nicht adhärente.und 
adhärente Narben, von denen die älteste auf dem Handrücken befindliche 
von einer im eilftcn Monate vorhanden gewesenen Erkrankung herrühren 
soll. Radiär verlaufende, feine Narben an den Mundwinkeln. In Folge 
antiluetischer Behandlung heilen die Geschwüre, die Periostitiden ver¬ 
schwinden. Nach Aufhören der Behandlung Auftreten einer Nekrose des 
Oberkiefers, von dem ein Theil mit den Zähnen entfernt werden muss. 
Wiederaufnahme der Behandlung mit Jod und Quecksilber, unter welcher 
Fissuren an der Nase, rheumatische Schmerzen, ein leichter Vaginalkatarrh, 
kleine Periostitiden, welche inzwischen aufgetreten waren, sehr bald ver¬ 
schwinden. die durch Entfernung von Tlnilen des Oberkiefers gesetzte 
Wunde verheilte und das Mädchen entwickelte sich kräftig. Dieser Fall 
zeigt, dass es nur dann zu Knochennekrosen kam, wenn die Periostitis nicht 
behandelt wurde. Fall II. Siebzehn Jahre altes Mädchen. Vater an allge¬ 
meiner Paralyse gestorben. Seit dem vierten Lebensjahre schmerzhafte 
Periostitiden an den verschiedensten Knochen, an beiden Tibiae Exuleera- 
tionen und Exfoliationen von Knochen. Patientin in der Entwickelung 
zurückgeblieben. Therapie: Grosse Dosen Jod, kleine Mengen Quecksilber. 
Die Schmerzen verschwanden, die Geschwüre vernarbten, Patientin konnte 
wieder gehen. Sie weigert sieh, Jod weiter zu nehmen. Bald Periostitis 
und nachfolgende Destrucfion der Stirnknoehen. Hereditäre Belastung in 
diesem Falle zwar nicht ganz sicher, trotzdem Diagnose bei der gleichen 
Erkrankung zahlreicher Knochen nicht zweifelhaft. Fall III. Zwölf Jahre 
altes Mädchen. Mutter tubereulös. Geschwister gesund. Als kleines Kind 
luetisches Exanthem und rheumatoide Schmerzen gehabt, im Alter von 
zehn Jahren periostitische Schwellungen an den unteren Enden beider 
Humeri, von denen eine aufgebrochen war und zu einer Fistel geführt 
hatte. Entwickelung die eines sechsjährigen Kindes. Tubera frontalia stark 
hervortretend. Kindliche Gesichtszüge. Nasenbeine platt. Trübungen der 
Corneae. Erkrankung eines Ohres. Verschiedene Abnormitäten der Zähne. 
Periostitis an den Humeri bestellt noch. Nervöse Attaken, welche dreimal 
wöchentlich, stets hei Nacht auftraten und eine Stunde anhielten, beste¬ 
hend in Schwindelgefühl, dem IJebelkeit und Erbrechen folgte. Bewusstsein 
während der Anfälle erhalten. Verschwinden derselben mit Jodkali, ebenso 
Nachlassen der plötzlichen Anfälle von Taubheit, welche bisweilen auf¬ 
traten. Patientin entwickelt sich von da an gut. Fall IV. Patientin gesund 
bis zum achtzehnten Jahre. Plötzlich Nachts epileptischer Anfall mit Be- 
wusstseinsverlust und Krämpfen im linken Arm und Bein. Wiederholung 
der Anfälle nach einiger Zeit. Zurückbleiben von Schmerzen im linken 
Arm und Bein und unregelmässigen krampfhaften Bewegungen der linken 
Hand. Zuckungen der Muskeln am linken Mund-und Nasenwinkel beim Heraus¬ 
strecken der Zunge. Reflexe normal. Untersuchung ergab zarte radiär ver¬ 
laufende Narben an den Mundwinkeln. Zahlreiche Narben an den ver¬ 
schiedenen Körpertheilen. Hutchinson'sche Zähne durch den Gebrauch 


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328 


Bericht ftber die Leistungen auf dem fiebiete 


abgenützt. Die unteren Zähne zeigten einen Substanzverlust wie bei einem 
fünfzigjährigen Manne. Patientin blieb nun ein halbes Jahr gesund. Dann 
Auftreten von Tumoren im Nacken, auf dem Kopf, an der Olavieula. an 
anderen Korpertheilen, besonders gross auf der Stirn, welcher etwas 
schmerzhaft war. Urin jetzt trübe, zeigte Spuren von Eiweiss und hyaline 
und granulirte Cylinder. Vierundzwanzigstiimlige Menge steigt im Laufe 
der Zeit von 1350 auf 3810 Gramm, speeifisehes Gewicht sank von 1010 
auf 1004*5. In Folge von Behandlung verkleinerten sich einige Tumoren, 
andere vereiterten. Zunächst Besserung des Allgemeinbefindens, dann Ver¬ 
schlimmerung: Ulcerationen an den Beinen, Verlust des Gehörs, fort¬ 
währendes Kopfweh, Erbrechen. Exitus lethalis. Autopsie nicht gestattet. 
Die Narben an den Mundwinkeln, die abgenutzten Hutchinsoivseheit Zähne 
sprechen für hereditäre Lues. Gummöse Periostitis kommt dabei seltener 
vor, ebenso Epilepsie häufiger bei aequirirter Lues. Der Zusammenhang 
der Nierenerkrankung mit Lues lässt sich bestreiten. Fall V. Kate C.. 
zehn Jahre alt. Vater zeigt Parese beider Arme. In der Familie keine 
venerische Erkrankung. Vier ersten Kinder im siebenten und achten Monate 
todt geboren. Fünftes Kind war Patientin. Als Kind immer kränklich, be¬ 
sonders an Verstopfung der Nase leidend. Sechstes und siebentes Kind 
gesund. Das Nervenleiden des Vaters, die Reihe der Aborte, welche der 
Geburt des ersten lebenden Kindes verausga ben, beweisen Lues zwar nicht, 
machen sie aber wahrscheinlich. Patientin zeigt Nekrose der Tibiae. Trü¬ 
bungen der Corneae. An den mittleren oberen Sehneidezähnen an Stell* 
der Hutehinson’schen Einkerbung eine dunkel gefärbte Substanz, Dentin, 
nicht von Schmelz bedeckt. Der vordere Tlieil des oberen Alveolarfort¬ 
satzes fehlt, so dass beim Scliliessen des Mundes zwischen den Schneide - 
zähnen der beiden Kiefer eine bedeutende Lücke bleibt. Erysipel. Furunkel. 
Auch in diesem Falle ist die Knochenerkrankung primär, die der Ulcera- 
tion der Haut secundär. Fall VI. M. I). Syphilis beim Vater nicht sicher 
nachzuweisen. Mutter an Phthise gestorben. Im Alter von zweieinhalb 
Jahren zeigte Patient Dactylitis des rechten und linken Mittelfingers und 
des linken Daumens. Auf den Armen weisse, unter dem Niveau der Haut 
liegende unregelmässig runde Narben. Im Gesicht, Nacken, auf der rechten 
Wange, dem Rücken der linken Hand, auf den Armen, an den Unter¬ 
schenkeln Ulcerationen, zum Tlieil mit dicken, dunkelfarbigen Krusten 
bedeckt. Linkes Fussgelenk stark geschwollen, an der Innenfläche gerüthet, 
an der Aussenfläche mit dicken Krusten bedeckt. Tibiae verbreitert. Leber- 
thran ohne Erfolg angewendet. Die Knochenläsionen an den Fingern, die 
Ulcerationen, die Krusten und die Narben, der Misserfolg mit dem Leber- 
thran machen die Diagnose Syphilis wahrscheinlich. Innerlich Jodkali. 
Behandlung der Wunden mit Queeksilberpflaster. Langsame Besserung 
sowohl der localen Erscheinungen, wie des Allgemeinbefindens. Nach fünf¬ 
monatlicher Aussetzung der Behandlung keine Verschlimmerung. Fall VII. 
Localisation der Erkrankung hauptsächlich im Halse. Haut und Knochen 
zur Zeit frei. S. J., zwölf Jahre alt. Vater an Phthise gestorben, Mutter 
der Lues verdächtig. Patient hatte, drei Monate alt, Schnupfen; zwei 
Jahre alt, Halsschmerz und Kurzathmigkeit; ein Jahr später Verlust der 
Stimme, zu Zeiten etwas Besserung. Status: Entwickelung gut. Tubera 
frontalia stark hervortretend. Nase leicht abgeHacht. Rechter mittlerer 
oberer Schneidezahn leicht eingekerbt. Beim Scliliessen des Mundes geringer 
Zwischenraum zwischen den Sehneidezähnen. Feine, radiär verlaufende 
Narben an den Mundwinkeln. Narben über dem linken Tuber frontali, an 
den unteren Partien des Rumpfes und am Steiss, weiss, unregelmässig 
rund, Vm —V 4 Zoll im Durchmesser. Leichte Trübungen der Corneae. Taub¬ 
heit auf dem rechten Obre. Heisere, kaum vernehmbare Stimme. Beschleu- 


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der Syphilis. 


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nigte Respiration, etwas Dyspnoe. Ausgedehnte Narb Unbildungen im Pha¬ 
rynx und Larynx. Schwellung und Ankylose beider Arythaenoidknorpel. 
Verfasser schliesst aus diesen Fällen Folgendes: Wie Fall V zeigt, be¬ 
sitzen die Hutehinson'sehen Zähne nicht immer die typische Einkerbung, 
sondern die Stelle, an der später eine solche entsteht, ist ausgefüllt von 
einer unvollkommenen und verfärbten Zahnmasse. Fall IV beweist, dass 
in späteren Jahren durch Abnützung der Zähne die Einkerbung ver¬ 
schwindet. Fall V und VI zeigen eine zuerst von Colin an und Hutchinson 
erwähnte, sehr häufig verkommende Eigenthümlichkeit. nämlich ein Zurück¬ 
bleiben in der Entwicklung des vorderen Alveolartheils des Oberkiefers, 
so dass beim Sehliessen des Mundes zwischen den Schneidezähnen eine 
I.iicke bleibt. — Kleine Kinder von einigen Wochen haben oft Erosionen 
an ihren Lippen, deren Sccret gelbe Krusten bildet. Diese oberflächlichen 
Veränderungen hinterlassen keine Spuren. Nach drei Monaten aber treten 
meist zu beiden Seiten der mittleren Hervorragung der Oberlippe und in 
der Mitte der Unterlippe Fissuren auf, welche i — 2 Mm. tief sind. Anden 
Mundwinkeln sind die Substanzverluste ausgedehntere. Die daraus resul- 
tirenden Narben sind kaum sichtbar und oft nur bei ganz genauer Unter¬ 
suchung zu finden. Die Narben an den Mundwinkeln sind besonders 
charakteristisch für hereditäre Syphilis. Es kommen aber auch Fälle vor, 
in denen dieselben eine andere Aetiologie haben, dann fehlt aber stets die 
für Lues charakteristische lineare Form der Narben. Für Erkrankungen 
mehrerer Knochen ist hereditäre Lues die häufigste Ursache, besonders 
wenn symmetrische Knochen und hier wieder die äussersten Enden der 
langen Knochen ergriffen sind. Obgleich in Fall IV trotz der Behandlung 
der Patient wegen der Schwere der Erkrankung zu Grunde ging, so sind 
doch gewöhnlich die Erfolge ausgezeichnete, und zwar empfiehlt es sieh, 
wie bei der tertiären Lues, Jodpräparate, und zwar in schweren Fällen in 
grösst n Dosen, zusammen mit Quecksilber anzuwenden. Zeising. 

Baratoux (2) berichtet über die anatomischen Befunde im Gehör¬ 
organ von 43 hereditär-luetischen Kindern, von denen 19 todt geboren 
waren. 24 einige Stunden bis vier Jahre gelebt hatten. Er fand 27 Mal 
Veränderungen der Paukenhöhle, 4 Mal solche des Labyrinths, 12 AIal 
solche an beiden Theilen. Waren Mittelohr und Labyrinth afficirt, so hatte 
sich entweder die Eiterung vom ersteren auf das letztere fortgesetzt oder 
die Gebilde des Labyrinths waren wenigstens injicirt. mit Rundzellen 
infiltrirt und mit serös-hämorrhagischer Flüssigkeit gefüllt. Besonders 
hervorzuheben aber sind die Beobachtungen, welche der Verfasser am Ge¬ 
hörorgane von Kindern machte, bei denen ausschliesslich das Labyrinth 
afficirt war. Hier fanden sich nämlich an den sehr reichlich entwickelten 
Gelassen Verdickung ihrer Wandungen mit nachfolgender Obliteration und 
zum Th eil recht reichlichen Hämorrhagica, welche den Cortfschen Canal 
stellenweise ganz ausfüllten. Es kommen also im Labyrinth dieselben 
Veränderungen vor, wie sie auch in den anderen Organen hereditär-lueti¬ 
scher Kinder constatirt w r orden sind. Jadassohn. 

In einer statistischen Uebersicht aus der poliklinischen Abtheilung 
des Prof. Monti sucht Kraus (3) eine Reihe auf die ererbte Syphilis 
bezüglicher Fragen zu beantworten. Die Frequenz betrug in fünfzehn 
Jahren 316 auf circa 50.000 behandelte Kinder, d. i. 0*68 Percent; in den 
♦ inzelnen Jahren schwankt die Zahl zwischen 0*29 und U49 Percent. 
Knaben und Mädchen waren in gleicher Anzahl vertreten. Dem Alter nach 
entfielen dreiviertel der Fälle (nach Abzug der Rccidivc) auf die drei ersten 
Lebensmonate. Die Rccidivc treten zu ganz verschiedenen Zeiten, meist 
aber erst nach dem vierten Lebensmonate ein und betreffen nach der 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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Statistik ungefähr die Hälfte aller beobachteten Fälle. Der Form nach war 
bei Ersterkrankungen das niaculöse Syphilid das Häutigste; ihm folgten 
der Reihe nach das papulöse, das maeulo-papulöse, das pustulöse Syphilid 
und die Psoriasis. Luter den Beeidiven überwiegen bei weitem die Con¬ 
dylome. Auch was den Termin des ersten Auftretens der Syphilis betrifft, 
ist das niaculöse Syphilid an erster Stelle zu nennen; von 48 Fällen 
wurden 40 innerhalb des ersten Quartales beobachtet. Milztumoren fanden 
sich in 20 # 36 Percent, Knochensyphilis (mit Einschluss der Pseudoparalysen \ 
in 7*24 Percent aller Erkrankungen. Leberschwellung im (tanzen nur vier 
Mal. Die Sterblichkeit betrug, soweit das poliklinische Material hierin 
Aufschluss gibt, 43 Fälle, von denen 21 im ersten Quartal des Lebens 
standen. Die häufigste Todesursache war Pneumonie und Bronchitis (zwölf¬ 
mal), sowie Enterokatarrh und Enteritis (zehnmal). Zum Schluss zeigt uns 
eine kleine Tabelle die Fälle von Hydrocephalus und Rachitis als Nach- 
krankheiten der Lues congenita; es fand sich; Rachitis in 24 Fällen, Hy¬ 
drocephalus in 16, beide zugleich in 7 Fällen. Weitere Schlussfolgerungen 
sind aus der Statistik nicht gezogen. Töplitz. 

Moneorvo (4) hat schon im Jahre 1884 einen klinischen Vortrag 
über die multiple Sklerose veröffentlicht, in welchem er drei Fälle dieser 
seltenen Krankheit beschreibt. Schon damals sprach er die Verinuthung 
aus. dass unter den ätiologischen Momenten wohl auch die hereditäre 
Syphilis eine Rolle spielen könne. Ein neuer (IV.) Fall veranlasst ihn 
nun. dies Moment noch mehr hervorzuhoben. Ein dreijähriges Mädchen, 
dessen Vater eingestand, an Syphilis gelitten zu haben, zeigte von (Jehurt 
an eine langdauernde Coryza, verschiedene Exantheme, sonst war sie bis 
zum Ende des dritten Jahres zwar schwächlich, aber gesund. Um diese 
Zeit fing sie an, sieh völlig zu verändern; sie wurde reizbar, heftig, unge¬ 
horsam, der Gang unsicher, taumelnd; Gegenstände, die sie in der Hand 
hielt, liess sie fallen und hörte auf zu gehen. Wollte sie ohne Unterstützung 
gehen, so brachen die Beine unter ihr zusammen und sie setzte sich zur 
Erde. Eine zweimonatliche antisyphilitische Behandlung beseitigte all** 
diese Erscheinungen. Zweieinhalb Jahre darauf, während welcher Zeit sie 
angeblich vollkommen gesund gewesen war, erkrankte sie unter denselben 
Erscheinungen von Neuem; Verfasser fand die gleichen Störungen des 
Ganges und der allgemeinen Stimmung. Dazu kam aber häufiges Auf¬ 
schrecken im Schlafe, Störungen der Intelligenz und der Sprache, welche 
letztere langsam und seandirend geworden war, und endlich ein ausge¬ 
sprochenes Intentionszittern der Hände. Nach einer kurzen fieberhaften 
Erkrankung (Endpcarditis rhcumatica) trat eine schnelle Besserung aller 
nervösen Erscheinungen ein; der Gang besserte sieh, die beängstigenden 
Träume verschwanden, die Sprache wurde leichter, das Zittern geringer. 
Unter energischer Behandlung mit Jodkalium abwechselnd mit innerlicher 
und äusserlicher Anwendung von Quecksilber ging die Besserung weiter 
vorwärts, und nach neun Monaten war bis auf geringe Spuren des Tremors 
nichts Abnormes mehr nachzuweisen. Ein Jahr darauf war die Heilung 
noch von Bestand. Aus dem Fehlen eines jeden anderen ätiologischen 
Momentes, aus den sicheren Anzeichen vorausgegangener Lues und au> 
dem Erfolg der specifisehen Behandlung srhlicsst. Verfasser, dass »\s sich 
in der That. hier um eine syphilitische Gcfässveränderung gehandelt habe, 
welche das Bild der multiplen Herdsklerose erzeugt hat, und fordert auf. 
bei den immerhin seltenen Fällen von Sklerose im Kindcsaltcr die Syphili* 
als ätiologischen Factor nicht zu übersehen. Töplitz. 

In der Novernbersitzung der pathologischen Gesellschaft zu London 
berichtet White (5) über folgenden Fall, als Beweis für das Vorkommen 


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der Syphilis. 


331 


ausgedehnter amyloider Entartung bei kindlicher congenitaler Syphilis. — 
Die Patientin war sieben Jahre alt, beide Eltern litten an Syphilis, sie 
selbe»! zeigte fast alle Zeichen der congenitalen Lues. Der Leberrand war 
als harter runder Wulst oben über dem Darmbein kaum fühlbar, die Milz 
reicht bis an den Nabel. Der Unterleib war empfindlich, das linke Auge 
zeigte die Erscheinungen der disseminirten Ohoroiditis und Neuritis optica. 
Die Drüsen der rechten Axilla waren vergrössert und ein schmerzhafter 
Knoten fand sich über dem Kopf der Tibia; der Urin war eiweisshaltig und 
dies brachte die Diagnose auf Amyloidentartung. Unter speeitiseher Be¬ 
handlung erholte sich zunächst Patientin etwas, erlag dann aber einem 
Anfall von acuter Tonsillitis. Die Leber wog bei der Section 1830 Gramm, 
sie war hart und stark gewölbt, mit cirrhotisch-fibrösen, radiär über die 
ganze Oberfläche laufenden Einziehungen. An der Vorderfläche fand sich 
ein wallnussgrosses Gumma. Leber, die stark vergrösserte Milz und die 
Nieren zeigten alle hochgradige Amyloidentartung. Auch Dünndarm und 
Halsdrüsen zeigten Amyloid. Es fanden sich auf alte Peritonitis deutende 
Stränge, nirgends aber Spuren einer etwa überstandenen Eiterung. In der 
Discussion wurde auch von anderer Seite auf die grosse Seltenheit eines 
solchen Befundes aufmerksam gemacht. Arning. 

Pedicini (G) theilt die auf Syphilis beruhenden krankhaften Ver¬ 
änderungen der Placenta ein in chronische indurative Entzündungsprocesse 
(Placentarsklerose) und in eigentliche Flacentargummen. Erstere erscheinen 
in zwei Hauptgruppen, einer cireumscripten oder nodulären und einer 
diffusen. — Bei der cireumscripten oder knotenförmigen Placentarsklerose 
findet man das Gewebe der Placenta von gelblich-weisseu Knötchen durch¬ 
setzt, die sich in die Masse der Cotyledonen einsenken. Auf Schnitten 
zeigen diese Knötchen ein fibröses Aussehen, sie sind zum Theil compact, 
zum Theil bergen sie in ihrem Inneren kleine Höhlungen mit hämorrha¬ 
gischem Inhalt. Je älter der Process ist, umso resistenter und derber sind 
die Knötchen. Mitunter erscheint die uterine Oberfläche der Placenta voll¬ 
kommen gesund, während sich an der fötalen unter dem hie und da ge¬ 
trübten und verdickten Chtnrion die erwähnten knotenförmigen Ver¬ 
dickungen in variabler Anzahl vorfinden; mitunter ist auch das Umge¬ 
kehrte der Fall. In anderen Fällen beobachtet man an sorgfältig ange¬ 
fertigten Schnitten, dass das Placentargewebc. speeicll die einzelnen 
Zottenbündel und Zweigehen mit einander verschmolzen sind, wodann sie 
graulich-gelbe, verschieden eonsistente Massen bilden, die strahlenförmige 
Fortsätze in ihre Umgebung aussenden. Es ist dies ein jüngeres Stadium 
der früher beschriebenen Erkrankung. Eine bisher noch nicht beschriebene 
Form der cireumscripten Placentarsklerose ist durch die Bildung zahl¬ 
reicher äusserst kleiner Noduli charakterisirt, die bei oberflächlicher Be¬ 
trachtung eine diffuse tuberkelartige Infiltration Vortäuschen können — 
miliariforme Infiltration. Es ist dies ein Process, der mit der Schwere der 
Mo niidärsyphilitischen Manifestationen auf der Haut und auf den Schleim¬ 
häuten gleichen Schrift hält. Auf die Frage, ob aus den in Rede stehenden 
Placcntarveränderungen ein Schluss gezogen werden könne, ob die Syphilis 
väterlichen oder mütterlichen Ursprungs sei, antwortet Verfasser, dass an 
vollkommen entwickelten Placenten dies absolut nicht möglich sei. Ledig¬ 
lich die Lamina cuticularis s. cpithelialis externa der Zotten sei mütter¬ 
lichen Ursprungs; alles übrige sei eine Masse von fötalen oder Chorion¬ 
zotten und nur die dazwischen liegenden Räume seien die Repräsentanten 
der mütterlichen vaseulären Sinus. Sei das Virus mütterlichen Ursprunges, 
so könne cs nur den Weg der genannten Sinus cinhalten, und wenn diese 
allein alterirt wären, nur dann könnte man mit Sicherheit von mütter- 


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332 


Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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Hohem Einfluss roden und somit das Cnntagium dos Eies unter ausschliess¬ 
liche Abhängigkeit davon setzen. — Die diffusen Formen der chronischen 
Placentarsklerose kann man nach ihren gröberen anatomischen Charakteren 
auch diffuse chronische Plaeentitis nennen. Der Proeess ist durch die 
Entwickelung einer diffusen Bindegewebswucherung ausgezeichnet, die in 
verschiedenen, zum Theil strahlenförmigen Zügen das Organ durchsetzt, 
und hat eine nicht zu verkennende Aoliniiohkeit mit jener Erkrankung der 
Leber, die unter dem Namen Hepatitis syphilitica lobata bekannt ist. Der 
Beginn des Processes lässt sich bereits mit frei tun Auge erkennen. Er 
verbreitert sich von der Umgebung der Gelasse und von diesen selbst, 
besonders von den subrhorialen Aesten, welche die dicksten und häutig 
auch die am meisten alterirtcn sind. Die Verdickung der (Jefässwände i>: 
im vorgeschrittenen Stadium der Erkrankung selbst an den kleinsten Ge¬ 
lassen der Cotyledonen zu erkennen. Kleine Zottenzweigehen fühlen sieh 
wie dünne Schnüre an und zeigen auf Querschnitten einen kleinen wvissen 
Kreis mit einem centralen schwarzen Pünktchen, dem Gefässlurnen. Die 
Haupt zweige der Nabelsclmurg»fässe. die sieh auf der fötalen Oberfläche 
der Placenta und unter dem Chorion verschlängeln. sind jene, an denen 
die Sklerose den höchsten Grad erreicht; sie stellen dicke, harte, ffe- 
schlätigelte Stränge dar, welche an jenen Stellen, wo sie sich an die dico- 
tyledoiüiren Lappen ansetzen, eine direete Verbindung mit der erwähnten 
Bindegewebsneubildung zeigen. Viele dieser Geiasse sind auf weite Strecken 
thrombosirt. Setzen sich die Thromben in die eigenen Nabelstrariggeiasse 
fort, so ist der Tod des Fötus die unausbleibliche Folge davon. Die 
Stenose der Nabelstranggefässe ist hei den Früchten syphilitischer Mütter 
ein häufiger Befund und neben den Veränderungen der Intima ein sicheres 
Zeichen der Syphilis. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass bei aus¬ 
gesprochener Syphilis der Frucht und bei entsprechenden krankhaften 
Veränderungen der Placenta die Umbiliealgefässe auch vollkommen gesund 
befunden werden können. — Viel deutlicher als die vorher beschriebenen 
Placentarveränderungen documentirm die sogenannten Granulome oder 
Guminen der Placenta ihre essentiell syphilitische Natur. Die Grösse d«*r 
Plaeontargumnien ist verschieden. Die kleinen Gummen zeigen häutig 
centrale nekrotische Herde, umgeben von den charakteristischen runden 
granulösen Elementen, die wegen ihrer enormen Hinfälligkeit leicht zer¬ 
fallen und die sogenannte Zone käsiger Erweichung bilden. Ihre Ent¬ 
wickelung beobachtet man hauptsächlich an jungen Placenten. Die kleinen 
granulösen Herde sind mitunter diffus; diese Form dürfte auf das C»n- 
fluiren mehrerer einzelner Knötchen zurückzuführen sein. Verfasser machte 
öfters die Beobachtung, dass in der Decidua serotina die grossen Zellen 
durch eine parenchymatöse Degeneration oder durch eine nekrotische 
Colliquation zerstört werden. Sie verlieren ihren Kern und zerfallen in 
eine käsige Masse. Es handelt sich da nicht um neoplastische Herde, viel¬ 
mehr sind es die Deeiduazellen selbst, die, ohne Zweifel in Folge von Er¬ 
nährungsstörungen, deren Natur nicht bekannt ist, auf diese Weise zu 
Grunde gehen. Grosse Gummen gehören zu den seltenen Befunden und 
werden hauptsächlich in der syphilitischen Spätperiode angetroften. — 
Bezüglich der Placentarhämorrhagien oder Apoplexien bemerkt Verfasser, 
dass sie. bei syphilitischen Weibern sehr häufig sind, namentlich in der 
Periode der Virulenz. Die Ansicht sei irrig, dass die sklerotischen 
Knötchen und die partiellen oder diffusen Indurationen eine Folge der 
Hämorrhagica seien. Dies anzuuehmen heisse Ursache und Wirkung ver¬ 
wechseln. Die gefährlichsten Blutungen seien jene, die in der Decidua 
serotina. und zwar am häutigsten im dritten Schwangerschaftsmonate 
Vorkommen. Ausser der grossen Zerreissbarkeit der Gelasse und ihrem 


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der Syphilis. 


333 


"beträchtlichen Volumen sei die gummöse Degeneration der Elemente der 
Deeidua die Hauptursache der schweren Blutungen. Bei alteren Placenten 
werden die Hämorrhagica häutig durch Arteriosklerose bedingt, wohl auch 
durch fettige Entartung der Capillaren. — Die Unterbrechung der Gravi¬ 
dität bei syphilitischen Weibern darf, wie Pedicini betont, nicht für 
alle Fälle als Resultat pathologischer Processe der Placenta angesehen 
werden: denn, wenn auch in den meisten Fällen der Abortus in Folge 
Ruptur der Utero-Placcntargcfässe erfolgt, kann die syphilitische Infection 
auch direct auf den Fötus übertragen werden, welcher dann abstirbt und 
vor der Zeit ausgetrieben wird. (Jedem der Zotten, cystoides Myxom, fettige 
Degeneration und ausgebreitete Verkalkungen des Zottenparenchyms, Hy¬ 
drops placentaris u. s. w. können die von Syphilis abhängigen Placentar- 
veränderungen begleiten, haben jedoch mit der Placentarsyphilis nichts 
zu schaffen. Dornig. 


Therapie der Syphilis. 

1. Barduzzi D. Del salolo nella terapia locale delle malattie. veneree e 
cutanee. — Giorn. ital. delle mal. ven. e della pelle 1887, 4. 

2. Yerneuil. Sur le traitement de la syphilis. — Bullet, gen. de 
th£r„ 30. October 1887. 

3. Galliot» Nouveaux läits en faveur de Pemploi des injections hypoder- 
miques de Vaseline medeeinale avec ealornel ou uxyde jaune dans le 
traitement de la syphilis. —- La semaine medicale 1887, Nr. {JO. 

4. Morrow A. An Appreciation of the modern method of treating syphilis 
by hypoderinic injections. — New-York, Acad. of Medicine, 6. October 
1887. Med. Ree. 884, 1887. 

5. Waclisner. Die Wirkung des elektrischen Induetionsstromes auf sub- 
cutane Einspritzungen. — Deutsche med. Wochenschr. 1887, Nr. öl, 
pag. 1099. 

6. v* WatraszewnkL Ueber Behandlung der Syphilis mit Injectionen 
unlöslicher Quecksilbersalze. — Monatsh. f. prakt. Derm. 1887, Nr. 22, 
pag. 989. 

7. Garnett A. S. A few practieal observations upon the treatment of 
the late neoplasms of syphilis. — Journ. of eut. and gen.-urin. dis. 
1887, Nr. 8, pag. 307. 

8. StefanolT« Dry Hot-tir Baths for sypliilitic patients. — The Lancet, 
25. Juni 1887. 

9. Guinon« Hysterie Mercurielle. — Gaz. m£d. de Paris 48, 1887. 

10. Morrow A. Idiosyncrasy as affecting the specitic treatment of syphilis. 
— Journ. of cut. and gen.-urin. dis. 1887, Nr. 8, pag. 289. 

Barduzzi (1) rühmt in einer vorläufigen Mittheilung die Wirk¬ 
samkeit des Salols als eines der werthvullsten antiseptischen Mittel bei 
der Behandlung der venerischen Geschwüre, der uleerösen Syphilide u. s. w. 
Das Salol spalte sich nicht nur im Dünndarm, wie Nencki gezeigt hat, 
sondern auch dann, wenn es mit lebenden Geweben in Berührung kommt, 
in Salicylsäure und in Phenol. Darin allein schon liege die Bürgschaft 
für die therapeutische Wirksamkeit des Salols. Dornig. 

Die Grundsätze, welche Verneuil (2) über die Behandlung der 
Lues resumirt, bringen nichts Neues, sondern im Wesentlichen nur ein 
kurzes Resumtf seiner bereits früher (Soc. de Chir. 1867) ausgesprocheneil 
Vorliebe einer sofortigen dauernden (zwei Jahre) Hg-Behandlung in klei¬ 
nen Dosen in der Form von Protojodur inneflieh. Löwenhardt. 

Vierteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1888. 22 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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Galliot (3) berichtet über die ausserordentlich günstigen Resultate, 
welche er mit Injectionen von Calomel und Hydrargyrum oxydat. darum, 
suspendirt in reinem Vaselinöl (nach Balzer) an mehr als hundert Sy¬ 
philitikern (mit 450 Injectionen) erhalten hat. Er hat beide Präparate 
zuerst in der Einzeldose von 0‘15, dann von 0 - I angewendet, beide mit 
ungefähr gleichem Erfolge, nur dass das Hydrargyrum oxyd. flavum, als 
das feinere Pulver die Canule weniger leicht verstopfe. Besonderen Werth 
legt der Verf. auf die Wahl der Injectionsstelle: er empfiehlt zwei Finger 
breit über dem Trochanter major und vier Finger breit hinter seinem 
Kopfe, an der Grenze des äusseren und mittleren Drittels einer vom oberen 
Ende der Analfurche nach aussen gezogenen Horizontalen, einzustechen, 
und sich diese Stelle, wenn man die Injection im Liegen macht, vorher 
bei aufrechter Stellung zu fixiren. Die heftigen Schmerzen, welche bei 
manchen Patienten nach Injectionen an anderen Stellen auftreten, sollen 
hier immer ausbleiben; nur eine geringe Unbequemlichkeit („gene“) am 
dritten, oder nach stärkeren Bewegungen am zweiten Tage, soll die Folge 
sein; ein im Ganzen unbedeutendes Infiltrat ira subcutanen Gewebe be¬ 
steht 8—10 Tage; einen Abscess hat der Verf. — bei peinlicher Inne¬ 
haltung der antiseptischen Cautelen — nicht beobachtet. Zweimal bildete 
sich an der Einstichstcllc eine „Hämatocele“, d. h. eine geringe An¬ 
sammlung dickflüssigen Blutes dicht unter der Haut, nach deren Ent¬ 
leerung keine Störung mehr eintrat. Galliot erklärt diese Erscheinung 
als auf einer Ruptur der in dem entzündlichen Knoten eingeschlossenen 
Gefässe beruhend; die Injection war bei diesen beiden Patienten nicht 
tief genug gemacht worden. Die curative Wirkung der Injectionscur tritt 
auch nach den Erfahrungen Galliot’s sehr schnell und sicher ein; Sali- 
vation wurde — bei gleichzeitiger innerlicher Anwendung von 4 Gr. Kal. 
chlor, pro die — besonders beim Quecksilberoxyd fast gar nicht beobachtet. 
Die Zahl der applicirten Injectionen betrug niemals unter drei; dieselben 
wurden in Zwischenräumen von je einer Woche vorgenommen; bei hart¬ 
näckigeren Formen wurde die Zahl der Einspritzungen gesteigert. Das ca- 
suistische Material, welches der Verfasser anführt, soll nur dazu dienen, 
die Schnelligkeit der Wirkung der Injectionen zu demonstriren. In den 
Schlussbeincrkungen werden mit Recht die ausserordentlichen Vortheile 
dieser Methode für die Privat- wie die Hospitalpraxis hervorgehoben; die 
Abtheilung des Verf. in Brest ist jetzt leerer als je zuvor, weil die — 
früher Monate lang dort behandelten — hartnäckigen Formen jetzt in 
wenigen Wochen zur Heilung kommen. Die Frage der Recidive wird mit 
einigen Worten über die „Kraft der weissen Blutkörperchen“ (in Anleh¬ 
nung an Metschnikoff) gestreift, ohne dass der Eindruck, den der Verf. 
gehabt hat, dass die Recidive nach der neuen Behandlung länger ausbleibt, 
durch Thatsachen gestützt wird. Jadassohn. 

Nach einer etwas breiten Einleitung über Fortschritte in der Lues¬ 
behandlung bespricht Morrow (4) in seinem Vortrage eigentlich nur die 
subcutane Calomelbehandlung der Syphilis, und hier hauptsächlich oder 
fast allein die Methode derselben, welche die Franzosen üben und ihre 
Ansichten über dieselbe, wie sie uns genugsam bekannt sind, und wie sie 
längst in deutschen Arbeiten ihre „Vorbestätigung“ oder Zurückweisung 
gefunden haben. Sehr richtig wendet er sich gegen die in französischen 
Veröffentlichungen ständig wiederkehrende Phrase, dass man mit 40 Centi- 
gramm Calomel oder 25 Cent igram Bichlorid die Syphilis heilen könne, 
was wohl nie im Ernst gemeint ist. Stomatitiden, deren Vorkommen ihm 
bei seinem Besuche in Frankreich allgemein bestritten wurde, hat er selbst 
in zwei Fällen dort constatiren können. Sehr aufgefalleu ist ihm und er- 


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der Syphilis. 


335 


scheint ihm gewichtig, dass der Yerdauungstractus bei Injectionen des 
unlöslichen Salzes von mercuriellen Störungen ständig verschont schien. 
Man habe demnach bei dieser Methode der Behandlung nicht nur die Mög¬ 
lichkeit, sondern die Sicherheit einer Einwirkung interner Roboranticn 
und einer rationellen Diät, deren man bei interner Darreichung von Hg 
leicht verlustig gehe, und die sehr hoch anzuschlagcn sei — und die in 
der That hoch anzuschlagen ist. Er schliesst: „Die subcutane Calomel - 
metliode wird die üblichen Methoden (vorwiegend innere Medication) nie 
verdrängen.“ Sie bietet aber doch ein ausgezeichnetes Hilfsmittel bei All¬ 
gemeinerkrankungen der Verdauungsorgane und bei Idiosynkrasie derselben 
in gesunden Verhältnissen gegen Hg; sie verdient deshalb mehr Beach¬ 
tung, als sie bis jetzt erfahren. In der anschliessenden Discussion empfiehlt 
Taylor mit Einschränkungen die subcutane Behandlung, Sturgis ebenso, 
erklärt sich aber mehr für Calomel als Sublimat, während Bulklcy sich 
überhaupt gegen die Injectionscuren wendet. Als Einleitung der Discussion 
hatte Dr. Bronson berichtet, dass er mit Sublimat schlechte Er¬ 
fahrungen gemacht habe, schlechtere mit Calomel. Auch in der Theorie 
könne er den subcutanen Injectionen seinen Beifall nicht bewilligen: — 
„ein Depositum für den Körper zu geben im Körper, um von da aus eine 
Krankheit zu heilen, scheine ihm zu geschäftsmässig, um rationell und 
wissenschaftlich zu sein.“ Harttung. 

Wachsner (5) empfiehlt nach subcutanen Injectionen die Injections- 
stelle etwa vier bis fünf Minuten zu faradisiren und zwar durch Streichen 
mit der negativen Elektrode, während die positive Elektrode an einer be¬ 
liebigen Stelle aufgesetzt wird. Hierdurch werden die darunter liegenden 
Muskeln zur Contraction gebracht und der sich contrahirende und wieder 
erschlaffende Muskel wirkt nach Art einer Säugpumpe und befördert die 
injicirte Flüssigkeit von der Injectionsstelle fort, so dass keine Anhäufung 
derselben stattfindet. In Folge davon fehlen bei derartig gemachten In¬ 
jectionen die Reactionserscheinungen, wie sich Wachsner bei mehr als 
tausend Injectionen mit Sublimat, Kampher, Arsenik und Ergotin über¬ 
zeugen konnte. Einige Kranke hatten vorher Injectionen erhalten, die im 
Gegensätze zu den von Wachsner gemachten schmerzhaft waren. Einige 
Male unterliess er versuchsweise die Faradisirung, stets waren diese In¬ 
jectionen schmerzhaft. Dreizehn Krankengeschichten über Fälle von Syphilis 
und Sublimatinjectionen und von Blutungen verschiedener Art mit Ergo- 
tininjectionen behandelt, sind beigefügt. 

v. Watraszewski (6) hat mit einer Reihe verschiedener unlöslicher 
Quecksilbersalze therapeutische Versuche angestellt. Bei gleicher Menge 
des eingespritzten Medicaments steht die Wirkung im Allgemeinen im 
directen Verhältniss zu den in demselben enthaltenen Quecksilberperccnten. 
Die Calomelinjectionen haben entschieden die meiste Neigung, Abscesse 
hervorzurufen. Den stärksten Quecksilbergehalt haben die Oxyde, daher 
genügen von diesen auch die relativ kleinsten Mengen. Ganz besonders 
zufrieden war Watraszewski mit dem Hg. oxyd. flav., von welchem 
4—6 Injectionen ä 0'04—0'06 in wöchentlichen Intervallen gemacht, in 
der Mehrzahl der Fälle sowohl von früher wie von später Syphilis aus¬ 
reichend sind. Bei der Injection muss die Glutäalmusculatur völlig erschlafft 
sein, die Injectionsflüssigkeit muss ungefähr Körpertemperatur haben, nach 
der Injection muss durch Druck auf die Einstichstelle das Eintreten von 
Flüssigkeit in den Stichcanal verhütet und durch rotirende Bewegung 
der aufgelegten Hand (nicht Kneten oder Massiren) für Vertheilung der 
Flüssigkeit gesorgt werden. 

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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete der Syphilis. 


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Garnett (7) empfiehlt dringend die energische Behandlung der Sy¬ 
philis überhaupt und besonders der späten Stadien. Er gibt 35—60 Gramm 
Jodkalium täglich und hat gefunden, dass diese hohen Dosen oft besser 
vertragen werden, als die niedrigen. Ausserdem empfiehlt er die Bäder 
von Hot Bprings. Zur Bestätigung werden zwei geheilte Fälle (Paralyse, 
Aphasie und geistige Schwäche) angeführt. Lesser. 

Stefan off (8) hat wieder einen heizbaren Kasten construirt, in 
dem der Patient als Vorbereitung zur Schwitzcur „gebacken“ wird, wo¬ 
durch die Haut zur Aufnahme späterer Quccksilberbehandlung wieder fähig 
gemacht werden soll, nachdem die Syphilis auch noch auf Hg oder J 
reagirt hatte. 

Guinon (9). Die Existenz hysterischer Zustände im Verlaufe 
chronischer Intoxicationen steht unzweifelhaft fest (Blei, Quecksilber, Alko¬ 
hol und vielleicht auch Syphilis), aber die Beziehungen der Intoxicationen 
und der Hysterie werden verschieden interpretirt; und es bleibt noch 
immer fraglich, ob die nervösen Störungen wirklich einer Quecksilberver¬ 
giftung des Nervensystems (Achard, Debove, Bucquois) zugeschrieben 
werden müssen, oder sich unter dem Einflüsse des Giftes als Gelegen¬ 
heits-Ursache bei prädisponirten Individuen die Psychopathie entwickelt 
(Letutte, Potin, Charcot). Diese Controverse ist analog der Frage 
über die Tabes (Charcot contra Erb und Leyden). Guinon bringt 
nun eine genaue Krankengeschichte von einem Spiegelarbeiter, in der die 
Hysterie allein das directe Resultat der Intoxication ist, kurz, dass 
ohne Prädisposition eine rein toxische, symptomatische Psychopathie durch 
Hg hervorgerufen ist. Löwen har dt. 

Morrow (10) unterscheidet drei Arten von Abweichung, welche die 
Wirkung der zur Behandlung der Syphilis gebrauchten Specifica (Queck¬ 
silber, Jod) von der gewöhnlichen Art der Wirkung haben kann: erstens 
ungewöhnliche Empfindlichkeit für die physiologischen oder toxischen Wir¬ 
kungen der Mittel, zweitens Hervorrufung unangenehmer Nebenerschei¬ 
nungen auf Haut oder Schleimhäuten oder in anderen Organen, drittens 
Unempfindlichkeit des Organismus gegenüber der curativen Wirkung, Aus¬ 
bleiben derselben. Bei grosser Empfindlichkeit gegen Quecksilber hilft es 
nichts, die Dosis des Mittels zu verringern, denn es handelt sich um eine 
Idiosynkrasie und der Organismus reagirt auch auf die kleinsten Quanti¬ 
täten. Während die einfacheren Joderuptionen keine Contraindication für 
Weitei gebrauch des Mittels abgebcü, steht es anders mit den schweren Fällen 
von Joderuptionen. Morrow führt die Krankengeschichten zweier solcher 
Fälle an. Bei dem einen traten um ein syphilitisches Geschwür und auch 
an anderen Stellen in Folge des Jodgebrauches starke Schwellungen auf, 
die in Erweichung übergingen und grosse Aehnlichkeit mit syphilitischen 
Eruptionen hatten. Gleichzeitig stellten sich Schwäche, Schlaflosigkeit, 
starke Kopfschmerzen und heftige Schleimhautkatarrhe ein. In diesen Fällen 
muss man von der speeifischen Behandlung absehen und neben allgemeiner 
tonisirender Behandlung ist besonders sorgfältige Localtherapie am Platze. 
Morrow empfiehlt bei stark eiternden syphilitischen Geschworen besonders 
das Wasserstoffsuperoxyd. In Fällen, wo die Wirkung der Specifica eine 
abnorm geringe ist, wird man weniger nach Surrogaten für jene Mittel 
zu suchen haben, als die Darreichungsweisen der Medicamente zu ver¬ 
bessern und zu vervollkommnen. Schliesslich warnt Morrow dringend 
vor jedem Schematismus bei der Syphilisbehandlung. Lesser. 




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Buchanzeigen und Besprechungen. 


Die Stricturen und Fisteln der Harnröhre von Henry Thompson. 
Uebersetzt and mit Böcksicht auf die deutsche Literatur bearbeitet 
von Dr. Leopold Casper. Mönchen. Finsterlin. 1888. 

Besprochen Von Prof. Dr. Carl Weil in Prag. 

Die Anschauungen Thompson’s über das Wesen und die Be¬ 
handlung der Harnröhrenstricturen sind den deutschen Aerzten in 
den wesentlichen Punkten bekannt durch die Vorlesungen des Autors 
über die chirurgischen Krankheiten der Hamorgane, die schon vor 
zehn Jahren von Dnpuis übersetzt wurden, und eine allgemeine 
Verbreitung gefunden haben. Alle Diejenigen aber, die sich mit dem 
genannten Gegenstände eingehender befassen wollen, werden dem 
Uebersetzer für die Mühe dankbar sein, die er an dieses neue Un¬ 
ternehmen verwendet hat. 

Das vorliegende, 300 Seiten starke Werk behandelt im ersten 
Capitel die Anatomie und Physiologie der männlichen Harnröhre. Die 
folgenden zehn Capitel sind der pathologischen Anatomie, Sympto¬ 
matologie, Aetiologie, Diagnose und Therapie der Stricturen gewidmet. 
Das zwölfte Capitel dient der Besprechung der Harnabscesse und 
Harnfisteln; das dreizehnte handelt vom Urinfieber und das vierzehnte 
von den Stricturen der weiblichen Urethra. Als Anhang findet sich 
eine tabellarische Zusammenstellung von 217 Stricturen. 

Das vorwiegend praktischen Interessen dienende Werk behandelt 
naturgemä8S die Therapie der Stricturen am eingehendsten und die 
einschlägigen Capitel sind auch die werthvollsten des ganzen Werkes. 
Von besonderem Interesse sind für den deutschen Leser die histori¬ 
schen Bemerkungen des Verfassers, der mit grosser Sachkenntniss 
den Antheil feststellt, den die älteren englischen und französischen 
Chirurgen an dem Ausbaue der jetzigen Technik genommen haben. 


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Buehaozeigeii. 


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Dass dabei die deutschen Chirurgen zu kurz kommen, ist ein Uebel- 
stand, den wir in nahezu allen Arbeiten der älteren englischen und 
französischen Schule begegnen und es ist dem Uebersetzer hoch an¬ 
zurechnen, dass er durch zahlreiche beigefügte Anmerkungen auf 
das Verdienst hinwies, das sich die deutsche Forschung auch auf 
diesem Gebiete der Chirurgie erworben hat. 

Die Schlussbemerkungen des Verfassers, welche den therapeu¬ 
tischen Theil des Werkes abschliessen, enthalten so goldene Worte, 
dass sich der Beferent nicht versagen kann, sie hier anzuführen: 

„Kein Verfahren sollte als die einzige, ausschliesslich geeignete 
Methdde gerühmt werden. Wohl in keinem Theile der chirurgischen 
Therapeutik hat grösserer Dogmatismus geherrscht, und vielleicht in 
keinem ist er so wenig angebracht. Jeder Arzt, welcher Takt, Ge¬ 
duld, Urtheilskraft und eine natürlich gereifte Erfahrung besitzt, 
kann unzweifelhaft nach seiner eigenen Lieblingsmethode einen grossen 
Theil, der ihm vorkommenden Fälle mit Erfolg behandeln. Aber dieser 
Erfolg sollte ihn nicht dazu verführen, sich oder die Welt überreden 
zu wollen, dass seine Methode die einzig richtige sei. Die Heilung 
hängt viel weniger von der gewählten Methode oder dem benutzten 
besonderen Instrument ab, als von dem richtigen Urtheil und der 
Geschicklichkeit, mit der beide angewendet werden.“ 


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Varia 


Am 13. Februar d. J. starb im 63. Lebensjahre Augusto 
Michelacci, ordentlicher Professor der Klinik für Hautkrank* 
heiten und Syphilis an der königl. Universität zu Florenz. 
Michelacci’s Arbeit über Pellagra ist den Lesern unseres Blattes 
wohlbekannt. Ausser mehreren Arbeiten fachwissenschaftlichen Inhaltes 
veröffentlichte Michelacci auch Schriften über die Administration 
des neuen St. Maria-Spitals in Florenz. Von der italienischen Regie¬ 
rung wurde er durch die Verleihung hoher Orden ausgezeichnet und 
in den Ritterstand erhoben. 


Am 8. Februar d. J. wurde in Charkow das fünfund- 
zwanzigjährigo Jubiläum der klinischen Thätigkoit unseres ver¬ 
ehrten Mitarbeiters, des Herni Prof. W. Laschkewitech festlich be¬ 
gangen. Die Redaction d. Vierteljahresschrift hat nicht verabsäumt, den 
gefeierten Jubilar aus diesem Anlasse herzlichst zu beglückwünschen. 


Unser sehr geschätzter und langjähriger Mitarbeiter, Herr Dr. 
Paul Michelson, hat sich an der mcdicinischcn Facultät in Königs¬ 
berg als Privatdocont für Dermatologie habilitirt. 


Im Aufrufe des Prof. Köbner soll es auf Seite 79, Zeile 12 von 
oben statt: Verschwindens der Symptome — Verschwindens der Syphilis¬ 
kranken, und auf Seite 81, Zeile 16 statt: die Wissenschafts-Grundlagen — 
die wissenschaftlichen Grundlagen heissen. 


C. Ueberreuter'eche Buchdruckerei (M. Salser) ln Wien. — 40688 


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Urrlef/ahressehrift f DrmuiUfLxkjie u Syphilis Juhrq. /SSS. 


Taf. IV 



s 



Caspary : Lichen ruber. 

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Lilh.An3t.Th. Bannwarth Wien 
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Originalabhandlungen 


Vierteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1888. 


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Heber den jetzigen Stand der Syphilis- 
und Smegmabacillen -Präge. 

Von 

Dr. med. Julian Markuse. 


Die Frage nach den Bacillen bei Syphilis, die durch die 
Entdeckung Lustgarten’s 1 ) im Anfang des Jahres 1885 nach 
vielfachen vorherigen, aber immer resultatlos verlaufenden For¬ 
schungen, gelöst schien, ist, wenn sie auch in den wenigen Jahren 
eine grosse Menge von Literatur gezeitigt hat, doch immer noch 
eine vielumstrittene. 

Die Untersuchungen von Matterstock 2 ) einerseits und von 
Alvarez und Tavel 3 ) anderseits, die unabhängig von einander 
einen dem Lustgarten’schen Bacillus identischen in dem normalen 
Secrete des Präputiums und der Vulva nachwiesen, erschütterten 
sowohl die Specifität, wie den diagnostischen Werth der Lust¬ 
garten’schen Bacillen und machten die Frage nach der Natur 
des syphilitischen Giftes, die Lustgarten am Schlüsse seiner 
Arbeit derart präcisirt hatte, „im Allgemeinen wird consequenter 
Weise künftighin die Frage, ob Etwas Syphilis sei oder nicht, 
erst durch den Nachweis der Bacillen als in positivem Sinne ge¬ 
löst betrachtet werden“, von Neuem zu einer offenen. 

Vor ihnen hatten Doutrelepout und Schütz, 4 ) Giacomi,') 

’) cf. Referat, Vierteljahressclirift 1885, S. 369. 
s ) cf. Referat, Vierteljahresschrift 1886, Heft 1. 

3 ) cf. Referat, Vierteljahresschrift 1886, Heft 2. 

*) cf. Referat, Vierteljahresschrift 1886, S. 128. 
s ) cf. Referat, Vierteljahresschrift 1886, S. 129. 

23* 


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344 


Markus?. 


Gottstein") positive Resultate im Lustgarten’schen Sinne er¬ 
zielt und zugleich Vereinfachungsvorschläge hinsichtlich Färbung 
und Entfärbung gemacht; keinem der oben genannten Forscher 
war es jedoch gelungen, Züchtungen und Reinculturen zu orhalten. 
Die Untersuchungen von Matter stock und Alvarez-Tavel 
bestätigten weiterhin vor Allem Klempereiy) Zeissl 8 ) und 
Bitter, 9 ) von denen besonders Letzterer in eingehender Weise die 
Polymorphie wie die farberischen Eigenthiimlichkeiton der Smegma- 
bacillen untersuchte. 

Die von Matter stock augestellton Untersuchungen fort¬ 
setzend, erhielt er im Laufe höchst genauer und mühsamer For¬ 
schungen ungemein interessante Resultate. Er theilt die Smegma- 
bacillen hinsichtlich ihrer äusseren Form in acht Arten ein, die 
verschieden geformte Stäbchen darstelleu. Diese werden, wie 
schon Alvarez 3 ) und Klemperer') es betont, durch Alkohol sehr 
entfärbt, im Gegensätze zu den Bacillen in syphilitischen Ge¬ 
weben, welch letztere eine merkwürdig geringe Widerstandskraft 
gegen Säuren zeigen. Die dem gegenüber bestehende stärkere 
Resistenz der Smegmabacillen gegen Säuren wurde von Bien¬ 
stock 10 ) und Matterstock 2 ) auf Grund des fettigen Mediums, in 
dem sie leben, erklärt. 

Endlich hat Doutrelepont") in einer weiteren Arbeit, 
welche die jüngste Publication übor diese Frage ist, seine posi¬ 
tiven Befunde in den Gewebsproducten aller Stadien der Syphilis 
mitgetheilt, und zu gleicher Zeit die bis dahin gekannten Unter¬ 
schiede zwischen den Smegma- und den Bacillen in syphilitischen 
Geweben bestätigt, Thatsachen, welche nach ihm sowohl für die. 
Verschiedenheit der S r megma- uud Syphilisbacillen, wie für den 
Zusammenhang der letzteren mit der Syphilis entschieden sprechen. 
Den stricten Beweis für letzteres — gegeben in Züchtungen und 


"j Fortschritte der Medicin 1885. S. 515. 

’) cf. Referat, Vierteljahresschrift 1886, S. 126. 

*) cf. Referat, Vierteljahresschrift, 1886, S. 129. 

: ’) cf. Virchow's Archiv 1886. Bd. 106. — Vierieijahresschrift 1887, 
8. 381. 

"') cf. Referat, Vierteljahresschrift 1886, Heft 2. 

") cf. Vierteljahresschrift 1887, »S. 101. 


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JelzigtT Stand d<*r Syphilis- und Siiwginabaeillon-Frage. 


345 


Reiuculturen — zu führen, gelang ihm, wie allen seinen Vor¬ 
gängern nicht; die in diosor Hinsicht von Disse und Taguchi 1 -) 
in Tokio gemachten Angaben, kann auch er durchaus nicht be¬ 
stätigen. 

Damit schliesst die Reihe der über die Smegma- und Sy¬ 
philisbacillen erschienenen Publicationen; Unterschiede sind bis 
zu dieser Zeit nur gefunden worden zwischen Secret- (Smegma-) 
Bacillen und Bacillen im Gewebe. 

m 

An diese Untersuchungen schloss ich in der Universitäts- 
Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten zu Breslau unter spe- 
eieller Leitung von Herrn Prof. Neisser die meinigen an; das mir 
reichlich zuströmende Material wurde noch vermehrt durch die 
bis zu dieser Zeit angestellten Untersuchungen der Herren Dr. 
Chotzen und Dr. Hart tu ng, die mir die Benützung ihrer 
Arboiten freuudlichst gestatteten. 

Da ich es mir als Hauptaufgabe gestellt hatte, einerseits 
die gegen die Lustgarten’sche Entdeckung von Matterstock und 
den beiden französischen Forschern geltend gemachten Bedenken 
und zugleich die in den späteren Arbeiten niedergelegten Mit¬ 
theilungen auf ihre Richtigkeit zu prüfen, anderseits wenn möglich 
diagnostisch-klinisch verwerthbare Unterschiede zwischen Smegrna- 
und Luesbacillen zu finden, so war es natürlich, dass ich vor¬ 
zugsweise meine Prüfungen auf pathologische wie normale Secrete 
richtete und erst in zweiter Reihe das Gewebe syphilitischer 
Efflorescenzen auf Bacillen untersuchte. Die Secrete gewann ich 
in der Weise, dass ich von der betreffenden Fläche die weichen 
respective flüssigen Massen mit ausgeglühter Platinnadel oder mit 
dem Messer abschabte und auf den Objectträger aufstrich, der 
dann vor der Färbung dreimal durch die Flamme gezogen wurde. 
Auf diese Weise gelang es mir innerhalb zwei bis drei Monaten 
— (wobei allerdings in Betracht zu ziehen ist, dass trotz der zum 
Theil sehr complicirten Färbungsmethoden und der peinlichsten 
Sorgfalt, die ich sowohl bei dem Tinctionsverfahren wie der darauf 
folgenden mikroskopischen Untersuchung [Zeiss, Ocular zwei 
respective vier, Oelimmersion '/ )2 ] anwandte, doch diese Unter¬ 
suchung viel weniger Zeit und Mühe erfordert als die von Ge- 

ll ) cf. Referat, Vierteljahresschrift 1886. S. 12;>. 


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346 


M a r k u s e. 


websschnitten,) — 161 verschiedene Secrete in circa 780 Object¬ 
trägerpräparaten zu untersuchen. 

Das Resultat ist folgendes: 

Unter 23 Sklerosen fand ich Bacillen in nur 10 Fällen. 

Ein günstigeres Resultat ergaben die Producte der Secundär- 
periode: 

Von 57 Papeln und breiten Condylomen der Genitalien und 

des Anus fand ich Bacillen in 43 Fällen: hier ist noch zu berück- 
* 1 

sichtigen, dass unter den 14 negativen Fällen sich 3 Secrete von 
breiten Condylomen zwischen den Zehen und 1 von dem Eiter 
der Lymphgefässstämme der Inguinaldrüsen befanden. 

Unter ferner 19 Papeln der Mundschleimhaut und des 
Rachens fand ich nur iu einem einzigen Bacillen, 18 ergaben ein 
völlig negatives Resultat. 

In 8 Fällen von Producten der Tertiärperiode fanden sie 
sich nicht; ebensowenig in 2 Fällen von vesiciilärera und pustu- 
lösem Syphilid des Abdomen und Rücken. 

Dagegen in einem Falle von Vagiualfluor bei gleichzeitigen 
Plaques der Mundschleimhaut. Die Sklerosen, die ein positives 
Resultat ergaben, fanden sich meist am Präputium, Frenulum, 
der Glans und den grossen Labien; ein besonderes Interesse be¬ 
ansprucht der eine Fall, wo Patient am 2. Juni 1885 in der 
Poliklinik mit einem Ulcus am Frenulum erschien, das seines 
ziemlich weichen Untergrundes wegen für ein Ulcus molle ange¬ 
sehen und demgemäss mit zehnprocentigem Carbol geätzt und mit 
Jodoformvaseline verbunden wurde. Die Präparate davon, die 
sofort nach Lustgarten gefärbt wurden, ergaben eine reichliche 
Anzahl von Bacillen. Am 16. desselben Monats erschien der Manu, 
ohne dass also eine specifische, autisvphilitische Behandlung vor¬ 
genommen war, wieder, und als jetzt von Neuem Präparate ange- 
fortigt wurden, ergab sich eine bedeutende Abnahme der Bacillen, 
die nur noch ganz vereinzelt in jedem dritten oder vierteu Prä¬ 
parate zu finden waren. Das Geschwür hatte dagegen jetzt einen 
harten Untergrund, die Lymphdrüsen waren auf beiden Seiten 
augeschwollen und schmerzlos und am Rumpfe zeigten sich bereits 
deutliche Spuren eines braunrothen Exanthems. Er erhielt jetzt 
2 Injectionen ä 0'1 Calomel in die Glutäcn, local Salzwasser und 


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Jetziger Stand der Syphilis- und Smeginabacillen-Frage. 347 

Calomel, und als er am 22. Juni wieder kam, hatte er noch 
dieselbe Anzahl von Bacillen wie am 16. Juni. 

Unter den Sklerosen, in denen keine Bacillen zu finden 
waren, war eine an der Mamma, eine am Orificium urethrae, eine, 
bei der die Ulcerationsfläche über das ganze linke Labium ausge¬ 
breitet war, ohne dass in sehr zahlreichen Präparaten etwas zu 
finden war. 

Unter den Papeln der Genitalien und des Anus, in denen 
Bacillen gefunden wurden, befand sich eine, deren Trägerin 
schon acht Tage laug unter der Einwirkung von einer Schmiercur 
stand, eine, die bereits acht Wochen lang local behandelt worden 
war, ferner Fälle von Recidiven congenitaler und hereditärer Lues. 

Die Papeln der Mundschleimhaut fanden sich am harten 
Gaumen, der Ober- und Unterlippe, den Tonsillen, der Zunge, 
den Gaumenbögen; hierher gehören auch die Rhagaden der 
Mundwinkel. 

Die Producte der Tertiärperiode, die durchgängig ein nega¬ 
tives Resultat ergaben, setzten sich zusammen aus einem zerfal¬ 
lenen Gumma, Geschwüren des Scrotum, der Unterschenkel, des 
Penis, der Augenlider und des Gaumens. Bei dem Patienten mit 
Geschwüren des oberen und unteren Augenlides waren als weitere 
Symptome vorhanden: Papeln in der Mitte der Zunge und Drüsen¬ 
schwellung in der Ellenbogengegend etc. 

Von ferneren pathologischen, nichtluetischen Secreten unter¬ 
suchte ich: 

12 Fälle von Ulcus molle, mit positivem Befunde in Einem. 

3 Fälle von Balanitis, positiv Einer. 

2 Fälle von Phimoseneiter, beide negativ. 

2 Fälle von Papillomata acuminata am Anus, beide negativ. 

4 Fälle von Geschwüren der Achselhöhle, Finger etc. ohne 
Erfolg. 

8 Fälle von Erosionen, positiv Vier, von denen Drei am 
Präputium sich fanden und Eine am Sulcus coronarius, letztere 
nach drei Tagen bereits wieder verheilt. 

Von normalen Secreten zog ich in den Kreis meiner Unter¬ 
suchungen nur Smegma und zwar in 20 Fällen vom Präputium, 
vom Anus und von den Labien, in denen ich durchgängig, ja ich 
möchte behaupten, in jedem der circa 125 Präparate, die ich 


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M a r k u s e. 


durchsah, die von Matterstock, Alvarez und Tavel beschrie¬ 
benen Bacillen fand. Diese Secrete waren selbstverständlich ganz 
gesunden Menschen oder wenigstens solchen, die absolut keine 
Symptome einer syphilitischen Erkrankung aufzuweisen batten, 
entnommen. 

Von Gewebsschnitten untersuchte ich nur eine Sklerose, die 
im November excidirt wurde; ich färbte die Schnitte theils nach 
Lustgarten theils nach Doutrelepont; es gelang mir aber 
nicht, in den angefertigten 57 Schnitten Bacillen nachzuweisen. 
Von demselben Manne hatte ich in Secretpräparaten von breiten 
Condylomen am Anus sehr zahlreiche Bacillen gefunden. Hierbei 
mögen wohl die von Doutrelepont, Weigert und anderen 
Forschern schon hervorgehobenen Schwierigkeiten in Betracht 
kommen, in Schnitten Syphilisbacillen aufzufinden. Ebenso resul- 
tatlos waren die Versuche, Smegmabacillen auf saurer und alka¬ 
lischer Gelatine (mittelst der Plattenmethode) zu cultiviren. Auf 
der alkalischen Gelatine wuchs überhaupt nichts, auf der sauren 
waren nach fünf Tagen Coccen gewachsen, die in grossen Kugel¬ 
haufen zusammenliegend die Anilinfuchsinfärbung annahmen. Ba¬ 
cillen waren nicht vorhanden. 

Zur Färbung der Lues- und Smegmabacillen, wie der zur 
Controle dienenden Tuberkelbacillen, wandte ich alle bisher ver¬ 
öffentlichten Tinctionsmethoden an; doch um dem grösseren Zeit¬ 
aufwand bei der Lustgarten’schen wie Alvarez’schen Methode 
zu entgehen, bediente ich mich einer Vereinfachung: Ich tauchte 
die Trockenpräparate in die Färbelösung und hielt sie über die 
Flamme, bis Dämpfe aufstiegen — eine Methode, die sehr gute 
Färbungen ergab. 

Was nun die einzelnen Farbenreactionen betrifft, so nahmen 
Lues- wie Smegmabacillen und ebenso Tuberkelbacillen das 
Anilingentianaviolett mit derselben Intensität auf, beide blieben 
bei der Entfärbung durch Kal. hyperm. und schweflige Säure 
resistent. Die Behandlung mit Salpeter- und Salzsäure in den 
verschiedensten Concentratiouen angewandt, vertragen nicht nur 
Syphilisbacillen, wie schon Lustgarten angegeben, sondern auch 
Smegmabacillen bei seiner Färbung nicht, ebenso misslangen 
Versuche mit Schwefelsäure, in einer Lösung von 1:1000 begonnen, 
(dasselbe hat auch Doutrelepont gefunden). Die Modificatioo, 


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Jetziger Stand der Syphilis- und Sinegmabacillen-Frage. 


349 


die Gottstein angab, nämlich Entbehrlichkeit der schwefligen 
Säure, dagegen Entfärbung in Kal. hyperman. und nachheriges 
Ausspülen in absolutem Alkohol bewährte sich nach meinen Ver¬ 
suchen nicht; theils erhielt ich Präparate, in denen neben den 
Bacillen auch noch Coccenhaufen gefärbt waren, theils solche, in 
denen die braunen, flockigen Niederschläge von Manganhyperoxyd 
sich nicht lösten und das Präparat zu einem unbrauchbaren 
machten; auch die zweiprocentige Oxalsäure ergab keine so guten 
Resultate wie die schweflige Säure. 

In Bezug auf die Entfärbungsmittel ferner fand ich, dass 
nach Behandlung der Syphilis- wie Smegmabacillen nach Lust¬ 
garten eine darauf folgende Einwirkung von absolutem Alkohol 
während 15 bis 20 Secunden den Farbstoff nicht auszog, entgegen 
den Angaben Lustgarten’s und Doutrelepont’s 11 ), die 
Bacillen meist ebenso intensiv gefärbt blieben oder höchstens 
eine Nüance blässer wurden; ein gleiches gilt natürlich von den 
Tuberkelbacillen. Dieselbe Behandlung mit gleichen Resultaten 
wandte Bitter 9 ) an. Diese Untersuchungen konnten allerdings 
nicht zu einem genügenden Abschluss gebracht werden und werden 
erst durch weitere Beobachtungen ergänzt werden müssen. Vor¬ 
herige Behandlung der Präparate mit Aether zeigte keine 
Unterschiede. 

Die Nachfärbungen der nach Lustgarten hergestellten Prä¬ 
parate mit Eosin und Saffranin ergaben bei Lues-, Smegma- und 
Tuberkelbacillen sehr schöne Doppelfärbungen. 

Die von Giacomi empfohlene Behandlung mit Anilingen- 
tianaviolett, dünnem und concentrirtem Eisenchlorid liess Coccen, 
wie andere Mikroben, trotz längerer Einwirkung gefärbt und wurde 
deshalb wenig angewendet; dem gegenüber will Doutrelepont“) bei 
Färbung mit Thymol-Methylviolett 48 Stunden lang und Liq. 
fer. sesquichlor. und Alkohol sehr hübsche Präparate erhalten 
haben. 

Bei der Färbung der Bacillen nach der Alvarez’schen Me¬ 
thode, die ich wegen ihrer Einfachheit in der letzten Zeit durch¬ 
gängig anwandte, erhält man die besten Präparate, in denen alle 
anderen Mikroorganismen entfärbt sind, während die Bacillen 
intensiv roth sind; bei einer Einwirkung der 33'/ s procentigen Sal¬ 
petersäure von 10 bis 15 Secunden für Sypbilisbacillen, von 30 


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350 


31 a r k u s e. 


bis 45 Secunden für Smegmabacillen, von 60 Secunden für Tu¬ 
berkelbacillen; vorausgesetzt, dass die Secretmasse nicht zu dick 
aufgestrichen ist. 

Eisessig entfärbt bei Sypbilispräparaten in kürzester Zeit 
Alles; Smegmabacillen vertragen ihn noch etwas länger, als Al- 
varez angegeben: 

Ich sah noch bei 30 Secunden lauger Einwirkung sehr gute 
Präparate. Tuberkelbacillen vertragen ihn 2 Minuten lang. Con- 
centrirte Salzsäure und Schwefelsäure leisten für alle drei Arten 
dieselben Dienste. Darauf folgende Alkoholeinwirkung von circa 
15 Secunden entfärbt die Bacillen. 

Doppelfarbungen mit Eosin gaben bei Syphilis- wie Smegma¬ 
bacillen sehr schöne Färbungen: die Bacillen dunkelroth auf rosa 
Grund. Dagegen erhielt ich bei Doppelfärbungen der Anilinfuchsin¬ 
präparate mit Methylenblau ganz eigeutbümliche Resultate. Bei 
vorheriger völliger Entfärbung der sonstigen Mikroben und alleini¬ 
gem Zurückbleiben der Lustgarten’schen, resp. Matterstock- 
A1 varez’schen Bacillen waren, nachdem ich die Präparate ein 
paar Secunden lang in Methylenblau gefärbt und in Wasser ab¬ 
gespült hatte, einzelne roth geblieben, während andere eine völlig 
blaue Färbung angeuommen hatten und zwar waren es meist die 
freiliegenden Bacillen. Ich wiederholte daraufhin diese Versuche 
zu häufigen Malen, stellte mir selbst reine Methylenblau- und 
Anilinfuchsinlösungen her, da ich ev. der Farbe Schuld gab, erhielt 
aber trotzdem immer dasselbe Resultat; leider gelang es mir nicht, 
irgend welche Differenzen zwischen den Bacillen, die die Farbe be¬ 
hielten und denen, die die neue annahmen, zu finden. 

Die besonderen Vorzüge, die Klemperer dem Thymol¬ 
fuchsin beimisst, konnte ich nicht finden; am leichtesten anwend¬ 
bar und am schnellsten zum Ziele führend ist jedenfalls die Al- 
varez’sche Methode mit der oben angegebenen Vereinfachung 
für Syphilis- wie für Smegmabacillen. 

In diesen auf solche Weise hergestelltou Präparaten erhielt 
ich die Lustgarten’schen Bacillen intensiv blau, resp. roth ge¬ 
färbt. Die Beschreibung, die derselbe von ihnen gegeben, trifft 
völlig zu. Ich sah nobeu schlanken geraden die verschiedensten 
Krümmungen, bald Ellipsen und spitze Winkel, bald Kreuze, 


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Jeteiger Stand der Syphilis- und Smegmabacillen-Frage. 


351 


und rechte Winkel etc. bildend. Die Grösse differirte nicht bedeu¬ 
tend, und die Haufen, auch wenn sie noch so gross und zahlreich 
waren, enthielten doch nie die ungeheuren Mengen von Bacillen 
wie die Smegraapräparate. Sie kommen in Secretpräparaten meist 
freiliegend vor, aber auch weniger zahlreich in den Epithelien selbst 
oder in ihrer unmittelbaren Nähe. Bei einer Papel der Unter¬ 
lippe, in deren Secret ich Bacillen fand, waren daneben bei völ¬ 
liger Entfärbung aller übrigen Mikroorganismen, in Ketten zu 4 
oder 6, sehr zahlreiche Bacterien, die aber weit grösser waren, 
als die gewöhnlichen Streptococcen und den meist kurzen und 
gedrungenen Stäbchen im Smegma am meisten glichen. 

Trotz wiederholter Entfärbung behielten sie die Farbe und 
verschwanden erst zugleich mit den eigentlichen Bacillen, die das 
Präparat vereinzelt aufwies. 

Was nun die Smegmabacillen betrifft, so konnte ich mich 
der Ansicht von Klemperer und Matterstock — besonders 
Ton Ersterem sehr betont — dass nämlich die Aehnlichkeit in der 
Form mit den Lustgarten’schen Bacillen eine so grosse wäre, 
dass eine Differenzirung nicht möglich sei, nicht ohne Weiteres 
anschliesson. Ich gebe gerne zu, dass in Producten syphilitischer 
Krankheitsherde, die in Gegenden, wo die Smegmabacillen hausen, 
ihren Sitz haben, wo also eine Vermischung beider stattfindet, 
eine Entscheidung, welche Smegma- und welche Syphilisbaeilleu 
sind, sehr schwer, ja vielleicht unmöglich ist. Dagegen ist es bei 
Präparaten, die nur eine Art aufweisen, also reines Smegma und 
reines Secret von Sklerosen oder Papeln nicht schwer, sie ausein¬ 
ander zu halten. Vor Allem sind die ungeheuren Haufen von Ba¬ 
cillen, die in einem Felde zusammen liegen — so zählte ich in klei¬ 
neren 50—100 Stäbchen — niemals in Syphilispräparaten zu 
sehen; ferner sind, wenn auch zugegeben werden muss, dass ab 
und zu gradiere Stäbchen sich im Smegma fiuden, doch die 
weitaus grösste Anzahl kurze, ziemlich dicke, zum Thoil plumpe 
Stäbchen, die viel weniger gebogen und gekrümmt sind als die 
Syphilisbacillen. Knopfförmige Anschwellungen an den Enden, 
helle Flecken sind auch an ihnen zu sehen; in den mit abge¬ 
schabten Epithelzellen der Schleimhaut finden sie sich ebenfalls. 

In den Präparaten der nicht syphilitischen Secrete, die theils 
nach Lustgarten, theils nach Alvarez und Tavel gefärbt waren, 


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352 


M a r k n s t*. 


fand ich dieselben Bacillen mit denselben morphologischen und 
tinctoriellen Eigenschaften, wie sie Lustgarten beschrieben. In 
einem Falle von Erosionseiter und in dem Balanitiseiter waren 
sie sehr zahlreich, in den anderen Fällen nur gering und vereinzelt. 

Nachdem diese allgemeinen Nachprüfungen der bisher mit- 
getlieilten Angaben beendet waren, war es nothwendig, auf die 
angegebenen Differenzen zwischen Smegma- und Tuberkelbacillen 
einzugehen und als letzten Punkt nach etwaigen chemischen Un¬ 
terschieden, da ganz bestimmte gesetzmässige Formenverschieden¬ 
heiten für die Differouzirung nicht zu finden waren, zwischen 
Syphilis und Smegmabacillen zu forschen. 

Was die erstere Frage betrifft, so waren von Alvarez und 
Tavel als Unterschiede namhaft gemacht worden, abgesehen von 
der Formverschiedenheit, das Misslingen der Ehrlich’schen Fär¬ 
bung mit Methylviolett bei Smegmabacillen, ferner die Entfärbung 
nach längerer Eisessigbehandlung, Resultate, die ich ebenfalls 
fand: Tuberkelbacillen vertragen den Eisessig 2 Minuten, Smegma¬ 
bacillen nur 30 bis 40 Secunden — und der geringe Widerstand der 
Smegmabacillen gegen Alkohol nach Färbung mit Anilinfuchsiu 
und Behandlung mit 33'/,procentiger Salpetersäure. Bitterist der 
Ansicht, dass es kein absolut sicheres Kriterium für Tuberkel- 
und Smegmabacillen differentialdiagnostisch gebe. Differenzen fand 
er in Gegenfärbungsversuchen, ferner in dem Verhalten gegen 
absoluten Alkohol. 

Klemperer bestimmte dann die Zeit genauer, bei der die 
Smegmabacillen sich bei Behandlung mit 33'/ 3 procentiger Salpeter¬ 
säure entfärben und zwar auf 1'/* Minuten. Auch letztere Anga¬ 
ben möchte ich ein wenig erweitern; ich sah in den verschieden¬ 
sten Versuchsreihen, die mit Entfärbung von 15 Secunden 
begannen, dann auf 30, 45, 50, 60, 70, 75, 80 etc. Secunden 
weiter fortschritten, erst nach 2 Minuten die Smegmabacillen völlig 
erblassen; Tuberkelbacillen, die tuberculösem Sputum entnommen 
waren und in derselben graduellen Weise der Salpetersäure aus¬ 
gesetzt wurden, entfärbten sich erst nach 16 Minuten; im Priu- 
cip faud Bitter dasselbe, nur zieht er die Grenzen, bis zu denen 
die Smegmabacillen gefärbt bleiben, weiter, denn nach ihm fangen 
sie erst nach 10 Minuten an zu verschwinden. Damit ist eine so 


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Jetziger Stand der Syphilis- und Smegmabacillcn-Frage. 


353 


grosse Widerstandskraft gegen Säuren constatirt, dass eine Ver¬ 
wechselung mit Smegmabacillen ganz unmöglich ist. 

Ferner sagt Klemperer: Lässt man nach einer Salpeter¬ 
säureeinwirkung von 30 Secunden nur einen Tropfen Alkohol unter 
das Deckglas treten, so verschwinden die Smegmabacillen vor den 
Augen; die Tuborkelbacilleu vertragen den Alkohol sehr gut. 
Will man also aus diesen tiuctoriellen Beobachtungen eine dia¬ 
gnostische Lehre ziehen, so wäre es die, bei Tuberkelbacillen¬ 
präparaten nach 1*/, Minuten langer Wirkung der Säure eine 
halbe Minute den Alkohol einwirken zu lassen. — Dann ist ein 
Irrthum unmöglich.* 3 ) Ein paar Zeilen vorher aber hat er die Ent¬ 
färbung der Smegmabacillen nach l'/ 2 Minuten langer Einwirkung 
33* 3 procentiger Salpetersäure angegeben; hier ist also ein Wider¬ 
spruch vorhanden, den ich mir nicht deuten kann, eine der beiden 
Angaben muss unrichtig sein. 

Die Smegmapräparate, die ich in Anilinfuchsin färbte, über 
die Flammen hielt, bis Dämpfe aufstiegen, dann 1 */ 2 Minuten in 
33'/ s procentiger Salpetersäure entfärbte, im Wasser abspülte und 
dann '/, Minute in absoluten Alkohol brachte, zeigten die Ba¬ 
cillen noch zahlreich und deutlich gefärbt; auch hier ist eine längere 
Einwirkung des Alkohols bis zu einer Minute nothwendig. Ein 
Irrthum in der Untersuchung ist also erst dann ausgeschlossen, 
wenn man die Tuberkolbacillenpräparate nach 2 Minuten langer 
Einwirkung der Säure 1 Minute in absoluten Alkohol bringt. 

Nun komme ich zu den Unterschieden zwischen Smegma- 
und Syphilisbacillen. Bei der principiellen Wichtigkeit dieser Frage 
und der Erfolglosigkeit, die sich trotz vielfachst aufgewendeter 
Mühe und Anstrengung Seitens der oben genannten Forscher — 
wie schon hervorgehoben, waren bisher nur Unterschiede zwischen 
Smegma-Secret-Bacillen nnd Sypbilis-Gewebs-Bacillen bekannt 
— ergab, ging ich natürlich mit peinlichster Sorgfalt und grösster 
Gewissenhaftigkeit zu Wege. 

Zu den vergleichenden Versuchsreihen verwandte ich Präparate 
von Präputialsmegma einerseits und andererseits das Secret von 
Sklerosen am inneren und äusseren Präputialrande und von breiten 

'*) In einer Anmerkung, Seite 8 des Separatabdrnckes, constatirt er 
dasselbe noch einmal ausdrücklich. 


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354 


M a r k u s e. 


Condylomen der grossen Schamlippen. Die Präparate wurden in 
Anilinfuchsin (Aniliuwasser, dem alkoholisches Fuchsin bis zurOpale- 
scenz zugesetzt wurde) gefärbt, dann über die Flamme gehalten, 
bis Dämpfe aufstiegen, in SS'/.procentige Salpetersäure gebracht, 
im Wasser abgespült und unter dem Mikroskop betrachtet. Nach 
Feststellung der Anwesenheit von Bacillen in Aether entfettet und 
nun nach der Uhr in derselben Säure — immer zwei Präparate 
von verschiedenem Secrete zusammen — weiter entfärbt, .bis völlige 
Entfärbung eingetreten war. Die Zeit der Säureeinwirkung begann 
mit 10 Secunden und schritt um je 5 Secunden bis 20 Secunden 
fort; von da an wurden die Präparate alle 2 Secunden geprüft. 
Da ergab sich denn in einer grösseren Anzahl von Präparaten das 
wichtige Resultat, dass nach Einwirkung der Säure von 35—40 
Secunden die Syphilisbacillen völlig entfärbt oder zum Theile 
ganz verschwunden waren, während die Smegmabacillen erst nach 
2 Minuten verschwanden; ganz analog liegen ja die Verhältnisse 
bei den Bacillen, welche in syphilitischen Geweben gefunden 
werden, wie Lustgarten schon hervorgehoben und Doutrele- 
pont") bestätigt batte. 

Trotz der verschiedensten Aenderungon in der Färbelösung 
sowohl, wio in der Säure ergaben sich immer dieselben Resultate, 
so dass, wie ich hoffe, damit ein diagnostisch verwerthbarer Unter¬ 
schied zwischen Smegma- und Syphilisbacillen gefunden ist. Man 
wird also künftighin hoi der Entscheidung, ob Syphilis-, ob 
Smegmabacillen die Salpetersäure 40 Secunden lang einwirken 
lassen und dann nach dem mikroskopischen Befunde sein Urtheil 
abgeben. 

Fassen wir nun kurz das Ergebniss der angestellten Unter¬ 
suchungen zusammen, so haben wir gefunden, dass die Lust- 
garten'sclieu Bacillen nicht constaut in den Secreten syphilitischer 
Producte Vorkommen, dass sie sich allerdings in der Mehrzahl der 
Fälle finden, aber auch in völlig wochseludem Verhältnisse, in ein¬ 
zelnen Präparaten zahlreich, in anderen desselben Falles gar nicht, 
ferner, dass sich völlig identische in einzelnen nichtsyphilitischen 
Secreten finden, und eudlich, dass Bacillen, die wahrscheinlich 
eine Formverschiedeuheit haben, ohne dass es bisher gelungen 
wäre, genaue Merkmale der Differenzen auzugeben, im normalen 
Smegma Vorkommen. 


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.Fetziger Stand der Syphilis- und Smegmabacillen-Frage. 


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Die Farbreaction ist bei all den verschiedenen Gattungen, 
wie bei den wahrscheinlich in ihnen vorhandenen verschiedenen 
Arten dieselbe, nur ist ein diagnostischer Unterschied zwischen 
Smegma- und Luesbacillen in der verschiedenen Resistenz gegen 
Säuren gefimden worden. Eine Verwandtschaft der Smegma- zu 
den Tuberkelbacillon besteht auf Grund der Verschiedenheiten in 
der Form und der Entfärbbarkeit gar nicht oder nur in sehr 
geringem Masse. 

Aus alledem folgt, dass die Identität der Smegma- mit den 
Syphilisbaciilen nicht bewiesen ist, dass es vorläufig aber auch 
nicht möglich ist, mit Bestimmtheit die Lustgarten’schen Ba¬ 
cillen als den Träger des Syphilisgiftes anzusehen. 

Aufgabe künftiger Forschungen wird es sein, ein neues 
Tinctionsverfahren zu findeu, das specifisch ist für die Bacillen 
der Syphilis und aus der mannigfaltigen Fülle der bisher gefun¬ 
denen Mikroorganismen das eigentliche Virus übrig lässt, denn, 
und damit schliesse ich mich voll und ganz den Ausführungen 
Doutrelepont’s an, „das Vorkommen der Bacillen hei Syphilis 
aller Stadien, sowie ihre häufige charakteristische Gruppirung 
sprechen dafür, dass dieselben mit der Syphilis in irgend welchem 
Zusammenhänge stehen.“ 

Herrn Prof. Neisser, wie Herrn Prof. Matterstock sage 
ich für die Anregung zu vorliegender Arbeit, wie für die freund¬ 
liche Unterstützung im Verlaufe derselben, moinen besten Dank. 


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Feber einen Fall von Frticaria pigmentosa. 

Mitgetheilt von 

Dr. med. Anton Elsenberg, 

Primararzt der Abtheilung für Syphilis und Hautkrankheiten 
im Israelitenhospital zu Warschau. 


Zelik Krawiecki, ein 2 Jahre lind 3 Monate altes Kind, leidet 
an einem juckenden Ausschlage seit seinem sechswöchentlichen 
Lebensalter. Im Beginne der Erkrankung traten auf der Stirne 
und auf dem Kücken einzelne Pomphi auf, und nach Verlauf von 
einigen Wochen war schon die ganze Körperhaut mit einem Aus¬ 
schlage bedeckt. 

Zur Zeit*) zeigt die ganze Körperhaut und namentlich die 
Haut des Rückens und des Bauches rothbraune Flecke von der 
Grösse einer Linse bis eines Groschens und grösser. Diese Flecke 
sind etwas über das Niveau der gesunden Haut erhaben und sind 
nicht ganz genau von der normalen Hautfarbe abgegrenzt. Indem 
die Efflorescenzen confluiren, bilden sie sehr grosse, längliche 
Flecke, welche sich in verschiedenen Richtungen untereinander 
verbinden und dadurch verschiedenartige Figuren zu Stande brin¬ 
gen. Der ganze Rücken, wo der Ausschlag zuerst entstanden und 
wo derselbe am stärksten ist, zeigt eine vollständig braune Ver¬ 
färbung, auf der Brust und am Baucbe ist sehr wenig gesunde 
Haut zurückgeblieben; dieselbe tritt in Gestalt von weissen Flecken 
auf einem braunen Grunde auf. Dasselbe sieht man auf der Haut 

’) Das Kind und die mikroskopischen Präparate seiner Haut habe ich 
in der klinischen Sitzung der Warschauer Medicinischen Gesellschaft am 
15. November 1887 vorgestellt. 

Vierteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1888. 24 


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Elsenberg. 


des Gesichtes, des Kopfes uud des Halses. Auf deii Extremitäten, 
wo der Ausschlag weniger zahlreich erscheint, tritt ein umgekehrtes 
Verhältnis» auf; es treten sehr deutlich braune, erhabene Flecke 
auf der normal gefärbten Haut auf. Sogar die Handflächen und 
Fusssohlen sind nicht frei vom Ausschlage, hier ist aber derselbe 
geringor uud kleiner. Schliesslich sind ziemlich viel Efflorescenzen 
auf dem Hodensack sichtbar, diese sehen aber ganz anders aus, 
haben eine olivgelbe Farbe und haben in Folge der Contractions- 
fähigkeit des Hodensackes und seiner Muskelhaut (tunica dartos) 
eine halbkugelige Gestalt, sind von der Grösse einer halben Erbse, 
dabei ziemlich durchsichtig, wie gallertartig. 

Wie ich schon oben bemerkt habe, sind die Efflorescenzen 
älteren Datums pigmentirt und sehr wenig über das Niveau 
erhaben, die Haut ist also sehr wenig infiltrirt u